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Full text of "Anthropo-Geographie, oder Grundzüge der Anwendung der Erdkunde auf die Geschichte"

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BIBLIOTHEK 




ii 




HERAUSGEGEBEN VON 



PROF. D R FRIEDRICH RATZEL. 



Unter Mitwirkung von 

Professor Dr. Georg v.Boguslawski, weil. Sektionsvorstand im Hydrographischen 
Amt der Eaiserl. Admiralität in Berlin; Professor Dr. Carl Borgen, Vorstand des 
Kaiserlichen Observatoriums in Wilhelmshaven; Professor Dr. Ed. Brückner in 
Bern; Professor Dr. Oscar Drude, Direktor des Botanischen Gartens in Dresden; 
Dr. F. A. Forel, Professeur ä l'Academie de Lausanne in Morges; Dr. Karl 
v. Fritsch, Professor an der Universität in Halle ; Dr. Siegmund Günther, Pro- 
fessor an der technischen Hochschule in München ; Dr. Julius Hann, Professor 
an der Wiener Universität und Redakteur der Zeitschrift für Meteorologie; 
Dr. Albert Heim, Professor am Schweizerischen Polytechnikum und der Uni- 
versität in Zürich; Dr. Otto Krümmel, Professor an der Universität und Lehrer 
an der Marine- Akademie in Kiel; Dr. Albrecht Penck, Professor an der Uni- 
versität Wien ; Dr. Benjamin Vetter , Professor an der technischen Hochschule 

in Dresden. 



STUTTGART. 

VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1891. 



ANTHROPOGEOGRAPHIE. 



ZWEITER TEIL: 

DIE GEOGRAPHISCHE VERBREITUNG 

DES MENSCHEN 

VON 

DK- FRIEDRICH RJLTZEL, 

PROFESSOB DER GEOGRAPHIE AN DER UNIVERSITÄT LEIPZIG. 



MIT 1 KARTE UND 32 ABBILDUNGEN. 



i n » 



STUTTGART. 

VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1891. 



Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen wird vorbehalten. 



Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. 



Vorwort. 



Die Empfindung, mit welcher ich dieses Buch den 
deutschen Geographen und Ethnographen übergebe, hat 
nichts mit der Beklommenheit zu thun, die in so manchen 
Vorreden ihr bekümmertes Dasein führt. Und doch ist 
mir die große Freude der Vollendung keineswegs un^ 
getrübt. Der Freund lebt nicht mehr, dem ich vor 
neun Jahren meine „Anthropogeographie* 1 mit dem frohen 
Bewußtsein widmete, daß er sie ganz billige, weil sie 
aus dem innigsten geistigen Verkehre hervorgesproßt war. 
Und in mir selbst lebt nicht mehr jener unbefangene 
Glaube, daß von allen Geographen unserer Zeit das Fort- 
schreiten auf den Wegen Karl Ritters als wesentlichste 
Förderung der allgemeinen Geographie gewürdigt werde. 
Wohl läßt jeder Blick in unsere geographischen Lehr- oder 
Handbücher das menschliche Element der Geographie, sei 
es ethnographischer, statistischer oder politisch-geographi- 
scher Natur, in alter Fülle und Bedeutung uns entgegen- 
treten; aber die wissenschaftliche Geographie hat sich mit 
wachsender Vorliebe dem geologischen Grenzgebiete zuge- 
wandt, für dessen Probleme die Geologie erprobte Methoden 
darbietet, während die Anthropogeographie selbst diese, ja 
selbst die Klassifikationen erst zu schaffen hatte. Ob nicht 
die hierin gegebene größere Leichtigkeit der geologisch- 
geographischen Studien dadurch aufgewogen wird, daß die 



VI Vorwort. 

Geographie aus jugendlicher Unsicherheit und Unselb- 
ständigkeit so nicht herauskommt, ist eine berechtigte 
Frage. Die allgemeine Geologie hat durch den Beistand 
der Geographie gewonnen, wenn auch der Geologe 
manche geographische Beiträge als nicht ganz vollwertig 
anzusehen geneigt ist. Die Geographie ist nicht in 
gleichem Maße gefördert worden, denn die Arbeit des 
Grenzgebietes kommt naturgemäß hauptsächlich der reiferen 
Schwester zu gute. Und daß in dieser einseitigen Nei- 
gung zur Geologie der Grund eines immer tieferen Bisses 
zwischen der wissenschaftlichen Geographie unserer Zeit 
und der im Unterricht, in der Politik, in der Karto- 
graphie zur Anwendung gelangenden Geographie liegt, 
kann nicht geleugnet werden, und erscheint nicht darum 
minder bedenklich, weil wir auch andere Wissenschaften 
zu handwerksmäßiger Zerstückelung herabsteigen und un- 
fähig zur Lösung großer Aufgaben werden sahen. Die 
Geographie, welche an unseren Universitäten gelehrt wird, 
ist vielfach eine ganz andere Wissenschaft als diejenige, 
welche unsere dem Lehramte sich zuwendenden Schüler 
künftig an mittleren Schulen zu lehren haben werden. Die 
politische Geographie ist noch annähernd dasselbe Gewirr 
von statistischen, topographischen und geschichtlichen No- 
tizen wie zu Büschings Zeit, und die wichtigsten Thatsachen 
der praktischen Politik, wie Raum und Grenzen der 
Staaten , unzweifelhaft Erscheinungen der Erdoberfläche 
und als solche wissenschaftlicher Vergleichung zugäng- 
lich, werden mit kahlen Zahlengrößen kurz abgethan. 
Das geographische Element in der Geschichte, in Wahr- 
heit der Boden aller Geschichte, ist zur Topographie 
der geschichtlichen ertlichkeiten zusammengeschrumpft 
und nicht einmal für die Zeichnung statistischer, ethnogra- 
phischer, historischer, politischer Karten hat die Geo- 



Vorwort. VII 

graphie Regeln festgestellt, welche der empirischen Will- 
kür steuern, so daß der Zustand dieser Teile der graphi- 
schen Geographie nichts weniger als wissenschaftlich ist. 
Man sah Geographie, Statistik, Ethnographie wissen- 
schaftliche Fortschritte machen, während das allen ge- 
meinsame Forschungs- und Darstellungsmittel, die Karte, 
nur technisch sich weiter entwickelte. 

Es war mir nicht zweifelhaft, daß die Vollendung 
des Ausbaues der Geographie vorzüglich auf der an- 
thropogeographischen Seite zu suchen sei, wo For- 
schungsgebiete, erst halb urbar, liegen', welche ihr zuge- 
rechnet werden, ohne wissenschaftlich tiefer mit ihr ver- 
bunden zu sein, und wo mit selbständigen Wissenschaften, 
wie Statistik und Ethnographie, endlich eine für beide 
Teile fruchtbare Verbindung an Stelle unregelmäßiger 
planloser Annäherungsversuche klar hergestellt werden 
muß. Ueberall gibt es hier Probleme, denen gegenüber 
von einer „geographischen Methode* 1 man in dem Sinne 
einer Forschungsweise sprechen kann, welche von der 
geographischen Verbreitung nicht bloß ausgeht, sondern 
sie für den besten Weg erkennt, auf dem ins Innere der 
Erscheinungen vorzudringen ist, die dementsprechend auch 
das Studium der Verbreitung nach allen Beziehungen 
und besonders auch nach der Seite der kartographischen 
Darstellung, auszubilden, zu vertiefen strebt. Die Statistik 
hat, wenig unterstützt von der Geographie, in dieser 
Richtung ihre Versuche gemacht. Der Ethnographie 
bleibt diese Bahn erst zu brechen; des vorliegenden 
Buches letzter Abschnitt (Kapitel 18 — 22) ruht vollständig 
auf eigener Durchprüfung des ethnographischen Materiales, 
die in einer undankbaren Arbeit sauren Schweißes ge- 
wonnen ist. Den Gewinn dieser Arbeit fand ich in der 
Erkenntnis, daß es für die Ethnographie zwei Wege 



VIII Vorwort. 

wissenschaftlicher Ausgestaltung gebe, auf deren einen die 
psychologische Methode führt, während der andere nur der 
Weg der Geographie sein kann. Am deutlichsten drückt 
wohl die Abgrenzung des anthropogeographischen For- 
schungsgebietes in der Ethnographie der Gegensatz von 
psychologischen und anthropogeographischen Thatsachen 
aus; denn in den letzteren tritt uns die Wanderung fertiger 
Gedanken und Werke, in der ersteren ihre Neuentstehung 
entgegen; und jene bedeutet eine Verbindung mit den Orten 
und Räumen, während diese die Verbindung mit der Seele 
des Menschen sucht. Wie man auch die beiden Gebiete 
abgrenzen möge, der Geographie wird es immer obliegen, 
die reichen, in der Ethnographie bisher toten Mengen an- 
thropogeographischer Thatsachen für sich zu verwerten. 
Dabei zeigt sich, daß man das Verhältnis der beiden Wissen- 
schaften bisher teils verkehrt und teils einseitig aufgefaßt 
hat. Gerade wie der Statistik tritt auch der Ethnographie 
die Geographie als unentbehrliche Hilfswissenschaft zur 
Seite und erst in zweiter Linie steht es, daß sie ihrerseits 
dann jener Ergebnisse mitverwerten kann. 

Ist einmal diese organische Verbindung zwischen 
der Geographie auf der einen und der Statistik und 
Ethnographie auf der anderen Seite hergestellt, dann 
wird endlich auch der angeblich wenigst wissenschaftliche, 
aber älteste Zweig der Geographie, die politische Geo- 
graphie ihre natürliche Stelle einnehmen und wird wieder 
wachsen und grünen, wie ein Ast, der abgebrochen 
war, nun aber seinem Stamme wieder innig verbunden 
ist. Ich möchte sagen, die Anthropogeographie mußte 
schon darum endlich ihre wissenschaftliche Fundierung 
empfangen, weil erst auf diesem Grunde die politische 
Geographie als Wissenschaft aufgebaut werden kann und 
ich hielt es für eine dringende Aufgabe, diesen Grund 



Vorwort. IX 

zu legen. Ich will nicht den Schein der Ausschließlich- 
keit, der der Wissenschaft fremd bleiben muß, auf mich 
laden, indem ich das Hohlwort „ Zeitgemäßheit u mit der 
von mir vertretenen Richtung der Geographie in Zu- 
sammenhang bringe. Das Echte wird immer zeitgemäß 
sein. Aber wenn ein Zeitalter eine andere politische Geo- 
graphie nötig hatte als diejenige unserer Handbücher und 
Lehrbücher, dann ist es das unsere, welches die rein 
geographischen Faktoren Raum und Entfernung sich in 
politischen und wirtschaftlichen Fragen immer stärker 
geltend machen und den ganzen Erdball sich in große 
politische und Wirtschaftsgebiete zerteilen sieht. Ganz be- 
sonders soll unser Deutschland mehr Gewinn von seiner 
vielgerühmten Pflege der Geographie ziehen und ich habe 
mit deswegen die Anthropogeographie endlich abschließen 
zu müssen geglaubt, weil ich der Hoffnung lebe, in Jahres- 
frist ihr den ersten Versuch einer wissenschaftlichen politi- 
schen' Geographie folgen lassen zu können. Und in dieser 
Hoffnung, gestehe ich's nur, pulsiert es auch national. 

In dem zur Einleitung vorausgesandten Abschnitte 
ist eine andere, größere Verbindung zum Zwecke solcher 
Fundierung herzustellen gesucht, nämlich die Vereinigung 
der Pflanzen- und Tiergeographie mit der Anthropogeo- 
graphie zu einer allgemeinen Biogeographie, einer 
Lehre von der Verbreitung des Lebens auf der Erde. 
Unbeschadet der zoologischen und botanischen Bearbei- 
tungen einzelner Teile dieser Wissenschaft, muß die Geo- 
graphie der Verbreitung des Lebens als einer großen 
tellurischen Erscheinung zusammenfassend gerecht zu 
werden suchen. Die Arbeitsteilung, welche diesen großen 
Komplex von Erscheinungen zwischen den Botanikern und 
Zoologen zergliederte, hat die Entwickelung einer Wissen- 
schaft der Biogeographie zurückgehalten, deren tiefsten 



X Vorwort. 

Spuren wir bezeichnenderweise in den großen, zusammen- 
fassenden Werken Darwins begegnen. Dieselbe Geographie, 
welche die Anthropogeographie geschaffen, darf auch die 
Aufgabe nicht ablehnen, zusammenfassend das zu behan- 
deln, was in der geographischen Verbreitung der Menschen, 
Tiere und Pflanzen gemeinsame Eigenschaft des Lebens 
ist. Die Frage oberflächlichen Denkens, ob die Anthropo- 
geographie zur Geographie gehöre, wird dadurch mit 
Einem Schlage nach dem tiefwahren Satze erledigt: Im 
Anfang war die That. 

Zum Schluß ein Wort über die Behandlung«- und 
Darstellungsweise. Als die „Anthropogeographie oder An- 
wendung der Erdkunde auf die Geschichte* 1 vor neun Jah- 
ren ans Licht trat, dachte ich nicht daran, ihr ein weiteres 
Buch über denselben Gegenstand folgen zu lassen. Zwar 
war dort eine große Gruppe von Wirkungen der Natur 
auf den Menschen, deren Ergebnis ein Zustand, mit den 
Unterabteilungen Zustand des Einzelnen: Ethnographie, 
und Zustand der Gesellschaft: Soziale und politische Wir- 
kungen, ausgeschieden; aber die Probleme dieses Kreises 
schienen als Ganzes der wissenschaftlichen Behandlung 
noch so wenig zugänglich zu sein, daß zunächst nur an 
einzelne Versuche zu denken war, aus denen erst spät ein 
wissenschaftlicher Bau zu errichten sein mochte. Aber die 
Erfahrung zauderte nicht lange, mich zu lehren, daß es 
wissenschaftliche Aufgaben gibt, denen man besser ge- 
recht wird, wenn man sie zunächst einmal in ihrer Ge- 
samtheit erfaßt und durcharbeitet, statt Stück für Stück 
loszulösen. Besonders sind es Aufgaben, die überhaupt 
in ihrer Gesamtheit neu sind, frische Probleme, die als 
Ganzes gezeigt werden müssen und gewürdigt werden 
sollen, für welche womöglich erst eine Klassifikation ge- 
schaffen und die Methode ausgebildet werden muß. Wenn 



Vorwort* XI 

der Plan feststeht , mögen dann die Bausteine mit aller 
Sorgfalt behauen werden. Dies gilt vor allem von einer 
Wissenschaft breiter Basis und ausgedehnter, mannig- 
faltiger Berührung wie die Geographie. Ich bin aber 
durchaus nicht der Ansicht, daß es nützlich sei, sich 
dabei auf allgemeine Uebersichten und Ausblicke zu be- 
schränken, wie es seit Karl Ritter so vielen Methodo- 
logen beliebte, welche uns ohne eigene Handanlegung 
lehren wollten, wie man's zu machen hätte. Auf diese 
Weise wird die Wissenschaft kaum merklich gefördert. 
So wichtige Werkzeuge Methodik und Klassifikation auch 
bieten mögen, man wird sich immer ins Dilettantische 
verlieren, wenn man sie allein, ohne die prüfende Kraft der 
Einzelarbeit, zum Gegenstand wissenschaftlichen Denkens 
macht. Es kommt dabei auf ein Operieren mit Be- 
griffen heraus, deren wahren Wert doch immer nur die 
forschende Erfahrung prüfen kann. Das Dilettantische 
liegt ja überhaupt mehr in der Täuschung über die Tiefe 
der Probleme als in der Unkenntnis der Methoden, und 
ein naiver Optimismus in Bezug auf diese Tiefe ist daher 
am bezeichnendsten für den Dilettantismus. Niemals sind 
auf die Dauer die Grenzen einer Wissenschaft allein durch 
methodologische Machtsprüche bestimmt worden, die sich 
zu der schöpferischen Forschung verhalten wie alle Kraft 
einsetzendes Ringen um Naturerforschung zu bloßer Bücher- 
nacharbeit. 

Wenn nun in den nachfolgenden Kapiteln der Ver- 
such gemacht ist, das ganze Gebiet der statischen Anthro- 
pogeographie so zu übersehen und zu gliedern, wie der 
Kolonist eine Strecke Neuland um- und durchwandert 

i 

und in Arbeitsgebiete und Wohnplätze „auslegt" , so 
konnten natürlich nur die Grundlinien gezogen werden 
und mußte zwischen ihnen manche Strecke unbesucht 



XII Vorwort. 

bleiben. Aber ich hoffe kein großes Problem unberührt 
gelassen und keines bloß äußerlich behandelt zu haben. 
Wer nach mir diese neu erschlossene Wissenschaftsprovinz 
durchzieht, wird die wichtigsten Seitenwege entweder 
angebahnt oder wenigstens mit Wegweisern versehen 
finden. Möge kein Irrpfad darunter sein! 

Die Dankbarkeit gegen die Vorgänger auf wissen- 
schaftlichen Wegen, welche man immer inniger empfindet, 
je deutlicher die Begrenztheit des eigenen Strebens er- 
kannt wird, wird auf einem so wenig bearbeiteten Gebiete 
ein Gefühl von besonderer Stärke. Man weiß sich mit 
Wenigen auf weitem Felde allein und diesen Wenigen ist 
man enger verbunden. Es wird mir ein unvergeßlicher 
Gewinn dieser Schrift bleiben, durch sie zur Versenkung 
in halb vergessene Arbeiten, wie z. B. Ernst Behm sie 
geleistet, angeregt worden zu sein. Im Text und in den 
Anmerkungen habe ich die Einzelnen genannt, manche, 
denen ich viel verdanke, vielleicht zu kurz. Möchten be- 
sonders diese, und ich rechne dazu auch einige meiner 
Schüler, deren Arbeiten einzelne anthropogeographische 
Probleme mit Glück zu vertiefen strebten, an dieser Stelle 
noch einmal herzlich bedankt sein. Dank auch den 
Herren Dr. Heinrich Schurtz, Stud. Fricker und Lehrer 
Buschik, welche mir bei der Korrektur zur Hand gingen. 

Leipzig, Ostern 1891. 

Friedrich Ratzel. 



Inhalt. 



Seite 
Inhalt und Abbildungen XIII u. XIX 

Zur Einleitung: Grundlegung der allgemeinen 
Biogeographie in einer hologäischen Erdansicht. 

Die hologäische Erdansicht. Das biogeographische Bild der 
Erde. Raum und Zeit. Der Kampf um Raum. Biogeo- 
graphische Wirkungen der Erdgestalt XXI 

Erster Abschnitt. 
Die Umrisse des geographischen Bildes der Menschheit. 

1. Die Erde des Menschen oder die Oekumene. 

Der Begriff „Oekumene". Umgrenzung. Die Südgrenze. 
Die Nordgrenze. Alte und neue Nordgrenze. Ueber Lage 
und Größe der Oekumene 3 

2. Entwickelung der Oekumene. 

Die Ausbreitung des Menschen über die bewohnbare Erde. 
Die rückwärtsschreitende Methode. Die unbewohnten In- 
seln als Reste an ökumenischer Gebiete. Die Ueberbrückung 
des Atlantischen Ozeans. Ueber die Namen Neue Welt 
und Westliche Welt. Amerika als der eigentliche Orient 
der bewohnten Erde 20 

3. Der geschichtliche Horizont, die Erde und 

die Menschheit. 

JSntwickelung der Vorstellungen von der Oekumene. Enge 
und weite Horizonte. Der insulare Charakter der Welt- 
bilder. Die Geographie des Halbbekannten. Verhältnis 
zwischen der bekannten und unbekannten Erde. Beziehung 
zwischen der Oekumene und den Vorstellungen von der 
Erde und der Menschheit 40 



XIV Inhalt. 



4. Die Grenzgebiete der Oekumene. 



Seite 



Die nördlichen und südlichen Grenzgebiete. Die südlichen 
Randvölker: Australier, Tasmanier, Neuseeländer, Süd- 
amerikaner, Südpolynesier. Unbewohnte Striche im nörd- 
lichen Grenzgebiet. Der Nomadismus der nördlichen Rand- 
völker. Unterschiede der Bewohntheit des nördlichen 
Asien und Amerika. Schwäche ihrer Staatenbildungen. 
Ethnographische Einförmigkeit und Ausschließlichkeit der 
Randvölker 60 

5. Die leeren Stellen in der Oekumene. 

Ursachen und Wirkungen der Unbewohntheit Verbreitung 
und Form unbewohnter Gebiete. Die Wüsten und Steppen. 
Wasserflächen: Seen, Sümpfe, Moore, Flüsse., Gletscher. 
Gebirge. Küsten- und Flußufer. Der Wald. Die politi- 
schen Wüsten. Schluß: Die weißen Flecke der Karten . 87 



Zweiter Abschnitt. 
Das statistische Bild der Menschheit. 

(j: Die Bevölkerung der Erde. 

Anteil der Statistik an der Feststellung der Bevölkerung 
der Erde. Anteil der Geographie. Verhältnis beider 
Wissenschaften. Statistische und geographische Länder- 
kunde. Unvollkommene Zählungen. Die Schätzung der 
Bevölkerungen. Fehlerquellen der Schätzungen. Die Me- 
thoden der Schätzungen. Ein geographisches Element in 
den Schätzungen. Die Bevölkerungen von Afrika und 
China. Schluß 145 

7. Die Dichtigkeit der Bevölkerung. 

Die Verteilung der Menschen über die Erde. Durchschnitts- 
zahlen der Bevölkerung. Die geographische Methode und 
die statistische Bevölkerungskarte. Die geographische 
Auffassung der Bevölkerungsdichtigkeit und die geographi- 
sche Bevölkerungskarte. Die Grundzüge der Verteilung 
der Menschen über die Erde. Ungleiche Verteilung. Die 
Verteilung einer dünnen Bevölkerung. Ab- und Zunahme 
der Bevölkerung mit der Höhe. Einfluß der Bodenform 
auf die Verteilung der Bevölkerung. Verteilung einer 



Inhalt. XV 

Seite 

dichten Bevölkerung. Natürliche Zusammendrängungen. 

Die Dichtigkeit am Wasserrande. Uebervölkerung . . 180 

8. Beziehungen zwischen Bevölkerungs- 
dichtigkeit und Kulturhöhe. 

Bevölkerungsstufen und Kulturstufen. Fruchtbarer Boden 
und dünne Bevölkerung. Armer Boden und dichte Be- 
völkerung. Ungleiche Verteilung der Bevölkerung. Volks- 
zahlen und Geschichte. Die Beziehungen zwischen dichter 
Bevölkerung und hoher Kultur. Die Beziehungen zwi- 
schen Kulturalter und Volksdichte 255 

9. Die Bewegung der Bevölkerung. 

Wachstum und Rückgang. Die Größe der Bevölkerungsbe- 
wegung. Die Europäisierung der Erde. Rückgang in 
wachsenden Gebieten. Die Typen der Bevölkerungsbewe- 
gung. Geographische Verbreitung derselben. Zusammen- 
hang dieser Typen mit der Entwickelung der Kultur. 
Das Zahlenverhältnis der beiden Geschlechter. Ueber 
einige geographische Merkmale der äußeren Bewegung 
der Völker 291 

10. Der Rückgang kulturarmer Völker in 
Berührung mit der Kultur. 

Die Thatsache. Angeblicher Stillstand der Indianerbevölke- 
rung Nordamerikas seit 300 Jahren. Der Rückgang in Süd- 
amerika, Australien, Nordasien, Südafrika. Ungunst der 
Inseln. Rückgang in Polynesien. Trägt die Kultur die 
Schuld dieses Rückganges? Folgen der Berührung kul- 
turarmer Völker mit der Kultur. Lockerung der sozialen, 
Störung der wirtschaftlichen Verhältnisse, Mischung, Ent- 
ziehung des Mutterbodens. Die Völkerzerstörung . . . 330 

11. Die Selbstzerstörung kulturarmer Völker. 

Die Pathologie der Weltgeschichte. Die Krankheiten der 
ünstätigkeit. Die Uebel kulturarmer Völker. Gering- 
schätzung des Lebens. Der Hunger. Primitiver Kommu- 
nismus. Verwüstung der Menschenleben. Kindsmord und 
Aehnliches. Der Krieg. Mord. Sklaverei. Unsittlichkeit. 
Menschenfresserei und Menschenopfer. Rückblick . . . 363 



XVI Inhalt. 

Seite 

Dritter Abschnitt. 
Die Sparen and Werke des Menschen an der Erdoberfläche. 

12. Die Wohnplätze der Menschen. 

Das Anhäufungsverhältnis. Höhlen-, Baum- und Wasserwoh- 
ner. Klassifikation der Wohnplätze. Die Wohnplätze auf 
der Karte. Einzelwohner. Der Hof. Das Dorf. Verbrei- 
tung der Wohnplätze. Die Form der Siedelung. Die 
Bauweise. Die Physiognomie der Wohnplätze. Stadt und 
Land. Das Wachstum der Städte. Beziehungen zwi- 
schen Städten und Bevölkerungsdichtigkeit. Einige Merk- 
male der städtischen Bevölkerungen . 401 

13. Die Lage der Städte und der Verkehr. 

Der Verkehr ist städtebildend. Abhängigkeit des Verkehres 
und der Städtebildung vom Boden. Der Verkehr bewegt 
sich nicht in Linien, sondern in Bändern. Verkehrsströme 
und Städtegruppen. Selbständige Handelsstädte. • Die Be- 
ziehungen zwischen wirtschaftlichen und politischen Haupt- 
städten. Internationale Städte. Hauptstadt und zweite 
Stadt. Fluß- und Seestädte. Flußinseln und -schlingen. 
Seen. Der Fluß als Thalbildner. Flüsse und Pässe. Mün- 
dungsstädte. Die Seestädte. Nahrungsreichtum des Wassers. 
Städte in Thälern und auf Bergen. Paßstädte. Höhen- 
lage. Das Schutzmotiv 464 

14. Die Städte als geschichtliche Mittelpunkte. 

Die Dauer. Städtevölker. Der geschichtliche Zug. Haupt- 
städte 497 

15. Ruinen. 

Die Ruinen ein Gegenstand geographischer Betrachtung. 
Die Geographie der Ruinen. Ruinenländer. Kulturspuren. 
Die jungen Ruinen 510 

16. Die Wege. 

Die Wege in der Geographie. Sie überbrücken die Lücken 
der Menschheit. Die Wege und die Kultur. Wegreiche 
und wegarme Länder. Die geographischen Bedingungen 
der Wege 525 



Inhalt. XVII 

Seite 
17. Die geographischen Namen. 

Spuren der Völker in Namen. Namen als Kulturreste. 
Namen und Sage. Die Verbreitung der Ortsnamen. Die 
Geschichte der Ortsnamen. Wanderungen der Ortsnamen. 
Sprachliche Eigentümlichkeiten. Der Volksgeist in Na- 
men. Stumme Namen. Die Namengebung. Gemeinnamen 
und Sondernamen. Wassernamen. Bergnamen. Lokal- 
benennungen. Abstrakte Namen. Länder- und Völker- 
namen (Anthropogeographische Namen). Ethnographische 
Namen. Die wissenschaftliche Geographie und die Orts- 
namen. Die Namen auf der Karte 537 



Vierter Abschnitt. 
Die geographische Verbreitung von Völkermerkmalen. 

18. Ueber den anthropogeographischen Wert 
ethnographischer Merkmale. 

Anthropologie und Ethnographie als Hilfswissenschaften der 
Geschichte. Die anthropologischen Merkmale. Mischrassen 
und Kulturrassen. Die Sprachunterschiede. Die ethno- 
graphischen Merkmale. Die Verwandtschaften ethnogra- 
phischer Gegenstände. Verwandtschaft der Formgedanken. 
Die ethnographischen Formenkreise. Stammverwandtschaft 
und ethnographische Verwandtschaft. Entwickelungsver- 
wandtschaft. Die aufsteigende Linie. Die absteigende Linie. 
Die Tiefe der Menschheit. Anthropogeographie und Geo- 
logie. Autochthonie und Ursprungssagen. Die Höhe der 
Menschheit 577 

19. Die Ausbreitung ethnographischer 

Merkmale. 

Das Problem des Weges und der Zeit. Selbständiges Wan- 
dern ethnographischer Gegenstände. Verschiedene Grade 
des Zusammenhanges der Dinge mit den Völkern. Handel. 
Politische Beziehungen. Verbreitung durch Völkerwande- 
rung. Verbreitungsfähigkeit. Inhalt und Form auf der 
Wanderung 631 

20. Die Lage, Gestalt und Größe der Ver- 
breitungsgebiete. 

Die Lage der ethnographischen Länder und Provinzen. 
Die Formen der Verbreitungsgebiete in Wachstum und 
Ratzel, Anthropogeographie II. II 



XVIII Inhalt. 



Seite 



Rückgang. Verbreitung in Gebieten dichter Bevölkerung. 
Zonenförmige Verbreitung. Völker, Erdteile und Meere. 
Kontinentale, littorale und thalassische Verbreitung. 
Lückenhafte Verbreitung. Zersplitterung. Mehrtypische 
Völker. Gruppenweise Verbreitung. Durchdringung. Mi- 
schungsgebiete. Die Größe der Verbreitungsgebiete. Weite 
Verbreitung. Der Gemeinbesitz der Menschheit. Beschränkte 
Verbreitung. Inselbewohner 649 

21. Ueber den Ursprung der ethnographischen 

Verwandtschaften. 

Geographisch oder psychologisch? Die geistige Generatio 
aequivoca. Das Erfinden. Das Nichterfinden. Eigene 
Erfindungen. Die Verbreitung. Der sogenannte Völker- 
gedanke 705 

22. Anthropogeographische Klassifikationen 

und Karten. 

Grundsätze der Klassifikation der Völker. Rasseneinteilung. 
Rassenkarte. Die Sprachgruppen und -karten. Kultur- 
stufen. Kulturkarten. Ethnographische Klassifikation. 
Die geographischen Gruppen. Die Klassifikation nach der 
Entwickelungsverwandtschaft. Künstliche Klassifikationen. 
Ethnographische Karten und Völkerkarten. Die karto- 
graphische Darstellung von Zeiterscheinungen. Die ethno- 
graphische und die historische Karte. Die Darstellung 
von Bewegungen auf der Karte. Zur Technik der ethno- 
graphischen Karte. Die ethnographischen Gebiete und 
Länder. Die Beziehungen der ethnographischen Länder 
zur Oekumene. Nordländer und Südländer. Beziehungen 
zwischen Nord- und Südländern. Eisenländer und Stein- 
länder. Das indo-afrikani8che Gebiet. Das europäisch- 
asiatische Gebiet. Das pazifisch-amerikanische Gebiet. 
Schluß 730 



Abbildungen. 



Fig. 1. Die geographischen Horizonte der Küsten tschuktschen 
von Ue'dle. 

n 2. Islands Kulturgebiete. 

„ 3. Siedelungen und Zeltlager im südlichen Palästina im 
Uebergang zur Wüste. 

n 4. Dolinen und Kulturoasen im krainerischen Karst. 

„ 5. Wald und Siedelungen im nördlichen Spessart. 

„ 6. Die Bevölkerungsdichtigkeit und Niederschläge am Ost- 
fuß der Felsengebirge von Colorado. 

„ 7. Bevölkerungsschichtung im Gebiet des Gran Paradiso 
und der Dora Baltea. 

„ 8. Die Siedelungen an der Saale und alten Elster. 

, 9. Ungleiche Verteilung der Bevölkerung im Gebiet der 
Isar, Mosach und Amper. 

„ 10. Mündung der Kamerunflüsse mit Faktoreien und Dörfern. 

„ 11. Ausschnitte aus einer Bevölkerungskarte des Herzogtums 
Anhalt. 

„ 12. Die Indianergebiete der Vereinigten Staaten nach dem 
Census von 1880. 

„ 13. Siedelungen im südlichen England (Sussex) zwischen 
Ouse und Cuckmare. 

„ 14. Ungleichmäßig verteilte Siedelungen (Arrondissement 
Arles). 

„ 15. Gleichmäßig verteilte Siedelungen (Arrondissement Arras). 

„ 16. Das Innthal in der Wasserburger Gegend. 

„ 17. Plan von Teheran. 

„ 18. Bevölkerungsdichtigkeit von London (1881). 

„ 19. Die Hudsonmündung und New York. 

„ 20 u. 21. Hoangho und Rhein mit ihren größeren Siede- 
lungen. 

B 22 u. 23. Städte am Jang-tse-kiang und an der Donau. 

„ 24. Posen. s 



XX Abbildungen. 

Fig. 25. Lage von Paris. 
„ 26. Sklavenküste bei Togo mit Faktoreien und Dörfern. 
„ 27. Shanghai mit dem Delta des Jang-tse-kiang. 
„ 28. Verbreitung der Fan, Mpongwe und Okoa am unteren 

Ogoweh. 
„ 29. Afrika im Nachbarschaftskreis eingezeichnet. 
„ 30. Die Verbreitungsgebiete der Stäbchenpanzer. 
„ 31. Verbreitung des Wurfmessers in Afrika. 
„ 32. Verbreitung des Bogens und der Pfeile und des Speeres 

in Afrika. 



Zur Einleitung: Grundlegung der allgemeinen 
Biogeographie in einer hologäischen Erdansicht 1 ). 

Die hologäiscbe Erdansicht. Das biogeographische Bild der Erde. 
Raum und Zeit. Der Kampf um Raum, Biogeographische Wir- 
kungen der Erdgestalt. 



Die hologäische Erdansicht. Die weiten Wege, die 
hohen Flüge, die großen Zahlen und die ausgedehnten 
Räume sind dem Geiste des Menschen lästig. Er liebt 
am meisten sich mit dem zu beschäftigen, was ohne An- 
strengung überblickt, durchmessen, erwogen werden kann. 
Sich selbst macht er zum Maße der Dinge, sogar in 
Fragen der Erdgeschichte, in welchen es gar nicht dar- 
auf ankommt, was er erlebt, was die ganze historische 
Zeit erlebt hat. Die mäßigen Dimensionen sind ihm am 
angenehmsten, weil sie ihm in einem tieferen Sinne kon- 
genial sind. Die Astronomie verdankt den Charakter der 
Großartigkeit, des Erhabenen, welchen Alte und Neue mit 
gleicher Bewunderung hervorheben, hauptsächlich dem 
Umstände, daß sie dieser verengenden und herabziehenden 
Neigung sich nicht bequemt, sondern vielmehr in Beispiel 
und Lehre mit der Mahnung „Sursum" unveränderlich 
ernst vor uns hintritt. Andere Wissenschaften dagegen 
sehen wir einem Prozess der Entgeistigung und des Zer- 
falles anheimgegeben, welcher hauptsächlich in der Ab- 
neigung gegen weite Blicke begründet ist. Die Sinne 
verlieren an Schärfe, wenn sie nicht geübt werden, das 
Auge des Höhlentieres verkümmert bis zur Blindheit. 
Manche wissenschaftliche Arbeiten verlangen Vertiefung 



XXII Die hologäische Erdansicht 

ins kleinste, aber jede leidet endlich, wenn diese Ver- 
tiefung zur Eingrabung in einen Schacht wird, der das 
Firmament auf ein Lichtfleckchen verkleinert. Keine 
Wissenschaft verliert mehr unter dieser zurückbildenden 
Angewöhnung, als die Geographie, welcher die Gesamt- 
erde zu ihrem, nur der Astronomie an Großartigkeit nach- 
stehenden Forschungsgebiet bestimmt ist und welche aber 
das unabänderliche Bestreben sieht, kleinste Gebiete des 
Planeten auszusondern und über deren enger Umhegung 
zu vergessen, wie groß die Erde ist. Es genügt ein Blick 
in die Lehr- und Handbücher dieser unsrer Wissenschaft, 
um zu erkennen, wie Größe und Gestalt der Erde als 
Elemente behandelt werden, die man in den ersten Ab- 
schnitten nennt, um sie später, nachdem man sich mit 
einem logischen Sprung in die Einzelheiten geworfen, 
zu vergessen. Zweifellos ist es von großer Bedeutung, 
die Meere und Landschaften und was es sonst Einzelnes 
auf der Erde gibt, zu kennen; ihre Beziehung zum Erd- 
ganzen muß aber ihrer vollen Erkenntnis zu Grunde liegen. 
Am allerwenigsten sollte man sie dort zurücktreten lassen, 
wo es sich um große, wenn auch langsame Bewegungen 
handelt, die über den ganzen Erdboden sich hinwälzen. 
Dabei ist besonders an Klimatologisches und Biogeographi- 
sches zu denken. Diese Bewegungen erreichen Dimen- 
sionen, welche verbieten, sie anders als am Erdganzen 
zu messen. Wo gar verschiedene Bewegungen dieser Art, 
sich begegnend, einander den Raum streitig machen, da 
entstehen merkwürdige Thatsachen der geographischen 
Verbreitung aus dem „Kampf um Raum", dessen wahres 
Wesen man mißversteht, wenn man ihn mit dem soge- 
nannten Kampf ums Dasein zusammenwirft. Das Dasein 
hängt am Raum und insofern ist die Verwechslung be- 
greiflich: der Raum ist die letzte, allgemeinste Daseins- 
bedingung. Die äußersten Grenzen des auf der Erde 
verfügbaren Raumes sind in den Dimensionen des Erd- 
balles gegeben. Die Möglichkeit der Ausbreitung des 
Lebens und wiederum seiner Zusammenziehung in son- 
dernde Gebiete, welche Eigenentwickelungen gestatten, 
erschöpft sich mit den 9261000 Quadratmeilen, welche 



und die Bewegungen an der Erde. XXIII 

die Erdoberfläche ausmachen. Dem Leben auf der Erde 
ist also ein beschränkter Raum angewiesen, in welchem 
es immer wieder umkehren, sich selber begegnen und 
alte Wege immer neu begehen muß. Noch mehr schränkt 
die bekannte Verteilung des Wassers und des Landes, die 
Ausbreitung großer Eismassen um die beiden Pole und 
die Erhebung mächtiger Gebirge bis zu lebensfeindlichen 
Höhen die Lebensverbreitung ein. Dem Menschen sind 
nicht ganze zwei Dritteile der Erdoberfläche als Raum 
zum Wohnen und Wandern gestattet. Was wir Ein- 
heit des Menschengeschlechtes nennen und was den Bio- 
logen in der übrigen organischen Welt von heute als 
Einförmigkeit erscheint, wurzelt in dieser Beschränktheit 
des Raumes. Diesen Raum wenigstens ganz zu über- 
schauen, ist ein Gebot, welches jedem entgegenzuhalten 
ist, der die Geschichte des Lebens an der Erde verstehen 
will. Wir sind aber erstaunt, in den größten und ein- 
flußreichsten Arbeiten biogeographischer Natur gerade 
von dieser entscheidenden Grundthatsache der Begrenzung 
des Raumes durchaus keine Erwähnung zu finden. Und 
ebensowenig pflegt die eng mit ihr zusammenhängende 
Thatsache der Kugelgestalt der Erde in biogeographischen 
Betrachtungen berücksichtigt zu werden. Man läßt viel- 
mehr das Leben wie auf einer weiten Ebene sich behag- 
lich ausbreiten und die Gebiete der Pflanzen- und Tier- 
verbreitung liegen wie auf einer Landkarte nebeneinander. 
Die Anschauung könnte nicht naiver sein, wenn der alte 
Homer mit seiner Vorstellung von der im Ozean schwim- 
menden Erdscheibe bis heute recht hätte. 

Freilich im Gebiete des Lebens sind die Bewegungen 
langsam, teilweise durch geologische Zeiträume hingezogen. 
Ganz anders drängt im Luftkreis angesichts der die Erde 
umkreisenden Wirbel Größe und Gestalt des Planeten sich 
auf. In der Meteorologie konnte man zwar noch in der 
Anfangsperiode wissenschaftlicher Behandlung glauben, 
durch die sorgsame Beobachtung eines Ortes sich das 
Verständnis des Ganzen zu eröffnen. Erst spät seufzte 
Dove erleichtert: Man hat das endlich aufgegeben, denn 
„in dem bewegten Treiben der Atmosphäre kann keine 



XXIV Die hologäische Erdansicht in der 

Stelle sich isolieren, jede wirkt bedingend auf die be- 
nachbarten und diese wiederum zurück auf jene 2 )." Selbst 
die Behandlung von Erscheinungen, welche ihrer Natur nach 
geographisch eingegrenzt sind, wie der Passate, zeigt heute 
das Bestreben, eine hologäische zu sein. Die Dämmerungs- 
erscheinungen mit ihrer erdweiten Ausbreitung von einem 
kleinen Pünktchen der Erdoberfläche aus mußten auf diese 
Anschauung neulich selbst den Widerwilligen hinzwingen. 
So ist die Ozeanographie von der Auffassung der 
großen Bewegungen des Meeres als stückweiser zurück- 
gekommen, und läßt mächtige, wenn auch langsame Be- 
wegungen der Wässer bis in die Tiefen beider Hemi- 
sphären sich austauschen. Große Linien trägerer und 
beschleunigter Bewegung binden die vereinzelten Wirbel 
und Stromstücke früherer Ozeanographen zusammen und 
eine Karte der Meeresströmungen ist heute ein Bild all- 
gemeiner Bewegungen, alles Flüssigen an der Erde. Es 
hat durchaus nichts Befremdendes, anzunehmen, daß das 
gleiche Tröpfchen Wasser vom Kap der guten Hoffnung 
durch den Guineabusen quer über den Atlantischen Ozean 
in das Antillenmeer, den Golf von Mexiko, wieder zu- 
rück über den Atlantischen Ozean und nach Spitzbergen 
gelange; denn die Meeresströmungen sind nicht fort- 
schreitende Bewegungen, sondern fortschreitende Massen. 
Und dieses Fortschreiten verweilt nicht in einem Becken, 
sondern es findet besonders durch die zu den drei großen 
Ozeanen zentrale Lage der Eismeere ein Austausch von 
Meer zu Meer statt. 

Ozeanographie und Klimatologie sind nun für uns ein- 
heitliche Wissensgebiete. Warum denn ist es nicht ebenso 
mit der Biogeographie? Die wissenschaftliche Ent- 
wickelung ist hier von zwei verschiedenen Punkten als 
Pflanzengeographie und Tiergeographie ausgegangen und 
bis heute sind diese noch nicht zusammengetroffen. Pflicht 
der Geographie ist es aber auch hier, zusammenzufassen 
und ihrerseits mit der Schaffung einer Biogeographie 
voranzugehen, welche die Verbreitung alles Lebens über 
die Erde in seinen gemeinsamen Grundzügen behandelt. 
Das Leben, welches die Erde veredelt und verschönt, 



Meteorologie, Ozeanographie und Biogeographie. XXV 

ist ein Ganzes, dessen weit verschiedene Formen die 
Aeufierungen Einer Entwickelung sind. Wie die Erde, 
auf deren Oberfläche es sich entwickelt, Eine ist, ist auch 
dieses Leben Eines; der einzigen Unterlage entspricht der 
gemeinsame Ursprung. Wir kennen diesen Ursprung nicht, 
aber wir sehen alle Verwandtschaftslinien nach Einem Punkte 
zusammenstreben. Und in einer und derselben Richtung hat 
überall auf der Erde diese Entwickelung Umgestaltungen 
hervorgerufen. Aus anorganischen Stoffen sind organische 
geworden. Indem aus einfachen Stoffen zusammengesetz- 
tere sich hervorbildeten, die immer feinere, verwickeitere Be- 
ziehungen eingingen, hat zugleich auch die* Masse der orga- 
nischen Stoffe sich vermehren müssen, denn die höheren 
Entwicklungen setzen die niederen voraus, und sind nur 
möglich, wenn diese gleichzeitig mit ihnen vorhanden sind. 
In erster Linie dienen ihnen jene zur Nahrung, aber auch 
in anderer Beziehung baut sich ihre Existenz auf ihnen 
auf. Die Kokospalme setzt das Korallenriff, die Amsel 
den Wald, die Grille die Wiese voraus. Das höhere 
organische Leben hat eine mächtige Unterlage niederer 
Organismen. Ob diese Unterlage sich in gewaltigen toten 
Aufspeicherungen, wie Torf oder Steinkohle, oder in dem 
lebendigen Unterbau eines Riffes oder Waldes sich kund- 
gibt, so ist das geographische Bild unseres Planeten aufs 
mächtigste durch sie verändert worden, denn diese Vor- 
räte lagern an der Erdoberfläche oder liegen hart unter 
ihr, umgeben und verhüllen ihren anorganischen Kern. 
Die Zukunft wird diese Lager nach Verbreitung und 
Mächtigkeit genauer bestimmen und uns vielleicht zuerst 
mit einer Karte der Humusdecke der Erde beschenken, 
welche die Voraussetzung des Verständnisses großer bio- 
geographischer Erscheinungen ist. 

Das biogeographisclie Bild der Erde. Entsprechend 
den zwei Hohlsphären, in welchen wir Luft- und Wasser- 
hülle um den festen Kern des Planeten sich legen lassen, 
umgibt das organische Leben in einer Schicht des 
Luftlebens und einer Schicht des Wasserlebens jene dritte 
Schicht, in welcher an und in dem Boden das Leben 



XXVI Die Biosphäre. 

festeren Grund sucht. Das Leben in der Luft umgibt, 
wie die Atmosphäre selbst, den ganzen Erdkörper, das 
Leben im Wasser ist, wie das Wasser selbst, höchst un- 
gleich verteilt. Und das Gleiche muß von dem Leben 
an der Erdoberfläche gesagt werden, welches nur erblühen 
kann, wo diese Fläche für Luft und Sonne offen liegt. 
Das Leben ist also auf unserer Erde wesentlich eine 
Oberflächenerscheinung. Das Wasser ist durch Zusammen- 
setzung, Auflösungsfähigkeit und Verhalten zur Wärme 
der Entwickelung des Lebens am günstigsteh, während 
die Luft derselben am wenigsten entgegenkommt; die Luft 
hegt Leben großenteils nur leihweise, sie empfängt es 
von der Erde, die allein die Nährstoffe demselben dar- 
bietet; die Erde hegt das Leben in breiter, aber nicht 
tiefer Entwickelung und die größte Lebenstiefe ist im 
Wasser zu suchen. 

Fassen wir nun das Lebendige, das auf unserer Erde 
sich regt und bewegt, als eine zusammenhängende, wenn 
auch lockere Schicht auf, als eine Biosphäre, so er- 
kennen wir, daß dieselbe nur in den höchsten Erhebungen 
der Hochgebirge und an Stellen, die ewiges Eis bedeckt, 
Lücken zeigt oder mindestens stark verdünnt ist, daß sie 
dagegen ihre größte Mächtigkeit unfehlbar dort findet, 
wo das Meer die tiefsten Senken der Erdoberfläche aus- 
füllt. Aber durch Erde, Wasser und Luft wirkt und 
webt das Gewand der organischen Decke seine Fäden 
und selbst das Inlandeis Grönlands trägt einen dünnen 
Anflug lebendiger Wesen in den farbigen Schneealgen. 
Es greift auch nicht nur im Meere und den Seen in die 
Tiefe der Erde, sondern das Leben strebt auch in und 
mit den Wurzeln der Pflanzen, mit der Flora subterranea 
der Schächte und Gruben, mit der Fauna der Höhlen 
unter die Erdoberfläche hinab. Dieses Hinabstreben ist 
allerdings räumlich wenig bedeutend, wenn man es mit 
der Thatsache vergleicht, daß an den tiefsten Stellen des 
Meeres das Leben noch nicht ausgestorben ist. Es ver- 
stärkt mehr den Eindruck des innigen Verwachsen- 
seins der organischen Hülle mit der Oberfläche des Erd- 
körpers. In diesem weiten Rahmen bewegt sich das Leben, 



Das Leben und die Zeit. XXVII 

das ein Gewebe lebendig immer neu sich losender und 
verknüpfender Fäden ist. Schon Wachstum ist Bewegung, 
die irgendwie am Raum der Erde haftet und denselben 
in gewissem Maße überwächst, an diesem Raum daher 
sich mißt. Dazu kommen die Ortsbewegungen der ein- 
zelnen Wesen und der geselligen Erscheinungsformen, vor 
allem des pflanzlichen, aber auch des tierischen Lebens. 
Die Geschichte des Lebens zeigt ein klimatisch bedingtes 
Vor- und Rückschwanken der Baum- und Waldgrenzen 
an den Gebirgen und um die Pole, und die Korallenriffe 
sind heute auf ein schmäleres Band in den Tropen be- 
schränkt, als einst. Sind diese Bewegungen säkulare, so 
unterscheidet die Zeit und sonst nichts sie von jenen 
rascheren, welchen Luft und Wasser unterworfen sind. 
Zeitunterschiede sind aber keine Unterschiede des Wesens. 
Ob wir aus dem Füllhorne einen Becher oder eine Kanne 
schöpfen, ändert an der Sache nichts. Die Zeit ist ein 
unerschöpfliches Reservoir, aus welchem wir Jahresreihen 
in jeder Größe schöpfen können, und indem wir irgend 
einen Prozeß durch Verbindung mit denselben verviel- 
fältigen, können wir in einzelnen Fällen seine Wirkung 
sich vertiefen, in andern sich verbreitern lassen. Der 
letztere Fall ist der geographisch wichtigste, weil er die 
Wanderung einer Wirkung über große Teile der Erde, ja 
über die ganze Erde hin bedeutet und örtlich begrenzten 
Vorgängen eine Tragweite, das Wort wörtlich genommen, 
von unerwarteter Größe verleiht. Die Brieftaube ver- 
möchte den Erdball in 9 Tagen zu umfliegen, die Schnecke 
würde 600 Jahre brauchen. Aber diese langen Jahres- 
reihen messen noch lange keine geologische Periode, sie 
erscheinen uns vielmehr im Vergleiche mit solchen nicht 
viel größer als der Taubenflug. 

Nicht die Geologie allein braucht gewaltige Zeit- 
räume, damit vor dem forschenden Auge die in den 
Krusten der Vorzeit dicht übereinanderliegenden Zeug- 
nisse alten Geschehens auseinanderrücken und den Raum 
gewinnen, der ihr Werden zu erklären vermag. Sobald 
die Berechtigung der Inanspruchnahme großer Zeiträume 
einer Wissenschaft zugestanden wird, sind alle andern 



XXVIII Der Wechsel im Raum. 

gezwungen, diese selben Zeiträume in Rechnung zu setzen. 
Jede Wissenschaft, deren Prüfung das dünne, wenn auch 
vielfältig schillernde Oberflächenhäutchen der Gegenwart 
unterworfen ist, muß ihre Betrachtung in fernere Tiefen 
zurückleiten. Wenn wir die an der Bildung der Erde, 
welche Umbildung ist, arbeitenden Faktoren in einem 
Meere von Zeit ertrinken sehen, gewinnen wir erst den 
Maßstab ihrer Bedeutung. Der Anblick, den wir Gegen- 
wart nennen, ist nur zu verstehen als das uns zugewandte 
Angesicht einer Rätselgestalt, deren Schlangenleib in 
dämmernden Fernen sich verliert. Ohne die Fähigkeit, 
tief in die Vergangenheit zu blicken, ja mehr, ohne die 
Gewohnheit, jede strahlende Gegenwart in immer fernere 
Dämmerungen sich abtönen zu sehen, ist alle Geschichte 
der Welt, der Erde, ihrer Lebewesen und besonders auch 
des Menschen unverständlich. Und nur den Wert der 
perspektivlosen und daher in Naturlosigkeit verflachten 
Malereien der Chinesen erreichen die Bilder, welche uns 
ohne die Fähigkeit und Angewöhnung des Fernblicks, 
der hier zugleich Tiefblick ist, entworfen werden. 

Das uns bekannte Leben ist nur als ein tellurisches 
zu verstehen und darin liegt der mächtige, wiewohl oft 
übersehene Gedankenkern aller Biogeographie. Wenn 
Karl Ernst von Baer in dem Vortrage über „Das allge- 
meinste Gesetz der Natur in aller Entwicklung 3 )" be- 
weist, daß das im zeitlichen Wechsel der Individuen 
Bleibendere die Formen der Organisation sind, so haben 
daran die Jahrzehnte wenig geändert, welche verflossen 
sind, seit diese zu den geistreichsten Aeußerungen Baers 
zu zählende Darlegung ihre Hörer entzückte. Denn der 
große Naturforscher war auch in dieser Rede seiner Zeit 
vorangeeilt; er spricht in derselben Ansichten aus, welche 
die Entwickelung in der organischen Welt so sicher vor- 
aussetzen, wie wir dieselbe bei den Meistern unserer heu- 
tigen Biologie gegründet finden. Aber die Gegenseite 
des zeitlichen Wechsels finden wir auch dort nur flüchtig 
berührt, diesen Wechsel im Raum, in welchem das 
absolut Bleibende die Erde ist. Als Stoff und als Raum 
dieselbe und in beiden Eigenschaften immer in gleichem 



Die Reiche und Landschaften. XXIX 

Sinne alles organische Leben beeinflussend, kehrt die Erde 
in allem wieder, was auf ihr geworden. Das Wort irdisch 
bezeichnet nicht nur den genetischen Zusammenhang des 
Erdgeborenen, in ihm liegt das Kennzeichen der immer 
wiederkehrend gleichen stofflichen Zusammensetzung und 
des Erwachsens auf immer demselben irdisch beschränkten 
Räume. Die Entwickelung der organischen Welt muß 
den Stempel der Beschränktheit auf die bestimmte Menge, 
Gattung und Raumerfüllung irdischen Stoffes zu allen 
Zeiten, in allen Teilen tragen. 

Auch die bedeutendsten und neuesten Arbeiten auf 
dem Gebiete der Biogeographie vernachlässigen diese 
tellurischen Züge, sie gehen von den Landschaften aus 
und — bleiben bei den Landschaften stehen. Dies gilt 
vorzüglich von Grisebachs „Vegetation der Erde", an 
deren Schlüsse man nach der eingehenden, so ungemein 
vielseitigen, lehrreichen und, nicht zuletzt, auch schönen 
Darstellung der Vegetationsgebiete schmerzlich das zu- 
sammenfassende Wort vermißt, welches an die wichtigste 
aller pflanzengeographischen Thatsachen erinnert, daß die 
Pflanzenwelt auf der Erde insgesamt in bestimmter Ver- 
teilung lebe, daß sie immer an dieselbe gebunden bleiben 
werde und daß die Vegetationsgebiete doch immer 
nur Provinzen dieses großen Pflanzenreiches unseres Pla- 
neten seien, welches seine aus dieser Grundbedingung 
hervorgehenden Merkmale noch tiefer eingeprägt zeigen 
wird, als die Pflanzenwelt Australiens oder Südafrikas die 
ihren 4 ). Man wird natürlich nicht nach der Zahl der 
kosmopolitischen Arten den Grad der Uebereinstimmung, 
des inneren Zusammenhanges bestimmen wollen, wiewohl 
einzelne Fälle allgemeiner Verbreitung sehr interessant 
sein können für die Beurteilung des Mechanismus der 
Ausbreitung. Vielmehr wird man in der weiten Verbrei- 
tung beschränkter Gruppen, die in eine Fülle leichter Ab- 
änderungen auseinandergehen, jenes Merkmal hauptsäch- 
lich zu suchen haben. Und die verhältnismäßige Be- 
schränktheit des Erdraumes wird am allerdeutlichsten sich 
dort zeigen, wo eine Gruppe einen geringen Vorsprung 
der Verbreitungsfähigkeit gewonnen hat. In kurzer Frist 



XXX Weite Verbreitung geringer Unterschiede. 

wird sie weite Gebiete erwerben und in deren verschie- 
denen Lebensbedingungen den Anlaß zu Differenzierungen 
gefunden haben, welche aus einer kleinen Summe von 
Sondermerkmalen eine artenreiche und doch im tieferen 
Grunde einförmige Familie hervorgehen lassen. Dieser 
charakteristisch tellurischen Erscheinung weiter Ver- 
breitung geringer Unterschiede werden wir vor 
allem in der Menschheit begegnen. Das Ergebnis größerer 
Beweglichkeit eines organischen Wesens ist nicht allein die 
Gewinnung weiter Wohngebiete, sondern bei Umfassung 
der ganzen Erde oder wenigstens eines sehr großen Teiles 
derselben die Erwerbung der Vorteile, welche mit mannig- 
faltigen neuen Wohnplätzen für die Fortentwickelung der 
Arten und Gattungen gegeben sind. Eine beschränkte 
organische Form vermag mit Hilfe dieser Vorteile ein Ueber- 
ge wicht zu erlangen, welches alle anderen verwandten Formen 
zurückbleiben läßt, während jene in der ermüdenden Ein- 
förmigkeit leichter Variationen eines beschränkten Themas 
sich breit ergeht. Wie gering sind die tieferen Diffe- 
renzen der Organisation im weiten, oberflächlich formen- 
reichen Verwandtschaftskreise der Vögel, der Käfer, der 
Schmetterlinge! Es tritt hier ein Mangel an Tiefe her- 
vor, welcher bei Voraussetzung größerer Möglichkeit 
der Ausbreitung, auf einem größeren Planeten minder 
deutlich zur Ausprägung gelangen könnte und in diesem 
Mangel liegt ein allgemeines Merkmal tellurischer Schö- 
pfung. Oertliche, landschaftliche Merkmale in den organi- 
schen Wesen zu finden, scheint leichter, weil die Verglei- 
chung der unter den Einflüssen verschiedener Landschaften 
erwachsenen Formen möglich ist. Für die planetarischen 
Merkmale fehlt natürlich der Vergleich, und darin liegt es 
hauptsächlich, warum sie nicht beachtet wurden. Indessen 
verfügt die Logik über andre Werkzeuge, wo der bequeme 
Vergleich des Aehnlichen fehlt, denn Größe und Form der 
Erde wirken auf irdische Lebewesen nicht anders zurück, 
als Größe und Form irgend eines Teiles der Erde. 

Kaum und Zeit. Wenn dieselben Kräfte auf einen 
großen und einen kleinen Körper wirken, werden sie 



Raum und Zeit. XXXI 

diesen früher als jenen umgestalten. Wenn z. B. von 
den beiden Polen eines kleinen Planeten, der erkaltet, 
Eismassen äquatorwärts fließen, werden sie endlich den 
ganzen Körper bedecken, während an einem größeren 
Körper, welcher unter denselben Bedingungen steht, dieser 
Vorgang viel längere Zeit brauchen und sogar einen äqua- 
torialen Raum freilassen wird. Die Eruption eines Kra- 
katoa vermochte die ganze Erdatmosphäre mit ihrem 
Staube zu schwängern, sie würde das gleiche auf einem 
Planeten von doppelter Größe entweder nicht oder nur 
in einer viel längeren Zeit fertiggebracht haben. Es ist 
sehr klar, daß dieselbe Wirkung mehr Zeit braucht, um 
einen großen, als um kleinen Raum zu durchwandern. 
Damit ist ein ebenso klarer Zusammenhang zwischen 
Raum und Zeit ausgesprochen und der Geographie zu- 
gleich die Aufgabe zugewiesen, für die Erde diesen Zu- 
sammenhang zu untersuchen. Wir können auch in diesem 
Falle die Erde als eine beständige Größe auffassen und 
alle Kräfte, welche an ihr und auf sie wirken, mit der 
dadurch gegebenen beständigen Raumgröße, zunächst mit 
9261000 Quadratmeilen Oberfläche in Beziehung setzen, 
d. h. sie an ihr messen. In dem Falle, der uns vorliegt, 
ist es das Leben, welches über diese Fläche sich ausbreitet, 
sie zu umwandern strebt und dessen einzelne Ausge*stal- 
tungen in einem und demselben Zeitalter ganz verschiedene 
Bezirke derselben in Anspruch nehmen, während in ver- 
schiedenen Zeitaltern die Ausdehnungen des Gesamtlebens 
und der Einzelformen ganz verschiedene waren. Jener 
Abschnitt der Diluvialperiode, den wir Eiszeit nennen, 
war durch eine viel geringere Ausdehnung der Lebens- 
fläche oder allgemeinen Oekumene der Erde bezeichnet als 
die Gegenwart, und jedes Zeitalter der Erdgeschichte ist 
durch eine charakteristische Ausdehnung dieser Größe 
gekennzeichnet. 

Nun ist zwar die Geschichte der Schöpfung ein 
Nacheinander, aber es liegt in ihr die Möglichkeit 
einer ganz verschiedenen Ausprägung dieses Nacheinander 
in der Querschnittfläche, die wir Gegenwart nennen. Aus 
der zeitlichen Aufeinanderfolge könnte eine räumliche An- 



XXXII Nacheinander und Nebeneinander. 

einanderreihung werden. Diese Möglichkeit lag allerdings 
nicht in Cuviers Glauben an eine Aufeinanderfolge streng 
abgegrenzter Schöpfungen, deren jede zu einer gewissen 
Zeit entstanden und zu einer andern Zeit in ihrer Ge- 
samtheit vergangen, d. h. vernichtet worden sei. Es 
wurden von dieser Anschauung Kräfte des Werdens und 
Vergehens, die von gewaltiger Ausdehnung sein mußten, 
um die ganze Erde zu besamen und wieder zu entvölkern, 
aufgerufen und der geographische Adspekt der Cuvierschen 
Voraussetzungen sind Sündfluten, allgemeine Weltbrände 
und hologäische Eiszeiten. Die Geschichte schichtete hier 
übereinander und bei der allgemeinen Zerstörung wurde 
immer die ganze Erdoberfläche neu- oder umgeschaffen. 
Einen ganz andern Sinn birgt die moderne Anschauung von 
allmählicher Entwickelung im Nacheinander leichter Ueber- 
gänge: Zu jeder Zeit findet ein allverbreitetes Entstehen 
und Vergehen statt. Hier regt sich ein Werden, dort senkt 
es sich zum Absterben, beständig und überall lebt Altes und 
Neues nebeneinander und jedes Vorhandene ist nur ein 
Glied einer Kette, die ins Unsichtbare vor- und zurück- 
reicht. Der geographische Adspekt dieser Anschauung 
läßt jeden einzelnen Punkt der Erde als Schöpf ungs* 
Zentrum erkennen, von welchem aus die lebenskräftigen 
Formen sich über einen kleineren oder größeren Teil der 
Erde oder über die ganze Erde verbreiten. Das zeitliche 
Nacheinander der Entwickelungsstufen kann hier zum 
Miteinander im räumlichen Sinne werden, d. h. es ver- 
mögen ältere und neuere Glieder einer Entwickelungs- 
kette nebeneinander zu existieren. Man hat sich längst 
gewöhnt, in Australien eine ältere Lebewelt, im paläark- 
tischen Gebiet eine jüngere zu erkennen. Soweit die 
Erde Raum gewährt, beherbergt sie Vertreter der ver- 
schiedenen Epochen, die in der Entwickelung der organi- 
schen Welt unterschieden werden. Es ist insofern zweifel- 
los, daß ein Planet von doppelt so großer Oberfläche auch 
doppelt so große Verschiedenheiten in der organischen 
Welt obwalten, d. h. einen doppelt so großen Betrag 
älterer Formen neben den jüngeren fortleben lassen würde, 
vorausgesetzt, daß die Verbreitungsfähigkeit in beiden Fällen 



Der Kampf um Raum. XXXIII 

dieselbe sein würde. Die Summe der Bewohner würde 
entsprechend größer, aber die Wirkung aller trennenden 
Momente, besonders der Meere und ihrer Teile, um eben- 
soviel tiefer sein. Die Fäden der Wechselwirkungen zwi- 
schen den einzelnen Organismen würden daher über weitere 
Räume ausgespannt werden und müßten an viel mehr 
Stellen zerrissen sein. Jene Besonderheiten, in welchen 
wir Merkmale der insularen Faunen und Floren erblicken, 
würden sich verschärfen, denn die Erdteile würden in 
höherem Maße Weltinseln und die Inseln würden zahl- 
reicher und geräumiger, endlich ihre Lebewesen würden 
zahlreicher und könnten mannigfaltiger sein. Kurz, der 
Charakter der Lebewelt würde ein spezifisch andrer bei 
Veränderung der Größe des Planeten sein, vor allem weil 
ihre Entwickelung sich in einem langsameren Tempo 
vollzogen hätte. 

Der Kampf um Raum. Von dem Augenblicke an, daß 
man so dem Raum einen Einfluß auf die Schicksale der 
lebendigen Wesen einräumt, welche die Erdrinde in Mil- 
lionen von verschiedenen Formen bevölkern und in aber 
und aber Millionen von noch tiefer verschiedenen Formen 
dereinst bevölkert haben, erscheint die Beachtung der Raum- 
verhältnisse unsrer Erde als eine notwendige Bedingung 
des Gelingens aller biogeographischen Untersuchungen. 
Es wird aber gewiß niemand leugnen wollen, daß jedes 
pflanzliche, tierische oder menschliche Wesen für sein 
Gedeihen einen bestimmten Raum verlangt. Und wenn 
man weitergeht, so lehrt die Flora und Fauna kleinerer 
Inseln, daß auf engbegrenztem Räume andre Eigen- 
schaften zur Entwickelung bei Pflanzen- und Tierarten 
kommen, als wo weite Gebiete sich der Verteilung der 
Massen von Individuen darbieten, welche eine Art aus- 
machen. Die paar Quadratmeilen, auf welche der euro- 
päische Bison oder der Steinbock der Alpen einge- 
schränkt sind, zeigt diese Arten im stärksten Rückgang 
und dem Erlöschen nahe. Sie blühten, als sie noch 
Wohnsitze vom tausendfachen Betrage der Oberflächen- 
größe derjenigen einnahmen, auf welche sie heute zurück- 

Ratz ol v Anthropogeographie II. III 



XXXIV Der Kampf ums Dasein 

gedrängt sind. Teile der Menschheit, die man zwar nicht 
als Arten mit diesen Tieren vergleichen, aber immer- 
hin als gut charakterisierte besondere Gruppen ansehen 
kann, wie die Tasmanier, sind ausgestorben. Zweifelt 
man, daß sie sich länger erhalten haben würden, wenn 
sie auf einen bedeutend größeren Raum als dem dieses 
Tasmaniens sich hätten bewegen können, welchen man 
kaum mit der Oberfläche von Bayern, ohne die Pfalz, ver- 
gleichen kann? Wie lange wird es dauern, daß über dem 
alten Stamme der Basken, Träger eines Sprachstammes, 
der einst viel weiter verbreitet gewesen sein muß, die 
Wogen spanischen und französischen Volkstums zusammen- 
schlagen? 

Der Kampf ums Dasein wird durch den Raum, der 
ihm gewährt wird, ebenso beeinflußt, wie jene Höhepunkte 
bewaffneter Konflikte der Menschen, die wir bezeichnen- 
derweise Schlachten nennen. Dieser Kampf läßt sich wie 
die Schlacht auf vor- und zurückdrängende Bewegungen 
zurückführen. Auf weitem Räume kann der Gegner aus- 
weichen, auf engem wird der Kampf verzweifelt und ent- 
scheidend, weil kein Ausweg bleibt. Die Größe des 
Kampfplatzes ist also von entscheidender Bedeutung. 
Charles Darwin, der den Kampf ums Dasein nicht er- 
funden, aber seine hohe Bedeutung für die Geschichte 
des Lebens am eingehendsten gewürdigt hat, hält in 
erster Linie den Blick auf die Vermehrungskraft der 
Organismen gerichtet, welche ungehindert nur bei ent- 
sprechender Ausbreitung über einen größeren Raum statt- 
finden kann. Dies ist der Ausgangspunkt des berühmten 
dritten Kapitels des Buches „Origin of Species". Die 
Betrachtung des geometrischen Wachstums der Vermeh- 
rung führt ihn zu der Annahme, daß der Mensch, wie- 
wohl er zu den langsam sich vermehrenden Wesen ge- 
hört, in weniger als 1000 Jahren bei ungehemmter Ver- 
mehrung die Erde so ganz erfüllen müßte, daß kein 
Raum mehr übrig bliebe, oder daß das langsamst sich 
vermehrende von allen Tieren, der Elephant, in 740 bis 
750 Jahren mit in minimo nahezu 19 Millionen als Abkömm- 
lingen eines Paares die Erde bevölkert hätte 5 ). Merk- 



als ein Kampf um Raum. XXXV 

würdigerweise wird das bei solcher Vermehrung endlich 
mit Notwendigkeit entstehende Mißverhältnis zwischen 
diesem fortwachsenden Leben und dem Raum, über den 
es sich ausbreiten will, nicht mehr für die Gesamterde 
betont, wiewohl darin die Ursache aller weiteren Miß- 
verhältnisse gelegen ist. Die Betrachtungen heften sich 
an die Landschaften, an die tier- oder pflanzengeographi- 
schen Provinzen, in denen allein der Ursprung der Sonder- 
merkmale größerer Gruppen und zugleich ihre Umgren- 
zung gesucht wird. Daß aber der ganzen Lebewelt unsrer 
Erde ein der Größe des Planeten entsprechender Charakter 
zukommen müsse, der in enger Verbindung mit jener 
zuerst aufgeworfenen Raumfrage steht, wird weiter nicht 
verfolgt. Und doch liegt gerade hierin ein im Wechsel 
an der Erdoberfläche Bleibendes und darum doppelt 
Wichtiges, denn die Lebewelt unsrer Erde ist das Er- 
zeugnis eines Kampfes auf der ganzen lebenhegenden Fläche 
des Planeten und trägt die Spuren dieser Beschränkung. 
Die scharf gesonderten Arten der Pflanzen und Tiere, 
Ergebnisse dieses Kampfes, welche nicht eine so große 
Rolle in der Entwickelung der botanischen und zoologi- 
schen Disziplinen hätten spielen können, wenn sie bloß 
Gedankendinge wären, scheinen im Widerspruch zu stehen 
zu dem überwältigenden Betrage von Aehnlichkeiten und 
Verwandtschaften, welche in der Tiefe das an der Ober- 
fläche getrennte verbinden. Man erwartet in der Fülle 
der Individuen, in die eine Art sich auseinanderlegt, Ueber- 
gänge nach allen Seiten hin zu finden, und man begegne! 
jener bis zum Scheine der Uebereinstimmung gesteigerten 
Aehnlichkeit, welche im Umkreis dieser Individuenzahl 
aufhört, so daß in vielen, ja den meisten Fällen die Art 
wohlumgrenzt sich vor uns ausbreitet. Uebergänge in 
der Tiefe, Abgrenzungen an der Oberfläche, das ist die 
Signatur unserer Schöpfung von heute. Es ist die tellu- 
rische Signatur und vor allem das Merkmal der im engen 
Raum sich drängenden, beschleunigenden Entwickelung. 
Nicht in den inneren Eigenschaften, welche den Gang 
des Lebens beeinflussen, liegt der Unterschied der Gruppen 
der Menschheit, sondern im Haar und in der Haut, also 



XXXVI Biogeographische Wirkungen 

im wahren Sinn des Wortes an der Oberfläche. Hier 
kommen nicht einmal Arten, sondern nur Rassen zur Aus- 
bildung. Die Stämme des Tier- und Pflanzenreichs sind 
Aeste eines Grundstammes, deren mit den geologischen Zeit- 
räumen zunehmendes Auseinanderstreben wir wahrnehmen; 
aber ebenso augenfällig wie ihre Verwandtschaft ist die 
Sonderung der Arten, in welche die Zweige und Zweigchen 
zuletzt wie ein Baum in seine Blätter auslaufen. Das 
Bild tropischer Bäume, deren Aeste lange beisammen 
bleiben, um unerwartet in den breiten Schirm einer viel- 
verzweigten Krone überzugehen, wird uns in die Erinne- 
rung gerufen. 

Biogeographische Wirkungen der Erdgestalt. Nächst 
der Größe tritt die Form als allgemeine planetarische 
Eigenschaft der Erde uns entgegen. Die Geoidform der 
Erde mit der geringen Abplattung von */28 9, wir können 
in dieser Anwendung fast ebensogut sagen die Kugel- 
form, verleiht jeder Bewegung, welche an ihrer Ober- 
fläche stattfindet, die Eigenschaften einer krummen Linie, 
welche, wenn sie im gleichen Parallel fortgesetzt wird, 
sich zu einem Kreise schließen muß, unter allen Um- 
ständen aber, wenn sie auf anderem Wege zum Ausgangs- 
punkte zurückkehrt, eine krummlinige geschlossene Figur 
bildet. Wer die Reise um die Welt von Hamburg über 
New York, San Francisco, Singapur, Aden, Suez, Gib- 
raltar, Hamburg macht, hat eine in sich zurücklaufende 
Kurve beschrieben, welche einen größten Kreis an der 
Erdoberfläche um ein beträchtliches übertrifft. Die erste 
Weltumsegelung, welche 1519 von S. Lucar ausging, hatte, 
als sie 1522 in denselben Hafen zurückkehrte, nahezu den 
anderthalbfachen Betrag eines größten Kreises zurück- 
gelegt. Die Erdumsegelungen in hohen südlichen Breiten, 
welche Cook und Wilkes durchführten, beschrieben natür- 
lich viel kleinere Kreise, wie denn überhaupt die end- 
gültig größte, durch keine Eisenbahn und keinen Kanal 
zu überwindende Schwierigkeit des Verkehres immer die 
sichere Unmöglichkeit bleiben wird , vom 60. ° an pol- 
wärts ein in jeglicher Zeit des Jahres schiffbares, d. h. 



der Erdgestalt. XXXVII 

vom treibenden Eise freies Meer zu finden. Je kleiner 
die Parallelkreise, desto kürzer die Wege, welche in ihrer 
Richtung um die Erde fuhren. Wenn einst die Klima- 
zonen sich zwischen minder ausgedehnten und vereisten 
polaren Kugelhauben um die Erde legten, gab die er- 
weiterte Möglichkeit zirkumpolarer Wanderungen einen 
folgenreichen Anlaß zu bunterer Mengung, lebhafterer 
Wechselwirkung der Lebewesen untereinander. Sobald 
diese polnahen, kürzer um die Erde führenden Wege 
vom Eise blockiert wurden, mußten alle Wanderungen 
länger, schwieriger werden. Nicht bloß der Raum ver- 
engte sich für fast alle Landbewohner und viele Bewohner 
der Tiefe, auch der Austausch der Wohnplätze wurde 
seltener. So leben wir heute in einer Zeit geringerer 
Lebensfülle und beschränkterer Bewegung und Beziehung. 
In einer solchen Zeit, und mehr noch in der nächstvor- 
hergegangenen diluvialen Eiszeit, unter deren Zeichen 
noch heute die Verbreitung der Lebewelt steht, gewannen 
bei Zurückdrängung der Wanderwege gegen die Zone 
größerer und größter Kreise unter Verschließung der kürze- 
sten, den Pol umziehenden oder schneidenden Wege die 
trennenden Momente das Uebergewicht über die vereinigen- 
den. Dauern solche Verhältnisse fort, dann werden in den 
gemäßigten und warmen Strichen der Erde sich in schär- 
ferer Sonderung wenige Faunen und Floren herausbilden, 
welche polwärts gegen einförmige, verarmte Zirkumpolar- 
floren und -faunen sich immer schärfer absetzen werden. 
Nur in den Polarregionen, die, ohne geographisch ge- 
schlossen zu sein, unter dem energischen Einfluß gleicher 
Klimabedingungen zu Gebieten übereinstimmender Belebung 
geworden sind, ist die gürtelförmige Verbreitung um die 
Erde Regel. Dieselbe wird immer seltener nach dem 
Aequator hin, aber noch verlaufen die nördlichen und 
südlichen Grenzlinien im allgemeinen gleichmäßiger, als 
die östlichen nnd westlichen. Haben wir mit 50 ° N. B. 
die Grenze des Waldgürtels der nördlichen Halbkugel 
erreicht, so betreten wir die Zone zunehmender Sonde- 
rung im wärmeren gemäßigten Erdgürtel und die Ge- 
biete der Pflanzen- und Tierverbreitung werden einmal 



XXXVIII Wirkungen der Erdgestalt. 

im ganzen kleiner, verlieren aber ganz besonders an lati- 
tudinaler Erstreckung und sind an den polaren Rändern 
gleichmäßiger begrenzt, als an den äquatorialen. Auch 
unter den Verbreitungsgebieten der Menschen überragen 
diejenigen der alt- und neuweltlichen Hyperboreer alle 
andern an latitudinaler Erstreckung. 

Nehmen auch die Wohngebiete des Menschen noch 
nicht zwei Dritteile der Erdoberfläche ein, so ist doch 
dieser Bruchteil entschieden beeinflußt durch die Größe 
und Gestalt der Erdkugel. Insofern kommt auch dem 
Menschen eine Beziehung zur Gesamterde zu und kann 
durch die Beschränkung seiner Wohnsitze nur gemindert, 
nicht aufgehoben werden. Die Oekumene kann so groß 
und so gestaltet nur sein, weil sie der Erde angehört. 
Und damit ist es ausgesprochen, daß die geographische 
Verbreitung des Menschen ebensowenig ohne Bezugnahme 
auf die ganze Erde gewürdigt werden kann, wie die geo- 
graphische Verbreitung irgend eines diese ganze Erde 
umfassenden Bewohners. 

Die Abschnitte der Oberfläche der Kugel sind unter- 
einander übereinstimmender, als diejenigen irgend eines 
andern von gekrümmten Flächen eingeschlossenen Kör- 
pers. Auf keinem andern Körper können Wanderungen 
und Umwanderungen so frei von Hindernissen der all- 
gemeinen Bodenform sich vollziehen. Aber auch für 
die Ausgestaltung der Erdoberfläche in Erdteilen, In- 
seln, Meeren, bedingt die überall wesentlich gleich ge- 
krümmte Unterlage der Kugelflächen ähnliche Verhält' 
nisse. Wenn man den geringen Betrag der Unebenheiten 
und Ungleichheiten der Erdoberfläche bei einem allge- 
meinen Ueberblick gleichsam hinter dem Gemeinsamen 
zurücktreten sieht, — nicht zufällig zeigt uns auch die 
Geschichte der Erdkunde die Aufsuchung von Aehnlich- 
keiten in Umriß- und Bodengestalt als frühes und immer 
wiederkehrendes Bemühen — so erinnere man sich an 
dieses tellurische Merkmal, der nächsten Folge einer der 
Kugelgestalt sich nähernden Form des Planeten, aus 
welcher zugleich die an den verschiedensten Punkten 
wenig variierende Schwere hervorgeht. Man hat sich end- 



Biogeographische Einzelaufgaben. XXXIX 

lieh desselben in allen Betrachtungen über die verhältnis- 
mäßig so einfachen, geraden Wege zu erinnern, welche der 
menschliche Geist bei der Lösung des Problemes der Erd- 
gestalt gegangen ist. Die überaus ähnliche Oberfläche der 
Kugelgestalt konnte nur die Vorstellung der kreisförmigen 
Fläche, das homerisch-hesiodische Weltbild, eingeben und 
da in der Erdgestalt kein Anlaß zur Abirrung von dieser ge- 
geben ist, konnte sich nur die Vorstellung von der Erdkugel 
entwickeln. Ist nun für uns die Erde keine reine Kugel 
mehr, so sind doch ihre Abweichungen nicht bedeutend 
genug, um einer Sonderung in natürliche Abschnitte mehr 
entgegenzukommen als die Kugel, der einheitlichste aller 
geometrischen Körper. Von dem PentagonaldodekaSder 
Elie de Beaumonts und andern die Einteilung der Ober- 
fläche erleichternden Regelmäßigkeiten ist es daher bald 
wieder still geworden. In der gewaltigen Wirkung der 
Kugelgestalt auf alle an der Erdoberfläche sich vollziehen- 
den Bewegungen verschwinden diejenigen der kleinen Un- 
regelmäßigkeiten, wo sie sich nicht zu scharfen Gegen- 
sätzen der Oberflächenform in örtlicher Beschränkung 
zuspitzen. 

Die Einzelaufgaben der allgemeinen Biogeographie. 

Dieses Gerüst von Grundlinien haben die Einzelforschungen 
auszufüllen, wobei manchmal etwas andre Wege zu be- 
schreiten sein werden, als diejenigen der von anderm 
Boden ausgehenden Pflanzen- und Tiergeographen. Es 
wird eine Gruppe von Problemen der Bewegung sich als 
mechanische Biogeographie und eine Gruppe von 
Problemen der Lage als statische Biogeographie 6 ) 
absondern; die lebendige Verbindung zwischen beiden 
wird aber in der Thatsache der wesentlichen Zugehör 
der Bewegung zum Leben liegen, die jeder statischen 
Betrachtung den Stempel der Betrachtung eines vorüber- 
gehenden Ruhezustandes aufprägt. In der einen wie der 
andern Gruppe würde zuerst das Leben als ein Ganzes, 
dann nach seinen einzelnen natürlichen Gruppen und 
Teilen zu betrachten sein, so daß also die mechanische 
Biogeographie zunächst die Verschiebungen zu untersuchen 



XL Die Einzelaufgaben der 

hätte, welche die Biosphäre oder die zusammenhängende 
Lebensfläche der Erde an den Stellen ihres Zusammen- 
grenzens mit den unbelebten Gebieten erfährt, und ähnlich 
sind die Bewegungen an den Rändern der großen natür- 
lichen Lebensgebiete, z. B. gegen die Wüsten zu unter- 
suchen. Aber zuletzt hat jede Pflanzen- und Tierart, so wie 
die Menschheit sich in ihrer Oekumene begrenzt, ihre Oeku- 
mene, ihr Gebiet, welches wachsen oder abnehmen wird. 
Die Bewegungsweisen und -mittel und die Geschwindig- 
keit der Bewegung, sowie deren Beeinflussung durch die 
Bodengestalt und -art sind ebenfalls zu bestimmen, wobei 
der Geograph ganz besonders berücksichtigen wird, daß die 
Wanderwege der lebenden Wesen an der Erdoberfläche 
keine Linien darstellen, sondern mehr oder weniger breite 
Flächen bandförmig bedecken. Ausbreitungen und Zusam- 
menziehungen dieser Bahnen sind nicht bloß vorauszusehen, 
sondern wegen des Einflusses der Bodengestalt notwendig. 
Dabei leitet aber die für diese äußeren Bewegungen so 
wichtige innere Bewegung, welche der räumliche Aus- 
druck des Wachstums durch Vermehrung ist, bereits zur 
statischen Biogeographie über, in welcher auf dieselbe die 
Dichtigkeit und Intensität der Verbreitung sich gründen, 
aus welchen weiterhin äußere Bewegungen hervorgehen. 
Zunächst wird die statische Betrachtung die Lage des 
Lebensgebietes der Erde und jedes besonderen Gebietes der 
natürlichen Gruppen, endlich jedes Art- und Varietäten- 
gebiet bestimmen; daran wird sich die Bestimmung der 
Form und die der Größe der Gebiete anreihen und einen 
besonders anziehenden Gegenstand der Untersuchung wer- 
den die Grenzen bilden, deren Verlauf der Ausdruck des 
Wachstums oder Rückganges ist und die in ihrem Wesen 
die innere Beschaffenheit, besonders die Dichtigkeit der 
von ihnen umschlossenen Gebiete gleichsam abbilden. So 
wenig wie die Wanderwege werden sie als einfache Linien 
zu betrachten sein, sondern sie stellen Uebergangszonen 
von eigentümlicher Mischung und Umbildung der Formen 
dar und bei ihrer Bestimmung wird man daher nicht auf 
eine Linie, sondern auf einen Saum, gebildet von mehreren 
Linien, ausgehen, welche als Abstufungen aufzufassen sind, 



allgemeinen Biogeographie. XLI 

und man wird Lebensgebiete von derartigen Linien kon- 
zentrisch begrenzt finden. Die Verteilungsweise der In- 
dividuen innerhalb dieser Gebiete wird nach Dichtig- 
keit und Gruppierung verschieden sein. Wir haben 
zusammenhängende Wälder/Galerien- und Savannen wälder, 
Korallenriffe und Korallenstöcke, Städte, Dörfer und Höfe. 
Im Meere und im tropischen Walddickicht schichten sich 
Lebensflächen in größerer Zahl (»Ein Wald über dem 
Wald" A. von Humboldts) übereinander und man kann 
von Intensität der Verbreitung als einem höheren Grade 
von Dichtigkeit in demselben Sinne sprechen, wie der 
Statistiker dies angesichts der großstädtischen Ueberein- 
anderschichtung der Wohnungen in türmenden Häusern 
thut. Sind Dichtigkeit und Intensität Größenbegriffe, so 
gesellt sich in der Gruppierung ein Formbegriff hinzu, 
der zum erstenmale und aufs % feinste von A. von Humboldt 
in dem Aufsatz „Ideen zu einer Physiognomik der Ge- 
wächse " entwickelt worden ist. 

Man wird als eine besonders große Gruppe alle jene Er- 
scheinungen zusammenfassen, welche dauernde Lagen- 
und Lebensbeziehungen der verschiedenen Lebens- 
formen darstellen. Man könnte sie symbiotisch im wei- 
testen Sinne nennen. Pflanzen-, Tier- und Menschenreich 
hängen in mannigfaltiger Weise zusamman und nicht bloß 
oberflächlich und zufällig, wie schon das Zusammenfallen 
ihrer Verbreitungsgebiete — Mensch und Mus decumanus — , 
das gleichzeitige Auftreten von Pflanzen- und Tierformen 
— Wald- und Steppenbewohner — und ähnliches lehrt, 
sondern wesentlich und bis in die Tiefe der Lebensbe- 
dingungen und der entferntesten Entwickelung. Was in 
diesem Felde die Lebenseinheit unsres Planeten bezeugt, 
ist für die allgemeine Biogeographie von so unmittelbarer 
Wichtigkeit, daß dieses Kapitel seine Stelle mit vollem 
Recht an der Spitze des Systems dieser Wissenschaft finden 
dürfte. 

Die wichtige Aufgabe der Beschreibung, welche 
der statische Teil der Biogeographie stellt, wird endlich 
nicht einfach nach den Regeln andrer beschreibenden 
Wissenschaften zu lösen sein, denn es handelt sich nicht 



XLII Anmerkungen. 

um Darstellung abgeschlossener Gegenstände in Worten, 
Linien oder Farben, sondern auch um landschaftliche 
Schilderungen, Bilder und kartographische Zeichnungen, 
welche die in aller Wissenschaft wirksame Gestaltungs- 
kraft zu künstlerischer Bethätigung aufrufen. 



*) Diese beiden Worte des Titels sind nicht selbstverständ- 
lich; eine kurze Erklärung mag daher gestattet sein. Dieselbe 
muß bei dem ersten Worte zugleich eine Entschuldigung sein, 
denn Ein neues griechisches, ein schwerfälliges Wort, welcher 
TJeberfluß! höre ich schön klagen. Ich habe mich bemüht, das 
Umfassen der ganzen Erde in ein deutsches Wort zu bannen, es 
gelang nicht; umfassend ist zu wenig, erdumfassend kann nicht 
mit Erdansicht verbunden werden, allerdig ist mißverständlich, 
allerdisch unverständlich, allirdisch liegt in falscher Richtung. Ich 
hielt also den Moment einer Neuschöpfung für gegeben. Das 
W$rt hologäisch ist formal unanfechtbar, und kann mit demjenigen 
Inhalte erfüllt werden, der dem Zwecke entspricht. Und nicht 
sein kleinster Vorzug war die Möglichkeit, neben Erdansicht zu 
stehen, ohne die Tautologie allzu empfindlich werden zu lassen. 
Weltansicht war, das wird der Inhalt der vorangehenden Abschnitte 
beweisen, zu vermeiden, denn gerade diese Erde ist in unserer An- 
sicht weitaus das wichtigste. 

2 ) Die klimatischen Verhältnisse des preußischen Staates, 
III. S. 74. 

8 ) Reden und kleinere Aufsätze 1864. I. S. 35—75. Die Rede 
ist 1833 oder 34 gehalten. 

4 ) Auch C. Semper spricht, indem er die Ziele der modernen 
Tiergeographie zeichnet, nicht von dem Raumproblem, doch ist 
es unzweifelhaft, daß er dasselbe unter „die Beziehungen aller 
jetzt lebenden Tiere zu ihrer Umgebung 11 subsumiert, deren Er- 
forschung ihm das höchste Ziel der Tiergeographie zu sein scheint, 
(Ueber die Aufgabe der modernen Tiergeographie. 1879. S. 26.) 

5 ) Origin of Species flth Ed. (1872) S. 51. 

6 ) Der Ausdruck Biostatik ist nicht neu. Man findet ihn z. B, 
in Thurmans pflanzengeographischer Arbeit Essai de Phytostatique. 



ERSTER ABSCHNITT. 



DIE UMRISSE DES GEOGRAPHISCHEN BILDES 

DER MENSCHHEIT. 



Ratzel. Anthropogeographie II. X 



1. Die Erde des Menschen oder die Oeknmene. 



Der Begriff „Oekumene". Umgrenzung. Die Siidgrenze. Die Nord- 
grenze. Alte und neue Nordgrenze. Ueber Lage und Größe der 

Oekumene. 



Der Begriff „Oekumene". Die Alten hielten einen 
großen Teil der Erde für unbewohnt und unbewohnbar; die 
bewohnte Erde war ihnen nur ein kleiner Teil des Planeten. 
Diesen Teil nannten sie „ Oekumene" . War nun auch diese 
Vorstellung insofern unrichtig, als jene dem bewohnten 
Teil einen zu kleinen Raum anwiesen, so liegt doch in der 
Entgegensetzung einer bewohnten und unbewohnten Erde 
ein Gedanke von so großer Fruchtbarkeit, daß die irrtüm- 
liche Anwendung denselben nicht für immer wertlos zu 
machen vermag. Es ist dies vielmehr ein Grundgedanke, 
von welchem die Betrachtung der Verbreitung des Lebens, 
und nicht bloß des menschlichen, über die Erde jederzeit 
wird ausgehen müssen. Wenn auch der Mensch geistig 
die ganze Erde umfassen lernte und weit über ihre 
äußersten bewohnten Strecken hinausgeschweift ist, so 
bleibt doch zunächst die Erde, soweit sie innerhalb der 
Grenzen der Menschheit liegt, die Erde des Anthropo- 
geographen und es ist eine wissenschaftliche Aufgabe, 
die man sich nicht bloß stellen kann, sondern die gelöst 
werden muß, den alten Begriff der Oekumene, der „be- 
wohnten Erde" oder der Erde des Menschen besonders 
in die Diskussion anthropogeographischer Fragen einzu- 
führen. Viel zu lange leidet unsere Vorstellung von dem 
Verhältnis der Menschheit zur Erde unter der unbe- 



4 Der Begriff Oekumene. 

scheidenen Annahme, daß der ganze Planet das Haus der 
Menschheit sei. Man überschätzt eine der wichtigsten 
natürlichen Bedingungen der Entwickelung der Mensch- 
heit, wenn man ihr die ganzen 9 Millionen Quadratmeilen 
der Erdoberfläche als Wohnraum zuweist, wo sie doch 
nur über zwei Dritteile desselben sich wirklich verbreiten 
kann. Die in Nachbildung Herderscher Orakel poetisch 
gefaßten Aussprüche Carl Ritters, in denen die Erde als 
Wohn- und Erziehungshaus der Menschheit bezeichnet 
wird, haben die Nachfolger zu verfrühtem Auffluge ver- 
anlaßt, der über eine der wichtigsten Vorfragen der 
Anthropogeographie wegführte. Von E. A. W. Zimmer- 
mann (1778) bis auf August Petermann (1859) und 
Ernst Behm (1872) haben die Zeichner von Karten der 
geographischen Verbreitung des Menschen nicht daran 
gedacht, den auf der Erde dem Menschen versagten Raum 
genauer zu bestimmen, wiewohl auf ihren Karten sie ihn 
umgrenzten 1 ). Bei ihnen lag der Mangel nicht im Ueber- 
sehen der Sache, sondern in der Verkennung der Wich- 
tigkeit des Problems. Denn um es hier gleich kurz und 
klar auszusprechen: Von der Auffassung des Begriffes 
Menschheit ist diejenige des Begriffes der Oekumene un- 
mittelbar abhängig. Jener Begriff aber war wissen- 
schaftlich erst klar zu stellen. Wem die Menschheit in 
eine gewisse Anzahl von Rassen oder Völkergruppen aus- 
einanderfallt, die er sich vielleicht als von Anfang an 
getrennt denkt, der bedeckt die Erdteile und Inseln mit 
den Farben, die er jeder Kategorie zugedacht hat, und 
betrachtet die Klüfte, die zwischen diesen Wohnsitzen 
gähnen, als einerlei Gattung und Wert, ob sie nun Volk 
von Volk oder die Menschheit von der Natur scheiden. 
Für ihn gibt es so wenig eine Karte der Menschheit, wie 
für Hegel, der vom Schauplatz der Weltgeschichte Afrika, 
Amerika und Australien ausschloß, es eine Geschichte der 
Menschheit gab 2 ). Wem aber die Menschheit als eine 
durch Lebensfäden alter oder neuer, kriegerischer oder 
friedlicher, geistiger oder stofflicher Beziehungen ver- 
bundene Gemeinschaft erscheint, der sieht in dem Raum, 
den diese Menschheit bewohnt, wie ungleich und lücken- 



Der Begriff Oekumene. 5 

haft sie über denselben hin zerstreut sei , den gemein- 
samen Schauplatz dessen, was Geschichte im höchsten und 
umfassendsten Sinne genannt werden kann. Meere, die 
je von Schiffen durchschnitten, Wüsten, die je von Kara- 
wanen durchschritten wurden, faßt er in die Grenzen der 
Menschheit mit ein, und wenn er die Oekumene als einen 
Gürtel bestimmt, welcher die heiße Zone und die größere 
Hälfte der beiden gemäßigten und dazu einen Teil der 
nördlichen kalten Zone umfaßt, und die Quadratmeilen- 
zahl zu etwa 7 500000 angibt, d. i. gegen fünf Sechstel 
der Erdoberfläche, so hat er das gethan, was, erstaunlich 
ist es zu sagen, die historischen Geographen bis heute 
vermieden haben zu thun. Er hat den Boden abge- 
steckt und ausgemessen, auf welchem die Mensch- 
heitsgeschichte sich abspielt und hat zugleich 
die geographische Form des belebten, über alle 
Lücken zusammenhängenden Ganzen gezeichnet, 
welches wir Menschheit nennen. 

Diese Oekumene ist eine Thatsache, die wir mit 
fortschreitender Erweiterung unserer Kenntnis der Erde 
sich immer deutlicher darstellen, schärfer sich begrenzen 
sehen. Mit Ausnahme der unbedeutenden nordöstlichsten 
Ecke, in welche die Küsten von Grant-Land und Nord- 
Grönland fallen, ist die Oekumene heute überall sicher 
zu umgrenzen. Ja, sie ist eine Thatsache von dauernderer 
Bedeutung als so viele, die wir auf unseren Karten in 
Linien fassen, deren sicherer Zug nichts von der oft 
außerordentlichen Veränderlichkeit dessen sagt, was sie 
einschließen. Die Oekumene ist minder veränderlich als 
die Volks- und Staatengrenzen, welche wir zeichnen, sie hat 
an manchen Punkten in den letzten Jahrtausenden sogar 
weniger Verschiebungen erfahren, als manche Küstenlinie. 
Inmitten des beständigen Wechsels der Dinge an der Erd- 
oberfläche darf aber auch in einem größeren Maß von Dauer 
die Begründung eines größeren Anspruches an unsere Auf- 
merksamkeit gefunden werden. Je weniger veränderlich eine 
Erscheinung ist, desto weiter reicht sie in ihrer heutigen Ge- 
stalt zurück. Beständigkeit gewährleistet nicht nur die Würde 
höheren Alters, sondern auch die Tiefe der Wirkungen. 



(} Umgrenzung. 

Umgrenzung. Bei der Zeichnung der Oekumene kann 
man nicht überall die ständig bewohnten Länder von den 
unbewohnten oder nur gelegentlich bewohnten durch Farben 
oder Schraffen so unterscheiden, wie man politische Ge- 
biete unterscheidet; man ist vielmehr oft genötigt, Linien 
anzuwenden, welche die entferntesten Punkte des be- 
wohnten Gebietes miteinander in Verbindung setzen. 
Im letzteren Falle erhebt sich die Frage, wieviel von den 
nächstgelegenen Meeresteilen dort hereinzuziehen sei, wo 
Inseln dazu nötigen, die Linie ins Meer hinaus zu ver- 
längern. 

In den Begriff der Oekumene gehen nicht nur die 
thatsächlich bewohnten, sondern auch jene Teile der Erde 
ein, auf welchen der Mensch zu Hause sein muß, weil 
die Wege zwischen den bewohnten Teilen sie durch- 
schneiden. Daher eine Beziehung zwischen den großen 
Wegen des Verkehres und der Oekumene, welche es ge- 
boten scheinen lassen kann, das Meer so weit zur Oeku- 
mene zu rechnen, als es vom Verkehre der Menschen 
regelmäßig besucht wird. Sehr wahrscheinlich hat sich 
Behm von dieser Erwägung leiten lassen, als er seine 
südliche Menschengrenze im Atlantischen Ozean zwischen 
den Südspitzen von Australien und Afrika ungefähr an 
der Grenze des häufiger von Segelfahrzeugen besuchten 
Meeres zog, und im Indischen Ozean ähnlich verfuhr. 
Die Erfahrung lehrt, daß je mehr wir uns den Grenzen 
der Oekumene nähern, um so mehr der Verkehr der 
Menschen danach strebt, sich ostwestlicher Wege zu 
bedienen. Denn dieselben Wirkungen der gegen die Pole 
zunehmenden Kälte, welche dem Menschen den dauernden 
Aufenthalt in arktischen und antarktischen Regionen un- 
möglich machen, lassen auch die Schiffer ihre Wege 
zwischen den südlichsten Zielpunkten des Verkehres so 
weit äquatorwärts wie möglich legen und mahnen von 
allzu starken Ausbiegungen nach den Polen zu trotz der 
Verkürzung der Wege in höheren Breiten ab. Es scheint 
also der Verkehr selbst gegen eine willkürliche Hinaus- 
verlegung der Grenze Gewähr zu leisten. Und doch 
meinen wir, diese Art der Grenzziehung nicht allein gelten 



Die Südgrenze. 7 

lassen zu sollen. Der europäische Verkehr ist unseres 
Erachtens nicht geeignet, in jenen Gebieten eine Grenze 
zu ziehen, wo es sich wesentlich um die Verbreitung von 
Eingeborenen handelt, welche nicht weit in jene Meeres- 
regionen sich vorwagten, wo Stürme und Strömungen die 
Schiffahrt erschweren. In weiten insellosen Meeresge- 
bieten schließen die Linien des europäischen Segel- und 
Dampf schiffahrts Verkehres Räume ein, die zu leer sind, 
um eine Rolle in der Verbreitungsgeschichte der Menschen 
gespielt haben zu können, denn in ihrer Festlegung ent- 
scheidet nur die Kürze der geraden Linie zwischen zwei 
Punkten. Mag, wie die Behmsche Karte es thut, die 
äußerste Grenze der vom Verkehre regelmäßig besuchten 
und durchmessenen Gebiete durch diese Linien bezeichnet 
werden, so wird eine innere, viel unregelmäßiger verlaufende 
Linie notwendig sein, welche die Umrisse der Oekumene 
vor der Entwickelung dieses europäischen Groß- und 
Schnellverkehres zeichnet, d. h. die Gebiete umgrenzt, 
welche zur Zeit der ersten Ankunft der Europäer be- 
wohnt waren. So erscheinen dann zwei Grenzlinien auf 
unserer Karte. Die äußere, als Umrißlinie der heutigen 
Oekumene und eine innerhalb dieser verlaufende, welche 
die Umrißlinie der Oekumene in dem Augenblick des 
Eintretens der großen ozeanischen Expansion der Europäer 
zeichnet. Die beiden liegen fast 1000 Jahre auseinander, 
wenn man die letztere mit den ersten Grönlandfahrten 
der Isländer beginnen läßt. 

Nur die innere Grenze der Oekumene wird einiger 
Worte der Erläuterung bedürfen; die äußere ist überall, 
wo sie im Meere verläuft, nahezu selbstverständlich. 

Die Südgrenze. Die Südgrenze geht im Stillen Ozean 
hart an der Südküste von Australien hin 3 ) und buchtet sich 
bis zur Torresstraße aus, um dann nach Neuseeland zurück- 
zukehren, wo Rakiura den südlichsten Punkt menschlicher 
Bewohnung neben Feuerland darstellt. Von den in diesem 
leeren Räume liegenden Inseln ist Lord Howes-Insel Ende 
der 30er Jahre besiedelt worden (s. u. S. 27) und Norfolk 
wurde nach der Gründung von Sydney ein Annex der 



8 Die Südgrenze. 

australischen Strafkolonie und hat es seit Verpflanzung 
der Pitcairn-Insulaner (1856) auf eine ständige Bevölke- 
rung von einigen Hundert gebracht. Endlich hatte auf 
Raoul in der Kermadec- Gruppe sich 1854 eine Familie 
aus New York niedergelassen, welche indessen das Eiland 
wieder geräumt haben soll. Um diese Bucht unbewohnten 
Gebietes wohnen die Australier an der westlichen, die 
Neuseeländer an der östlichen und die Melanesier an der 
nördlichen Seite. Drei Rassen werden also durch sie 
getrennt und wir erkennen in ihr einen der wichtigsten 
Züge in der Physiognomie der Südgrenze. Die That- 
sache, daß in dieser Bucht ein Arm der äquatorialen ost- 
australischen Strömung sich mit einem Ausläufer der 
antarktischen südaustralischen Strömung begegnet und 
daß das antarktische Gebiet der vorwiegenden Westwinde 
hier eine seiner nördlichsten Ausdehnungen findet, erhöht 
noch die Bedeutung dieses Gebietes, dessen Ostgrenze 
bezeichnenderweise der westliche Band des zwischen Neu- 
seeland und Warekauri durchgehenden Armes der süd- 
äquatorialen Strömung ist. Als bemerkenswert sei noch 
die Hervorragung genannt, mit welcher Neukaledonien 
und die Loyalitäts-Inseln in diese Bucht vortreten. 

Die Unbewohntheit der Kermadec-Inseln und die Be- 
wohntheit von Warekauri veranlassen die Verbindung 
Neuseelands im Nordosten zu suchen, wohin ja auch die 
Traditionen der Maori deuten, und demgemäß die Grenze 
zu ziehen, welche nun nach dem 20.° s. Br. ansteigt, um 
von den Schifferinseln langsam sich über den Wende- 
kreis zu senken. Oparo (Tubuaigruppe) und Waihu 
(Osterinsel) sind die südlichen Grenzpfeiler. Klimatologisch 
ist diese Linie dadurch bemerkenswert, daß sie in ihren 
nördlichen Abschnitten mit der Passatgrenze zusammen- 
fällt, während im Süden das Gebiet der antarktischen 
Westwinde über sie hinausgreift. Aber diesen Beziehungen 
zu Luft- und Meeresströmungen ist nur ein untergeord- 
neter Einfluß zu eigen. Nicht unter der Wirkung der 
Drehung der Winde oder der Strömungen biegt die 
Grenze aus ihrer im allgemeinen westöstlichen Richtung 
in die nördliche oder südliche um, sondern diese Um- 



Die Südgrenze. 9 

biegungen verursacht in erster Linie der Mangel an 
Land. 

Von der Osterinsel steigt die Grenze bis zu den 
Markesas langsam an, indem sie durch den östlichen Teil 
der Paumotugruppe schneidet, und hebt sich dann plötz- 
lich nach Norden, um die vollen 30 Breitegrade zwischen 
den Markesas und Hawaii zu durchziehen, wobei die ein- 
zige Direktion in der Thatsache liegt, daß die Inseln 
Fanning, Maiden, Howland und Swallow, also sowohl 
östliche als westliche Glieder der „centralpolynesischen 
Sporaden u , wie Petermann sie genannt hat, Spuren von 
•früherer Bewohnung zeigen. Wiewohl zwischen Tongarewa 
und Hawaii auf einem Räume von 28 Breitegraden keine 
der Inseln bewohnt gefunden ward, gentigen jene Spuren, 
um die gleichsam versunkenen Pfeiler der Brücke zu 
zeigen, über welche die Hawaiier nordwärts gezogen sind. 
Und daß diese Verbindung eine breite und wohl nicht 
bloß einmalige war, beweist die Längenentfernung der 
Spuren in Fanning und Howland, denn jenes liegt unter 
159° 22', dieses unter 176° 35' w. L. 

Die Inseln, welche wir im Süden und teilweis im 
Osten umgrenzt haben, sind jenseits der Ostgrenze durch 
einen höchst inselarmen und menschenleeren Raum von 
40 — 60 Längengraden von dem amerikanischen Gestade 
gesondert. Dieser unbewohnte Raum ist nahezu insellos? 
indessen scheinen selbst die Galäpagos, welche man 
in drei Tagen von der südamerikanischen Küste her er- 
reicht, vor dem Besuche der Europäer keine Menschen 
gesehen zu haben. Den Beweis dafür suchen wir aller- 
dings nicht mit Darwin in der rührenden Unbefangenheit 
der vom Menschen und anderen Angreifern nicht ge- 
ängstigten Vögel, sondern in der Abwesenheit sicherer 
Spuren, welche von neueren Besuchern mit Bestimmtheit 
behauptet wird 4 ). Wenn wir aber diesen leeren Raum 
als Vs so breit wie den zwischen der Osterinsel und 
den östlichsten Eilanden des malayischen Archipels be- 
zeichnen und hinzufügen, dass die Osterinsulaner einen 
viel weiteren Weg von der Samoagruppe, wo der gemein- 
same Ausstreuungsmittelpunkt der Polynesier zu suchen 



10 Die Nordgrenzo. 

ist, nach ihrem Eiland als die Breite jenes menschen- 
leeren Raumes beträgt, zurückzulegen hatten, so erscheint 
letztere uns vielleicht weniger bedeutend. Im Verhältnis 
zum inselreichen bewohnten Teile des Stillen Ozeans ist 
diese Kluft nicht breit genug, um uns zu verhindern, 
diesen, sowie den Indischen Ozean als bewohnte Meere 
im Gegensatz zum unbewohnten Atlantischen zu be- 
zeichnen. 

Im Indischen Ozean scheidet eine Linie, die im 
allgemeinen auf 20 ° s. Br. verläuft, die schon den Indern 
und Arabern bekannte Nordhälfte von der bei der An- 
kunft der Europäer unbewohnten, wiewohl an größeren* 
Inseln nicht armen Südhälfte. Die Rolle der „brave West- 
winds" der höheren Breiten des Stillen Ozeans spielt hier 
die nachgewiesenermaßen von den arabischen Schiffern 
gefürchtete Meeresströmung, welche gegen die Ostküste 
Madagaskars prallt, ebenso wie die vorwaltenden südöst- 
lichen Winde; und vielleicht noch mehr der nach Süden 
ins Unbekannte setzende und starke Mozambiquestrom. 
Vergleiche das im 2. Abschnitt über die unbewohnten 
Inseln des Indischen Ozeans Gesagte. 

Daß beim ersten Besuch der Europäer auf der Ost- 
seite des Atlantischen Ozeans die afrikanischen 
Küsteninseln und auf der Westseite die Falklandsinseln 
unbewohnt gefunden wurden, läßt die Grenzen der vor- 
europäischen Oekumene an den Küsten Afrikas und 
Amerikas nordwärts führen und macht den Atlantischen 
Ozean anökumenisch. 

Die Nordgrenze. Die Nordgrenze bietet nicht die 
Schwierigkeit weiter «Meeresräume. Das Eis verhindert die 
nördlichen Grenzbewohner der Oekumene sich weit vom 
Lande zu entfernen. Sie haben das Meer westlich von Grön- 
land und wahrscheinlich alle Arme gekreuzt, welche die Inseln 
des nordamerikanischen Polararchipels voneinander trennen. 
Auch die Neusibirischen Inseln und Nowaja Semlja sind 
vom Festlande her besucht worden. Aber die Grenze 
wird hier nicht weiter von den ständig bewohnten Küsten 
seewärts zu verlegen sein als erfahrungsgemäß die see- 



Die Nord grenze. \ \ 

tüchtigsten der Hyperboreer sich von denselben entfernen. 
Sie wird aber als umwohnte Meeresbecken die Hudsonsbai, 
Baffinsbai und ihre Fortsetzungen, das Weiße Meer und 
die tieferen Einbuchtungen der nordasiatischen Küste mit 
einschließen. 

Die schmale Verbindung zwischen dem nördlichen 
Eismeer und dem Stillen Ozean, wo man bei klarem 
Wetter von den steilen Klippen des Ostkaps die hohen 
Felsenufer des Prinz von Wales-Vorgebirges erkennen 
und den Weg von 13 1 ,* Meilen in einem Tage zurück- 
legen kann, ist sicherlich eine der wichtigsten Stellen an 
der Nordgrenze der Oekumene. Wenn man erwägt, daß 
vom Ostkap die westliche der Diomedesinseln 5 Meilen, 
von diesen die mittlere 3 ^ , und dann die östliche von 
der amerikanischen Küste wieder 5 Meilen entfernt liegt, 
so steht die Völkerbrücke fertig vor uns. Und wenn wir 
die Völkerverbreitung ins Auge fassen, welche das Innere 
der Tschuktschenhalbinsel von wandernden Korjaken, den 
Nord- und Ostrand von ansässigen Fischern desselben 
Stammes, den Südrand aber von Eskimo besetzt zeigt, 
während einzelne Eskimoniederlassungen am Ostkap und 
«auf den Diomedesinseln gefunden werden, und ein leb- 
hafter Verkehr zwischen der Lorenzinsel und Tschukt- 
schenhalbinsel besteht, so schwindet hier der Unterschied 
von asiatisch und amerikanisch. Geht man aber von 
dieser Stelle aus ost- und westwärts, so steigert sich dieser 
Unterschied zu einem starken Gegensatze der ökumenischen 
Grenze in Nordasien und Nordamerika. Dieselbe verläuft 
in Nordasien an der Küste und sinkt an mehreren 
Stellen tief ins Land hinein, während sie die vorgelagerten 
Inseln außen im Unbewohnten liegefl läßt. Sie zieht an 
der Nordküste des Tschuktschenlandes hin, schneidet das 
Kap Schelagskoi und die Ajanischen Inseln ab, nicht 
minder die Bäreninseln und einen Teil des Landes zwischen 
Kolyma und Indigirka, die Neusibirischen Inseln und den 
breiten Vorsprung, dessen Spitze Swiätoj Noss bildet, die 
Taimyrhalbinsel durch eine Linie, welche von der Cha- 
tangabucht bis zur Jenisseimündung oberhalb Krestowsk 
läuft und sich durch das Land zwischen Ob und Jenissei 



12 Die Nordgrenze. 

bis zum Kap Bielj zieht; die weiße Insel bleibt außen, 
Waigatsch wird mit aufgenommen und der Küste bis zum 
Nordkap gefolgt, wobei auch Kolgujew im Unbewohnten 
bleibt. 

Auf der amerikanischen Seite folgt die Grenze 
von Kap Golowin an der Küste, setzt auf den Südrand von 
Viktorialand über, schneidet Boothia fast unter 70° und 
steigt dann rasch bis Nordsomerset an, von welchem es 
den nördlichen Rand abschneidet, während es noch weiter 
nördlich die Koburginsel und die Südostspitze von Elles- 
mereland umfaßt, dann setzt sie über den Smithsund, wo 
das vielgenannte Itah die derzeitige nördlichste Nieder- 
lassung an der westgrönländischen Küste, an welcher nun 
nach Süden sich Niederlassung an Niederlassung reiht. 
Eine einzige grössere Lücke ist in der Melvillebucht zu 
konstatieren. An der ostgrönländischen Küste zieht sie 
dann weiter bis zum Polarkreis, um sich von da nach 
Osten zu wenden, Island zu umfassen und unter Senkung 
bis auf nahe an 60 ° (Färöer) die Westküste Norwegens 
zu gewinnen. 

Alte und neue Nordgrenze. Wir werden bei der 
Betrachtung der die Ränder der Oekumene bewohnen- 
den Völker eine Veränderlichkeit der Wohnsitze finden, 
welche es nicht erstaunlich erscheinen lassen wird, wenn 
an vielen Punkten sich Spuren von Vorstößen über die 
heutige Grenze hinaus, an anderen Spuren vom Rück- 
gang finden. So wie die Polarreisen der Kulturvölker 
führen die Jagdzüge der Eskimo vorübergehend tief in 
die leeren, unbekannten Regionen der Arktis hinein. 
Günstige Eis- und Schneeverhältnisse, auch zufällige 
Verschlagungen mögen in bestimmten Richtungen diese 
Einbrüche in das jenseits der Grenze gelegene Land sich 
haben wiederholen lassen. Auf der asiatischen Strecke 
sind Spuren des Vordringens zum Meere östlich von der 
Mündungsbucht des Jenisse'i und am Südostrande der 
Taimyrhalbinsel, ferner auf Neusibirien gefunden. Viel 
größer sind im Norden Amerikas die Gebiete, wo derartige 
Spuren sich finden. Am Ostrand von Viktorialand zieht 



Alte und neue Nordgrenze. 13 

die Grenze alter Eskimospuren sich um Banksland, durch- 
zieht die Melville- und Bathurstinsel , schließt die Corn- 
wallinsel ein und wendet sich an der Ostseite von Nord- 
Devon entschieden nach Norden, ähnlich wie auf der 
grönländischen Seite die Linie von Itah aus nach Norden 
weiterführt. Zwischen beiden Linien liegt nördlich vom 
Smithsund ein Gebiet großer Entdeckungen auf diesem 
Felde. Für Kane und Hayes lagen die äußersten Grenzen 
der Eskimo noch bei der Foulkebai. Aber schon 1872 
sind durch Bryan zahlreiche Reste von Eskimohütten auf 
der Offlayinsel vor der Mündung des Petermannfjord 
und 1875/76 durch die Nares-Markhamsche Expedition 
Spuren von Sommer- und Winterlagern in allen größeren 
Einbuchtungen, die genau untersucht wurden, besonders 
in den nach Franklin Pierce, Dobbin, Rawlings und der 
Discovery benannten, nachgewiesen worden, die nördlichste 
bei Kap Beechey in 81° 54'. Endlich hat die Greely- 
expedition an der Küste und im Innern von Grinnellland 
eine ganze Reihe von Punkten als einstige Aufenthalts- 
stätten der Eskimo nachweisen können. Der Mangel an 
Gräbern ist dabei für die Ansicht verwertet worden, daß 
das Verweilen nur ein vorübergehendes gewesen sei und 
die Thatsache, daß nicht weniger als sechs verlassene 
Schlitten nördlich von 81° gefunden sind, soll Zeugnis 
für den Untergang ihrer Besitzer ablegen, welche sicher- 
lich nur nachdem sie ihre Hunde verloren, in der größten 
Not diese stärkste Stütze des ohne raschen Ortswechsel 
immer bedrohten, hoch arktischen Lebens im Stiche ge- 
lassen hätten 5 ). Gewiß erlauben die verhältnismäßig zahl- 
reichen Reste, unter denen, mit Sicherheit auf südlichen 
Ursprung deutend, auch kleine Stückchen Eisen sich fan- 
den, an etwas mehr als flüchtiges Verweilen zu denken. 
Die Eskimo von North Devon oder der Princeß Royal-Insel 
besannen sich nicht, den nordwärts ziehenden Rentieren 
und den ihnen folgenden Wölfen und Füchsen an der 
Ostküste von Grinnellland vielleicht bis zu ihrer äußersten 
Verbreitungsgrenze zu folgen und so lange in dem neuen, 
sehr ergiebigen Jagdgebiete zu verweilen, als der Robben- 
schlag, der auch hier noch drei Monate im Jahre mög- 



14 Alte und neue Nordgrenze. 

lieh ist, und die Jagd auf mehrere hundert Moschus- 
ochsen und Rentiere das Leben fristen mochten. Der 
Unterschied der unter 82° 137 Tage dauernden Polar- 
nacht von derjenigen der fast dauernd bewohnten Siede- 
lung von Itah wird von diesen Menschen seelisch nicht 
empfunden. Materiell wichtig werden ihnen natürlich 
größere Unterschiede in der Dauer der Polarnacht schon 
durch den Verbrauch des Thranes in jenen Steinlampen, 
welche Licht und Wärme in den Schneehütten zu spenden 
haben. Sie wichen zurück, wenn die Jagd weniger Beute 
brachte, oder kamen vielleicht im Suchen nach besseren 
Wohnsitzen um. Und wahrscheinlich hat sich dieses Hinaus- 
schwellen einer kleinen Welle der arktischen Menschheit 
öfter wiederholt. Daß nicht viele Jahre zwischen dem 
letzten Versuche der Festsetzung und dem Aufenthalte 
der ersten diese Gefilde genauer dnrehforschenden Euro- 
päer (1881/83) verstrichen, scheint die gute Erhaltung 
mancher Funde, daß jener jedenfalls noch in dieses Jahr- 
hundert fällt, das Vorhandensein von Eisen zu belegen. 
Anlaß zur Aufstellung der so beliebten Hypothese großer 
Klimaschwankungen, die die Grenze der Verbreitung des 
Menschen hin- und zurückschwanken machen sollte, ist 
also hier nicht gegeben. Man könnte eher an die zu- 
lässigere, wiewohl nicht streng zu beweisende Annahme 
starken Rückganges der Volkszahl der Eskimo seit dem 
Vordringen der Europäer in die innere Arktis, also seit 
etwa 70 Jahren, denken. Unzweifelhaft ruht auch weiter 
im Süden das Leben der Arktiker auf schwankender Welle 
und es gibt in der Nachbarschaft des 70.° ärmere Striche 
im Parryarchipel, als Grinnellland in seiner Gesamtheit 
ist, wie denn auch die kältesten Teile der ganzen Arktis 
näher jenem als diesem gelegen sind. Aber die Siede- 
lungen liegen dennoch im Süden dichter und vor allem 
an jenen Stellen, wo alljährlich wiederkehrendes Wandern 
zwischen dem Festland und den vorgelagerten Inseln die 
Hilfsquellen sozusagen verdoppelt, oder an den Rändern 
von Meeresstraßen, deren Eis, von heftigen Gezeitenströmen 
öfters aufgelüftet, Robben und Walrossen günstige Da- 
seinsbedingungen gewährt. Ein so dichtes Beisammen- 



!Nordgrenze in Asien und Amerika. 15 

liegen, wie z. B. in Prince of Wales Strait, kommt nörd- 
lich vom 75.° nicht wieder vor. 

Der in dem Verlauf der Nordgrenze der Oekumene 
sich aussprechende Gegensatz in der Verbreitung des 
Menschen in alt- und neuweltlichen Nordpolar- 
regionen liegthauptsächlich in dem kontinentalen Charakter 
der altweltlichen und dem thalassischen der neuweltlichen 
Hyperboräer. Jene hängen mit der Bevölkerung des Hinter- 
landes eng zusammen, während diese von derselben ab- 
getrennt sind. Nur schwache Anfänge einer küsten- und 
inselbewohnenden, einer thalassischen Bevölkerung zeigt 
seit Vordringen der europäischen Eroberer, welche kleine 
Teile der einheimischen Bevölkerung, indem sie ihnen die 
Reichtümer der nach älteren Nachrichten aus Elfenbein 
und Eis bestehenden Neusibirischen Inseln zeigten, mit sich 
rissen, der ans Eismeer grenzende Teil Nordasiens mit 
Ausnahme der älteren Küstentschuktschen. Aber im 
ganzen schneidet die einförmige Küstenlinie Nordasiens 
die von Jagd und Viehzucht lebende Menschheit vom nörd- 
lichen Eismeer entschieden ab, während die Inseln des 
arktischen Amerika dem Schiffervolke der Eskimo an 
günstigen Stellen ein Hinübergreifen in sehr hohe Breiten 
gestatten. Dort zieht heute die Grenze bei 74, hier bei 
82° n. Br. Daß Wrangellland und Heraldsinsel leer sind, 
beweist, daß das einzige eigentliche Polarvolk der Erde, 
die Eskimo, sich von Anfang an, nachdem sie durch die 
Behringsstraße vorgedrungen waren, ostwärts gewandt 
hatte. So hat dieses Schiffahrt- und eiskundige Volk seine 
ganze Expansionsfähigkeit auf die Gebiete nördlich von 
Nordamerika konzentriert, wo seine Spuren nördlich vom 
Kontinent über ein Insel- und Halbinselgebiet von 
50 000 Quadratmeilen sich verbreiten. Ohne dieses merk- 
würdige Einschieben eines rein arktischen Insel- und 
Küstenvolkes würde die Grenze der Oekumene auf der 
amerikanischen Seite südlicher liegen, da die Ränder Nord- 
amerikas im allgemeinen in niedrigeren Breiten ziehen, 
als diejenigen Nordasiens. Die kontinentale Grenzlinie 
liegt hier trotz der unbewohnten Küstenstrecken im allge- 
meinen nördlicher als dort. 



1() Lage und Größe. 

Ueber Lage und Grösse der Oekumene. Zeichnen 
wir die Oekumene des heutigen Tages auf einen Globus 
ein, so bildet sie einen Gürtel um die Erde in der Rich- 
tung des Aequators, dessen Enden bis zu den West- 
fahrten der Normannen (973 und 85) und des Kolum- 
bus durch die 350 Meilen breite Enge des Atlantischen 
Ozeans zwischen Kap Palmas und Kap San Roque von- 
einander getrennt geblieben waren. Ihre mittlere Breite 
zwischen Nord und Süd kann auf 100° = 1500 Meilen 
veranschlagt werden ; sie erreicht vermöge der Thatsache. 
daß Amerika von allen Teilen der Erde die größte inter- 
polare Ausdehnung besitzt, den größten Betrag von 132 °, 
also erheblich über ^'s eines größten Erdkreises, im 
Meridian des Kap Hoorn, der den Smithsund schneidet, 
und den kleinsten von 98° im östlichen Atlantischen Ozean 
im 44. Westmeridian. Ziehen wir aber die jenseits 
78 ° n. Br. liegenden, gegenwärtig verlassenen Ansiede- 
lungen der Eskimo mit heran, so erhalten wir für die 
größte Ausdehnung zwischen Nord und Süd 136 ° 
= 2040 Meilen. Ihr Flächeninhalt ist auf 7.5 Millionen 
Quadratmeilen, d. i. etwas über 4 /ö der Erdoberfläche, 
zu beziffern. Zwei Dritteile dieser Fläche gehören der 
nördlichen, ein Dritteil der südlichen Halbkugel an, und 
es spricht sich hierin ein enger Anschluß an die Ver- 
teilung des Festen auf der Erde aus ; denn die nördliche 
Halbkugel enthält, soweit Messungen heute reichen, um 
2 5 /7 mehr Land als die südliche. Auf der Nordhalbkugel 
schließt sich die Grenze der Oekumene ziemlich eng an den 
Landumriß an, während sie auf der Südhalbkugel durch 
weite Ausdehnung des Meeres äquatorwärts zurückgedrängt 
und gleichzeitig aufs mannigfaltigste eingebuchtet ist. 
Der nördlichste Punkt liegt in 78, bezw. 82 °, der süd- 
lichste in 54 °, die mittlere Breite der Südgrenze ist 45, 
der Nordgrenze 67 °. Der ganze bewohnte Gürtel ist um 
mehr als 20° nach Norden verschoben. Die nördliche 
Grenze verharrt in mehr als 3 /4 ihrer Länge nördlich vom 
Polarkreis und sinkt von der Samojedenhalbinsel bis West- 
grönland nur an einigen Stellen unter den 70. ° n. Br. 
Die Grenze liegt in dieser ganzen Erstreckung so weit 



Grenzen. 17 

nördlich, daß die Existenzbedingungen des Menschen nur 
noch in ungenügendem Maße verwirklicht sind. Doch 
lassen die Zustände an ihrem nördlichsten Punkte wohl 
annehmen, daß selbst darüber hinaus, wenn Land vor- 
handen, ein zeitweiliges Vorschieben der Menschengrenze 
nicht unmöglich wäre. 

Ganz anders die Südgrenze. Hier ruft in der ganzen 
Erstreckung das Meer dem Menschen Halt zu. Es ist be- 
zeichnend, daß die Menschengrenze hier überhaupt die 
Grenze ausgedehnteren und in größeren Formen auftreten- 
den Landlebens ist. Kein Abschnitt der Erde ist daher 
so zweifellos unbewohnt als das antarktische Gebiet samt 
einem breiten inselarmen Gürtel, der tief in die südliche 
gemäßigte Zone eingreift. Dies ist das größte zusammen- 
hängende unbewohnte Gebiet. Da nun dazu der Gürtel der 
höchst dünnbewohnten Gebiete des Südostpassates sich un- 
mittelbar an die Grenze der Oekumene hier anlegt, ge- 
winnen wir einen mächtigen zusammenhängenden Raum 
unbesuchten Meeres und dünnbewohnten Landes auf 
dieser Seite der Erde. Man kann denselben auf ein 
Drittel der Oberfläche der südlichen Erdhälfte schätzen. 
Dieser geschichtlich leere Raum ist es, welcher der südlichen 
Halbkugel unseres Planeten einen so durchaus anderen 
Oharakter als der nördlichen in anthropogeographischer 
Beziehung aufprägt. Wir sehen hier nicht bloß die Wir- 
kungen der Landarmut, sondern auch der aller terrestrischen 
Lebensentfaltung ungünstigeren ozeanischen Ausprägung 
des polaren Klimas. Es ist sehr bezeichnend, daß selbst 
in Neuseeland die ersten Ansiedelungen nur von Walfisch- 
fängern, Leuten der hohen See, ausgingen, welche später 
auch entlegenere Inseln des südlichen Eismeeres dem 
Gesichtskreis Europas näherbrachten, ohne dieselben 
dauernder Bewohnung zuführen zu können. — 

Zurückblickend finden wir die Lage und Ausdehnung 
der Oekumene in erster Linie bedingt durch die Vertei- 
lung des Landes über die Erdoberfläche. Der Mensch 
ist ein Landbewohner, das Wasser ist ihm ein fremdes 
Element, welches er nur zeitweilig zur Wohnstätte er- 
kiest. Auf dem Lande wird er geboren und wenn ihn 

R at z el , Anthropogeographie II. 2 



18 Eskimo und Polynesien 

irgend ein starker Druck der Notwendigkeit auf das 
Wasser hinaustrieb, kehrt er jedenfalls zum Lande zurück 
in jener Zeit, in welcher die Menschen an ihre Gräber 
denken. Daher umfaßt die Oekumene alles Land, das 
zusammenhängend zwischen 82 ° n. und 55 ° s. Br. liegt r 
also Europa, Afrika, Australien insgesamt, Amerika mit 
Ausnahme der Nordhälfte von Boothia und Asien mit Aus- 
nahme schmaler Streifen der Nordküste, wobei der Zu- 
sammenhang zwischen den zwei grossen Weltinseln unserer 
Erde über die Behringsstrasse, entsprechend der Erstreckung 
des Landes, hergestellt wird. Darum findet sie auch ihre 
größte Erstreckung in das Weltmeer hinein , wo große 
Inselländer, wie in der westlichen Arktis, oder zahlreiche 
und dichtgesäte Inseln, von Peschel treffend „Insel wölken * 
genannt, wie im westlichen Stillen Ozean, den Menschen- 
Wege weisen oder Brücken bauen. Es ist höchst merk- 
würdig zu sehen, wie in diesen beiden Gebieten, wo die 
Grenzlinie der Oekumene am entschiedensten sich frei- 
macht von den kontinentalen Landumrissen, welchen sie 
sonst fast sklavisch folgt, jeweils ein einziges seetüchtiges 
Volk, kühn und geschickt genug, um solchen Vorteil zu 
nützen, der Träger dieser Ausdehnung der Wohngebiete 
des Menschen ist. Das größte Areal, welches überhaupt 
ein sprachlich und ethnographisch noch eng zusammen- 
haltender Volksstamm bewohnt, eignet den Polynesiern r 
dem weitwandernden Inselvolke des Stillen Ozeans; und 
die überraschende nordöstliche Ausdehnung der Oekumene 
im arktischen Gebiet fällt den mit gleicher Kühnheit 
zwischen Eisschollen ihre ozeanischen Wege von Insel zu 
Insel in der Polarnacht fühlenden hyperboreischen See- 
nomaden, den Eskimo, zu. Auch diese entstammen dem 
Stillen Ozean, der so im Süden wie im Norden von see- 
tüchtigen Völkern umwohnt ist. Sie sind es, welche vereint 
dieses größte Meer zum ökumenischen machen. 



] ) Reclus unterscheidet auf seiner Karte Races preponderantes 
(Nouvelle Geographie XV. S. 75) auch unbewohnte Gegenden, aber 
in dem Sinne von unbewohnbar, denn nur die eiserfüllten Regionen. 
der Polarländer sind so bezeichnet. 



Anmerkungen. 19 

2 ) Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Herausg. 
von E. Gans. 1837. S. 75 f. 

3 ) Die vor dem St. Vincentgolf liegende Känguruhinsel war" 
bei ihrer Entdeckung durch Flinders 1802 und ihrer ersten Be- 
siedelung durch die Weißen (1828) unbewohnt. 

4 ) Dr. Theod. Wolf, Ein Besuch der Galapagosinseln 1879. S. 4. 

5 ) Greely, Drei Jahre im hohen Norden d. A. 1887. S. 491. 
Eine eingehendere Beobachtung der Sitten dieser Stämme läßt 
diesen Schluß nicht ganz so zwingend erscheinen, wie er dort hin- 
gestellt ist. Es sei an das häufige Vorkommen von Schlitten in 
den „Caches" der östlichen Eskimo erinnert. Simpson fand ihrer 
nicht weniger als sieben an einem einzigen Punkt in der Nähe 
von Bathurst lnlet, wo sie offenbar beim allsommerlich wieder- 
kehrenden Wechsel zwischen Festland und Inseln niedergelegt 
worden waren. Narrative of the Discoveries effected by the Offi- 
cers of the Hudsons Bay Cy. London 1843. S. 272. 



2. Entwickelung der Oekumene. 

Die Ausbreitung des Menschen über die bewohnbare Erde. Die 
rückwärtsschreitende Methode. Die unbewohnten Inseln als Reste 
anökumenischer Gebiete. Die Ueberbrückung des Atlantischen 
Ozeans. Ueber die Namen Neue Welt und Westliche Welt. 
Amerika als der eigentliche Orient der bewohnten Erde. 



Die rückwärts schreitende Methode. Wie gewann 
sich die Menschheit den Raum auf der Erde, welchen 
ihre heutige Verbreitung zur Oekumene stempelt? Die 
Frage reicht in die Tiefen der Menschheitsgeschichte 
und zeugt sofort weiter die andere schwere Frage: Ein 
Schöpfungsmittelpunkt des Menschen oder mehrere? 
Wir glauben wohl an einen einzigen Entstehungs- 
und Ausgangspunkt, wissen aber nicht, seine Lage 
zu bezeichnen. Wir können beim heutigen Stande 
des Wissens nichts anderes thun als von der jetzigen 
Verbreitung der Menschheit einengend rückwärts gehen, 
indem wir alle jene Gebiete aussondern, deren Besiede- 
lung, deren Gewinnung für die Oekumene geschichtlich 
nachzuweisen ist. Wir können dann noch weiter gehen 
und versuchsweise jene Gebiete abgrenzen, welche aus 
Gründen der Ethnographie und Anthropogeographie als 
einst leerstehend anzunehmen sind. Wir müssen uns 
aber wohl klar machen, daß die Erkenntnisse und Ver- 
mutungen, die wir so gewinnen, nur für die Geschichte 
der heutigen Menschheit Wert haben. Im Laufe der 
Menschheitsgeschichte können Gebiete ökumenisch und 
wieder anökumenisch geworden sein und ein Land, wel- 



Die unbewohnten Inseln. 21 

ches vor einigen Jahrhunderten neu besiedelt wurde, 
könnte vor einigen Jahrtausenden schon einmal gewonnen 
und dann wieder verloren worden sein. Nur die heutige 
Menschheit können wir bis auf einen kleinsten Raum 
zurück verfolgen , den sie in der heutigen Oekumene ein- 
nahm, ehe die Verbreitung begann, deren letztes Ergebnis 
diese unsere Oekumene ist. Die vergangenen Mensch- 
heiten gehören, soweit sie nicht deutliche Spuren in der 
heutigen hinterlassen haben, der Geologie an. 

Die unbewohnten Inseln. Die Verbreitung des Menschen 
über die Erde, ja die ganze Entwickelung der Menschheit 
war tief beeinflußt von dem Zerfall der Oekumene in eine 
Anzahl von besonderen Wohngebieten, die in ihrer Lage, 
Gestalt und Größe abhängig sind von der Verteilung des 
Wassers und des Landes, dann vom Klima, den Höhenver- 
hältnissen und dem Pflanzenwuchs. Die erste Ausbreitung 
schon konnte nicht nach allen Seiten hin gleichmäßig 
sich erstrecken, von welchem Punkte immer sie ausgehen 
mochte, und immer traf sie nach längeren oder kürzeren 
Wegen wieder auf das Wasser. Denn alles Land der 
Erde besteht aus Inseln und die Menschheit trägt, wie 
alles Leben der Erde, zutiefst einen insularen Charakter. 
Sie kann also zuerst nur eine einzige von den drei großen 
Landmassen der Erde besessen und von dieser aus nach 
den übrigen nicht eher übergegangen sein, als bis sie 
die Kunst der Schiffahrt sich zu eigen gemacht hatte. 
Bis dahin waren die anderen Landmassen unbewohnte 
Inseln. 

Als die Europäer Amerika, die Nordpolarländer, 
Australien entdeckten, fanden sie überall schon Menschen 
und zwar zeigten diese großen Inseln sich in allen ihren ein- 
zelnen Teilen, wo Klima und Boden es zuließen, bewohnt. 
In dieser weiten Verbreitung zeigte sich der räumliche Aus- 
druck einer alten Geschichte. Vorzüglich die Schiffahrt 
mußte längst erfunden sein. Auch viele Inseln in ihrer 
Nähe waren schon besiedelt. Wohl aber stieß man auf 
unbewohnte Inseln, als man sich weiter von den Rändern 
der Erdteile auf das hohe Meer hinausbegab. Da zeigten 



22 Reste anökumenischer Gebiete. 

sich die einzigen selbständigen Erdräume, welche, abge- 
sehen von der Antarktis, ursprünglich unbewohnt waren 
und es geblieben waren. Ein Teil dieser Inseln ist noch 
heute unbewohnt, weil unbewohnbar oder doch im ge- 
ringsten Maße zur Besiedelung einladend. Ihn haben wir 
bereits kennen gelernt, als wir die Grenzen der Oekumene 
zu bestimmen hatten. Von einem andern Teil aber wissen 
wir, daß er Inseln umschließt, welche in hohem Grade 
bewohubar, selbst fruchtbar sind und welche seit ihrer 
Entdeckung eine reiche Bevölkerung entwickelt haben. 
Wir nehmen an, daß sie nicht unbevölkert geblieben 
wären, wenn sie vor den Europäern von anderen Men- 
schen erreicht worden sein würden, und daß sie unbe- 
wohnt blieben, weil sie nicht auf den Wegen lagen, 
welche die Menschen bei ihren Wanderungen von Erdteil 
zu Erdteil beschritten. Wir erkennen in ihnen also Reste 
der einst viel ausgedehnteren unbewohnten Teile der Erde 
und es wird von großem Interesse sein, ihre geographische 
Lage und ihren Zusammenhang mit anderen anökumeni- 
schen Gebieten festzustellen. Es erscheint möglich, dar- 
aus Schlüsse auf die Entwickelung der Oekumene zu 
ziehen und diese Schlüsse werden auf der Voraussetzung 
ruhen, daß in der Verbreitungsgeschichte der Menschheit 
die Meeresgebiete mit unbewohnten Inseln jünger sind 
als die mit bewohnten. 

Unbewohnte Inseln als Reste anökumenischer Gebiete. 
Die Geschichte weist nach, daß alle fern von Fest- 
ländern und größeren Inseln oder Inselgruppen gelegenen 
Inseln, und besonders die kleineren unter ihnen, unbe- 
wohnt waren, ehe der große Aufschwung der ozeanischen 
Schiffahrt an der Schwelle jener Periode stattfand, die 
wir das Zeitalter der Entdeckungen nennen. Daß die 
Unbewohntheit der Inseln eine größere Ausdehnung be- 
saß in den kalten, als in den heißen Regionen der Erde, 
möchte den Gedanken an klimatische Einflüsse nahe legen, 
wenn nicht die große Ausdehnung der Bewohntheit auf 
den tropischen Inseln des Stillen Ozeans in so hohem 
Grade durch ihre gesellige Lage, man möchte sagen 



Unbewohnte Inseln des Indischen Ozeans. 23 

Aneinanderreihung begünstigt wäre. Maupertuis konnte 
noch an ein bewohntes Südland glauben, dem Riccioli 
100 Millionen von der Bevölkerung der Erde zuteilte. 
Und Zimmermann 1 ) schrieb 1778 : „Gesetzt auch, man fände 
auf Sandwichland keine Menschen, so ist es hinreichend, 
wenn der Mensch ebenso kalte Erdstriche bewohnt, um 
auf die Möglichkeit des Bewohnbarseins dieses Südpolar- 
landes schließen zu lassen. u Heute wissen wir genug von 
der südlichen gemäßigten Zone, um selbst diesen Schluß 
unbegründet zu finden. Die Inseln auf der Grenze der 
Antarktis würden allerdings aus klimatischen Gründen fast 
unbewohnbar sein. Thatsächlich sind sie unbewohnt wegen 
ihrer Entlegenheit oder vielmehr wegen ihrer Lage im 
weiten offenen Meer. Sie gehören dem großen unbe- 
wohnten Gebiete der Südhalbkugel an, welches wir von 
den Grenzen der Antarktis in alle südlichen Ozeane vor- 
dringen sehen. Alle Meere sind in ihren südlichen Ab- 
schnitten ursprünglich weniger bewohnt gewesen als in 
den nördlichen. Selbst in dem Atlantischen Ozean waren 
um 1400 auf der Schwelle des Zeitalters der Entdeckungen 
die Färöer, Island und Südgrönland bewohnt, als die so 
glücklich gelegenen Madeira und Azoren noch unbewohnt 
waren. Im Stillen und Indischen Ozean steht aber einem 
ökumenischen nördlichen Abschnitt ein anökumenischer 
südlicher vom Anfang der europäischen Kenntnis dieser 
Gebiete an gegenüber. 

Unbewohnte Inseln des Indischen Ozeans. Der In- 
dische Ozean nimmt eine eigentümliche Stellung ein. 
Madagaskar und andere der nördlichen Inseln erschei- 
nen bewohnt, und niemand bezweifelt, daß Madagas- 
kar zur See, also quer durch den Indischen Ozean, 
Bewohner aus dem Westen des malayischen Archipels 
empfangen habe. Und doch treten uns verhältnismäßig 
große Inseln, wie Mauritius, Reunion, Rodriguez, als 
unbewohnte entgegen und eine Linie, welche wenig 
nördlich vom 20.° s. Br. verläuft, teilt den Indischen 
■Ozean in einen nördlichen ökumenischen und einen süd- 
lichen anökumenischen Abschnitt. Man weiß, daß Sokotra 



24 Unbewohnte Jnseln des Indischen Ozeans. 

ein indischer Name ist, es ist wahrscheinlich, daß Pemba T 
vielleicht sogar Sansibar griechischen Seefahrern be- 
kannt gewesen, die Araber, auf deren Spuren die Portu- 
giesen zuerst im Januar 1498 an der Zambesimündung 
stießen , hatten damals bereits in Mozambique einen 
Handelsplatz begründet und in Malinde an der Somali- 
küste trafen die Portugiesen malabarische Schiffe. Ma- 
dagaskar war dem Marco Polo, dem ersten, der von dieser 
Insel spricht, als „eine Insel im Süden, etwa 1000 Meilen 
von Sokotra 14 bekannt und erschien ihm als ein Land der 
Sarazenen, d. h. des Islam. Aber hier hörte auch seine 
Kenntnis und die Kenntnis aller Gewährsmänner auf und 
den Grund dafür sagt uns Marco Polo in seiner ein- 
fachen Weise: „Diese Insel liegt so weit südlich, daß die 
Schiffe nicht südlicher gehen oder andere Inseln in dieser 
Richtung besuchen können außer dieser (Madeigaskar) 
und jener andern, von der wir zu sagen haben, Zang- 
uebar. Das kommt daher, daü die Meeresströmung so 
stark nach Süden fließt, daß die Schiffe, die es versuchen 
wollten, nie zurückkehren würden" 2 ). Daß die vielbe- 
sprochenen Mitteilungen über den Vogel Ruk von Marco 
Polo in seinem Abschnitt über Madagaskar gegeben und 
auf die wegen des Stromes unerreichbaren Inseln süd- 
lich von dieser bezogen werden, kann entweder auf die 
riesigen Aepiorniseier und -knochen bezogen werden, die 
man in Madagaskar gefunden hat, oder auf die Riesen- 
vögel aus der Gruppe der Dididen, welche einst die Mas- 
carhenen bewohnten und von denen einer, die Dronte T 
noch von den Europäern gesehen worden ist. 

Zu den Strömungen, die von Ost nach West gerade 
auf die Mascarhenen zuführen und von dort sich in die 
Zweige teilen, welche die Ostküste Madagaskars gleich- 
sam umarmen, kommen die gefürchteten Drehstürme 
dieser Region, welche ganze Flotten zerstören — am 
2G. Februar 18G0 verschwanden drei Schiffe, drei schei- 
terten an der Küste von Madagaskar, sechs wurden so 
schwer beschädigt, daß sie dienstunfähig blieben und 
vierundzwanzig erlitten mehr oder weniger schwere Ha- 
varien — und deren Bahnen so liegen, daß in den meisten 



Unbewohnte Inseln des Stillen Ozeans. 25 

Fällen Mauritius und Reunion in den westlichen Bogen 
ihrer Parabeln fallen, wo bei der Umkehr nach Südosten 
die Geschwindigkeit am größten. Wir tragen in der 
Zeichnung der Südgrenze diesen Stürmen wie jenen 
Strömungen Rechnung. Dennoch bleibt es eine erstaun- 
liche Thatsache, daß auf den Inseln, die nur 100 bis 
200 Meilen von Madagaskar östlich gelegen sind, erst 
im 17. Jahrhundert (Mauritius 1598, Reunion 1046) die 
Kolonisation begann, welche heute zur Ansammlung einer 
sehr produktiven Bevölkerung von mehr als einer halben 
Million geführt hat. Man sollte glauben, daß es der 
Durchforschung dieser in so vielen Beziehungen interes- 
santen Inseln noch gelingen sollte, Spuren älterer Ver- 
schlagungen, Schiffbrüche und Robinsonaden nachzu- 
weisen. Daß sie allerdings vor der europäischen Ko- 
lonisation niemals in großem Maße bewohnt sein konnten, 
davon legt der Zustand ihrer Pflanzen- und Tierwelt im 
Moment der europäischen Besiedelung und Kultivation 
klares Zeugnis ab. Man kann den Beweis dafür, daß die 
jetzt dort vorkommenden Säugetiere und Amphibien erst 
seit dieser Zeit eingeführt seien, mit der von Wallace 
angewendeten unvollkommenen Methode nicht erbracht 
halten ö ). Wohl aber treten uns die Inseln mit einer 
wesentlich von der Kultur unberührten Pflanzen- und 
Tierwelt entgegen, und es ist diese um so auffallender, 
je mehr sie ihren ursprünglichen Naturcharakter durch 
intensive Kultur verloren haben. Wir werden der eigen- 
tümlichen Thatsache, daß hart neben vielbeschrittenen 
Wegen des Verkehres ein Stück Erde unbewohnt, ja 
praktisch unbekannt bleibt, sogleich im Stillen Ozean 
wieder begegnen. 

Unbewohnte Inseln des Stillen Ozeans. Zahllose 
Inseln im Stillen Ozean sind unbewohnt, aber sie um- 
schließen, ob sie nun geschlossene Gruppen bilden, 
oder zerstreut zwischen bewohnten Inseln liegen, keine 
einzige große Insel, deren Bewohnbarkeit erst durch 
die Europäer nachgewiesen worden wäre. Viele von 
ihnen werden zeitweilig besucht und liefern in ihren 



26 Fanning. Maiden. Pitcaira. 

Palmen- oder Fischgründen den Bevölkerungen einiger 
anderen Inseln die Mittel zum Unterhalt; in diesem Falle 
sind sie durchgängig weniger fähig bewohnt zu werden 
als die anderen. Von den Inseln, welche zusammen eine 
Atollgruppe bilden, indem sie von gemeinsamem Riffboden 
flach über das Meer ragen, sind immer nur einige bewohnt, 
z. B. von den 63 Inselchen der Atafugruppe 1, auch von 
Fakafu nur 1, in der ganzen Tokelaugruppe 4 u. s. w. 
Die bewohnte ist die größte oder nabrungsreichste. Es 
gibt Inseln, die bewohnt sind, ohne daß sie Kokospalmen 
oder Brotfruchtbäume tragen (wie Eniwetok in der Ralik- 
gruppe), und andere, welche mit diesem Besitz unbewohnt 
geblieben sind. Aber diese letzteren tragen dann nicht 
selten Spuren, daß sie einst auch bewohnt waren oder 
besucht wurden. 

Die Unbewohntheit wird über ihre heutigen Grenzen 
hinaus eingeschränkt, wo uns unzweifelhafte Spuren 
früherer Bewohntheit entgegentreten. Dies ist vorzüg- 
lich in jenen zentralpazifischen Sporadpn der Fall, welche 
eine so wichtige Stelle zwischen den Gruppen des öst- 
lichen Polynesiens und Hawaii einnehmen. Fanning 
hat unter allen Aequatorinseln die größte Menge der 
Beweise für die einstige Bewohntheit geliefert. Es kann 
als ein sicherer Pfeiler der Völkerbrücke bezeichnet 
werden, die von den südlichen Inseln nach Hawaii führt. 
Auch auf den übrigen Guanoinseln des mittleren Stillen 
Ozeans sind Spuren früherer Besucher nachgewiesen, 
die allerdings nicht alle mit Sicherheit auf Polynesier 
zu deuten und für alt zu halten sind. Ausgrabungen 
und künstliche Hügel, die vielleicht Fundamente von 
Hütten darstellen, einen Fußpfad, Reste eines Kahnes, 
eine blaue Perle, ein Skelet, das zu Staub zerfiel, als 
man es seinem 1 Fuß tiefen Grab entnahm, erwähnt 
Hague von der Insel Howland 4 ), der auch die Eid- 
echsen und Ratten auf diese Einwanderer zurückführt. 
Auf der Grenze dieser Gruppen hat Maiden (in der 
Penrhyngruppe) zweifellose polynesische Reste geliefert. 
Und endlich deutet nach anderer Seite hin, nach dem 
östlichsten Ausläufer, die frühere Bewohntheit der süd- 



Neusiedelungen im Stillen Ozean. 27 

östlichsten Eilande der Paumotugruppe. Hier birgt die 
Pitcairninsel, welche die ersten sie betretenden 
Europäer unbewohnt fanden, in rohen Bildsäulen aus 
Lava auf steinerner Plattform, die denen der Oster- 
insel gleichen und auch hier als Grabmäler gedient 
haben, in Steinbeilen aus Basalt, steinernen Schüsseln 
und Speerspitzen, letztere ganz denen Tahitis ähnlich, 
in Wäldern des Brotfruchtbaumes, in Gräbern endlich, 
deren Leichname ihre Köpfe auf Perlmutterschalen ge- 
bettet hatten, die nicht hier, wohl aber auf den Pau- 
motu vorkommen, Reste einer Bevölkerung, von der keine 
XJeberlieferung sonst spricht. Eine Bemerkung Bastians 
von den Torresinseln , gelegentlich der Besprechung einer 
von dort stammenden Mumie, „die meisten der Inseln 
jener Meerenge sind jetzt menschenleer" 5 ), scheint anzu- 
deuten, daß auch dort Reste einstiger Bewohntheit vor- 
kommen. 

In der europäischen Zeit sind auch im Stillen Ozean 
Neubesiedelungen öder Inseln vorgekommen. Die Kolonie 
auf der Lord Howesinsel (31 1 J2 ° s. Br., 159 ö. L. Gr.) 
entstand Ende der 30er Jahre durch Niederlassung einer 
einzigen europäischen Familie, die durch Zuzug besonders 
von Seeleuten in den 50er und 60er Jahren auf 30 bis 
40 in paradiesischer Unschuld ohne Kirche, Schule und 
Gesetz lebende Menschen angewachsen war. Nach 1840 
siedelten sich 70 Maori auf der bis dahin unbewohnten 
Insel Auckland an. Der Zug der Maori nach Warekauri 
(Chatham) und die Niedermetzelung der dortigen Insu- 
laner ist nur zu gut bekannt. Ata (Pylstaart) in 20 ° 
25' s. Br., 176° 4' w. L. war ursprünglich unbewohnt, 
wurde dann bei inneren Unruhen von Tonganern be- 
siedelt und seitdem wieder verlassen. Olosenga (Tokelau- 
gruppe) wurde von den Europäern unbewohnt, aber mit 
reichlichen Spuren früherer Bewohntbeit gefunden. Jetzt 
hat es eine kleine Bevölkerung. Die 30 Bewohner, 
welche Graeffe 18ö3 in der Phönixgruppe auf der Wilkes- 
oder Mackeaninsel nachwies, sind wahrscheinlich eine 
neue Besiedelung. Auf den 1675 von Japanern entdeckten 
Bonininseln 6 ) ließen sich 1830 ein Engländer und ein 



28 Norfolk. Nord pazifische Inseln. 

Dalmatier mit hawaischen Arbeitern nieder und gründeten 
eine Ansiedelung, die 1853 auf 81 Köpfe gewachsen war. 
Jetzt sollen sie 4 — 500 Einwohner zählen. Im Indischen 
Ozean wurden die Keelinginseln im dritten Jahrzehnt 
unseres Jahrhunderts von 2 Engländern besiedelt, die 
dieselben bebauen wollten. 

Einzig Norfolk kann im südlichen Stillen Ozean als 
eine Insel bezeichnet werden, welche nach ihrer Be- 
schaffenheit und Ausstattung eine bleibende Ansiedelung 
erhalten haben würde, wenn sie berührt worden wäre; 
aber sie liegt in jenem bedeutungsvollen australisch-poly- 
nesischen Winkel, dessen Wichtigkeit wir früher hervor- 
gehoben haben. Und ihre Größe übersteigt auch nicht 
' A \\ Quadratmeilen. Haben auch andere pazifische Eilande 
gelegentlich noch einmal einige Bewohner erhalten, so 
bleibt es dabei, daß die unbewohnten Inseln im südlichen 
und mittleren Teil des Stillen Ozeans fast alle von sol- 
cher Art, daß sie zu klein und zu arm sind, um zur 
Bewohnung einzuladen, und daß also, wie es ja auch 
nachgewiesen werden kann, ihre Bewohnung wohl ver- 
sucht werden, nicht aber dauernd gemacht werden konnte. 

Im nördlichen Stillen Ozean sind ursprünglich un- 
bewohnt die Inseln in der Behringsstrasse, die Prybilow- 
inseln, die westlichsten der Aleuten, die Kommandeurs- 
inseln. Bei der Seetüchtigkeit der Westeskimo ist es 
wahrscheinlich, daß manche von diesen Inseln und Insel- 
gruppen zeitweilig bewohnt oder doch besucht wur- 
den. Der scharfsinnige Steller nahm ja schon an, daß 
die Aleuten nur im Sommer des Fischfanges und der 
Jagd wegen auf ihren Inseln wohnten, im Winter aber 
nach dem festen Lande zurückgingen, da wegen Mangel 
an Bau- und Brennholz Ueberwinterung hier nicht mög- 
lich sei 7 ). Räumlich am entlegensten und gleichzeitig 
durch den stürmischen , nebelreichen Charakter ihres 
Meeres isoliert sind die Inseln der Aleuten westlich von 
Atta. Die Kommandeursinseln sind ebenso von diesen 
letztern Inseln als von Asien aus schwer zu erreichen. 
Auch waren sie unbewohnt zur Zeit ihrer Entdeckung. 
Die Kurilen befinden sich dagegen schon tief in der 



Polynesiscbe Wanderungen. 29 

Oekumene, sie sind von Jesso und von Kamtschatka aus 
so bevölkert, als ihre Kahlheit und Steilheit gestatten 
mögen. 

Suchen wir in die Geschichte der zahlreichen be- 
wohnten Inseln des Stillen Ozeans einzudringen, wobei 
allerdings fast nur die Traditionen der Eingeborenen uns 
leiten können, so sehen wir noch eine ganze Reihe von 
Inseln und ganze Inselgruppen den unbewohnten sich an- 
reihen. Als vorher unbewohnt werden in den Wandertra- 
ditionen der Polynesier ausdrücklich die Kingsmill, Raro- 
tonga, Mangarewa und die Tubuai angegeben. Das sind 
kleinere Inseln und Gruppen in der Peripherie der größeren 
ostpolynesischen Inseln, die vielleicht später besiedelt 
wurden. Was aber die größeren Inseln anbelangt, so 
werden nach ihnen häufig von der Sage Urbewohner ver- 
setzt, besonders auch nach Neuseeland, und es wird da- 
durch der Verdacht rege, daß die Wandersage sich 
nicht immer auf die Eine früheste oder einzige, sondern 
auf die letzte aus einer Reihe von Wanderungen beziehe. 
Die Späterkommenden fanden dann früher Angelangte 
vor. Aber neben den Sagen bezeugt die Gesamtheit der 
ethnographischen Merkmale der Polynesier und Mikro- 
nesier einen Anschluß an die Malayen, der so enge ist, 
daß an eine sehr weit zurückliegende Besiedelung der 
östlich von Fidschi und nördlich von Neuguinea gelegenen 
Inseln, also Mikronesiens und Polynesiens nicht zu denken 
ist. Außerdem liegen hier auch im Boden nirgends 
Spuren einer älteren Besiedelung, die als vorpolynesisch 
zu deuten wäre. Auch ohne die Sage, welche den Aus- 
gangspunkt der Wanderungen wenig glaublich auf eine 
einzige Insel Hawaiki verlegt, würden wir glauben dürfen, 
in diesem großen Räume des mittleren Stillen Ozeans 
ein der Oekumene erst in vergleichsweise neuer Zeit ge- 
wonnenes Gebiet zu sehen. 

Aehnliche Verhältnisse finden wir im nördlichen 
Stillen Ozean und darüber hinaus im Eismeere: eine weit- 
zerstreute Bevölkerung von wesentlicher Uebereinstimmung 
in Sprache und Sitten, die wahrscheinlich auf eine Aus- 
wanderung von den Inseln und Halbinseln des Behrings- 



30 Polynesier und Kskimo. 

meeres zurückzuführen ist und bei der wir Wandersagen 
begegnen, in denen die Behrings- und Lorenzinsel als 
unbewohnte Inseln erscheinen, deren Entdeckung den 
kühnen Aleuten gelang: ganz wie in Polynesien. 

In der Entwickelungsgeschichte der Oekumene nehmen 
also zwei Völker des Stillen Ozeans eine hervorragende 
Stellung ein: die Polynesier und die Eskimo. Den 
Polynesiern fällt das größte Gebiet zu, welches irgend ein 
Volk auf der Erde besitzt, fast */ 9 der Erdoberfläche. 
Die Eskimo aber sind dasjenige Volk, welches am 
weitesten an den Grenzen der Oekumene hin sich aus- 
gebreitet hat. Die beiden sind die besten und uner- 
schrockensten Schiffer unter den Naturvölkern und so 
wie räumlich durch die Lage ihrer Wohnsitze im und am 
Stillen Ozean auch in ihrem ethnographischen Besitze viel- 
fach ähnlich. Es ist sehr merkwürdig, wie in den unsteten, 
weitwandernden, furchtlosen Eskimo ein zweites ozeanisches 
Volk, ein Spiegelbild der Polynesier unter minder glück- 
lichem Himmel, aber sinnreich über das Maß ihrer drücken- 
den Lebensbedingungen hinaus, erscheint, und wie das eine 
den Südrand, das andere den Nordrand der Oekumene in 
größerer Ausdehnung als irgend ein anderes besetzt hat. 

Bei Studien über bewohnte und unbewohnte Erd- 
räume wird man nicht vergessen dürfen, daß die Bewohnt- 
heit um so weniger eine kontinuierliche Eigenschaft ist, 
je enger die Räume, von denen sie ausgesagt wird. 
Manche Insel, die in ihrem Boden zahlreiche Spuren von 
der Anwesenheit des Menschen barg, ist als eine jung- 
fräuliche Welt angesehen worden. Das vollkommene 
Verschwinden der Menschen von einem Teile der Erde, 
den sie vorher bewohnt hatten, ist eine viel häufigere 
Erscheinung, als wir uns träumen lassen. Der Gürtel der 
bewohnten Erde hat bald hier bald dort einen Riß be- 
kommen und diese Verletzungen werden um so häufigere 
gewesen sein, je tiefer die Stufe der Kultur war, auf der 
die Bewohner standen. 

Unbewohnte Inseln im Atlantischen Ozean und Rück- 
blick. Im Atlantischen Ozean treten uns andere Ver- 



Unbewohnte Inseln im Atlantischen Ozean. 31 

hältnisse entgegen. In seiner ganzen Ausdehnung finden 
wir unbewohnte Inseln und Inselgruppen, und darunter 
viele, deren Bewohnbarkeit die Thatsachen glänzend be- 
wiesen haben; z. B. die Azoren, Madeira, die Bermudas, 
die Inseln des Grünen Vorgebirges, die Palklandsinseln, 
St. Helena, Ascension, Tristan d'Acunha. Wir können 
von einer ganzen Anzahl von Inseln, die wir uns heute 
unbewohnt kaum denken können, die Zeit ihrer ersten 
Besiedelung nachweisen. Im nordatlantischen Ozean sind 
die Färöer zuerst zu Harfagrs Zeit besiedelt worden, waren 
aber den Iren vorher bekannt 8 ). Island sollte nach älterer 
Auffassung zuerst 870 von den Normannen besucht worden 
sein, ist aber früher, vielleicht um ein Jahrhundert, von 
Kelten aus Irland entdeckt worden 9 ). Erst auf die Zeit vor 
dem Beginn des 8. Jahrhunderts findet der kühne Aus- 
spruch Anwendung, welchen Sartorius von Waltershausen 
im Eingang seiner Skizze von Island thut: „ Vordem (vor 
der Entdeckung im Mittelalter) war es unbewohnt, nie 
von dem Fuße eines Menschen betreten und so außer 
dem Bereiche der Geschichte 10 )." 

Ueber den Entdecker Madeiras und der Azoren kann 
gestritten werden, aber nicht darüber, daß sie unbewohnt 
gefunden worden sind. Bewohnt fand man an dieser 
Küste überhaupt nur die Canarien. Von den Inseln des 
Meerbusens von Guinea hat Annobom, die kleinste und 
südlichste, 1471 entdeckte, ihre Bevölkerung durch Schiff- 
brüche und Sklaven befreiungen empfangen, San Tome wurde 
schon vor dem Ende des 15. Jahrhunderts von Europäern 
besiedelt, ebenso Principe, während Fernando Po bei der 
Ankunft der Europäer 1471 bereits von den Vorfahren der 
Bube besetzt war. Man findet im Boden dieser Inseln 
Steinwaffen, welche vielleicht auf voreuropäische Kultur- 
zustände hinweisen. Die Inseln des Grünen Vorgebirges T 
die seit 1445 den Portugiesen bekannt waren, empfingen 
erst einige Jahrzehnte später eine ständige Bevölkerung, die 
jetzt auf 99000 gewachsen ist. Und daß die kleinen weit 
entlegenen Inseln St. Helena, Ascension, Tristan d'Acunha 
erst nach 1502 entdeckt, und sicherer noch die kleinen 
Eilande, die mehr Klippen sind, wie Diego Alvarez und 



32 Die Lage unbewohnter Inseln. 

Bouvet, unbewohnt angetroffen wurden, ist weniger auf- 
fallend. 

Das Vorkommen unbewohnter Inseln ist in den 
grossen Meeren von Erscheinungen begleitet^ welche den 
Thatsachen von Ozean zu Ozean verschiedenen Wert zu- 
erkennen lassen. Was außerhalb der Oekumene liegt, 
ist hier nicht zu besprechen. Spitzbergen oder Südgeorgien 
sind unbewohnt, weil sie an der allgemeinen Unbewohnt- 
heit der Regionen teilnehmen, in denen sie gelegen sind. 
Es reihen sich dann die unbewohnten Inseln des Stillen 
Ozeans an, deren Zahl sehr groß, deren Umfang aber 
sehr gering ist und deren Besiedelung der Bau, teilweise 
das Klima und besonders auch die biotische Ausstattung 
dieser Eilande, Riffe und Klippen große Hindernisse ent- 
gegenstellen. Das beste Zeugnis dafür liegt in der That- 
sache, daß aus dieser großen Menge nur eine verschwin- 
dende Zahl nach der Ausbreitung der Europäer noch 
besiedelt worden ist und daß Zeugnisse für ältere, wieder 
aufgegebene Bewohnung einzelner derselben vorliegen. 
Anders liegen die Verhältnisse im Indischen und Atlan- 
tischen Ozean. Dort sind große und fruchtbare Inseln 
südlich von einer Linie, die wir gezeichnet und beschrieben 
haben, bis zum Vordringen der Europäer unbewohnt ge- 
wesen, um dann rasch und dicht, entsprechend ihrer 
natürlichen Ausstattung, sich zu bevölkern. Und im 
Atlantischen Ozean nimmt die Erscheinung einen noch 
größeren Charakter an, indem sie alle großen und kleinen 
Inseln von Grönland +>is Tristan d'Acunha und an der 
afrikanischen Küste bis wenige Meilen Entfernung von 
der Küste umfaßt und thatsächlich den ganzen Atlantischen 
Ozean zwischen amerikanischem und europäisch-afrika- 
nischem Ufer unbewohnt sein läßt, so daß derselbe als 
einzige Verbindung der nördlichen und südlichen Gebiete 
der Unbewohntheit sich durch die Oekumene hindurchzieht. 
Es bedeutet also hier die Unbewohntheit das Vorhanden- 
sein eines breiten menschenleeren Raumes zwischen dem 
Westrand der östlichen und dem Ostrand der westlichen 
Landmasse. 



Die Ueberbrückung des Atlantischen Ozeans. 33 

Die Ueberbrückung des Atlantischen Ozeans. Für 
die Lage Afrikas in der Oekumene ist demnach die 
Thatsache bezeichnend, dass es bis in das 15. Jahr- 
hundert den westlichen Rand derselben, ebenso wie den 
südwestlichen und zwar mit solcher Schärfe bildete, 
daß die nahegelegenen Inseln des Grünen Vorgebirges 
und Madeira, das Gebiet der Unbewohntheit auf 70 
bis 85 Meilen an die afrikanische Küste heranrück- 
ten. Welcher Unterschied gegen den Stillen Ozean, wo 
die Malayo-Polynesier auf der Osterinsel um ein Drittel 
des Erdumfanges sich von ihrem vermutlichen Ausgangs- 
punkt entfernt halten! Keine Spur in der Geschichte der 
beiden Ufer des Atlantischen Ozeans zeigt innerhalb der 
Parallelkreise Afrikas auf etwaigen Verkehr von Ufer zu 
Ufer hin. Nicht bloß wurden alle Inseln des Atlantischen 
Ozeans mit einziger Ausnahme der Canarien unbewohnt 
gefunden, als sie entdeckt wurden. Die Unbewohntheit 
Islands vor den keltischen Besuchen, die Wahrscheinlich- 
keit, daß die Eskimo in Grönland eine junge Bevölke- 
rung darstellen, und die Thatsache, daß in der Arktis 
östlich von Ostgrönland über zwei Drittel des Erdumfanges, 
gemessen durch die 150 Grade, welche von 20° w. L. 
bis 130 ° ö. L. in östlicher Richtung liegen, menschenleer 
waren und sind, zeigt, daß im Atlantischen Ozean auch 
an eine arktische Völkerverbindung, wie sie im Stillen 
Ozean zweifellos besteht, gar nicht gedacht werden kann 1X ). 

Der Unterschied in der Stellung der beiden größ- 
ten Ozeane zur Geschichte der Menschheit, welchen 
wir für die mehr äquatorwärts gelegenen Teile vorhin nur 
hypothetisch begründen konnten, wird hier greifbar. Und 
gehört nicht endlich der westliche Ursprung der nördlich 
von der Linie Jukon-Kap Farewell wohnenden hyper- 
boreischen Nordamerikaner zu den wahrscheinlichsten Vor- 
aussetzungen der Völkerkunde? Dieser Ursprung rückt 
aber die Anfänge der Eskimovölker bis in ein Gebiet, 
wo Amerika und Asien sich ökumenisch miteinander ver- 
binden. Und so führen die am weitesten ostwärts vor- 
geschobenen Völker Amerikas — der Meridian, unter 
welchem die zweite deutsche Nordpolarexpedition in Ost- 
Ratz el, Anthropogeographie II. Q 



34 Die Schließung des ökumenischen Gürtels. 

grönland Reste des arktischen Menschen fand, berührt 
nahezu das Grüne Vorgebirge Afrikas — am weitesten 
westwärts zurück. Der vorsichtigste und gründlichste 
unter den älteren Schilderern der grönländischen Eskimo, 
der Herrenhuter Missionar David Cranz, dessen Buch 
klassischen Wert hat, fand bereits dieses Volk am ähnlich- 
sten den Jakuten, Tungusen und Kamtschadalen, d. h. den 
Bewohnern des nordöstlichen Asiens und glaubte, daß 
Grönland erst im 14. Jahrhundert von Westen her be- 
völkert worden sei 12 ). 

Erst seit 1492 und in beschränktem Maße auch 
schon von 1000 — 1347 — aus letzterem Jahre stammt 
die letzte Nachricht über die Verbindung zwischen Grön- 
land und Markland (wahrscheinlich Neuschottland) — ist 
die Oekumene durch die Querung des Atlantischen Ozeans 
ein geschlossener Gürtel um die ganze Erdkugel herum 
geworden. Diese Schließung ist die bedeutendste That- 
sache, welche wir aus ihrer Geschichte kennen. Offenbar 
steht aber die heutige Verbreitung der Völker, besonders auf 
beiden Gestaden des Atlantischen Ozeans, noch immer 
unter dem Einflüsse jener Trennung und alle Studien 
über die Verbreitung der Völker über die Erde in ge- 
schichtlicher Zeit haben mit der erst 400 Jahre geschlos- 
senen atlantischen Kluft zu rechnen. Es gilt dies ganz be- 
sonders von der Stellung der Altamerikaner in der Reihe 
der Völker. 

. Ueber die Namen Westliche Welt und Neue Welt- 

Weil wir Europäer Amerika auf dem Wege Dach Westen er- 
reichten, nennen wir es die westliche Welt. Auf unseren Welt- 
karten in Mercatorprojektion liegt es herkömmlich am westlichen 
Rand und bei der üblichen Zweiteilung der Erde auf den Plani- 
globkarten fällt es der westlichen Hälfte zu. Wenige denken 
daran, daß doch eigentlich ebensogut die Teilungslinie anders 
laufen könnte, etwa so wie der alte Meridian durch die Glück- 
seligen Inseln, der vor allen anderen den Vorzug des historischen 
Wertes besitzt, wobei Amerika statt im äußersten Westen im 
äußersten Osten erschiene. Solch eine Aenderung der durch Or- 
telius und Mercator sanktionierten Ordnung soll natürlich nicht 
ohne Grund vorgenommen werden, allein es ist auch keine Ver- 
anlassung, an dieser Ordnung mit eiserner Konsequenz festzuhalten. 
Sie ist ein Ausfluß der einseitig europäischen Wettauffassung, 



Ueber die Namen Westliche Welt und Neue Welt. 35 

welche Amerika in geschichtlichem Sinne fast wie eine Schöpfung 
Europas betrachtet und den Erdteil, den Europa neu fand, mit 
kindlicher Sicherheit gleich als eine Neue Welt ansprach, unbe- 
kümmert, ob derselbe nicht etwa anderen altbekannt sei. 

„Neue Welt!" Das Wort ruft Zweifel wach, indem man es 
ausspricht. Neu für wen? Nicht für die Normannen, welche von 
Grönland her den Nordosten entdeckt, nicht für die Eskimo, welche 
vom fernen Westen an den ganzen eisigen Norden überzogen 
hatten, am allerwenigsten neu für jene kupferfarbigen Menschen, 
welche den ganzen Rest dieses Weltteils bewohnten, und unter 
denen einige hervorragende Gruppen auf eine lange Geschichte 
auf diesem Boden zurückblickten, der daher für sie eine alte Welt 
war. Werde ich in den Verdacht kommen, ein Verkenner helden- 
hafter und geistig großer Thaten zu sein, wenn ich von dem Ein- 
seitigen, Mißverständlichen, das in diesem Worte „Neue Welt* 
liegt, Anlaß nehme, daran zu erinnern, daß die Entdeckung 
Amerikas auch aus einem menschheitsgeschichtlichen Standpunkte, 
nicht bloß einem europäischen, zu betrachten sei? In der Ge- 
schichte, welche wir überschauen, ist die That des Columbus eine 
der größten, der folgenreichsten. Sie steht an der Wende zweier 
Kulturepochen. Doch gibt es noch eine andere Geschichte, die 
mit anderen Zeiträumen rechnet und daher auch an die Ereignisse 
andere Maßstäbe anlegt. Wollte ich ihr den Blick verschließen, 
so würde ich glauben, jenem Berufe des Geographen untreu zu 
werden, in jeder Art Betrachtung die Erde als Gesamtheit im 
Auge zu behalten und mit ihr denn auch die Menschheit. 

Columbus steht in den Ehrenhallen der europäischen Ge- 
schichte als der Entdecker Amerikas. Für die Geschichte der 
Menschheit ist er nur der erste, der in der Tropenzone von Osten 
her den Erdteil aufschloß und dadurch die Kluft des Atlantischen 
Ozeans in der Mitte überbrückte. Tm Norden waren in gleicher 
Richtung die Normannen ein halbes Jahrtausend früher mit 
Erfolg vorangegangen, und daß phönizisch- karthagische Schiffe, 
die an der Westküste Afrikas wahrscheinlich bis zum Meerbusen 
von Guinea vordrangen, über den Ozean hin nach Westen ver- 
schlagen wurden, ist ebenso wahrscheinlich, wie auf der anderen 
Seite Amerikas das Verschlagenwerden japanischer Fahrzeuge und 
Mannschaften bis zur Mündung des Kolumbiastromes wohlverbürgte 
Thatsache ist. Vor allem zeigt ja aber Amerikas voreuropäische 
Bevölkerung, daß dem einzelnen Genuesen längst die Menschheit 
in Gliedern, die wir freilich nicht mehr oder noch nicht ethno- 
graphisch definieren können, zuvorgekommen war und soweit ihre 
Kulturstufe es ihr erlaubte, das Land sich zu eigen gemacht hatte. 
Vielleicht muß Columbus dereinst seinen Ruhm mit unbekannten 
Polynesiern teilen, die von Westen über den Stillen Ozean her 
Totem und Schöpfervogel gebracht, wie er von Osten über den 
Atlantischen Christentum und Absolutismus mitführte. Ein tief- 
sinniges Spiel, das man Zufall nennt, warf dann die Ehre, der 
Neuen Welt den Namen zu geben, einem Manne von ungleich 



36 Amerika der eigentliche Orient. 

geringerem Verdienste zu. Mag Vespucci dem Erdteil, den er nur 
entdecken half, als Vertreter der Gattung seinen Namen geben und 
die zufällig gewonnene Ehre dahinhaben, die, wenn bewußt zu- 
geteilt, selbst für einen Columbus, ja für jeden einzelnen Menschen, 
zu groß gewesen wäre; denn die Entdeckung Amerikas gehört 
der Menschheit an. 

Alles Neue wird einmal alt. Neu ist ein Augenblickswort, 
das ebenso rasch veraltet, wie die Neuheit des Gegenstandes, den 
es bezeichnete. Es ist deswegen widersinnig, das Wort lange 
über den Zeitpunkt hinaus fortzuführen, für welchen es bestimmt 
war. Ursprünglich hatte es ganz den Charakter einer vorüber- 
gehenden Bezeichnung; unsere Phantasiearmut hat ihm die Dauer 
einer Versteinerung gegeben. Meursius teilt in den einleitenden 
Worten zu Montanus' Buch über Japan (1669) die Welt in eine 
Bekannte, Neue und Unbekannte Welt 18 ). Hier nimmt neu seine 
richtige Stelle zwischen bekannt und unbekannt ein. Es ist der- 
selbe Sinn, wie wenn Insulae nuper repertae im 16. Jahrhundert 
an der Stelle der westindischen Inseln steht. Hat der Ausdruck 
Neue Welt heute noch eine größere Berechtigung, so ist diese 
jenseits des Ozeans zu suchen. Dieser Ausdruck „Neue Welt" hat 
einen viel tieferen Sinn für die Bewohner Amerikas dadurch ge- 
wonnen, daß für sie vieles in dieser Welt die „keine Burgen und 
keine Basalte" hat, neu und fremd, daher unerforscht ist. Für sie 
ist jene Welt in Wirklichkeit neu, weil sie auch ein neues Volk sind. 

Amerika als der eigentliche Orient der bewohnten 
Erde. Wer wollte mit jener energisch egoistischen Auf- 
fassung der Europäer streiten, wenn er das heutige Amerika 
betrachtet, welches ja mehr und mehr nach dem Muster 
Europas sich umschafft und dem offenbar das Ziel gesetzt 
ist, ein neueres und größeres Europa zu werden? Allein 
wir haben nicht das Recht, sie wie eine wissenschaftliche 
Wahrheit zu verehren, und die entgegengesetzte Auffassung 
macht sich von selbst geltend, sobald wir hinter dieses 
große Schicksalsjahr 1492 zurückgehen und die Stellung 
ins Auge fassen, welche die amerikanische Bevölkerung 
in der Menschheit einnahm, ehe der europäische Einfluß 
sie zersetzte. 

Zu den Thatsachen, welche an den Bewohnern Guana- 
hanis Columbus am meisten in Erstaunen setzten, weshalb 
er sie auch gleich seinem Tagebuche einverleibte, gehörte 
der Mangel des Eisens. Er hatte zwar jenen Stab, der in 
der schwersten Zeit der Entmutigung, kurz vor der Ent- 
deckung der Inseln, ans Schiff trieb, dem er neue Hoff- 



Die Ethnographie Alt-Amerikas. 37 

nung brachte, für mit Eisen bearbeitet gehalten, aber nun 
finden wir am 13. Oktober mit unter den ersten Ein- 
drücken gesagt: „Sie haben kein Eisen. Ihre Speere sind 
Stäbe ohne Eisen, von denen einige mit einem Fischzahn, 
andere mit irgend einem anderen harten Körper bewehrt 
sind* 4 14 ). Eine der bezeichnendsten Thatsachen der Ethno- 
graphie der alten Amerikaner ist hier ausgesprochen 
und keine spätere Entdeckung hat dieselbe in anderem 
Lichte erscheinen lassen. Mit Ausnahme eines Streifens 
im Nordwesten, der von Asien her mit dem Eisen be- 
kannt geworden, stand Amerika im Steinzeitalter, als es 
entdeckt wurde. Auch seine Kulturvölker bereiteten zwar 
kunstvolle Werke aus Gold, Silber, Kupfer und Bronze, 
benutzten aber Steine als Waffen und Werkzeug. Auf 
einer Erdkarte die Völker, welche bis zum Gebrauch des 
Eisens vorgeschritten, von jenen scheidend, welche noch 
beim Stein, Holz, bei der Muschel stehen, finden wir mit 
Staunen, daß an den einander gegenüber liegenden West- 
und Osträndern der Oekumene die Eisenvölker im Westen 
vom Nordkap bis zum Kap der Guten Hoffnung; die Stein- 
völker im Osten von Grönland bis Kap Hoorn sich scharf 
entgegenstehen. Afrika, als es von den Europäern ent- 
deckt ward, bereitete Eisen bis hinab ins Hottentotten- 
gebiet, in Nordasien war ein schmaler verkehrsarmer 
Streifen an der Küste eisenlos, die Völker des malayischen 
Archipels bearbeiteten in kunstvoller Weise das Eisen. Das 
geschlossene Gebiet der eisenlosen Völker liegt östlich von 
Asien, in unserem Sinne am Ostrand der Welt, es umfaßt 
Australien, die Inseln des Stillen Ozeans, die Arktis und 
Amerika. Eisenlosigkeit bedeutet aber Beschränkung auf 
den Gebrauch der Steine, der Knochen, des Holzes zu unvoll- 
kommenen Waffen und Geräten; Abgeschnittensein von 
der Möglichkeit der auf dem Eisen und Stahl beruhenden 
industriellen Fortschritte. In der Linie, die die eisenlosen 
Völker umschließt, wohnt aber auch der Mangel der wert- 
vollsten Haustiere: Rind, Büffel, Schaf, Ziege, Elefant, 
Kamel sind innerhalb derselben unbekannt und mit ihnen 
die Viehzucht. In jenen frühesten Aufzeichnungen des 
Kolumbus findet man auch Bemerkungen über den Körper- 



38 Westliche Beziehungen der Altanierikaner. 

bau der westindischen Insulaner, die er im Oktober 1492 
sah. „Sie waren wohlgewachsen," lesen wir da, „hatten 
schöne Leiber und hübsche Gesichter, ihre Haare waren 
fast ebenso grob, wie Roßhaare" 15 ). Mit diesen Worten 
wäre kein Volk zu beschreiben, das am Ostrand des At- 
lantischen Ozeans wohnt, also kein europäisches und kein 
afrikanisches. Aber so wie dieser Satz dasteht, der, wie 
alles, was Columbus sagt, treffend ist, könnte er von den 
Bewohnern Hawaiis, Tongas oder Neuseelands gesagt sein. 
Es deuten mit anderen Worten auch die Rassenverwandt- 
schaften der Amerikaner nicht über den Atlantischen, son- 
dern den Stillen Ozean hin. Späterhin ist der Unterschied 
der Amerikaner von den Negern, ihre Aehnlichkeit mit den 
Völkern am Westrand des Stillen Ozeans oft deutlich be- 
zeichnet worden und schon Kolumbus, indem er in dem mehr- 
erwähnten ersten Bericht sagt: „Es sind weder Weiße, 
noch Schwarze," will sie weder den Europäern, noch den 
Negern verglichen wissen. Wie viele einzelne Merkmale 
wir auch noch heranziehen möchten, unter allen Völkern 
ähnlicher Kulturstufe stehen die Amerikaner am nächsten 
denen, die westlich von ihnen wohnen. Und so ist denn 
ihre Stellung in der Menschheit zunächst den pazifischen 
Völkern, und wenn wir uns mit der Erde selbst auch ihre 
Völker auf einer Karte in Mercatorprojektion gleichsam 
aufgerollt vor Augen bringen, finden die Amerikaner ihren 
Platz am östlichen Flügel, also nicht gegenüber, sondern 
entgegengesetzt jenen, welche am Ostrand der trennenden 
Kluft des Atlantischen Ozeans ihre Wohnsitze haben. 
Amerika ist mit anderen Worten bis 1492 ethnographisch 
der äußerste Orient, seine Verbindungen liegen nach Poly- 
nesien und Asien, nicht nach Europa oder Afrika zu, sein 
Anschluß an die Alte Welt ging nicht über den Atlan- 
tischen, sondern über den Stillen Ozean. Es wird Gegen- 
stand einer interessanten, aber schwierigen und weit aus- 
schauenden Untersuchung sein, nachzuweisen, wie die Ver- 
legung der Geschichtsseite Amerikas von dem pazifischen 
an das atlantische Gestade mit der Thatsache zusammen- 
hängt, daß in der Alten Welt die Kultur ihren Weg von 
Osten nach Westen gemacht hat, so daß ein Grund- und 



Alt- und Neu Amerika. 39 

Hauptsatz der Ethnographie Amerikas wohl einst lauten 
möchte : Amerika zeigt zwei Völker- und Kulturschichten, 
eine ältere asiatischen und eine jüngere europäischen Ur- 
sprungs, jene erreichte diesen Erdteil über den Stillen, 
diese über den Atlantischen Ozean. 



J ) Zimmermann, Geogr. Geschichte d. Menschen. 1778. S. 33. 

2 ) Cit. nach Yule, Travels of Marco Polo IL S. 404. 

s j Wallace schliesst aus der Thateache, dass ältere Schrift- 
steller wie Legouat u. a. bestimmte Tiere nicht erwähnen, daß 
letztere nicht vorhanden gewesen seien und daß sie darum von 
den neueren und neuesten Schriftstellern erwähnt werden, weil sie 
seitdem eingeführt worden seien. Das ist, als ob alle Pflanzen, 
welche Salomon Gessner nicht beschreibt, während Koch sie nennt, 
zwischen 1541 und 1837 in Deutschland eingeführt worden seien. 

4 ) American Journal of Sciences and Arts. 1862. 

6 ) Verhandlungen der Gesellschaft für Anthropologie. Berlin. 
XII. S. 302. 

6 ) Die japanische Benennung der Bonininseln O-Gasawara- 
Shima bedeutet Inseln ohne Menschen. 

7 ) Neueste Nordische Beiträge. 1793. I. S. 283. 

8 ) C. Maurer, Die Bekehrung der norwegischen Stämme zum 
Christentum. 1855. I. S. 44. 

9 ) Erst gegen Ende des 8. Jahrhunderts scheint die Insel 
dem Menschengeschlechte bekannt geworden zu sein: C. Maurer, 
Island vor seiner Entdeckung. München 1874. 

10 ) Göttinger Studien. 1847. S. 5. 

n ) Wenn ein so ernsthafter Geist, wie Hugo Grotius sich 
für diese Annahme erwärmte, so genügt ein Blick in die Schriften 
seines Streites mit Laetius, um zu erkennen, daß es hier für 
ihn sich nur um ein geistreiches Spiel gehandelt hat. Daran 
kann auch der Eifer mit dem die zweite Streitschrift angeht — 
die erste De origine gentium Americanarum erschien 1642, die 
zweite Altera Dissertatio, 1643 — nichts ändern. 

12 ) Historie von Grönland. Barby 1765. 4. Buch, S. 333. Die 
Schädelvergleichung hat dasselbe Ergebnis geliefert. Vergl. die 
Arbeit Wymans über grönländische und tschuktschische Schädel, 
in der Z. f. Ethnologie 1869. S. 256. 

13 ) Gedenk waerdige Gesantschapen etc. door Arno! das Monta- 
nus. 1669. Widmung. 

u ) Navarrete, Relations des quatre voyages. Paris 1828. IL S. 43. 
15 ) Ebend. IL S. 42. 



3. Der geschichtliche Horizont, die Erde nnd 

die " Menschheit. 



Entwickelung der Vorstellungen von der Oekumene. Enge und 
weite Horizonte. Der insulare Charakter der Weltbilder. Die 
Geographie des Halbbekannten. Verhältnis zwischen der bekannten 
und unbekannten Erde. Beziehung zwischen der Oekumene und 
den Vorstellungen von der Erde und der Menschheit. 



Entwickelung der Vorstellungen von der Oekumene, 
Jedes der geschichtlichen Zeitalter hat sich seine Welt 
anders vorgestellt als das vorangehende jind das nach- 
folgende. Der Raum, in dem eine Menschheit zu leben 
wähnt, ist aber vom größten Einfluß auf ihr wirk- 
liches Leben, und Form und Ausdehnung der Oekumene 
gehören daher zu den charakteristischen Merkmalen der 
geschichtlichen Zeitalter. Viele Geschichtschreiber haben 
dieser Thatsache Rechnung getragen, indem sie den Er- 
eignissen, welche mächtige Veränderungen dieses Be- 
griffes herbeiführten, wie dem Alexanderzug nach Indien 
oder der Entdeckung Amerikas, eine hervorragende Stelle 
auf der Grenze großer Abschnitte der Geschichte zu- 
wiesen. Wer wollte in der That leugnen, daß die Auf- 
fassung, welche ein Geschlecht der Menschen von den 
Grenzen und der Größe der Welt und und der Mensch- 
heit hegt, von großem Einflüsse auf Thun und Streben 
sei, das in diesen Grenzen, auf diesem Boden sich regt 
und bewegt? Welche Kluft scheidet den Sinn des ein- 
fachen Satzes: Die ganze Welt ist eine Familie, wenn 
chinesischer Mund ihn ausspricht oder europäischer l 



Entwickelung d. heutig. Vorstellungen v. d. Oekumene. 41 

Dem Chinesen ist die Welt China, der Europäer hat 
sich die ganze Erde für diesen Begriff errungen ] ). Welche 
Konzentration des politischen Wollens im römischen 
Reiche auf den doch immer engen Kreis, „den die, welche 
ihm angehörten, nicht mit Unrecht als die Welt em- 
pfanden!" 2 ) Schon das Altertum hat seine Oekumene 
wachsen, ja sich verdoppeln sehen. Die Welt Homers ist 
viel kleiner als diejenige des Herodot, zu dessen Zeit eine 
ostwestliche Ausdehnung von etwa 500 geogr. Meilen ange- 
nommen werden konnte. Ptolemäus aber, der vom Meridian 
der Glücklichen Inseln bis zu dem der Hauptstadt des 
Landes, welches die Seide erzeugt, fast einen halben Erd- 
umfang maß, zog ihr die weitesten Grenzen, die sie je 
im Altertum gefunden. Die ptoleraäische Welt nahm 
mindestens ein Vierteil der uns bekannten ein. Letztere 
aber ist langsam gewachsen. Es fehlen ihr noch im 
Anfange des 19. Jahrhunderts alle jene Strecken, welche 
nördlich von Nordamerika jenseits der Baffinsbai und 
des Lancastersundes gelegen sind, und bis zu Cooks 
erster Reise hatte man zweifeln können, ob die nur 
strichweise von den Küsten her ungenau bekannten Süd- 
länder Australien und Neuseeland zur Oekumene zu 
rechnen seien. Noch vor einem Jahrzehnt hat die un- 
glückliche Greely-Expedition Spuren des Menschen in 
nördlichen Breiten nachgewiesen, die höher als diejenigen 
sind, in welchen man bisher die äußerste Grenze gezogen 
hatte. Wird man kaum hoffen dürfen, dieselben auf die 
Felseninseln des innersten Eismeeres zu verfolgen, so wäre 
doch denkbar, daß künftige Forschungen sie noch in 
nördlicheren Teilen von Grantland und Grönland nicht 
vergeblich suchen würden. Das sind aber freilich kleine 
Schwankungen im Vergleich zu jenen, welche ein so 
scharfsinniger Kopf wie Maupertuis noch für möglich 
hielt, als er in der an Friedrich IL von Preußen ge- 
richteten Lettre sur le progres des Sciences bemerkte, 
daß man in den großen Ländern um den Südpol — Mau- 
pertuis wußte bloß von dem Vordringen Loziers bis 
52 ° s. Br. im Südatlantischen Ozean — eine ganz andere 
Schöpfung zu finden erwarten dürfe als in den vier an- 



42 Die Geschichte der Entdeckungen 

deren Teilen der Erde, die enger miteinander verbunden 
sind als jene durch breite Meeresteile von diesen allen 
getrennten antarktischen Länder 3 ). 

Es ist sehr bezeichnend, daß die größte Klärung, 
welche wir hinsichtlich der Ausdehnung der Oekumene 
seit der Entdeckung Amerikas erfahren haben, der Nach- 
weis gewesen ist, daß dieses Australland ein Phantom 
sei und daß dieser Nachweis durch bewußte wissenschaft- 
liche Forschung geliefert wurde. Bis dahin war die 
Feststellung der Grenzen des Bewohnten, wie alle geo- 
graphische Entdeckung, Sache des Zufalls oder der po- 
litischen und Handelsunternehmungen. Gerade die späte 
Entdeckung oder vielmehr die verspätete wissenschaft- 
liche Festhaltung und Verwertung der früher schon be- 
rührten pazifischen Inseln und Länder zeigt, wie eng der 
Gesichtskreis trotz hoch entwickelter Schiffahrtskunst 
ohne die Hilfe der bewußt die Grenzen hinausdrängenden 
Wissenschaft bleiben konnte. Es ist teils gewiß, teils 
wahrscheinlich, daß alle größeren Inselgruppen des Stillen 
Ozeans schon vor Cook teils von den Spaniern, teils von 
den Holländern besucht worden waren. Selbst für Hawaii, 
die Osterinsel, Tonga muß dies gelten. Und doch blieb 
dies alles wissenschaftlich nahezu ganz unfruchtbar, ganz 
so wie die immer wiederholten arabischen Fahrten der 
Araber nach Madagaskar und Sansibar den Indischen 
Ozean südlich von 20 ° s. Br. nicht entschleierten. 

Mitten in einer Zeit großer Entdeckungen, welche 
nur möglich geworden waren durch die Abweichung von 
bisher üblichen Schiffahrtswegen, wie konnte sich ein 
insel- und völkerreiches Gebiet im Stillen Ozean unbe- 
kannt erhalten? Weil zufällig Magalhaes einen nördlichen 
Weg bei der ersten Durchsegelung eingehalten hatte und 
nach der Festlegung der Route Acapulco — Manila die 
Entdeckungen an der Nordküste Neuguineas vergessen 
worden waren. Den Wegen der Spanier folgten Eng- 
länder und Holländer und trotz der Entdeckungen eines 
so großen Seemannes wie Quiros blieb der Stille Ozean 
außerhalb jenes Weges im wesentlichen unbekannt. 
Schoutens Fahrt auf dem 15.° s. Br. im mittleren Stillen 



ist die Geschichte der Oekumene. 43 

Ozean 1616 und Abel Tasmans Entdeckungen von Küsten- 
strichen Australiens, Neuseelands, der Tonga- und 
Fidschiinseln seit 1642 haben nicht neue Unternehmungen 
zur Erweiterung und Bestätigung hervorgerufen, sondern 
es schlössen vielmehr damit die Entdeckungen für mehr 
als ein Jahrhundert ab. Erst die Wissenschaft schloß 
die zufällig gefundenen Bruchstücke der bewohnten Erde 
zu einem einzigen Ganzen zusammen. Sie verschmolz 
die getrennten Gesichtskreise der Völker und füllte die 
Lücken aus, welche selbst jene großen Entdeckungen des 
15. und 16. Jahrhunderts, die weniger wissenschaftliche 
als politische und wirtschaftliche Ziele verfolgt hatten, 
noch in der Oekumene gelassen hatten. Die Räume, 
welche erst durch die Europäer, die Besitzer der voll- 
kommensten Werkzeuge und Wissenschaften der Seefahrt, 
für die Menschheit, für die Besiedelung gewonnen wurden, 
mögen beschränkt und in Summa wenig bedeutend sein. 
Sie finden aber ihre größte Ausdehnung jenseits der 
Nord- und Südgrenze der Oekumene, wo die Polarfahrten 
für unsere Auffassung nichts anderes als vom Trieb der 
Forschung getragene Einbrüche in die unbekannten, un- 
bewohnbaren Räume jenseits der Oekumene sind. Was 
Handel und Politik nicht vermochten, hat die Wissen- 
schaft ganz besonders in diesen gefahrvollen Fahrten 
verwirklicht. 

Die Geschichte der Entdeckungen ist die 
Geschichte der Oekumene. Sie bietet dem Geo- 
graphen nicht bloß das Werden seiner Wissenschaft, son- 
dern lehrt ihn die geistige Erfassung der Menschheit 
und ihres irdischen Raumes in der Erweiterung des geo- 
graphischen Horizontes verfolgen. 

Die Robinsonaden, welche man aus dem anthropo- 
geographischen Gesichtspunkt als unfreiwillige Versuche 
der Hinausrückung der ökumenischen Grenzen bezeichnen 
kann — in näherliegenden Gebieten sind sie auch freiwillig 
durchgeführt worden, so z. B. auf den Aucklandinseln 4 ) 
— haben bezeichnenderweise niemals in den letzten Jahr- 
hunderten einen bemerkenswerten Einfluß auf die Ver- 
größerung des bewohnten Raumes geübt. Man sieht, 



44 Robinsonaden. 

wie nahe unsere Erde schon vor den europäischen Ent- 
deckungen dem Zustande der Bewohntheit aller bewohn- 
baren Teile gekommen war. Dagegen scheinen sie eine 
viel größere Rolle in der Bevölkerung der Inseln des 
Stillen Ozeans von den malayischen Inseln aus zu spielen, 
wenn auch gegenüber jeder einzelnen Tradition die Frage 
offen bleibt, ob es sich um eine erstmalige Besiedelung 
handelte oder um Wiederholung. Auch die Eskimo haben 
mehrere Ueberlieferungen von Entdeckung z. B. der Pry- 
biloffinseln und der St. Lorenzinseln durch sturmver- 
schlagene oder auf Eisfeldern fortgetriebene Einzelne 5 ). 
Der ausgiebigste Fall von unfreiwilliger Ansiedelung 
aus geschichtlicher Zeit ist wohl der Schiffbruch eines 
portugiesischen Sklavenschiffes bei San Tom6, wodurch 
seine aus Angola stammenden Sklaven frei wurden, die 
nun einen unabhängigen Staat in den Bergen bildeten 
und als „Angolares" sich bis 1878 unter einem selbst- 
gewählten König unter portugiesischem Schutz in der 
Zahl von 14—1500 erhielten 6 ). 

Einer der wenigen Fälle, wo europäische Robinso- 
naden der dauernden Besiedelung vorangingen, bieten Ma- 
deira und die Falklandinseln 7 ). Dagegen haben sich auf 
den Südshetlandinseln schiffbrüchige Weiße nur vorüber- 
gehend aufgehalten. Gerade die Angehörigen der europäi- 
schen oder amerikanischen Kulturvölker sind am wenigsten 
berufen, an den äußersten Grenzen der Menschheit zu 
siedeln. Die Thatsache ist eine sprechende, daß der nörd- 
lichste Punkt der Europäer in Westgrönland Tessiusak in 
73° 21', der heutigen Eskimo Itah in 78° 18' n. Br. ist. 
Offenbar ist die Ausfüllung der äußersten Räume der Oeku- 
mene nicht der höchsten Kultur vorbehalten, wohl aber 
ihre Erforschung. Die Ansprüche der Kulturmenschen 
sind auf die Dauer nicht mit dem Kampfe um die not- 
dürftigsten Mittel zum Leben in diesen Gebieten zu ver- 
einigen, welche den Randvölkern oder der Unbewohnt- 
heit zu überlassen sind. 

Enge und weite Horizonte. Das Wachstum des geo- 
graphischen Gesichtskreises fand in den Kreisen der 



Enge Horizonte. 45 

Kulturvölker der Alten Welt statt, die immer größer 
werdend, sich um die Mittelpunkte Mesopotamien, Aegypten, 
Griechenland, Rom aneinanderreihten, bis sie vom Ostufer 
her den Atlantischen Ocean und in dieser Richtung weiter- 
wachsend Amerika und den Stillen Ozean umfaßten. Die 
Spitze dieses Wachstums bezeichnen die wissenschaftlichen 
Reisen des letzten Jahrhunderts, während in seinen An- 
fängen Afrika vom größten Einflüsse ist. Afrika, im 
Vergleich mit den mittelmeerischen Halbinseln ein Riese, 
hat in dem Prozeß der Gewöhnung an größere geo- 
graphische Maßstäbe die Schule der Alten gebildet. Der 
geheimnisvolle Reiz des libyschen Innern und vor allem 
des Nilquellenproblems beruht zum Teil auf ihrer staunen- 
erregenden räumlichen Größe. 

In jenen Kreisen, welche dieser Entwickelung fern 
standen, überleben aber die ältesten, beschränktesten 
Weltvorstellungen. Es ist, als zeige man uns ein stein- 
gewordenes Erdbild aus den Tagen Homers, wenn Cecchi 
erzählt, daß die Gurägehäuptlinge ihn fragten, ob er an 
der Stelle gewesen sei, wo der Himmel ein Ende hat 
und die Sterne mit den Händen zu fassen sind 8 ), daß 
sie, wie spätere Gespräche ergaben, die Erde für eben 
und vom Himmel wie von einer Glocke bedeckt glaubten. 
Was aber die Weite des Horizontes anbetrifft, so finden 
wir ihn bei dem Balubaherrscher Tschingenge nordwärts 
jenseits der Bassongomino von den fabelhaft großohrigen 
und faltenhäutigen Batetela begrenzt, gegen Osten wußte 
Kalamba nur noch den durch eingeführte Sklaven be- 
kannt gewordenen Lubilasch und nach Südosten weisen 
die Kupferkreuze von Stamm zu Stamm bis Katanga 9 ). 
Dies ist ein Wissen oder vielmehr Ahnen und Vermuten 
von königlicher Ausdehnung, denn es umfaßt vielleicht, 
einen Raum, der ein Dritteil Deutschlands beträgt. Das 
Wissen gewöhnlicher Neger reicht aber oft von der 
Küste nicht vier Meilen einwärts. Der engste Horizont 
ist vielleicht derjenige der Bewohner wegarmer Wäl- 
der, wie Stanley sie im „großen Walde" fand, die nichts 
von 4 Meilen entfernten Niederlassungen wußten. Der 
Gesichtskreis der Mohammedaner muß natürlich ein weiterer 



46 



Enge Horizonte. 



sein, die Mekkazüge sorgen dafür; aber Barth traf im 
ganzen Sudan fast keinen Araber, der etwas von seinen 




Volksgenossen an der Ostküste wußte. Nur ein einziger 
gelehrter Mann kannte einen Namen von da: Sofala 10 ). 



Die Horizonte von Uedle. 47 

Wir erstaunen nicht, daß Nachtigal dem weisen König 
Ali über Bornu und Baghirmi bestimmtere Nachrichten 
geben konnte, als dieser oder sonst jemand in Wadai 
besaß X1 ); aber daß das Wissen hoher Abessinier in Adowa 
über die Länder nordwestlich von Abessinien, mit denen 
kein Verkehr bestand, fast Null war, so daß Rüppell 
sich vergebens um Nachrichten bemühte 12 ), ist erstaun- 
lich, denn wir sehen uns da in einem Gesichtskreis von 
nicht über 30 Meilen Radius. 

Wir können diesen Zustand der geographischen Be- 
schränktheit genauer bestimmen, indem wir den äußersten 
bekannten Punkt als in der Peripherie eines Kreises ge- 
legen ansehen, der um den Wohnort derjenigen gezogen 
wird, in deren Horizont dieser Punkt gelegen ist. Erin- 
nern wir uns an Aurel Krauses Mitteilung, daß die ent- 
ferntesten Punkte, welche einzelne Tschuktschen von 
Uedle kannten, Kap Serdze im Nordwesten und Indian 
Point im Süden waren. „Es scheint aber, daß sie im 
Winter gelegentlich Reisen bis zu den Russen an der 
Kolyma unternehmen. In der Regel gehen sie aber nicht 
über die S. Lorenzbai hinaus 18 )." Hier haben wir also 
drei konzentrische Kreise, welche die verschieden weiten 
Gesichtskreise der Tschuktschen am Ostrande der Halb- 
insel verdeutlichen 14 ), und deren Größenverhältnisse sind 
folgende : 

Engster Gesichtskreis 12 M. Radius 
Mittlerer „ 24 „ „ 

Weitester „ 150 „ Ä 

Innerhalb der allgemeinen Beschränktheit ist die 
Verschiedenheit der Gesichtskreise eine bezeichnende That- 
sache. Wir erkennen aus ihr die Zusammenhangslosigkeit 
der geistigen Besitztümer dieser Völker. Während die 
Neitschillik über eine Küste von 14 Breiten- und 16Längen- 
graden, die Westeskimo von den Aleuten bis zum Ma- 
ckenzie Bescheid zu geben wußten, sind die Bewohner 
des Mackenziedeltas nur mit einem Kreis von wenigen 
Meilen Durchmesser bekannt. Nach John Roß hielten 
sich die Itahner für die einzigen Menschen, hatten also 
von ihren Nachbarn im südlichen Ellesmereland keine 



48 Der insulare Charakter der Weltbilder. 

Ahnung und glaubten, die übrige Welt sei Eis 15 ). Dies 
ist nur eines der äußersten Beispiele von jener Zu- 
sammenhangslosigkeit, welche eine natürliche Begleit- 
erscheinung des beschränkten Gesichtskreises ist; am 
anderen Ende steht das Wissen, mag es auch kein klares 
sein, der Cumberlandsund-Eskimo von der Nordküste La- 
bradors und vom Smithsund. 

Sich in Unbewohntheit zu hüllen, sich einsam in 
weiter Leere zu glauben, entspricht auch in rein kultur- 
licher Beziehung der Auffassung, welche ältere Völker 
von ihrer Stellung auf der Erde hegten. Noch heute 
scheidet sich jedes Volk Zentralafrikas und selbst die 
höher entwickelten mohammedanischen Staaten des Sudan 
vom Nachbar durch einige Meilen unbewohnten, womög- 
lich wüsten oder dünnbevölkerten Landes. So auch China 
und die hinterindischen Staaten und ebenso einst die 
alten Germanen. Im Weltbild wiederholt sich in größeren 
Zügen dieses Selbstgenügen ; diese Abschließung von 
seinesgleichen, diese Einschränkung auf die nächste Um- 
gebung. Bedenken wir nun noch, daß die Welt that- 
sächlich in den früheren Jahrtausenden viel weniger be- 
wohnt war als heute, so mag in der Vorstellung einer 
beschränkten Oekumene bei den Alten manchmal auch 
ein Körnlein praktischer Erfahrung liegen. Bei so weit 
zerstreuten Völkern aber wie den Eskimo oder den Ost- 
polynesiern ist diese Ursache als die wirksamste zu achten. 

Der insnlare Charakter der Weltbilder. Die Thatsache, 
daß im Grunde alles Land unserer Erde nur Insel eines vier- 
mal so großen Meeres ist, bestärkt natürlich die Vorstellung 
von der Abgeschlossenheit der Welt, in der man lebt. Insofern 
als sie vom Wasser umflossen sind tragen die ältesten und ein- 
fachsten Weltbilder den Stempel des wasserreichen Planeten. Die 
meisten Völker sind geneigt, ihre Welt als eine Insel in weitem 
Meere aufzufassen und daher die Wiederkehr des Gedankens, 
daß das Jenseits weit draußen im Meere liege. Ob es als ge- 
schlossener Ring den äußeren Rand des Weltmeers umfaßt, oder 
als Insel am westlichen Horizont liegt, ob es vom Meere ab in 
oder an einen See oder Fluß rückt, oder ob reiche Quellen in ihm 
springen, oder ob (bei Australiern) bartlose Jünglinge beständig 
das Wasser von ihm zurückhalten, oder ob endlich nur der Weg 
dahin über Wasser führt: es ist nie ein trockenes Land. Höchstens 



Die Geographie des Halbbekannten. 49 

die Wüste ersetzt einmal durch ihre unermeßliche Weite und Ein- 
samkeit in seltenen Vorstellungen, wie Herodot sie von den Aegyptern 
berichtet, das Meer. Dann sind die Gefilde der Seligen Oasen, d. h. 
Inseln im Sandmeer. Sogar die Kahnform des Sarges, der auf dem 
Grabe aufgestellte Miniaturkahn 16 ) sind letzte Andeutungen der 
Wasserlage des Jenseits, welches so echten Schiffervölkern wie 
Griechen und Polynesiern eine glückliche Insel wird, die Sturm- 
verschlagene zufällig erreichen. Je kleiner man sich die eigene 
Heimat denkt, desto mehr vergrößert sich dieses jenseitige Land, 
aus welchem im platonischen Atlantis-Mythus die Atlanten aus- 
ziehen, um die übrige Welt zu erobern, wie in einer Variante 
die Meropiden kommen, um die kleine Insel der Oekumene kennen 
zu lernen. 

Wasserflächen umgrenzen auch den Horizont, in welchem die 
Schöpfung der Erde vor sich geht. Das ist natürlich bei Insulanern, 
deren Land gleichsam im Meere schwimmt. Die Erde aufzufischen, 
mochte für die Neuseeländer, die weit übers Meer gewandert waren, 
ein naheliegender Gedanke sein. Aber auch für viele Indianer 
des Binnenlandes ist der Anfang des Landes ein aus der Tiefe 
des Wassers heraufgeholter Erdenkloß. Findet aber die erste 
Schöpfung nicht aus dem Wasser statt, dann tritt das feuchte 
Element in einer jener weltweit verbreiteten Sagen der Ertränkung 
und Neuschaffung der Erde aus der Sündflut in sein Recht. 

Die Geographie des Halbbekannten. Die Erweite- 
rung der Oekumene bedeutet den Fortschritt der An- 
gewöhnung des Menschen an den ihm zugewiesenen 
Kaum. Dieser Prozeß vollzieht sich durch Aneignung 
des Bekannten und Zurückdrängung des Unbekannten. 
In jedem Zeitpunkt stuft sich unser Wissen vom Un- 
bekannten zum Wohlbekannten durch eine halbe und 
lückenhafte Kenntnis hindurch ab. Die Grenzen der 
Oekumene sind, wo sie von Ländern gebildet werden, mit 
am spätesten bestimmt worden und an der Nord- und 
Südgrenze liegt auch uns noch manche Terra incognita. 
Die Klarheit für alles, was innerhalb der Grenzen liegt, 
ist zum Teil erst noch zu erwerben. Abgesehen von dem, 
was die geographischen Entdeckungen in kontinentalen 
Gebieten noch zu entschleiern haben, bleibt immer die 
Aufgabe stehen, für jede Erscheinung der Erde den plane- 
tarischen oder tellurischen Maßstab zu gewinnen. Im 
engen Umkreise gewinnt das Kleine an Größe und Be- 
deutung und die Erweiterung des geographischen Hori- 
zontes bedeutet daher auch die Zurückführung der Einzel- 
Ratz el, Anthropogeographie II. 4 



50 Die Geographie des Halbbekannten. 

erscheinungen auf ihre wahren Verhältnisse. Es gibt eine 
geistige Strahlenbrechung, welche besonders die Erschei- 
nungen des Horizontes verzerrt. Darunter leidet die Auf- 
fassung der Völker vielleicht mehr als jede andere. Daß 
auch die Ethnographie der Alten wie ihre Geographie 
ein enger Horizont umschloß, das ist wohl zu beherzigen 
gegenüber der Leichtigkeit, womit sie z. B. aus einem 
Fischervölkchen eine vielgenannte Nation der Ichthyo- 
phagen des Roten Meeres machten. Wenn der geographische 
Horizont eines Volkes die Linie ist, durch welche die ent- 
ferntest liegenden Punkte des geographischen Wissens 
oder Vermutens verbunden werden, so wird diese Linie 
eine geschlossene sein und wird konzentrisch um die 
Stelle ziehen, welche jenes Volk auf der Erde einnimmt. 
Aber sie kann keine scharfe Grenze sein, weil sie eben die 
äußersten Gegenstände im Gesichtskreise verbindet. So 
kann ja auch die Linie nicht scharf gezogen werden, 
welche unseren eigenen geographischen Horizont bestimmt, 
denn wir wissen nicht, ob auf der Südhalbkugel die Ufer 
von Wilkesland Eis oder Fels sind und ob die nur ge- 
sehenen, nicht erreichten fernsten Punkte in der Arktis r 
wie z. B. die nördlich von 82 ° im Franz- Josephsland ge- 
zeichneten Küsten, welche die Namen König Oskarland, 
Petermannland und Kap Sherard Osborn führen, ganz 
genau da liegen, wo sie auf der Karte eingetragen sind 17 ). 
Eine Geographie des Halbbekannten, des in 
der Vorstellung Verwischten, Unklaren, oft nur Ver- 
muteten, trotzdem aber fest an der Erde Haftenden, hat 
nicht bloß eine Berechtigung, sondern ist, wie man sieht, 
sogar notwendig. So gut wie der Kartograph hypothetische 
Länder, vermutete Umrisse, Flußläufe, Gebirge, nur auf 
Tradition ruhende Völker- und Städtenamen in sein Erd- 
bild einzeichnet, womöglich mit der Vorsicht, daß eine 
nur andeutende oder punktierte Linienführung gleichzeitig 
das Schwankende der Sache und den Zweifel oder die 
Schüchternheit des Darstellers wie eine gezeichnete Frage- 
stellung ausdrücke, sollte auch in den geographischen 
Werken eine schärfere Sonderung des Wohlbekannten 
und Wenigerbekannten mit einer sorgfältigeren Beachtung 



Geographie der Naturvölker. 51 

des letzteren Hand in Hand gehen. Vorzüglich gilt dies 
von den historisch-geographischen Arbeiten. Die ein- und 
gleichförmig harte Linie, welche Terram Antiquis notam 
umreißt, gibt eine Vorstellung von der Beschaffenheit des 
geschichtlichen Horizontes, welche nicht ganz richtig ist. 
Sie schließt in Eine Grenze Gades, Palibothra, Katti- 
gara mit Athen und Theben ein und doch ist zwischen 
dem geschichtlichen Horizont, an welchem diese, und dem, 
an welchem jene auftauchen, fast ein so großer Unter- 
schied, wie der, welcher für den mathematischen Geo- 
graphen zwischen dem wahren und scheinbaren Horizont 
liegt. Gerade der historische Geograph muß anerkennen, 
daß die Länder, welche das Aegäische und Jonische Meer 
bespült, eine andere Wirklichkeit für die Griechen be- 
saßen, als was an den Säulen des Herkules oder auf dem 
goldenen Chersones gelegen war. Der Schauplatz der 
Geschichte ist eine ganz andere Sache als der Tummel- 
platz gelehrter Vorstellungen, und über diesen hinaus liegt 
wieder das dämmerige Gebiet der Spekulationen und 
Mythen. Die Atlantis hat nie bestanden, ist aber auch 
nicht ein bloßes Märchen. Die mit Vorliebe westliche 
Lage der Länder der Seligen und der Glücklichen Inseln 
ist eine geographische Thatsache. Eine ebenso würdige 
Aufgabe des historischen Geographen wie die Festlegung 
der äußersten Grenzen des Weltbildes irgend eines Volkes 
und einer Zeit ist auf der einen Seite die Zeichnung des 
Theaters seiner Geschichte, auf der anderen die Andeu- 
tung der mythischen Ausläufer jenes Bildes. Denn diese 
letzteren wirken aus dem Unbekannten ins Bekannte herein. 

In dieses Kapitel gehören ohne Zweifel auch die Karten der 
wissenschaftslosen Völker, von denen ein viel zu großes Wesen 
gemacht worden ist, wenn man sie als Beiträge zur Geschichte 
geographischer Entdeckungen auffaßte. Man kann ihnen nur den 
Wert psychologischer Dokumente zusprechen, welche uns unter- 
richten über die Weite des Gesichtskreises und den Grad der Be- 
stimmtheit der geographischen Vorstellungen. Ihrer Entstehung 
nach sind es Umrisse aus der Erinnerung, an einmal gemachte 
Wege angeschlossen, daher im allgemeinen richtiger in den Richtungen 
als den Größe- und Form Verhältnissen. So wie Krause sagt von 
der Geographie der Chilkat: Indianerberichte sind sehr unzuver- 
lässig. Wir haben 7 verschiedene Indianerkarten, nur eine der- 



52 Geographie mythischer Länder. 

selben stimmt schematisch mit dem jetzt bekannten, wahren Sach- 
verhalt 18 ), so haben gründlich urteilende Reisende in Afrika wie 
in Polynesien die Geographie der Eingeborenen mehr verworren 
als orientierend gefunden. Selbst die Vorstellungen viel und weit 
wandernder polynesischer Schiffer sind nur hinsichtlich der Rich- 
tungen zuverlässig, fehlen dagegen oft weit in den Entfernungen. 

Auch darum ist die Vorstellung beachtenswert, die 
einer Zeit von dem Räume vorschwebt, der auf Erden be- 
wohnt oder doch dem Menschen gestattet ist, weil alles, 
was über ihn hinaus liegt, ja nicht leer bleibt, sondern 
von der Grenze herüberwirkt. Dort ist vor allem die 
Heimat der Sagen von einst volkreicheren, glücklicheren, 
ergiebigeren Zuständen in den heute einsam gewordenen 
Strichen. Der Mythus des goldenen Zeitalters erscheint 
an der Grenze der bewohnten Erde hart vor der Thüre 
des elenden Lebens von heute in der nicht allzureichen 
Hülle eines Traumes von geräumigeren Blockhütten, zahl- 
reicheren Lederzelten, größeren Renntierherden oder er- 
giebigerer Jagd auf Zobel und Eisfuchs. So erzählen 
die Jukagiren der unteren Kolyma, wie an den Ufern 
dieses Flusses einst „mehr Feuerstätten der Omoki ge- 
wesen seien als Sterne am klaren Himmel". Ueberreste 
aus starken Baumstämmen erbauter Befestigungen und 
großer Grabhügel, letztere besonders häufig an der Indi- 
girka, scheinen dieser Sage einen bestimmten Hintergrund 
zu verleihen, ähnlich wie in den mit Tschukotsch zu- 
sammengesetzten Ortsnamen, z. B. dem Tschukotschja- 
fluß zwischen Kolyma und Laseja, ein Grund gegeben ist, 
die von der Sage behauptete einstige weitere Ausbreitung 
des Wandervolkes der Tschuktsehen nach Westen als 
thatsächlich begründet anzunehmen 19 ). Je enger das Dies- 
seits, desto weiter das Jenseits. Weil dieses Jenseits so 
nahe, wie das Diesseits klein ist, und weil dieses auf 
allen Seiten eng vom Jenseits umgeben ist, können 
Fremde ungewohnten Aussehens nur von drüben stammen; 
sprechen sie aber die Sprache der diesseitigen, dann sind 
sie sicherlich die Geister der verstorbenen Glieder des 
Stammes. Eine Insel von der Größe Belgiens ist nicht 
zu klein, um solch ein Jenseits in ihrem Inneren zu 
bergen. Auf der Vancouverinsel fand R. Brown die Sage 



Geographische Lage des Jenseits. 53 

von einem ganz isolierten Stamm des Inneren, der keine 
Boote und keinen Verkehr mit den Nachbarn hat, die 
ihn nur zufällig entdeckt, indem sie einem Biberfluß auf- 
wärts folgten. Auch hier erweckten diese Fremdlinge 
Schrecken, weil sie wegen ihrer mit der der Küsten- 
bewohner übereinstimmenden Sprache für die Geister ver- 
storbener Glieder derselben gehalten wurden 20 ). Es ist 
möglich, daß die auffallende Menschenleere des Inneren 
dieser Insel mit dieser auch sonst zu treffenden Vorstel- 
lung vom Geisterland zusammenhängt. Thatsächlich ist 
Banksland als Sitz einer fabelhaften Menge von weißen 
Bären, das Innere von Kolgujew, die Taimyrhalbinsel 
als Geisterland verschrieen und verödet. Wrangel schil- 
dert lebhaft die Furcht der Jukagiren vor der mit Riesen 
bevölkerten und darum gemiedenen Bäreninsel 21 ), die sie 
übrigens doch später als Elfenbeinsucher betreten lernten. 
Auch für die Tonganer lag Samoa bereits am Weg 
zum Himmel (Bolotu) und daher konnten sie auch glauben, 
daß ein Verschlagen werden Himmlischer zur Erde, ebenso 
wie Erdgeborener zum Himmel vorkomme. Rühmten sich 
doch die Tonganer, Bolotu in ihren Kähnen kämpfend er- 
reicht zu haben! Ja selbst bei der Entstehung neuer Inseln 
waren Sterbliche anwesend, die die Arbeit der Götter 
vollendeten, wie die Tonganer von Sa vage Island erzählten, 
daß die gefährlich steilen Küsten der einen Seite der zu 
geringen Sorgfalt des einen von zwei Tonganern zuzu- 
schreiben sei, welche aus ihrer Heimat hinübergeschwommen 
waren, um die eben erst emporgetauchte Insel in Ord- 
nung zu bringen. Die Eskimo Grönlands, auf den schmalen 
Fjordgürtel zwischen den Gletscherabstürzen des Inland- 
eises und dem hohen Meere beschränkt, dessen Wellen- 
schlag und Eispressungen ihre Fahrzeuge nicht gewachsen 
sind, bevölkern dieses wie jenes mit furchtbaren Fabel- 
wesen, zwischen welchen ihr Leben auf den schmalen 
Küstenstreif und sein Randeis sich ängstlich zusammen- 
zieht. Auf den Felsklippen, die wie Inseln aus dem In- 
landeise ragen, wohnen große Raubvögel, deren Krallen 
Renntiere zu tragen und deren Schnäbel Felsen zu durch- 
bohren vermögen ; wen aber die Jagdleidenschaft zu weit 



54 Kleinheit der sinnlichen Welt. 

aufs Meer hinausführt, der begegnet bedenklichen Wesen, 
die ebenfalls in Kähnen fischen und jagen, und gerne 
die Menschen zu Gefährten annehmen, um sie nie wieder 
herzugeben. Fügt man hinzu, daß in manchen Teilen 
des hyperboreischen Wohngebietes vielfach der Verkehr 
der einzelnen Stämme trotz ihrer wandernden Lebensweise 
sehr beschränkt ist — wir erinnern, um nur ein Beispiel 
zu geben, an die Eskimo von Pt. Warren vor der Mün- 
dung des Athapascastromes, welche, als der Missionar 
Miertsching sie 1850 besuchte, keinen Verkehr mit der 
Station der Hudsonsbaigesellschaft trieben, die ganz nahe 
am Unterlauf jenes Stromes gelegen ist, überhaupt nur 
mit dem nächsten westlich wohnenden Eskimostamme in 
Verbindung standen 22 ) — , so erscheint die sinnliche Welt 
dieser Völker oft nur wie ein Inselchen im Meere des 
Uebersinnlichen, ein fast verschwindender Punkt. Die 
Körperwelt versinkt in der Geisterwelt. Aus deren nur 
geahnten oder im besten Falle durch unsichere Ueber- 
lieferung halbbekannten Fernen fällt aber doch noch ein 
Schimmer in jene hinein, für deren Ansassen und In- 
haber das Unbewohnte im nächsten Umkreis das erste 
Jenseits ist, wohin zunächst die abgeschiedenen Seelen 
gehen, von woher sie aber auch noch einige Jahre lang 
zu den Gräbern zurückkehren, um Opfer zu genießen, 
die ihnen dort in regelmäßigen Zwischenräumen dar- 
gebracht werden. Später erreichen sie fernere Stufen 
des auch bei den Eskimo und Aleuten mehrteiligen 
Himmels und endlich versinken sie im absoluten Dunkel 
eines fernsten Jenseits wie in der Seele ihrer weiter- 
lebenden Genossen die Nacht sich tiefer auf die Erinne- 
rung senkt. Das ist aber auch nur ein Schimmer 
erborgten Lichtes, schwach und arm. Verlassen die 
Menschen eine so enge Heimat oder sterben sie aus, wie 
die Insulaner von Pitcairn, Fanning, Christmas, How- 
land u. a., welche die ersten Entdecker entvölkert, aber 
reich an Spuren von Wohnstätten und Gräbern fanden, 
dann geht die ganze kleine Welt unter und natürlich 
verlischt nun auch der Schein, der aus der Seele weniger 
Menschen her sie angestrahlt hatte. 



Die Oekumene und die Erde der Wissenschaft. 55 

Welch ein Unterschied zwischen einem Leben, das 
auf allen Seiten sich von den Provinzen eines ungeheuren 
Geisterlandes eingeschlossen sieht und einem thätigen Er- 
weitern der wirklichen Welt auf Kosten dieser gedachten. 
Dort sehen wir den hippokratischen Zug in der leidenden 
Geschichte der Naturvölker, hier das hoffnungsvolle Hinaus- 
streben thätiger Völker von handelnder Geschichte, welche 
kühn und unermüdlich Ophir von Arabien oder Ostafrika 
über den Ganges, nach dem goldenen Chersones, endlich 
nach Zipangu verlegen, bis es zurück nach Westen zum 
Dorado gewandert und damit der Erdball umzirkelt ist. 

Die Oekumene und die wissenschaftlichen Vorstellungen 
von dem Erdganzen und der Menschheit. Diese Ent- 
wicklung steht in einem zwiefachen Zusammenhange 
mit der Ausbildung zweier zu den wichtigsten Besitz- 
tümern der Menschen zu rechnenden Vorstellungen. 
Der geographische Horizont beschränkt sich nicht auf die 
Grenzlinie, welche ein Stück Erde von bestimmter Aus- 
dehnung umzieht. Es ist eine andere und wichtigere 
Eigenschaft, daß die Gedanken ihn erfüllen, welche die 
Völker verbinden, die von dieser Linie umfaßt werden. 
Es gibt für sie mindestens dieses Land, ohne welches 
die Oekumene ein toter Begriff wäre. Je weiter die Grenzen 
der Oekumene hinausgeschoben wurden, um so größer 
wurde das Bild der Menschheit; denn die Grenzen der 
Oekumene sind die Grenzen der Menschheit. Endlich 
wurden in unserer Zeit die äußersten Grenzen der Oeku- 
mene erkannt, nachdem sie im wesentlichen schon seit 
einem Jahrhundert festgestellt werden konnten, und 
damit steht nun die Menschheit in ihrer ganzen räum- 
lichen Ausdehnung vor uns. Und da jenseits ihrer 
Grenzen es keine zweite gibt, so ist sie die einzige auf 
Erden. Damit ist unsere Vorstellung nun nicht bloß 
räumlich fest umgrenzt, sondern sie erscheint in allen 
Eigenschaften uns auch bestimmter, weil überschau- 
bar. Wir erkennen die Uebereinstimmung in allen 
wesentlichen Eigenschaften, die Geringfügigkeit der Ab- 
weichungen und halten fester, als es jemals möglich 



56 Die einzige Menschheit. 

war, an der Ueberzeugung von der Einheit des 
Menschengeschlechtes. 

Der Verfasser der Einleitung zu Cooks erster r Reise nach 
dem Stillen Meer tf , Kapt. King, Begleiter Cooks, geht so weit, den 
Cookschen Entdeckungen im nördlichen Stillen Meere eine große 
Bedeutung für den christlichen Glauben zuzuerkennen, weil die- 
selben „die Ungläubigkeit eines ihrer beliebtesten Einwürfe gegen 
den mosaischen Bericht über die Bevölkerung der Erde beraubt* 
haben. Die Bestätigung und Erweiterung der Behringschen Ent- 
deckung durch Cook schien keinen Zweifel mehr an der Herkunft 
der Amerikaner aus Asien zu lassen, während zugleich die Ueber- 
einstimmung der West-Eskimo und Grönländer eine ungeglaubte* 
Wanderfähigkeit auch bei Völkern auf niederer Kulturstufe nach- 
wies. Beiläufig gesagt, hatte auch kurz vorher De Pages in seiner 
Reise (franz. A. IL 90) von den Madagassen behauptet, die er 
1774 besucht hatte, daß diejenigen unter ihnen, welche er nicht 
für Eingeborene der Insel halte, „klein und untersetzt" seien, daß 
sie fast ganz straffe Haare hätten und olivenbraun wie die Ma- 
layen seien, mit denen sie überhaupt eine Art von Aehnlichkeit 
aufwiesen. 

Man begrüßte jede Spur von Zusammenhang der 
Völker als eine Bekräftigung der Vorstellung von einer 
aus einem Punkte ausgegangenen Menschheit. Es ist an- 
ziehend zu verfolgen, wie die Gewöhnung an die erweiterten 
Vorstellungen langsam gewachsen ist. Daher auch die 
über alle anderen Wissenschaftsgeschichten so hoch her- 
vorragende Stellung der Geschichte der geographischen 
Entdeckungen. Da der Menschheit nur diese eine Erde 
gegeben ist, damit sie dieselbe zum Boden ihrer Ge- 
schichte mache, ist ihre eigene Größe von der Erkennt- 
nis dieses Bodens abhängig. Die Geschichte der geo- 
graphischen Entdeckungen, weil sie diese Kenntnis ver- 
mittelt, steht eben deswegen der allgemeinen Geschichte 
der Menschheit so nahe, zeichnet mit den Grundplan der- 
selben. Und so gewinnt selbst ein Zuwachs von ein paar 
Meilen geographischer Erkenntnis in der öden Antarktis 
die Bedeutung einer menschheitsgeschichtlichen Thatsache. 

Nur die immer fortschreitende Erweiterung des ge- 
schichtlichen Horizontes hat es auf der anderen Seite 
möglich gemacht; daß wir zu der Vorstellung von einer 
einzigen Erde in Kugelgestalt gelangen konnten. 
Immer mußte das beschränkte Stück des Planeten, das flach 



Die einzige Erde in Kugelgestalt. 57 

und vom krystallenen Firmamente überwölbt gedacht wurde, 
entweder die einzige Erde bleiben oder wenn es sich ver- 
vielfältigte, mußte man die Erden als besondere Scheiben 
unter besonderen Firmamenten im weiten Ozean schwim- 
mend denken. Man mußte, mit anderen Worten, die Eine 
Vorstellung sich vervielfältigen lassen, um zum Ergebnis 
einer weiten Fläche zu gelangen, über welche flache 
Erdscheiben ausgebreitet sind. Indem aber der sich er- 
weiternde Horizont immer wieder nur die eine zusammen- 
hängende Erde umspannte, rückte die Vorstellung von der 
kugelförmigen Erde immer näher. Die Kugelgestalt, zu- 
erst eine astronomisch- physikalische Thatsache, wurde 
zur Voraussetzung einer überall zusammenhängenden, als 
Ganzes zu umwandernden Erde, die jener einzigen Mensch- 
heit zur Heimat geworden ist 23 ). So hängen die beiden 
großen Fortschritte innig zusammen. Diesen Zusammen- 
hang gedanklich immer mehr zu verwirklichen, ist die 
Aufgabe unserer Wissenschaft. Das ganze Denken der 
modernen Menschen hat schon jetzt einen mehr geo- 
graphischen Zug im Sinne der bestimmteren Verörtlichung 
der Vorstellungen, der häufigeren Verknüpfung irgend- 
welcher Ideen mit Stellen oder Räumen der Erde und 
der schärferen Erfassung der letzteren gewonnen. Wenn 
man ihre Aufgabe pädagogisch im höchsten Sinne faßt, 
ist für sie das Ergebnis der Entwickelung der Oekumene 
die hologäische Erdansicht, welche in jedem Gebilde der 
Erdoberfläche, der Hydrosphäre, der Atmosphäre, in jedem 
Geschöpf ein Stück des Planeten, einen Teil des Ganzen, 
abhängig vom Ganzen, erblickt. 



*) In jeder erdkundlichen oder geschichtlichen Abhandlung, 
die von einem Chinesen geschrieben, wird der Leser nichts finden, 
das nicht zu China gehört, sei es durch Verwandtschaft, staatlich 
oder zufällig oder vorübergehend. Auf diese Weise ist jede von 
einem Chinesen verfaßte Geographie oder Geschichte unveränderlich 
eine Geographie und eine Geschichte Chinas, seines ganzen Reiches, 
oder eines Teiles davon. Skatchkof, Die geographischen Kenntnisse 
der Chinesen. Geographische Mitteilungen. 1868. S. 353. 

2 ) Mommsen, Römische Geschichte V. S. 4. 

3 ) Oeuvres de Maupertuis. Dresde 1752. 4°. S. 331. 

4 ) Auf den Aueklandinseln sind freiwillige und unfreiwillige 



r. 



g Anmerkungen. 



Robinsonaden öfters vorgekommen. Man hat Nachrichten von 
solchen aus 1840, 1850, 1863, 1864. Zwanzig Monate auf den 
Aucklandinseln. Geographische Mitteilungen. 1866. S. 103. 

6 ) Vergl. Elliot, An Arctic Province, Alaska and the Seal 
Islands. 1886. S. 194. Jacobsens Reise an der Nordküste Amerikas 
1884. S. 190. 

6 ) Richard Greeff, Die Angolaresneger der Insel Sao Tome. 
Globus. 1882. Bd. 42. S. 362 und 376. 

7 ) Siehe die Erzählung des Schiffbruches des englischen 
Kapitän Bernard und des Aufenthaltes seiner Mannschaft auf New 
Island bei Weddell Voyage toward the South Pole (1825). S. 89. 
Auch von vorübergehendem Aufenthalt Schiffbrüchiger auf den 
Neusüdshetlandinseln erzählt Weddell S. 144. 

8 ) Fünf Jahre in Ostafrika. 1888. S. 117 und 129. 

9 ) Wißmann, Unter deutscher Flagge quer durch Afrika. 
1889. S. 72. 

10 ) Reisen und Entdeckungen III. S. 133. 
") Sahara und Sudan III. S. 58. 
,2 ) Reisen in Abessinien IL S. 299. 

18 ) Deutsche Geographische Blätter. IV. S. 30. 

14 ) Kaum bedarf es wohl des Hinweises, daß eine derartige 
Konstruktion nur einen schematischen Charakter und Wert haben 
kann. Wenn die Tschuktschen bis an die Kolyma gehen, brauchen 
sie deshalb noch nicht die Kenaihalbinsel oder Point Barrow zu 
erreichen, aber an dem Wege Uedle-Kolyma mißt sich die Fähig- 
keit, nach irgend einer Seite unter gewissen Voraussetzungen eben- 
soweit zu gehen. 

16 ) John Roß, A Voyage of Discovery. 1819. S. 123. 

16 ) Bei Dajaken beschrieben und abgebildet von F. Grabowsky 
im Internationalen Archiv für Ethnographie II. S. 124 und T. VIII. 

17 ) Für die Beurteilung wissenschaftlicher Kritik, mit welcher 
Karten gezeichnet werden, gibt auch die Zeichnung der verschwim- 
menden Umrisse, welche unseren heutigen geographischen Gesichts- 
kreis begrenzen, einen Maßstab. Die Petermannsche Südpolarkarte 
in den Geographischen Mitteilungen (1868. T. 12) zeichnet die 
Umrisse von Wilkesland ebenso bestimmt wie diejenigen der best- 
bekannten Gebiete der Antarktis, die Neumayersche in der Zeit- 
schrift der Gesellschaft für Erdkunde (1872. T. 2) vermeidet den 
Namen Wilkesland vollständig und setzt „Eiswand" an Stellen, 
wo Wilkes Landanzeichen sah und ebenso ist auch auf der Süd- 
polarkarte zu Neumayers Vortrag „ Projekt der Erforschung der 
antarktischen Regionen " in dem Compte-Rendu du Congres des 
Sciences geographiques etc. zu Antwerpen 1871 (I. S. 290) ver- 
fahren. Endlich sagt das britische Adniiralitätsblatt South Polar 1 
Chart (1887), indem es die von Wilkes gesehene Küste in einer 
weniger scharf begrenzten Weise zeichnet als die anderen, „Land 
reported by Commander Wilkes 1840", womit natürlich alles offen 
gelassen ist. 

19 ) Deutsche Geographische Blätter VIT. S. 23. 



Anmerkungen. 59 

lö ) L. v. Engelhardt, Ferdinand v. Wrangel und seine Reise 
längs der Nordküste von Sibirien und auf dem Eismeer. 1885. S. 25. 

20 ) Geographische Mitteilungen. 1869. S. 89. 

21 ) Reise des k. russischen Flottenlieutenants F. v. Wrangel 
längs der Nordküste von Sibirien. 1839. I. S. 329. 

22 ) Reisetagebuch des Missionars Joh. Aug. Miertsching. 2. Aufl. 
Gnadau 1856. S. 36. 

28 ) Diesen Zusammenhang hat Sophus Rüge in einer unge- 
mein fesselnden Darstellung Ueber die historische Erweiterung 
des Horizontes (Globus XXXVI. S. 61) behandelt. Man könnte 
der Arbeit als Motto die einleitende Bemerkung vorsetzen, daß, 
„wie der forschende Blick wagerecht in immer weitere Erdräume 
dringt, auch senkrecht der Blick tief in die Himmelsräume hinauf- 
reicht." 



4. Die Grenzgebiete der Oekumene. 

Die nördlichen und südlichen Grenzgebiete. Die südlichen Rand- 
völker: Australier, Tasmanier, Neuseeländer, Südamerikaner, Süd- 
polynesier. Unbewohnte Striche im nördlichen Grenzgebiet. Der 
Nomadismus der nördlichen Randvölker. Unterschiede der Be- 
wohntheit des nördlichen Asien und Amerika. Schwäche ihrer 
Staatenbildungen. Ethnographische Einförmigkeit und Ausschließ- 
lichkeit der Randvölker. 



Die Grenze der Oekumene ist die absolute Natur- 
grenze. Hier die letzten Ausläufer des Menschen, dort 
nur noch Natur. Die Völker, die an dieser Grenze stehen, 
haben die Menschheit im Rücken und schauen ins Men- 
schenleere. Sie sind immer Glieder einer sehr schwachen 
Bevölkerung und zwar äußerste Glieder in immer mehr 
sich verdünnenden und lockernden Ketten, die auf dem 
fünften Teil des festen Erdbodens als der dreitausendste 
Teil der Menschheit wohnen; sie sitzen immer weit zer- 
streut, sie kämpfen immer und überall einen harten Kampf 
ums Leben, sie kennen nirgends die Vorteile der Zivili- 
sation, des Ackerbaues, des regen, belebenden Austausches, 
sie haben keine Städte, kaum Dörfer, ihre Geschichte 
bilden die unaufgezeichneten Abenteuer und Leiden Ein- 
zelner und der Familien. Diese Grenzen der Menschheit 
sind in Wahrheit verlorene Posten, die aber niemals 
ganz aufgegeben werden. Ihre Inhaber verdienen Dank, 
ernteten aber bisher nur mißkennende Verachtung. Es ist 
wissenschaftlich und rein menschlich genommen eine an- 
ziehende Aufgabe, ihnen in zusammenfassender Betrach- 
tung gerecht zu werden. 



Der Grenzgürtel der Oekumene. 61 

Die nördlichen und südlichen Grenzgebiete. Der 
Grenzgürtel der Oekumene ist der Lage und Gestalt 
der Erdteile entsprechend ein anderer auf der Süd- 
ais auf der Nordhalbkugel, ein anderer am Ost- als 
am Westrand, ein anderer in der westlichen als der 
östlichen Hälfte der Nordgrenze. Am weitesten gehen 
aber offenbar Nord- und Südgrenze auseinander, denn 
während diese die zukeilenden Felsgestade der nach der 
Antarktis hinausschauenden Festländer und Inseln gegen 
ein praktisch fast insellos zu nennendes Meer abschneidet, 
schließt jene Gebiete in sich, welche zu den inselreichsten 
der Erde gehören und deren Inseln durch ihre Zahl und 
Größe und durch die geringe Ausdehnung der dazwischen 
liegenden Meeresteile, vorzüglich aber durch die Stauungen 
des Treibeises, die Wanderungen der Menschen, ebenso 
wie der größeren Landtiere, erleichtern. Hier konnte die 
Menschheit einen Ausläufer nordwärts senden, der in ge- 
rader Linie wenig über 100 Meilen vom Nordpol ent- 
fernt bleibt, und wahrscheinlich mehr Spuren, als wir 
kennen, in dieser Richtung hinterlassen hat, während sie 
dort an den Felsenküsten eines Meeres Halt macht, dessen 
freiliegende Inseln mit der einzigen Ausnahme Neusee- 
lands bereits südlich des 40.° s. Br. unbewohnt waren 
und sind. Dort ist der Mensch tief in ein Gebiet ein- 
gedrungen, welches nicht zu denen gehört, „welche Gott 
zur Wohnung für Menschen geschaffen hat" *), hier steht 
die Natur in der großartigen Erscheinung der Wasser- 
wüste ihm abwehrend gegenüber. An jener Grenze tritt er 
thätig ihr entgegen, wenn auch diese Thätigkeit nur eben 
zur Lebenserhaltung genügt, an dieser leidet er ruhig die Ab- 
schließung und Zurückdrängung. Daher hat sich hier nicht 
wie dort ein eigener ethnographischer Typus herausgebildet, 
sondern die antarktischen Vorposten der Menschheit sind nur 
verarmte Varietäten der größeren Völker, die hinter ihnen 
wohnen, so etwa wie die isoliertesten Insel- und Halbinsel- 
gebiete der Arktis auch die ethnographisch ärmsten der 
Eskimo umschließen, wie Wollastonland, die Southamp- 
toninseln, bis zu einem gewissen Grade auch König- Williams- 
land die Folgen der Vereinzelung in ihren Bewohnern zeigen. 



62 Die südlichen Randvölker. 

Die südlichen Randvölker. Diesen Vorposten werden 
durch die Natur der südhemisphärischen Länder vier 
verschiedene Stellungen angewiesen; es sind die Süd- 
spitzen von Amerika, Australien und Afrika samt den 
Südinseln Polynesiens. Gemeinsam ist diesen, daß sie 
südwärts in unbewohnte und unbewohnbare Regionen 
schauen, während sie zugleich durch das allgemeine 
Gesetz der Verschmälerung aller Erdteile nach Süden 
zu weiter entlegen sind von den Nachbarländern im 
Nordosten und Nordwesten als die nächstnördlich an- 
stoßenden Gebiete. Gemeinsam ist ihnen dann weiter 
die Lage in dem Passatgürtel oder in grosser Nähe 
desselben, wodurch in großer Ausdehnung Dürre, Un- 
fruchtbarkeit, Schwierigkeit des Verkehres mit den 
mehr äquatorwärts gelegenen Gebieten hervorgerufen 
wird. Da der Fortschritt der Kultur ein Schätzesammeln 
in Wettbewerbung der Völker ist, welche in Fühlung 
miteinander stehen, ein Sammeln, das auf dem Austausch 
zwischen ärmeren und reicheren Völkern beruht, und da 
dieser Austausch hier ungemein beschränkt und schwierig 
ist, entsteht Verarmung. An ihr trägt nicht zuerst, wie 
man oft behauptet hat, die Naturanlage der Buschmänner, 
Australier , Tasmanier , Süd-Neuseeländer , Feuerländer, 
wohl aber die Armut der Hilfsquellen dieser Länder die 
Schuld. Die Hauptursache bleibt indessen die Schwierig- 
keit des Verkehres mit anderen Völkern, welche in der 
Lage gegeben ist. 

Die Aehnlichkeit dieser in die gleiche End- und 
Randlage gebannten Völker ist schon früher hervorge- 
hoben worden 2 ), ohne daß man indessen auf die wahre 
Ursache verfallen wäre. Malthus hat in seinem Buche 
„An Essay on the Principles of Population* 4 , welches, 1798 
erschienen, einen der wertvollsten Beiträge zur jungen 
vergleichenden Ethnographie darstellte, in dem Abschnitte 
über die „Hindernisse des Anwachsens der Bevölkerung auf 
den niedersten Stufen der menschlichen Gesellschaft* die 
Feuerländer, Tasmanier, Australier und Andamanen-Insu- 
laner als die niedrigsten aller Völker zusammengefaßt. 
Die Bewohner der Südinsel Neuseelands scheint er später 



Lage und Klima der südlichen Randländer. 63 

der gleichen Gruppe zuweisen zu wollen. Cooks erste und 
zweite Reise, Vancouvers Reise und Collins' Beschreibung 
von Neusüdwales hatten ihm die Farben zu einem Bilde 
geliefert, das an Naturtreue nichts zu wünschen übrig 
läßt. Doch fragt Malthus, indem er die Niedrigkeit dieser 
Kulturstufe zunächst an die Aermlichkeit der Naturum- 
gebungen knüpft und diese für die Uebel verantwortlich 
macht, welche er in jener erkennt, nicht nach den Grün- 
den der Wiederkehr so trostloser Verhältnisse bei vier 
Völkern von homologer Lage. Warum so viel Elend ge- 
rade an den Südspitzen Amerikas, Polynesiens, Australiens 
und am Südrande Asiens? Auch später sind diese ver- 
armten Südrandvölker den Ethnographen nur als zerstreute 
Einzelne erschienen. Die Aeufierlichkeit der Verbindung 
zwischen Ethnographie und Geographie macht sich in 
solchem Uebersehen sehr bemerkbar. Wenn ein mit den 
einschlägigen Thatsachen vertrauter Mann wie G. Gerland 
in seinem Buch „Ueber das Aussterben der Naturvölker* 4 
(1868) dieses eigentümlichen Verhältnisses ebensowenig 
Erwähnung thut, wie in der ethnographischen Schilderung 
der Australier und Polynesier in der „Anthropologie der 
Naturvölker" (1872), so möchte man die Frage aufwerfen: 
Hat Carl Ritter vergeblich gelehrt, daß der Mensch aus 
seinen Naturumgebungen heraus verstanden werden müsse ? 
Möge man die Lehre beherzigen, daß die ethnographischen 
Probleme in der Regel nicht vom geographischen Boden 
weggerückt werden, ohne daß ihre Behandlung dem Fluche 
der Unfruchtbarkeit verfällt. 

Die Randlage ist eines, das den Ländern gemein ist, 
welche wir hier besprechen, und das wesentliche. Doch 
kommt bei der Mehrzahl die klimatische Lage hinzu, 
welche vom größten Einfluss auf die Bewohnbarkeit der 
südlichen Randgebiete ist. Der südhemisphärische Gürtel 
hohen Luftdruckes liegt in Südamerika zwischen 20 und 
42 °, nimmt Südafrika von 7° an und die Südhälfte 
Australiens durchschnittlich von 25° an ein. Nieder- 
schlagsarmut ist daher das Merkmal des größten Teiles 
der eben abgegrenzten Gebiete, in denen wir Landschaften 
mit weniger als 20 mm Niederschläge, am ausgedehntesten 



64 Bevölkerungszahlen Australiens und Südafrikas. 

im Innern Australiens, finden. So geringe Niederschläge 
nähren keine zusammenhängende Vegetationsdecke. Step- 
penbildung ist daher das bezeichnendste Merkmal der Erd- 
oberfläche im südlichen Südamerika, in Südafrika und 
Australien, und in beschränkterer Ausdehnung wiederholt 
sich in schmalen Strichen Patagoniens, in der Ealahari 
und im Innern von Westaustralien die Wüstenbildung, 
welche auf der Nordhalbkugel in entsprechender Zone 
mächtiger auftritt. Hoher Luftdruck und Niederschlags- 
armut gehen endlich wie immer mit großen Temperatur- 
schwankungen zusammen, welche gerade in den drei Ge- 
bieten ihre südhemisphärischen Maxima erreichen. Die 
Folge kann auf anthropogeographischem Gebiet keine an- 
dere als dünne Bevölkerung sein, welcher der Ackerbau 
versagt und der Nomadismus auferlegt ist. Große Gebiete 
sehen selten Menschen, eigentlich unbewohnte Gebiete 
von größerer Ausdehnung scheint es indessen selbst im 
öden Innern Westaustraliens nicht zu geben. Aber die 
dünnst bevölkerten Striche der Südhalbkugel liegen in 
diesen drei südlichen Randgebieten, in denen ausge- 
dehnte Striche selten vom Fuße eines Menschen betreten 
werden 3 ). 

Die Bevölkerungszahlen sind hier immer nur klein 
gewesen. Für ganz Australien werden heute nicht mehr 
als 50 000 Eingeborene anzunehmen sein und in einer 
besseren Zeit, d. h. vor den europäischen Ein- und Ueber- 
griffen dürfte die Zahl nicht 150 000 überstiegen haben. 
Die Zahl der Tasmanier wird 1815 zu 5000 angegeben; 
das würden auf die Quadratmeile 4 — 6, also eine der 
Naturbeschaffenheit des Landes entsprechende dichtere 
Bevölkerung als in Australien sein. 

Was Südafrika anbetrifft, so nimmt G. Fritsch an, 
daß die Zahl der Hottentotten der Kolonie zur Zeit des 
Eindringens der Europäer etwa 150 000 betragen habe, 
mit Tindall weist er den Namaqua etwa 12 000 zu, die 
Zahl der gleich den Namaqua schon teilweise verbasterten 
Koranna schätzte ein Kenner 1858 4 ) auf etwa 20 000, 
und endlich weist Gustav Fritsch den Buschmännern vor 
der Ausrottung 10 000 zu. Das wären 192 000, wozu 



Bevölkerungszahlen des gemäßigten Südamerikas. (35 

noch an Bewohnern der Kalahari vom Betschuanenstamme 
einige Tausend kommen mögen, so daß eine sicherlich 
nicht zu geringe, eher optimistische Schätzung eine Dich- 
tigkeit für das Gebiet südlich von 22° s. Br. und west- 
lich von 25° ö. L. Greenw. von 7 — 8 ergeben würde. 

Endlich bleibt Südamerika, wo für Feuerland nach 
älterer Annahme des Missionars Bridges, welche Bove 
bestätigte, 8000 Einwohner angenommen wurden 5 ), 
während andere nur von 800 — 1000 sprachen. Es scheint 
aber die Zahl 3000 den jüngsten und gründlichsten Er- 
hebungen zu entsprechen. Wie überall ist diese großen- 
teils vom Fischfang und der Jagd auf Seetiere lebende 
Bevölkerung verhältnismäßig dicht an den Küsten, während 
das Innere der Insel nur im Osten von den guanako- 
jagenden Stämmen regelmäßig besucht wird. Alle Völker 
südlich vom Rio Negro und von Chiloe gehören zu den 
ausgesprochensten Jagd- und Fischervölkern, die wir 
kennen. Der Westrand gehört den Fischern, der Osten 
den Jägern. Das Gebiet der letzteren ist zwar ungleich 
größer, aber ohne Zweifel auch viel dünner bevölkert, als 
die Inseln und Küstenstriche, welche von jenen einge- 
nommen werden. Musters stellte der Zahl von 4000 Er- 
wachsenen, die Fitzroy für ganz Südamerika südlich von 
40° s. Br. annahm, von denen ca. 2500, also vielleicht 
5000 Seelen auf die Tehuelchen kommen würden, 1400 
Seelen als die Gesamtzahl aller Patagonier gegenüber. 
Seelstrang bestätigt diese Zahl 6 ). Gewöhnlich wird diese 
Zahl, welche eine ganz abnorm dünne Bevölkerung anzeigt, 
als richtig angesehen. Sie scheint in der That mit früheren 
Angaben 7 ) übereinzustimmen. Aber in dieser oder einer 
ähnlichen Summe sie festzuhalten, wird nicht möglich sein, 
da sie von den zahlreicheren nördlicher wohnenden Pam- 
peros nicht streng zu trennen ist. Durch diese Verbindung 
gerade dürfte sie in den letzten Jahren erheblich zugenom- 
men haben, denn als die argentinische Regierung 1870 
ihre Grenze an den Rio Negro vorschob, wurden die 
Pampas von Indianern gesäubert, die sich, insgesamt 
auf 5000 geschätzt, zu den Araukanern westlich und den 
Patagoniern südlich zurückzogen. 

Ratzel, Anthropogeographie IL 5 



66 Wechsel zwischen Bewohntheit und Unbewohntheit. 

Wir erhalten also folgende Uebersicht der südlichen 

Randgebiete und ihrer Völker: 

Areal in Q.-M. ursprüngl. Bevölkerung Dichtigkeit 
Südafrika 26000 200000 7,7 

Australien 138500 150000 1,0 

Tasmanien 1230 7000 5,7 

( 17 700 10000 0,6 



Feuerland und 
Patagonien 



183430 367 000 2,0 

Es ist ganz natürlich, daß man in allen diesen Grenzgebieten 
dem Widerstreit der Angaben früherer und späterer Besucher über 
Bewohntheit und Nichtbewohntheit weiter Strecken begegnet. In 
den weiten Räumen verschwinden die wenigen Menschen für den 
einen, während der andere unerwartet auf ihre flüchtigen Lager- 
stätten stösst. Stuart sah auf seiner zweiten Reise ins Innere von 
Australien vom 1. Januar bis 23. Mai 1861 keinen einzigen Einge- 
borenen und begegnete auch nur sehr wenigen Spuren derselben 8 ). 
Man wird deswegen doch nicht behaupten wollen, daß dieses ganze 
Gebiet völlig unbewohnt sei, nur nähert es sich sichtlich dem 
Zustande der Unbewohntheit. Zerfällt ein solch ärmlich ausge- 
stattetes Land in Inseln, wie z. B. das südwestlichste Südamerika, 
so bringt diese Unstetigkeit einer an sich dünnen Bevölkerung 
die Wirkung der Gezeiten auf einem Strande hervor, den seichtes 
Meer periodisch bedeckt und verläßt, nur daß dann Generationen 
zwischen Trockenliegen und Ueberflutetsein folgen. C. Martin 
hat die Archipele der Chonos und Guaytecas als unbewohnt be- 
zeichnet 9 ), spricht aber zugleich von Traditionen über ihre einstige 
Bewohntheit bei den Chiloten. Auch sind auf den Guaytecas 
Höhlen mit Mumien und einzelne Steinwaffen gefunden worden. 
Nun hat aber neuerdings ein britischer Seefahrer seine sehr an- 
ziehenden Beobachtungen über die Westküste Patagoniens mitge- 
teilt, aus welchen hervorgeht, daß nun wenigstens die Chonos 
wieder als bevölkert anzusehen sein werden 10 ). Und zwar ist diese 
Bevölkerung derjenigen des Feuerlandes nahe verwandt, gleich 
dieser sehr dünn gesäet, arm, und veränderlichen Wohnsitzes. 
Diese Veränderlichkeit greift noch viel weiter nach Norden in 
Länder aus, die wir heute für paradiesische Zufluchtsstätten euro- 
päischer Auswanderer empfehlen hören und welche jedenfalls zum 
größten Teile bewohnbar sind. So dünn war auch Ostpatagonien 
noch im vorigen Jahrhundert bewohnt, daß die beiden Missionare 
Strobl und Cardiel, Mitglieder der Quirogaschen Forschungsexpe- 
dition (1745), trotz aller Bemühungen bei wochenlangem Uniher- 
reisen keinen einzigen Eingeborenen zu Gesicht bekommen komnten; 
das einzige, was Menschliches sie entdeckten, war ein Grab 11 ). 

Polynesien als Randgebiet. In Polynesien ver- 
schmelzen sich die Merkmale der Randlage mit den 



Polynesien als Randgebiet. (37 

ihnen vielfach ähnlichen Eigentümlichkeiten insularer Be- 
völkerungen. Es zeigt in seinen äußeren Strecken und 
besonders dort, wo größere Inseln fehlen, die bezeich- 
nenden Merkmale des Randgebietes. Wenn im arkti- 
schen Randgebiet oder in Australien die Stämme sich 
weit zerstreuen, um ihr Leben erhalten zu können — 
„Die Eskimo streben wie andere Wilden danach, ihre 
Mittel zum Lebensunterhalt dadurch zu vermehren, daß 
sie ein größeres Areal in Anspruch nehmen u — so 
greift hier das Meer ein, um über den größten Ozean 
die ärmliche Summe von 10 000 Quadratmeilen Land 
in Gestalt von vielen Tausend Inseln zu zerstreuen und 
damit eine entsprechend weit verbreitete Bevölkerung 
in eine Menge von einzelnen isolierten Gruppen zu zer- 
teilen. Geringe Hilfsquellen und beschränkter Verkehr 
können uns unter solchen Umständen in den glücklichsten 
Zonen entgegentreten. 

Wenn das Schicksal eines Volkes um so schwankender 
ist, je ärmlicher die Hilfsmittel seines Wohnraumes und 
je geringer daher seine Zahl, so werden die Bewohner 
vieler von den zahlreichen kleinen Inseln des Stillen 
Ozeans dieselbe Erscheinung schwankender Volkszahlen 
bieten, wie wir sie in den Randländern der Oekumene 
überall finden. In der That, wie die Wogen des Meeres, 
denen sie so vertraut sind, wandeln in beständigem 
Wechsel von Steigen und Fallen die Wellen polynesischer 
Eilandvölker an uns vorüber. Pitcairn wird stets das 
klassische Beispiel bleiben. 1790, als es von jenem re- 
bellischen Schiffsvolk der „Bounty", dessen Thaten und 
Schicksale die größte Robinsonade der Wirklichkeit dar- 
stellen 12 ), zum erstenmal betreten ward, war dieses Eiland 
menschenleer. Aber es barg in rohen Bildsäulen aus Lava 
auf steinernen Plattformen, die denen der Osterinsel 
gleichen und auch hier als Grabmäler gedient haben, 
in basaltenen Steinbeilen, steinernen Schüsseln und 
Speerspitzen, letztere ganz denen Tahitis ähnlich u. a. 
Reste einer Bevölkerung, die nicht bloß eine flüchtig vor- 
überziehende gewesen sein konnte. Der seltsame Stamm 
von Menschen, den nun hier europäische Matrosen mit 



68 Schwankende Bevölkerungen in Polynesien. 

Polynesierinnen zeugten, welche sie aus Tahiti mitgeführt, 
zählte 1815 46, 1825 66 und hatte 1831 die Zahl von 
87 erreicht, aber bereits wurden Auswanderungen zunächst 
nach Tahiti nötig, weil der Wasservorrat des 5 Quadrat- 
kilometer grossen Eilandes sich zu gering erwies. Die- 
selben ließen den kleinen Erdraum nicht menschenleer 
zurück, der auch nach einem großen Exodus nach der 
Norfolkinsel 1856, als die Bevölkerung auf 100 ange- 
wachsen war, nicht entvölkert ward; doch hinderten sie 
den Fortschritt der Kulturentwickelung des neuen Insel- 
völkchens, über ein nahes Ziel hinauszugehen 13 ). 

Aussterben, Rückgang oder mindestens Mangel des 
Anwachsens der Bevölkerung tritt uns so häufig in Poly- 
nesien entgegen, daß wir — trüber Zustand! — darin 
fast die Regel erkennen müssen, welche dort die Bevölke- 
rungsbewegung beherrscht. Gilt sie doch auch für die 
größeren Inseln, wie diejenigen des Hawaiischen Archipels. 
Wir erinnern nur an Finschs Schilderung des Küsten- 
striches von Waimanalo auf Oahu, wo die Spuren, daß 
an der Stelle, die heute 50 nährt, einst Hunderte wohn- 
ten, nicht bloß neue sind. Kann es doch für nachgewiesen 
gelten, daß nicht erst die Europäer diese schwankende Be- 
wegung der Bevölkerungszahl hervorgerufen haben. Die- 
selben hatten seit Schoutens erster Fahrt sich von den armen 
Paumotu ferngehalten, als Wilkes mit der U. S. Exploring 
Expedition sie 1839 zuerst näherer Kenntnis erschloß, 
und doch berichtet dieser von mehreren Spuren einer Be- 
völkerung, die einst größer gewesen sein mußte, als zu 
seiner Zeit, wo sie nur noch auf etwa eine Seele auf 
den Quadratkilometer zu schätzen war. Die gepflasterten 
oder mit Steinstufen belegten Wege erinnern an die 
Palau- und andere Eilande der mikronesischen Gruppe, 
welche imposante Spuren einer einst dichteren Bevölke- 
rung aufweisen, ohne daß man doch einen gewaltsamen 
Eingriff der Weißen vorauszusetzen hätte. Die eine That- 
sache schon, daß künstliche Beschränkungen der Vermeh- 
rung, hauptsächlich Kindsmord, anerkannte Institutionen 
in weiten Gebieten Altpolynesiens waren, deutet darauf 
hin, daß mit dem Eintritt der Weißen in diesen Kreis 



Partielle Bewohntheit polynesischer Inseln. 69 

die menschenzerstörenden Kräfte vielleicht zugenommen 
haben, daß sie aber keine ganz neuen Zustände schafften. 
Wir erinnern hier auch an eine andere Gruppe von 
Thatsachen, welche durch eine Erfahrung Cooks repräsen- 
tiert sein mag, der bei seiner ersten Entdeckung der 
Herveyinseln auf unbewohnte Eilande traf, während er 
auf der zweiten Reise selbst auf den kleinen Otakutaia 
Spuren zeitweiliger Bewohnung fand. Teils durch die 
Natur dieser oft am nötigsten Mangel leidenden Inseln, 
teils durch geschichtliche Ereignisse ist nämlich eine 
eigentümliche Art von partieller Bewohntheit be- 
dingt, welche häufig den Schluß zu unterstützen scheint, 
daß die Bewohnung eine Thatsache von neuerem Ur- 
sprung. Abgesehen von der steinigen Beschaffenheit und 
Wasserlosigkeit, welche auf den Paumotu von 90 eng- 
lischen Quadratmeilen nur 3,5 Quadratmeilen bewohnbar 
sein läßt und auf den Marshallinseln nicht mehr als 1 lioo, 
auf den Pescadores nicht mehr als V 200 der Oberfläche 
der Bewohnung darbietet, gibt es ein nicht ganz klares 
Motiv für die nur dünne und teilweise Bewohnung mancher 
besser gearteten Inseln und Gruppen. Zunächst ist auf- 
fallend, daß das Innere ganz fruchtbarer Inseln früher 
in der Regel unbewohnt, also auch ungenutzt lag. Die 
Unbewohntheit des Innern der Inseln hebt schon G. Forster 
selbst bei der Sozietätsgruppe hervor und sie ist seit- 
dem sehr oft bestätigt worden. Wir wollen nur auf 
die eingehende Schilderung hinweisen, welche Moseley 
den Admiralitätsinseln gewidmet hat, deren geräumige 
Hauptinsel zur Zeit des Besuches des „Challenger" nahezu 
unbewohnt war. Die Challengerleute fanden auf ihr nur 
eine einzige kleine Niederlassung, wahrscheinlich neueren 
Ursprunges. Im übrigen aber waren die Siedelungen 
auf die Ränder der kleinen weit auseinanderliegenden 
Außeninseln beschränkt, und selbst von diesen waren 
wieder viele unbewohnt 14 ). Als Grund dieser Verteilung 
nennt Moseley den Schutz gegen wechselseitige Ueber- 
fälle. So findet man auf den Rukinseln nur die hohen 
Inseln dauernd bewohnt. Bloß die Insel Pis macht hier- 
von eine Ausnahme. Die niedrigeren und kleineren Ei- 



7() Unbewohnte Striche im nördlichen Grenzgebiet. 

lande werden nur zeitweilig des Fischfanges wegen be- 
sucht 15 ). Ebenso steht es mit vielen der kleineren Inseln 
der Paumotu, die nur zeitweilig von den Bewohnern der 
größeren oder von Tahiti aus zum Zwecke des Fisch- 
fanges aufgesucht werden. Man findet das Gleiche in 
dem großen Korallenarchipel der Malediven wieder. Der 
Inselkreis des Milladue-Madue-Atolls zählt hier 101 Ei- 
lande, von welchen 29 bewohnt sind. Von den übrigen 
Eilanden werden manche zeitweilig besucht und bewohnt, 
wenn ihre Produkte gesammelt werden sollen 16 ). Unter 
solchen Umständen könnte Kotzebues Vermutung, die ihm 
beim ersten Besuche der Radakinsel angesichts der Jugend- 
lichkeit der Anpflanzungen und der großen Kinderzahl 
aufstieg, daß dieselbe erst seit kurzem bewohnt sei 17 ), 
für einige derselben wohl begründet gewesen sein, wie 
denn auch die häufige Wiederkehr der Sage von der 
Unbewohntheit der später bewohnten und nicht zu den 
kleinsten zu rechnenden Inseln wie Rarotonga, Mangarewa, 
Kingsmill, Tubuai in diesem Lichte verständlicher wird. 

Unbewohnte Striche im nördlichen Grenzgebiet. Der 
größte Unterschied zwischen den nördlichen und süd- 
lichen Randvölkern scheint auf den ersten Blick darin 
zu liegen, daß jene zwei breite, in sich zusammenhängende 
Gebiete im nördlichen Europa, Asien und Amerika be- 
wohnen, während diese auf schmale Halbinseln und Inseln 
beschränkt sind, welche durch weite Meeresstrecken von- 
einander getrennt werden. 

Naturgemäß bilden aber auch dort den Uebergang 
von den unzweifelhaft unbewohnten zu den sicher be- 
wohnten Gegenden der Erde die eben besprochenen Striche, 
die eine so dünne Bevölkerung besitzen, daß man bezüg- 
lich weiter Strecken im Zweifel sein kann, ob sie bewohnt 
seien oder nicht. Die Nordgrenze der Oekumene wird in 
ihrer ganzen Erstreckung durch solche Gebiete gebildet, 
in denen das Netz der Bewohntheit und des Verkehres 
so breite Maschen hat, daß es oft fast unsichtbar wird. 
Als gelegentlich des höchst unglücklichen Rückzuges der 
Mannschaft des nordamerikanischen Polarschiffes -Jean- 



Leere Stellen in Nordasien. 71 

nette", welches im Eise zerdrückt worden war, nach dem 
Lenadelta die Frage der Bewohntheit des letzteren auf- 
geworfen wurde, stellte es sich heraus, daß eine so ein- 
fache Antwort, wie diejenige Latkins, der von »drei 
jakutischen Dörfchen Tumat, Sagostyr und Chotinginsk" 
auf den Inseln des Delta spricht 18 ), gar nicht gegeben 
werden kann. Leider hatte man dies nicht früher über- 
dacht und De Long rechnete daher beim Antritt seines 
Marsches durch diesen höchst schwierig zu passierenden 
„Archipel großer und kleiner Inseln, welche durch ein 
^Netzwerk von Flüssen voneinander getrennt sind", wie 
Melville treffend das Lenadelta nannte, mit größerer Sicher- 
heit, als eigentlich in diesem Erdstrich nomadischer Wohn- 
weise gestattet sein kann, darauf, bald hilfreichen Menschen 
zu begegnen 19 ). Unglücklicherweise durchzog er nun 
den zwischen dem Flusse Abibusey-Aisa und den Inseln 
des östlichen Deltarandes gelegenen ödesten Teil des ganzen 
Gebietes, von dem auch Melville, der die Aufsuchung der 
Leichname leitete, nirgends etwas Bestimmtes vernehmen 
konnte. Die Hütte, in welcher das erste Opfer, Erikson, 
starb, war den meisten Leuten unbekannt, sie war wegen 
Wildarmut und schlechter Fischerei in ihrer Umgebung 
nicht bezogen worden. Ebenso war die Hütte von Barkin 
damals seit zwei Jahren unbewohnt. Eine Tungusenkolonie, 
wie Kapitän Johannesen sie bei seiner kühnen Einfahrt 
mit dem Dampfer in die Lena Anfang September fand ; 
räumte wohl im Oktober das Feld und in der That wird 
von diesem kühnen Eisfahrer Tas-Ary (auch Tit-Ary) als 
erste Ansiedelung an der Lena bezeichnet 20 ); und diese 
liegt schon oberhalb des eigentlichen Delta. Die Jalmal- 
halbinsel, das „ Paradies der Samojeden", ein von mehreren 
Hundert Familien dieses Volkes verhältnismäßig noch dicht 
bewohnter Teil .Sibiriens, erfährt im Winter dasselbe 
Schicksal. Nordenskiöld sah auf der Vegafahrt keinen 
Menschen, auch keine Spur von ihnen, auf der fast 
100 Längengrade messenden Strecke vom Strande Jal- 
mals bis zur Tschaunbai, ausgenommen ein unbewohntes 
Häuschen an der östlichen Seite der Tscheljuskinhalbinsel 21 ). 
Im Becken der Loswa leben auf 100 bis 120 Quadratmeilen 



72 Bevölkerungszahlen am Nordrand der Oekumene. 

nur etwa 15 wogulische Familien in einer an Patagonien 
und Feuerland erinnernden geringen Dichtigkeit. 1 6 Hütten 
sind die größte Hüttenzahl, die an einer Stelle zusammen- 
liegen, sozusagen die Hauptstadt Woguliens bildend, wäh- 
rend in der Regel nur 2 — 3 Jurten beisammen sind. Im 
ganzen Uluß Bulun wohnen 2293 Seelen, davon 800 in der 
Waldregion der Lena und des Olenek, an der Waldgrenze 
selbst zwischen Lena und Anabara 500 und in der Tundra, 
namentlich auf den Mündungsinseln der Lena und des 
Olenek zeitweilig über 900 22 ). 

Die Gesamtzahl der nichteuropäischen Völker, welche 
Asiens Festlandmasse und Halbinseln nördlich vom 60.° 
n. Br. bewohnen, können wir zu ungefähr 330000 an- 
nehmen, welche schätzungsweise folgendermaßen auf die 
Hauptstämme zu verteilen sind: 

Samojeden 16000, 

Wogulen und Ostjaken . . . 25000, 

Tungusen 68 000, 

Jakuten 211000, 

Kamtschadalen 1 950, 

Korjaken 2 750, 

Tschuktschen 5 000, 

Asiatische Eskimo .... 2000. 
Es kommen also 2 bis 2,5 Menschen auf die Quadrat- 
meile und in einigen Gebieten, die wir bestimmter um- 
grenzen können, wie Kamtschatka und Tschuktschen- 
halbinsel, ist noch nicht ein Bewohner auf der Quadrat- 
meile zu zählen. 

Auf der amerikanischen Seite haben wir Schätzungen 
die fast an die Genauigkeit von Zählungen heranreichen, 
in Alaska und Grönland, dort 25 000 bis 31000 Ein- 
wohner ohne Weiße und Mischlinge, hier 10360. Ferner 
in Labrador 6000 23 ) (4000 Indianer, 2000 bis 2200 Es- 
kimo nach Rink), auf den Inseln des arktischen Archipels 
und dem Küstenrand Nordamerikas gegen 4000 Eskimo T 
endlich Indianer in den Gebieten der früheren Hudsonsbai- 
gesellschaft 30 000 und dazu 5000 bis 6000 Indianer des 
Athapaskagebietes, zusammen etwa 50000 Indianer und 
40000 Eskimo im westlichen Teile der nördlichen Rand- 



Untersch. d. Bewohntheit in Nordasien u. Nordamerika. 73 

gebiete der Oekumene, was eine Dichtigkeit von noch 
nicht einer Seele auf 1 Quadratmeile bedeutet. Die Dichtig- 
keit sinkt in Labrador und Grönland auf 0,24 und 0,3. 

Unterschiede der Bewohntheit des nördlichsten Asien 
lind Amerika. Das polare Asien wird im ganzen besser be- 
wohnt, als das polare Amerika, weil es breiter, massiger, 
zusammenhängender sich in die arktischen Regionen hinein- 
streckt, dadurch viele Wege, von denen die wichtigsten 
durch große Ströme angezeigt sind, in die südlicheren 
Gebiete besitzt, und in einer, wenn auch zerstreuten und 
dünnen, so doch jederzeit offenen Verbindung mit den 
Ländern dichterer Bevölkerung im Süden steht. Gewisse 
Vorzüge der Naturausstattung der Alten Welt finden da- 
her ihren Weg bis in die eisigen Gebiete des asiatischen 
Kältepols, welche die vielleicht kältesten Punkte der Erde 
umschließen. Da die Nordvölker Alter Welt das Ren- 
tier zum Zug- und Reittier erhoben haben, erstrecken 
sich die Weideländer herdenreicher Rentiernomaden in 
Gebiete, deren Parallel auf der neuweltlichen Seite nur 
noch die an die Küsten gebundene Eskimobevölkerung in 
kleinen, armen Gruppen erkennen läßt. Die Tschuktschen- 
halbinsel, zwischen dem 59. und 73. ° n. B., zeigt deut- 
lich, von welchem Erfolg diese Thatsache für die Völker- 
verbreitung ist. Denn an der Küste nährt sie eine hin 
und her wandernde, vom Fischfang lebende Eskimobevöl- 
kerung, während im Inneren jene nach Abstammung und 
Lebensweise weit abweichende Bevölkerung von Rentier- 
nomaden wohnt, welche uns in den Grundzügen ihrer 
Lebensweise aus dem äußersten Nordostwinkel der Alten 
Welt in deren äußersten Nordwesten, zu den Lappen der 
norwegischen Alpen, versetzt. Als Reittier geht das Ren- 
tier bei den Tungusen bis ans Eismeer, es wird bei den 
Jakuten von den Zughunden abgelöst, aber in deren Ge- 
biete geht zugleich das Pferd bis zum 71.° n. Br., näm- 
lich an der Jana, wo nach Ferd. Müllers Angaben außer 
Pferden in Ustjansk selbst noch Rinder vorkommen. Daß 
beide Tiere im Lenathale viel weiter südlich zurückbleiben, 
ist er geneigt, zufälligen Einflüssen, besonders der ge- 



74 Verhältn. z. d. Süd Völkern in Nordasien u. Nordamerika. 

ringeren Thätigkeit der dortigen Eingeborenen, zuzu- 
schreiben, welche nur äußerlich Jakuten, der Abstammung 
nach aber Tungusen sind 24 ). Die Frage offen lassend, 
ob die Jakuten die Viehzucht, welcher sie mit einer ge- 
wissen Leidenschaft obliegen, aus ihrer türkischen Steppen- 
heimat mitgebracht oder ob die Russen dieselbe erst bei 
ihnen eingeführt haben, dürfen wir jedenfalls eine wesent- 
liche Förderung der Besiedelung dieses Gebietes in dem 
Besitze von Tieren erkennen, welche z. B. den Tungusen 
am Olenek gestatten, alljährlich zwischen Wiljui und dem 
Syrungasee mit ihren Rentierherden Hunderte von Werst 
zurückzulegen. Dabei mögen sie nomadisch im schärfsten 
Sinne des Wortes, d. h. jeder festen Heimat entbehrend, 
sein oder nur zeitweilig auf Wanderung sich begeben, 
immer aber zum gleichen Orte, den sie als Eigentum 
erkennen, zurückkehren. 

Im arktischen Amerika hat ursprünglich die frucht- 
bare Beziehung nach Süden gefehlt, welche Eisen und 
Viehzucht, sogar Erzeugnisse chinesischer oder japanischer 
Industrie 25 ) bis in den äußersten Nordosten des Erdballes 
getragen hat. Die Völker, welche die äußerste Rand- 
zone bewohnen, sind hier nicht von Süden gekommen, 
sondern von Westen. Bis zur Behringsstraße haben die 
Eskimo ihren Weg von Süden her gemacht, dann aber 
sind sie an der Küste und auf den Inseln bis nach Ost- 
grönland hinüber gewandert. Ihr Verhältnis zu den süd- 
lich von ihnen lebenden Bewohnern des nordamerikanischen 
Kontinentes ist daher ein ganz anderes, als wir es z. B. 
zwischen Tschuktschen und Korjaken finden. Die Eskimo 
sind Fremde in Amerika. Sie gehören nur den Küsten 
und Inseln an, die sie ganz anders ausbeuten, als es in 
Nordasien geschieht, wo ihnen kein Volk an Schiffahrts- 
kunde und -Kühnheit zu vergleichen ist. Gerade die- 
jenigen Gebiete, welche wir in Nordasien ganz dünn 
bewohnt und unbewohnt gefunden haben, sind in Nord- 
amerika der Sitz des eigentlichen Randvolkes der Es- 
kimo. Es ist sehr bezeichnend, daß im nordöstlichen 
Asien, auf der Tschuktschenhalbinsel, wo wir zum ersten- 
male den Eskimo begegnen, wir auch die dauernden 



Nahrungsquellen der nördlichen Rand Völker. 75 

Küstendörfer finden, welche nun bis Ostgrönland hinüber 
nur wenigen Küstenstrichen ganz fehlen. 

Die Abhängigkeit von der Tierwelt des Meeres 
ist das Grundgesetz der Verbreitung des nearktischen 
Menschen. Mag er auch Landtiere jagen, so liegen doch 
seine Hilfsquellen zum größten Teil im Meere. Viele 
von den Ländern, an deren Küsten man ihn findet, sind 
durch Eisbedeckung unbewohnbar. Von Viehzucht kann 
keine Rede mehr sein. Es ist also eine viel einseitigere, 
leichter erschütterte und gefährdete Existenz. Und nicht 
vom Meere selbst, wie des Polynesiers, sondern mehr 
vom Eis hängt die Existenz des arktischen Küsten- und 
Inselmenschen wesentlich ab. Dringt es vor, so schränkt 
es ihn ein, schneidet ihn von seinen Hilfsquellen ab, 
drückt ihn moralisch zwischen Meereis und Inlandeis zu- 
sammen, geht es zurück, so erlangt er die Verfügung 
über seine Lebensquelle wieder. Diese Eisbarrikaden 
bringen bis nach Island Notstände und der Rückgang 
der ostgrönländischen Bevölkerung ist nicht zu verwun- 
dern, wenn man an die unberechenbaren Eisschranken 
denkt, durch die am meisten ihnen der Polarstrom den 
Zugang zur See verbaut. 

Die Verunglückungen durch Ertrinken, Verschlagung 
in Böten und auf abgebrochenen Eisfeldern nehmen in 
den Totenlisten hochnordischer Länder eine hervor- 
ragende Stelle ein. Schon in den Faröer sind 8 °/o der 
Todesfälle gewaltsam, in Grönland 11 °/o, worunter 7 °/o 
auf Tod durch Ertrinken fallen. Im Winter 1888/89, 
den Nansen in Godthaab zubrachte, ertranken nach der 
Angabe dieses Reisenden, der die Geschicklichkeit der 
Eskimo im Kajakfahren so sehr rühmt, nicht weniger 
als 6 Kajakfahrer in den Umgebungen dieses Hafens 26 ). 
Und die isländische Statistik verzeichnet von 1856 bis 
1875 2026 gewaltsame Todesfälle, wovon 1647 durch Er- 
trinken. Es ist eine Existenz, welche ungeheuer viel ver- 
braucht: Zeit, Kraft und Leben, um sich zu fristen. Com- 
mander Roß stellt einmal Betrachtungen über die Zeit 
an, die der Eskimo braucht, um das so häufig wieder- 
kehrende Geschäft des Schnee- und Eieschmelzens im 



7(3 Der Nomadismus in den Randgebieten. 

Steinkessel mit der Thranlampe zu besorgen; der Euro- 
päer besorgt dieses mit Blechnapf und Spiritus in 20- bis 
80mal kürzerer Frist. Schon darin sieht er ganz richtig 
eine Ursache des trägen und ebendeshalb so viel ge- 
fährdeten Lebensganges. 

Der Nomadismus in den Randgebieten. Als Czeka- 
nowskys und Ferd. Müllers Olenekexpedition ihren Weg 
an dem mittleren, östlich gerichteten Laufe dieses 
größten unter den mittleren Flüssen Sibiriens suchte, 
begegnete sie in 4 J / 2 Monaten nur zweimal verein- 
zelten menschlichen Wesen und zwischen diesen nur 
seltenen Resten vorübergehend bewohnter Hütten 27 ). 
Und doch durchstreifen die jakutischen Jäger dieses Ge- 
biet bis an die See, wobei sie zu verschiedenen Zeiten 
desselben Jahres vorübergehende Wohnsitze, die 150 bis 
200 deutsche Meilen auseinanderliegen, einnehmen. Die 
Jurten der einzelnen Jakutenfamilien liegen jenseits des 
werchojanskischen Bergrückens oft mehrere hundert Werst 
auseinander, so daß die nächsten Nachbarn einander in Jahren 
nicht sehen. „Diese Entfernungen," sagt Wrangel, „sind 
größer, als das Weidebedürfnis erheischt, sie entspringen 
dem Wunsche des Jakuten, einsam und abgeschieden zu 
sein" 28 ). Wir legen dabei nicht das Gewicht, wie russische 
Schilderer dieser Verhältnisse, auf die Unterscheidung 
eines vollständig heimatlosen Umherziehens, wie es diese 
jakutischen und jukagirischen Jäger üben, und eines zeit- 
weilig wiederkehrenden Hinausstreifens über die Grenze 
eines fest umschriebenen, zu Eigentum erklärten Wohn- 
gebietes, wie es bei Tungusen gefunden wird. In beiden 
Fällen ist doch das Bestreben maßgebend, „to cover a wide 
area", wie dieses Parry ganz richtig als unbewußt treiben- 
den Gedanken in den Wanderungen der Eskimo des nord- 
amerikanischen Polararchipels gekennzeichnet hat. Ein 
enger Raum erzeugt nicht genug zum Leben, die schweifende 
Lebensweise ist also keine willkürlich angenommene Ge- 
wohnheit, sondern ein Gebot der Notwendigkeit. Der 
Eskimo muß bereit sein, den unberechenbaren Unter- 
schieden im Auftreten der Jagdtiere und in den für die 



Ethnographische Einförmigkeit der Randvölker. 77 

Walroß- und Robbenjagd entscheidenden Eisverhältnissen 
seine Bewegungen und die Lage seiner Wohnsitze unter- 
zuordnen, und der Rentierlappe verzichtet auf die Sicher- 
heit seiner Lebensgrundlage, sobald er das Wandern 
aufgibt. Casträn, den Wenige an tiefer Kenntnis aller 
Lebensverhältnisse der nordeuropäischen und nordasiati- 
schen Hirtenvölker erreicht haben, fand bei seiner ersten 
lappländischen Reise (1838) die Herden der Enarelappen 
im Rückgang, diese selbst daher verarmt, aber im Be- 
griff seßhafter zu werden, und erkannte bald die Beziehung 
zwischen den beiden Erscheinungen, welche er in die 
Worte faßt : Je dauernder der Wohnsitz des Lappen wird, 
desto unmöglicher wird es ihm, eine größere Herde von 
Rentieren zu unterhalten; denn die Rentierweide, selbst 
in den besten Gegenden, ist bald abgefressen und ein 
Menschenalter muß vergehen, ehe neues Moos wächst 29 ). 
Vervielfältigung der zur Erhaltung des Lebens nötigen 
Dinge kann hier nur in beschränktem Maße die Not- 
wendigkeit der ausgreifenden Wanderungen mildern. 

Die ethnographische Einförmigkeit und Ausschliess- 
lichkeit der Randvölker. Die ethnographische Einförmig- 
keit, welche zu den Merkmalen der an den Grenzen der 
Oekumene in dünner Verteilung wohnenden Völker gehört, 
hängt eng zusammen mit der Armut, welche besonders auf 
dem Gebiete der politischen Entwickelung sich geltend 
macht, mit den weiten Wanderungen, welche unternommen 
werden müssen, um das Leben zu fristen, und mit dem ein- 
förmig schweren Druck gleichmäßig ärmlicher Lebensver- 
hältnisse. Letzterer läßt ein Nebeneinanderliegen oder 
Ineinanderschieben verschiedenartiger Völker, wie es in 
den fruchtbarsten Teilen Afrikas und Amerikas die Regel 
ist, gar nicht aufkommen und dadurch verliert das ethno- 
graphische Bild außerordentlich an Mannigfaltigkeit. So 
wie Eskimo, Tungusen, Jakuten, Samojeden und Lappen, 
Feuerländer und Buschmänner ihre am meisten polwärts 
gelegenen Gebiete auch in der großen Kulturausbreitung 
der letzten Jahrhunderte festhalten und sich selbst, wenn 
auch gemischt, in denselben behauptenkonnten, haben auch 



78 Ausschließlichkeit der nördlichen Randvölker. 

früher andere Völker an ihren Grenzen Halt gemacht. 
Es liegt in der menschlichen Natur, daß das Verschiedene 
sich ausschließen will, weshalb wir die Feindschaft des 
mongolischen Nomaden gegen den chinesischen Acker- 
bauer oder den Haß des besitzenden Betschuanen gegen 
den Buschmann, den räuberischen Proletarier der Wüste, 
verstehen. Aber in der Blutfehde, welche in der ganzen 
weiten Breite ihrer Begrenzung die Eskimo und die nörd- 
lichsten In dianer stamme auseinanderhält, liegt etwas 
Tieferes. Sie müssen aber auch Alleinherrscher und 
alleinige Nutznießer ihres Landes bleiben, denn ein Vor- 
dringen der Indianer in dasselbe würde in Kürze ihre 
Nahrungsquellen versiegen machen, sie selbst dem Hunger- 
tod preisgeben, und dies um so mehr, als die Indianer 
bis in diese armen Gegenden herein unvorsichtigere, die 
Schätze der Natur rücksichtsloser zerstörende Jäger sind, 
als die Eskimo. Es schieben sich keine Viehzucht- 
nomaden wie in Nordasien zwischen die Jäger. Wie 
könnten die Eskimo, die so oft sich gezwungen sehen, 
ihre kleinen Stämme zu zerteilen, um einen größeren 
Kaum zur Lebenserhaltung aller zu umfassen, auch noch 
andere Völker in ihre Mitte aufnehmen! Daher die fast 
krankhafte Angst vor ihnen, welche die nördlichsten In- . 
dianer überall an den Tag legen und welche sicherlich 
ihren Grund nicht nur in der Furcht vor der durch das 
scheußliche Massacre der Begleiter Hearnes hervorgerufenen 
Blutrache hat 30 ). Mit Staunen beobachtete Franklin die 
Vorsichtsmaßregeln, welche seine den Tschippewähs ange- 
hörigen indianischen Führer anwendeten, als sie in die Nähe 
der Eskimo des unteren Kupferminenflusses gekommen 
waren. Feuer wurden mit der größten Vorsicht angezündet, 
die auf Höhen führenden Pfade vermieden, der verräterische 
Charakter der Eskimo in düsteren Farben gemalt. Selbst 
in ihren Sagen spielt das Land der Eskimo die Rolle 
einer fernen Insel, nach der einzelne der Indianer als 
Sklaven fortgeführt werden und aus dem sie auf wunder- 
bare Weise den Rückweg finden. Bis in die Ortsnamen 
erstrecken sich die blutigen Erinnerungen. Auch Killer- 
soak, „die große Wunde," und Erkillersimavik, „die Stelle. 



Feindschaft zwischen Eskimo und Nordindianern. 79 

wo man verwundet wird" bei Nain knüpfen an die Ueber- 
lieferung von Kämpfen zwischen Eskimo und Indianern an. 

Der tiefere Grund ist die Schärfung des Daseinskampfes 
durch die Not, welche an dieser Grenze der Mensch- 
heit herrscht, wozu hier möglicherweise auch noch die 
Erinnerung an die vielleicht nur wenige Jahrhunderte alte 
Usurpation der Küstenstriche durch die von Westen her 
gekommenen Fischfresser (= esquimantsik im Algonkin) sich 
gesellt hat. Merkwürdig ist, daß wir dieser Feindselig- 
keit auch an der äußersten Südgrenze der Eskimo der 
Behringssee gegen die Stämme der Koloschen begegnen, wo 
jedoch die Kämpfe zwischen Kaniagmuten und Koloschen 
des Kadiakarchipels glücklicherweise zur Aufrichtung einer 
Fremdherrschaft und damit zur Anbahnung des ethno- 
graphischen Austausches, der diese Völker so eigenartig 
bereicherte, und endlich wohl auch zur Rassenmischung 
geführt haben. So alt und allgemein ist aber dieser 
feindliche Gegensatz, daß wir gar nicht erstaunt sind, 
wenn Ellis uns von den grausamen Ausschreitungen der 
Indianer am Südufer der Hudsonsbai und in Labrador 
Dinge erzählt, die ganz denen gleichen, die blutig in die 
Berichte von Hearne, Franklin, Back und Simpson ein- 
gezeichnet sind 31 ). 

Es kann kleine Völker von großer ethnographischer Eigenart 
geben ; die Inselbewohner liefern in den verschiedensten Teilen der 
Erde dafür Belege. Aber in der Regel werden die Völker, die 
an Zahl gering sind, auch ethnographisch arm und einfach sein. 
Was von außen her zu ihnen gelangt, verbreitet sich rasch durch 
den auch ihnen nicht fremden Tauschverkehr über ein weites Ge- 
biet. Ebenso ist aber das Aufgeben eines Kulturbesitztums, wenn 
es auch nur seitens eines kleinen Stammes geschieht, eine Aende- 
rung über einen unverhältnismäßig weiten Raum. Die außer- 
ordentlich weite Zerstreuung einer geringen Menge von Ueber- 
resten der Richardsonschen Eismeer-Expedition, denen Th. Simp- 
son 13 Jahre später bis Bathurst Inlet begegnete, deutet darauf 
hin, wie rasch die kleine Zahl der Bewohner dieses weiten Ge- 
bietes diese Errungenschaften ausbreiten konnte. Schon vor 
mehr als 100 Jahren hat Hearne eiserne Werkzeuge bei den 
Eskimo des Kupferflusses angetroffen, die doch im Reichtum ge- 
diegenen Kupfers geradezu schwelgten, und wir sahen, wie Greely 
es jüngst unter den nördlichsten Spuren des hocharktischen 
Menschen fand; aber am Schingü Mittelbrasiliens und am Ab- 
hang des Roraima in Guyana ist die Steinzeit eben erst im 



80 Rasche ethnographische Veränderungen. 

Schwinden. Die erstaunlich rasche Umwandelung der Patagonier 
in ein Reiter volk gelang leicht bei einer Gesamtbevölkerung von 
wenigen Tausenden, und damit nahmen 20000 Quadratmeilen ein 
neues ethnographisches Gepräge an. Der große Abstand der 
Osterinsulaner von heute und vor zwei Jahrhunderten konnte sich 
leicht in einer Bevölkerung erzeugen, welche im besten Falle die 
Zahl von 2000 nicht überstieg. Es wird in allen diesen und ähn- 
lichen Fällen der Widerstand fehlen, der auf eine große dichte 
Bevölkern ng8menge sich stützt. Ebensowohl kann es nun aber 
auch vorkommen, daß in zeitweiliger Abschließung vom Reste einer 
solchen weit verbreiteten Bevölkerung ein paar Familiengruppen, 
die einzigen Bewohner auf mehreren tausend Quadratmeilen, irgend 
einen ethnographischen Besitz aufgeben, wie die nördlichsten 
Eskimo Bogen und Pfeil oder ihre süd grönländischen Genossen 
den Hundeschlitten und die Schneehütte, ohne daß man doch da- 
durch berechtigt würde, auf weit zurückreichende Unterschiede 
der Herkunft und Entwickelung zu schließen. Von der Vorstel- 
lung des weiten Raumes beeinflußt, hat man viel zu großen Wert 
auf derartige Erscheinungen gelegt. Beim Rückgang einer solchen 
kleinen Gruppe, der von Zeit zu Zeit mit einer gewissen Not- 
wendigkeit eintritt, rücken andere in die Lücke und die Besonder- 
heit schwindet ebenso rasch vielleicht, wie sie gekommen. Bei 
dem großen Interesse, mit welchem man stets die Randvölker be- 
trachtet hat — ich erinnere an die Stellung, welche die Busch- 
männer und Australier ganz unten am Fuße des Stammbaumes 
des Menschengeschlechtes sich anweisen lassen mußten — erscheint 
es vielleicht angezeigt, diese Gesichtspunkte als Mahnung zur 
Vorsicht zu beherzigen. 

Seil «räche der Staatenbildung. Die Zersplitterung 
und Zerstreuung ist das Prinzip der Gesellschaften und 
Staaten in den Randgebieten. Größere Ansammlungen 
sind mehr als unbequem, selbst mehr als schädlich, sie 
können verderblich werden. Gehen wir in Nordamerika 
von den Dakota, den Mandanen zu den nördlichen Nach- 
barn, den Tschippewäh, so sehen wir die Stämme auf 
ein Fünftel der Kopfzahl herabsinken und alle bekriegen 
sich, jeder kämpft mit den Waffen für die Unverletzlich- 
keit seines Jagdgebietes. Keiner der 10 Jakutenstämme 
Nordasiens dürfte über 300 Köpfe zählen und das ganze 
ihnen benachbarte Völkchen der Omoken wird heute durch 
drei Stämme dargestellt, die in Summa 200 Mann stark 
sind 32 ). Wo auf 2 Quadratmeilen 1 Bewohner kommt, 
wie im Kolymagebiet, da ist eine stärkere Stammesorganisa- 
tion undenkbar. Und doch sind dies Hirten, welche noch im 



Schwäche der Stamme. gl 

Inneren des Tschuktschenlandes, auf Herden von Hunderten 
von Rentieren gestützt, mit achtunggebietendem Selb- 
ständigkeitstrieb selbst den Europäern gegenübertreten. 
Wieviel abhängiger sind die Hyperboreer Nordamerikas, 
welche die vorhin erwähnten Vorteile ihrer altweltlichen 
Genossen entbehren, von der Natur ihrer Umgebung! 
Wenn schon bei den nächstsüdlichen Indianern von der 
weitverbreiteten Gruppe der Tschippewäh Stämme von 
200 Jagdfähigen für groß gelten, so sinkt das Maß rasch, 
indem wir nordwärts zu den Eskimo fortschreiten. Itah. 
•die nördlichste der heute bestehenden Eskimonieder- 
lassungen in jenem Paradies der Arktis, wie Nares die 
geschützte und durch die Gezeiten früh eisfrei werdende 
Foulkebai genannt hat, besaß zur Zeit, als es Kane von 
seiner berühmten Winterstation im Rensselaerhafen aus 
besuchte, 12 Bewohner, Bessels fand 20, in den Sommern 
1875 und 1881 war das Dorf verlassen, 1884 fand die 
Entsatzexpedition, welche die letzten 7 Mann der Lady 
Franklinbaiexpedition vom Hungertod rettete, dasselbe 
wieder bewohnt 33 ). Von Igtlutuarsuk in Ostgrönland, 
das mit 13 Hütten wahrscheinlich die größte der ostgrön- 
ländischen Niederlassungen ist, liegen bis Kap Farewell 
15 Niederlassungen, von welchen indessen die meisten 
nur aus 1 bis 2 Hütten bestehen. Boas, der die Ver- 
breitung der Eskimo nördlich von 70 ° genauer unter- 
sucht hat 34 ), kennt keinen Stamm nördlich der Barrow- 
straße, der mehr als 10 Hütten zählt. Dabei ist aber 
wohl zu beachten, daß nicht die Zahl der Hütten ohne 
weiteres auf diejenige der Bewohner schließen lassen kann, 
denn schon Cranz wußte, daß Hütten, in welchen ein 
Todesfall eingetreten ist, verlassen stehen bleiben, und 
es gibt auch Wohnhütten, welche zur Aufbewahrung von 
Vorräten dienen. 

Diese Verkleinerung der Zahl der Stämme nach deu 
Rändern der Oekumene hin, welche ebenso wie in den 
eben beschriebenen Gebieten, auch in Australien, Süd- 
westafrika und im südlichsten Südamerika vorkommt, — 
Coppinger sah die Chonosinsulaner nicht in größeren 
Gruppen als zu zwölfen, wobei öfters das Verhältnis 5 

Ratzel, Anthropogeographie II. Q 



82 Die Oekumene und die Völkerbewegungen. 

Frauen, 4 Kinder, 3 Männer wiederkehrte, und Bove 
bekennt, nur einmal mehrere 100 Feuerländer beisammen 
gesehen zu haben, und zwar bei einer Verteilung von 
Nahrung und Kleidung in der Mission — mutet uns wie 
das Ausklingen eines Tones an, der um so leiser wird T 
je mehr wir uns den polaren Grenzen der Oekumene 
nähern. Wie leicht dieser Ton ganz verklingt, das lehrt 
uns der Verlust Marklands, Hvitramannlarids und Vin- 
lands für Grönland und Island, dem für Europa im 
15. Jahrhundert der Verlust Grönlands folgte. Wie zu 
erwarten, betreten wir endlich Gebiete, in denen dauernd 
die Stille des Todes herrscht. Noch vier Grade über den 
Punkt von 78° 18' hinaus, welcher die am weitesten pol- 
wärts vorgeschobenen Wohnsitze der Menschen bezeich- 
net, gehen Reste der arktischen Jägervölker, welche von 
wiederaufgegebenen Versuchen erzählen, die Grenze des 
Menschen weiter gegen den Nordpol vorzuschieben. Da- 
rüber hinaus, und es ist der nördlichste uns bekannte 
Punkt, scheint die Erde nichts von Menschen zu wissen. 

Die Oekumene und die Völkerbewegungen. Mit Be- 
zug auf die Massenbewegungen betrachtet 
welche als eine allgemeine Eigenschaft der Völker auf- 
zufassen sind, erscheint die Begrenzungslinie der Oeku- 
mene als die Schranke, welche von den wandernd sich 
drängenden Völkern nicht überschritten werden konnte 
und bis zu welcher hin auch nur in Zeiten der Not und 
des Dranges Völkerwanderungen sich ausdehnen mochten. 
So wie die Eskimo der nördlichsten Teile Nordamerikas 
und Grönlands nur ein kleinerer Teil der am Ostufer der 
Behringssee bis 55° N. südwärts viel dichter wohnenden 
Westeskimo sind, so weisen in Nordasien die Völker- 
ursprünge nach Süden. In einzelnen Fällen läßt es sich 
nachweisen, daß Verdrängungen in diese Randgebiete und 
über dieselben hinaus auf die Inseln Völker weit polwärts 
geführt haben. So weit freilich zu gehen wie Nordenskiöld r 
der in einer größeren Anmerkung zur Erzählung der Vega- 
fahrt sowohl die asiatischen als die amerikanischen Rand- 
länder mit Flüchtlingen aus den Völkerkämpfen südlicher 



Nordwanderangen in Nordasien. 83 

Gebiete sich bevölkern läßt 35 ), ist nicht jedem erlaubt. 
Dem Entdecker, dessen Kühnheit vieles gelungen, sind auch 
kühnere Gedankenflüge zu gestatten. Wir bescheiden uns, 
auf geschichtlich bezeugte Hinausdrängungen hinzuweisen. 
Diejenigen, welche die Geschichte der weitausgebreiteten 
Zweige des Turkstammes erforschten, sind nach Süden 
bis zum Altai geführt worden und finden die Spuren der 
Finnen in jenen metallkundigen Tschuden, welchen ihre 
Zurückdrängung durch weiße Männer das Erscheinen der 
weißen Birke in der Steppe ankündigte. Wie die Tschu- 
den sind auch andere Völker dieser Gruppe, besonders 
die Lappen, Ostjaken, Samojeden, einst südlicher gesessen 
als heute 36 ) und ihr Rückzug reicht stellenweise bis in 
unsere Tage. Niemand zweifelt daran, daß die Tungusen 
Sibiriens aus südlicheren Gegenden bis an die äußersten 
Ränder Nordasiens gezogen sind und daß mit dieser Ver- 
änderung ein Vertauschen der Ansässigkeit mit dem 
Wanderleben des Jägers, im besten Falle des Rentier- 
hirten, und ein allgemeiner Rückgang der Kultur ver- 
bunden gewesen sei. Der Vergleich älterer und neuerer 
Reiseberichte läßt das allmähliche Vorrücken einzelner 
Tungusenstämme nach Norden erkennen, das, unter sol- 
chen Opfern sich vollziehend, jedenfalls als kein frei- 
williges anzusehen ist. Diese Nordwanderer schoben Sa- 
mojeden vor sich her und wurden ihrerseits von den 
Jakuten im Lenagebiete nordwärts gedrängt. Noch heute 
knüpft die Ueberlieferung der Tungusen an einige Felsen 
bei der Mündung der Patoma in die Lena die Erinnerung 
an einen blutigen Kampf mit den vom Altai kommenden, 
mit Eisen, Pferden und Rindern ausgestatteten Abkömm- 
lingen Turks 37 ). Sind die Züge nach Norden wesentlich 
als Binausdrängungen zu betrachten, so erteilen die 
äußersten Schranken, bis zu welchen sie reichen, spä- 
teren freiwilligen Wanderungen die entgegengesetzte 
Richtung. Die Beweglichkeit ist vorhanden und ist un- 
zerstörbar; da sie aber polwärts sich den Weg verlegt 
sieht, strömt sie äquatorwärts zurück. 

Von den Randgebieten dieses Gürtels sehen wir die 
Völker, da sie polwärts über die Grenzen nicht hinaus- 



84 Die Oekumene und die Völkerbewegungen. 

können, sich nach dem Inneren der Oekumene wenden, 
wo die Brennpunkte der geschichtlichen Entwickelungen 
liegen. Daher die Häufigkeit der äquatorw'ärts auf beiden 
Hemisphären sich bewegenden Völkerwanderungen. Ihnen 
stellen sich aber dichtere Bevölkerungen entgegen und es 
findet ein Ablenken in ostwestlicher Richtung statt, wie 
es z. B. in den letzten Jahrzehnten die Ausbreitung der 
Kentiertschuktschen nach Westen erkennen ließ. Die 
Eskimo haben an südnördlicher Ausdehnung verloren, 
aber kein Volk der Erde ist in einem so langen und 
schmalen Bande ostwestlich verbreitet wie sie. 



') Missionar Mier tsching in seinem Reisetagebuch aus den 
Jahren 1850—54. Gnadau 1856. S. 154. 

2 ) Neuerdings treffend durch Virchow, der von der Eigenartig- 
keit der Eskimo rasse spricht, und sie als etwas ganz Isoliertes, etwas 
für sich Bestehendes bezeichnet, gleichsam als wäre sie in diesem 
Norden entstanden. „So bildet sie gewissermaßen einen Gegen- 
part zu den isolierten Bevölkerungen, wie wir sie an den Süd- 
enden der großen Kontinente finden, zu den Feuerländern in 
Amerika, den Buschmännern in Afrika." Verhandlungen der Ge- 
sellschaft für Anthropologie. Berlin. XII. S. 256. 

8 ) Daß Gerlands Zeichnung eines weißen Fleckes im Inneren 
Westaustraliens zwischen 122 und 130 ° ö. L. ein Fehler, beruhend 
auf Unkenntnis wichtiger Thatsachen, hat ausführlich Dr. F. Die- 
derich in „Zur Beurteilung der Bevölkerungsverhältnisse Inner- 
Westaustraliens" , Globus LV, besonders S. 362 — 363 nachge- 
wiesen. 

4 ) Die Hottentottenstämme und ihre Verbreitung. Geographische 
Mitteilungen. 1858. S. 53. 

5 ) Die neuere Zählung, von welcher Missionar Bridges 1884 
in den Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft zu Jena (III, 
S. 268) berichtet, ergab circa 1000 Yahgan, 500 Ana und etwa 
1500 Alakaluf. Er glaubt, die Bevölkerung sei 12 Jahre früher 
doppelt so stark gewesen. Dabei würden aber immer noch die 
7 — 8000 Feuerländer, von denen der chilenische Census von 1875 
spricht, an den offenbar Bridges und Brown sich anlehnt, zu hoch 
gegriffen gewesen sein. Der chilenische Census von 1875 gab 
7— 8000 Feuerländer, 11—12000 Patagonier, 3500 Arribanos-Arau- 
kaner (nordöstlich vom Cautin), 15000 Huilliches (südlich vom 
Cautin), 3000 Abajinos-Araukaner am Küstengebirg von Nahnel- 
buta und 2500 Küstenaraukaner an. 

6 ) A. von Seistrang, Patagonien und seine Besiedelung. 
Deutsche geographische Blätter. VII. S. 244. 

7 ) Siehe S. 82 und den 8. Abschnitt im Anfang. 



Anmerkungen. 85 

8 ) Stuarts und Burkes Reise durch das Innere von Australien. 
Geographische Mitteilungen. 1862. S. 57 f. 

■) Ueber die Eingeborenen von Chiloe. Z. f. Ethnologie IX. 
S. 317. 

10 ) Coppinger, Cruise of the „ Alert" in Patagonian and Poly- 
nesian Waters. London 1883. 

1X ) Dobrizhoffer, Geschichte der Abiponer. I. S. 189. Noch 
früher (1615/6) hatte W. Cornelius Schouten keine menschliche 
Seele beim Aufenthalt in Puerto Deseado und bei der ersten Um- 
schiffung des Kap Hoorn gesehen, nur einige Gräber auf Höhen. 
Oliver van Noort ist erst im Inneren des Magalhaes- Ar chipeis mit 
Eingeborenen zusammengetroffen. 

12 ) Eine neue Kolonie auf Pitcairn. N. Ephemeriden 1816. 
I. S. 34. Der jüngere Kotzebue hat diese Episode mit der ihm 
eigenen Sentimentalität, aber eingehend, in der Neuen Entdeckungs- 
reise 1830 dargestellt. 

,3 ) Die Bevölkerungszahl dieses Eilandes ist offenbar streng 
begrenzt durch die Geringfügigkeit der Hilfsquellen. Com. Main- 
waring fand 1873 76 Bewohner, 1875 fand das Schiff „Petrel" 85, 
1879 das Schiff „Opal" 93, 1881 fand man 96. Die Zahlen, teil- 
weise mit näherer Begründung, in Behm und Wagners Bevölkerung 
der Erde. Geographische Mitteilungen. Ergänzungshefte 41, 55, 
62 und 69. 

14 ) Journal Anthropological Institute. London. VI. S. 379 f. 

16 ) Schmeltz und Krause, Die ethn.anthr. Abteilung des 
Museums Godeffroy. Hamburg 1881. S. 355. 

16 ) Journal R. Geographical Society V. S. 398. 

17 ) Entdeckungsreise II. S. 62. 

18 ) Geographische Mitteilungen. 1879. S. 93. 

19 ) Vgl. De Longs Tagebuch in William H. Gilders: In Eis 
und Schnee. D. A. 1884. S. 219 f. 

20 ) Geographische Mitteilungen. 1879. S. 152. 

21 ) Die Umsegelung Asiens und Europas auf der Vega. D. A. 
1882. II. S. 72. 

22 ) Ferd. Müller, Unter Tungusen und Jakuten. 1882. S. 197. 

23 ) Nach dem Census der Vereinigten Staaten von 1880 
33400 Einwohner, worunter 2185 Weiße und Mischlinge. 

24 ) Unter Tungusen und Jakuten. 1882. S. 205. 

25 ) Vergleiche die Abbildungen von verzierten Speerspitzen 
von einem Tschuktschengrabe in Nordenskiölds Beschreibung der 
Vegafahrt. D. A. 1882. II. S. 103. 

2e ) Scottish Geographical Magazine. 1889. S. 402. 

27 ) Ferdinand Müller, Unter Tungusen und Jakuten. 1882. 
S. 110. 

28 ) Reise von F. v. Wrangel. Bearb. von G. Engelhardt. 1839. 

S. 153. 

29 ) Matthias Alexander Castrens Reisen im Norden. D. A. 1853. 

30 ) Am 17. Juli 1771 überfielen die Begleiter des Beamten der 
Hudsonsbai-Gesellschaft, Samuel Hearne, der zur Entdeckung der 



86 Anmerkungen. 

Kupferlager an den Kupferminenfluß gesandt worden war, am 
Ufer dieses Flusses nächtlicherweise einen friedlich lagernden 
Eskimostamm, töteten alle Glieder desselben ohne Ausnahme in 
der grausamsten Weise und begingen noch weiterhin Ausschrei- 
tungen jeder Art gegen einzelne hilflos zurückgelassene Eskimo 
und deren Besitz. Das Gerücht von dieser Blutthat erfüllte noch 
Jahrzehnte später das nordische Amerika zwischen Hudsonsbai und 
Behrings8ee. 

81 J H. Ellis, Reise nach Hudsons Meerbusen. D. A. 1750. 
S. 188. 

32 ) Augustino witsch, Die Volksstämme des Kolymagebietes 
in Sibirien. Globus XL. S. 121. 

88 ) Kane Arctic Researches. 1856. I. S. 404. — Bessels, Die 
nordamerikanische Polarexpedition. 1879. S. 340. — Greely, Drei 
Jahre im hohen Norden. D. A. 1887. 

84 ) Ueber die ehemalige Verbreitung der Eskimos im arktisch- 
amerikanischen Archipel. Z. d. G. f. Erdkunde zu Berlin. 1883. 
S. 122. 

85 ) Die Um8egelung Asiens und Europas auf der Vega. D. A. 
1882. II. S. 73, Anm. 

8S ) Castr6n, Ueber die Ursitze des finnischen Volkes. Kleinere 
Schriften. 1862. 1. S. 119. 

37 ) Müller, Sammlung russischer Geschichte. VI. S. 151. 



5. Die leeren Stellen in der Oekumene. 



Ursachen und Wirkungen der Unbewohntheit. Verbreitung und 
Form unbewohnter Gebiete. Die Wüsten und Steppen. Wasser- 
flächen: Seen, Sümpfe, Moore, Flüsse. Gletscher. Gebirge. Küsten 
und Flußufer. Der Wald. Die politischen Wüsten. Schluß: Die 

weißen Flecke der Karten. 



Ursachen und Folgen der Unbewolintlieit. Wie die 
Verbreitung alles Lebens ist die des Menschen an der 
Erde im tiefsten Grunde abhängig von der Wärme und 
Feuchtigkeit. Jene macht sich vorzüglich geltend in 
der Abschließung der Oekumene gegen Nord und Süd, 
diese dagegen liegt einer Menge von Unterbrechungen 
zu Grunde, welche die Verbreitung der Menschen über 
die Erde innerhalb der Oekumene erfährt. Das Meer 
mit dem dreifachen Uebergewicht seiner Flächenaus- 
dehnung macht alles Land zu Inseln und die Flüsse 
nebst den mit ihnen zusammenhängenden Seen und 
Sümpfen verlängern diesen isolierenden Einfluß tief ins 
Land hinein, wo in hohen Gebirgen die Firnfelder und 
ihre Eisströme die menschenfeindlichste Form des Flüs- 
sigen darstellen. Wo zu wenig Wasser, bleibt der Pflanzen- 
wuchs aus, die Tierwelt verarmt, und dem Menschen 
fehlen die Bedingungen dauernden Aufenthaltes. End- 
lich entwickelt in reichlicher Befeuchtung sich eine Vege- 
tation, welche der Mensch fällen und immer von neuem 
zurückdrängen muß, um Raum für Siedelungen und Wege 
zu gewinnen. Wenn schon die Verteilung über Erdteile 
und Inseln die Menschheit in eine Anzahl ungleich großer 



88 Einengung der leeren Stellen. 

Massen zerlegt, zwischen welche die Meere sich ein- 
schieben, so durchlöchert diese Massen also eine noch 
viel größere Zahl unbewohnter und zum Teil unbewohn- 
barer Stellen, die mitten in denselben auftreten. Kein 
größerer Teil der Menschheit ist daher ein räum- 
lich zusammenhängendes Ganzes, kein Volk wohnt 
lückenlos über sein Land hin. Nicht die Notwendig- 
keit, die Wohnstätten mit Gärten, Aeckern und Wiesen zu 
umgeben, hält die Menschen auseinander, denn diese Acker- 
und Wiesenfluren gehören zu den Wohnstätten, sind durch 
dichte Wegnetze mit ihnen verbunden, und einzelne Häuser 
und Höfe sind über sie zerstreut. Was aber trennend 
mitten in der Oekumene sich zwischen dichtbesiedelte 
Strecken legt, das sind die Wasser- und Sumpfflächen r 
die Wüsten, die Hochgebirge und Wälder. Die schaffen 
Tausende großer und kleiner Unterbrechungen des be- 
wohnten Landes. Zwar müssen diese Lücken mit der 
fortschreitenden Vergrößerung der Zahl der Menschen 
und der Zunahme ihres Verkehres immer kleiner und 
weniger zahlreich werden, aber niemals werden sie ver- 
schwinden; ihr Bestand gehört zu den Naturbedingungen 
der Menschheit. Zunächst vermehrt diese innerhalb ihrer 
Grenzen die Mittel, über welche sie verfügt, durch immer 
mehr sich vertiefende Ausnützung. Die Millionen einzelner 
Wohnplätze erweitern sich auf Kosten des sie umgebenden 
Naturbodens oft bis zur Berührung und Verschmelzung, 
Berge und Inseln verschwinden in einem Häusermeer r 
das sie gleichsam überflutet. Meer wird durch Ein- 
dämmung zu Land, Inseln werden durch Ueberbrückung" 
von Meeresarmen ans Festland angeschlossen, Seen und 
Sümpfe durch Austrocknung bewohnbar gemacht, Wüsten 
bewässert, und hauptsächlich werden Steppen und Wälder 
beseitigt, um aus ihrem Boden Aecker, Wiesen oder 
Baugrund zu bilden. Alle diese Lücken sollen eingeengt 
und womöglich endlich beseitigt werden. 

In dem Kampfe, den der Mensch mit der Natur an 
ihren Rändern führt, dauert wie in letzten Ausläufern der 
Kampf fort, dessen Ergebnis die Erwerbung der heutigen 
Wohngebiete und ihre Ausgestaltung zu Heimatsgebieten 



Bedeutung der leeren Stellen. 89 

ist. Dieser Kampf geht seine von Klima und Boden 
gewiesenen, leicht kenntlichen Wege. Das 1880er Census- 
werk gibt einen eigenen Bericht über die leeren Stellen, 
die man noch heute innerhalb des besiedelten Gebietes 
der Vereinigten Staaten findet, und es ist interessant zu 
sehen, wie es kommt, daß dieselben noch nicht ver- 
schwunden sind und gerade da liegen, wo man sie jetzt 
findet. Die Staaten von Maine, New York und Michigan 
umschließen alle drei leere Stellen in ihren nördlichen, 
rauhen, mit dichtem Walde bestandenen und in Maine 
und New York (Adirondackgebirge) auch hochgelegenen 
Teilen. Im südlichen Georgia ist der Okifenokisumpf, im 
südlichen Florida sind die Sümpfe der Everglades unbe- 
siedelt; zur sumpfigen Beschaffenheit des Bodens kommt 
hier» der Mangel an günstigen Siedelungspunkten an den 
Küsten. Und außerdem ist zu berücksichtigen, daß die 
nördliche wie die südliche Gruppe unbesiedelter Gebiete 
nördlich und südlich von der großen Bahn der West- 
wanderung liegt, die im Norden von Neuengland nach 
den Seen, im Süden von Georgia und den Carolinas nach 
dem Mississippi und darüber hinaus wies. 

Die Festsetzung der Menschen auf der 
Erde verbreitert und vertieft sich in derEin- 
schränkung der leeren Stellen. Der Mensch löst 
sich auf der einen Seite , indem er seine Kulturmittel 
und -Werkzeuge vermehrt, aus dem Naturzwange, wel- 
cher auf tieferen Stufen sein Leben mit trauriger Ab- 
hängigkeit stempelt; auf der anderen dehnt er das 
Gebiet seiner unmittelbaren Berührungen mit der Natur 
immer weiter aus und spinnt durch vervielfältigte 
Nutzung ihrer Mittel stets neue Fäden einer minder 
empfindlichen Abhängigkeit an. Die Wirkung dieser 
Lücken auf den Geist der Menschen ist vielleicht noch 
größer als diejenige, welche von ihnen auf seine Be- 
wegungen geübt wird. Soviele Oeden, soviele Ufer, 
wo die Menschen am Rand der „freien" Natur stehen, 
an ihrer Größe sich erheben, an ihrer Leere Rückhalt, 
in ihrer Weite Schutz finden, oder durch ihre herüber- 
wirkende Armut an Körper und Geist leiden. Nur 



90 



Die unbebauten Flächen. 



wenige Länder sind so dicht bevölkert, daß sie keine 
Flächen mehr bieten, welche der Urbarmachung und Be- 
siedelung noch zugänglich sind. Selbst Belgien, Sachsen, 
das Potiefland, Aegypten, Bengalen, kurz die bevölkert- 
sten Teile der Erde haben noch Wälder, Moore, Haiden 
und Uferstrecken zu gewinnen, deren Betrag als poten- 
tielles Wohn- und Nutzland im Besitzinventar der be- 
treffenden Völker erscheint. Selbst die belgische Statistik 
im Annuaire statistique für 1890 verzeichnet 262 477 Hek- 
tare „Bruy&res non cultiv^es et terrains vagues* und 
nach dem Statistischen Jahrbuch des k. k. Ackerbau- 
ministeriums für 1876 gab es in Oesterreich 76 Quadrat- 
meilen unproduktive, zur Aufforstung geeignete und 
180 Quadratmeilen Weidefläche „in untergeordneter 
Forstnutzung", das sind über 2 °o des Areals, die aus 
fast unproduktivem Zustand heraus dem Nutzen des Men- 
schen näher gebracht werden können. 

Der Census des menschenreichen Britisch-Indien von 
1871 enthält folgende interessante Tabelle: 



Provinz 


Unbe- 
baubar 


Baufähig 


Bebaut 


Unbe- 
stimmt 


Summa 


N.W.Provinz 


26 727 


12109 


42 174 


393 


81403 


Audh 


5 269 


4 667 


13 529 


527 


23 992 


Penjab 


46 613 


22 434 


32 706 


76 


111829 


Zentralprov. 


39 844 


21845 


23 274 





84 963 


Berar 


6 456 


3 252 


7 349 


277 


17 334 


Mysore 


15 026 


3 940 


8111 





27 067 


Coorg 


1715 


122 


163 





2 000 


Br.-Birma 


49192 


35117 


3 414 


833 


88 556 



190 842 103 486 130 720 2106 |427 154 
Quadratmeilen (E.). 

Es ist also ein Vierteil des Landes noch zu besiedeln, 
während unter den 44 °/o „unbebaubar" wohl auch manche 
Strecken sich befinden, welche noch nicht völlig aufge- 
geben werden müssen. Aus den 270 Millionen Menschen 
Vorderindiens und Britisch- Birmas könnten also mit der 
Zeit 340 werden, ohne daß auf den vorhandenen Flächen 
die Bevölkerung sich verdichtet. Daß das letztere aber 



Die leeren Stellen und die Statistik. 91 

sehr wohl daneben möglich ist, erhellt aus der That- 
sache, daß die Gebiete unter britischer Verwaltung ge- 
rade doppelt so dicht bevölkert sind als die Protektorate. 
Unter Berücksichtigung der heutigen Mittel der Urbar- 
machung und Ausbeutung ist Indiens potentielle Bevöl- 
kerung auf 400 Millionen zu veranschlagen. 

Es ist sehr zu wünschen, daß die Geometer und Sta- 
tistiker uns in den Stand setzen, bei jeder Areal- und Be- 
völkerungsangabe eines Landes die nicht bebauten anbau- 
fähigen und die nicht bebaubaren Flächen auszuscheiden. 
In der erwähnten Aufzählung ist sicherlich der Unterschied 
groß zwischen Britisch Birma, dessen brachliegendes bau- 
fähiges Land 41 °/o seines Areales beträgt, und Audh, wo 
diese Zahl nur noch 19 erreicht. Wenn mir die 1865er 
Erhebungen in Schweden 5,2 °/o Ackerland, 4,3 Wiesen, 
39,8 Wald, 10,7 Gewässer angeben, wenn der nicht be- 
weidete und nicht beackerte Teil Deutschlands zu 34 °/o 
der Bodenfläche, wovon 26 °/o Wald, 3 °/o Oedland und 
4,5 °/o Wege und Gewässer angegeben wird, wenn die 
unbebaute Fläche Italiens sich 1887 auf 508464 Hektaren 
belief, wobei aber als beni incolti nur thatsächlich er- 
traglose Flächen, also keine Wälder — und der Begriff 
des wertlosen Holzes ist in Italien enger als bei uns *) — 
verstanden sind, und wenn dagegen die spanische Statistik 
außer 1545000 Hektaren unproduktiven Bodens noch 
2 500000 Baldios (Brachland) und 6 832 000 Dehesas, 
Pastos, Alamedas, Sotos und Montes aufführt 2 ), so sind 
dies von Land zu Land verschiedene Dinge, die nicht 
nur an sich , sondern besonders auch in ihren Folgen und 
Ent Wickelungen weit auseinandergehen. Wenn die Sta- 
tistik diese für sie ja wesentlich nur negative Werte dar- 
stellenden Größen einheitlich faßt, wird der Geographie 
um so mehr die Aufgabe zufallen, die Sammelbegriffe 
Kulturland und unangebautes Land zu zergliedern. Sie 
wird auch der Statistik damit einen Dienst erweisen ; 
denn wenn in der angeführten spanischen Statistik der 
Provinz Gerona 97, der Provinz Avila dagegen 79 678 Hek- 
taren unproduktives Land zugerechnet werden, so liegt 
darin in erster Linie ein Beweis für ganz verschie- 



92 Verbreitung der leeren Stellen. 

dene Auffassungen und Verwertungen dieser negativen 
Größe. 

Verbreitung und Form unbewohnter Gebiete. Eine 
Reihe von Lücken in der Verbreitung des Menschen 
ist derart verteilt, daß Gestalt und Ausdehnung großer 
Verbreitungsgebiete durch sie beeinflußt wird. In erster 
Linie gehören hierher die Wüsten, welche im Pas- 
satgürtel der Nord- und Südhalbkugel zwei große Reihen 
von •Unterbrechungen hervorrufen, deren eine vom 
Ostufer des Atlantischen Ozeans bis zum Westufer 
des Stillen Ozeans quer durch die Alte Welt zieht, 
und in Amerika am Ostufer des Stillen Ozeans wieder 
anhebt, um bis über den 100.° w. L. sich in das Herz 
von Nordamerika fortzusetzen, während die andere große 
Räume im südwestlichen Afrika, im Westen und Innern 
Australiens und kleinere Gebiete im Westen und Innern 
Südamerikas unbewohnbar macht. Aeußerst dünn be- 
wohnte Steppen dehnen sich von den Rändern dieser Wüsten 
aus und vollenden die Bildung zonenförmig gelagerter 
unbewohnter oder sehr dünn bewohnter Gebiete in allen 
Erdteilen. Da es auf beiden Halb kugeln sich ereignet, 
daß diese großen Lücken bis an die Grenzen der Oeku- 
mene oder an die Randgebiete derselben reichen, tragen 
sie zur Zerfällung der „Erde des Menschen" und be- 
sonders zur Auseinanderrückung der Kulturgebiete wesent- 
lich bei. Neben diesen großen Lücken, welche in die 
regenärmsten Gürtel der Erde fallen, finden wir zahlreiche 
kleinere in niederschlagsreichen Gebieten, welche durch 
Seen, Sümpfe und Flußnetze gebildet werden. Sie 
sind nur entfernt klimatisch, in erster Linie orographisch 
bedingt und wo sie in größeren Gruppen auftreten, hängen 
sie von der entsprechenden Verbreitung bestimmter Boden- 
formen ab, wie wir das in Nordamerika an der Seen- 
kette wahrnehmen, welche vom Atlantischen Ozean bis 
zum Eismeer zieht. Kleinere Gruppen ähnlicher Art 
erkennen wir in den Seenregionen Nordeuropas und am 
Nordrande der innerasiatischen Hochebenen. Die Ge- 
birge und der Wald bilden ähnlich in den gemäßigten 



Zonenlage leerer Stellen. 93 

und heißen Zonen ebenfalls zahlreiche, aber von der 
Kultur immer mehr zerteilte und verkleinerte anökume- 
nische Gebiete, deren Boden im Gegensatz zu Sand-, 
Stein- und Wasserflächen der Bewohnung vielfach zu- 
gänglich und in ausgedehntem Maße zur wirtschaftlichen 
Ausnutzung herangezogen ist. 

So finden wir also die Lage unbewohnter Gebiete 
durch die Natur unserer Erde bestimmt im hohen Norden 
und Süden, wo mit allem anderen Leben auch das mensch- 
liche durch die Kälte zurückgedrängt wird, dann in jenen 




Erdgürteln , wo die Passatwinde Wüsten hervorrufen ; 
es entstehen dadurch vier anökumenische Zonen in den 
kalten und gemäßigten Gebieten der Erde. Zahlreiche 
kleinere unbewohnte Gebiete, die ebenfalls eine zonen- 
fiirmige Anordnung, wenn auch minder deutlich, zeigen, 
sind durch den Ueberfluß des Wassers und durch den 
Wald in den dazwischenliegenden niederschlagsreichen 
Erdgürteln gebildet. Die an das Meer und an bestimmte 
Gesteinsbeschaffenheiten geknüpften sind jedoch über die 



94 Die leeren Stellen in subpolaren Gebieten. 

ganze Erde zerstreut. Lage wie Gestalt aller dieser Ge- 
biete ist aufs tiefste beeinflußt durch die Thatsache, daß 
die Verbreitung des Menschen über die Erde nicht jene 
Gegensätze kennt, welche mitten in den Eiswüsten der 
Alpen und der Arktis Gärten erblühen lassen. Die Exi- 
stenz des Menschen hängt zu sehr von den anderen Lebe- 
wesen ab, als daß er sich nicht gleichsam mit ihnen 
umgeben müßte. 

Daß das nutzbare Land allmählich polwärts abnimmt, 
hat uns die Betrachtung der Randgebiete der Oekumene 
gezeigt. Der Vollständigkeit halber weisen wir darauf hin, 
wie in Grönland nur schmale Flecken des Küstenrandes 
nicht unter ewigem Eis begraben sind, wie in Island nur 
die 130 Quadratmeilen des Tieflandes, also etwa 7 °/o der 
Oberfläche, in Ostsibirien 18, in Westsibirien 32 °/o an- 
baufähig sind und in Schweden das Ackerland 5,2 °/o des 
Bodens einnimmt, wo es in Deutschland und Frankreich 
an 50 °/o heranreicht. Diese Abnahme hängt mit zwei 
großen Gruppen tellurischer Erscheinungen eng zusammen. 
Die eine ist die Verminderung der Kraft und des Reich- 
tumes des gesammten organischen Lebens nach den Polen 
zu; aus der Mischung der Reste dieses Lebens mit dem 
zerfallenen Gestein der Erdoberfläche geht die fruchtbare 
Erde hervor. Das andere ist das Herabsteigen des aus- 
dauernden Firnes und Eises, deren letzte Ausläufer 
schon bei 49 ° 25' auf der Südhalbkugel den Meeres- 
spiegel erreichen, um in den Polargebieten weite Strecken 
zu überziehen. Daß die Nutzung des Landes im hohen 
Norden die größte Aehnlichkeit mit derjenigen in den 
Hochgebirgen wärmerer Erdgürtel hat, ist in dieser Rich- 
tung sehr bezeichnend 5 ). 

Wie die Oekumene ihre dünnbevölkerten, auf weite 
Strecken unbewohnten Randgebiete hat, so werfen auch 
in ihrem Innersten schwierige Naturbedingungen einen 
Schatten vor sich her. Die Naturmächte, welche dem 
Menschen feindlich gegenübertreten, sind selten in so 
enge und dauernde Grenzen einzuschließen, daß eine Linie 
gezogen werden kann, die das Feld ihrer Wirkungen 
scharf sondert von demjenigen, auf welches diese Wir- 



Die Ränder der leeren Stellen. 



95 



kungen sich nicht erstrecken. Die Linie der unmittel- 
baren Berührung von Land und Wasser ist in der Regel 
weder am Meere, noch an den Flüssen zur Siedelung 
geeignet. Die Veränderlichkeit dieser Linie durch Fluten, 
Ueberschwemmung und Brandung zwingt den Menschen, 
sich über derselben anzusiedeln. Auch hier zeigt sich 
das Wasser als das Bewegliche, Schwankende, von dem 
der Mensch mit seinen an den festen Boden gebundenen 



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315° 8. t: OrcOTtw. 



Fig. 3. Siedeluiigen und Zeltlager des südlichen Palästina im Uebergang zur Wüste . 

Werken gern durch eine neutrale Strecke geschieden 
bleibt. Den oft meilenbreiten Gezeitenstreifen der Küsten 
bewohnen Menschen ebensowenig, wie die Dünenwälle 
und — mit seltenen Ausnahmen — die Lagunengebiete. 
Menschliche Siedelungen liegen nicht in den Ueber- 
schwemmungsgebieten der Ströme, nicht im Kies der 
Fiumaren, nicht auf den Moränen heutiger Gletscher, 
nicht in großer Nähe beweglichen Wüstensandes. Die 



96 Die Form der leeren Stellen. 

fruchtbare Erde der Vulkane lockt zur Anpflanzung, 
aber in der Regel liegen die Lava- und Schlammströme 
der letzten Jahrzehnte öd und es hängt von der inneren 
Beschaffenheit der Lava und vom Klima ab, ob sie über- 
haupt in einem Zeiträume, der nicht nach Jahrhunderten 
zu messen ist, bebaubar sein werden. Alle diese anöku- 
menischen Gebilde sind also wie von einem Hofe um- 
geben, in welchem ihre Natur sich abtönt und wel- 
cher die Annäherung des Menschen zu dauerndem Aufent- 
halt abwehrt. Indem die Wüsten durch Steppen, die ganz 
unbewohnten Regionen sich durch wenig fruchtbare Striche 
nach den bewohnteren hin abstufen, entsteht eine ähn- 
liche Abstufung im Grade der Bewohnung. Im afrika- 
nischen Wüstengebiet folgt auf unbewohnte Wüsten- 
strecken die Zone der Hirtennomaden und erst an diese 
schließt sich die der Ackerbauer an. Nennen wir als 
Typen den unbewohnten Strich zwischen der libyschen 
Wüste und Kufra, ferner das Oasengebiet von Fessan 
mit 70 Einwohnern pro Quadratmeile und Bornu mit 
vielleicht 2000 Einwohnern, so prägt in den Zahlen diese 
Abstufung sich deutlich aus. Die Wüsten sind erst die 
Brennpunkte aller Wirkungen der Dürre und damit end- 
lich auch der Bevölkerungsarmut, welche sich erst in 
ihnen zur vollständigen Menschenleere steigert. 

So wie die großen anökumenischen Gebiete verhalten 
auch die kleinen sich sehr verschieden gegenüber dem 
Bestreben des Menschen , seine Grenzen gegen dieselben 
vorzurücken, und demgemäß ist ihre Form verschieden. 
Der Unterschied von Dauergrenzen und vorübergehenden 
Grenzen ist auch hier zu beobachten. Der ^teppe, dem 
Wald, dem Sumpf, selbst der Wüste gewinnt der Mensch 
Raum ab. Dabei gilt die Regel, daß die von organi- 
schem Leben am meisten entblößten Gebiete ihm 
am ablehnendsten gegenüberstehen. Auf dem ewigen 
Eis, auf Felsboden, auf Wüstensand gedeiht auch mensch- 
liches Leben nicht. In der Steppe und im Wald handelt 
es sich dagegen nur um ein Zurückdrängen einer Lebens- 
form, um an ihre Stelle dem Boden andere, neue ein- 
zupflanzen. Das Getreide tritt an die Stelle des Baum- 



Die Wege der vordringenden Kultur. 97 

wuchses, die Prärie geht in Wiesen über. Da nehmen 
die Gebiete auch ganz andere Formen an. Die Natur 
hat selbst an einigen Stellen vorgearbeitet, indem sie 
mitten im Urwald die Umgebung einer Quelle in Natur- 
wiese verwandelte und in der Steppe den dünnen wohl- 
thätigen Waldwuchs in der Nähe des Wassers hervorrief. 
In welchen Formen die Kultur diesen leeren Stellen ge- 
gentibertritt, in dieselben vordringt, das hängt natürlich 
am allermeisten von den äußeren Bedingungen, teils aber 
auch von den Anforderungen ab, welche jene stellt. 
Wüsten, Flüsse und Seen verweisen den Menschen an 
ihre Räuder, wo dann nicht selten um so dichter seine 
Wohnstätten sich anhäufen. Wie dort die Vertiefungen 
der Oasen, so bieten hier höhergelegene Stellen insel- 
haft beschränkte, vereinzelte oder zu Gruppen vereinigte 
Wohngebiete. In die Sümpfe und Moore treibt man 
vom Rande her Kanäle vor, welche gleichzeitig der Ent- 
wässerung und dem Verkehre dienen, und Küstenstrecken 
dämmt man gegen die Fluten ab. 

Da der Mensch in stetem Kampfe mit dem Wasser 
lebt, siedelt er auf Erhöhungen, wo dieses abfließt, sich 
lieber an als in Vertiefungen, welchen es zurauscht. So 
sucht er in der Marsch die Geestinseln aus. In Wüsten 
und Steppen dagegen lehnt er seine Wohnstätten an die 
spärlichen Quellen oder künstlich erbohrten Brunnen an. 
Dabei gilt die Regel, daß der Mensch diesen Lücken um 
so weniger abzugewinnen vermag, je weniger es 
in seiner Macht steht, ihren ersten Ursachen bei- 
zukommen. Dies gilt besonders von den klimatischen. 
Hindernisse der Bodengestalt können durchbrochen, Seen 
und Sümpfe abgeleitet, aber bei Wassermangel selbst kleine 
Wüsten nicht befruchtet werden. In den Wäldern sucht 
der Mensch die Lichtungen oder schafft sich solche und seine 
Siedelungen liegen zuerst im Waldesdunkel, bis Wege 
sie verbinden und zusammen mit den sich ausdehnenden 
Feldmarken immer mehr Zugänge schaffen. Lichte Wälder 
werden früher urbar gemacht als dichte und wir wissen von 
den Bergstämmen Südindiens, daß sie den immergrünen 
Hainen vor den „deciduous forests" den Vorzug geben. 

Ratzel, Anthropogeographie II. 7 



98 Wüsten und Steppen. 

Endlich liegen die Reste des Waldes zerstreut zwischen 
den Acker- und Wiesenflächen, die nun das Uebergewicht 
erlangt haben. Viele Landschaften Deutschlands zeigen in 
der Verteilung der Waldreste diesen Ursprung ihrer Dörfer 
und Höfe (s. Fig. 5). Der Wald kann natürlich auch vom 
Rande her eingeengt werden und in den Gebirgen drängen 
die Menschen an den Flüssen, in den Thälern aufwärts. 
Gerade wo bei uns die Kultur am jüngsten und am 
schwächsten ist, in unseren Waldgebirgen, da erkennt 
man noch wohl ihr zungenförmiges Vordringen in den 
Wald, der auf weite Strecken hin die einzelnen Kultur- 
parzellen trennt. Dafür hat die Alpwirtschaft auf den 
sonnigen Höhen jenseits der Waldgrenze höchst extensiv 
gearbeitet und daher das überall wiederkehrende Bild der 
Siedelung im Thal, des Waldstreifens am Gehäng, der 
Alpwiesen und -Hütten auf den Höhen hervorgerufen: 
zwei Kulturbänder und drei anökumenische Streifen 
wechseln miteinander ab. 

Wüsten und Steppen. Die auffallendsten Unterbrechun- 
gen der Verbreitung der Menschen über die Festländer bil- 
den die Wüsten, deren Begriff auf ihrer Unbewohnbarkeit 
beruht, die ihrerseits Folge der Vegetation sarmut ist; und 
diese hängt von der Unzulänglichkeit der Niederschläge ab. 
Die Lücken, welche durch sie in der Oekumene entstehen, 
sind also groß und vor allem dauernd. Zur Urbarmachung 
von Wäldern und Strauchsteppen, zur Austrocknung von 
Seen und Sümpfen braucht es nur ausdauernder mensch- 
licher Arbeitskraft, aber der Wüste kann Kulturland nur 
dort abgewonnen werden, wo Wasser über sie hingeleitet 
und immer von neuem zugeführt werden kann. Die Menge 
dieses Wassers ist im Vergleich zur Ausdehnung der 
Wüsten verschwindend. Zwar schwankt die Menge der 
Niederschläge über Wüstenländern beträchtlich, und diese 
tragen in heftigen, plötzlichen Niederschlägen ebensogut 
wie in der Dürre das Merkmal klimatischer Wirkungen. 
Aber die Summe der unterirdischen Wassermengen bleibt 
klein. Selbst die vielgerühmten artesischen Brunnen haben 
in der französischen Sahara nur beschränkte Gebiete 



Künstliche Quellen. 99 

dauernd der Wüste entrissen und das Saharameer, dessen 
Hauch weite Wüstenstrecken befeuchten und befruchten 
sollte, ist aufgegeben, noch ehe es verwirklicht war. Die 
bedeutendste Leistung der französischen Verwaltung, 
welche seit der Unterwerfung des Ued Rhir 1854 die 
Anlage artesischer Brunnen mit Energie betrieb, ist die 
Schaffung von ca. 500 artesischen Brunnen im südlichen 
Teil der Provinz Constantine, von denen man erwartet, 
daß sie nach der Ratio 6 Dattelpalmen auf das Minuten- 
liter Wasser 6 Millionen Dattelpalmen bewässern werden. 
Aber damit ist man in diesem Randgebiete der Wüste 
bereits an der Grenze des Wasservorrates angelangt. So 
hat auch die Oase Dachel durch Brunnengrabungen einen 
lebhaften Aufschwung genommen, der einigen hundert 
Menschen mehr dort zu leben gestattet. Im Vergleich 
mit der Ausdehnung der Wüste sind dieses kleine Ein- 
brüche, denen um so sicherer enge Grenzen gezogen 
sind, als das Brunnengraben hier nichts Neues ist. Schon 
lange vor den Europäern ist es in der Wüste der Alten 
Welt geübt worden 4 ). Es gab eigene Zünfte, die das 
gefährliche Geschäft der Brunnengrabung besorgten und 
ein * nicht geringer Teil der Brunnen in der Sahara ist 
entweder künstlich geschaffen oder wenigstens künstlich 
erweitert. Das Kulturland der Oasen der Libvschen Wüste 
verhält sich zu demjenigen der Wüste selbst ungefähr 
wie 1 : 5000. Man sieht, daß es sich hier um kleine 
Ausnahmen von der großen starren Regel der Verödung 
kontinentaler Gebiete in der Passatzone handelt. Auch 
größere Ausnahmen betreffen doch nur verhältnismäßig 
enge Gebiete. Nach den Angaben in Amici-Bey's L'Egypte 
ancienne et moderne 5 ) nimmt das Kulturland Aegypten 
2 x /s °/o der Gesamtfläche ein. Nach Professor Jordans 
planimetrischer Berechnung hat Oberägypten (ohne das 
Fajum) nur 6673 Quadratkilometer Kulturland (121 Qua- 
dratmeilen), so daß letzteres in der That als Oase be- 
trachtet werden kann. Die Kulturfläche zu beiden Seiten 
des Nil von Kairo bis Assuan kann auf durchschnittlich 
10 Kilometer beziffert werden. Auch die von den Flüssen 
Zentralasiens ausgehende Befruchtung des Steppenbodens 






100 Die Wüstenbewohner. — Oasen. 

findet bald ihre Grenzen. Je weiter die Netze der Be- 
wässerungskanäle ihr Wasser ausbreiten, desto größer 
wird auch die Verdunstungsfläche und damit der Wasser- 
verlust. Ganze Flüsse werden dort gleichsam aufgefasert. 

Wie die Areale verhalten sich die Bevölkerungen. Die 
Gesamtzahl der Bewohner der Libyschen Wüste verteilt 
sich auf 5 Oasen und Oasengruppen und es kommen auf 
jeden Bewohner etwa 15 Quadratkilometer. Diese Be- 
wohner stehen überall unter wesentlich gleichen Natur- 
einflüssen, da im Kultursinn die wichtigsten Eigenschaften 
der Wüste negative sind. Die Ausdehnung der unbewohn- 
ten und nicht regelmäßig besuchten Gebiete der Wüsten 
läßt in eigentlichen Wüstenländern weit die Ausdehnung 
der bewohnten Striche hinter sich. Auf dem westlichen, 
kürzeren aber wüstenhafteren Wege von Tripolis nach 
Mursuk, den Eduard Vogel 1855 in 38 Tagen zurück- 
legte 6 ), liegen von bewohnten Orten jenseits des hart bei 
Tripolis beginnenden Wüstenstreifens Benjolid (Dahür), 
dann Enfäd und nach langem menschenleeren Zwischen- 
raum bereits in Fessan Bondschem, dann Sokna und jen- 
seits der Salzwüste Sebha und Mursuk. Zwischen Aud- 
schila und Taiserbo durchmaß Rohlfs 50 Meilen menschen- 
leerer Wüste. In Tibet begegnete ein Pundit, der von 
Lhassa nach der Donglakette reiste, während der ersten 
180 Meilen 7000 Zelte, während der übrigen auf dem 
Tschangtang zurückgelegten 240 Meilen fand er nur 
5 Reiter, die er für Räuber hielt, und eine Karawane, 
die aus der Mongolei nach Lassa zog. Auch Prsche- 
walsky betont die vollkommene Menschenleere eines Striches 
von mehr als 100 Meilen, den er 1872 an der tibetani- 
schen Nordgrenze durchzog. 

Die Oasen sind auch im anthropogeographischen 
Sinne den Inseln zu vergleichen. Bewohnt oder doch be- 
wohnbar mitten im Unbewohnten auftauchend, sind auch 
sie kleine Welten für sich, zur dichten Bewohntheit, stati- 
stischen Frühreife, selbst Uebervölkerung, dann Auswande- 
rung geneigt, noch mehr abgeschnitten von der übrigen 
Welt, so lange keine Karawane, hier das Schiff vertretend, 
eine Verbindung mit den bewohnten Ufern, den Ländern 



Der Kampf mit der Wüste. 101 

am Rande der Wüste, knüpft. Die Schiffskurse sind die 
bestimmten Wege der Karawanen. Ein Wüstenstaat wie 
Dar For ist ähnlich einem Inselstaat durch Eigenartigkeit 
seiner Einrichtungen und durch Selbständigkeit ausgezeich- 
net. Diese Inseln der Sandmeere sind gleich den ozeanischen 
dicht bevölkert und oft genug übervölkert. Auch unter 
ihnen gibt es welche, die verlassen oder ausgestorben sind. 
Beurmann schildert in seiner Reise nach Audschila und 
von Audschila nach Mursuk 7 ) die kleinen unbewohnten 
Oasen von Merega, Saggut, Dschibbene. Da sie Dattel- 
palmen nähren, deren Früchte jetzt Gemeineigentum der 
Vorbeireisenden sind, so müssen sie einst bewohnt und 
bebaut gewesen sein. So wie das Meer über vernach- 
lässigte Dämme sich in das einst ihm abgewonnene 
Land ergießt und es dem Meeresboden gleichmacht, so 
schreitet die Wüste gegen das Oasenland vor, wenn der 
Mensch aufhört, gegen den wandernden Sajid und die 
Verschlammung oder Vertiefung der Bewässerungskanäle 
zu kämpfen. Die Grenze zwischen beiden festzuhalten 
oder dieselbe sogar gegen die Wüste hin vorzuschieben, 
gelingt nur, wenn rastlose Arbeit das Gewonnene schützt. 
Der Schutz wird aber in vielen Fällen am wirksamsten 
durch Offensive bethätigt werden und wird dann in 
einem langsamen Vorschreiten an günstigen Stellen be- 
stehen. Wenn Aegypten seit Mehemed Alis Zeit jähr- 
lich 20—22000 Acres gewonnen hat, wenn nach 1880 
dieser Zuwachs auf 5000 fiel und unter der englischen 
Verwaltung wieder auf 20000 gestiegen ist, so bedeutet 
dies allerdings nur die allmähliche Wiedergewinnung 
und Befestigung des in jahrhundertlanger Vernachläs- 
sigung der Dämme und Kanäle Verlorengegangenen. 

Entsprechend ihrer Entstehung sind die Oasen nicht 
regellos durch die Wüste hin zerstreut, sie sind eine Folge- 
erscheinung hydrographischer Verhältnisse, liegen daher 
dort, wohin Wasser rinnt, also in der Tiefe, und sie 
treten, dem Zusammenhange der Wasserfäden entsprechend, 
in Gruppen auf, welche den Wüstenbewohnern eine ent- 
sprechende Gruppierung aufdringen. Am häufigsten sind 
jene langgestreckten Ketten bewohnter Stellen, welche, 



102 Die Oasengruppen und -reihen. 

wie die Reihe der in 10 Meilen langer Linie von Ted- 
scherri bis Qatrun ziehenden südlichsten Ortschaften von 
Fessan, den Verlauf eines flachen, wasserreichen Thaies 
andeuten. Ebenso bezeichnet die Linie Biskra-Tuggurt- 
Tidikelt den gegen 150 Meilen langen Verlauf des 
W. Igharghar. Hier entsteht eine Aneinanderreihung 
der Wohnplätze an dem Fäden des Wassers, ganz wie 
in einem Flußthal oder in einem Fjord. Es braucht 
keiner Quellen, das Wasser zieht in der Tiefe langsam 
seinem Falle nach und wirkt befruchtend nach oben, wie 
in Otyimbingue, der Missionsstation im Damaraland, die 
eine der seltenen Ackerflächen dieses Gebietes ganz im 
Bett des Schwachaub angelegt hat. Dasselbe bleibt ein 
Vierteljahr feucht und da der Fluß von Mai bis Dezem- 
ber nicht fließt, kann die Ernte gerade im November 
noch eingebracht werden 8 ). Wo eine andere Art des 
Zusammenhanges zwischen Oasen und Wasserverteilung 
sich in dem Vorkommen der ersteren am Rande und Fuß 
größerer Erhebungen zeigt, wohin das Wasser aus der 
Höhe fließt, treten die bewohnbaren Stellen insular, ent- 
weder in Längsstreifen dem Zug der Thäler folgend, wie 
am Südrand des Atlas oder in breiten Zonen auf. Ein 
Land, welches sich um ein Gebirge legt, wie Dar For, ist 
einer Gruppe großer, nach innen sich verdichtender Archi- 
pele zu vergleichen, deren Kern eine große Insel, das 
Marragebirge, bildet. Andere Oasen sind mehr verein- 
zelte Einsenkungen, welche bis auf die Grundwassertiefe 
reichen. Ihnen kommt für die Verbreitung der Menschen 
natürlich nur eine geringere, mehr vermittelnde Bedeutung 
zu, wenn sie auch, jede für sich, durch Größe und Volks- 
reichtum so hervortreten wie Siwah in der Libyschen 
Wüste oder als Stationen der Wüsten wände rer so wichtig 
sind wie Audschila. Sind auch in den Wüsten noch lange 
nicht alle anbaufähigen Gebiete entwickelt, so blieben 
doch ohne die Erschließung unterirdischer Wasserschätze 
durch Brunnenbohrung nur Strecken von unbeträchtlicher 
Ausdehnung dem Ackerbau und damit der festen Besiede- 
lung zu gewinnen. Die früher bewohnten, mit Palmen 
bestandenen libyschen Oasen Aradj und Ain el Wadi, denen 



Die Zerteilung der Wüste. — Steppen. 103 

Jordan zusammen 800 Hektaren Kulturfläche zuspricht, 
würden nach der Bevölkerungsdichtigkeit anderer Oasen 
der Libyschen Wüste 2 — 3000 Bewohner zu ernähren 
im stände sein. Mit Palmen bewachsene, möglicherweise 
kultivierbare Strecken liegen nicht ferne am Sittrahsee. 
Aus diesen insularen Vorkommen bewohnter Stellen in 
den Wüsten ergibt sich eine Zerteilung der unbewohn- 
baren Flächen in kleinere, durch Oasengruppen getrennte 
Gebiete. In den Oasen kreuzen sich die Verbindungs- 
fäden der durch die Wüsten voneinander getrennten 
Völker. Daher ist die Sahara nicht als ein einziger 
weißer unregelmäßiger Fleck, sondern als eine Reihe 
nebeneinanderliegender weißer Flecke darzustellen, durch 
welche, von Ost nach West zählend, das Nilthal, die 
libyschen Oasen, Fessan, das Marragebirge, Tibesti, das 
Haggarplateau, Air und die Oasenreihen südlich vom 
Atlas quer durchgelegt sind. So ist Zentralasien, von 
seinen grünen Rändern abgesehen, auch im Innern zer- 
stückt und zwar zieht hier die große Trennung in ost- 
westlicher Linie durch die Oasengruppen von Sutschau, 
Chamil und Turfan, in dem Strich, den Carl Ritter treffend 
das Land der Eingänge nannte, zwischen Himmelsgebirge 
und Altyntagh. Die Wüsten Gobi, Takla Makan und Zai- 
dam sind durch diese ökumenischen Striche getrennt. 

Steppen. Die Regenarmut, welche Wüsten erzeugt, 
stuft sich durch einen Zustand reichlicherer aber ungleich 
verteilter Niederschläge nach den regenreichen Gebieten hin 
ab. Der Anblick- der Sage Plains im westlichen Nordamerika 
oder der Wermutsteppe in Zentralasien gewährt fast den- 
selben Eindruck von Dürre, wie eine eigentliche Wüste, 
aber der vergilbte und verkrüppelte Pflanzenwuchs be- 
zeugt einen größeren Wasservorrat, welcher unter gün- 
stigen Bedingungen der Kultur dienstbar gemacht werden 
kann. Man kann hier sogar daran denken, die zerstreuten 
atmosphärischen Niederschläge zu sammeln und ihnen 
durch langsame Verteilung über das Land jene Regel- 
mäßigkeit der Wirkung zu verleihen, die ihnen die Natur 
versagt hat. So leicht Wüsten und Steppen auf den ersten 



104 Zurückdrängung der Steppe. 

Blick immer zusammengeworfen worden sind, so wenig 
sind sie im Kultursinn zu verwechseln. Behm hatte 
vollkommen recht, als er jener pessimistischen Auf- 
fassung entgegentrat, welche in Australien eine einzige 
große Wüste sehen wollte. Was schon 1864 Lefroy 
aussprach: In Australien haben wir täglich das Bei- 
spiel vor Augen, daß früher für unnahbar gehaltene 
Wüsten sich rasch mit großen Herden belebten 9 ) hat 
sich fortdauernd neu bewahrheitet. Sturt hatte damals 
bei seiner Rückreise (1861) die Möglichkeit, Herden durch 
den Kontinent von Süd- nach Nordaustralien zu führen r 
zuerst nachgewiesen. Heute weiden längs den Südnord- 
linien, wo die ersten Erforscher dem Verdursten ausge- 
setzt waren, Tausende von Schafen, nahrhafte Gräser 
haben Scrub und Spinifex, die gefurchtesten Hindernisse 
des Vordringens in diesen Gebieten, verdrängt. That- 
sächlich sind Burke und Wills umgekommen, wo heute 
Herden weiden. Die „heulende Wildnis 44 Australiens ist 
nicht unwiderruflich dem Menschen verschlossen, am 
wenigsten in den mit Stachelsträuchern bedeckten Gebieten r 
die einst die gefürchtetsten waren. Auf den lichten Gras- 
zungen, welche in den Scrub sich hinein erstrecken, wird 
dieser durchschritten, wie man die Thäler benutzt, um in 
Gebirge einzudringen und Pässe, um sie zu übersteigen. 
In einem großen Teile von Australien werden so die 
unbenutzbaren Strecken immer mehr eingeengt. Mit Hilfe 
von künstlichen Seen und Flüssen breitet sich die Be- 
völkerung aus und mit der Zeit werden die Wüsten um- 
schlossen und liegen wie unbewohnte Inseln mitten im 
Bevölkerten 10 ). 

Ein oasenhafter Charakter wird indessen diesen halb- 
künstlichen Kulturländern immer aufgeprägt bleiben und 
sie werden dünn bevölkert und kulturlich wie politisch 
schwächer sein, als ihre Ausdehnung erwarten lälat. 
Ländern, wie Persien, das zu mehr als der Hälfte 
Steppe und Wüste, Buchara, dessen Kulturland kaum 
ein Achtel des Areals beträgt, fehlte, wie sie sich auch 
ausbreiten mochten, stets der Rückhalt eines starken Be- 
völkerungskernes. Daher das Schwankende dieser Existen- 



Oasenländer. 105 

zen von so ungleichartigem Fundament: In Zeiten poli- 
tischer Schwäche bieten die Steppen den Nomaden dieser 
Länder Rückzugs- und Ausfallsgebiete, in denen sie höchst 
gefährliche innere Feinde werden. Arabien ist noch ent- 
schiedener als Persien nur Oasenland, daher lagen stets 
die Schwerpunkte der politischen Gebilde, welche die 
Eroberung schuf, außerhalb der dünn und ungleich 
bevölkerten Halbinsel, wenn auch, vorsichtig gewählt, 
so nahe wie Kairo oder Bagdad. Aehnlich wird einst 
ein großer Teil des ostafrikanischen Hochlandes sein. Die 
Wüste von Ugogo und selbst die Makataebene, wo keine 
Siedelung auf den 70 Kilometern zwischen Simbabweni 
und Mbamba liegt, werden Wüsteninseln in den dort zu 
erhoffenden Kulturflächen bilden. Der geschichtliche Cha- 
rakter aller dieser Länder liegt darin, daß die Natur weder 
dem Ackerbau noch dem Nomadismus das Uebergewicht 
zugesprochen hat. Daher erfüllt der Kampf mit der Steppe 
und dem Nomadentum die Geschichte Irans und beschäf- 
tigt den Geist seiner Völker: Die ägyptische Religion ist 
auf die Natur des Nillandes, die persische auf den Anbau 
von Iran gegründet (Ranke). Die Ideen des Zend-Avesta 
erlangen etwas Autochthonisches , sie erscheinen natur- 
gemäß in diesem aus Oasen und Wüsten bunt zusammen- 
gesetzten Lande. Man kann in einigen Beziehungen 
Auramazda als Gott des Ackerbaues auffassen, während 
Ahriman ihm alle Schädlichkeiten der Steppe: Sturm, 
Dürre, Sand und Ungeziefer entgegenwirft. Wir werden 
sehen, wie der ganze Grenzstrich zwischen Wüste und 
zusammenhängendem Baulande den Stempel des Kampfes 
in unzähligen Ruinen trägt, die bald der Sand verschüttet, 
bald die Nomaden zerstört haben. 

Zum Schluß erinnern wir an die in Trennung und 
Vereinigung der Völker wichtigen Salzgebilde der 
Steppen. Direkt unbewohnbar, zugleich wegen Dürftigkeit 
des Bodens und wegen Mangel an trinkbarem Wasser sind 
immer in den Steppenländern die durchsalzenen Strecken, 
besonders die Salzpfannen tiefgelegener Steppenregionen, 
in welchen das zusammensickernde und verdunstende 
Wasser seine Rückstände läßt, welche in langen Zeit- 



Oasen der Kultur. 107 

räumen mächtige Lager bilden können, zu deren Aus- 
beutung in industriellen Zeitaltern dichte Bevölkerungen 
künstlich hier erhalten werden, wie am Eltonsee oder in 
den Salzoasen der Sahara. In solchen Gebieten wird nur 
in beschränktem Maße das Auslaugen des Bodens möglich 
sein, wie es Pallas von der Gegend von Zaritzin be- 
schreibt und wie es großartiger durch Hilfe raschfließen- 
der Bergbäche des Wasatschgebirges am Ostrand des 
Großen Salzsees von Utah geübt wird. Hier hat es die 
nährende Boden- d. h. Ackerfläche in erheblichem Maße 
vergrößert. 

Die ungleiche Verteilung der Niederschläge in der 
Zone der regenlosen Sommer läßt an der äußersten Grenze 
noch eine insulare Verbreitung der Kultur hervortreten, 
die von den Oasen der Wüste sich allerdings weit da- 
durch unterscheidet, daß die Kulturinseln größer und 
viel zahlreicher sind. Aber es ist doch kein zusammen- 
hängendes Ackerbauland. In den südlichen Mittelmeer- 
ländern, wo die regenarme Zeit eine ganze Jahreshälfte 
einnimmt, bilden die anbaufähigen Grundstücke mit wenigen 
Ausnahmen nicht wie bei uns ausgedehnte und zusammen- 
hängende „Gebreiten", sondern sie sind oasenartig ver- 
teilt. So liegen z. B. im Peloponnes, wo die Boden- 
beschaffenheit diesen Zustand begünstigt, die Kulturen 
als Oasen in den öden, steinigen, kahlen oder von stache- 
ligem Buschwerk dürftig überzogenen Berglehnen 1X ). Das 
ist der Typus des Karst, der vom Kap Matapan bis Krain 
der Kulturkarte einen gesprenkelten, durch Tausende 
nahe bei einanderliegender Oasen bewirkten Charakter 
aufprägt. Die Konzentration des fruchtbaren Bodens in 
den abgeschlossenen Trichtern der Dolinen (Fig. 4) kann 
dabei das scheinbar Paradoxe verwirklichen, daß ein Karst- 
gebiet fruchtbarer ist als ein Gebiet mit regelmäßiger 
Thalbildung, dessen fruchtbare Erde von den Flüssen 
fortgeschwemmt ist. 

Der Pflanzengeograph reiht den dürren Steppen die 
Grassteppen, Prärien, Pampas, Llanos an, welche 
pflanzenphysiognoniisch durch den Waldmangel ihnen 
ähnlich sind, aber der Kultur gegenüber eine ganz andere 



108 Die Prärien und ihre Bewohntheit. 

Entwicklungsfähigkeit aufweisen, wenn auch steppen- 
hafte Züge ihrem Boden und ihrer Kultur — in der 
ungarischen Tiefebene sind von 1150 Quadratmeilen 5,7 °/o 
Wald und 10,4 °/o unproduktiv — nicht ganz fremd 
bleiben. Ihre Niederschlagsmenge und ihre natürlichen 
Wasservorräte sind großenteils genügend, und ihr Boden 
gehört in weiter Ausdehnung zum fruchtbarsten. Die 
fette Schwarzerde Südrußlands kehrt in Illinois und Iowa, 
in Venezuela und Argentinien wieder. Die Gebiete des 
ertragreichsten Ackerbaues fallen in den Vereinigten 
Staaten mit echten Präriestaaten wie Illinois, Iowa, Wis- 
consin, Missouri, dem östlichen Kansas und Nebraska zu- 
sammen. Der schwache Ackerbau der Indianer scheint von 
dem fetten Boden dieser offenen Ebenen wenig angezogen 
worden zu sein. Es wird behauptet, daß dieselben vor 
der europäischen Einwanderung großenteils unbewohnt 
gewesen seien. In der Ethnographie der Stämme des Felsen- 
gebirges und des Mississippibeckens liegt jedenfalls keine 
Andeutung einer so entschiedenen Trennung und die ersten 
wissenschaftlichen Reisenden, welche diese Steppen durch- 
querten, fanden wenig Bewohner, aber längs der großen 
Flüsse des Westens scheinen dieselben nie gefehlt zu haben. 
Auffallend ist aber die Häufigkeit der sowohl bei den west- 
lichen Algonkin als den Sioux zu findenden Ueberlieferung, 
daß sie von Norden her, d. h. aus einer wald- und wasser- 
reichen Region in das Steppenland gezogen oder über 
ein großes Wasser gekommen seien. Es scheint nicht 
zweifelhaft zu sein, daß die Umgebungen der nördlich 
die Prärien begrenzenden Seen viel dichter bewohnt waren 
als die weiten fetten Grasebenen. 

Es ist also keineswegs so sicher, daß die Grassteppe oder 
die Prärie früher unbewohnt war, während im Walde die 
Urbarmachung schon fortgeschritten war. Aus Nord- 
amerika haben wir zahlreiche Beweise dafür, daß dichte 
Waldungen gemieden wurden. So ist im Nordwesten 
das wild- und waldreiche Vancouver im Innern, die Ufer 
des einzigen Leechflusses ausgenommen, auch in india- 
nischer Zeit unbewohnt gewesen. Brown schätzte 1863 
die Zahl der an der West-, Süd- und Ostküste ansässigen 



Seen, Flüsse, Sümpfe. 109 

Indianer auf 10 000 12 ). In den ausgedehnten Sequoja- 
wäldern des kalifornischen Küstengebirges sind Spuren 
von Bewohnern sehr selten. Ebenso in der Sierra Nevada. 
Der Gegensatz zwischen den einst stark bevölkerten kahlen 
Küsten und Küsteninseln und dem bewaldeten Innern ist 
dort schroff. Die Waldgebiete sind im äquatorialen Afrika 
überall weniger dicht bewohnt als die an sie angrenzenden 
Savannen. Die Baschkiren haben nicht ursprünglich den 
Ural selbst, sondern nur die Steppenregionen bewohnt, 
welche denselben im Süden begrenzen; aus den Nachrichten 
Gmelins und Klaproths geht hervor, daß sie gewisse Teile 
der Steppe zwischen Emba und Ural ursprünglich be- 
wohnten und dann verließen. Erst mit der beginnenden 
Stabilisierung wanderten sie in die Waldthäler des Ural 
ein. Man könnte daran denken, daß die Waldfeindlich- 
keit des chinesischen Lößbodens ein Grund der frühen 
Besiedelung Nordchinas gewesen sei, welches als natür- 
liches Gras- und Strauchland zu denken ist. 

Seen, Flüsse, Sümpfe. Als fast völlig unbewohnt 
sind in den Ländern die Wasserflächen anzuneh- 
men. Sie nehmen besonders in seenreichen Gebieten 
beträchtliche Areale ein. Die Binnenseen des euro- 
päischen Rußland bedecken 2091 Quadratmeilen, die- 
jenigen Schwedens 658 Quadratmeilen, von dem gewal- 
tigen Areal der Vereinigten Staaten nehmen die größten 
Seen l,3°/o ein, von demjenigen des europäischen Ruß- 
land 0,9, von demjenigen Schwedens 8. Vom Areal des 
Staates Hamburg (407 Quadratkilometer) entfallen 26,3 
auf Elbe, Alster, Bille und andere Nebengewässer, also 
6,4 °/o, und von Norwegens und Irlands Flächenräumen 
sind über 3 °/o für Binnengewässer verschiedener Art in 
Abzug zu bringen. Diese Abzüge sollten eigentlich immer 
gemacht werden, wenn man die betreffenden Länder unter 
anthropogeographischem Gesichtspunkte betrachtet. Es 
ist auch für die politische Geographie nicht belanglos, 
ob ich in Rußlands Areal die 7200 Quadratmeilen für 
den Kaspisee, in Badens Oberflächenzahl die 3,3 Quadrat- 
meilen für den badischen Anteil am Bodensee, in die- 



HO Seen und Sümpfe. 

• 

jenige Dänemarks die 75 Quadratmeilen für Binnenge- 
wässer mit einrechne oder nicht. Die Dichtigkeit der 
Bevölkerung ist eine wesentlich andere Größe, wenn 
sie das Verhältnis zum bewohnbaren Flächenraum, als 
wenn sie dasjenige zu einer aus unbewohnbaren und be- 
wohnten Gebieten zusammengesetzten Fläche ausspricht. 
Sie nähert sich in der ersteren Auffassung mehr der geo- 
graphischen Wirklichkeit, in der letzteren der statistischen 
Abstraktion. 

Nicht nur die Größe der Wasserflächen, auch ihre 
geographische Verteilung wirkt auf die Bevölkerung ein. 
Länder wie Masuren, Finnland, Neufundland, Maine, 
Minnesota, deren Oberfläche mit Tausenden kleiner Seen, 
Sümpfe und dieselben verbindender Wasserläufe durch- 
setzt ist, erlangen einen amphibischen Charakter. In Neu- 
fundland kann man kaum 1 Kilometer gehen, ohne auf einen 
der Seen zu stoßen, welche in den Thälern, auf den Pässen, 
selbst auf den Hügelrticken sich einstellen und den Ver- 
kehr erschweren. Rechnet man die tundraähnlichen 
Sümpfe hinzu, so ist wohl die Hälfte des Landes Wasser- 
fläche oder durchfeuchteter Schwamm. Man begreift, daß 
die Kolonisation nirgends weiter als 10 Kilometer von der 
Küste ins Innere vorgedrungen ist. 

Weniger ausgedehnt sind tiefe Becken, in welchen 
das Wasser zu Seen zusammenrinnt, als hohle Flächen, 
in weichendes den Boden durchtränkt und zum Sumpfe 
umgestaltet. Sümpfe sind als Uebergänge zu größeren 
Wasseransammlungen häufig an Küsten, Seen, Flüssen 
und prägen weiten Gebieten den Stempel der Unbewohn- 
barkeit auf, wenn sie eine Ausdehnung erlangen, wie in 
Russisch-Lappland, dessen Oberfläche zu fünf Achtel von 
Sumpf und Tundra eingenommen wird. Die orographischen 
und klimatischen Bedingungen ihrer Existenz erfüllen 
sich in Tiefländern und auf Hochebenen am häufigsten 
und im ausgedehntesten Maße. In der Provinz Hannover 
sind 14°/o der Bodenfläche Moor und im Kreise Ober- 
bayern nehmen die zwei geschlossenen Moorgebiete des 
Münchener Beckens und des Donaumoores 40 000 und 
17000 Hektaren ein. Einst waren hier von 16725 Qua- 



Trockenlegungen. Hl 

dratkilometern 850 Moor, wovon 225 der Kultur zuge- 
führt sind. Dort liegen die größten Moore zwischen 
Unterelbe und Unterweser und westlich der Ems; hier 
bilden sie eine Zone nördlich der Vorlandseen und sind 
auch zwischen diese eingelagert. In wärmeren Ländern 
sind die Sümpfe als Fieberherde gemieden. In dem so 
dichtbevölkerten Italien sinkt in den Maremmen die Volks- 
dichte auf 30 a. d. Quadratkilometer herab, ungeheuere Land- 
flächen sind unbewohnt, liegen brach und der Kapitalverlust 
durch Malaria wird auf jährlich 40 Millionen geschätzt 1S ). 
Je seichter ein Wasser, desto leichter wird es aus- 
getrocknet und dem Anbau oder sogar der Bewohnung 
gewonnen. Auf der bayerischen Hochebene sind mehrere 
Seen, die noch Apian in der Karte von 1568 zeichnet, 
in anbaufähiges Land oder Moor übergegangen. Das 
„ Senken 44 der Seen ist auf der pommerischen und meck- 
lenburgischen Seenplatte eine ganz häufige Erscheinung. 
Nicht bloß um Ackerland zu gewinnen, welches den Wert 
der Bodenfläche in einzelnen Fällen vertausendfacht, son- 
dern auch zur Mergel- und Kalkgewinnung finden die 
Trockenlegungen statt. Bald wird der Kopaissee in 
10000 Hektaren Fruchtland verwandelt sein und auf 
seinem Boden werden mit der Zeit vielleicht 1 00 000 
Menschen der Bevölkerung Griechenlands zuwachsen. 
Noch näher stehen die Sümpfe und Moore dieser Ver- 
wandlung, die das Antlitz ganzer Länder, u. a. auch 
Deutschlands umgestaltet hat. Wie groß der Gewinn hier 
sein kann, lehren die Trockenlegungen im Theißgebiet, 
in den großen Sümpfen Rußlands, in den Maremmen. 
In Hannover wohnen heute ca. 20000 Menschen auf 
kultiviertem Moorboden. Ende 1879 waren von den po- 
lesischen oder podlachischen Sümpfen 8 3 /4 Millionen Hek- 
taren trockengelegt, wobei 1812 Kilometer Kanäle gezogen 
wurden. Man gewann über 200000 Hektaren anbau- 
fähiges Land und vermehrte das Nationalvermögen um 
14 Millionen Rubel. Die Maremmen Toskanas wurden 
seit 1786 von Corneto bis zum R. Cecina teilweise durch 
Kanäle und Straßen der Besiedelung zugänglich gemacht 
und hatten 100 Jahre später bereits 86000 Einwohner. 



112 Flüsse und ihre Ueberschwemmungen. 

Flüsse. Die Flüsse bilden streifenartige Unter- 
brechungen der Oekumene, die in seltenen Fällen so breit 
sind, daß ihre Ueberschreitung große Schwierigkeiten 
macht. Ihre Gesamtfläche ist in mäßig bewässerten Län- 
dern nicht unbedeutend, wird aber weit übertroffen von 
der Größe ihrer Ueberschwemmungsgebiete , welche im 
natürlichen Zustande, wie wir ihn in Mitteleuropa nicht 
mehr kennen, sehr groß sein kann. 

Wenn die Schneeschmelze der Anden die Flüsse des 
Ostabhanges in breite Ströme verwandelt, bilden sich im 
Inneren Südamerikas Süßwasserozeane von Hunderten von 
Leguas Umfang. Dieses Meer läuft in zahllose Golfe 
und Buchten aus und ist mit Inseln besäet, wovon einige 
aus den sparsamen Anhöhen bestehen, also wirkliche sind, 
während viele von den aus dem Wasser hervorragenden 
Waldparzellen vorgetäuscht werden. Die Erscheinung 
wiederholt sich von der Sierra von Abunä im Norden 
bis nach Argentinien hinein und ist im Osten vom Hoch- 
land Brasiliens, im Westen ungefähr vom 20.° begrenzt. 
Im Becken von Paraguay sind es „die periodischen Seen" 
von Xarayes , im Gran .Chaco ist der Pilcomayo in ein 
Süßwassermeer verwandelt. Diese wiederkehrenden Ueber- 
flutungen sind eine Thatsache, mit der Landbau und Ver- 
kehr haben rechnen lernen und man erwartet sie fast 
mit derselben Sicherheit, wie der Aegypter den Nil. Zu 
derartigen regelmäßig wiederkehrenden Ueberschwem- 
mungen neigen unzählige Flüsse im natürlichen Zustande. 
In Afrika kommen sie am oberen Nil, wie am Zambesi 
und Congo vor. Sie fehlen nicht ganz im norddeutschen 
Tiefland, z. B. dem Flußgeflecht, in welchem Leipzig 
gelegen ist. 

So wie das Meer einen Landstreifen jenseits der 
Grenze seines Wasserstandes als Strand noch beansprucht, 
einen Streifen, den der Mensch gewaltsam ihm abringen 
muß, so nimmt der bewegliche Fluß rechts und links 
Ueberschwemmungs- und Anschwemmungslande in An- 
spruch. An der Isar sind diese kiesbedeckten Striche an 
mauchen Stellen fünf-, an anderen dreimal — zwischen 
Ober- und Unterföhring unterhalb München verhalten 



Flußauen. — Firn und Eis. 113 

sich Fluß- und Kiesfläche wie 1:5 — so breit, als die 
Wasserflächen des Flusses in ihrer Nähe. Im breiteren 
Innthal sind sie, mit Weiden bewachsen, ein eigenes Stück 
wilder Natur, voll Urwaldpoesie, einsam, wild und wild- 
reich. Man berechnet, daß die Gewinnung derselben für 
den Anbau Südbayern um eben so viel Ackerland be- 
reichern dürfte wie die Kolonisation der Moore. 

Durch die Regulierung der Flüsse wird bewohnbares 
Land gewonnen, durch Vernachlässigung derselben geht es 
wieder verloren. Mesopotamiens Verfall und Verödung führt 
wesentlich auf die Vernachlässigung der Dämme und Kanäle 
zurück. Der Fluß ist eine Naturkraft, die vom Menschen 
benutzt, aber nicht vollkommen gebändigt werden kann. 
Anbau und Verkehr kommen nicht ganz über die Schwie- 
rigkeiten der Ueberschwemmung und der niederen Wasser- 
stände hinweg. Der Fluß fordert gelegentlich seine Rechte 
zurück und um so drängender, je mehr von denselben 
ihm entfremdet wurde. Abgeleitet, kehrt er in sein Bett 
zurück, in Kanäle zerfasert, breitet er sich zu einem See 
aus. Ueber die Gefahren, welche mit dem System der 
Herausführung eines Stromes aus seinem Bett verknüpft 
sein können, belehrten die verwüstenden Ueberschwem- 
mungen des Murghab im Frühjahr 1886. Da der Fluß 
aus seiner natürlichen Rinne auf das flache Land gelegt 
ist, verwandelte er nach dem schneereichen Winter die 
Oasen in Seen, verschüttete Felder und zerriß die Dämme 
der Bewässerungskanäle. 

Firn und Eis. Die größten Ablagerungen starren 
Wassers, das nicht bloß der Bewohnung, wie das flüssige, 
sondern auch dem Verkehr widerstrebt, befinden sich 
außerhalb der Oekumene. Aber Südgrönland, dessen 
Spitze noch von der Waldgrenze geschnitten wird, könnte 
bis über den Polarkreis so gut wie Island bewohnt sein, 
wenn sein Inneres nicht vergletschert wäre. Und von 
Islands Oberfläche sind 270 Quadratmeilen mit Eis be- 
deckt. Die gesamte Vergletscherungsfläche der Alpen 
wird auf 70 — 80 Quadratmeilen geschätzt. Von Nor- 

Ratzel, Anthropogeographie 11. 8 



114 Firn und Eis. 

wegen liegt */ 15 unter Schnee oder Eis, was allerdings 
nur ein kleiner Teil der unbewohnten zwei Dritteile 
dieses Landes ist. In den gemäßigten und warmen Erd- 
gürteln sind diese Firn- und Eislager großenteils nur in 
Höhen zu finden, wo ohnehin die Menschen nicht dauernd 
zu wohnen pflegen, aber es ragen einzelne Gletscher der 
Alpen bis unter die Grenze des Getreidebaues herab und 
der Verkehr ist durch Vergletscherung von Kammern - 
schnitten vielfach erschwert. Die von Keilhack greif- 
bar geschilderten „Sandr" Islands führen in weiten 
Ebenen gletscherzerriebenen Sandes die Wirkung dieses 
fließenden Eises weit über dessen äußersten Saum 
hinaus. So wie in der Gletscherbewegung das Fließen des 
Wassers sich selbst durch die starren Formen des Krys- 
tallisiert-, d. h. Gefrorenseins ausspricht, so greift es auch 
beweglich über die Grenzen der Eis- und Firnfelder hin- 
über. Das Vor- und Rückschwanken der Gletscher, die 
Gletscherbrüche mit ihren Ueberschwemmungen , endlich 
die Lawinen umgeben jedes vereiste Gebirgsgebiet mit 
einem Saume wiederkehrender Vorstöße und Verwüstungen. 
Ueber die jetzt bewohnten Hütten in höchster Lage fin- 
det man zahlreiche Spuren von verlassenen, besonders von 
Lawinen zerstörten Wohnstätten, Alphütten, Ställen 14 ). 
Der dazwischen wild hingelagerte Lawinen- oder Morä- 
nenschutt verstärkt die Aehnlichkeit mit dem Ueber- 
schwemmungsgebiet eines sehr starken Flusses. 

Die unbewohnten Höhen. Mit zunehmender Höhe 
nimmt mit der Wärme, dem fruchtbaren Boden und den 
zur Siedelung geeigneten Bodenformen die Bevölkerung 
in der Regel ab, bis sie die Grenze nach oben hin in 
den Firn- und Felsregionen erreicht. Diese Grenze hebt 
sich wie die Firngrenze äquatorwärts , ist aber auch in 
hohem Grade durch örtliche Umstände beeinflußt. In 
Grönland liegen alle Ansiedelungen nur unbedeutend über 
dem Meeresspiegel, im Himalaya und in den Anden über- 
steigt eine große Anzahl von Ansiedelungen 4000 Meter. 
Jenseits der Firngrenze gibt es nur Hospize und in 
neuester Zeit Observatorien: Mt. Lincoln und Pikes Peak im 



Die unbewohnten Höhen. 115 

Felsengebirge 4360 und 4310 Meter, Sonnblick 3090, Pic du 
Midi 2870 Meter sind jetzt die höchsten bewohnten Punkte 
in Nordamerika und Europa. Am Kilimandscharo liegen 
andererseits unter 3° s. Br. keine Wohnplätze höher als 
1400, trotzdem der Urwald bis 2700, Gras, Vegetation 
und Tierleben bis gegen 4000 Meter reichen, während im 
skandinavischen Norden eine bewohnte Stätte, Littlaas, 
noch bei 1178 Meter und auf dem tibetanischen Hochland 
ein Bergwerksort, Thok Dschalung (32° 10' n. Br.) in fast 
5000 Meter Meereshöhe gefunden wird. Diese Goldfelder 
in 16 330 e. F. werden auch im Winter bearbeitet von 
Tibetanern, die ca. 600 in Erdlöchern geschützte Zelte 
bewohnen, mit Dünger heizen und geschmolzenes Eis 
trinken 15 ). 

In den Alpen fällt im allgemeinen die Grenze der 
dauernden menschlichen Wohnstätten mit derjenigen des 
Getreidebaues zusammen. Vereinzelte Bauernhöfe, Ho- 
spize, Gast- und Schutzhäuser, hauptsächlich aber Berg- 
werksorte gehen höher hinauf; in den Zentralalpen liegt 
die höchste Wohnstätte, die Cantoniera am Stidabhang 
des Stilfser Jochs, in 2538 Meter, während das höchstgele- 
gene Dorf S. V6ran in den Cottischen Alpen über die 
Höhe von 2010 bis 2061 Meter zerstreut ist. In vielen Teilen 
der Alpen erreichen die Wohnstätten diese Höhe nicht 
mehr. Im Wendelsteingebiet liegen die höchsten Höfe 
am Riesenberg bei Brannenburg in 1120 Meter Höhe und 
die letzten Häusergruppen imlllerthal passiert man bei 1142 
(Einödsbach) und 1071 Meter (Spielmannsau). Aehnlich 
hoch liegen auch in anderen Thälern der Kalkalpen die 
höchsten Häusergruppen : Gerstruben im Illergebiet 1150, 
Nesselwängle im Thannheimerthal 1134, Hinterriß im 
Rißthal 943, während die höchstgelegenen Dörfchen im 
Vorarlberg einige 100 m höher gelegen sind: Mittelberg 
1212, Schrecken 1260, Lechleiten 1539, Hochkrumbach 
1641 Meter und endlich Bürstegg, das höchstgelegene Dorf 
Vorarlbergs, welches 1715 Meter hoch im oberen Lechthal 
an südwärts schauender Berghalde liegt. Die höchstge- 
legenen Seelsorgedörfer Tirols sind Gurgl 1901 , Vent 
1867, Kolfuschg 1682, Pfelders 1622 Meter. Ueberhaupt 



11(5 Die Alp Wirtschaft. 

liegen 22 Pfarrdörfer über 1500 Meter, und von ihnen ge- 
hören 9 zu Nordtirol. Es wohnt 1,3 °/o der Bevölkerung 
jenseits dieser Höhenlinie. Geht auch die Masse der Be- 
völkerung am Südabhang der Alpen höher als am Nord- 
abhang, so gilt das doch nicht von den höchstgelegenen 
Siedelungen, in deren Verbreitung auch andere als kli- 
matische Ursachen wirksam sind. In Kärnten hat der 
Bergbau noch höhere Siedelungen veranlaßt (Knappen- 
haus am Sonnblick 2341 Meter). Die höchsten Siede- 
lungen haben auch in unseren Mittelgebirgen bezeichnen- 
derweise mit dem Ackerbau nichts zu thun. Es sind 
Industriestädtchen, wie Gottesgab im böhmischen Erzge- 
birge (1027 Meter), Oberwiesenthal im sächsischen Erz- 
gebirge (913 Meter) mit 1894 Einwohnern, zugleich die 
höchste Stadt des Deutschen Reichs 16 ). 

In allen höheren Gebirgen der alten Welt hat sich 
ein besonderes Wirtschaftssystem entwickelt, welches sich 
an die natürlichen, jenseits des Waldgürtels gelegenen 
Alpen wiesen anlehnt, um diese für eine erweiterte Vieh- 
zucht auszubeuten. Damit ist vorübergehende und teil- 
weise auch dauernde Bewohnung in Regionen vorge- 
schoben, in welchen der Ackerbau nichts mehr zu suchen 
hat. Diese Bewirtschaftung der Gebirge nimmt große 
Flächen ein, in der Schweiz 3080000 Jucharte = 1 100000 
Hektaren 17 ), in Tirol 689 786 Hektaren = 34°/o des Bo- 
dens, im Lechthal sogar 45°/o 18 ). Indem sie rückwärts 
in den Wald eingriff und ihn in großer Ausdehnung 
in künstliche Wiesen verwandelt hat, findet diese Alp- 
wirtschaft ihren Sitz naturgemäß am häufigsten hart 
über und unter der Waldgrenze. Ueber 2 /s der Alpen 
der Schweiz liegen zwischen 1000 und 2000 Meter und 
verhältnismäßig am stärksten ist der Gürtel von 1100 bis 
1300 Meter besetzt. Die 3,2 °/o, die oberhalb 2300 Meter 
liegen, gehören fast alle den südlichen Kantonen Wallis, 
Graubünden und Tessin an. Ebenso liegt von den Ty- 
roler Alpen die große Mehrzahl unter 2000 Meter und 
nur im Eisack-, Etsch- und Pusterthal finden wir eine 
größere Zahl noch über 2200 Meter. 

Wo diese Methode der Bewirtschaftung nicht Platz 



Ackerbaugrenze. Sommerdörfer. \Y] 

gegriffen hat, da sind die Gebirge tief herab unbewohnt, 
werden höchstens von Jägern gelegentlich besucht. Selbst 
daß Italien eine verhältnismäßig so geringe Höhenbevöl- 
kerung im Apennin und den Alpen (0,3 der Gesamtbe- 
völkerung jenseits 1700 m) aufweist, hängt mit der ge- 
ringeren Entwickelung des Graswuchses in südlichen Ge- 
birgen zusammen. Auch der trockenere Südabhang der 
Pyrenäen ist weniger besiedelt, als der Nordabhang. Das 
ist der Gegensatz von West- und Ost-Uguha. Kilima- 
ndscharo und Kamerunberg sind jenseits der Ackerbau- 
zone unbewohnt. Nur Reste eines Jagdfeuers fand Hans 
Meyer dort in 4700 Meter. Die herrlichen Alpenwiesen der 
kalifornischen Sierra Nevada sind in der voreuropäischen 
Zeit ungenutzt gewesen. Die schmerzlichen Opfer, welche 
die Erforschung der neuseeländischen Südalpen forderte 
(Whitcombe, Howitt und Genossen), waren mit durch die 
vollkommene Menschenleere dieser Gebirge bedingt 19 ). 
Dagegen zeigt Vorderasien vom Taurus bis zum Pamir 
das System der Sommerdörfer, von denen eine ganze 
Anzahl jenseits 2000 m liegt, dieselben entsprechen den 
Gruppen von Alphütten, wie wir sie z. B. auf der Seisser 
Alpe am Schiern finden. Im Winter ziehen ihre Be- 
wohner mit den Herden in wärmere Striche hinab. Ganz 
wie bei uns liegen auch im zentralen Himalaya diese 
Alpen oder Sommerweiden bis zur doppelten Höhe der 
höchsten Wohnorte. Durch diese letzteren führten Dechys 
Wege in Sikkini bei 2300 Meter (letzte bewohnte Stätte 
Joksung), die Sommerweiden überschritt er bei 4500 Meter, 
die selten begangenen Schneepässe bei 5800 Meter. 

In der Lage und Gestalt der Gebirge liegt die Form 
und Ausdehnung der leeren Flecken begründet, welche 
ihre höchsten Teile einnehmen. Ein vielgegliedertes 
Gebirge wie die Alpen zeigt leere Flecken von viel- 
buchtiger, unregelmäßiger Gestalt (s. u. Fig. 7), wogegen 
breitrückige Gebirge leere Flecken von entsprechendem, ein- 
facherem Umriß aufweisen. Jene sind dem Verkehre, der 
Besiedelung und der Ausnützung der Gebirgsländer gün- 
stiger als diese. Nahe bei einander liegende Gebirge weichen 
in dieser Beziehung weit voneinander ab, in den Oetz- 



118 Leere Küsten. 

thaler Alpen liegen 73,2, in den Stubaier 63,7, in den Ziller- 
thaler 52, in den östlichen Tauern 51,3 °/o der Oberfläche 
über 1900 Meter. Ebenso verschieden ist auf der anderen 
Seite das Areal der tiefer gelegenen, dauernder Be Woh- 
nung und dem Ackerbau zugänglichen Strecke. In den 
Oetzthaler Alpen beträgt die über 1250 m liegende Fläche 
9,5, in den Zillerthaler 19,2 °/o. 

Leere Küsten. Küsten sind unbewohnbar, soweit die 
Wirkungen der Gezeiten, der Brandung, der den Dünen- 
sand verwehenden Winde reichen. Viele 1000 Quadrat- 
meilen sind als Gezeitenland unbewohnbar. Sogar im 
Meerbusen von Bengalen liegen 700 Quadratmeilen 
Flutland, das nicht bewohnbar ist, unter der indischen 
Sonne 20 ). Der unsichere Boden, die Fieberdünste, endlich 
die Mangrove- und Pandanusdickichte machen die nassen 
Ufer weithin in den Tropen unbewohnbar. Fast men- 
schenleer ist die weite Küstenstrecke Westafrikas vom 
Kap Bojador bis zum Senegal und dann wieder vom Cu- 
nenä bis südlich vom Oranje. Die Westküste des Golfes 
von Suez und deren Verlängerung bis Kosseir kann als 
unbewohnt bezeichnet werden. Ein durchschnittlich */ 2 g- 
M. breiter Strand von Korallriffen und -sand bildet 
eine wasserlose, von lebenden Wesen fast ganz ge- 
miedene Region. Pizarro fand an der Nordwestküste 
Südamerikas weite unbewohnte Strecken, von denen 
manche mit Urwald bedeckt, andere von Rohrwäldern 
umsäumt waren. Er stieß, von Panama kommend, auf 
größere Zahlen der Eingeborenen erst bei 7 ° s. Br. 
Weiter im Süden saßen bis nach Araukanien hin die Be- 
wohner in seltenen, weitzerstreuten, kleinen Gruppen. 
Ganz unbewohnt war natürlich Atacama und das nörd- 
liche Chile. Spärlich sind die bewohnten Punkte der Eis- 
meerküste. Schon die Strecke der murmanischen Küste 
vom Kolafjord bis Ponoi ist außer der Fischzeit des 
Frühjahrs und Sommers unbewohnt. 

Diese weiten unbewohnten Länder liegen neben Ge- 
bieten dichter Bevölkerung, die an das Meer herandrängt 
und doch nicht unmittelbar mit demselben sich vereinigen 



Die Bevölkerung am Meeresrand. H9 

kann. Selbst in einem im ganzen so dicht bevölkerten 
Lande wie Holland wechseln menschenleere Heiden und 
Dünen mit den von Menschen wimmelnden Marschlän- 
dern, wo alles vom Menschen geordnet und gehalten und 
eigentlich jedem Tropfen Wasser sein Weg gewiesen ist. 
Wie im großen auf der Erde liegen hier die Kontraste 
hart nebeneinander in dem kleinen Gebiete. Anbauland 
und Dünenland sondern sich scharf. Man geht in jenem 
durch blumenreiche Gärten schwarzer Erde, die durch 
Wassergräben geschieden sind, da bildet das eine Ende 
ein Wassergraben, das andere die Düne, von welcher 
gelber Sand über die dunklere Erde sich ausgestreut hat. 
Noch ein Schritt und man steht im grauen Sandgras, 
dessen Büschel mit hartem Klang im Winde schwanken. 
Wo dichte Bevölkerungen sich an das unbewohnbare 
Meer herandrängen, sehen sie sich gezwungen, ihrem 
Hunger nach Land Einhalt zu thun und einen unbe- 
wohnten Strich, sei es Dünen- oder Wattenland, zwischen 
sich und dem Meere nicht nur zu belassen, sondern sorg- 
fältig zu erhalten, um diesem kein Thor ins tiefliegende 
Land zu öffnen. Die Kunst, aus Dünen und Heiden 
Kulturland zu schaffen, ist in Holland so weit gediehen, 
daß sie leicht noch tiefer, als sie es schon gethan, in 
den Dünengürtel, z. B. von Haarlem, vordringen könnte, 
wenn dieser nicht als Wall gegen die See erhalten wer- 
den müßte. 

Jede Küste und jede Insel im offenen, von Gezeiten 
bewegten Meere ist nur die Hälfte jeden Tages Land, 
die andere Meer. Dieses amphibische Land — zweimal 
schwillt hier der ungeheuere Ozean binnen Tag und Nacht 
auf, überflutet einen unermeßlichen Landstrich und fließt 
wieder ab. Bei diesem ewigen Kampf der Natur weiß 
man nicht, ob man diese Gegend für Land oder Meer 
halten soll (Plinius) — umgibt wie ein Hof jede unserer 
nordfriesischen Inseln, die jeden Tag mit Ebbe und Flut 
zweimal wächst und zweimal einschrumpft. Von Föhr aus, 
dessen Flächenraum 72,5 Quadratkilometer ohne Außen- 
deichsland und 82 mit demselben beträgt, sieht man aus 
Mangel hoher Dünenhügel eigentlich nirgends dasoffeneMeer, 



120 Küstenschutz und Landgewinn. 

sondern nur diese Wattenlandschaft, die auch amphibisch 
insofern, als sie, ungleich dem überall gleichen Meere, 
eine große Zahl benannter Orte umschließt. In den 
Watten tragen Höhen und Thäler ihre Namen und die 
Wattenströme kennt der Schiffer, der sein Fahrzeug 
durchsteuern will, genau. Es gibt auch historische Na- 
men der Stätten, wo Dörfer standen uad Fluren lagen. 

In Küstentiefländern, wo Land und Meer sich in- 
einanderdrängen, nimmt das Streben nach Schutz und 
Landgewinn einen großen Teil der Kulturarbeit in An- 
spruch. Es ist ein unaufhörliches Ringen mit dem Meere, 
das ebenso erstaunlich durch seine Geduld — das ganze 
15. Jahrhundert hat an dem 1492 fertiggestellten ersten, 
3 Meilen langen Föhrer Deich gearbeitet — wie durch 
seine Kühnheit, und das eine ganze, höchst belebte Ge- 
schichte hat. Die primitive Eindeichung hat durch Zu- 
sammendrängung der Wassermasse und schwache Anlage 
(Sommerdämme) dem zu schützenden Lande mehr ge- 
schadet als genutzt. Es mußte der Wasserbau eine 
Wissenschaft werden, um zuverlässige Schutzwehren für 
die Dauer zu schaffen. Erst wird durch Schutzbauten 
die vorhandene Grenze gesichert, dann wird das Meer 
durch Eindeichungen zurückgedrängt und zuletzt folgt 
die Austrocknung abgeschlossener Meeresteile. Jenes erste 
Bestreben bildete die Schule der Notwendigkeit für alles 
Spätere. Der Schutz tritt dann mit der Zeit zurück, der 
Landgewinn und die Erwerbung anderer Vorteile werden 
die Hauptsache. Man schafft neues Land, schließt Inseln 
ans Festland an — an der Landfestmachung Amelands 
wird in den Niederlanden seit Jahren gearbeitet und in 
der Verbindung Föhrs mit Amrum durch einen dem 
Insellande reichlichere Ablagerungen zuführenden Schutz- 
damm liegt für viele die Gewähr einer schöneren Zu- 
kunft der nordfriesischen Inseln — , gräbt Kanäle an der 
Stelle von Untiefen, macht das Binnenland zugänglicher 
und wandelt eine Salzwasserbucht in ein Reservoir von 
Süßwasser um, das zur Bewässerung tauglich ist. Man 
diskutiert gar nicht weiter die Ausführbarkeit eines 
Planes, wie er 1877 für die Abdämmung des südlichen 



Der Kampf mit der Brandung. 121 

Teiles der Zuydersee durch einen 6 Meilen langen Damm 
von Enkhuizen bis Kampen aufgestellt wurde. Man 
nimmt die Ausführbarkeit nach allen Erfahrungen als 
sicher an. Der Yssel das Bett wiederzugeben, das sie 
vor der Bildung der Zuydersee gehabt hat, sieht man als 
etwas Leichtes an. Daß der Verkehr der Zuyderseeplätze 
geschädigt werde, läßt man nicht gelten, da die ohnehin 
meist nicht guten Häfen von Harlingen u. s. w. durch 
Kanäle ersetzt werden sollen. 

Der Kampf mit der Natur tritt nirgends in so 
schroffer Form uns entgegen wie an den Küsten. Wir 
kennen die Verwüstungen der Sturmfluten an der deut- 
schen und niederländischen Nordseeküste, wo diese Ele- 
mentargewalten durchschnittlich alle 5 — 6 Jahre die Festig- 
keit menschlicher Werke prüfen und derselben gegenüber 
immer wieder einmal ihre Ueberlegenheit beweisen. Sie 
verschlingen keine Provinzen mehr wie im frühen Mittel- 
alter, aber sie zerreißen gelegentlich eine Insel oder Halb- 
insel. Ganz anders sind die Wirkungen in Ländern, wo 
man keine Schutzbauten, nicht einmal Vorsicht oder 
Wachsamkeit kennt. Im Stillen Ozean wirken die Or- 
kane durch das Mittel der Sturmfluten verwüstend ge- 
rade auf die bewohntesten tieferen Küstenstrecken der 
Inseln. Ein Orkan, wie der vom Januar 1864, forderte 
in Samoa so große Opfer an Menschenleben, daß man 
vorraussetzen darf, er habe auf kleineren Inseln den 
größten Teil der Bevölkerung vernichtet. Nun denke 
man erst an die gefährdete Lage der Eskimos, die we- 
sentlich vom Meere leben, ihre Wohnstätten an dasselbe 
heranschieben und hinter sich ödes Ufer und Eis haben ! 

Das Land wird in Bewegung gesetzt, welche es 
entweder, wie in der Zuydersee und im Dollart, auf den 
Meeresgrund führt oder es im horizontalen Sinne ver- 
schiebt, wie Föhr, das seit 200 Jahren in Größe und 
Gestalt wesentlich dieselbe geblieben ist, sich aber von 
Südwesten nach Nordosten verschoben hat. Das Meer ist 
das Bewegende und durch seine Kraft Vorherrschende. 
Die Macht, von der die Inseln im tiefsten Sinne ab- 
hängig sind, ist das Meer, das sie wachsen oder zurück- 



122 Neue Küsten. 

gehen läßt, auch ihr Klima bedingt und ihnen selbst die 
Keime ihrer ersten Lebewesen zuträgt. Der Strandver- 
schiebungen bemächtigte sich die Volkssage, welche die 
Meereskanäle zwischen den Inseln auf einem hineinge- 
legten Pferdeschädel überschreiten, auf weißem Rosse 
überreiten läßt u. dgl. Für die Friesen hing einst die 
ganze östliche Inselreihe von Helgoland bis Amrum zu- 
sammen. Der gleichen Leichtigkeit in der Annahme von 
Landentstehen und -vergehen begegnen wir bei den Poly- 
nesiern. Es ist ein Spiegel des Wechsels der Insel- und 
Küstengestalten unter ihren Augen und eine andere Form 
(s. o. S. 48) des Hereinspielens des überall sichtbaren 
Flüssigen in den Horizont der Menschen. 

An den Rändern des Weltmeeres und durch dasselbe 
hin zerstreut liegen als neue Küsten und jugendliche 
Inseln die erst im Werden begriffenen, noch nicht mit 
Pflanzenwuchs bekleideten Länder, deren unvermittelter, 
unorganischer Boden dem Menschen nichts als Stein 
bietet und den noch oft genug die Wellen überspülen. 
Von den Koralleninseln der Südsee sagt Dana: Der ge- 
ringe Betrag bewohnbaren Landes ist eine hervortretende 
Eigenschaft dieser Riffinseln. Fast ihre ganze Oberfläche 
ist Wasser und das Land rings um die Lagune ist nur 
ein schmaler Streif, dessen größerer Teil bei Hochflut 
unter Wasser zu stehen pflegt* 1 ). Dana bringt eine Liste 
größerer Koralleninseln aus der Paumotu-, Kingsmill- 
und Uniongruppe, wobei sich ergibt, daß durchschnittlich 
nur V 24 d er Oberfläche trockenes, wahrhaft bewohnbares 
Land ist. In den Pescadores beziffert er diesen Betrag auf 
nur Vsoo. Das unbewohnte Drittel der 225 Fidschiinseln 
umschließt fast nur Koralleneilande. Eine andere Gattung 
unbewohnbarer Inseln liegt in den kälteren Erdgürteln, 
wo auch auf hoher, dem Wellenschlage entrückter Unter- 
lage die Bildung eines Pflanzenbodens nur unter beson- 
ders günstigen Umständen möglich ist. Daher die Felsen- 
inseln in so großer Menge: 17 unbewohnte in der aus 
22 bestehenden Färöergruppe, nur 50 bewohnte in der 
mehrere Hundert umfassenden Aland-Gruppe, 1000 un- 
bewohnte unter den 1211 größeren Inseln der norwegi- 



Oede Inseln. — Der Wald. 123 

sehen Küste. Eine dritte Gruppe kann jene jungen vul- 
kanischen Inseln vereinigen, die noch nicht zur vollen 
Reife, zur vollen Lebensempfänglichkeit des Bodens 
herangediehen sind, oder deren fortdauernde Erschütte- 
rung durch vulkanische Kräfte die Menschen am Fuß- 
fassen verhindert oder sie vertreibt. Doppelt ungünstig 
sind natürlich vulkanische Gebiete im hohen Norden, wo 
dieselbe Lava, welche in der Sundastraße nach 5 Jahren 
sich begrünte, nach Jahrtausenden noch wesentlich nackter 
Fels ist. Islands Lavafelder sind, abgesehen von den 
Thermengebieten , ebenso menschenfeindlich wie seine 
Firnfelder. Unbewohnt ist das 100 Quadratmeilen große 
Lavagebiet zwischen Vatna Jökull und Myvatn, ebenso 
wie jener längste Lavastrom der Erde, der 18 Meilen 
vom Sjaldbreit sich hindehnt. Eines der neueren Bei- 
spiele einer durch vulkanische Thätigkeit unbewohnbar 
gemachten Insel bietet die Insel Makjan bei Halmahera, 
die 1861 durch den Ausbruch ihres Vulkans so verwüstet 
ward, daß die Bevölkerung, welche noch am Leben ge- 
blieben war, dieselbe verließ 22 ). 

Wald. Noch mehr schwindet der bewohnbare Raum 
zusammen, wenn man auch die Flächen abzieht, deren 
Vegetationsdecke den Anbau, die Bewohnung, ja oft selbst 
schon die Durchwanderung ausschließt. Es gibt Busch- 
steppen, die fast undurchdringlich sind und besonders 
der Scrub Australiens ist an vielen Stellen ein ebenso 
großes Hindernis des Verkehrs wie ein Urwald. Aber 
die Wälder bieten unter diesen Bildungen das anziehendste 
Problem, weil sie zuerst große Hindernisse entgegen- 
stellen, um dann einen Boden darzubieten, der zu den 
besten Kulturböden gehört. In der Waldregion der Alten 
und Neuen Welt ist Urbarmachung fast gleichbedeutend 
mit Entwaldung. Aeltere Kulturländer sind hier wald- 
ärmer als jüngere. Europa zeigt mit 18 °/o Waldboden 
die verhältnismäßige Jugend seiner Geschichte an. Groß- 
britannien mit 4, Deutschland mit 26, Rußland mit 37, 
Schweden mit 39 °/<> Wald zeigen Abstufungen des Kultur- 
alters und der Bevölkerungsdichtigkeit an. In Nord- 



124 Verdrängung des Waldes und seiner Bewohner. 

amerika nehmen die alten Staaten Massachusetts, Rhode 
Island, Connecticut, New York und New Jersey die meist 
entwaldeten Gebiete des Waldlandes ein, das einst durch- 
aus so dünn bevölkert war, wie das jetzt auf 45 °/o 
Wald reduzierte Maine, welches als echtes Waldland seine 
Bewohnerzahl am langsamsten von allen östlichen Staaten 
vermehrt hat 23 ). Die Zurückdrängung der Indianer ist be- 
zeichnenderweise in diesen Gebieten parallel mit der Vernich- 
tung großer Wälder gegangen. In den östlichen Vereinigten 
Staaten haben sie sich am längsten im waldreichen Maine 
gehalten. Jetzt sind sie fast überall in die Steppe hinaus- 
geschoben (s. u. 10. Abschnitt). Die gleiche Erscheinung im 
Süden des Erdteils. Der patagonische Urwald ist von 35 ° 
s. Br., wo seine Reste die Abhänge der Anden bekleiden, 
bis südlich von 37 ° s. Br. zurückgedrängt und ebensoweit 
haben die Chilenen die Araukaner zurückgeschoben. Die 
deutschen Kolonien zwischen 40 und 42 ° bei Valdivia 
und am See von Llanicuhe sind Kulturoasen im Urwald, 
die denselben Prozeß vorbereiten. So treten wir in den 
Schatten alter Wälder ein, die längst vergangen sind, 
wenn wir bis zur ältesten Geschichte unserer eigenen 
Heimat vordringen, die bis auf den heutigen Tag im 
Besitz ihrer weiten und dichten Wälder eine jüngere 
Geschichte bezeugt als alle west- und südeuropäischen 
Länder 24 ). 

In Europa gab es einst ebenso ausgedehnte Wald- 
strecken, wie im Nordamerika des 16!. Jahrhunderts, deren 
erste Besiedelung noch in die Helle des geschichtlichen 
Tages fällt. In den Ortsnamen wimmelt es von Belegen 
für die Neugründuug von Ansiedelungen auf frischge- 
rodetem Waldboden. Die Reutte, Rüti, Lohe, Grün u. s. w. 
gehen großenteils auf die erste Lichtung der großen Ur- 
wälder Germaniens zurück; diese Arbeit zog sich aber 
durch Jahrhunderte und so sind Leopolds-, Auersberg- 
reut, Bischofsreut im bayrischen Wald jüngere Ort- 
schaften bischöflich passauischer Gründung. In allen 
unseren Waldgebirgen sind einzelne Ortschaften aus 
Köhler- und Holzschlägeransiedelungen noch im vorigen 
Jahrhundert entstanden. Im Altvatergebirge nennt Paul 



Die Bewobntbeit des Waldes. 



12* 



Lehmann die im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts 
entstandenen Waidenburg, Aloisdorf, Franzensthal, Kotzia- 
nau, Philippsthal, Schwagersdorf, Sensenzipfel, Freiheits- 
berg S5 ). In Amerika haben die Hinterwäldler die Kultur- 
arbeit der Wald Vernichtung wiederholt. Aber hier wie 
dort ist nicht an eine vollständige ursprüngliche Menschen- 
leere zu denken. Die Wälder sind keine Wüsten. Wenn 
die gründliche Lichtung eines Waldes eine Arbeit voraus- 
setzt, der weder die Ener- 
gie noch die Werkzeuge TT 7 , 
der sogen. Naturvölker 
gewachsen sind, so hin- 
dert das nicht beschränkte 
Lichtungen, die z. B. in 
Zentral afrika keinem noch 
so dichten Urwald fehlen 
und in Fidschi Klagen 

über Wald Verwüstung 
hervorriefen. Jäger und 
Fallensteller durchziehen 
selbst die dichtesten Wäl- 
derSibiriens. Esistwich- 
tig für die Auffassung 

der Urgeschichte der 
Waldländer , in denen 
heute die wichtigsten Kul- 
turgebiete sich ausbreiten, 
daß man in denselben 
nicht menschenfeindliche 
Wüsten sehe. Man muß 
sich erinnern, daß der 
Wald auch Schutz und 
Nahrung gewährt und daß es Völker gibt, welche recht 
eigentlich Waldbewohner, d. h. im Walde Eingewohnte 
und -gewöhnte sind: Die nördlichen Indianer stamme Nord- 
amerikas gehen im allgemeinen nicht über die Waldgrenze 
hinaus. Besonders die üdschibwäh wagten sich selten west- 
wärts aus ihren Wäldern in die grossen Ebenen, um Büffel zu 
jagen, und sind früh als Waldindianer bezeichnet worden, 




12(5 Die Lücken des Waldes. 

Der Waldwuchs überzieht nirgends ganz lückenlos 
ganze Länder. Flüsse, Seen, Heiden erzeugen Lichtungen 
und arbeiten damit der Kultur vor. Auf die sehr be- 
merkenswerte Thätigkeit der Biber in der Lichtung der 
Wälder hat Credner hingewiesen. Auch an baumtötende 
Insekten und endlich an Waldbrände, durch Blitz ent- 
zündet, ist zu denken 26 ). Daß diese Lichtungen z. B. im 
alten Deutschland zur Römerzeit schon ausgedehnt gewesen 
sein müssen, beweist die charakterisierende Benennung der 
Gebirge als Sylva hercynica, Odenwald, Ardennerwald 
u. dergl. Es lagen waldlose Strecken zwischen ihnen. Das 
deutsche Wort „Im Freien L spricht wohl auch den Gegen- 
satz des Lichten, Luftigen zum Waldesdunkel aus. Die 
„Patana", jene ungemein scharf abgegrenzten Grasflächen der 
Urwälder Ceylons, die im Gebirge am häufigsten, doch bis 
600 Meter abwärts gefunden werden und die Ausgangs- 
punkte der großartigen von hier aufwärts wandernden 
Waldverwüstung durch Anlage von Kaffeepflanzungen 
gebildet; haben, gehören wohl auch zu diesen natürlichen 
Lichtungen 27 ). 

Es ist ein gewöhnlicher Fehler der Historiker, daß sie sich 
die Wälder, in welche in Mitteleuropa die Kultur urbarmachend 
eindrang, als weite, menschenleere, überall gleiche Waldöden vor- 
stellen. Alle unsere Waldgebirge sollen bis ins frühe Mittelalter 
unbewohnt gewesen sein. Allzu wörtlich nimmt man die Ausdrücke 
unbewohnbare, schauerliche Wildnis, Drachen lager(cubile draconum) 
und ähnliche, von denen der bayerische Geschichtsforscher v. Koch- 
Sternfeld einmal sagt, sie kämen ihm wie Formeln oder Typen 
vor, die in den Nachrichten von Klosterstiftungen wiederkehren. 
Fast mit gleichen Worten wird z. ß. in der Geschichte der Grün- 
dung von Berchtesgaden, von Bayerisch-Zell und von Dietramszell 
der Waldwüste gedacht. Wir haben früher für das oberste Mang- 
fallgebiet, wo Bayeri8ch-Zell liegt, die Unwahrscheinlichkeit nach- 
zuweisen gesucht, daß nicht schon in römischer und keltischer Zeit 
die Wälder um den Wendelstein bewohnt gewesen seien 28 ). Wir 
erlauben uns, einige Sätze aus jener Darstellung hier anzuführen: 
„Der Ausdruck Wildnis, dem man in der Geschichte der Besiede- 
lung der Alpen öfters begegnet, wird leicht mißverstanden. Es 
ist nicht anzunehmen, daß in einem Gebiet, um welches rings- 
herum seit Jahrhunderten die Kultur geblüht und gewirkt, sich 
eine vollkommen menschenfeindliche Wildnis erhalten habe. Waren 
Petersberg, Mons Madrona und vielleicht auch Mons Orilanus (Oerl- 
berg neben dem Kranzhorn am rechten Innufer) früh mit Christ- 



Die Waldwüsten der Geschichtschreiber. 127 

liehen Niederlassungen besetzt, dann blieb das Wendelsteingebiet 
auch kein ganz verschlossenes, unbekanntes Hinterland. Wildnis 
drückte aber damals wie heute die Empfindung aus, die ein Beur- 
teiler gegenüber einem Zustand der Natur hegte, welcher seiner Vor- 
stellung von Kultur entgegenstand. Ebendeshalb kann dem Worte 
kein zu großes Gewicht, vorzüglich nicht das Gewicht einer objek- 
tiven Schilderung beigelegt werden. Wer heute von den sonnigen 
Hängen Brannenburgs , der Kronberghöhe und des Margareten- 
kirchleins in das brausende Thal des „Schwarzen Ursprungs" ein- 
tritt, den umfängt auch ein Gefühl der Wildnis, das alle Weg- 
bauten nicht mildern, und am stärksten ist dasselbe vielleicht gerade 
dort, wo in den Köhlerhütten vor dem Alpaufstieg die Zeichen 
der Kulturzugehörigkeit sich noch einmal recht deutlich geltend 
machen." Es sind im Mittelalter viele Klöster aus dem Gebirge 
thalauswärts verlegt worden, weil die Mönche die Natur zu rauh 
und zu arm fanden, so aus Bayerisch-Zell nach Fischbachau, aus 
Scharnitz (einst wichtige römische Straßenstation!) nach Schleh- 
dorf. Die Motivierungen klingen stark an das draconum cubile der 
Berchtesgadener an und sind manchmal als Uebertreibungen zu er- 
kennen. Auch die Waldgebirge Deutschlands verlieren vor der ein- 
dringenden Forschung den schauerlichen Reiz des Wüstenhaften, 
mit dem die landläufige Vorstellung sie ohne allen ernsten Grund 
lange umkleidet hat. Die Chronisten haben hier die Städte, wie 
ihre südbayerischen Genossen die Klöster, mit Vorliebe in Wald- 
öden entstehen lassen. Die Ortsnamen zeigen aber in den Alpen 
romanische und im Erzgebirge slavische Siedelungen in Höhen, 
die mitten in der „Magna ailva Miriquido dieta" liegen mußten. 
Der interessante Versuch von Heinrich Schurtz, Reste der germani- 
schen vorslavischen Besiedelung in dem alten Namen des Erzge- 
birges Fergunna und in Ortsnamen nachzuweisen, welche von 
Kultusstätten des slavischen Donnergottes Perun herrühren 29 ), weist 
den menschenleeren Wald ebenso zurück, wie früher Kirchhoff für 
den Thüringerwald gethan 30 ). Auch für den Spessart ist man 
jetzt bereit alte Bewohnung, den Hochspessart ausgenommen, vor- 
auszusetzen. 

Die Verteilung der Bevölkerung im Walde 
hängt von der Kulturstufe und der durch diese gebotenen 
Lebensweise ab. Die Bevölkerung ist sehr dünn, mit 
am dünnsten, wo sie zum Zweck der Jagd, des Beeren-, 
Honig- und Wurzelsuchens sich im Wald zerstreut. Im 
nördlichsten Asien und Nordamerika, in der Hylaea Süd- 
amerikas und den großen Waldungen des äquatorialen 
Afrika sind die kleinen Siedelungen der Waldbewohner 
fünf Meilen und mehr voneinander entfernt. Oft mögen 
da die Fäden des Verkehres abreißen, durch welche sie 
verknüpft sind und einzelne Gruppen von Siedlern wie 



128 Verteilung der Menschen im Wald. 

auf Inseln im grünen Meere leben. Breite Waldstrecken 
werden absichtlich unbewohnt erhalten (s. u.). Der Ver- 
kehr sucht die Wasserwege auf und an diesen liegen 
die Siedelungen verhältnismäßig dicht, während den Wald 
nur Jagdpfade durchziehen. Es sind nicht bloß kleine 
Jägerstämme, die zerstreut im Walde wohnen; in allen 
Zonen gibt es eine besondere Art. von Ackerbau, der von 
dünner Bevölkerung im Walde betrieben wird und an den 
Wald sich anlehnt. Mit ihm geht eine entsprechende Ver- 
breitung der Waldbewohner und -vernichter auf Lichtungen 
einher, welche im Walde zerstreut sind und verlassen wer- 
den, wenn ihre Fruchtbarkeit erschöpft ist. Das ist das Leben 
nicht bloß der Watwa und Akka, sondern auch einzelner 
Negerstämme im zentralafrikanischen Wald, das Leben der 
Veddah in Ceylon, waldbewohnender Bergstämme in Vor- 
der- und Hinterindien. Aehnlich trieben viele Stämme 
Nord- und Südamerikas ihren Ackerbau im Wald. Aber 
dieser zerstreute, schwache und mühselige Feldbau der 
Waldbewohner genügt nicht zur Lebenserhaltung. Wur- 
zeln und Früchte müssen mit herangezogen werden. 
Das ist selbst dort nicht besser, wo der Reisbau seine 
reichen Ernten gibt, wie bei den Bannar des großen 
Grenzwaldes zwischen Siam und Annam, deren 25 000 See- 
len auf einem Raum von 15 — 20 Meilen Durchmesser 
wohnen 31 ). Auch die Aino gehören zu diesen Waldacker- 
bauern, denn 4 /ö von Jesso sind noch Wald 32 ). Aber sie 
sind zugleich große Jäger; man hat die Zahl der jährlich 
in Jesso erlegten Bären auf 50000 geschätzt. 

In den höheren Gebirgsteilen Europas, wo der Acker- 
bau wenig ertragreich geworden, findet nicht nur die 
Bodennutzung durch Forstwirtschaft die größte Ausdeh- 
nung, sondern hier schließt sich auch der Ackerbau noch 
inniger an den Wald an. Die Arbeit: des Holzfällens' 
und -fahrens oder -flößens ist vielfach in unseren Wald- 
gebirgen wichtiger als der Feldbau, der sie als Erwerbs- 
quelle in den langen Wintern ablöst. Eine eigentümliche 
Wirtschaftsart, bestimmt Streu und Weide zugleich zu 
liefern, sind die Birkenberge des Bayerischen Waldes, 
welche einen Ackerbau im Walde, aber in Verbindung mit 



Neuausbreitung des Waldes. 129 

Waldwirtschaft darstellen. Sie treiben die höchsten Aecker 
z. B. bei Bischof sreuth bis 1000—1100 Meter hinauf 3 a ). 
Die Reut- und Schälwälder des Schwarzwaldes gehören 
auch hierher. Die Waldfläche hat in diesen Gebirgen nie- 
mals ihr natürliches Vor- und Aelterrecht abgegeben, sie 
breitet sich sogar über Aecker und Wiesen wieder aus, wel- 
che ihr früher abgerungen worden waren. Wo die Wälder 
rein als Forste bewirtschaftet werden, halten sie die Siede- 
lungen möglichst weit von sich. Im Interesse der Jagd 
sind in den Alpen große Weidegebiete wieder in den 
früheren Zustand versetzt und selbst gegen vorüber- 
gehende Bewohnung abgeschlossen worden 34 ). Nicht nur 
in den Gebirgen, wo die Forstwirtschaft oft die einzige 
mögliche fruchtbringende Verwertung des Bodens bedeutet, 
sondern mitten in dichtbevölkerten Provinzen haben wir 
fast menschenleere Wälder. In Oberbayern kann man 
noch meilenweit im dichten Wald gehen, ohne mensch- 
liche Wohnstätten zu sehen. Der Weg von Reit im 
Winkel nach Seehaus führt durch eine ganz ursprüng- 
liche Einsamkeit. Der Gutsbezirk Oberförsterei Karls- 
walde im Kreise Sagan (Niederschlesien) besteht aus elf 
Wohnplätzen, nämlich einer Oberförsterei, acht Förstereien, 
einem Pechofen und einem Arbeiterhaus mit zusammen 
83 Einwohnern auf 200 Quadratkilometern 35 ). Seitdem 
man die Bedeutung des Waldes im Haushalte der Natur 
würdigen lernte, begann man selbst Gebiete zu bewalden, 
welche vorher öde gelegen waren; die Küstenstriche haben 
dabei besonders viel gewonnen. Im Karst sind in den 
letzten Jahren über eine Million Bäumchen im Jahre ge- 
pflanzt worden. Seit Guthe sein Buch „Die Lande Braun- 
schweig und Hannover" erscheinen ließ, sind die bewal- 
deten Flächen Ostfrieslands von 0,6 auf mehr als 2°/ 
des Areals gestiegen. Seit 1871 hat die Oberfläche des 
Departements Gironde 190 Quadratkilometer durch Wald- 
anpflanzung aus dem Dünengebiete gewonnen. Selbst 
Belgien hat den bis 1866 stetig verminderten Wald 
neuerdings wieder zunehmen sehen. Es ist an diesem 
Vorgange der künstlichen Bewaldung von biogeographi- 
schem Interesse zu sehen, wie die Wiederbewaldung den 

Ratzel, Anthropogeographie II. 9 



130 Waldreste. 

Weg zurückmacht, den die Entwaldung eingeschlagen. 
Sie beginnt an den Resten des Waldes in Thälern und 
Schluchten und steigt in ihrem Schutze in die Höhe. 
Oft muß sie den Humusboden, Rasen, Strauchwerk erst 
wieder schaffen, welcher verloren ging, als die Wurzeln 
der Bäume ihn nicht mehr umklammerten. 

In alten Kulturländern sind die Wälder zu Inseln 
zwischen Kulturflächen und Wohnstätten geworden. So 
ist in Mitteleuropa der Wald überall zerstückt; er bildet 
zusammenhängende Bestände von beträchtlicher Größe 
nur noch in den Gebirgen, in sumpfigen Tiefen (Spree- 
wald) und Flußniederungen, d. h. dort, wo er sich an 
natürliche Hindernisse einer dichten Ausbreitung des Men- 
schen anzulehnen vermag. Wo dichte Bewaldung mit 
dichter Bevölkerung zusammengeht, wie in der Pfalz, 
welche die dichteste Bevölkerung (6455) unter den baye- 
rischen Kreisen und dabei doch am meisten Wald (39 °/o 
gegen 34,4 in Gesamtbayern) aufweist, fallen bewaldete 
Bergländer ins Gewicht. Unterfranken verdankt sein Wald- 
areal von 38 °/o wesentlich dem Spessart, in welchem 
schon früh die Waldsiedelungen beschränkt wurden. 
Die Schweiz (20 °/o Waldboden), das Algäu (22 °/o) 
zeigen, wie selbst im Hochgebirge dort der Wald zurück- 
gedrängt ward, wo die Weide sich ausdehnen konnte, 
welche in beiden Gebieten durch Bodenart und -gestalt 
begünstigt ist. Die Lichtung schritt hier von oben, wo 
sie Alpenweiden schafft, und von unten, wo sie Ackerfelder 
lichtet, voran, so daß der Wald nur noch ein Band zwischen 
Alpe und Acker bleibt. Der Schwarzwald, der klimatisch 
und durch seine Bodenbeschaffenheit der Bewaldung sehr 
günstig, ist auf der badischen Seite doch nur zu 42 °/o be- 
waldet, am dichtesten im Kreis Baden, der 49, am dünnsten 
im Kreis Villingen mit seinen bevölkerten Hochflächen, 
der 31 °/o Waldland zählt. Im badischen Schwarzwaldgebiet 
stehen Wald- und Ackerbaufläche etwa gleichgroß neben- 
einander, in ganz Baden verhalten sie sich wie 1 : 1,5(3. 

In der Regel ist die Waldfläche kleiner, wo die Be- 
völkerung dichter, doch gilt dies selbstverständlich nur 
von Gebieten ähnlicher Boden- und Klimaverhältnisse, 



Die Waldlandschaft. 131 

z. B. kann Dalraatien, dessen Boden nur zu 16 °/o be- 
waldet und nur von 2000 Menschen auf der Quadratmeile 
bewohnt wird, nicht mit Niederösterreich verglichen wer- 
den, wo mit 32 °/o Waldfläche eine Dichtigkeit von 6500 
zusammengeht. Die einen urtümlichen Eindruck machen- 
den Wälder von großer Ausdehnung, in welchen die 
Kulturflächen wie Inseln liegen, können nicht dicht be- 
wohnt, aber diese Inseln können von dichten Bevölke- 
rungen bewohnt sein. Der nahezu 40 Quadratmeilen große 
Bezirk Kimpolung in der Bukowina ist zu 78,2 °/o Wald, 
das große Komitat Marmaros hat auf 176 Quadratmeilen 
110 Quadratmeilen Wald, d. i. 62%; dort wohnen 990, 
hier 1150 Menschen auf einer Quadratmeile; aber einige 
der dichtesten Bezirke Niederösterreichs wie Hernais und 
Sechshaus zeigen ihre städtisch dicht wohnenden Bevöl- 
kerungen in Gebieten von 37 und 55 °'o Waldfläche. 
Rumburg in Böhmen hat über 20000 auf der Quadrat- 
meile und 45,7 °/o Waldfläche. 

Das Bild eines deutschen Waldgebirges liegt heute 
weit ab von zusammenhängenden dunkeln, weglosen Wäl- 
dern, die Thal und Höhe mit wenig Lücken überziehen. 
Die breiteren Thäler alle sind hoch hinauf bebaut, reich 
an Ortschaften, die engeren Wiesenthäler haben durch 
Wiesenbau den Wald auf die Thalhänge gedrängt und 
in ihnen fehlen nie einige Häuser. Ueber den Wald- 
thälern liegen längs der oberen Hänge und auf den Hoch- 
ebenen blühende, ge werbreiche Ortschaften, Häusergruppen 
und zerstreute Höfe mit Gärten, Wiesen, Feldern, oder 
anch nur Reutfeldern und Weiden, in buntem Wechsel von 
Wald durchbrochen oder umrahmt. Es werden jenseits 
der höchsten Wälder die Moore ausgebeutet, und das 
Weideland zieht über die höchsten Kuppen weg. Die Be- 
waldung ist noch am stärksten, wo enge Thäler, steile 
Hänge, steiniger Boden, rauhe und abgeschlossene Lage 
die Urbarmachung an raschem Fortschreiten hemmten 36 ). 

Die Beschränkung des Waldes, welche im Interesse 
der Kultur liegt, artet leicht in einen Vertilgungskrieg 
aus, dessen Ziel die Entwaldung, die Vernichtung des 
Waldwuchses ist. Die Landschaft ganzer Länder und 



1 32 Entwaldung. 

der geschichtliche Boden ganzer Völker erfahren dadurch 
mächtige Umgestaltungen. Es schwinden mit dem Walde 
die ihm zugehörenden Funktionen des Schutzes und des 
aufgesammelten wirtschaftlichen Wertes. Mit der Ent- 
waldung hat sich das Klima in vielen Gegenden der alten 
Kulturwelt verschlechtert und ist der Bodenwert gesunken. 
In schneereichen Gebirgen wächst mit der Entwaldung 
die unmittelbare Bedrohung des Lebens durch Lawinen- 
stürze und die Schädigung der Wohlfahrt durch Ueber- 
schwemmungen und niedere Wasserstände. Es wird leicht 
vergessen, daß der Wald das Erzeugnis eines langen 
Wachstumsprozesses ist, welcher Jahrhunderte brauchte, 
um die Holzmassen und den Humusboden zu schaffen, nach 
deren Zerstörung erst wieder in entsprechend langen Zeit- 
räumen der Boden denselben Wert erlangen kann, wenn 
er nicht durch Freilegung und Abschwemmung überhaupt 
unfähig gemacht ward, sich wieder mit Wald zu bedecken. 
Da der Waldschutz eine wesentlich moderne Erscheinung 
ist, haben vor allem die Länder der alten Kultur durch 
Entwaldung verloren, was der an die Stelle des Waldes 
getretene intensive Ackerbau nicht ersetzen kann. Nord- 
amerika ist das in Kultur und Entwaldung raschest fort- 
schreitende Land der Erde. 3 7 ) Die Kehrseite der so viel 
bewunderten, großen Kulturfortschritte ist die Waldver- 
nichtung im Maßstabe von 2 — 3°/o jährlich, wie sie in 
Ohio in den Jahren vor 1880 festgestellt wurde. 

In den Tropen ist die fast vollständige Entwaldung 
ausgedehnter Gebiete, wie Ceylon, Mauritius, Reunion, 
die Seychellen sie durch den Plantagenbau erfahren haben, 
wesentlich erst im Gefolge und im Interesse der europä- 
ischen Kultivation geschehen. Diese ins große arbeitende 
Plantagenwirtschaft hat ungemein rasch mit dem Urwald 
aufgeräumt. Junghuhn fand 1844 Kulturflächen, wo 1805 
Leschenault die ganze Strecke von Sumber bis Panarukan 
im Walde zurückgelegt hatte 38 ). Auf fruchtbaren, dicht- 
bevölkerten Inseln wie im Indischen Ozean Mauritius, 
Reunion, Mah6 haben die Kulturen die einheimische Flora 
auf die Höhen der Berge zurückgedrängt, alles andere 
ist Ein Kulturland. Die ceylonischen Urwälder sollen 



Waldarmut der Inseln. 133 

gerade in der Höhe jenseits 1000 Meter, wo der Kaffee- 
bau am ärgsten sie verwüstet hat, vorher fast unberührt 
gewesen sein. Die einzigen eigentlichen und alten Wald- 
bewohner Ceylons, die Veddah, sind kaum jemals volkreiche 
Stämme gewesen. Vorher hat, wie überall in tropischen 
Urwäldern, das hier als „Chena u bezeichnete System des 
Waldackerbaues die Arbeit eines hundertjährigen Pflanzen- 
lebens mit Feuer vernichtet, um ein wenige Jahre dauern- 
des Feld von Eleusine coracana auf der Brandstätte zu 
erzeugen. Aber diese Lichtungen waren klein, zerstreut 
und wurden nach Jahren sich selbst überlassen. Es ist 
nicht wahrscheinlich, daß durch sie eine große und 
dauernde Umwandlung von Waldland in Kulturland oder 
Grasland stattgefunden habe 39 ). Die Waldverwüstung ist 
wesentlich Sache der Kultur, dichterer Bevölkerung, 
besserer Werkzeuge. Selbst die Waldbrände sind am 
häufigsten, wo die Berührung zahlreicher Menschen mit 
dem Wald erleichtert wird. Eine Anzahl von historisch 
beglaubigten Fällen fast vollständiger Entwaldung, wie 
Madeira und St. Helena sie bieten, zeigt, daß auch in 
diesem Falle die Inseln den ausgedehnteren Binnen- 
gebieten voraneilen 40 ). Auch Island hat durch Ver- 
nichtung seines ärmlichen, aber an der Waldgrenze um 
so wichtigeren Birkenzwergwaldes seinen Kulturcharakter 
wesentlich verändert und Großbritannien ist unter den 
Ländern seiner Zone das waldärmste. 

Derartige Thatsachen dürfen aber nicht zur Grundlage 
der Auffassung gemacht werden, daß die Erde überhaupt 
in früheren Jahrtausenden, ehe die Menschen Ackerbau und 
Viehzucht trieben, viel reichlicher bewaldet gewesen sei, 
ja, daß sie vielleicht großenteils mit Wald bedeckt gewesen 
sei. Besonders für Südafrika werden zahlreiche Fälle 
einer rücksichtslosen Zerstörung durch Grasbrände ange- 
führt und die südlichen Mittelmeerländer sollen ihr Klima 
und ihre Fruchtbarkeit wesentlich durch Entwaldung ver- 
schlechtert haben. Man überträgt hier doch offenbar zu 
rasch die Erfahrungen des nördlichen Waldgürtels und 
der Inseln auf anders geartete Länder. Einen mittel- 
europäischen, nordamerikanischen oder sibirischen Wald 



134 Wald Verwüstung in den Steppen. 

haben die mit Trockenzeiten beglückten Länder nicht in 
historischer Zeit besessen. Sie waren waldreicher, aber 
der Wald spielte in ihrer Kulturentwickelung nicht die 
Rolle wie dort. Sicher ist allerdings das eine, daß er 
rascher vernichtet werden konnte, wo er von Natur schon 
zerstreut und nur an begünstigter Stelle erhalten war, und 
daß sein Rückgang hier um so empfindlicher wirken mußte. 
Ganz anders noch wirkt die Waldverwüstung in 
den Steppen, wo der Wald klein und ohnehin klimatisch 
bedroht, und wo sie eine notwendige Folge des Steppen- 
lebens ist, als im, Urwald. Hier ist der Wald der 
mächtigere und dort der Mensch. Das Klima, die Sorg- 
losigkeit der Nomaden in der Verwertung der Natur- 
schätze, die natürliche Armut des Baumwuchses: alles 
das wirkt zusammen, um die Nomaden als ein höchst 
wirksames Werkzeug in der Entwaldung der Steppe er- 
scheinen zu lassen, die wohl nicht immer diese völlig 
ungebrochenen Wiesenflächen bot wie heute. Nun ist 
auf weite Strecken hin der Argal das einzige Brennmaterial 
und wenn vielleicht der primitive Mongole, der nichts 
anderes kennt, an diesem festhält, so wütet der halb- 
zivilisierte Nomade um so unbarmherziger in den Wal- 
dungen. Eine vor etwa zehn Jahren entworfene russische 
Generalstabskarte, die Ujfalvy in Troitzk erhalten hatte, 
zeigte in dem Orenburger Gouvernement meilenweite 
Waldflächen, die jetzt fast nur noch Steppe waren. Der 
Ackerbauer leistet bei ständiger Anwesenheit in dieser Be- 
ziehung noch erheblich mehr und vielleicht ist der Chinese, 
der mit der Asche düngt, mit dem Holze baut und heizt 
und dies alles mit rücksichtslosem, rührigem Eifer betreibt, 
der denkbar größte Feind des Steppenwaldes. Die acker- 
bauenden Immigranten aus Schensi und Schansi haben 
der Mongolei unendlich geschadet, indem sie ganze Striche, 
wie z. B. den ganzen Bergrand am linken Ufer des 
Hoangho auf dem Wege von Kaigan nach dem Inschan 
vollständig entwaldeten. Sogar die einst schön bewal- 
deten Waldgründe in der Nachbarschaft von Jehol sind von 
ihnen trotz aller Verbote verwüstet worden. Waldbrände 
wirken nirgends so zerstörend wie im trockenen Steppen- 



Wald und Mensch. — Politische Wüsten. 135 

klima: sie zerstören die Wurzeln und Keime bis in den 
Boden hinein und fressen fort, bis sie auf eine Lichtung 
treffen. — 

In Bestand und Fehlen zeigt der Wald die heilsame 
Bedeutung der leeren Stellen in der Oekumene, die dem 
Menschen ein Verhältnis zur Natur erhalten. Er durch- 
zieht unsere Kulturländer mit einem Quellgeäder, welches 
Luft, Licht und die nie veraltenden Naturgenüsse durch 
den Körper der Völker leitet. Aus dem Wald ergießt 
sich ein Strom von Poesie durch Kunst und Dichtung, 
er wird immer für sinnige Gemüter in irgend einem 
kühlen Grunde die „blaue Blume 44 bergen. Es ist be- 
zeichnend, wie von allen Seiten her die Erholungsstätten 
der abgearbeiteten Städter sich in ihn hineinerstrecken 
oder an ihn sich anlehnen. Er ist nicht bloß ein Stück 
Natur, sondern auch ein Stück Urzeit; in ihm liegt eine 
Verbindung mit unserer Vergangenheit. 

Politische Wüsten. Aus einer ganzen Anzahl von 
Gründen meiden Völker auf tieferen Kulturstufen bestimmte 
Strecken ihres eigenen Landes oder zwischen ihrem Lande 
und demjenigen eines Nachbarn. Die niedere Kulturstufe 
setzt menschenleere oder dünnbevölkerte Striche voraus. 
Sie braucht dieselben als Grenzstriche, als Jagdgebiete, sie 
schafft sie durch kriegerische Verwüstung, sie duldet sie 
endlich, weil sie derselben wirtschaftlich nicht benötigt ist 
oder nicht benötigt zu sein meint. Dabei wiegen politi- 
sche und soziale Motive 41 ) vor, wiewohl auch die Religion 
ins Spiel gezogen wird. Wir wollen diese leeren Stellen 
als politische Wüsten den natürlichen Oeden gegen- 
überstellen, von welchen wir bisher gesprochen. Da der 
Mensch sich mit Absicht von ihnen zurückzieht, tritt die 
Natur in ihr Recht und die Wirkung auf die Verbreitung 
des Menschen wird dieselbe. Dazu tritt aber für die 
politisch -geographische Betrachtung noch das Wichtige 
hinzu, daß die leeren Stellen sich zu einem Netz neu- 
traler Striche zusammenschließen, in denen das politisch 
nicht Organisierte, organisiert Gewesene oder der Orga- 
nisation Zustrebende außerhalb des Bereiches der ge- 



130 Grenzwüsten und 

schlossenen Staaten und Stämme sich bewegt, z. B. in 
Zentralafrika die wandernden Handels- und Jägerstämme. 
Barth hat in seiner Uebersicht der Bevölkerung des 
Sudan zuerst die allgemeine Regel ausgesprochen, daß 
neben den verhältnismäßig dichten Bevölkerungen der 
Heidenländer und mohammedanischen Reiche „die Grenz- 
gegenden zwischen verschiedenen Reichen mehr oder 
weniger entvölkert und daher dicht bewaldet sind 42 )." 
Durch Nachtigal wissen wir jetzt, daß das unbe- 
wohnte Grenzgebiet zwischen Dar For und Wadai, mit 
dem Thale und den Gehängen des Wadi Asunga zu- 
sammenfallend, an der Stelle, wo der Weg Abesche- 
Fascher es durchschneidet, zwei Tagmärsche, d. i. 4 — 5 
Meilen breit ist. Junker hat uns diese Grenzstriche in 
ihrer sehr großen Bedeutung für das Leben der Afrikaner 
noch näher kennen gelehrt. Er fand diese Grenzwildnisse 
Tagereisen breit im südlichen Sandehlande und gibt zu 
bedenken, daß die Länder der Sandehfürsten in der Regel 
nicht viel über 100 Quadratmeilen groß sind. Man er- 
hält also Tausende von Quadratmeilen derart unbewohntes 
und selbst nicht überall durch Jagd ausgenutztes, also 
für die Bevölkerung totliegendes Land. Junker hat sogar 
die Ansicht ausgesprochen, daß das bewohnte Areal dort von 
dem unbewohnten an Ausdehnung übertroffen werde 4ü ). 
Wir haben eine Menge Zeugnisse über diese Grenzwildnisse, 
die Speke z. B. zwischen Usui und Karagwe in einem Tag- 
marsche durchmaß, und von denen Emin Pascha im Schuli- 
und Madiland mehr die wirtschaftliche Seite hervorhebt, 
indem er von der Umgebung des Chor Boggär schreibt: 
Diese 12 — 15 Stunden langen und ebenso breiten Flächen 
Graslandes werden im Schuli- und Madilande absichtlich 
nicht besiedelt, um den Elefanten und dem Wilde Zu- 
flucht zu gewähren und so den Einwohnern Jagdgründe 
zu sichern" 44 ). In Asien ist derselbe Grundsatz altein- 
heimisch. Der leere Grenzstrich gegen Korea durfte früher 
bei Todesstrafe nicht besiedelt werden. Auch zwischen 
birmanischem und britischem Gebiet blieb nach dem Krieg 
von 1858 bei Thayetmyo ein Grenzstreifen von einer halben 
Meile neutral und wurde die Heimat von Räubern und 



Grenzwälder. — Heilig Wälder. 1 H7 

Dieben. Birnia hielt auch die Schanprovinz Kuig-Seng, M 
gegen Siam zu gelegen, als neutrales Grenzgebiet leer 4,6 ). 

Im alten Germanien galten neben Flüssen auch 
Wälder als Grenzen. Der bochonische Wald trennte 
Chatten und Cherusker von den Sueven. J. A. von Helfert 
hat in dem Aufsätze , Die ehemalige Wald- Veste Böhmen" 1B ) 
den „mehrere Stunden bis zu ganzen Tagereisen breiten 
Urwald, gleichsam ein großartiger lebendiger Zaun, von 
dem das ganze innere Gebiet umfriedet war," als alte 
Naturgrenze besehriehen. Lange haben die Römer ange- 
sichts der dunkeln, feuchten Wälder Germanien« zaudernd 
gestanden, bis sie die Richtwege ihrer Militärstraßen 
durch diese seit der Schlacht im Teutoburger Walde 
auch militärisch ganz besonders zu fürchtenden Wälder 
zu legen begannen. Die fabelhafte Auffassung des lier- 
cynischen Waldes als eines das ganze westliche Deutsch- 
land erfüllenden zusammenhängenden Waldes, die wir 
bei Cäsar und Mela finden, spiegelt die Vorstellung 
wieder, welche die Römer sich von Deutschland mach- 
ten. — Der Glaube, oder wenn man will, der Aberglaube 
wirkt mächtig mit auf die Erhaltung einzelner Land- 
strecken im Naturzustande und hindert damit die natür- 
liche Ausbreitung und das Wachstum der Bevölkerung. 
Durch Verbot, tab uierte Gebiete zu betreten, entziehen 
sieh Völker von starkem Glauben, wie Maori u.a., weite 
Gebiete und oft gerade die der Besiedelung zugänglichsten. 
Wie einst in Gallien und Germanien ehrwürdige Wälder 
läßt man in Westafrika Dickichte auf „Fetischland" stehen 
und war hierin wohl einst standhafter als jetzt, wo, nach 
Zöllers Angabe, z.B. in Lome „mit Hilfe entsprechender Ge- 
schenke derartige Einwände leicht hinweggeräumt werden" 
konnten 17 ). Barth beschreibt einen heiligen Hain der 
Marghi als dichten, mit Graben umgebenen Wald, dessen 
größter Baum besondere Verehrung fand. 

Minder dauerhaft, dafür aber ausgedehnter sind end- 
lich jene ,. politischen Wüsten", welche Ergebnisse kriege- 
rischer Verwüstung verbunden mit Menschenraub und Mord 
sind. Vollständig menschenleere Strecken von ein paar 
hundert Quadratmeilen sind in Innerafrika nicht selten. 



188 Die Wüsten des Krieges. 

Livingstone fand auf seinem Wege nach dem Nyassa 
am oberen ßovuma ein solches von 20 geographischen 
Meilen Breite. Die Menschenleere der Küsten war selbst 
in Westafrika schon im Anfang des 17. Jahrhunderts eine 
große Schwierigkeit der Schiffahrt, da sie die Verproviantie- 
rung erschwerte. Man lese W. C. Schoutens Bericht über 
die Fahrt an der Sierra-Leoneküste im September 1615. 
Der Menschenraub grassierte so, daß Neger sich nur 
gegen Geiselstellung auf Schiffe wagten. Auch die neueren 
deutschen Erforscher haben nahe bei der Küste, z. B. 
beim Zusammenfluß des Wuri und Dibombo ganz menschen- 
leere Strecken gefunden, die auf die Verwüstungen innerer 
Kriege zurückführen. 

Sohluss. Wir sehen, daß in der Natur der zwischen 
Mensch und Erde obwaltenden Beziehungen eine Ver- 
breitungsweise begründet ist, welche sich als Zerstreuung 
einer Menge kleinerer und größerer, durch unbewohnte 
Räume voneinander getrennter Gruppen darstellt. Da ist 
nicht Wald und Wiese, es ist die von den Botanikern 
„parkartig" genannte Verbreitungs weise der Baum- 
gruppen in den Uebergangsgebieten zwischen Wald- und 
Steppenländern oder das kolonienartige Auftreten se- 
dentärer Meerestiere in Muschelbänken oder Korallriffen. 
In den Betrachtungen, welche über die Verteilung der 
Menschen über die Erde angestellt werden, ist dieser 
Thatsache der Wert einer fundamentalen zuzuerkennen. 
Zu den leeren Räumen, welche, wie wir sahen, die Natur 
des Erdbodens bedingt, kommen jene anderen, deren 
Ursache in dem Leben der Einzelnen und der Völker 
liegen. Auf diese wird uns die Betrachtung der Bevölke- 
rungsdichtigkeit (s. 7. Abschnitt) führen. Sie alle sind im 
anthropogeographischen Sinne nicht minder wichtig als 
die bewohnten Stellen, und die Grenzen der größeren unter 
ihnen zu ziehen ist eine Aufgabe, die an Bedeutung nur 
der Bestimmung der Grenzen der Menschheit nachsteht. 
Diese Verbreitungslücken sind aber weit entfernt, ent- 
sprechend gewürdigt zu werden. Es gibt eine weitverbreitete 
Auffassung des Begriffes Unbewohnt, welche das zerstreute 



Schluß. 139 

oder zeitweilige Verweilen von Menschen in festen Wohn- 
stätten ignoriert und Gebiete von ganz geringer Bewohntheit 
als unbewohnte anspricht. Gerade in diesen Gebieten werden 
ja voraussichtlich einige wenige enge Stellen sehr dicht be- 
wohnt sein. Natürlich kann sich die Wissenschaft mit einer 
solchen ungenauen Vorstellung, die Anlaß zu vielen Miß- 
verständnissen gibt (s. d. oben S. 126 über die unbewohnten 
Gebirge Gesagte), nicht befreunden und möchte selbst den 
Schein vermeiden, als ob sehr dünn bewohnt und unbe- 
wohnt überhaupt nicht zwei weitgetrerinte Dinge wären. 
Wenn das 1880er Census werk der Vereinigten Staaten" 
jener Auffassung graphischen Ausdruck verleiht, indem 
es die Räume mit weniger als 2 Einwohnern auf der 
engl. Quadratmeile ebenso weiß läßt, wie die vollständig 
leeren, und als besiedeltes Gebiet „Settled Area", nur die 
von mehr als 2 Bewohnern auf der engl. Quadratmeile 
besetzten Räume ansieht, so ist das mehr als ein tech- 
nischer Mißgriff, dem gegenüber man die Regel aussprechen 
kann: Je dünner eine Bevölkerung, desto mehr ist eine 
geographische, statt der statistischen Auffassung geboten. 
Andere weiße Flecken, die auf den Bevölkerungskarten 
erscheinen, sind häufig nur der Ausdruck ganz subjek- 
tiver Ansichten. Man betrachte sich die weißen Flecken 
auf der so fleißigen Karte der Bevölkerungsdichtigkeit 
der Erde von Behm und Hahnemann, sie bezeichnen nicht 
die wirklich leeren Stellen, sondern die großen Räume 
dünnster Bevölkerung. Nun ist es aber bei der Bedeu- 
tung der thatsächlich unbewohnten, anthropogeographisch 
leeren Räume unzulässig, die weißen, scheinbar leeren 
Flecken auf Bevölkerungskarten zur Symbolisierung dünner 
Bevölkerungen zu verwenden. Selbst dort, wo „im Ver- 
hältnis zur enormen Ausdehnung des Areals die wenigen 
eingestreuten Dörfer verschwinden", wie F. Sarassin in 
der Erklärung seiner Bevölkerungskarte von * Ceylon 
sagt 48 ), bleibt die absolut leere Stelle etwas anderes als 
die jetzt dünne, vielleicht einst oder später dicht besie- 
delte Stelle. Die Darstellungsweise beider ist also ge- 
trennt zu halten. Inwieweit dies thunlich, wird der Ab- 
schnitt über die Bevölkerungskarten im 7. Abschnitt zeigen. 



140 Anmerkungen. 

*) Auch die Gleicbsetzung der Riduzioni di terreni boschiati 
a coltura und der Prosciugamenti ed irrigazioni in der italieni- 
schen Statistik (Annuario 1888. S. 681/2) ist bei tieferer Erwägung 
nicht gestattet. 

2 ) Resena geografica y stadistica de Espana. Madrid 1888. 
S. 534/5. 

3 ) Der Reichtum des Landes an üppigem Graswuchs (für 
Viehzucht), der Gewässer an Fischen und nützlichen Vögeln ist die 
Grundlage der Erwerbstbätigkeit der Isländer; ohne diese Gaben 
würde das Land noch heute so unbewohnt sein, wie vor tausend 
Jahren. Keilhack, Islands Natur und ihre Einflüsse auf die Be- 
völkerung. Deutsche Geographische Blätter IX. S. 14. 

4 ) In Fars, dem Stammlande des persischen Reiches, sind so- 
gar unterirdische Wasserläufe und Quellsammlungen in großer 
Ausdehnung angelegt. Vgl. F. Stolze in den Verhandlungen der 
Gesellschaft für Erdkunde. Berlin 1880. S. 141. 

5 ) Alexandrien 1884. S. 51. 

6 ) Ueber die verschiedenen Wege Tripolis-Kuka s. Nachtigals 
vergleichende Darstellung in Sahara und Sudan I. S. 39. 

7 ) Geographische Mitteilungen. Ergänzungsband IL 

8 ) C. G. Büttner, Die Missionsstation Otyimbingue. Zeitschrift 
des Vereins für Erdkunde. 1885. S. 53. 

9 ) Geographische Mitteilungen 1864. S. 297. 

10 ) Regelmäßige Cisternenweiher, wie man sie in den Steppen 
Turkestans findet, z. B. auf dem Wege von Buchara nach Taschkent 
in der 150 Kilometer breiten Steppe von Karschi, sind in der Sahara 
nie gebaut worden. Man versteht, daß sie da sind, wenn man 
die üppigen Kulturflächen betrachtet, welche zu beiden Seiten die 
Steppe einfassen. 

n ) Vgl. Philippsons Schilderung in den Verhandlungen der 
Gesellschaft für Erdkunde. Berlin. XI. S. 450. 

12 ) Geographische Mitteilungen 1869. S. 65. 

13 ) Trolle, Das italienische Volkstum. 1885. S. 20. 

14 ) In Tyrol wird die Zahl der durchschnittlich im Jahr durch 
Lawinen zerstörten Menschenleben auf 20 — 30, der Gebäude auf 
12—15 geschätzt. Staffier, Tirol. 1846. I. S. 77. 

15 ) Geographische Mitteilungen. 1869. S. 104. 

16 ) Prettner, Die höchste Menschenwohnung in Europa. Ca- 
rinthia 1875. S. 197-205. 

17 ) Die Alpenwirtschaft der Schweiz, herausgeg. vom Eidg. 
Statistischen Bureau. 1868. 

18 ) Statistik der Alpen von Deutsch-Tirol. Innsbruck. 1880/2. 

19 ) Vgl. Hochstetters Bericht über Whitcombes Reise in den 
Geographischen Mitteilungen 1866. S. 216. 

20 ) Hunter, The Indian Empire. 1886. S. 44. 

21 ) Corals and Coral Islands. 1885. S. 169. 

22 ) Dr. Bernsteins Reise in den Molukken. Geographische Mit- 
teilungen 1872. S. 208. 

23 ) Maine war 1790 mit 96540 Einwohnern der 11. unter den 



Anmerkungen. 141 

17 Staaten der Union, 1840 war es der 13. unter 30, 1880 der 27. 
unter 47. Seine Bevölkerung war seit 1820 um wenig über 100% 
gewachsen, während diejenige von Ohio sich versechsfacht hatte. 
1880 war Maine nach Florida der dünnst bevölkerte der atlanti- 
schen Staaten. 

24 ) Die Beiträge zur Forststatistik des Deutschen Reiches 
(Monatshefte der Statistik des Deutschen Reiches. 1884. VIII) ver- 
zeichnen folgende im Vergleich zur Volkszahl überraschend große 
Waldfläche in Prozenten der Gesamtfläche: Schwarzburg- Rudol- 
stadt 44, Sachsen-Meiningen 42, Provinz Starkenburg 42, Kreis 
Karlsruhe 41, Provinz Hessen-Nassau 40, Fürstentum Birkenfeld 40, 
Schwarz waldkreis 39 > Rheinpfalz 39. Deutschland hat also noch 
eigentliche „ Waldländer" aufzuweisen, der Westen und Süden des 
Erdteils seit Jahrhunderten nicht mehr. 

25 ) Zeitschrift der Gesellschaft f. Erdkunde. XVII. S. 234. 

26 ) Im Censusjahr 1880 breiteten sich in allen Teilen der 
Union Waldbrände über 10 275 000 Acres aus und verursachten einen 
Verlust, der auf mehr als 25 Millionen Dollars geschätzt wurde. 
Die Hauptursachen waren das Lichten des Waldes durch Feuer 
und vernachlässigte „Camp-Fires" der Jäger. Bekanntlich ändern 
die Waldbrände langsam aber gründlich den Waldbestand um, da 
gewisse Bäume auf den Brandstätten nicht wieder erscheinen. 

27 ) Junghuhn weist öfters auf die Schärfe der Grenze hin, 
welche die höhere Waldregion in Java von den tieferen Gras- 
flächen in 3—4000 Fuß trennt. Er glaubt sie nur durch eine früher 
weiter ausgebreitete Kultur erklären zu können und „daß sich im 
Urzustand Javas die Wälder bis an den Fuß der Gebirge, ja bis zum 
Meeresstrande herabzogen und daß sie allein durch die Kultur bis zu 
ihrer jetzigen Höhe ausgerottet sind" (Topogr. u. naturwiss. Reisen in 
Java. 1845. S. 234). Die Grasflächen, welche an die Stelle der Wälder 
treten, werden in Java fast ganz aus dem gesellig und gedrängt 
wachsenden Alanggras (Imperata Koenigii) eingenommen. „Ich habe 
Grund, zu glauben/ sagt Junghuhn, „daß das Alanggras während dem 
ursprünglichen Zustande des Landes auf einige unfruchtbare, dürre, 
wasserleere Flächen der heißen Zone angewiesen war und besonders 
auf schweren, leicht austrocknenden, harten und eisenschüssigen 
Thonboden beschränkt war; daß aber gegenwärtig überall, wo 
man dieses Gras auf einem fruchtbaren lockeren Boden und an 
Berggehängen oberhalb von 2000 Fuß trifft, dies ein Zustand ist, 
der erst durch Menschenhände hervorgerufen wurde/ (Java, seine 
Gestalt etc. 1854. I. S. 153.) 

28 ) Der Wendelstein. Geschichtliches. Z. d. d. u. ö. Alpen- 
vereins. 1886 S. 376. 

29 ) Fergunna von Heinrich Schurtz. Ausland 1890. Nr. 16. 

30 ) Thüringen doch Hermundurenland. S. 58. 

31 ) Das Volk der Bannar. Mitteilungen der Geographischen 
Gesellschaft zu Jena. III. H. 2. 

3i ) Nach Kreitners Schätzung in den Mitteilungen der k. 
k. Geographischen Gesellschaft zu Wien. 1881. S. 225. 



1 42 Anmerkungen. 

83 ) Vgl. die genaue Beschreibung in Linderaans Mitteilungen 
über den Bayerischen Wald (II l). Deutsche Geographische Blätter. 
VIII. S. 28. 

84 ) Eine Erscheinung, die ebenso in Tirol wie in der Schweiz, 
dort aber stärker hervortritt, ist der Rückgang der Weideflächen, 
der großenteils durch Verwandlung der Weide in Wiesen oder 
Wald, Einhegung zu Jagdgebieten, zum kleineren auf Erdrutschen und 
anderen Elementarereignissen, auch Vorrücken des Gletscher beruht. 

85 ) Träger, Die Volksdichtigkeit Niederschlesiens. Z. f. wissen- 
schaftliche Geographie VI. S. 171. 

86 ) Vgl. Forstrat Schuberg, Die Bewaldung des Schwarzwaldes 
in Deutsche Geographische Blätter. X (1888). S. 257—77. 

37 ) Wie weit selbst in den waldreichsten Teilen Nordamerikas 
die Entwaldung schon vorgeschritten, zeigt die alle Ursachen und 
Folgen derselben scharfsinnig erforschende Darstellung C. S. Sargents 
im 9. Band des Census von 1880 (Report on the Forest Trees of 
North America. 1884). Dazu den Vortrag Keßlers: Wald und 
Waldzerstörung auf dem westlichen Kontinent in den Verhand- 
lungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. 1890. S. 299—315. 

3S ) Java. I. S. 155. 

Die Verwüstung der Wälder auf den Seychellen wird als 
einer der Gründe der Aenderungen ihrer Fauna angegeben. Vgl. 
Wallace, Island Life. 1880. S. 405. 

39 ) Zahlenbelege für die Waldverwüstung in Madagaskar s. 
bei Baron, Reise durch das nordwestliche Madagaskar in Mit- 
teilungen der Geographischen Gesellschaft zu Jena VII. S. 5. 

40 ) Das ist nicht bloß eine anthropogeographische, es ist eine 
biogeographische Thatsache, welche sich ebenso deutlich in dem 
frühzeitigen Aussterben zahlreicher Pflanzen und Thierformen auf 
Inseln ausprägt. 

41 ) Wenn G. Liebscher von Japans Boden nur V 9 angebaut 
sein läßt, so ist hierfür weniger der gebirgige Charakter des Landes 
als die aus politischen Gründen geschehene Beschränkung des 
Ackerlandes mit der daher rührenden Neigung zu gartenartigem 
Anbau und dem Mangel an Viehzucht verantwortlich zu machen. 

42 ) Journal R. Geographical Society. 1860. S. 112. 

43 ) Wissenschaftliche Ergebnisse von Dr. W. Junkers Reisen 
in Zentralafrika. Geographische Mitteilungen, Ergänzungsheft 
Nr. 92 S. 31. 

44 ) Reisebriefe und -Berichte. 1888. S. 296. 

45 ) Cushing, The Central Part of British Burma.. 1870. 

4,i ) Mitteilungen der k. k. Geographischen Gesellschaft Wien. 

XIII. S. 489—518. 

47 ) Zöller, Togoland. 1885. S. 88. 

48 ) Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde, Berlin. 

XIV. S. 211. 



ZWEITER ABSCHNITT. 



DAS STATISTISCHE BILD DER MENSCHHEIT. 



6. Die Bevölkerung der Erde. 

Anteil der Statistik an der Feststellung der Bevölkerung der Erde. 
Anteil der Geographie. Verhältnis beider Wissenschaften. Sta- 
tistische und geographische Länderkunde. Unvollkommene Zäh- 
lungen. Die Schätzung der Bevölkerungen. Fehlerquellen der 
Schätzungen. Die Methoden der Schätzungen. Ein geographisches 
Element in den Schätzungen. Die Bevölkerungen von Afrika und 

China. Schluß. 



Anteil der Statistik und der Geographie an der Fest- 
stellung der Bevölkerung der Erde. Die Zahl der Menschen 
in einem bestimmten Gebiete der Erde festzustellen, ist 
Sache der Statistik. Darüber kann kein Zweifel sein in allen 
jenen Fällen, wo eine genaue Zählung möglich ist, denn 
die Aufgabe der wissenschaftlichen Bevölkerungsstatistik 
besteht in der methodischen Gruppierung und Unter- 
suchung der Thatsachen, die sich aus der exakten Massen- 
beobachtung der allgemein bedeutsamen Lebensmomente 
der menschlichen Individuen ergeben. Man könnte aber 
fragen, ob auch da noch von wissenschaftlicher Bevölke- 
rungsstatistik gesprochen werden könne, wo nur von 
Schätzung die Rede ist, wie bei der Aufgabe, die Be- 
völkerung der Erde zu bestimmen? 

Von den 62 Definitionen der Statistik, welche Rü- 
melin 1863 aufführte, indem er lächelnd eine 63. hinzu- 
fügte, würde die große Mehrzahl sich solchem Beginnen 
nicht widersetzen ; war doch ursprünglich im Sinne Achen- 
walls die Statistik wesentlich eine Staatenkunde oder 
Staatenbeschreibung, ein „Inbegriff der wirklichen Staats- 
merkwürdigkeiten" und wurden doch noch von Schlözer 

Ratzel, Anthropogeographie II. 10 



146 Di e Statistik und die Bevölkerungszahlen. 

die Reisebeschreibungen zu den ersten Quellen der Statistik 
gezählt. Letzteres begreift sich wohl in einer Zeit, in 
welcher nicht nur die offiziellen Angaben über Bevölkerung,. 
Wohlstand, Bildung u. s. f. mangelhaft und spärlich 
waren, sondern auch so ungern an die Wissenschaft mit- 
geteilt wurden, daß Büsching, der bekannte Verfasser 
des größten geographischen Handbuches des vorigen Jahr- 
hunderts, selbst von Friedrich dem Großen mit seiner Bitte 
um Mitteilung offizieller Daten abgewiesen ward. Damals 
schätzte man die Bevölkerung von England, so wie man 
heute die von Uganda schätzt. Aber eigentümlich ist es. 
daß dann die Statistik sich in ihrer wissenschaftlichen 
Entwickelung so ganz von diesem geographischen Boden 
entfernte, dem sie entsprossen war, um teils eine prak- 
tische Dienerin der Staatsverwaltung zu werden, teils auf 
jene Gebiete sich zu beschränken, wo mit exakter Methode 
zu arbeiten ist. In der Vervollkommnung der sogenannten 
statistischen Methoden ging sie lange Zeit so entschieden 
auf, daß man nicht ganz mit Unrecht sagte, sie sei mehr 
Methode als Wissenschaft. 

So ist denn der Geographie, die von allen Wissen- 
schaften das größte Interesse an den Ergebnissen der 
Bevölkerungsstatistik hat, ganz von selbst die Aufgabe 
zugefallen, jene Zahlen selbst aufzusuchen und, wenn 
nötig, zu bestimmen, für welche die Bevölkerungsstatistik, 
so wie sie sich entwickelte, kein Interesse haben konnte. 
Und das Verbreitungsgebiet dieser Zahlen ist groß. Wäh- 
rend in West- und Mitteleuropa die Statistik sich ver- 
vollkommnete , blieb in Osteuropa der Zustand bestehen, 
welcher dort im 18. Jahrhundert geherrscht hatte. Die 
Diskussion der Bevölkerungszahlen des türkischen Reiches, 
Griechenlands, Rußlands, besonders in den „Areal- und 
Bevölkerungsangaben* 1 der zwei ersten Bände des geogra- 
phischen Jahrbuches erinnert daher in ganz charakteri- 
stischer Weise an die Betrachtungen, welche vor 80 Jahren 
Hassel über die mögliche oder wahrscheinliche Bevölke- 
rungszahl Englands anstellte, ähnlich wie die Zweifel über 
die Bevölkerungszahl Afrikas die Schwankungen der An- 
gabe über die Bevölkerung Europas (Maltebrun 1810 



Geographie und Statistik. 147 

170, Berghaus 1843 296 Millionen) im allerdings kleineren 
Maße wiederholen. Um gerecht zu sein, muß man in- 
dessen hinzufügen, daß die Vorbedingungen zur Gewinnung 
dieser Zahlen auf dem Felde der Geographie günstiger 
lagen, und daß nur allein die Geographie, kraft der in 
ihrem Wesen liegenden Tendenz zu erdumfassender Er- 
kenntnis, mit voller Kraft der Arbeit sich widmen konnte, 
die Bevölkerungs Verhältnisse solcher Gebiete zu erforschen, 
welche ein statistisches Interesse weder im Sinne der 
Staatskunde, noch im Sinne der statistischen Methode 
aufwiesen. Die Geographie verhielt sich zu diesem Teil 
der Bevölkerungsstatistik gerade wie zur Völkerkunde, 
die trotz so tiefer und mannigfaltiger Bezüge zur Ge- 
schichte von letzterer nicht als verwandt anerkannt ward, 
und teils aus diesem Grunde, dann aber auch, weil ihre 
Quellenschriften großenteils dieselben sind wie die der 
Geographie, sich so eng an die Geographie anschloß, 
daß bekanntlich letztere vielfach als Länder- und Völker- 
kunde bezeichnet wird und zwar, wie die Dinge liegen, 
noch immer mit einigem Recht. 

Geographie und Statistik. Es ist zugleich einer der 
allerbezeichnendsten Belege für die Spezialisierung der 
Wissenschaften in der gegenwärtigen Epoche, daß die 
Statistik ihren alten Sinn und Zweck, den wohl am klarsten 
die Schlözersche Definition: „die Statistik eines Landes 
und Volkes ist der Inbegriff seiner Staatsmerkwürdig- 
keiten" umschreibt, soweit aufgab. In einem anderen 
Schlözerschen Ausspruche : „ Geschichte ist eine fortlaufende 
Statistik, und Statistik eine stillstehende Geschichte" *) ist 
aus einem bekannten Spruche Herders, der gerade 20 Jahre 
älter ist, die Geographie herausgenommen und durch 
Statistik ersetzt, der schon Achenwall ganz bestimmt 
die gleichzeitig vorhandenen Staatsmerkwürdigkeiten im 
Gegensatz zu den geschichtlichen zugewiesen hatte, so 
daß diese Statistik des Zuständlichen der reinen Geographie 
entspricht, der ebenso die Erdoberfläche zugehört wie 
jener die Gegenwart. Heute muß der Schlözersche Spruch 
auf die Herdersche Fassung zurückgeführt werden, denn 
dem, was man stillstehende Geschichte nennen mag, wird 



148 Geographie und Statistik. 

nur noch die Geographie gerecht und der Geographie 
gegenüber nimmt die Statistik in allen Fällen , die uns 
hier interessieren, nur noch die Stellung der Methode zur 
Wissenschaft ein 2 ). 

Auch die Geographie hat sich seit Büschings Zeit 
selbständiger entwickelt, indem sie ihre Aufgabe, die 
Landesmerkwürdigkeiten darzustellen, während die Staats- 
merkwürdigkeiten der Statistik überlassen blieben, beson- 
ders in der Richtung auf die Darstellung der Natur des 
Landes und endgültig der Erde vertiefte. Zu einer voll- 
ständigen Lösung der alten Verbindung ist es aber nur 
bei einigen Theoretikern und nirgends in der Praxis ge- 
kommen. Die räumliche Anordnung der Staatsmerk- 
würdigkeiten wird in der politischen Geographie nach 
wie vor beschrieben, auf den politisch-geographischen 
Karten dargestellt, und ein geographischer Unterricht, 
der von Grenzen, Verkehrslinien, Städten, Staaten und 
Völkern schwiege, würde jedermann als ein Unding er- 
scheinen. Doch ist das statistische Material so sehr an- 
gewachsen, daß neben den politisch-geographischen Dar- 
stellungen einzelner Länder rein statistische ihre volle 
Berechtigung erwiesen und gewonnen haben. 

Je reichere und genauere Angaben die Statistik be- 
sonders durch die statistischen Bureaus gewann, desto 
mehr entfernte sie sich selbst in der Behandlung des 
Geographischsten von der Geographie. Statt zu beschrei- 
ben, gibt sie Zahlen und Maße. Die Form einer Landes- 
grenze, die Gestalt des Erdraumes, den ein Staat bedeckt, 
sind ihr gleichgültig, wenn sie nur dort die Länge in Meilen, 
hier den Flächenraum in Quadratmeilen anzugeben im 
stände ist. Sie will womöglich keine Behauptung ohne 
einen Zahlenbeleg aussprechen und Zahlentabellen ent- 
sprechen ihr mehr als Beschreibungen. Und außerdem 
bringt sie doch das Geographische nur aus dem äußer- 
lichen Grunde, weil Staat und Bevölkerung ohne Boden 
und Begrenzung nicht zu verstehen sind. 

Es ergibt sich hieraus, daß die Statistik um so geo- 
graphischer wird, je aufmerksamer sie dieses Verhältnis 
zwischen Staat und Boden betrachtet. Das Ergebnis sind 



Geographisch-statistische Werke. 149 

dann geographische Beschreibungen mit reichlicher sta- 
tistischer Ausstattung, von denen wir noch neuerdings 
ein in vielen Beziehungen treffliches Beispiel in Hunters 
The Indian Empire (2. Ausg. 1886) haben erscheinen 
sehen. An Wappäus' Brasilien (1870) als ein Werk, das 
so recht unter dem Einflüsse des göttingischen statisti- 
schen Genius loci entstanden ist, sei hier ebenfalls er- 
innert. Es wird immer als ein sehr gutes Beispiel der 
möglichst innig sich durchdringenden geographischen und 
statistischen Behandlung gelten dürfen. Künftig wird 
vielleicht daraus die Lehre gezogen werden, daß die beste 
Darstellung eines Landes nur in der Verbindung der 
geographischen und statistischen Methode zu erreichen ist. 
Ein vorwiegend statistisches Werk, wie C. F. W. Die- 
tericis Handbuch der Statistik des preußischen Staates 
(1861), erteilt in seiner Trefflichkeit und Einseitigkeit die- 
selbe Lehre. Dietericis Definition: die Statistik hat die 
Aufgabe, den gegenwärtigen Zustand eines Staates als eines 
solchen in Zahlen und Thatsachen darzustellen 3 ), bedürfte 
aber der Erweiterung „in Zahlen, Thatsachen und Auf- 
deckung seiner)Beziehungen zur Erde und zu seinem Boden" . 
Mit Thatsachen und Zahlen allein kann keine vollständige 
Darstellung eines Staates gegeben werden, sowenig wie die 
Beschreibung einer Pflanze in Zahlenausdrücken zu fassen 
ist. Hochzivilisierte Staaten, deren statistische Aemter 
jeder Bewegung und Regung zählend nachgehen, mögen 
neben der geographischen Beschreibung den statistischen 
Almanach hervorrufen. Ein Buch wie „das Königreich 
Württemberg" 4 ) zeigt aber doch wieder, wie hoch eine 
wissenschaftliche Verbindung beider über der einseitig 
geographischen oder statistischen Behandlung steht. Nun 
gibt es Länder, über welche nur sehr wenige statistische 
Zahlen zur Verfügung stehen und deren Beschreibung 
daher der Statistiker unterlassen muß. Wir erinnern 
an ein Land wie China, dessen Areal nur in einer großen 
runden Zahl zu geben, dessen Bevölkerung nicht genau 
bekannt ist und von dessen Wirtschaftsleben nur der 
Außenhandel der offenen Häfen wissenschaftlich kontrol- 
liert wird. Nur die Geographie kann allen Ländern der 



150 Unvollkommene Zählungen. 

bekannten Erde beschreibend gerecht werden und da weit- 
aus der größte Teil der Erde von Ländern eingenommen 
wird, über welche man keine genauen statistischen Daten 
besitzt, ist die Aufgabe der Geographie neben der Sta- 
tistik selbst räumlich noch eine sehr große. 

Unvollkommene Zählungen. Wir kehren zur Bevöl- 
kerung der Erde zurück. Zahlreiche Völker kümmern 
um ihre eigene Zahl sich ebensowenig wie um diejenige 
der Nachbarn, andere legen ausschließlich aus praktischen 
Gründen Wert auf Zählungen, die ungenau, weil ohne 
Wissenschaft unternommen sind. Dort tritt der Zustand 
ein, den am treffendsten der Sultan von Sansibar auf 
Guillains Frage nach der Bevölkerung von Sansibar be- 
zeichnete, indem er sagte: Wie könnte ich das wissen, da 
ich nicht einmal weiß, wie viele Personen in meinem Haus 
wohnen? Eine genaue Volkszählung ist nur auf einer 
hoben Stufe der Kultur denkbar. Ist doch selbst im ge- 
bildetsten Europa die wissenschaftliche Bevölkerungs- 
statistik eine junge Pflanze. Nehmen wir 1749 als Jahr 
der ersten Volkszählung in Schweden, so sind die ersten 
genauen Bevölkerungszahlen noch nicht 150 Jahre alt. 
Es ist bezeichnend, daß unter allen europäischen Ländern 
die Türkei am wenigsten genau nach ihrer Bevölkerungs- 
zahl bekannt und Konstantinopel die einzige Großstadt 
unseres Erdteiles ist, deren Bevölkerung nur geschätzt 

werden kann. 

Hermann Wagner hat im 6. Heft der „Bevölkerung der Erde" 
alle Länder zusammengestellt, in denen bis Anfang des Jahres 
1880 Volkszählungen stattgefunden hatten. Diese Liste umfaßt 
alle europäischen Staaten mit Ausnahme Rußlands, der Türkei und 
der Balkanstaaten. 1879 hat Griechenland, 1887 Serbien, 1888 
Bulgarien eine Volkszählung vorgenommen. Montenegro hat eine 
Volkszählung veranstaltet, deren Ergebnisse nicht veröffentlicht 
wurden. In Amerika fuhrt Wagner Grönland, Ober- und Unter- 
Canada, die Vereinigten Staaten, die englischen, französischen, 
spanischen, dänischen Kolonien (zweifelhaft Surinam), Guatemala, 
S. Salvador, Venezuela, Colombia, Peru, Chile, Argentinien, Para- 
guay und Brasilien auf. Es bleiben also der vorstehend nicht auf- 
geführte Teil von Britisch-Nordamerika einschließlich des gesamten 
arktischen Amerika, Alaska, Mexiko, Honduras, Costarika, Nika- 
ragua, Ecuador, Bolivien und der zu jener Zeit zwischen Chile und 



Schwierigkeit der Zählungen . 151 

Argentinien streitige Strich südlich von beiden Staaten bis Kap 
Hoorn ohne Zählung. Außer Alaska und den früheren Hudsonsbai- 
ländern sind alle diese Staaten hinsichtlich der Zählung in dem 
Zustande von 1880 insofern geblieben, als auch da, wo Zählungen 
vorgenommen wurden, wie in Ecuador und Bolivien, die wilden 
Indianer nicht mitgerechnet wurden. In Afrika sind nur Algier, 
Unterägypten, französische Senegalbesitzungen, Kapland, Kaffraria, 
Natal, Basuto- und Griqualand, Madeira, Oanarien, Capverden, 
St. Helena, Reunion und Mauritius gezählt. In Asien der größte 
Teil der russischen, englischen, französischen Besitzungen, Samos, 
Java, Japan. In Australien die englischen Kolonien, dann Hawaii, 
Tahiti, Marquesas und (teilweise) Paumotu. Zieht man Rußland 
hinzu, so waren also damals von 1446 Millionen 626, also noch 
nicht die Hälfte gezählt. Für die oberflächliche Anschauung 
scheinen indessen viel mehr Millionen den „gezählten" zuzurechnen 
zu sein. Geben nicht die statistischen Tabellen und Almanache 
für eine Reihe von Ländern, die im Vorstehenden nicht genannt 
sind, die Bevölkerungszahlen mit großer Sicherheit? Sogar die 
Statistik operiert mit Zahlen, welche nicht als Ergebnisse genauer 
Zählungen betrachtet werden. Nicht die geringe Zahl der Ge- 
zählten ist geeignet, Staunen zu erwecken, sondern es befinden 
sich in diesen 626 Millionen gar manche, die wir nur auf guten 
Glauben hinnehmen, und diese Mangelhaftigkeit der Bevölkerungs- 
zahlen wird auch nicht so bald zu beheben sein. 

Die Zählungen sind nicht bloß eine Frage des guten Willens 
und der Einsicht der Behörden eines Landes. Es gibt Verhält- 
nisse, die das ernsteste Streben nach Erlangung richtiger Volks- 
zahlen vereiteln. Und hauptsächlich können alle Länder, in denen 
es nomadische Bevölkerungen gibt, als solche bezeichnet werden, 
deren Volkszählungen niemals vollkommen sein können. Selbst 
in den stolzen Censusbänden der Vereinigten Staaten von Amerika 
bilden die Indianer immer den , dunkeln Fleck". Die schwanken- 
den Zahlen der nichteuropäischen Bevölkerung Algiers (1851 
2323085, 1856 2 307 349, 1861 2 732851, 1872 2125 052, 1877 
2 472 129) sind immer nur als annähernd richtig angesehen worden, 
und Kenner der Schwierigkeiten einer Zählung in einem großen- 
teils steppenhaften, von Wanderstämmen dünn bewohnten Gebiet 
haben denselben niemals großes Gewicht beigelegt. Zudem ist in 
der Gesamtzahl für Algier immer noch als „Complement pour le 
♦Sahara algerien jusqu'au 30 me degre de Lat." eine willkürliche 
Zahl enthalten 5 ). Dieselben Schwierigkeiten stellen sich den 
Zählungen in den ebenfalls steppenhaften Gebieten Zentralasiens 
ebenso entgegen, wie in dem Archipel kleiner Inseln der Pau- 
motu, deren Bewohner zu häufigen Umsiedelungen gezwungen 
sind. Auf welchem Grunde die anspruchsvollen Bevölkerungs- 
zahlen europäischer Kolonien dort ruhten, wo ein Antrieb zu ge- 
nauen Feststellungen weder bei den Herrschenden, noch bei den 
Beherrschten sich fand , läßt uns die „Studie zur Bevölkerungs- 
statistik der Philippinen" erkennen, welche F. Blumentritt veröffent- 



152 Schätzung der Bevölkerungszahlen. 

lichte G ). Wir sehen, daß alle Angaben vor 1876 sich auf den Steuer- 
census stützten, welcher nur die wirklich zahlenden umfaßte, d. h. 
die Familien und erwachsenen Ledigen der unterworfenen und 
nicht durch Privilegien steuerfreien Stände. Man kann sich keine 
schwankendere Basis vorstellen. Steuerfrei waren nämlich die 
Weißen und deren Mischlinge, die Vorsteher der Chinesen- und 
Malayengemeinden, die Nachkommen der von den Spaniern deposse- 
dierten Fürsten, sowie besonders verdienter Eingeborener, die 
Kinder, Greise, Krüppel und Bresthaften und stelbstverständlich 
alle ununterworfenen Stämme. Selbst ganze Ortschaften, wie z. B. 
die Stadt Cebü, waren steuerfrei. Welche Fehler in die Listen der 
Tributzahlenden die gerade auf den Philippinen üppig wuchernde 
Korruption willkürlich hineinbrachte, ist nur zu ahnen. 

Schätzung der Bevölkerungszahlen. Wenn es als 
festgestellt gelten muß, daß eine genaue Bestimmung der 
Bevölkerungszahl nur innerhalb der höchstkultivierten 
Gemeinschaften der Erde, d. h. im größten Teil von Eu- 
ropa und in einigen europäischen Tochterstaaten und 
Kolonien möglich ist, so muß es als eine wissenschaft- 
liche Aufgabe, die in vorderster Reihe ihren Platz nimmt,, 
angesehen werden, die Bevölkerungszahlen in Gebieten, 
wo regelrechte Zählungen nicht stattfinden, mit dem 
größtmöglichen Grade von Wahrscheinlichkeit zu bestim- 
men. Und um so mehr ist dies geboten, als wir noch 
für viele Jahrzehnte auf Zählungen von europäischer Güte 
in dem größten Teil der Erde nicht rechnen können. 
Die Wissenschaft kann nicht immer das absolut Sichere 
erreichen, sie muß sich zwischendurch mit Erkenntnissen 
von nur annäherndem Werte begnügen. Und es gibt 
etwas Mittleres zwischen mythischen Volkszahlen, die mit 
Begriffen wie Sand am Meere oder wie Sterne am Him- 
melszelt umgehen, und den Ergebnissen wissenschaftlicher 
Zählungen. Es ist eine Aufgabe, freilich eine beschei- 
dene, die die Wissenschaft sich stellen darf, in dieser 
Mitte das Ziel einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu er- 
reichen, mit welcher man sich begnügen kann, bis Besseres 
errungen ist. In der Lösung dieser Aufgabe wird aber 
die Geographie wohl den ersten Schritt zu thun haben. 

Die Geographie ist dankbar für genaue Bevölkerungs- 
zahlen, sie kann aber ohne dieselben weit gehen. Die 
Unterscheidung von dünn und dicht bevölkerten Gebieten 



Die geographische Schätzung. 153 

ist für ihre Zwecke häufig genügend. Die geographi- 
schen Karten der Bevölkerungsdichtigkeit bieten ja auch 
nicht mehr als Abstufungen zwischen den Extremen Un- 
bewohnt und Dichtbewohnt. Und für den Geographen 
ist es viel wichtiger, auf einer Karte der Bevölkerungs- 
dichtigkeit Europas den dünnbevölkerten Schwarzwald sich 
durch irgend einen Ton oder Schraffierung vom dichtbe- 
völkerten Rheinthal abheben zu lassen, als die Bevölke- 
rungsstufe, in der sie beide verschmolzen sind, mit einem 
Zahlenausdruck für den Bezirk Freiburg genau bezeichnet 
zu finden. • Im Zweifelsfalle zieht er eine deutliche Ant- 
wort auf seine Frage Wo? den bis auf die Einer ge- 
nauen Zahlenangaben vor , die bloß auf Wieviel ? ant- 
worten. 

Diese geographische Auffassung tritt in ihr volles 
Recht, sobald es sich um Länder handelt, deren Bevölke- 
rung zu einem großen Teile nur geschätzt werden kann. 
Hier steht in erster Linie Afrika, dessen Bevölkerung 
überhaupt in keinem einzelnen Gebiete, in keiner Kolonie 
mit europäischer Genauigkeit gezählt ist und wo inmitten 
großer Unterschiede und Schwankungen die Auffindung 
einer Gesamtsumme der Bevölkerung, auch wenn sie mög- 
lich wäre, viel weniger wichtig ist als die Einsicht in die 
dauernde Ursache jener Unterschiede und den Betrag der 
Schwankungen. Die Bevölkerungszahl Afrikas wird erst 
eine ferne Zeit feststellen, welche den Verwaltungsapparat, 
wie eine Volkszählung ihn voraussetzt, über den ganzen 
Kontinent ausgebreitet haben wird. Auf lange hinaus 
werden wir schätzen müssen. Aber es ist der Wissen- 
schaft nicht zuzumuthen, sich lange mit so unsicheren 
Zahlen zu schleppen, wie die 29 Millionen, welche Stanley 
für den Congostaat nach dem Satze von 770 auf der 
Quadratmeile annahm. Die geographische Schätzung 
greift auf das Material von Aufzeichnungen zurück, wel- 
ches in den Reiseberichten zuverlässiger Beobachter sich 
darbietet und weist an dessen Hand den dichten und den 
dünnen Bevölkerungen, die wirklich beobachtet sind, ihre 
Stellen auf der Karte an. Unbeschadet zeitlicher Ver- 
schiebungen bezeichnet sie so im ganzen die Gebiete, in 



154 Die Bevölkerungskarte des Geographen. 

welchen immer wieder dichte Bevölkerungen sich sammeln 
werden und sondert jene aus, welche niemals überhaupt 
bewohnt oder doch nicht anders als dünn bewohnt sein 
können. So schafft sie eine geographische Bevölkerungs- 
karte, die ihre Ergänzung in dem die gezählten und ge- 
schätzten Zahlen vereinigenden und kritisch besprechen- 
den Texte finden wird. Ob dabei mehrere Stufen der 
Bevölkerungsdichtigkeit unterschieden und gezeichnet wer- 
den können, wird wesentlich von dem Material an Schätzun- 
gen abhängen, über welches man zu verfügen hat. Vor 
allem wird es immer wichtig sein, Einblick in die Er- 
gebnisse jener spärlichen Zählungen zu erhalten, welche in 
von Naturvölkern bewohnten Gebieten zu Zeiten vorgenom- 
men wurden, wo diese zum erstenmal in europäische Hände 
kamen, wie z. B. Kaffraria, Natal, Neumexiko, Alaska. An 
zweiter Stelle müssen die zuverlässigsten Schätzungen be- 
rücksichtigt werden. Und endlich ist an die Anthropogeo- 
graphie die Anforderung zu stellen, aus Vergleichungen 
mittlere Dichtigkeitszahlen zu ziehen, welche typisch sind 
für gewisse natürliche oder kulturliche Bedingungen. Ist 
endlich eine wahrscheinliche Gesamtzahl für ein größeres 
Gebiet, wie z. B. Afrika, zu gewinnen, so ist dieses 
statistische Ergebnis als ein sehr wünschenswertes Neben- 
produkt anzustreben. 

Fehlerquellen der Schätzungen. Die Aufgabe der Be- 
völkerungsschätzung ist weder in den statistischen Hand- 
büchern noch in den meisten Anleitungen zu wissenschaft- 
lichen Beobachtungen erwähnt, geschweige denn gestellt 
und mit. Bezug auf die Quellen des Irrtums und das 
Maß des Erreichbaren näher definiert. Selbst in guten 
Handbüchern werden die Bevölkerungszahlen unverzeih- 
lich vernachlässigt. So in Meineckes „Inseln des Stillen 
Ozeans", wo man alles andere, Pflanzen, Tiere, Steine, 
Riffe eher besprochen findet als die bedeutendste 
Thatsache der Bewohntheit oder Unbewohntheit. Nicht 
selten bleibt man ganz im unklaren über dieselbe. 
Wenn der Pundit, welcher 1876 von Leh nach Lhassa 
reiste, einmal 2000 Antilopen zählte, aber von den 



Fehlerquellen der Schätzungen. 155 

Einwohnerzahlen von Lhassa etc. gar nicht spricht, so 
kann man das dem Indier verzeihen, der ja nur ein- 
seitig wissenschaftlich abgerichtet ist, aber jene, welche 
ihn aussandten, sind zu tadeln, daß sie ihn nicht darüber 
aufklärten, wieviel wichtiger es sei, die Zahl der Men- 
schen in Tibet als diejenige der Antilopen zu erfahren. 
Und doch wäre so viel über die Irrtümer zu sagen, denen 
der Beobachter bezüglich der Volkszahlen ausgesetzt ist. 
Vor allem ist nicht zu vergessen , daß vieler Völker 
Merkzeichen die größte Beweglichkeit ist, welche an 
einer Stelle eines Landes sie in Masse auftreten läßt, 
während die anderen zeitweilig leer blfciben. Wer im Winter 
die Alpen bereist, findet sie jenseits 1000 Meter mit Aus- 
nahme einiger Hospize menschenleer, wer im Sommer 
dieselben durchzieht, gewinnt den Eindruck des regsten 
Lebens auf Straßen und Wegen. In viel größerem Maße 
nötigt die Viehzucht auf den Steppen und in heißen 
Ländern zum Wandern und so sind die Ufer des oberen 
Nil bei den einen als völkerreich geschildert, während 
andere, die zu anderer Zeit des Jahres reisten, dieselben 
als fast menschenleer mit gleichem Rechte bezeichnen. 
So wurden auch die Steppen oft völkerreich genannt 
(„jene völkerreiche tatarische Höhe", Herder 7 ), weil die 
Beweglichkeit der plötzlich auf irgend einem Fleck in 
Masse hervorbrechenden Mongolen oder Turkvölker in 
dauernde Zahl umgesetzt ward 8 ). In Wirklichkeit aber 
gehören sie zu den menschenärmsten Gebieten. Wie groß 
die Irrtümer hier werden können, zeigt die eine That- 
sache, daß die Nomaden innerhalb weniger Jahre ihre 
Wohn- und Weideplätze um zehn bis zwanzig Breite- 
grade, das ist 2 bis 3 mal die südnördliche Ausdehnung 
Deutschlands verschieben können. Als Richardson b ) 
meldete, daß das Hauptthal Tibestis 5000 Seelen zähle, 
fügte er ausdrücklich hinzu, daß die Wüstenstatistik wenig 
Vertrauen verdiene. Vorzüglich möchte diese Erinnerung 
gegenüber der Schätzung Barths, daß es 1 Million Tibbu 
gebe, am Platze sein. 10 ) 

Es wären auf der anderen Seite sicherlich nicht so 
viele Teile der Erde als unbewohnt angesehen worden, 



156 Veränderliche Bevölkerungen. 

wenn nicht die Dünnheit der Bevölkerung viele Striche 
den oberflächlichen Beobachtern als unbevölkert erscheinen 
ließe. So wurde die Gegend am Rio Negro (Patagonien) 
öfter besucht, ohne daß Eingeborene getroffen worden 
wären * *), und daher für unbewohnt erklärt. Unsere 
Betrachtungen über unbewohnte Inseln haben uns ähn- 
liche Fälle kennen gelehrt. Vergl. o. S. 69. Ferdi- 
nand Müller, der sehr erstaunt war, auf 4 ^monat- 
lichen Reisen im Olenekgebiet kaum eine Seele gesehen 
zu haben, erfuhr später, daß die Anwohner des Flusses 
aus Furcht vor den Eindringlingen, deren Zweck nie- 
mand kannte, sich verborgen gehalten hatten 12 ). Niemals 
wird wohl entschieden werden, ob Grönland so voll- 
kommen unbewohnt war, wie die Normannen es im Jahre 
der ersten Besiedelung durch Erich den Roten 982 ge- 
funden haben wollen. In Gebieten, die so dünn bewohnt 
sind und wo Hunger und Krankheit so häufig auftreten, 
wo Reisen ganzer Familien über Hunderte von Meilen in 
Einer Jahreszeit keine Seltenheit, könnte die Bewohner- 
schaft überhaupt intermittierend sein. Das Aussterben der 
normannischen Kolonisten in Grönland gibt nicht allein ein 
Beispiel dafür, auch ihr Zurückziehen aus Markland und 
Vinland ist bezeichnend. 

Ebenso leicht wie die Beweglichkeit der Völker im 
Raum wird auch die Thatsache ihrer Dauer und ihrer 
Aufeinanderfolge in der Zeit übersehen. Darin liegt die 
Schwierigkeit der Abschätzung nach den Kulturspuren. 
Ein Stück Erdboden, auf welchem im Laufe der Zeit die 
aufeinanderfolgenden Generationen Zeugen ihres Daseins 
hinterlassen haben, kann auf den Nachkommenden leicht 
den Eindruck machen, als ob eine dichte Bevölkerung 
hier gehaust hätte, und doch war dieselbe in jedem Zeit- 
punkte nur gering. Es haben sich eben die Reste ge- 
sammelt und gleichsam verdichtet. So sollen z. B. die 
ausgedehnten Ansammlungen von Muscheln (Kiökken- 
möddinger) auf den Palauinseln das einstige Vorhanden- 
sein einer dichtem Bevölkerung bezeugen. Sie können 
aber hierin irre führen, da es zu ihrer Anhäufung nur 
langer Zeiträume und weniger Hände bedurfte. Solche 



Schätzung nach Kulturspuren. 157 

Täuschungen sind noch eher bei Völkern möglich, die 
der auf einem tiefgewurzelten Aberglauben ruhenden Sitte 
huldigen, ihre Hütten oder Häuser zu verlassen, wenn 
darin ein Angehöriger gestorben war, um sich hart da- 
neben anzubauen, und deren Könige ganze Residenzstädte 
veröden lassen, um der Furcht vor dem Geiste des- 
selben ferner zu sein Man hat Gründe, anzunehmen, daß 
in ähnlichem Aberglauben die Altaraerikaner in Peru, 
Ecuador und Mexiko befangen waren, weshalb es min- 
destens als sehr unvorsichtig zu bezeichnen ist, wenn 
man aus ausgedehnten Ruinenstätten gleich eine einst- 
mals dichtere Bevölkerung herauslesen will. Leicht löste 
der Mensch der Vorzeit von seinen Werken sich los. 

Forsyth hat als zwei subjektive Irrtumsquellen bei der 
Schätzung der Bevölkerung in einem Steppenlande wie 
Ostturkestan den plötzlichen Uebertritt aus der Einsam- 
keit und Oede unbewohnter Striche in den Verkehr der 
Städte und den entsprechenden Uebergang aus der baum- 
losen Steppe in die üppigen Baumpflanzungen der Um- 
gebungen der festen Niederlassungen geschildert 13 ). Daß 
Ueberfluß an Bäumen nicht auch Ueberfluß an Menschen 
bedeutet, sieht man leicht ein, wiewohl allerdings kein 
einziger von all diesen Bäumen ohne die Pflege des 
Menschen da wäre. Und daß gerade in den dünnbevöl- 
kerten Steppengebieten die Bewohnerschaft der Städte, 
in denen unmerklich die Ruinenstätten in die Behausungen 
der Lebenden übergehen , von außerordentlich schwan- 
kender Größe ist, wird uns in einem späteren Abschnitte 
an manchen Beispielen klar werden. Hier mögen auch 
die Spuren der gegenwärtigen, noch fortlebenden Kultur 
zu erwähnen sein. 

Im allgemeinen ist es natürlich, daß dichte Bevöl- 
kerungen unterschätzt werden, ebenso daß dünne Bevöl- 
kerungen leicht größer erscheinen, als sie sind. Jene 
sind gleichmäßiger, diese ungleichmäßiger verteilt, oft 
zusammengedrängt. In der engen Wechselbeziehung 
zwischen Dichtigkeit der Bevölkerung und Kulturhöhe 
liegt es begründet, daß wir die Bevölkerungszahlen dicht- 
bevölkerter Länder besser kennen als diejenigen dünn 



158 Ueber- und Unterschätzungen. 

bevölkerter oder ungleich bevölkerter. Die Ueberschätzung 
der letzteren ist eine Folge davon. Dazu kommt die 
subjektive Fehlerquelle, welche in der Abneigung liegt, 
nach oben oder unten von bekannten mittleren Verhält- 
nissen weit abzuweichen. 

Vor den genauen Volkszählungen Indiens wurden die Be- 
völkerungszahlen der dichtbewohnten Gebiete weit unterschätzt. 
Für Audh gab Thornton 2970000, Campbell 5 Millionen, endlich 
die erste Statistik 8 071 075 Einwohner. Seitdem ist Audh (1877) 
mit den Nordwestprovinzen vereinigt worden; 1881 zählte man in 
den 3 Bezirken Lucknow, Sitapur und Faisabad 8630877 Einwohner. 
Für Bengalen hat man noch 1871 40 Millionen angenommen, wäh- 
rend die Zählung von 1872 schon 64 Millionen ergab, ebenso über- 
traf die letztere die Annahme von 11 Millionen für die Präsident- 
schaft Bombay um 5 Millionen. Die Schätzungen der Bevölkerung 
von Birma in den Grenzen von 1823 betrugen 8 Millionen bei Cox 
und 3,7 bei Balbi, nachdem Symes sogar 17 und Aeltere 30 Mil- 
lionen angenommen hatten. Heute zählt Britisch- Birma, das im 
Vergleich zum nahen Bengalen immer dünn bevölkert war, nach 
starker Zunahme 3700000 und Ober-Birma erst 1 675 000 14 ). 

Die Schätzungen Cooks, der Forster, Vancouvers und 
ihrer Zeitgenossen sind fast ausnahmslos übertrieben. Sie 
lernten alle zu wenig von dem Inneren der Inseln kennen, 
deren dichte Uferbevölkerung ihnen maßgebend für die 
Gesamtfläche erschien. Daher Annahmen, die uns ganz 
unbegreiflich vorkommen, wie 400000 für die Hawaii- 
scheninseln (Cook), 120—200 OOOfürTahiti (G. Forster) 15 ). 

In einem Schriftchen; „Are the Indians dying out u , das offi- 
ziellen Ursprungs ist 16 ), sind die Hauptgründe im einzelnen ge- 
nannt, warum besonders die Reisenden und Ansiedler der früheren 
Jahrhunderte in Nordamerika eine so auffallende übereinstimmende 
Neigung zu übertreibenden Schätzungen der Bevölkerungszahl der 
Indianer bekunden : Kriegerische und friedliche Unternehmungen 
der Europäer lockten große Volksmengen auf einem Punkt zu- 
sammen, besonders der Handel war in dieser Beziehung sehr wirk- 
sam , die Europäer siedelten sich an denselben Stellen an , deren 
gute Gelegenheit schon den Indianern eingeleuchtet hatte; die 
Indianer selbst hatten meist ein starkes Interesse, ihre Zahl zu 
vergrößern, und das gleiche Interesse wohnte vor allem in der Zeit 
mangelhafter Entwickelung auch vielen Missionaren und Schrift- 
stellern inne. Auch dadurch, daß derselbe Stamm verschiedene 
Namen führte, wurde die Volkszahl übertrieben angenommen. Dieser 
Fehlerliste kann man hinzufügen, daß in Ländern mit unvollkom- 
menen und vor allem unwissenschaftlichen Bevölkerungsschätzungen, 
wie China, die Tendenz der falschen Bevölkerungsangaben seitens 



Gründe der Ueberschätzungen. 159 

der Beamten in der Regel eine herabmindernde ist, um weniger 
Steuern abführen zu müssen, als bezahlt werden. Kommen aber 
etwa bei Hungersnöten Unterstützungen zur Verteilung, dann 
schnellen die Zahlen mächtig wieder hinauf 17 ). 

Endlich aber ist eine der größten Fehlerquellen in 
der herkömmlich unsicheren Ausdrucksweise zu suchen, 
welche Aussagen ohne geographische und arithmetische 
Definition macht. Mit wahrhaftem Bedauern liest man 
derartige Angaben, mit denen buchstäblich nichts anzu- 
fangen ist. Statt zu sagen, unser Weg führt durch ein 
dichtbevölkertes Land, sollte man wenigstens sagen, auf 
unserem Wege lagern so und so viele Dörfer oder Höfe 
und es sollte nicht unmöglich sein, die Ausdehnung 
des Gesichtskreises zu schätzen und die Zahl der Wohn- 
plätze, welche derselbe umschließt, zu bestimmen. „Egga 
is of prodigious extent and has an immense popu- 
lation", schreibt Richard Lander, der allerdings kein 
hervorragender Beobachter war, in seinem ersten Be- 
richt über die Nigerexpedition von 1830/31 18 ). Es ist 
nicht möglich, den Worten „prodigious" und „immense* 4 
irgend etwas Greifbares unterzulegen, denn diese sind 
nicht nur unbestimmt, sondern übertreibend. Genest 
meldet 19 ) nach Jacobsens Aufzeichnungen, daß dieser an 
manchen Stellen „unzählbare" Mengen der Hütten der 
Golden gesehen habe. Die Zahl der Golden schätzt aber 
Rittich auf 3000 , Jacobsen nimmt auch nur 6000 an. 
Die Dörfer sind meistens klein, 3 — 4 Hütten, doch kommen 
auch welche mit der 5— 6fachen Zahl der Wohnungen 
vor. Wie rechtfertigt sich da der Ausdruck unzählbar? 
Solchen unverwertbaren Angaben stellen wir die Notizen 
gegenüber, die ebenfalls auf ziemlich flüchtiger Reise 
Kryschin zusammenstellte, der in Ermangelung einer ge- 
nauen Zählung zum Beweis der Verschiedenheiten in der 
Dichtigkeit der Bevölkerung auf dem Wege von der Tun- 
guskamündung bis Jenisseisk auf 75 Werst 15 Dörfer 
mit 530 Höfen, von Bratskij-Ostrogg bis zur Tunguska- 
mündung auf 1060 Werst 70 Dörfer mit 1320 Höfen, 
von Irkutsk bis Bratskij-Ostrogg auf 540 Werst 127 
Dörfer mit 4000 Höfen 20 ) aufführt. Das sind Angaben, 
welche sich kartographisch auftragen lassen. 



1(50 Ungenaue Ausdrucksweise. 

Methoden der Schätzungen. Der Mittel, um zur 
Schätzung der Zahl einer Bevölkerung zu ge- 
langen, sind es mancherlei. Gemeinsam ist indessen allen, 
daß sie mit der größten Vorsicht angewandt werden 
müssen und keines von ihnen ist untrüglich, weshalb man 
die durch Schätzung erhaltenen Zahlen sofort beiseite 
legen muß, wenn man sie durch das Ergebnis auch nur 
halb zuverlässiger Zählungen ersetzen kann. Ist man 
aber in der Lage, solche Zahlen zu benutzen, dann sollte 
man niemand einen Zweifel darüber lassen, daß die- 
selben nicht zu Schlüssen von derselben Sicherheit be- 
rechtigen wie die Ergebnisse von Zählungen. Ebenso- 
wenig sollten die beiden Arten von Zahlen zusammen- 
geworfen werden, wie es in einer ganzen Anzahl von 
sogen. Volkszählungen in außereuropäischen Ländern ge- 
schieht. 

Die einzelnen Menschen sind beweglich, sie ent- 
gehen leicht dem zählenden Auge, indem sie sich in 
der Landschaft verlieren, es ist schwer möglich, sie un- 
mittelbarer Zählung zu unterwerfen, wohl aber sind ihre 
Wohnstätten leichter sichtbar und minder beweglich. 
Die Schätzung geschieht daher am leichtesten und er- 
folgreichsten in der Weise, daß man die Zahl der Wohn- 
stätten ermittelt und berechnet, wieviel Köpfe auf jede 
derselben kommen. Hören wir, wie ein wissenschaftlicher 
Reisender, Nordquist, der Begleiter Nordenskiölds auf der 
Vegafahrt, seine Zahl gewann: „Um die Kopfzahl der 
Tschuktschen annähernd zu ermitteln, sammelte ich bei 
verschiedenen Individuen Angaben über die Menge der 
Zelte in den einzelnen Niederlassungen und zog daraus 
das Mittel. Darnach ist die Zahl der Zelte 432; nehme 
ich an, daß durchschnittlich jedes Zelt von fünf Menschen 
bewohnt wird, so würde die Kopfzahl der am Ufer des 
Eismeers lebenden Tschuktschen 2160 oder rund 2000 
betragen.* 4 Er fügt dann hinzu, was wichtig zu wissen, 
daß die Dichtigkeit der Bevölkerung nicht überall die- 
selbe sei. „Die Strecke von der Insel Koljutschin bis 
zum Ostkap hat etwa achtmal soviel Bewohner als die 
Strecke vom Kap Schelag bis zur Insel Koljutschin, ob- 



Methoden der Schätzung. 161 

wohl das letztere Gebiet doppelt so lang ist als das erste. 
Dabei ist zu bemerken, daß die Ufer der Koljutschin- 
toucht während des größten Teils des Jahres nicht be- 
wohnt sind 21 )." Befinden sich nun auch in einer solchen 
Rechnung zwei zu bestimmende Größen, die Zahl der 
Zelte und diejenige der Menschen, welche man als Summe 
der Bewohner eines Zeltes voraussetzt, so ist doch sicher- 
lich in den meisten Fällen eine größere und gefähr- 
lichere Irrtumsquelle in der zweiten Voraussetzung zu 
erkennen als in der ersten. Ausgenommen ist nur der Fall, 
in welchem ein Volk so rasch seine Wohnstätten wechselt, 
wie etwa die West- und Inneraustralier, deren Zahl die 
Reisenden vergeblich aus ihren Feuerstätten zu erschließen 
suchten. Hier muß man froh sein, überhaupt sagen zu 
können, ob das Land bewohnt oder unbewohnt sei. Es 
ist leichter, die Zahl der Zelte oder Hütten eines Lagers 
oder Dorfes zu zählen, als die durchschnittliche Menge 
ihrer Einwohner zu bestimmen. Wird eine bestimmte 
Zahl der letzteren als ständiger Faktor den Multipli- 
kationen unterlegt, aus denen die Schätzungszahlen her- 
vorgehen, so wird der Fehler nur immer vergrößert. 
In der Regel nimmt man die Zahl 5 an, wie auch Nord- 
«quist in dem obigen Beispiel gethan. Die Zahl ist in 
Schätzungen, welche die russische Regierung von ihren 
nomadischen Unterthanen veranstalten läßt, gewisser- 
maßen amtlich beglaubigt und ist in unzähligen anderen 
Fällen, auch bei geschichtlichen Forschungen, in Form 
einer sicheren Größe zur Anwendung gebracht worden. 
Was gibt nun dieser Fünfzahl eine fast unangezweifelte 
Stellung? Sie ist aus einer begrenzten Erfahrung in Ge- 
bieten kultivierter Völker geschöpft, wo auf einen Fami- 
lienhaushalt sich 4 ; 5 bis 6 Personen je nach der Höhe 
der GeburtszifFern berechnen 22 ). Unter anderen Kultur- 
Terhältnissen wird diese Zahl wertlos. Forsyth hat im 
Report of a Mission to Yarkand in 1873 (1875) die 
Zahl der Bevölkerung Ostturkestans nach einer (chine- 
sischen?) Steuerrolle nach dem Verhältnis 7 auf ein 
Haus zu 1015 000 angegeben; hat er selbst Zweifel an 
der Richtigkeit dieser Schätzung erhoben, so bezogen 

Ratzel, Anthropogeographie II. H 



162 Die Kopfzahl der Wohnstätten. 

sich dieselben doch nicht auf diese Verhältniszahl. Um- 
gekehrt hat Chavanne in seinen Schätzungen der Bevöl- 
kerungen des unteren Congolandes zwischen Küste und 
Stanleypool 4 Einwohner auf jede Hütte berechnet 
unter der Annahme, daß die Polygamie ein Privileg der 
Reichen, daß der Kindersegen gering und der Geburten- 
überschuß in dem ungesunden Lateritgebiet überhaupt 
nicht bedeutend sei 23 ). Auf 7 per Jurte kam auch Ru- 
danowsky bei seiner Schätzung der Ainobevölkerung von 
Sachalin 24 ). Und Nachtigal hat für Wadai dieselbe, wahr- 
scheinlich zu große Zahl zu Grunde gelegt. 25 ) Stebnitzky 
stützte sich in einer früheren Uebersicht der kaukasischen 
Statthalterschaft 26 ) für die Bergvölker des daghestanischen, 
kubanschen und Terschen Landstriches auf Hauszählungen, 
die mit 4,5 vervielfältigt wurden. In einigen Listen 
mußte indessen die Häuserzahl aus dem Durchschnitte der 
Dörfer ermittelt oder die Zahl, welche nur männliche 
Bewohner angab, mußte verdoppelt werden. Die Irr- 
tümer werden am größten, wo die Verhältnisse so un- 
bekannt, daß alle in Rechnung kommenden Größen in der 
Luft stehen. So erklärt sich die übertriebene Schätzung 
von Symes, der Birma 14400 000 Einwohner zuschrieb, 
weil er „annahm 44 , daß 8000 Ortschaften mit 300 Häusern 
zu je 6 Einwohnern in Birma seien. 

Die Aufgabe wird noch schwieriger, wenn das Sippen- 
oder Clanhaus mehrere Familien umfaßt, oder wenn die 
Bevölkerung nach Alter und Geschlecht getrennt wohnt, 
oder wie in den Ekanda der Zulu kaserniert ist. Es 
ist sehr wahrscheinlich, daß Semper sich irrte, indem er 
eine Bevölkerung von 10000 für die Palauinseln annahm, 
sich stützend auf die Schätzung von 17 Mann in jedem 
der 213 Kaldebekel des Archipels. Kubary nahm 1873 
nur 5000, zehn Jahre später ca. 4000 an 27 ). 

Aus alledem ist zu schließen, daß es keine allge- 
mein gültige Verhältniszahl zwischen der Wohnstätte und 
ihren Bewohnern gibt, daß dieselbe vielmehr für jedes 
Gebiet wieder zu ermitteln ist, etwa nach der Methode, 
welche Francis Galton bei seiner Reise ins Ovampoland 
anwandte: Er ermittelte in Ortschaften, wo er einige 



Galtons Methode. I(i3 

Tage verweilte, die durchschnittliche Zahl der Bewohner 
eines Hauswesens, zählte oder schätzte die Zahl der Haus- 
wesen in den Orten , die er berührte und zählte durch 
Augenschein oder Erkundigung die Orte, die in einem 
Umkreis von einer bestimmten Meilenzahl um das Haupt- 
quartier existierten. Durch Multiplikation dieser Zahlen 
findet man annähernd die Bewohnerzahl für diesen Um- 
kreis, also für ein der B e wohne rgriiße nach ungefähr be- 
kanntes Gebiet. Eine solche Operation ab und zu einmal 
in verschiedenen Landschaften vorgenommen, würde zu 
einer Reihe von Volksdichtigkeitszahlen führen, die eine 
Grundlage zur Abschätzung ganzer Land erkomplexe ab- 
geben könnten. Schon die Zählung der Orte, welche 
mau auf der Reiseroute durch eine Landschaft passiert, 
ist wertvoll, es laut sich daraus bei der bekannten Länge der 
Reiseroute die durchschnittliche Distanz zwischen den Orten 
ersehen und so für die Landstreifen zu beiden Seiten an- 
nähernd die Zahl der Ortschaften berechnen. 

Derartige Erhebungen über die Wohnstätten 
sind auch in Ländern höherer Kultur anwendbar und es 
ist sicher, daß die Ansichten über die Bevölkerungszahl 
von China nicht so schwankend gewesen sein würden, 
wie sie es leider lange waren, wenn mehr Stichproben 
genommen worden wären. Nur muß dabei doppelt vor- 
sichtig verfahren werden, da die Erscheinung der großen 
Städte hier verwirrend wirkt. Kreitner* 8 ) verglich auf 
seinen Reisen in China die Bevölkerungszahlen der 
Städte, wie sie aus sorgfältig*!- Abschätzung der Häuser 
bei Annahme von 10—15 Insassen sich ergab, mit 
den traditionellen Zahlen und fand immer weniger als 
die letzteren angaben. Indem er nun die gleiche Diffe- 
renz als in der Gesamtbevölkerung vorhanden annahm, 
kam er auf 150 Millionen für die Größe der letzteren. 
Dies ist jedoch nicht der richtige Weg der Schätzung. 
Abgesehen davon, data die Schwierigkeit der Schätzung 
in Städten am größten, weshalb diese als Ausgangspunkte 
am ungeeignetsten, sind auch Bevölkerung der Städte 
eines Landes und Bevölkerung des Landes insgesamt 
zwei ganz unabhängige Größen, ohne bestimmtes sicheres 



ltJ4 Erhebungen über ilie Wohnstätten. 

Verhältnis zu einander. Viel vorsichtiger verfuhr der 
britische Konsul Garduer in Tschifu, welcher die angeb- 
lichen 20 Millionen der Provinz Schantung prüfte. Er 
zählte auf einem Kaum von ca. 100 engl. Quadrat- 
meilen die Häuser und kam zu dem Ergebnis, daß jene 
Angabe keineswegs unglaubwürdig, vielleicht sogar wahr- 
scheinlich sei. 

Aus verschiedenen Gründen ist diese sicherste Methode 
der WoliiiflüH-ciiseliiitzimg häufig schwer anzuwenden. 
Nicht jedem Beobachter ist ruhige Zählung der Dörfer 
und ihrer Häuser vergönnt. Besonders in den Tropen, 
wo häufig die die Wohn statten einhüllende Vegetation um 
so dichter, je größer die Bevölkerung, und wo die Frucht- 
und Schattenhaine statt der vou ihuen verhüllten Dörfer 
im Landschaft *biMi.' ei\scb einen, ist der Ueberblick Über 
die im Grün versteckten Wohnstätten sehr schwer. Eckardt 
hat dies in seiner Arbeit Über die Salomonsinseln mit 
ihrem „von so unermeßlich üppiger Vegetation bedeckten 
Terrain" besonders betont. Hier kann dann die Abschätzung 
der Kulturen einen ungenügenden Ersatz gewähren. 
Eckardt hat in dem angeführten Beispiele die Schätzung 
der Ausdehnung der Kokospilanzungen vorgeschlagen, 
von deren Erträgen die Bevölkerung dieser Inseln in 
mehrfacher Beziehung abhängt 83 ). Das ist so, wie wenn 
P. J. Vetb aus der Ausdehnung der Ueisländer von Sigin- 
tur am Batang Hari schließt, daß jenes sehr bevölkert 
sei 3 "). Kann man damit überhaupt weiter als bis zu der- 
artigen allgemeinen Ausdrücken kommen - !' A. Meitzen 31 ) 
legt besonderen Wert auf die Schätzung der Zahl der 
Arbeitshände, welche für die Bebauung bestimm- 
ter Bodenflächen und für -die Ernte von denselben not- 
wendig sind, verkennt aber nicht die Schwierigkeiten, 
welche aus der Verschiedenheit der Arbeitsweise sich er- 
geben müssen. Gegenüber den Völkern auf tiefer Stufe 
der Kultur halten wir diese Methode für nicht anwendbar, 
weil ihr Bodenbau gering, veränderlich und nur einem 
Teile der Gemeinschaft, sei es den Weibern oder Sklaven, 
übergeben ist. In einem Lande wie England, wo kleine 
Strecken von intensiver Kultur hart neben ausgedehnten 






Abschätzung der Kulturen. 165 

Brachfeldern liegen , ist die Schätzung der Bevölkerung, 
welche jene bearbeitet, vielleicht noch schwieriger. Sie 
würde vielleicht am ehesten in so dicht bevölkerten und 
intensiv kultivierten Provinzen Chinas, wie Schantung oder 
Schansi, möglich sein, wo von der gleichen Fläche gleich- 
gearteten Bodens gleiche Volkszahlen nach weitverbreiteter 
alter Gewohnheit leben. 

Die Bewegung der Bevölkerung ist eine zu 
schwankende Thatsache, aus welcher wenig Festes für 
unseren Zweck zu gewinnen ist. Von Land zu Land 
stehen Geburts- und Todeszahlen in anderem Verhältnis 
zur Bevölkerung. In europäischen Staaten schwanken 
die Geburten zwischen 1 : 17 und 1 : 40, die Todesfälle 
zwischen 1 : 30 und 1 : 58 und die Zahl der 00— 70Jäh- 
rigen zwischen 36,5 und 73,4 auf 1000. Wie unerwartet 
verschieden die Verhältnis zahl der heiden Geschlechter in 
einem Volke sein könne, werden wir später zu betrachten 
haben. Sicher ist es, daß alle diese b e Völker ungs statisti- 
schen Verhältnisse weit entfernt von einer Beständigkeit. 
sind, welche Schlüsse aus einem Element auf die übrigen 
zuliehe. 

Ganz unzuverlässig sind die Versuche, aus dem Ver- 
brauche notwendiger oder wenigstens allgemein begehrter 
Gegenstände auf die Größe einer Bevölkerung zu schließen. 
In Mexiko z. B. braucht allerdings jeder Indianer ein seit 
lange genau festgesetztes Mal.'; von Mant.a, grobem Baum- 
wollenstoff, für seine Bekleidung, das in der Regel all- 
jährlich erneuert wird. Wer möchte aber die Fälle ab- 
schätzen, in denen das ohnehin schon bald beschmutzte 
oder zerfetzte Gewand auch länger getragen wird? Man 
kommt der Möglichkeit der Schätzung näher, wo die Re- 
gierung geordnet genug ist, um eine Steuer gleichmäßig 
zu verteilen, wobei am häufigsten die Hütten und Zelte, 
die Herden, die Aecker und ihre Erträge, in Segseg die 
Hacken, von denen man annimmt, daß eine 6 Menschen 
ernähre, zu Grunde gelegt werden. Crawfurd hat nach 
der Menge des verbrauchten Petroleums A2 ) für Birma 
und Pegu eine Bevölkerungszahl (ca. 2100000) geschätzt, 
welche der Wahrheit «ehr nahe kam. 



Jtjlj Schätzung nach Verbrauch und Steuer. 

Die Schätzungen der Bevölkerung Bosniens und der 
Herzegowina hatten von 1867—1879 zwischen 1240000 
und 900000 geschwankt. Die Zählung der Oester- 
reicher ergab gleich nach der Occupatio!! (1879) 1 158000. 
Aber diese Schätzungen mit Zugrundelegung der Tribut- 
zahlungen haben doch häufig auch sehr unrichtige Er- 
gebnisse geliefert. So gingen die Spanier bei ihren 
Schätzungen der Bevölkerung der Philippinen von der An- 
nahme aus, daß auf je 1 Tributzahler (i Einwohner zu 
rechnen seien, vervielfältigten also die Zahl der ersten 
mit G. Schon A. B. Meyer hielt dieses Verhältnis für 
vielleicht etwas zu hoch" 3 ) und seine Bedenken haben 
sich bestätigt. Auf diese Art haben die Japaner ihre 
frühere Zahl von 16000 für die Aino von Jesso er- 
halten. Eine andere Methode der Schätzung ist die 
nach den Waffenfähigen. Selbstredend ist das eine der 
unvollkommensten, denn dieser Begriff ist wesentlich 
schwankend. Die Spanier, welche es auf den Philippinen 
und deu Nach bar in sein mit Völkern ähnlicher Gemeinde- 
und daher auch Kriegs Verfassung zu thun hatten, mochten 
es nicht für allzu gewagt halten, die Waffenträger der 
Suluiusulaner mit 5 zu vervielfältigen und so die Volks- 
zahl zu gewinnen-"). Dasselbe System wird aber bei 
anderen Völkern zu viel unrichtigeren Ergebnissen führen. 
Wir erfahren durch Kubary. daß in Palau von 400O 
Menschen 1500 als Waffenträger gerechnet werden""). 
Bei der Berechnung der Bevölkerung unter Zugrunde- 
legung der Zahl streitbarer Männer werden zu diesen, 
in dem von nomadisierenden Arabern bewohnten Gebiet die 
männlichen Individuen über 10 Jahre gerechnet, wenn 
nun deren Zahl mit 5 vervielfältigt wird, muß man 
sicherlich unwahrscheinlich hohe Ergebnisse erhalten. 
Rüppell fand denn in der That die Zahl von etwas über 
7000 Köpfe für die 300 Quadratmeilen zwischen Suez, 
Akaba und Ras Mohamet (Suez und Wadi Araba aus- 
genommen), welche auf diese Art berechnet ist, wenig- 
stens um ein Vierteil zu hoch =s ). Dr. Benins erfolg- 
loser Versuch, aus den Bewaffneten, welche einige Länder 
des Westsudan stellen, die Zahl der Gesamtbevölkerung 



ricLLi!zui)£ der Waffenträger. 



167 



zu schätzen 31 ), zeigt deutlich die UnzuverlUssigkeit dieser 
Methode. Hier standen die Angaben von Heinrich Barth 
zur Verfügung und doch führte die Rechnung zu folgen- 
den weit auseinandergehenden Verhältniszahlen: Auf 
1 Krieger in Baghirmi 115, in Katsena 30, in Kano 17 Be- 
wohner. Man möchte glauben, daß hierher auch Angaben 
zu ziehen seien, wie Stanley sie z. B. über die Armee 
macht, mit welcher Mtesa 1875 die Wasoga zu bekriegen 
dachte, und die jener zu 150000 Kriegern (nebst circa 
100000 Weibern und Kindern) schätzt 3 '*). Demnach wür- 
den 3°/o der damaligen Bevölkerung Ugandas sich «raffen - 
tragend auf dem Kricgsjd'sid befunden haben. Es ist in- 
teressant zu sehen, wie diese Zahl nicht übel zu der- 
jenigen paßt, welche Bev. Wilson aus einer sicherlich 
nicht flüchtigen Schät/.img allleitet. Er nimmt die Ge- 
samtbevölkerung zu 5 Millionen au. davon sollen aber 
nur 1 400 000 männlichen Geschlechts und von diesen 
wiederum 5 — (.500 000 Waffen träger sein. Unter Beber- 
zigung des Wjlsonsehen Satzes: Es ist nicht wahrschein- 
lich, daß jemals im höchsten Fall mehr als ein Dritteil 
dieser Zahl zu gleicher Zeit kriegsbereit gemacht werden 
können" "' 9 ), kommen wir auf die Stanleysehe Zahl. 

Einer ganz anderen Gattung von Schlüssen gehören 
die allgemeinen Beobachtungen an, welche eine Seite der 
Kulturlandschaft hervorheben, die in Verbindung mit 
der Volksdichte steht oder gebracht werden kann. Sie 
können von geographischem Werte sein, verhalten sich 
aber der Statistik gegenüber höchstens andeutend. Wir 
rechnen hierher, daß Gallatin in der Archaeologia Ame- 
ricaua l ") sich auf die unverminderte Zahl der Büffel iu den 
Prärien und der Hirsche in den Wäldern Nordamerikas 
gestützt, ferner auf die Leichtigkeit, mit der die Jäger 
u. a. Bedienstete der Handelsgesellschaften ihre Nahrung 
hier erwarben, um zu beweisen, daß die indianische Be- 
völkerung Nordamerikas niemals das Maximum der Zahl 
erreicht habe, deren sie auf diesem Boden fähig gewesen 
sei. Im entgegengesetzten Sinne findet in Uha Wißmann 
die Bevölkerung so dicht, daß das Wild fast versehwunden 
ist 41 ). Auch Livingstone hat auf diese Beziehung schon 



168 D* e Kulturlandschaft in der Schätzung. 

aufmerksam gemacht. Die Hervorhebung derartiger 
Kulturmerkmale ist von geographischem Interesse; sie 
weisen gleich der Wohnstättenschätzung auf die Be- 
völkerungsdichtigkeit als ein Element der Kulturland- 
schaft hin und führen uns auf den geographischen Boden 
zurück. 

Ein geographisches Element in den Schätzungen» 
Allen den Methoden der Schätzung, welche wir angeführt 
haben, haftet etwas Tastendes an, und sie scheinen nach 
gar zu verschiedenen Seiten sich wenden zu wollen. Das. 
Gemeinsame, was ihnen eigen ist, hat man mehr instinktiv 
gefühlt als erkannt und doch liegt in diesem Gemein- 
samen die Quelle ihrer wissenschaftlichen Berechtigung, 
die Möglichkeit ihrer Prüfung durch Zurückführung auf 
allgemeine Grundsätze und ihre Fähigkeit der Fortbil- 
dung. Eine geographische Bevölkerungsschätzung hat die 
Auffassung eines Kulturbildes im Auge, sie erfaßt die Be- 
völkerung als ein Element der Kulturlandschaft. 
Man geht den Spuren des Menschen nach, ob sie dünner,, 
ob sie dichter sind. Darin liegt der geographische Zug r 
darin auch der Vorzug der Wohnstättenzählung, welche 
der geographischste von allen bisher versuchten Wegen 
ist. Darin der Grund, warum nicht die Statistiker, sondern 
die Geographen die Methode der Bevölkerungsschätzung 
wissenschaftlich zu entwickeln gesucht haben. Leider ist 
dies sehr spät geschehen und die Geographie hat sich 
die bis heute nachwirkende Un Vollkommenheit ihrer Be- 
völkerungszahlen selbst zuzuschreiben. Man kann es 
Burton nicht übel nehmen, wenn er es für eine Unmög- 
lichkeit erklärt, sich eine Vorstellung von der Zahl der 
Bevölkerung in den ostafrikanischen Ländern zu bilden. 
Livingstone, Heuglin hegten die gleiche Abneigung. 
Barth hat wohl Schätzungen gegeben, doch scheint 
es nicht, daß er gerade ihnen besondere Aufmerksam- 
keit zugewandt habe. Die Missionare sind auch hierin 
den Reisenden, begünstigt durch längere Aufenthalte r 
vorangegangen. Die Berichtigung der hochgegriflfenen 
Schätzungen der ersten Erforscher der Inseln des Stillen 



Die Bevölkerung als Element der Kulturlandschaft. 169 

Ozeans ist ganz den Missionaren überlassen gewesen. In 
Afrika haben Krapf und Kaufmann die ersten genaueren 
Schätzungen für den äquatorialen Osten und die oberen 
Nilländer gegeben. Später folgten mit genaueren und 
umfassenden Angaben Schweinfurth, Rohlfs, Nachtigal. 
Das Hauptverdienst aber gebührt in dieser Angelegenheit 
nicht denen, welche einzelne Zahlen sammelten, son- 
dern demjenigen, der zuerst dieselben in wissenschaft- 
lichem Sinne verglich und ordnete. Das ist Dr. Ernst 
Behm, der 18(36 in seinen Beiträgen „Areal und Bevölke- 
rung der Erde" jene kritische Sammlung und Bearbeitung 
der zerstreuten Bevölkerungszahlen begann, aus welcher 
später mit Hermann Wagners Hilfe die unentbehrlichen 
Hefte „Bevölkerung der Erde" 42 ) sich entwickelten. Für 
diese Zusammenstellung war die ältere und neuere Reise- 
litteratur auszubeuten, waren die Volkszählungen zu be- 
arbeiten und zweifelhafte oder neue Areale neu zu ver- 
messen. Denn echt geographisch ist keine Volkszahl 
ohne das Areal geboten worden, auf welches sie sich 
bezieht und beide Größen korrigierten sich. Behm war 
ein echter Anthropogeograph , der erkannte, wie gerade 
zwischen der ungeordneten Masse mehr oder weniger be- 
stimmter Bevölkerungszahlen und der Summe, welche aus 
ihnen für einen ganzen Erdteil wie Afrika gezogen wird, 
die große wissenschaftliche Brache liegt, welche geo- 
graphische Arbeit erwartet und erheischt. 

Seine Methode war sehr einfach. Sie hatte die eine 
feste Grundlage in dem Fleiß, mit welchem alle ein- 
schlägigen Angaben aus der Reise- und Tageslitteratur 
gesammelt wurden; und die andere in der geographischen 
Auffassung, von welcher deren Verwertung geleitet ward. 
Die Volkszahl konnte nur in Beziehung auf die Aus- 
dehnung, die Natur und die Kultur des Bodens verstanden 
werden, auf welchen sie sich bezog. Daher die beständige 
Rücksichtnahme auf die Areale, daher die Korrektur der 
Volkszahl für ein Gebiet durch diejenige, welche von 
einem anderen, geographisch ähnlich gearteten bekannt war. 
Bei längerem Leben Behms würde aus den Begleitworten 
zu der Karte Die Bevökerung der Erde (Ergänzungsheft 



170 Behms Methode der Schätzung. 

der Geographischen Mitteilungen Nr. 35) eine wissen- 
schaftliche Darstellung der Beziehungen der Volkszahlen 
zu Natur und Kultur haben hervorgehen müssen. 

Es ist interessant zu sehen, wie die Fehlergrößen 
der schwierigsten Probleme bei dieser Behandlung ganz 
erheblich zusammengeschwunden sind. Behm mußte 1866 
noch bekennen, daß für die Schätzung der Bewohnerzahl 
von Neuguinea alle Grundlagen fehlen. Und doch brachten 
ihm seine Schätzungen ein Ergebnis, das sich mehr 
der Wahrheit nähert als Crawfurds Annahme, der 
200000 Einwohner für wahrscheinlicher als 1 Million be- 
zeichnet hatte. Die Niederländer hatten für ihren An- 
teil von 3210 Quadratmeilen diese Summe von 200 000 
schon allein in Anspruch genommen, woraus Behm eine 
Dichtigkeit von 62 auf die Quadratmeile .ableitete, die 
ihm aber für die ganze Insel doch wieder zu niedrig er- 
schien angesichts der zahlreichen Nachrichten, die die 
Küsten Neuguineas als bevölkert, teilweis sogar dicht 
bevölkert erkennen ließen. Er zog es vor, die geschätzte 
Dichtigkeit von Borneo zu Grunde zu legen, welche damals 
88 betrug, und gewann so eine Zahl, die er auf 1 Million 
herabsetzte. Heute ist die Bevölkerung von Neuguinea 
jedenfalls auf mehr als */ 2 Million anzunehmen. In 
diesem Beispiele erscheint Borneo als der Typus, nach 
welchem Neuguinea bezüglich seiner Volkszahl viel rich- 
tiger beurteilt wird, als es z. B. Meinicke gelang, der 
Neukaledonien und die Loyalitätsinseln, die viel weniger 
günstig geartet sind, nach dem Satze von 120 — 130 per 
Quadratmeile schätzte, wobei ihm dann allerdings das Er- 
gebnis von 2 Millionen selbst zu hoch vorkam. Die 
gleiche Methode, typische Bevölkerungsverhältnisse zu 
finden, aus welchen Schlüsse auf die Bevölkerung un- 
bekannter Gebiete gezogen werden können, ist für Afrika 
in ausgedehntem Maße zur Verwendung gelangt und 
nicht zufällig gerade für Afrika. Es ist die einzige Me- 
thode, welche überhaupt auf so weite Gebiete Anwendung 
finden konnte. 

Behm ist es, der damit das Problem auf den wissenschaft- 
lichen Boden verpflanzte, indem er der eingebürgerten, ohne Begrün- 



Die Bevölkerung von Neuguinea und Afrika. 



171 



düng immer wiederholten Zahl von 200 Millionen seine Schätzung, 
ein verzweifeltes Unternehmen, wie er es selbst nennt, aber ein 
mit hingebendem Fleiße und großer Sachkenntnis durchgeführtes 
Unternehmen entgegenstellt. Sein Verdienst ist kaum genug an- 
erkannt worden und Nachfolge hat er bis heute nicht gefunden 
Von seiner ersten Schätzung im Geographischen Jahrbuch, I (1866), 
an, welche 188 Millionen ergab, bewirkte diese Arbeit zwei große 
Fortschritte. Sie schuf jenes Bild der Bevölkerungsverteilung in 
Afrika, dessen Grundzüge bis heute sich bewährt haben, und sie 
engte das Gebiet des rein Hypothetischen auf einen immer kleineren 
Raum ein. Die Art, wie Dr. Behm für diesen weißen Fleck von da- 
mals 70000 Quadratmeilen die Bevölkerung von 42 Millionen er- 
hielt — er berechnet eine Volksdichte von 600 aus dem Mittel 
der Angaben für alle angrenzenden Gebiete (a. a. O. 1. S. 103) — 
bleibt methodisch interessant, auch wenn man längst bessere 
Mittel der Bestimmung der Volkszahl erlangt haben wird. Für 
den Anthropogeographen ist es jedenfalls in hohem Grade lehr- 
reich, das allmähliche Herausgestalten zuverlässigerer Zahlen aus 
den ersten Schätzungen Behms zu verfolgen. Verteilen wir die 
seit 1866 hervorgetretenen Angaben auf feste geographische Ge- 
biete — was, beiläufig gesagt, bei der schwankenden Auffassung 
der letzteren, nicht so einfach ist — so erhalten wir untenstehende 
Vergleichsreihen : 





4 


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• 




• 

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1866. 


11,4. 


4. 


80,4. 


3,3. 


23,7. 


17,6. 


42. 


1,6. 


3,9. 


188. 


1868. 


11,8. 


4. 


80,4. 


3,3. 


23,7. 


17,6. 


42. 


1,8. 


6,1. 


191. 


1870. 


13,4- 


4. 


80,4. 


3,3. 


23,7. 


17,6. 


42. 


1,9. 


6,1. 


192. 


1872. 


16,7. 


3,7. 


85,6. 


3,3. 


26,4. 


17,6. 


42. 


2,7. 


5,3. 


203. 


1874. 


16,8. 


3,7. 


88,8. 


3,3. 


25,7. 


17,3. 


42. 


2,8. 


5,3. 


206. 


1876. 


16,8. 


3,7. 


85,4. 


3,3. 


24,2. 


17,5. 


42. 


2,9. 


5,8. 


200. 


1878. 


17,2. 


3,7. 


86,7. 


3,3. 


23,1. 


22,1. 


42. 


3,2. 


3,8. 


205. 


1880. 


17,9. 


2,8. 


87. 


3,3. 


15,6. 


24,7. 


47. 


3,6. 


3,9. 


206. 


1882. 


17,7. 


2,5. 


86. 


3,3. 


15,6. 


24,4. 


47. 


4,5. 


4,9. 


206. 



Das Ergebnis der ersten Schätzung von 1866: 188 Millionen, 
erhöhte sich 1868 auf 191 wesentlich dadurch, daß Madagaskar 
nach Ellis 1 schon früher bekannter und von Behm angeführter 
Schätzung 5 statt 3 Millionen zugewiesen und außerdem besonders 
für Algier und die Kapkolonie höhere, sorgfältig ermittelte Zahlen 
eingesetzt wurden. Auch 1870 zeigt den Fortschritt in Nord- und 
Südafrika, dort in Aegypten, hier unter einzelner Herabsetzung 
durch eine etwas höhere Zahl für Natal. Die Summe beträgt 192. 



172 Die Bevölkerungszahl Afrikas. 

1872 wird keine Gesamtsumme gegeben, doch werden höhere Zahlen 
für Marokko, Aegypten, Natal angeführt. 1874 sind die Zahlen 
für Marokko, Aegypten, den ägyptischen Sudan, den Westsudan, 
das nordäquatoriale Gebiet und, wie immer, Südafrika erhöht, 
während die Sahara, teils aus Gründen der politischen Zuteilung, 
und Madagaskar, letzteres um 1 Million, verloren haben. Die 
Gesamtsumme ist immerhin bis auf 203 gewachsen. Es sind wesent- 
lich die Angaben von Rohlfs und Schweinfurth , auf welche diese 
Erhöhung zurückführt. 1875 sind für Aequatorialafrika weitere 
Schätzungen von Schweinfurth verwertet, und zum erstenroale tritt 
das dichtbevölkerte Uganda nach Longs Angaben hervor. Dagegen 
verliert die Gesamtsumme 6 Millionen 1876. Die Herabsetzung der 
Zahlen für den mittleren Sudan, eine Folge der Erkundigungen 
Nacht i gab, wird nicht aufgewogen durch etwas höhere Angaben 
für den östlichen. Ebenso treten die nordäquatorialen Gebiete 
zurück, für welche, soweit sie in die Machtsphäre Aegyptens fallen, 
genauere Schätzungen zur Verfügung stehen, und Madagaskar 
wird auf 2,5 Millionen herabgesetzt. Von 200 auf 205 steigt die 
Zahl 1878 wesentlich durch Erhöhung der Ziffern für die süd- 
äquatorialen Gebiete. Und 1880 und 1882 hält sie sich auf 206 
durch Erhöhung der Summe für das unbekannte Innere, welche 
hauptsächlich auf Rechnung der mit den nordäquatorialen gleich- 
gestellten süd äquatorialen Gebiete kommt; zugleich gehen die 
Zahlen für die Sahara und den Sudan etwas zurück, während die- 
jenigen für Südafrika und die Inseln sich heben. 

Man sieht, daß der Kern des Problems dieser Summe die 
Berechnung der Bevölkerung des unbekannten oder wenig gekannten 
Innern ist. Hier liegt auch, um es gleich auszusprechen, der Haupt- 
fehler der Schätzung. Die zwei am weitesten gegen dies Unbe- 
wohnte vorgeschobenen Gebiete, die damals durch Livingstone und 
Schweinfurth bekannt geworden waren, Manjema und das Land 
der Sandeh oder Njamnjam, haben am meisten zu dem verhältnis- 
mäßig hohen Ansatz von 42 Millionen für die 70000 Quadratmeilen 
unbekanten Landes in Innerafrika beigetragen. Schweinfurth hatte 
eine Dichtigkeit von 660 auf die Quadratmeile für das letztere an- 
genommen. Da er das benachbarte Land der Monbuttu als ein 
noch viel dichter bevölkertes schilderte (4500 auf die Quadratmeile), 
erschien diese Annahme nicht zu hoch. Was Manjema anbetrifft, 
so hatte Livingstone, der Entdecker des Landes, zuerst von der 
wunderbaren Dichtigkeit seiner Bevölkerung gesprochen und daraus 
war durch Behm der Schluß gezogen worden, daß auch Manjema 
eine Dichtigkeit von 6—700 zukommen könnte. Stanley hat es 
dann in vielen Strecken verödet gefunden, und Wißmann hat an 
der Grenze und im Innern ausgedehnte Waldwildnisse mit Batua- 
ansiedelungen durchzogen. Die Bevölkerung kann nur mäßig sein. 
Indem man nun alle Länder , welche dieses unbekannte Innere 
umgrenzen und deren Bevölkerung geschätzt werden konnte, zu- 
sammenstellte, erhielt man folgende Dichtigkeiten : Fellatareiche 
1500, WadaY 1057, Dar For 1000, Njamnjam 666, Baghirmi 560, 



Schätzung der Bevölkerung des unbekannten Inneren. 173 

Congo 500, Ostafrika zwischen dem Meere und dem Tanganjika 
140, Molua 100. Das Mittel aus diesen Zahlen ergibt 6 — 700 auf 
der Quadratmeile als die wahrscheinliche Bevölkerungszahl von 
Innerafrika. Daß dies zugleich die Zahl des von Schweinfurth 
geschätzten Njamnjamlandes war und von derjenigen Manjemas 
sich nicht weit zu entfernen schien, erhöhte ihre Wahrscheinlich- 
keit noch. Und so kam man denn zu der Summe von 42 Millionen. 
Es war aber ein sehr ungeographisches Verfahren, welches die 
städtereichen Länder der gewerb- und verkehrsreichen Haussa, 
Fulbe und Kanuri auf eine Linie stellte mit den halböden Ge- 
bieten der Anthropophagen im Uelle- und Congoland. Die eigent- 
lichen Negerländer ergaben nach Behms Methode nur 275 statt 
550 auf der Quadratmeile 43 ). Und doch durften vorwiegend nur 
Neger im unbekannten Innern Afrikas vermutet werden. Daß nach 
den Schätzungen Wilsons und Feikins sich noch ein Gebiet mit 
2100 auf der Quadratmeile in Uganda fand, konnte möglicherweise 
die Zahl, nicht aber die Methode bestätigen, nach welcher dieselbe 
gewonnen wurde. Dieses Vorgehen übersieht nicht bloß den Unter- 
schied, welchen in der Bevölkerungsverteilung die viel niedrigere 
Kulturstufe der städte- und wegelosen, des großen Handels und 
der für ihn arbeitenden Gewerbe entbehrenden Negerländer hervor- 
bringt, sondern auch andere ethnographische Eigentümlichkeiten, 
welche die geographische Verbreitung der Neger mitbestimmen 
und als wesentlichstes Merkmal ihr die Ungleichmäßigkeit 
aufprägen. Wir erinnern an die „politischen Wüsten" des vorigen 
Abschnittes und werden im 8. Abschnitt von dieser folgenreichen 
Eigenschaft zu sprechen haben. Aber auch die Naturbeschaffen- 
heit der in Frage kommenden Gebiete konnte nicht aus ihren 
ferneren Umgebungen geschlossen werden. Damals gerade erschien 
ein „Forest Plateau" Zentralafrikas zum erstenmal auf den Karten 
zu Livingstones „Letzten Tagebüchern" und wurde die Vermutung 
geäußert, daß große Waldländer im Innern Afrikas vorhanden sein 
möchten. Wir kennen jetzt ein dünnbevölkertes Waldland von 
ungefähr 15000 Quadratmeilen im Herzen des Congolandes. Die 
Länder aber, von denen man auf dieses Land schloß, gehören den 
Gebieten der Park- und Galerienwälder, dem Uebergang von der 
Campine zum Waldland an und diese gerade sind überall durch grö- 
ßere und größte Bevölkerungszahlen ausgezeichnet. Wir sehen, wo 
der Grundfehler jener Schätzungen liegt: Sie nehmen eine geogra- 
phische und anthropogeographische Kontinuität an, die weder in der 
Natur, noch der Bevölkerung Afrikas ihre Verwirklichung findet. 
Dieselben sind mit anderen Worten nicht hinreichend geographisch 
und ethnographisch fundiert gewesen. Indem sie große Flächen 
gleichmäßig bedeckten, schufen sie statistische Abstraktionen, statt, 
wie die Geographie es verlangt, die Probleme zu lokalisieren, jedes 
an seinem Orte aufzusuchen. Indem Behm zuletzt 206 Millionen 
für Afrika annahm, in welcher Summe unzweifelhaft zu groß die 
Zahlen für Innerafrika und das äquatoriale Südafrika, wahrschein- 
lich auch zu groß diejenigen für den Sudan sind 44 ), ist er von 



mttm 



174 Der Fehler in Behms Methode. 

seiner eigenen Methode der geographisch-ethnographischen Schätzung 
abgewichen. Die Zukunft wird die Bevölkerungszahl Afrikas um 30 bis 
50 Millionen herabsetzen, auch wenn, wie wir alle sehnlich wünschen, 
geordnetere Verhältnisse unter europäischer Verwaltung viele Gründe 
langsamer Zunahme und ungleicher Verteilung beseitigen werden. 
Der andere dunkle Punkt neben Afrika ist lange Zeit China 
gewesen, wobei indessen der Fehler in der entgegengesetzten Richtung, 
in der Unterschätzung lag. Die Schätzungen der Bevölkerung des 
chinesischen Reiches schwankten bis vor einigen Jahren zwischen 
150 Millionen und 450 Millionen. Zum kleinsten Teil liegt der 
Grund des Auseinandergehens in der verschiedenen Fassung des 
Begriffes, welcher bei manchen Autoren Korea mit umfaßt. Die 
Schätzung der Bevölkerung Koreas schwankt zwischen 8 und 16 Mil- 
lionen. Indessen stehen Behm und Wagner 45 ) mit der Annahme 
von 362 Millionen für das eigentliche China und die Mandschurei 
und 9160000 für die vier unterthänigen Länder, also 371200000 
für das Ganze seit lange nicht allein. Diese Zahl nähert sich der 
von 362 Millionen, welche die letzte vollständige Zählung von 
1812 ergab. Aehnliche Zahlen haben S. W. Williams (340 Mill.), 
höhere Richthofen und Abbe' David (420) angenommen. Der be- 
kannte chinesische Staatsmann, Marquis Tseng, bekannte sich in 
einer politischen Rede ebenfalls zu 420 Millionen 46 ). Diesem weiten 
Auseinandergehen liegt ein starker Zweifel an der Richtigkeit der 
chinesischen Censusangaben zu Grunde. Eine Bevölkerungsstatistik 
gab es dort nie, was man Census nennt, diente nur praktischen 
Zwecken. Die älteren Censusreihen des chinesischen Reiches zeigen 
ungeheure Schwankungen, die nur zum Teil mit den ungemein 
rasch wechselnden politischen Geschicken dieses Reiches in Zu- 
sammenhang gebracht werden können. Wir finden z. B. im Jahr 
57 v. Chr. 21 Millionen, im Jahr 105 53, im Jahr 124 49, im Jahr 
150 50, zwischen den Jahren 220 und 240 nur noch 8 Millionen. 
Man begreift dies einigermaßen, wenn man erwägt, daß je nach 
den Bedürfnissen und der Lage des Staates große Klassen unbe- 
rücksichtigt blieben, so die an Zahl schwankenden Sklaven, die 
Bewohner der von Mißwachs oder Ueberschwemmung heimge- 
suchten Gegenden, die große Menge der in Leibeigenschaft Ge- 
ratenden. Außerdem ist an die willkürlichen Fehlerquellen zu 
erinnern, welche oben berührt wurden (siehe S. 161). Kriege und 
Hungersnöte sind in China über alles Maß verheerend. Happer 47 ) 
glaubt, daß seit der letzten Zählung von 1812 63 Millionen durch 
Krieg und Hunger umgekommen seien, und v. Richthofen nimmt 
in seiner Arbeit: „lieber die Bevölkerungszahl von China" 48 ), 
30 Millionen als die geringste Zahl der Menschenleben an, welche 
die Taipingrevolution kostete. Vor diesem verwüstenden Bürger- 
krieg war seit der Mandschu-Eroberung des 17. Jahrhunderts ent- 
sprechend der im allgemeinen ruhigen, friedlichen Entwicklung 
die Bevölkerung rasch und stetig gewachsen. 1644 zählte man 
37, 1742 142, 1761 201, 1776 268, 1812 362 und 1842 (nach dem 
revidierten Census von 1812) 413 Millionen ohne die Mandschurei. 



Chinas Bevölkerungszahl. 175 

Um es nicht allzu rätselhaft zu finden, daß ein Land von der 
Größe halb Europas im Durchschnitt so dicht bevölkert sein kann, 
wie Belgien, England, die Rheinlande, muß man erwägen, wie 
bedürfnisarm die Masse dieses Volkes, wie günstig im allgemeinen 
Boden und Klima, wie alt die ostasiatische Kultur und wie klein 
and örtlich beschränkt die überseeische Auswanderung bis zur 
Mitte unseres Jahrhunderts war. 

Fragen wir nach der Motivierung der Zweifel, welche diesen 
hohen Zahlen entgegengestellt worden sind, so ist dieselbe durch- 
aus keine geographische; sie gründete sich vielmehr wesentlich 
auf allgemeine Betrachtungen über die Unwahrscheinlichkeit einer 
so dichten Bevölkerung, über die Verschiedenartigkeit der natür- 
lichen Ausstattung des weiten Landes und auf die Thatsache, daß 
China seit lange seine Hilfsquellen nicht weiter entwickelt habe. 
Das Land habe seit mehr als 100 Jahren seinen Höhepunkt über- 
schritten und stehe in einer Periode des Verfalles 49 ). Diesen An- 
zweiflungen gegenüber, denen sich noch die in der Methode ver- 
fehlten Abschätzungen Kreitners gesellten, hat v. Richthofen in 
seiner oben angeführten Arbeit die hohe Zahl von 420 wesentlich 
geographisch zu begründen gesucht, indem er die Verschieden- 
heiten der natürlichen Lage und Ausstattung und der geschicht- 
lichen Stellung der Provinzen mit ihrer Volksdichte in Vergleich 
setzte. Schon daraus ging hervor, daß eine allzu tiefe Herabsetzung 
jener Zahlen nicht wissenschaftlich berechtigt sein könne. Uebrigens 
lehrten die Ergebnisse des ersten indischen Census von 1869 
Dichtigkeiten kennen, die den dort vorausgesetzten chinesischen 
gleich kamen, und die Dichtigkeit Britisch-Indiens blieb nur wenig 
hinter derjenigen zurück, welche für China unter Voraussetzung 
einer Gesamtbevölkerung von 380 Millionen für die 18 Provinzen 
des eigentlichen China angenommen worden war. Nach den Ver- 
öffentlichungen, die in den letzten Jahren seitens chinesischer Be- 
hörden und europäischer Forscher stattgefunden haben, ist nicht 
mehr zu zweifeln, daß diese Zahl für den Kern .des Reiches zu- 
trifft, während für die mandschurischen, mongolischen und tibetani- 
schen Nebenländer noch ungefähr 20 Millionen hinzukommen 50 ). 
Praktische Kenner Chinas haben auch von einem Census von 1876 
gesprochen, der nicht ganz 300 Millionen für das ganze Reich 
außer Tibet annimmt. Wir hatten Gelegenheit, eine Abschrift 
dieses Census zu sehen, in welcher Petschili, Schansi, Kuangsi, 
Schensi, Jünnan und K weitschau niit höheren Zahlen, Tschekiang 
mit fast derselben wie in der vorhin erwähnten Zusammenstellung 
erscheinen, während die übrigen Provinzen meist viel geringer be- 
dacht sind, so daß 255234886 für das eigentliche China heraus- 
kommen. In nicht ganz verständlicher Zusammenstellung folgt 
dann noch Schengtsching, Kirin, Heilungtschiang, Tarbagatai und 
Urumtsi mit über 41 Millionen, so daß endlich für das Ganze doch 
die Summe von 296599251 erreicht wird. Der Unterschied von 
der vorerwähnten Gesamtsumme würde sich auf etwa 100 Millionen 
belaufen. Wenn auch kaum zu bezweifeln, daß seit dem Census von 



176 Schluß. 

1842 die Bevölkerung Chinas zurückgegangen ist, so glauben wir 
doch dem vom Gothaischen Hofkalender, von Popoff und wohl in 
Anlehnung an diesen von Emil Levasseur in der Statistique de la 
Superficie et de la Population de la Terre 51 ) gegebenen Zahlen 
größeres Vertrauen schenken zu sollen. 

SchlüSS. Wenn wir von der Bevölkerungszahl der 
ganzen Erde sprechen, nennen wir Summen, die um 1430 
und 1450 Millionen schwanken. Der Fehler könnte viel- 
leicht 100 Millionen betragen , wäre aber auch selbst mit 
diesem unwahrscheinlichen Betrage klein im Vergleiche 
zu der Schwierigkeit der Aufgabe, diese aus so unglei- 
chen Größen zusammengesetzte Zahl zu gewinnen. Es 
ist eine große Leistung der vereinigten Anstrengungen 
der Statistik und der Geographie, daß wir für eine so 
wichtige Größe wie die Zahl aller Menschen der Erde, 
deren Besitz eine der auszeichnenden wissenschaftlichen 
Errungenschaften unseres Zeitalters ist, der Wahrheit so 
nahe gekommen sind. Zugleich dient uns diese Zahl als 
ein schöner Beweis dafür, daß die Wege der Statistik 
und der Geographie in der Wirklichkeit einander näher- 
geblieben sind, als theoretische Methodiker uns glauben 
machen wollten, denn die größere Hälfte jener Zahl kön- 
nen wir nur darum mit einem noch vor 20 Jahren un- 
möglichen Vertrauen hinnehmen, weil sie durch anthropo- 
geographisch geprüfte und berichtigte Schätzungen gewon- 
nen ist. Sowohl daran als an jener Zahl wollen wir als an 
wichtigen anthropogeographischen Thatsachen festhalten. 

J ) Schlözer, Theorie der Statistik. 1784. S. 86. 

2 ) Nur anmerkungsweise kann auf einen späteren Versuch, ein 
anderes geographisches Gebiet der Statistik vorzubehalten, hin- 
gewiesen werden. Blum zu Dorpat sagt: Die Erdkunde und die 
Geschichte bieten eine natürliche Beziehung zu einander, von 
welcher, wenn wir eine jede für sich betrachten, nur klar zu Tage 
liegt, „daß a , nicht „inwiefern" sie besteht. Dieses „inwiefern" zu 
untersuchen, ist die Aufgabe einer dritten Disziplin. Hier hätten 
wir also eine Wissenschaft, die man wohl unter dem Namen der 
Statistik begreifen könnte. Demnach wäre es das Geschäft der 
Statistik, die Beziehungen zu entwickeln, welche zwischen dem 
Festen der Erde und dem Veränderlichen der Völker stattfinden. 
Kasimir Krzy wicki, Die Aufgabe der Statistik. Dorpat 1844. S. 46. 

8 ) S. sein Buch S. 2. 



Anmerkungen. 177 

4 ) Das Königreich Württemberg. Eine Beschreibung von 
Land, Volk und Staat. Herausgeg. vom K. statistisch-topographi- 
schen Bureau. 3 Bde. 1882—86. 

5 ) Gaffarel, L'Algerie. 1883. S. 379. 

6 ) Globus. Bd. XLI. S. 344. 

7 ) Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. 1785. 
Buch VI. IL 

8 ) „So wie noch heutzutage die im Norden Persiens einfallen- 
den turkoraanischen Alamans oft auf Tausende angeschlagen wer- 
den, während sie im Grunde genommen sich höchstens auf einige 
Hundert belaufen, so haben die persischen Chronisten des Mongolen- 
ein falls von Hunderttausenden gefabelt, während das von Dschengiz 
zur Unterwerfung Westasiens ausgeschickte Korps sich nur auf zwei 
Tumans, d. h. auf 20000 Mann belief; und so sprechen die ungari- 
schen Historiker von 800000, ja 1 Million Ungarn, die über die 
Karpathen in Pannonien einfielen, während in Anbetracht der Ver- 
proviantierungsschwierigkeiten damaliger Zeit rechtlich kaum der 
vierte Teil dieser Zahl anzunehmen ist." Vambery, Das Türken- 
volk. 1885. S. 180. 

9 ) Mission to Central Africa. I. S. 101. 
,0 ) Journ. R. Geogr. Soc. London 1860. S. 121. 
n ) Vgl. Pickering, Races of Man. 1848. S. 17. 

12 ) Unter Tungusen und Jakuten. 1882. S. 144. 

13 ) Report of a Mission to Tarkand in 1873. Calcutta 1875. 

14 ) Vgl. Yules Narrative of a Mission sent to the Court of 
Ava. London 1843. S. 208. Burney hat die Entwickelung der 
Bevölkerungszahl des birmanischen Reiches von den 14,4 Millionen 
Symes' bis zu den nahezu richtigen 4,4 Millionen Crawfurds ein- 
gehend dargestellt und gezeigt, wie mit richtiger Methode die 
Schätzung der Wahrheit nahe kommen kann. Burney, On the 
Population of the Burman Empire. Journal of the Statistical 
Society. London. VI (1842). S. 341. 

15 ) Die Zahl erhält ein besonderes Relief durch die kritische 
Gegenüberstellung der spanischen Angabe von 16 000, die jeden- 
falls der Wahrheit um vieles näher stand, in Georg Forsters be- 
kanntem Aufsatze O-Taheiti. Sämtliche Schriften (1843). IV. S. 230. 

16 ) Als letzter Abschnitt zum Report of the Commissioner 
of lndian Affairs to the Secretary of the Interior for the year 1877 
ausgegeben (Washington). 

17 ) Ueber die Unzuverlässigkeit der Censusangaben von Tong- 
king vgl. Koner, Zur Karte von Tonking. Zeitschr. d. G. f. Erd- 
kunde. Berlin. XVIII. S. 318. 

,8 ) Journ. R. Geogr. Soc. 1831. I. S. 186. 
") Globus. 1887. Bd. 52. S. 153. 

20 ) Geographische Mitteilungen. 1864. S. 422. 

21 ) Ausland. 1881. S. 333- Der Brüder Krause sehr gründliche 
Erhebungen ergaben für das größte von ihnen besuchte Tschuktschen- 
dorf Uedle in 28 Hütten 166 Personen, davon 79 männliche und 
87 weibliche. Zufällig An- und Abwesende waren dabei streng 

Rntzel. Antliropogeographie II. 12 



178 Anmerkungen. 

ausgeschlossen, also nahezu 6 Personen auf die Hütte» Deutsche 
Geographische Blätter. V. S. 27. 

22 ) 5,1 ergab sich auch als die Zahl der Personen, welche 
durchschnittlich auf ein Zelt in einem Bezirke der Provinz Turgai 
kamen, die Tillo genau zählen ließ. Vgl. die Bevölkerung der 
Erde. IL (1874) S. 37. Die Verallgemeinerung dieser Zahl kann 
höchstens in der Kirgisensteppe zulässig erscheinen , wo die Ver- 
hältnisse Turgnis sich im ganzen wiederholen. 

28 ) Chavanne , Reisen und Forschungen im alten und neuen 
Congostaat. 1887. 

24 ) Geographische Mitteilungen. 1868. 'S. 384. 

25 ) Sahara und Sudan. III. S. 177. 

2G ) Geographische Mitteilungen. 1865. S. 121. 

27 ) Ethnographische Beiträge. 1885. S. 145. 

28 ) Im fernen Osten. Wien. 1881. S. 555. 
29 j Globus. XXXIX. Nr. 20. 

80 ) Die Expedition nach Zentral-Sumatra. Geographische Mit- 
teilungen. 1880. S. 13. 

81 ) Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen. 
II. (1888) S. 15. 

82 ) Die Petroleumquellen von Yenangyang werden schon lange 
ausgebeutet. 

88 ) Die Einwohnerzahl der Philippinischen Inseln in 1871. 
Geographische Mitteilungen. 1874. S. 78. 

84 ) Die Bevölkerung der Suluinseln nach A. Garin. Von 
F. Blumentritt. Globus. XLII. S. 335. 

85 ) Ethnographische Beiträge. I. S. 145. 
8 ") Reisen in Nubien. 1829. S. 198. 

87 ) Im Geographischen Jahrbuch. I. 1860. S. 94. 

88 ) Durch den dunkeln Weltteil. 1878. I. S. 333. 

89 ) Uganda and the Egyptian Soudan. 1882. I. S. 151. 

40 ) II. S. 151. 

41 ) Unter deutscher Flagge quer durch Afrika. 1888. S. 240. 

42 ) Geographische Mitteilungen. Ergänzungshefte 33, 35, 41, 
49, 55, 62, 68. 

43 ) Merkwürdigerweise dieselbe Zahl, welche Junker erhält, 
der die Bevölkerungszahlen der von ihm besuchten Gebiete sehr 
vorsichtig behandelt. In dem von ihm vielfach durchreisten Sandeh- 
gebiete will er nur eine Dichtigkeit von 275 auf die Quadratmeile 
anerkennen, denn er nimmt für das Sandehland auf einem Areal 
von 1800 Quadratmeilen nur 500000 Einwohner an. Wissenschaft- 
liche Ergebnisse von Dr. W. Junkers Reisen in Zentralafrika. (Geo- 
graphische Mitteilungen. Ergänzungsheft 93. S. 31.) Wir erinnern 
uns dabei, daß schon früher Oskar Lenz 200 a. d. Quadratmeile als 
mittlere Dichtigkeit des Küstenstriches von Corisco bis Kamma 
und landeinwärts bis zu den Oshebo angenommen hatte. (Corre- 
spondenzblatt der Deutschen Afrikanischen Gesellschaft. 1876. Nr. 20.) 

44 ) Behms Zahlen sind wenig verändert in zusammenfassende 
Werke übergegangen. Wir finden aber in Levasseurs Zusammen- 



Anmerkungen . 179 

Stellung der Bevölkerung der Erde (Statistique de la Superficie et 
de la Population des contrees de la Terre. Bulletin de Tlnstitut 
International de Statistique. II. 2. 1887) nur 197, in Hübners 
statistischer Tafel (1890) 203, ebensoviel in Taramellis Geografia e 
Geologia dell' Africa (1890). Hermann Wagner, der ausdrücklich 
hervorhebt, daß Behm die Schätzungen der Bevölkerung Afrikas 
allein besorgt habe (Guthe- Wagner, Lehrbuch der Geographie. 1882. 
I. S. 379), kommt 1882 auf 200 zurück, die er als Maximalzahl 
auffaßt. Hat nun auch, seit Behm in seiner letzten Schätzung 
(1882) 206 Millionen erreichte, keine Prüfung von ähnlicher Gründ- 
lichkeit stattgefunden, so ist doch offenbar ein Gefühl dafür vor- 
handen, daß diese Summe das Höchste bedeuten möchte, wozu die 
Schätzung der Bevölkerung dieses Erdteiles unter Berücksichtigung 
der neueren und neuesten Berichte führen kann. Freilich möchten 
wir aber weder Levasseurs noch Taramelli und Bellios oben an- 
geführte Zahlen als einen wertvollen Beweis für die Richtigkeit 
dieser Vermutung anziehen. Des ersteren Arbeit ist nicht als eine 
Schätzung im wissenschaftlichen geographischen Sinne oder sagen 
wir im Sinne Behms aufzufassen. Levasseur nimmt die Zahlen, 
wo er sie findet, und wenn er zuletzt eine Gesamtsumme von 
197 Millionen addiert, so sind darin ganz unvereinbare Größen, 
wie z. B. Stanleys 29 Millionen für den Congostaat, 7,6 Millionen 
für Congo francais, neben 350 000 für Portugiesisch- Ostafrika und 
2 Millionen für Portugiesisch-Westafrika. Für zahlreiche Gebiete 
sind keine Bevölkerungen gegeben, z. B. für die von den Eng- 
ländern beanspruchten Nigergebiete, Berbera, das portugiesische Con- 
goland. Die Zahl kann also nicht mit den Behmschen verglichen wer- 
den. Was aber Taramelli und Bellio anbelangt, so ist die Tabelle auf 
Seite 252/3 ihres Buches zwar mit einer geringen Aenderung in allen 
Einzelheiten getreu aus Behm und Wagners letztem Ergänzungsheft 
(Nr. 69) herübergenommen ; aber durch zwei schwerverständliche Addi- 
tionsfehler ist die Summe um nahezu 3 Millionen zu niedrig geraten. 
*"•) Die Bevölkerung der Erde. VII. (1882) S. 31. 

46 ) Globus. XXXIX. Nr. 6. 

47 ) Citiert bei Behm und Wagner, Bevölkerung der Erde. 
VII. S. 32. 

48 ) Verhandlungen der Ges. f. Erdkunde zu Berlin. 1875. S. 35. 

49 ) Derartige Stimmen sind in größerer Zahl angeführt in 
meinem Buche: „Die chinesische Auswanderung" 1876, und in 
Nachträgen dazu im Globus XXXIX und XL. 

50 ) Vergl. die Zahlen im Gothaischen Hofkalender 1888, S. 615, 
nach Veröffentlichungen des chinesischen Finanzministeriums, und fast 
ganz übereinstimmend Popoff im Journal of the Statistical Society, wo 
nach amtlichen Quellen von 1879 und 1882 382 Millionen erscheinen. 

51 ) Zweiter Teil. Bulletin de Tlnstitut International de Sta- 
tistique. II 8 (1887). 



7. Die Dichtigkeit der Bevölkerung. 

Die Verteilung der Menschen über die Erde. Durchschnittszahlen 
der Bevölkerung. Die geographische Methode und die statistische 
Bevölkerungskarte. Die geographische Auffassung der Bevölke- 
rungsdichtigkeit und die geographische Bevölkerungskarte. Die 
Grundzüge der Verteilung der Menschen über die Erde. Ungleiche 
Verteilung. Die Verteilung einer dünnen Bevölkerung. Ab- und 
Zunahme der Bevölkerung mit der Höhe. Einfluß der Bodenform 
auf die Verteilung der Bevölkerung. Verteilung einer dichten 
Bevölkerung. Natürliche Zusammendrängungen. Die Dichtigkeit 

am Wasserrande. Uebervölkerung. 



Die Verteilung der Menschen über die Erde. Alle 

bevölkerungsstatistischen Thatsachen erlangen ihren ein- 
fachsten geographischen Ausdruck in der Bevölkerungs- 
dichtigkeit *), welche sich aus dem Verhältnis der Zahl der 
Menschen zur Größe des von ihnen bewohnten Raumes 
ergibt; dann aber auch in der Verteilung der Wohn- 
plätze und in deren Größe, sowie aller anderen Spuren 
des Menschen an der Erdoberfläche. Denken wir uns 
einen Augenblick jeden Menschen auf der Erde stille 
stehend und uns selbst in der Lage, das Bild der Erd- 
oberfläche frei zu tiberschauen, so würde dieses Bild ein 
von Land zu Land sehr verschiedenes sein. Es würde 
zwar in den dichtest bevölkerten Ländern immer noch 
ein großer Teil Land unbedeckt bleiben, aber die großen 
Städte würden schwarze Punkte darstellen und die be- 
lebten Verkehrswege dunkle Fäden, die zwischen ihnen 
hin und her laufen. Denken wir uns aber dann auch 
für einen Augenblick die Menschen weg, wie verschieden 



Erdoberfläche und Bevölkerung. 181 

würden erst die Länder an ihrer Oberfläche umgeschaffen 
sein je nach der verschiedenen Menge ihrer Bewohner! 
Es würde das vor uns auftauchen, was man Kulturfor- 
mation genannt hat und was man aber umfassender und 
darum treffender historische Landschaft nennen wird. 
Häuser, Dörfer, Städte, Denkmäler, Straßen, Eisenbahnen, 
Kanäle, Brücken, durchstochene Meerengen und abge- 
grabene Flüsse, abgeleitete Seen und ausgetrocknete 
Sümpfe, Aecker, Wiesen, Gärten, abgeholzte Flächen und 
angepflanzte Wälder — dies alles würde Zeugnis geben 
von den Menschen, die hier geweilt. Aber die Spuren 
würden ebenso ungleich verteilt sein, wie die Menschen 
selbst. 

Das Ergebnis einer solchen Betrachtung würde also 
ein zweifaches sein: Wir würden den Menschen als einen 
Teil der Erdoberfläche und die Spuren des Menschen dem 
Erdboden gleichsam zum Beweise der engen Verbindung 
beider auf- und eingeprägt sehen und würden aus der 
ungewöhnlich ungleichartigen Verteilung dieser Spuren, 
ebenso wie der Menschen, selbst, erkennen, wie weit ver- 
schieden das Verhältnis zwischen Volkszahl und Flächen- 
raum sein kann. Aus beiden Erkenntnissen ergibt sich 
eine Verstärkung der Beziehungen, welche Bevölkerungs- 
statistik und Geographie verbinden. In dem einen Falle 
sehen wir die Erdoberfläche selbst durch die menschliche 
Bevölkerung und zwar in verschiedenem Maße je nach 
der Größe der Bevölkerung, umgestaltet und in dem an- 
deren Falle stellt sich uns die Frage: Warum trägt die 
Erdoberfläche hier mehr Menschen als dort? Wir er- 
kennen bald, daß in der Antwort auf diese Frage nicht 
bloß das menschliche, bewegliche, sondern auch das 
irdische, starre Element, der Boden erscheinen wird, der 
auf den Menschen zurückwirkt. In beiden Fällen vertieft 
sich die geographische Aufgabe und es stellt sich heraus, 
daß die Geographie gegenüber den Ergebnissen der stati- 
stischen Zählungen viel mehr zu thun hat, als deren 
Zahlen neben ihre Flächenzahlen zu setzen. Das Ver- 
hältnis der beiden ist so verschieden, daß eine Motivierung 
die Verbindung zwischen ihnen herzustellen hat. Nicht 



182 Durchschnittszahlen der Bevölkerung. 

jede Fläche gleichen Ausmaßes ist gleich fähig bevölkert 
ku sein, nicht jede Fläche gleichen Ausmaßes empfängt 
und erleidet die gleichen Rückwirkungen durch ihre Be- 
völkerung. 

Die nackten großen Zahlen, mit denen so manche 
geographische Schilderung sich begnügt, und die schein- 
bar viel wissenschaftlicheren Durchschnittszahlen der Be- 
völkerung, deren Wert sich für uns fast ganz an der 
Breite ihres wirklichen Vorkommens auf der Erde mißt, 
sind wie Mauern, welche den Blick in die weite, an- 
ziehende Perspektive dieser beiden Gruppen anthropo- 
geographischer Probleme verbauen. Man kann es nicht 
genug wiederholen, daß für die Geographie das Wo? die 
Grundfrage bleibt. Wie verhält sich dazu die Bevölke- 
rungszahl ohne Angabe ihrer Verteilung? Sie ist auf 
jene Frage stumm und daher ist sie eine ungeographische 
Angabe. Jede Bevölkerungszahl wird beredter, indem 
sie auf den Boden gestellt wird, dem sie gehört. Tote 
Zahlen schöpfen Leben, indem sie geographisch begrün- 
det werden. Und je geographischer diese Begründung, 
desto weiter entfernen sich die Bevölkerungszahlen von 
dem Schwanken zwischen dem Wirklichen und dem 
Schematischen, welches unseren Betrachtungen über Be- 
völkerungsdichtigkeit sonst anhängt. 

Durchschnittszahlen der Bevölkerung. Der Durch- 
schnitt der Dichtigkeit einer Bevölkerung ist die Mitte 
zwischen den Extremen; wo diese am wenigsten weit 
auseinandergehen, wird die wirkliche Verbreitung der Be- 
völkerung dem Durchschnitt am nächsten kommen, d. h. 
wird die Durchschnittszahl sich in der weitesten Ver- 
breitung in der Bevölkerung eines Landes verwirklicht 
finden. Das Umgekehrte wird eintreten, wo die Extreme 
weit auseinandergehen, also in Ländern, welche sehr 
dichte und sehr dünne Bevölkerungen zugleich umschließen. 
In Ländern letzterer Art gibt die Durchschnittszahl keine 
der Wirklichkeit entsprechende Vorstellung. Sie ermög- 
licht nur die Vergleichung ganzer Reihen von Ländern 
untereinander. In ihrem Wesen liegt es, daß sie selten 



selbständig auftritt, sondern meist den Uebergang zwischen 
den Extremen bildet. Die durchschnittliche Volksdichte 
des Deutschen Reiches von 3785 auf der Quadr.itmeile 
(1885) kommt nur in beschränkten Gebieten praktisch 
zur Erscheinung, am meisten noch in einzelnen Teilen 
von Hannover und Thüringen und ist selbstverständlich 
auf den Grenzen der nächstdichteren und nächstdünneren 
Verbreitungs weise als Uebergangszone zu finden, die aber 
sehr selten eine größere räumliche Ausdehnung gewinnt. 
Aehnlich rindet man die mittlere Dichtigkeit Frankreichs 
von 4030 (1880) nur in den beschrankten Gebieten ver- 
wirklicht, wo eine ländliche Bevölkerung in zahlreichen 
kleinen Siedelungen ebenmäßig verbreitet ist, wie in Ille 
et Villaine, Deux Sevres, Loire inferieure. Das Zen- 
trum, der Norden, der Osten kennen sie kaum. Ebenso 
selten findet sich der Durchschnitt, der Volksdichte that- 
siichlieh verwirklicht in den beschränkteren Abschnitten 
eines Gebietes. Der Saale- und Mauste! derseekreis be- 
sitzen eine Volksdichte von 7095, aber die N.- und NO.- 
Hälfte des Gebietes liegt im allgemeinen darunter, die 
SW. -Hälfte darüber. Es gibt Länder und Landschaften, 
in deren Wesen der schärfste Gegensatz der Bevölkerungs- 
verhältnisse liegt, denen gegenüber die Durchschnitts- 
zahlen bedeutungslos werden. So Oberitalien, wo die 
Provinz Novara eine Dichtigkeit von 5200, der engere 
Bezirk Novara 8500, Domodossola, der neben Sardinien 
volksärmste Bezirk des Königreiches, 1200 hat. 

Auf je größere Flächen der Erdkugel eine Durch- 
schnittsberechnuug der Bevölkerung sich ausdehnt, desto 
reiner erscheint ihr Ergebnis für den rechnenden Stati- 
stiker, welcher die örtlichen Besonderheiten ausfallen lassen 
will. Aber in demselben Maße verliert dieses Ergebnis 
an Wert für den Geographen, dem gerade die örtlichen 
Besonderheiten das Wichtigste sein müssen. Die Durch- 
schnitte werden daher nur in jenen Fragen von Nutzen 
sein, in denen ein Teil der Menschheit von seinem Boden 
losgelöst gedacht und ohne jede Rücksicht auf die.sen der 
statistischen Betrachtung unterworfen wird. Es gibt Fälle, 
in welchen die durchschnittliche Zuteilung einer Bevölke- 



]84 Wert der Durchschnittszahlen. 

rung an bestimmte Gebiete viel wichtiger ist als die 
geographische Verteilung in diesen Gebieten. Wer eine 
Karte der Verbreitung der Chinesen außerhalb Chinas 
zeichnet, steht vor solchem Falle. Er bedeckt die Philip- 
pinen, Borneo, Californien, Peru und die anderen einzelnen 
Länder, in denen Chinesen wohnen, ruhig mit der Farbe 
des Durchschnitts. Der Geograph wird besonders in den 
politisch- geographischen Betrachtungen von derartigen 
Zahlen um so lieber Gebrauch machen, auf je größere 
Areale sie sich beziehen, und es ist bekannt, wie häufig 
die großen Zahlen der Gesamtbevölkerungen der Erde, 
der großen Staaten, der großen Städte in der Anthropo- 
geographie und politischen Geographie zur Verwendung 
kommen. Sie sind immer am Platze, wo es sich um den 
großenUeberblick handelt. Geht aber dieBetrachtung ins ein- 
zelne, setzt diese Zahlen in Beziehung zu den zugehörigen 
Arealen und vergleicht sie mit anderen, dann müssen sie 
in ihre Elemente zerlegt werden. Unzer] egt wird man 
sie auch dort verwenden, wo ihre Elemente unerreich- 
bar sind. Ihr Wert ist dann provisorisch. Mit Dank 
sind Barths Schätzungen der Bevölkerung des Sudan auf- 
genommen worden, welche der Voraussetzung zu Grunde 
gelegt wurden, daß im östlichen und zentralen Sudan 
1000 Menschen im Durchschnitt auf der Quadratmeile 
leben. Nachtigals genauere Angaben für Bornu und 
Wadai begegnen demselben Danke, wiewohl man sich 
sagen muß, daß 315 auf die Quadratmeile, wie sie für 
Wadai angegeben werden, eine sehr unrichtige Vorstellung 
von der Verteilung der Bevölkerung in einem Lande er- 
wecken, welches im Norden kaum 10, im Süden aber 
mehr als 1000 auf mancher Quadratmeile ernährt. Nimmt 
man dagegen die Ergebnisse der Zählung Japans von 
1885, so hat Japan auf dem Räume von 6770 Quadrat- 
meilen 37 868 987 Einwohner, das sind 5445 auf der 
Quadratmeile. Zieht man aber Jesso und die Kurilen ab, 
so erhält man 7200, eine Dichtigkeit, welche selbst die- 
jenige Großbritanniens übertrifft. Diese Dichtigkeit ist 
aber für Japan wichtiger als jene Gesamtzahl und muß 
in dem Augenblicke, wo Japans Bevölkerung aufhört, 



Die geogr. Methode und die Bevölkerungskarte. 185 

«ine abstrakte Größe zu sein, im statistischen Bild her- 
vortreten. So sind die Bevölkerungsdichtigkeiten von 
713 auf die Quadratmeile für das britische Reich, 6160 
für Großbritannien und Irland, 10285 für England (1881) 
ebenso nach ihrem Werte für politisch - geographische 
Erwägungen wie nach dem Räume abgestuft, auf welchen 
sie sich beziehen. Die negative Größe der unbewohn- 
baren Räume und die positive Größe der noch besiedel- 
baren Gebiete liegen in diesen Zahlen um so mehr ver- 
hüllt, je größer diese Gebiete sind. 

Die geographische Methode und die Bevölkerungskarte. 

Ein hervorragender Statistiker hat den Satz ausgesprochen: 
„Wissenschaftlich am bedeutendsten ist die genaue geo- 
graphische Analyse der Bevölkerungsdichtigkeit a 2 ). Wo- 
rin liegt diese wissenschaftliche Bedeutung? Offenbar 
zunächst darin, daß diese Analyse auf die verschiedenen 
Ursachen der Bevölkerungsdichtigkeit zurückführt. Und 
diese zu suchen ist allerdings ein hervorragend anthropo- 
geographisches mehr noch als statistisches Problem. 
Außerdem wird dann in zweiter Linie auch die große 
und bunte Reihe der Wirkungen der Bevölkerungsdichtig- 
keit sich als Objekt der Forschungen darbieten, die aber 
allerdings großenteils unmittelbar der Statistik zuzuweisen 
sind und nur dort die Geographie berühren, wo sie eben- 
falls räumlich bedingt erscheinen. Man wird manche 
von ihnen auf einer Karte der Bevölkerungsdichtigkeit 
in so inniger Verbindung mit dieser Hauptthatsache auf- 
treten sehen, daß ihre tiefere Verknüpfung aus der räum- 
lichen Zusammenordnung sich sofort von selbst ergibt. 
Dazu gehört die Lage der großen Städte und die Ver- 
dichtung des Verkehrsnetzes in den dichtbevölkerten Ge- 
bieten. Die Bevölkerungskarte ist aber hauptsächlich als 
Werkzeug für die Auffindung der örtlichen Ursachen der 
Bevölkerungsdichtigkeit zu schätzen. Wenn man in der 
Statistik von geographischer Methode spricht, denkt man 
zunächst immer an die kartographische Darstellung der 
Ergebnisse statistischer Zählungen. 

Dabei ist aber wohl zu erwägen, daß für die Statistiker die 



186 Kartogramm und Karte. 

Karte, oder wie sie es nennen das Kartogramm, nur eine Dar- 
stellungsweise unter vielen ist. Sie finden es in vielen Fällen 
zweckmäßig und vielleicht manchmal auch nur bequem, ihre Zahlen 
in Punkte, Linien, Figuren umzusetzen und das Kartogramm bietet 
8 ich dann neben anderen Verdeutlichungen. Und doch liegt im 
Kartogramm der Vergleich schon in der Thatsache der Auftragung 
statistischer Erscheinungen auf eine geographische Karte offen, wäh- 
rend das Diagramm damit verglichen eine Darstellung im Leeren 
i|fc. Gabaglio gibt in seiner Teoria Generale di Statistica (1888) 
unter zahlreichen Diagrammen nur ein einziges Kartogramm und 
dieses ist sehr unvollkommen. Verhältnisse, die der Geograph 
nur kartographisch darstellen würde, bringt der Statistiker lieber 
in einer geometrischen Form. Die Darstellung der Verbreitung 
der Italiener auf der Erde, welche Gabaglio auf seiner Tafel XXa 
gibt, indem er nach der Zahl der Erdteile 5 Ausschnitte eines 
Kreises bildet, die dem Prozentsatz der auf die 5 Erdteile entfal- 
lenden Italiener entsprechen, ist nur Diagramm. Nur die Verteilung 
einer Zahl soll verdeutlicht werden; diese interessiert den Statistiker. 
Der Geograph würde Größe, Raum und Lage der von Italienern 
bewohnten Gebiete bevorzugt und die Länder mit der ihrer Zahl 
von Italienern entsprechenden Farbe bedeckt haben. 

Man begreift, daß unter diesen Umständen der Statistiker 
sich die Frage vorlegen kann, ob das Kartogramm ein notwendiges 
Forschungswerkzeug sei; die Uebertragung der Zahlen auf Flächen, 
ihre Uebersetzung in Linien und Punkte ist ja nicht immer leicht 
und kann Zweifel wachrufen. Wenn man aber versucht, Hunfalvys 
Vorschlag durchzuführen, welcher an Stelle der statistischen Karto- 
gramme Tabellen mit geographischer Anordnung der Bezirke setzen 
will, so erkennt man, wie wenig das lineare Prinzip der Aufzählung 
den mannigfaltigen Lage- und Berührungsverhältnissen der Flächen 
gerecht werden kann. Auch Levasseur hat in seinem Berichte über 
die geographische Methode in der Statistik, dem internationalen 
Kongreß der Statistiker zu St. Petersburg 1872 erstattet, nur die 
Karte als Diagramm im Auge. Er betont alle Vorteile der topographi- 
schen Gruppierung, welche die geographische Ausbreitung, die ört- 
lich verschiedene Intensität erkennen, mit Einem Blick die verschie- 
denen Gruppen, ihre Entfernung und Nachbarschaft übersehen und 
sicher und rasch gewisse Beziehungen zwischen diesen Gruppen 
und den natürlichen Bedingungen des Bodens, sowie zu anderen 
sozialen Gruppen wahrnehmen lassen. Dabei bestreitet er zwar, 
daß diese Methode eine „methode d'invention" sei, aber anderer- 
seits gibt er auch zu, daß sie insofern doch diesen Namen ver- 
diene, als sie die statistischen Grundthatsachen in einer Weise 
darstelle, welche den geistigen Gehalt aus ihnen hervorgehen lasse 8 ). 

An diesem Punkte, bei der Benutzung der Karte 
also als natürlicher Rahmen statistischer Eintragungen, 
stehen zu bleiben wird der Statistiker sich entschließen, 



Geographische und statistische Öe Völker ung-elrarte. 187 

der doch nur einen Teil seines Forschungsfeldes von der 
räumlichen Anordnung der Volkszalilen eingenommen 
steht. Der Geograph wird aber die „geographische Me- 
thode" auch auf diesem Felde tiefer, nämlich geographischer 
zu fassen haben. Zuerst wird der Geograph über die 
kartographische Darstellung und deren Verwertung zu 
Schlüssen über die Ursachen der Volksverteilung in be- 
schrankten Gebieten hinausgehen und zunächst die Ver- 
teilung der Menschen über die ganze Erde als eine Er- 
scheinung auffassen, wobei eine Arbeit wie diejenige 
Behms „Ueber die Verteilung der Menschen über die 
Erde" ') die Grundlinien vorzeichnet. Dabei werden nicht 
bloß die Bezüge zwischen der topographischen Karte und 
derjenigen der Bevölkerungsdichtigkeit, sondern grö&ere, 
weiter verbreitete Zusammenhänge entgegentreten. Die 
Erdkugel, die Oekumone, die so ungleich mit bewohn- 
barem Lande bedachten Hemisphären, die Zonen, die 
ozeanischen und kontinentalen Gebiete und die Gebiete 
höherer und niederer Kultur werden zu Grundlagen, auf 
denen die Unterschiede der BevölkenmgMlkhtigkeit sich 
mit so manchen Begrenzungslinien natürlicher und kultur- 
licher Sondevungen berühren oder kreuzen. Rein tech- 
nisch und gewissermaßen geographisch-handwerklich ge- 
sprochen kann man sich ein Vorgehen denken, bei welchem 
die Karte der Bevölkerungsdjehtigkeit der Erde als Pause 
aufgelegt wird auf eine geologische, eine Gebirgskarte, eine 
Gewässerkarte, eine Klimakarte, eine Rassen- und eine 
Kulturkarte, eine politische und eine Verkehrskarte. Diese 
unmittelbaren Vergleiche und die Verarbeitung ihrer Er- 
gebnisse würden wir als Anwendung der geographischen 
Methode auf die Thatsachen der Bevülkenmgs.statistik be- 
zeichnen. Dabei ist aber immer vorausgesetzt, daß die 
Geographen nicht fortfahren, die Darstellung der wirk- 
lichen Verbreitung der topographischen Karte zu überlassen 
und sich für anthrnpogeagrapische Karten mit der stati- 
stischen Methode der Ausbreitung des Durchschnittes über 
eine Fläche zu begnügen. Geograph und Statistiker werden 
ihre durch verschiedene Bedürfnisse hervorgerufenen Auf- 
fassungen deutlicher auseinander zu halten haben als bisher. 



1 88 Die geograpb. Auffassung der Bevölkerungsdichtigkeit. 

Die geographische Auffassung der Bevölkerungsdioh- 

tigkeit. Für den Statistiker ist die Dichtigkeit der Be- 
völkerung die Beziehung zwischen der Flächenausdeh- 
nung eines Gebietes und der Zahl seiner Bewohner. Sie 
ist ein Verhältnis, welches in einer einzigen Zahl ausge- 
drückt werden kann und gerade für diese eine Zahl hegt 
der Statistiker ein besonderes Interesse. Für den Geo- 
graphen ist die Dichtigkeit der Bevölkerung der Zustand 
eines Gebietes, welcher hervorgebracht wird durch die 
Zahl der auf demselben wohnenden Menschen. Dieser 
Zustand kann gezeichnet und beschrieben, aber niemals 
vollständig in einer Zahl zum Ausdrucke gebracht werden. 
Die Abstufungen der Dichtigkeit von Ort zu Ort, auszu- 
drücken in einer Mehrheit von Zahlen, sind es, die den 
Geographen ansprechen. Ihre Zeichnung und Beschrei- 
bung begegnet aber großen Schwierigkeiten, weil von 
den zwei Elementen, die bestimmt werden sollen, Boden 
und Menschen, das letztere beweglich, also veränderlich 
ist, weshalb mehr die bleibenden Spuren des Menschen 
als er selbst zu berücksichtigen sind. Daher die Neigung, 
die oft unter einem gewissen Zwange arbeitet, geogra- 
phische Größen durch statistische zu ersetzen; daher die 
Unmöglichkeit, der letzteren in der Geographie zu ent- 
raten. Die Statistik kann füglich Länder ohne Volks- 
zählung vernachlässigen; aber zu den Aufgaben der geo- 
graphischen Beschreibung eines Landes gehört immer die 
Darstellung der Dichtigkeit der Bevölkerung, welche in 
Ermangelung von statistischen Zahlen ganz besonders auf 
die Verteilung der Wohnstätten Rücksicht nehmen wird. 
Wer so viele Seiten- und selbst bändelange Länder- und 
Völkerbeschreibungen vergebens 5 ) nach sorgfältigen An- 
gaben über Bevölkerungszahlen und Bevölkerungsdich- 
tigkeit durchsucht, über die entferntesten Völkermerk- 
male, nur nicht über dieses Wesentlichste Auskunft ge- 
funden hat, wird mit uns die Vernachlässigung dieses 
Problemes in Handbüchern und Anleitungen lebhaft be- 
klagen. 

Die Verteilung einer gleichen Zahl von Menschen 
über einen weiten Raum könnte hauptsächlich zweierlei 



Die wirklichen Formen des Vorkommens der Menschen. 189 

geographische Formen annehmen. Dieselben könnten 
ziemlich gleichmäßig auf der fraglichen Fläche verbreitet 
sein, so daß ihre Wohnstätten einzeln oder in kleinen 
Gruppen in mäßigen Abständen über dieselbe zerstreut 
sind; oder sie könnten an einigen wenigen Orten dicht 
zusammengedrängt sein und weite dazwischenliegende Ge- 
biete ganz freilassen. Das Verhältnis ihrer Anzahl zu 
der bewohnten Fläche würde dabei das gleiche bleiben. 
Beide Flächen sind dünn bevölkert, aber mit sehr un- 
gleicher Wirkung auf die Bevölkerung selbst und auf 
den Boden. Jene erstere Form der Verteilung ist in ihrer 
reinen Ausprägung nirgends zu finden, denn ihr wider- 
spricht eine der stärksten, weltweit verbreiteten Neigungen 
des Menschen, die Neigung zum geselligen Wohnen. 
Zuerst bilden Frau und Kinder mit dem einzelnen Wohner 
eine Gruppe, eine kleine Anhäufung von Menschen auf 
einer engbegrenzten Erdstelle ; dann schließen sich Dienst- 
boten, Sklaven und bei weiterer Entwickelung Stamm- 
verwandte (Glieder des Clan) an den kleinen Kern an 
und es entsteht die Siedelung in Form des Clanhauses, 
des Weilers, des Dorfes, der Stadt. Sie ist eine That- 
sache der Erdoberfläche. An ihr, an den Bevölkerungs- 
kernen und -keimen hat nun die Geographie ihre Unter- 
suchung der Verbreitung der Menschen zu beginnen. Sie 
sind die einfachsten der wirklichen Formen des Vor- 
kommens des Menschen auf der Erde, können aber nicht 
verstanden werden ohne Berücksichtigung der unbewohn- 
ten Stellen zwischen ihnen. Daher die Vorfrage: 

Welche Arten von Bodenflächen sind bei Bestimmung der 
Dichtigkeit zu Grunde zu legen? Und diese Frage zeugt die 
andere, praktischere Frage, welche Teile der Bodenflächen vor 
dieser Bestimmung auszuscheiden seien. Bodenflächen, welche über- 
haupt keine Beziehung zur Dichtigkeit der Bevölkerung haben, 
scheinen von vornherein auszuschliessen, wogegen Nutzflächen als 
bewohnbare Flächen mit den bewohnten unter Umständen vereinigt 
werden können. Als Wälder, Weiden, Wege können sie eine Abstufung 
des Kulturlandes, gleichsam Kulturland zweiter Klasse darstellen. 
Kleine Gewässer, Sümpfe, Moore, die bewirtschaftet werden, können 
sich anreihen. Allerdings ergeben sich dann viel kleinere Dichtig- 
keiten als dort, wo nur das Kulturland zu Grunde gelegt wird, wie 
z. B. Jordan es bei seinen Berechnungen der Bevölkerungsdichtigkeit 



190 Die Bevölkerungskarte. 

der libyschen Oasen, des Fajum und Oberägyptens gethan bat. Wenn 
da Dichtigkeiten von 18 280, von 16 500 und 9300 erscheinen, muß 
man sich erinnern, daß von der zu Grunde gelegten Fläche die 
Gesamtheit, wie Jordan selbst hervorhebt, „zur Erzeugung von 
Nahrungsmitteln fast das ganze Jahr hindurch dient" 6 ). Eine solche 
Dichtigkeit kann schon mit der für Unterägypten (6300) nicht ver- 
glichen werden, weil diese sich auf eine mit zahlreichen Wasser- 
flächen, Sümpfen und Dünen durchsetzte Fläche bezieht, und noch 
weniger mit den Dichtigkeitszahlen für Deutschland oder Frank- 
reich, die sich auf kaum zur Hälfte als Kulturland anzusehende 
Flächen beziehen. Legt man bei der Berechnung der Dichtigkeit 
der deutschen Bevölkerung nur Wohn-, Acker- und Weideland, 
also Kulturland im engeren Sinne, zu Grunde, so erhält man nach 
der Zählung von 1^85 eine Dichtigkeit, die fast doppelt so groß 
als die gewöhnliche. Daher die Regel: Um vergleichbare 
Dichtigkeitszahlen zu ergeben, müssen die zu Grunde 
liegenden Bodenflächen nach mindestens annähernd 
gleichen Grundsätzen gewählt sein. 

Die Bevölkerungskarte. Die Bevölkerungskarten der 
Geographen sind Karten der Wohnplätze im Gegen- 
satz zu den Bevölkerungskarten der Statistiker, welche 
die Menschen aus diesen ihnen eigenen und für sie 
charakteristischen Anhäufungen herauslösen, um sie über 
eine kleinere oder größere Fläche gleichmäßig, d. h. un- 
wirklich verteilt zu denken. Die Schraffierungen oder 
Farbentöne einer Bevölkerungskarte sind Symbole einer 
abstrakten künstlichen Gruppierung, während die Punkte, 
Ringe u. s. w., welche auf unseren geographischen Karten 
die Wohnplätze bezeichnen, Symbole wirklicher Gruppie- 
rungen sind. Auf Karten größeren Maßstabes treten endlich 
Bilder (Pläne) der Wohnsitze an die Stelle der Symbole und 
die topographische Karte ist eigentlich schon zum Teil 
eine statistische; sie würde hinreichen zur Zählung der 
Städte, Dörfer und Gehöfte, der Brücken und Türme, 
sogar der einzelnen Hütten auf den Feldern, zur Aus- 
messung der Länge der verschiedenen Wege und Kanäle. 
Aber diese Dinge sind hier alle in erster Linie topo- 
graphisch aufgefaßt, d. h. so weit sie zum Boden gehören, 
dessen Zeichnung der Zweck dieser Karte. Anders die 
eigentliche statistische Karte, welche gerade von jenen 
gesellschaftlichen Thatsachen ausgeht, um sie nach Maß 
und Zahl genau begrenzt, also nach ihren quantitativen 



Die Bevölkerungskarte. 191 

Verhältnissen zur Anschauung zu bringen. Die geogra- 
phische Karte ist freilich auch hier nicht bloß Unterlage 
und die statistische Karte ist mehr als eine andere Form 
des statistischen Diagramms. Dieses strebt nur die sinn- 
liche Veranschaulichung der in den Tabellen gebotenen 
Zahlennachweise an, jene fügt den Nachweis der geo- 
graphischen Lagerung hinzu und steht wissenschaftlich 
höher 7 ). 

Die Bevölkerungskarte entspricht aber dem geographi- 
schen Zwecke nicht, wenn sie die Thatsache der wirklichen 
Verbreitung der Menschen in den Hintergrund treten läßt, 
um die statistische Thatsache der Durchschnittsdichtigkeit 
der Bevölkerung voranzustellen. Man fragt sich verge- 
bens, wo der Wert der Bedeckung ganzer Großstaaten 
mit einer der Dichtigkeit ihrer Bevölkerung entsprechen- 
den Farbe liegen soll, wie z. B. Maurice Block sie in 
der Karte zu „Die Machtverhältnisse der europäischen 
Staaten" gegeben hat. Das Ideal einer anthropogeo- 
graphischen Bevölkerungskarte der Erde würde vielmehr 
eine Karte aller Wohnstätten sein, nach ihrer Bevölke- 
rungszahl abgestuft; eine solche Karte würde als eine 
symbolische Karte der Bevölkerungsdichtigkeit aufgefaßt 
werden können. Diese ist für die ganze bewohnte Erde 
nicht möglich, da zahlreiche Völker keine festen Wohn- 
stätten innehaben, und da letztere wieder in anderen 
Gebieten zu dicht beisammenliegen, um in einer Ueber- 
sichtskarte im Atlasmaßstab noch kennbar zu sein. Es 
ist hier also ein mittlerer Weg angezeigt, welcher in den 
Gebieten dichterer Bewohnung auf die eben angedeutete 
Darstellung verzichtet, um entsprechend der generalisie- 
renden Arbeit des Topographen dieselbe nur in jenen 
Gegenden zur Durchführung zu bringen, für welche die 
Auseinanderrückung der Wohnsitze ebenso bezeichnend 
wie wichtig ist, für Gebirge, Sumpf länder, Wüsten. 
Dagegen ist bei allen Darstellungen in größerem Maß- 
stabe die Zeichnung des Wirklichen anzustreben und 
damit die Bevölkerungskarte geographisch zu fassen. 
Die topographische Karte bleibt von etwa 1 : 250 000 auf- 
wärts auch im anthropogeographi sehen Sinne die mög- 



192 Die topographische Karte als Bevölkerungskarte. 

liehst treue Abbildung eines Stückes Erde, in welchem 
aber allerdings das Element der Dichtigkeit nur unvoll- 
kommen hervortritt, sobald die größeren Siedelungen ge- 
zeichnet werden, in denen jenes Verhältnis zur Geltung 
kommt, das die Statistiker unter „Intensität des Woh- 
nens tf begreifen. Ueberall wo in mehrstöckigen Häusern die 
Menschen übereinander hausen, wird die Grundfläche mehr 
Bewohner tragen, als wo die niederen Hütten eines Dorfes 
stehen. Das Bild des Wohnplatzes fällt in dem letzteren 
Falle immer breiter aus als in dem ersteren. Die ver- 
schiedene Zusammendrängung der Häuser in Städten und 
Dörfern wirkt in der gleichen Richtung. Im allgemeinen 
werden die Bilder der Dörfer immer zu groß, die der 
Städte zu klein im Verhältnis zur Zahl ihrer Bewohner 
ausfallen. Es is also die Treue doch nur topographisch, 
nicht anthropogeographisch, d. h. nicht mit Bezug auf Be- 
völkerungsdichte verwirklicht. 

Von einer anderen Seite her kommen wir hier auf einen 
Weg mit Sprecher von Bernegg, der in der Einleitung zu seiner 
„ Verbreitung der bodenständigen Bevölkerung im rheinischen 
Deutschland im Jahr 1820" 8 ) die Maßstäbe der Karten der Be- 
völkerungsdichtigkeit eingehender bespricht. Er kommt dabei zu 
dem Schluß, daß Dichtigkeitskarten größeren Maßstabes nach 
wesentlich anderen Prinzipien gezeichnet werden müssen als solche 
von mittlerem und kleinem Maßstab. Eine vergleichende Prüfung 
verschiedener Dichtigkeitskarten zeigt ihm, daß „mit der Ver- 
größerung des Maßstabes der geographische Gesichtspunkt, welcher 
die Abhängigkeit des Menschen vom Boden, den er bewohnt, er- 
läutern will, in den Vordergrund tritt". Es gibt einen Punkt, 
sagen wir beim Maßstab 1:250000, w o m &n mit dieser Erweite- 
rung der Grundlage bei dem topographischen Maßstab anlangt, 
wie dies Sprecher von Bernegg im 3. Kapitel seiner Einleitung 
ausgesprochen und beim Entwurf seiner Karte bethätigt hat. Und 
hier findet dann auch alles Anwendung, was wir von der topo- 
graphischen Karte als Karte der Dichtigkeit gesagt haben. 

Sollen die Bevölkerungsdichtigkeiten für ein größeres 
Gebiet unter Beiseitelassung der einzelnen Wohnstätten 
bestimmt werden, so wird man die Bodenfläche in mög- 
lichst zahlreiche kleine Abschnitte zerlegen, auf welche 
die Bevölkerungsdichtigkeit bezogen werden kann. Sol- 
cher Abschnitte gibt es vielartige, in der Natur und in 
den politischen und wirtschaftlichen Einrichtungen be- 



Die Methode der kleinsten Räume. 193 

gründete. Man kann ein Land nach den klimatischen, 
geologischen und Höhenunterschieden einteilen, man kann 
auch die vorhandenen Verwaltungseinteilungen, selbst 
kirchliche Einteilungen berücksichtigen, und die Unter- 
schiede des Volkstums, der Konfessionen oder der wirt- 
schaftlichen Thätigkeit können ebenso Anlaß zu Ver- 
teilungen geben, deren Ergebnis dann mit der Bevölke- 
rungsdichtigkeit verglichen wird. Am weitesten ver- 
breitet ist nun die Methode der Zugrundelegung po- 
litischer oder Verwaltungsbezirke, einfach weil die Be- 
völkerungsdichtigkeit am häufigsten als eine politische 
Größe gesucht und ausgesprochen wird 9 ). So finden 
wir im Gothaischen Almanach die Dichtigkeit der Be- 
völkerung der verschiedenen Reiche, ihrer Länder und 
Provinzen mit unter den Zahlen aufgeführt, die dort 
wesentlich zum Zweck der Abschätzung der politischen 
und wirtschaftlichen Kraft der Staaten mit so muster- 
hafter Emsigkeit zusammengetragen werden. Wird die 
Bevölkerungsdi'chtigkeit kleinerer Teile eines Reiches unter- 
sucht, so werden mit Vorliebe die Kreise und Bezirke zu 
Grunde gelegt und dies um so eher, als die Volkszäh- 
lungen ihr Material nach denselben ordnen und veröffent- 
lichen. Spärlich sind dagegen die Arbeiten, in welchen 
natürliche Gebiete mit Bezug auf ihre Bevölkerungsdich- 
tigkeit untersucht und dargestellt wurden. Ich nenne 
den Versuch Steinhausers über die Beziehungen zwischen 
Höhenlage und Bevölkerungsdichtigkeit in Niederöster- 
reich, welcher Nachfolge in ähnlichen, zum Teil aber ein- 
gehenderen Studien Burckhardts über die Bevölkerungs- 
dichtigkeit des Erzgebirges gefunden hat 10 ). 

Bei allen politischen Abgrenzungen wird aber die 
Volksdichte auf Räume bezogen, mit Welchen sie nicht un- 
mittelbar zu thun hat. Es tritt das als Uebelstand besonders 
bei der naheliegenden Verwertung der so erhaltenen Ver- 
hältniszahlen zu kartographischen Darstellungen hervor. 
Landschaften von ganz verschiedener Volksdichte können 
zufällig in einem Bezirke vereinigt sein, die Schraffur oder 
Farbe, die seiner Durchschnittszahl entspricht, deckt sie 
gleichmäßig zu und trennt sie vielleicht zugleich von 

Katzel, Anthropogeographie II. 13 



194 Die Verteilung der Bevölkerung auf politische Gebiete. 

einem Nachbarbezirk, in welchem Teilstrecken von ganz 
ähnlicher Dichtigkeit sich befinden. Zwingen einmal 
die Ergebnisse der Bevölkerungsstatistik dazu, auch bei 
der Herstellung einer Karte der Bevölkerungsdichtigkeit 
von dem politischen Gebiete auszugehen, so wähle man 
sie so klein wie möglich. Denn je kleiner die Bezirke, 
deren Bevölkerungsdichtigkeit in die Karte eingetragen 
wird, desto größer die Annäherung an die geographisch 
allein zu wünschende und zu rechtfertigende Wohn- 
sitzkarte. Das geographische Ideal der statistischen 
Bevölkerungskarte schiene nun wohl die Karte der Ge- 
markungen mit Eintrag der Bevölkerungszahl jeder ein- 
zelnen durch Schraffur oder Farbenton zu sein, aber die 
Zufälligkeiten der Ausdehnung dieser Bezirke über Berge 
und Wälder läßt sie viel ungeeigneter als kleine künst- 
liche Bezirke erscheinen. Gegen die neuerdings von 
Träger in einer Arbeit über die Bevölkerung Nieder- 
schlesiens x ! ) angewendete Methode der Zerteiiung des 
ganzen Gebietes in Quadrate bezw. Trapeze von gleicher 
Größe, die je nach der Zahl und Größe der in sie fallen- 
den Siedelungen mit dem Farbenton oder den Schraffen 
einer Dichtigkeitsstufe bedeckt werden, spricht der etwas 
zu große Umfang dieser Grundflächen und einigermaßen 
auch die Gefahr der willkürlichen Zerteiiung der in meh- 
rere Quadrate fallenden Wohnplätze, die ja nach keiner 
Zählungsliste und mit keinem Aufwand von Arbeit so 
zerlegt werden können, daß die Anteile mit ihren Be- 
völkerungszahlen genau nach dieser oder jener Seite fallen. 
Die Anwendung von Sechsecken von 7,2 Quadratkilometer, 
wie Gelbke sie in seiner Arbeit über die Volksdichte des 
Mansfelder See- und des Saalkreises 12 ) durchgeführt hat r 
unterliegt demselben Bedenken. Schwerer wiegt uns aber 
der grundsätzliche Einwurf, daß diese Methode sich von 
der rein statistischen entfernt, ohne den Weg der geo- 
graphischen bis ans Ende zu gehen. Sie bedeutet aber 
immerhin einen Fortschritt über die erstere. Gewiß steht 
Johann Müllners Karte von Tirol 13 ) über den Versuchen, 
die Dichtigkeit der Bevölkerung dieses Gebirgslandes durch 
Durchschnitte der Verwaltungsbezirke auszudrücken. Aber 



Ausschaltung der Bevölkerungsmittelpunkte. 195 

sie entgeht den Einwürfen nicht, die wir soeben vorge- 
bracht. Die scharf abgesetzten Trapeze bieten in ihrer 
Verschiedenfarbigkeit ein höchst ungeographisches Bild, 
besonders wenn sie z. B. mit dem 30. Meridian schema- 
tisch abschneiden ! Der Zeichner dieser Karte ist nicht 
auf die naheliegende Erwägung verfallen, daß die Methode 
der künstlichen Zerlegung der Bodenfläche nirgends weni- 
ger angezeigt sein kann als in Ländern so großer Gegen- 
sätze in der Bevölkerungsdichtigkeit wie gerade Tirol. 
Eine unangenehme Notwendigkeit, welche an alle 
schematischen Karten der Bevölkerungsdichtigkeit heran- 
tritt, ist die Ausschaltung der großen Mittelpunkte 
der Bevölkerung. Es liegt auf der Hand, daß das 
Bild der Bevölkerungsverteilung im oberen Rheinthal ge- 
fälscht würde, wenn man die Städtebevölkerungen von 
Basel, Mühlhausen, Freiburg u. s. w. über das Thal aus- 
breitete. Oberbayern hat ohne München und seine Vor- 
orte eine um */s geringere, England ohne die Städte über 
40 000 eine halb so große Dichtigkeit. In welcher Grenze 
soll nun diese Ausschaltung geschehen, die zwar im Zweck 
zusammenfällt mit der Ausscheidung der leeren Stellen, an 
sich aber dadurch grundverschieden wirkt, daß sie Zusam- 
mengehöriges trennt? Rafn hatte die Schwierigkeit erkannt 
und seine Kurven unter Beiseitelassung der Städte und 
Flecken nur auf die ländliche Bevölkerung begründet, Behm 
ließ auf seiner Bevölkerungskarte von Europa die Städte 
über 50000 Einwohner aus und empfahl, bei Karten von 
größerem Maßstäbe die Ausschließung bis zu der Stufe 
von 10 000 und tiefer zu erstrecken, andere sind bis 8000 
und 5000 gegangen, wobei der Maßstab der Karte die Ent- 
scheidung gab. Willkürlichkeiten werden bei dieser 
Ausschließung um so weniger zu vermeiden sein, als 
die Frage in Gebieten verschiedener Dichtigkeit ganz 
verschieden liegt. An kleinen Städten reiche Gegen- 
den, wie wir sie in Württemberg und Bayern finden, 
werden durch die Einrechnung derselben in den Dich- 
tigkeitsdurchschnitt ganz anders beeinflußt als großstädtisch 
bevölkerte gewerbreiche Gebiete im Rheinland oder West- 
falen. Außerdem liegt ein innerer Widerspruch in der 



196 Verbindung der statistisch, und geographisch. Methode. 

Verwendung zweier so verschiedener Methoden: die Sig- 
naturen für die ausgeschiedenen größeren Orte gehören 
der geographischen, die Farben der Durchschnittsdichtig- 
keiten auf den Flächen der statistischen Auffassung an. 
Die Berechtigung, beide auf dem gleichen Blatte zu ver- 
wenden, kann ausschließlich nur in technischen Erwägun- 
gen gesucht werden; wissenschaftlich betrachtet, wider- 
strebt die Vermengung und wir fragen uns: Warum 
schreitet denn die Ausscheidung nicht dazu fort, alle 
Wohnplätze an ihrem Orte zur Darstellung zu bringen? 
Die Vermengung der statistischen und geographischen 
Darstellung ist nie vollkommen zu billigen 14 ). 

Diese vermittelnde Methode ist die des 1880er 
Censuswerkes der Vereinigten Staaten, welche die Städte 
mit mehr als 8000 Einwohnern als Kreisflecken ver- 
schiedenen Durchmessers einträgt, während sie die übrige 
Bevölkerung nach der Durchschnittsdichte auf die Fläche 
verteilte. Sie nähert sich ein wenig der geographischen in 
den städtereichen Gebieten, bleibt von ihr aber besonders im 
städtearmen Westen noch sehr fern. Sie versucht allerdings 
eine noch größere Annäherung durch die Zerlegung aller 
größeren Grafschaften und aller derjenigen, die von sehr ver- 
schiedener Dichtigkeit sind; da sie aber auch hier die Ver- 
teilung auf die Fläche beibehält, bleibt sie trotzdem weit vom 
Ziel. Die so hergestellten Kartenbilder machen mit ihren 
6 Stufen 15 ) kaum einen lebhafteren Eindruck als Dich- 
tigkeitskarten, welche diese Sonderung der städtischen 
Bevölkerung verschmähen. Die Einschaltung einiger 
Zwischenstufen und die Vermeidung der leeren weißen 
Räume für Bevölkerungen von 2 und weniger auf die 
englische Quadratmeile würde sicherlich günstiger gewirkt 
haben. Eine ähnliche Methode der Darstellung ist auf der 
Karte befolgt, welche 1878 der Arbeit über die Bevölke- 
rungsdichtigkeit des Deutschen Reiches in den Monatsheften 
zur Statistik des Deutschen Reiches beigegeben wurde. 
Hier sind aber nur die Städte 16 ) über 20000 und über 
100000 ausgeschieden und die 834 politischen Bezirke 
von sehr ungleicher Größe, auf welche die durchschnitt- 
lichen Dichtigkeiten aller Wohnplätze von weniger als 



Die Rafnsche Methode. 197 

20000 Einwohnern sich beziehen, sind Flächen von durch- 
schnittlich fast 12 Quadratmeilen. Das sind schon Flächen, 
auf welchen sehr große Unterschiede verschwinden müssen. 
Ein Blick auf das Thal des Oberrheines mit seinen Band- 
gebirgen zeigt das geographisch Unrichtige, ja Unwahr- 
scheinliche der dort angewendeten Zeichnung und man 
gewinnt wie bei allen mit großen Flächeneinheiten arbei- 
tenden Karten mehr den Eindruck einer schematischen 
Uebersicht als eines wahren Bildes der so mannigfaltig 
wechselnden Volksdichte. Was hier gegeben ist, darf 
auch nicht mit der Generalisierung einer topographischen 
Uebersichtskarte dieser Gattung verwechselt werden. Es 
ist eine Generalisierung nach einem der Sache fremden, 
politischen oder administrativen Schema 17 ). 

Eine andere Gruppe von Karten der Bevölkerungs- 
dichtigkeit lehnt sich an die Bafnsche Methode an, die 
Dichtigkeit der einzelnen Theile als Höhen aufzufassen, 
welche durch ein System von Isohypsen zur Darstellung 
gebracht werden. Nur konnte Rain bei seiner Karte der 
Bevölkerungsdichtigkeit des Königreiches Dänemark (1857) 
die Aufgabe mathematisch scharf fassen, indem er dieses 
kleine Gebiet, ohne die Herzogtümer, in 1700 Abschnitte 
zerlegte, in deren jedem er nach seiner Dichtigkeit eine 
Senkrechte im Mittelpunkt errichtete, so daß er aus 
1700 Punkten die Krümmungen der Flächen bestimmte, 
welche in Höhenstufen von 500, 1000 u. s. w. über- 
tragen, die Dichtigkeit der Bevölkerung dieses Landes 
darstellte. Behm hatte es, als er diese Methode auf seine 
Karte der Verteilung der Menschen über die Erde und 
seine Dichtigkeitskarte von Europa (beide 1874 in den 
Geographischen Mitteilungen, 35. Ergänzungsheft, ver- 
öffentlicht) anzuwenden suchte, mit Gebieten zu thun, 
deren Bevölkerung großenteils nicht gezählt ist. Er hatte 
also von Schätzungen, besonders auf Grund der Zahl der 
Ortschaften auszugehen, welche auf den geographischen 
Karten angegeben sind. Er zog die Kurven zwischen den 
Gebieten verschiedener Dichtigkeit so, daß z. B. zwischen 
zwei Gebieten von 2500 und 4500 die Kurven von 3000 
und 4000 unter Berücksichtigung der Verteilung der Ort- 



198 Die Beimische Methode. 

Schäften durchgeführt wurden. Indem die Rafnsche Karte 
sich für das kleine Land Dänemark auf 1700 einzelne Be- 
völkerungszahlen stützte und zugleich die großen Bevölke- 
rungsmittelpunkte ausließ, erreichte sie praktisch ein fast 
reines Resultat, wozu natürlich auch die verhältnismäßig 
gleichartige Bodengestalt Dänemarks das Ihre beiträgt; 
aber sie ist keine geographische Methode, denn sie benutzt 
politische Flächen, um die Bevölkerungsdurchschnitte über 
sie auszubreiten, statt nach dem Wo? der Bevölkerungen 
auf dieser Fläche die genauere Frage zu stellen. Man 
kann die Rafnsche Karte als die möglichst vervollkomm- 
nete statistische Bevölkerungskarte bezeichnen. Behm 
und seine Nachfolger haben dies wohl erkannt, am besten 
Behm selbst, der (a. a. 0. S. 93) den für jene Zeit ge- 
radezu überraschenden Satz ausspricht, allerdings ohne 
ihn gebührend auszunutzen, die topographische Karte 
sei der genaueste Ausdruck für die Verteilung der Be- 
völkerung. Sie haben in diese Karten geographische 
Elemente hineingetragen, im größten Maße, Sprecher von 
Bernegg in seiner Karte der Verbreitung der Bevölke- 
rung im rheinischen Deutschland (s. o. S. 195). Die 
Dichtigkeit eines Bezirkes bleibt zu Grunde gelegt und 
ihr wird erst in zweiter Linie durch den Vergleich mit 
der topographischen Karte jene Gliederung, man möchte 
sagen, das „Relief" erteilt, ohne welche eine Kluft 
zwischen jener Durchschnittszahl, deren Farbe den Bezirk 
bedeckt, und der wirklichen Verteilung klaffen würde. 
Es liegt auf der Hand, daß es hierbei ohne Willkür 
nicht abgehen wird und daß die Güte einer solchen 
Karte zuletzt wesentlich abhängt von einer eigenen Kunst, 
aus der topographischen das zum Menschen Gehörige 
herauszulesen. Mit dieser Karte ist von der statistischen 
Grundlage aus auf das geographische Ziel so weit wie 
möglich gegangen, wir können aber mit dem Verfasser 
derselben nicht des Glaubens leben, daß im Gegensatz 
zu den Behmschen Karten in ihr dem statistischen Ma- 
terial nur Hilfsdienste zufallen. Es ist nur die geogra- 
phischste aller jetzt vorliegenden statistischen Dichtig- 
keitskarten 18 ). 



Die Darstellung bevölkerungsstatistischer Gegenstände. 199 

Bei der Zeichnung der Volksdichte ganzer Erdteile 
oder der Erde könnte man glauben, es verschwänden die 
Zufälligkeiten der politischen Begrenzung, wenn auch 
ganze Länder nach ihrer durchschnittlichen Dichtigkeit 
zur Darstellung gelangen. Aber gerade hier tritt nun 
der Mangel der allbekannten Beziehungen zwischen der 
Volksdichte und den größten Zügen der Bodengestalt 
störend hervor. Levasseurs Bevölkerungskarte von Europa 
in 1885 19 ) läßt nicht einmal das Rheinland und den 
Schwarzwald unterscheiden. Eine Farbe deckt ganz Baden, 
Sachsen, Böhmen, Galizien u. s. f. Frankreich, nach klei- 
neren Bezirken berechnet, zeigt ein natürlicheres Aus- 
sehen, läßt aber die Deckfarben anderer Gebiete um 
so deutlicher sich abheben. Man gewinnt den Eindruck 
einer in Farben umgesetzten statistischen Tabelle. Auch 
die Karte der Bevölkerung der Erde, mit der derselbe 
seine Arbeit Statistique de la superficie et de la popula- 
tion des contrdes de laTerre 20 ) begleitet, gibt die Dich- 
tigkeit nach politischen Gebieten, ist also wieder ein 
Rückschritt hinter Behm. 

Die Darstellung der bevölkerungsstatistischen 
Gegensätze, vergleichbar den Karten der Temperatur- 
maxima und -minima, ist lehrreich als ein Licht- und 
Schattenbild. Der Wert ist aber mehr ein pädagogischer; 
es ist der Wert einer weithin sichtbaren eindrucksvollen 
graphischen Darstellung. Das Wesentliche liegt ge- 
rade bei der Verbreitung des Menschen nicht in den Ex- 
tremen, sondern in den Uebergängen, welche ja schon 
durch ihre räumliche Verbreitung hervorragen. 

Geographische Gruppierungen der Staaten, wie sie der 
Petersburger Statistische Kongreß, nachdem sie lange üblich waren, 
für Europa zu fixieren suchte, indem er die Gruppen Nordwest-, Zen- 
tral-, Süd- und Osteuropa vorschlug, können keine Größen von 
absolutem Wert sein, da sie für den Statistiker politische, wirt- 
schaftliche und soziale Eigenschaften enthalten, welche nicht alle 
von einer einzigen Grenzlinie umfaßt werden können und als ge- 
schichtliche Größen manchmal von jeder Himmelsrichtung unab- 
hängig sind. Es gibt Betrachtungen, bei denen Finnland, welches 
größere „biologische Affinitäten* 2I ) zum Nordwesten als zum Osten, 
oder Polen, welches Zentraleuropa näher steht, vom Osten abzu- 
trennen sind, um dem Nordwesten, bezw. der Mitte des Erdteiles 



200 Geographische Gruppierungen der Staaten. 

zugewiesen zu werden. Es gibt andere, in denen Westeuropa alle 
Randländer des Atlantischen Ozeans umfaßt, und andere, in denen 
Portugal und das nordwestliche Spanien zu Südeuropa zählen. 
Große Teile von Süd- und Westeuropa wird das romanische Europa 
in sich fassen u. s. w. Derartige Einteilungen kommen am meisten 
zur Geltung in geographisch- statistischen Beschreibungen, die von 
vornherein auf rein geographischer, orographisch und klimatisch 
begrenzter Grundlage sich aufbauen. Werden aber solche natür- 
liche Landschaften statistischen Berechnungen zu Grunde gelegt, 
dann ist es notwendig, daß dieselbeu scharf umgrenzt und nicht 
bloß als unbestimmte geographische Begriffe hingestellt sind, wie 
z. B. Appalachian Region, Atlantic Piain, die wesentlich unsta- 
tietisch sind, solange sie nicht genau umschrieben werden. 

Zum Schlüsse möchten wir von den hierher gehörigen 
Diagrammen eine Gruppe erwähnen, welche die Dichtig- 
keit der Bevölkerung in der Weise darstellt, daß man sie mit 
der Zahl der Menschen in die der Fläche dividiert, auf wel- 
cher die Menschen leben. Man teilt dann nicht den Menschen 
dem Räume zu wie auf der Karte, sondern umgekehrt den 
Raum dem Menschen. Da hierfür die großen geographischen 
Prächeneinheiten zu groß sind, wählt man die kleineren 
Ackermaße. Während dort die Zahl der Menschen ver- 
deutlicht wurde, welche auf einer größeren Flächeneinheit 
leben, wird nun gezeigt, wie viel Fläche auf ein Indivi- 
duum kommt. Zuerst haben englische Statistiker dieses 
Verhältnis zu einer hübschen graphischen Darstellung ver- 
wendet 22 ), indem sie die Flächen durch Kreise von gleichem 
Radius darstellten und in diese in gleichen Entfernungen 
so viele Punkte eintrugen, als auf ihnen Menschen wohnen, 
während ein um jeden Punkt gezeichnetes Sechseck die 
Fläche darstellt, die dem einzelnen zukommt, d. h. über 
die er sich ausbreiten könnte, wenn alle Bewohner des 
Bezirkes gleichweit voneinander entfernt wären. Die 
Fläche des Sechseckes wurde dabei als „density" die Ent- 
fernung der einzelnen Punkte voneinander als „proximity* 
bezeichnet. Dies ist eine Durchschnittsziehung in Li- 
nien, deren Wert für Statistiker und Geographen gleicher- 
weise in der größeren Uebersichtlichkeit liegt, die 
der graphischen Darstellung im Gegensatz zum Worte 
und zur Zahl innewohnt. Sie ist aber nicht dasselbe wie 
jede andere Verdeutlichung dieser Art, wie z. B. der Dar- 



Die Zeichnung der Bevölkerungskarten. 201 

Stellung der Dichtigkeitsunterschiede durch Rechtecke von 
gleicher Basis und verschiedener Höhe, wie jüngst wieder 
Levasseur sie zur Anwendung brachte 23 ); denn sie stellt 
nicht nur ein Verhältnis dar, indem sie einfach die Zahl 
in eine geometrische Figur verwandelt; sondern sie bringt 
die zwei Größen, aus deren Vergleichung das Verhältnis 
hervorgeht, den Raum des Bodens und die verhältnis- 
mäßige Zahl der Menschen. Allerdings gibt sie dieselben 
nicht in ihrer natürlichen Lage. Sie verdeutlicht daher 
nur ein Größen-, kein Lageverhältnis und besitzt für die 
Geographen denselben Wert wie der Zahlenausdruck der 

spezifischen Dichtigkeit. 

Endlich noch ein Wort über einen scheinbar rein technischen 
Punkt in der Herstellung der Bevölkerungskarten 24 ). In 
der Regel sind die Extreme der Bevölkerungsdichtigkeit durch 
Uebergänge vermittelt; selten sind schroffe Gegensätze, die am 
Rande der Wüsten bewohntes und nie bewohnbares Land neben- 
einander legen. Wo solche Gegensätze zu zeichnen sind, da mag 
der Kartograph in Farben und Schraffen in die Extreme gehen 
und muß noch weiter gehen, als es bisher üblich gewesen, wo das 
Unbewohnte und Dünnbewohnte in der Regel in dem weißen Flecke 
zusammen dargestellt wurden. Gerade die menschenleeren Stellen 
sollen sich recht scharf abheben. Anders in jener überwiegen- 
den Zahl von Fällen, wo das Bezeichnende die Uebergänge sind. 
Da hüte man sich, die ohnehin schematische Flächenverteilnng 
der Bevölkerung noch weiter von der Wirklichkeit abzuführen, 
indem man verwandte Zustände wie Gegensätze darstellt, um 
ein Gebiet fließender Unterschiede in ein Schachbrett zu ver- 
wandeln, wo die schreiendsten Farben nebeneinander liegen. 
Hier haben wir einen von den Fällen, wo die Forderungen des 
Wahren und des Schönen sich decken. Diese schreienden Kar- 
ten sind unwahr und unschön, und sind unschön, weil sie mehr 
als unwahr, nämlich unwahrscheinlich und selbst unmöglich 
sind. Der Grundsatz Einer Gattung anthropogeographischer Er- 
scheinungen auch mit Einem Farbenton gerecht zu werden, soll so 
lange wie möglich festgehalten werden. Er kann es in den Be- 
völkerungskarten mehr, als z. B. in den Höhenschichtenkarten, weil 
so gedrängte Aufeinanderfolge schmaler Bänder wie hier seltener 
vorkommt. Die Verbreitungsweise der Menschen neigt mehr zu 
breiten Flächen. Derselbe soll mit dem anderen, speziell auf diese 
Art von Karten anzuwendenden verbunden werden, daß in möglichst 
zahlreichen Abstufungen die Uebergänge möglichste Berücksichti- 
gung finden. Die Bevölkerungskarte des Deutschen Reiches mit 
9 Abstufungen der Dichtigkeit in grauen Tönen und Schraffen bezw. 
Kreuzungen (s. o. S. 196) ist eine von denjenigen, welche diese 
Forderungen zu erfüllen suchen. Leider sind die Schraffen und 



202 Die Farben und Seh raffen der Bevölkerungskarten. 

der Ton beide nicht gut gewählt, jene zu undeutlich, dieser zu blaß. 
Die Behm-Hanemannschen Karten der Bevölkerung der Erde und 
Europas 25 ) kommen ihnen entgegen, indem sie mit sehr günstigen 
neutralen Tönen die Stufen von 1 — 3000 darstellen, wozu dann 
Blau und Rot für die höheren Stufen kommt. Aehnlich die schon 
genannten Dichtigkeitskarten im 1880er Censuswerk der Vereinigten 
Staaten, wo leider nur die großen Städte durch die unförmlichen 
Größen der sie darstellenden Kreisscheiben und am entgegen- 
gesetzten Ende die dünnbevölkerten Gebiete, die als weiße Flecke 
dargestellt werden, störend wirken. Noch weiter entfernt sich die 
Darstellungsweise auf der Le Monierschen Karte der Dichtigkeit 
der Bevölkerung von Oesterreich- Ungarn 26 ) von der Wirklichkeit. 
Hier sind weiß die Bezirke mit weniger als 10 Bewohnern 
auf 1 Quadratkilometer und außerdem die Städte über 10000 
gelassen. Dazu noch 11 Töne von Gelb, Grün, Rot und Braun 
— der Eindruck ist ein tabellarisch-bunter. Wie anders wirkt 
das Ergänzungsblatt, das in 2 Farben und 7 Größenstufen die 
Ortsgemeinden von mehr als 2000 Einwohnern bringt! Das ist 
ein Stück Erde im Bild, eine Annäherung an die anthropogeo- 
graphische Karte. Am passendsten würde überhaupt die Darstel- 
lung durch Punkte verschiedener Dichtigkeit erscheinen, weil hier 
die Unnatur der scharf abgegrenzten Fläche mit ihren Farbentönen 
wegfällt. Denn daß, wie Behm ganz richtig sagt, fast alle in 
Farbentönen ausgeführten bevölkerungsstatistischen Karten etwas 
Steifes und Unnatürliches haben, liegt nicht bloß, wie er glaubt, 
darin, daß die politischen Grenzen als Grenzen für die Farbentöne 
beibehalten werden, sondern es liegt in den gleichmäßig mit Durch- 
schnitten bedeckten Flächen. Das kleine Kärtchen Petermanns in 
den Geographischen Mitteilungen von 1859 27 ), welches neben Punkten 
auch Schratten verwendet, zeigt, wie viel natürlicher die Uebergänge 
sich auf diese Weise geben lassen. Doch ist es klar, daß wenn 
schon einmal Punkte gezeichnet werden, man besser sofort zur Ein- 
tragung der Lage der Wohnstätten übergeht. Jede Darstellung von 
Verhältnissen der Völkerverbreitung mit Hilfe von Punkten oder 
Ringen, die mehr oder weniger dicht auf der Karte stehen, macht 
den Eindruck des Wahrscheinlicheren. Selbst die Verbreitung und 
Dichtigkeit der Einwanderer in den Vereinigten Staaten nach den 
hauptsächlichsten Nationalitäten (Jahrg. 1887 der Zeitschrift d. K. 
Preußischen Statistischen Bureaus), die diese Methode schematisch 
verwendet, nimmt an diesem Vorzuge teil. Die Ausbildung des 
statistischen Kartogrammes zur anthropogeographischen Karte 
scheint nur auf diesem Wege möglich zu sein. Die Schummerung 
kann ebenfalls der Wahrheit näher kommen als die Flächenfär- 
bung, hat aber nicht die Vorteile, welche eben erwähnt wurden. 
Festgehalten sollte werden, daß die weißen Töne nur die 
unbewohnten Stellen bezeichnen, nicht wie auf der nord amerikani- 
schen 28 ) die Stufen mit 2 und weniger Einwohnern per Quadratkilo- 
meter oder gar die mittlere Dichtigkeit (3300— 8900) wie auf der 
Turquanschen Karte von Frankreich 29 ), der sonst eine gewisse 



Die Grundzöge d. Verteil, d. Menschen über die Erde. 203 

Leichtigkeit der Uebergänge nicht abzustreiten sein wird. Diese 
hellen Stellen wirken entschieden störend. Wer diese Karte mit 
ihren Extremen von Blau und Rot und ihren die mittleren Größen 
darstellenden weißen Stellen betrachtet, versteht ganz gut, daß 
„de judicieux critiques" abrieten, eine Karte der Bevölkerung der 
Erde ähnlich zu geben 30 ). Wir verweisen noch auf das im 
5. Abschnitt über die Zeichnung der leeren Stellen in der Oeku- 
mene Gesagte und werden im 14. auf die Bedeutung der Wege 
für die Bevölkerungskarte zurückkommen. • 

Die Grundzüge der Verteilung der Menschen über die 
Erde. Die großen Züge in der Verbreitung der Menschen 
sind 1) das Vorhandensein der beiden großen unbewohnten 
Gebiete in den arktischen und antarktischen Regionen, 
welche wir bei der Umgrenzung der Oekumene kennen 
gelernt haben; 2) die dünne Bevölkerung in dem Passat- 
gürtel der Nord- und Südhalbkugel, welche die ausge- 
dehntesten unbewohnten Gebiete, welche in der Oekumene 
zu finden, in dem nord- und süd hemisphärischen Wüsten- 
und Steppengebiet, auftreten läßt; 3) die Beschränkung 
dichter Bevölkerungen in kontinentalen Gebieten auf die 
Nordhalbkugel und zwar auf den gemäßigten Gürtel der- 
selben; 4) das zerstreute Vorkommen dichter Bevölke- 
rungen auf mittleren und kleineren Inseln ; 5) die Häufung 
der Bevölkerung an ozeanischen Rändern und ihre Abnahme 
nach dem Inneren der Länder; 6) die dichtere Bevölke- 
rung, welche im Inneren der Länder die tiefer gelegenen 
Strecken, besonders die Flußthäler, im Gegensatz zu den 
dünner besetzten Erhebungen einnimmt; 7) die Ausnahme, 
welche von dieser Regel die Gebirge in tropischen Re- 
gionen und in den Passatgürteln bilden; 8) endlich die 
wachsende Abhängigkeit der Bevölkerung aller Kultur- 
länder von den Verkehrsgebieten und -wegen. Es ergibt 
sich bald, daß es die Wärme, die Feuchtigkeit, die Höhen, 
Bewässerungs- und Bewachsungsverhältnisse sind, welche 
die Verbreitung der Bevölkerung bestimmen. Gemäßigtes 
Klima, mäßige Erhebung und nicht allzudichte Bewachsung 
haben offenbar in der Verbreitung der Menschen, so wie 
sie heute besteht, die wesentlichsten der begünstigenden 
Faktoren gebildet. In örtlicher Beschränkung sind ihnen 
unterirdische Schätze, besonders Kohlen, zu Hilfe ge- 



204 Dauernde Gründe der Verteilung der Menschen. 

kommen. Und wenn auch das statistische Bild der Mensch- 
heit in den meisten Ländern der Erde noch alle Spuren 
der Unvollendetheit zeigt, sind doch auch in den leich- 
teren Umrissen die angedeuteten Ursachen als von lange 
her wirkende zu erkennen. Je stärker diese Wirkungen 
des Bodens in dem Zustande einer Bevölkerung sich gel- 
tend machen, um so dauernder wird dieser Zustand. 

Dies gilt vor allem von der Verdichtung der Be- 
völkerung, die in vielen Gebieten keine neue und wenn 
unterbrochene, doch wiederkehrende Erscheinung ist. 
In Deutschland ist das obere Rheinthal wegen seiner 
Fruchtbarkeit schon in der Römerzeit und im Mittelalter 
dicht bewohnt gewesen. Das Erzgebirge ist unverhältnis- 
mäßig dicht bevölkert, seitdem seine Erzschätze er- 
schlossen wurden. 1790 wurden Flandern, Elsaß, Nor- 
mandie, Bretagne und die Umgebung von Paris als die 
bevölkertsten Teile von Frankreich bezeichnet und die 
Zählung von 1886 führt die Departements Seine, Nord, 
Rhone, Seine infe'rieure, Gebiet von Beifort, Pas- de- Calais, 
Loire, Bouches du Rhone, Seine-et-Oise, Finistere, Loire 
infe'rieure und Ille et Vilaine als die 12 bevölkertsten auf. 
Blicken wir weiter umher, so sind durch die Be- 
ständigkeit einer dichten Bevölkerung die Gebiete Unter- 
ägyptens und Nordchinas zu einer geschichtlichen Ehr- 
würdigkeit ohnegleichen erhoben. 

Klima und Bevölkerung. In den großen Zügen der 
Verteilung der Bevölkerung über die Erde sind zuvörderst 
die klimatischen Wirkungen sichtbar. Vier Gebiete dünner 
Bevölkerung umzirkeln die Erde; es sind die kältesten 
und trockensten Regionen. Damit sind auch die dicht- 
bevölkerten Gebiete zu zonenartiger Anordnung zwischen 
diesen Gürteln dünnerer Bevölkerung gezwungen. Nur 
mäßige Wärme und hinreichende Niederschläge lassen 
dichte Bevölkerungen über weite Räume sich ausbreiten. 
Der starke Einfluß größerer Erhebungen auf die Bevölke- 
rungsdichtigkeit ist ebenfalls wesentlich klimatischer Natur. 
Aber nicht das Leben an sich wird dem Menschen un- 
möglich gemacht, sondern die Ausbreitung über weitere 



Klima und Bevölkerung. 205 

Flächen. Als Einzelner oder in kleinen Gruppen würde 
der Mensch am Nordpol von den überall verbreiteten 
Meerestieren leben können. Aber wo er in größerer Zahl 
den Boden besetzen soll, muß der Boden ergiebig sein. 
Beziehungen zwischen Wärme und Dichtigkeit der 
Bevölkerung vermittelt am wirksamsten die Bodenkul- 
tur. Wo der Boden die Hälfte des Jahres und mehr 
in den Fesseln des Frostes liegt, wo seine Fruchtbarkeit 
sich nicht zu entfalten vermag, weil jene Summe von 
Wärmegraden nicht erreicht wird, die zur Reife bestimmter 
Kulturpflanzen erfordert wird, da ist die ackerbauende 
Bevölkerung notwendig kleiner als in den Regionen unge- 
hemmten Ertrages eines fruchtbaren Bodens unter einer 
Sonne, welche nie bis zu winterlichem Tiefstand herab- 
sinkt. In der kalten gemäßigten Zone sind 2000 Köpfe 
ein hochgegriffener Durchschnitt der vom Ackerbau auf 
1 Quadratmeile lebenden Bevölkerung, in den frucht- 
barsten Lößgegenden Mitteldeutschlands sind es 3500 und 
in warmen wasserreichen Ländern erhöht sich dieser Satz 
auf das Fünffache. Innerhalb der gemäßigten Zone wächst 
er wohl am allermeisten in den Weinbaugegenden, die 
selbst im südlichen Deutschland stellenweise eine bedenk- 
liche Dichtigkeit erreichen. Die pfälzische Haardt weist 
zwischen Dürckheim und Edenkoben über 15000 auf der 
Quadratmeile, eine seit Jahrzehnten nicht mehr wachsende, 
offenbar an der Grenze ihrer Hilfsquellen angelangte Be- 
völkerung auf. Im Zusammenhange damit steht die Ver- 
breitung der hervorragendsten Kulturpflanzen, deren Grenzen 
einen tieferen Zusammenhang mit dem Klima nicht ver- 
kennen lassen. Jenseits der Weizengrenze gibt es in Eu- 
ropa keine Bevölkerung von mehr als 1000 auf der Qua- 
dratmeile, ausgenommen in den Umgebungen der unteren 
Newa, und jenseits der Gerstengrenze wohnen nur in den 
Winkeln von Hammerfest und Torneä mehr als 50. Vom 
Einfluß der Weinrebe wurde soeben gesprochen. Die 
dichtesten auf weiten Gebieten vom Ackerbau lebenden 
Bevölkerungen kommen nur innerhalb der Grenzen des 
Reises vor und thatsächlich ist der Reis die Nahrung 
der größten dichtwohnenden Volksmassen in Ost- und 



206 Einfluß der Bodenkultur. 

Südasien, die mehr als die Hälfte der Menschheit aus- 
machen. 

Das einzige einer wissenschaftlichen Zählung unter- 
worfene Gebiet von solcher Ausdehnung, daß große kli- 
matische Unterschiede in ihm zur Geltung kommen müssen, 
sind die Vereinigten Staaten, in denen wir Maxima von 
46 und Minima von — 48° verzeichnet finden, und über 
deren Gebiet hin die mittleren Temperaturen des wärmsten 
Monates von unter 15 bis über 32 ° und die mittleren 
Temperaturen des kältesten Monats von unter 18 bis 
über 18° schwanken. Die beiden großen Erhebungen im 
Osten und Westen des Landes kommen hinzu, um den 
Linien gleicher Wärme einen höchst unregelmäßigen Ver- 
lauf zu erteilen und die Beeinflussung der Bevölkerungs- 
dichtigkeit durch die Wärmeverteilung zu komplizieren. 
Wir sehen nun beim Vergleich mit den Bevölkerungskarten, 
daß fast 98 °/o der Bevölkerung zwischen den Isothermen 
von 4,5 und 21 wohnen und daß gegen drei Vierteile in 
dem Gürtel wohnen, den die Isothermen von 7 und 15° 
begrenzen. Die größte Dichtigkeit fällt in das Gebiet, 
welches Temperaturen des wärmsten Monats zwischen 21 
und 27 aufweist. Fast alle Großstädte gehören diesem 
Gebiete an. 

Die Abhängigkeit der Bevölkerungsdichte von der 
Niederschlagsmenge ist viel deutlicher zu erkennen 
als die Abhängigkeit derselben von der Wärmeverteilung. 
Bei der letzteren kommt der Mensch allein in Betracht 
und er ist fähig im Warmen und Kalten zu leben, ebenso 
wie er Kulturpflanzen und Haustiere für warme und kalte 
Klimate herangezogen hat. Hört der Reis bei 12° mitt- 
lerer Jahres wärme auf, so geht der Mais noch bis 10°, 
der Weizen bis 6 ° und die Gerste bis 3 °. Vom Aequator 
bis 70 ° n. Br. finden wir also Getreidearten. Der zahme 
Büffel bleibt im allgemeinen südlich von 45 °, aber das 
Rind geht über den Polarkreis hinaus. Wärme kann 
durch Hüllen und Hütten und durch Feuerung bis zu 
einem gewissen Grade ersetzt werden. Aber Wasser muß 
entweder aus den Wolken oder aus der Erde kommen. 
Die irdischen Quellen kommen noch in Gegenden vor, wo 



BevöLkerungsdichtigkeit und Niederschlagsmenge. 



207 



die himmlischen fast versiegt sind; wir denken an die 
Quellen in den Oasen der Wüsten. Aber wenn auch sie 
ausbleiben, kann der Mangel der Feuchtigkeit nicht ersetzt 
werden und wir sind in der baren Wüste, wo Pflanzen-, Tier- 
und Menschenleben alle drei einmal direkt durch Wasser- 
mangel zurückgedrängt sind und die beiden letzteren noch 
indirekt durch den Verlust des Haltes leiden, welchen sie 
an der Pflanzenwelt haben müssen. Auch der unter- 
irdische Wasservorrat, welchen artesische Brunnen erboh- 
ren und im alten Fars unterirdische, vor Verdunstung 
schützende Gänge weiterführen, ist durchaus von der Zu- 
fuhr von oben abhängig und ; <- 

nimmt ab, wo diese kleiner 
wird. Man nimmt in den 

westlichen Vereinigten 
Staaten an, daß weniger 
300 Millimeter Regen in der 
Wachstumszeit des Getrei- 
des, also im Frühling und 
Sommer, eine ungenügende 
Befeuchtung darstellen, die 
durch künstliche Zufuhr er- 
gänzt werden müsse. Diese 
künstliche Zufuhr ist aber 
abhängig von der Wassei- 
menge in Flüssen, Quellen 
und Brunnen und diese 
nimmt in demselben Maße 
ab, in welchem die Trocken- 
heit zunimmt. In den Ver- 
einigten Staaten zieht die 



Westgrenze der hinreichend .^ '-C^lSX/~^^ 

bewässerten Kegion durch 

Dakota, Nebraska, Kansas Fig. e. BevBikernngBdiciitigksi 

und das mittlere Texas in d?sPB?B«ag*birgBH fl v 

Süd süd westlicher Richtung, »» iSSK^JEn "" 




der Bevölkerungen v 



an der Siidgrenze den 102. ' 
w. L. berührend . Die West- 



208 Bevölkerungsoasen im westlichen Nordamerika. 

grenze der Gebiete, in denen mehr als 40 Menschen auf 
der Quadratmeile wohnen, zeigt im ganzen und großen 
einen ähnlichen Verlauf, nur ist die stidsüdwestliche Rich- 
tung in viel geringerem Maße ausgesprochen und im Ge- 
biete der Zusammendrängung der drei Cordillerenabflüsse 
Arkansas, Kansas und Platte hat zwischen 42 und 37 ° 
n. Br. die Bevölkerung sich vermöge der künstlichen Be- 
wässerung weit über die klimatische Grenze nach Westen 
ausgebreitet. Das Gebiet stärkerer Niederschläge im öst- 
lichen Pelsengebirge zwischen 41 und 37 ° n. Br. und 
am Wahsatschgebirge zwischen 43 und 49 ° n. Br. er- 
scheinen beide auf der Bevölkerungskarte in derselben 
Lage und selbst in Einzelheiten der Gestalt ähnlich, mit 
Dichtigkeiten bis zu 1000 auf der Quadratmeile und mit 
den beiden einzigen größeren, nicht rein vom Bergbau 
lebenden Städten des trockenen Westens. In kleineren 
Gebieten sind die Unterschiede viel schroffer. Die ganze 
Halbinsel Californien hatte (nach Orozco y Berra) 1865 
12 420 Bewohner, davon kamen aber in dem von tropi- 
schem Regen berührten Teil 1 auf 2 Quadratkilometer, in 
dem im Passatgürtel liegenden 1 auf 27 Quadratkilometer s *). 
Wärme und Feuchtigkeit sind die Grundbedingungen 
alles Lebens, das überall auf der Erde sich üppiger 
entfaltet, wo diese reichlich vertreten sind. Der Mensch 
ist nun nicht bloß im geschichtlichen Sinne die höchste 
Entwickelung dieses Lebens, sondern auch insofern 
steht er über demselben, als es die Grundlage seiner 
eigenen Existenz bildet. Er macht von allen Wesen der 
Erde den weitesten und vielfältigsten Gebrauch von den 
Pflanzen und Tieren, die ihn umgeben, und seine Abhängig- 
keit vom Klima ist vielfach zunächst die Abhängigkeit 
von den Planzen und Tieren, die nur in einem gewissen 
Klimagürtel gedeihen. Die Dichtigkeit der Bevölkerung 
wird dadurch auch ein Maßstab der biologischen Inten- 
sität der Erde. Um letztere, die für sich noch nicht ge- 
nau bestimmt werden kann, kennen zu lernen, ist es 
geboten, jene zu studieren. Das Problem sei hier nur 
beispielsweise näher bezeichnet durch den Hinweis auf 
die Unfähigkeit der nicht ganz genügend bewässerten 



Abhängigkeit des Menschen von der übrigen Lebewelt. 269 

südeuropäischen Halbinseln, zusammenhängend dichte Be- 
völkerungen auf so weiten Flächen zu ernähren, wie es 
im gemäßigten und feuchteren Mittel- und Nordwesteuropa 
möglich ist. Bewegen wir uns äquatorwärts, so zeigt sich 
in höherem Maße die Wärme wirksam überall, wo reich- 
liche Feuchtigkeit sich ihr gesellt. Warmes und feuchtes 
Klima fördert die Fruchtbarkeit des Bodens zum Höhe- 
punkt und läßt eine größere Zahl von Menschen sich auf 
gleichem Raum bloß durch Ackerbau ernähren, als wir in 
den Ländern gemäßigten Klimas für möglich halten. 
In Britisch-Indien (ohne Assam und Birma) leben 5500, 
in Bengalen über 9000 auf der Quadratmeile fast aus- 
schließlich ackerbauend. 

Abnahme der Bevölkerung mit der Höhe. Diejenigen 
Lebensbedingungen, welche dem Klima angehören, erfahren 
mit zunehmender Höhe eine ähnliche Abschwächung wie 
beim Fortschreiten gegen die Pole. So wie es daher 
neben einer polaren Wald- und Baumgrenze auch eine 
Höhengrenze des Waldes und des Baumwuchses gibt, so 
gibt es auch Höhengrenzen der Menschheit, an welchen 
ähnliche Erscheinungen zu Tage treten, wie am Rande 
der Oekumene und es wiederholen sich die unbewohnten 
Räume um Nord- und Südpol in den um die höchsten 
Gipfel der Gebirge gelegenen Landräumen, von deren Un- 
bewohntheit bereits die Rede war (s. o. S. 114). Nach diesen 
menschenleeren Stellen zu nimmt in der Regel die Be- 
völkerung ab und Höhen- und Bevölkerungskarten ver- 
halten sich daher umgekehrt, indem mit zunehmender 
Höhe die Dichtigkeit der Bevölkerung sinkt. Für das 
Maß dieser Abnahme bietet die Berechnung der auf ein- 
zelne Höhengürtel entfallenden Menschenzahlen einen 
sicheren Halt. So gab eine Verteilung der Bevölkerung 
des Kronlandes Niederösterreich auf die 100 Meter-Zonen 
der österreichischen Generalstabskarte A. Steinhauser 32 ) 
folgende Reihe 

°/o 

über 1000 m 617 0,0 

900 „ 5 301 0,2 

R ;i t z e 1 , Anthropogeographie II. 14 



210 Abnahme der Bevölkerung mit der Höhe, 

über 800 m 16003 0,7 



r> 
•n 



700 , 35563 1,5 

600 „ 55398 2,3 

500 „ 140165 6,0 

400 , 113624 6,9 

300 „ 152656 6,7 

200 , 605167 25,9 

100 , 1205827 51,8 

2330621 100,0 



Im Schwarzwald südlich der Einzig wohnen nach 
Neumann 

über 1300 m auf 16 qkm Einw. 

, 1200 , „ 27 , 21= 0,8 

„ 1100 , , 121 , 156= 1,18 

„ 1000 „ , 280 „ 5 100 = 18 

900 „ „ 470 , 11700 = 25 

800 , , 465 „ 28700 = 62 

700 „ , 425 , 18400 = 43 

600 „ , 385 , 20100 = 52 

Im Erzgebirge* 3 ) wohnen, nordwestlicher und süd- 
östlicher Abhang zusammengenommen, auf 1 qkm 

1000—1200 m 15 Einw. = 3,86 

1000—1100 „ 1507 , = 56,46 

900—1000 , 6440 , = 52,32 

800— 900 , 31293 , = 43,71 

700— 800 , 63291 , = 92,08 

600— 700 , 138534 „ =.- 129,30 

500— 600 , 172190 , = 122,88 

400— 500 , 281362 , = 191,52 

300— 400 , 512346 , = 489,97 

200— 300 , 125950 , (nur Nord- 
westseite). 

Im Oetzthal 3 *) wohnen auf der 

Höhe Länge Bew. 

Staffel von Oetz 700—1400 m 6,2 km 1882 

Becken „ Umhausen 930—1600 „ 5,5 . 1366 

„ Längenfeld 1100— 1500 „ 7,8 . 1301 



Höhen stufen der Bevölkerung. 211 





Höhe Länge 


Bew. 


Becken von Sölden 


1300—1500 „ 4,5 „ 


649 


Zwieselstein 


1500 m 1,1 km 


67 


Gurgler Thal 


1700—1900 , 9 


123 


Venfer „ 


1500—2000 „ 15 


179 



Fassen wir ganze Länder ins Auge, so sehen wir die 
gleiche Thatsache. Nur 0,3 von 1000 der Italiener wohnt 
jenseits 1700, 7,3 wohnen über 1100, die Höhenstufen 
0—50 und 100—300 besitzen mit 264 und 272 von 1000 
die größere Hälfte der Gesamtbevölkerung. Etwas anders 
liegen die Verhältnisse in einem Gebirgsland, wo die ganze 
Bevölkerung gleichsam in die Höhe geschoben erscheint. 
In Tirol wohnen 214 von 1000 über 1000 Meter und der 
bevölkertste Höhengürtel mit 282 von 1000 liegt zwischen 
500 und 700 Meter. Und daß diese Abstufungen nicht 
bloß im eigentlichen Gebirge statthaben, lehrt die That- 
sache, daß im mittleren Saalegebiet, das zwischen 50 und 
275 Meter über der Ostsee liegt, 94,7 °/o der Bevölkerung 
zwischen 50 und 175 Meter wohnen 35 ). 

Kleine Ungleichheiten dieser Abnahme führen ent- 
weder auf den Gebirgsbau zurück, der in wasserreichen, 
engen Thalgründen die Besiedelung ebenso erschwert, 
wie er sie auf den Terrassen der Thal wände begünstigt 
und ganz besonders jenseits der mittleren Kammlinie, 
wo die besiedelbaren Flächen oft rascher abnehmen als 
die Bevölkerungen, so daß örtliche Verdichtungen wie 
im Erzgebirge entstehen, wo wir in den Höhenstufen 
9 — 1100 eine größere Dichtigkeit finden, als zwischen 8 
bis 900. Läßt man Einzelheiten bei Seite und faßt 
Durchschnitte ins Auge, so sieht man überall im gemäßig- 
ten Klima den Gegensatz zwischen bevölkerter Tiefe und 
menschenleerer Höhe sich erneuern, welcher darin liegt, 
daß die Gebirge den Boden und seine Menschen in eine 
kalte Höhenzone erheben, wie im heißen Klima in eine 
gemäßigte. Daher finden wir in den Alpen jenseits 
500 Meter die Bevölkerungsdichte Norwegens und in Hoch- 
peru oder Mexiko jenseits 2500 Meter diejenige Spaniens. 
Am schärfsten tritt er natürlich in Gebirgen hervor, deren 



-212 



Stauung und Verdünnung der Bevölkerung. 



Fuß von verkehrsreichen Meeren bespült wird. In den 
Bezirken von Genua , Kapallo , Spezzin übersteigt die 
Dichtigkeit 15000, während die hart dahinter ansteigen- 
den Höhen schon von 500 Meter an menschenarm sind. 
Das dünnbevölkerte Castilien hat im Bezirke von Ciudad 
Real nur 715, das industrielle Catalonien in dem von Barce- 
lona 0000. Wo der Gegensatz von Gebirge und Tiefland 
achrofi' auftritt, da findet eine wahre Stauung der Bevöl- 




kerungswoge gegen den Fuß des Gebirges .statt; mau 
findet sie auch im Erzgebirge, wo in der Höheustufe von 
M — 400 Meter, die demini Mittel377 Meterhohen Nordrand 
entspricht, fast doppelt so viel Menschen wohnen, als in 
der nächsthöheren (41,3 und 21,8). Aehiilich am Abhang 
der Westalpen, wo in der Provinz Turin fast alle Bevöl- 
kerungsgruppen von mehr als 100 a. d. Quadratkilometer 



Bevölkerung der Thalhänge und Thalgründe. 213 

unter 750 Meter liegen, während von 1000 Meter an rasch die 
Abnahme, beginnend bei der Stufe von 50 a. d. Quadrat- 
kilometer, bis zur Menschenleere der Fels- und Firnrö^ion 
fortschreitet. Verkehr und Gewerbe (Verwertung der 
Wasserkräfte) haben an dieser Aufstauung ihren Anteil, 
doch würde bei näherer Untersuchung sich wohl auch ein 
rein mechanisches Moment nachweisen lassen. Der Stid- 
ränd Usambaras verhält sich bezüglich der Volksdichte 
zum Panganithal, wie der Westabhang des Schwarzwaldes 
zum Rheinthal: die Gebirgshänge dichter, die Thalniede- 
rungen dünner bevölkert. Am Südrand Usambaras liegt 
auf Stuhlmanns Route alle 2,4 Kilometer, am Pangani 
nur alle 8 Kilometer ein Dorf. Auf der rechten Seite 
des Oberrheinthaies zeigt das Großherzogtum Baden, dessen 
mittlere Bevölkerungsdichtigkeit 106 auf dem Quadratkilo- 
meterbeträgt, 227 im Thalgrunde und 300 auf den Hängen, 
aber nur noch 52 in der Höhenzone zwischen 600 und 
700 Meter und etwas über 1 in den Höhen jenseits 1100 Meter. 
Am Rande der Haardt wohnen 10000, im Gebirge kaum 
noch der zehnte Teil. Das Zillerthal hat zwischen 520 
und 1200 Meter in einer Länge von 30 Kilometer 11940, 
das Dornaubergthal zwischen 700 und 1400 auf 11 Kilo- 
meter 331 Bewohner. 

In allen diesen Fällen kommt zum Höhenunterschied 
der Gegensatz der Boden formen des ebenen Thaies 
und der steilen Hänge, in dem zuletzt angeführten Falle 
des breiten Thalkessels zum schluchtartigen Thalriß. 
Im ersteren verdichtet sich die Bevölkerung beson- 
ders in südlichen Alpen thälern, z. B. im Thal Graisi- 
vaudan (Dauphine) bis zu 5000 und mehr, um rasch jen- 
seits 500 Meter auf 3000, jenseits 1000 Meter auf 700 
herabzusinken. Wenn der 1880er Census der Vereinigten 
Staaten von Amerika der atlantischen Ebene 30°/o, der 
Alleghanyregion 13°/o der Gesamtbevölkerung zuweist 
und wenn durch die Mohawk-Senke, die das Gebirge bis 
zu 43 Meter einschneidet, ein Streifen von 45 — 90 und dar- 
über auf der englischen Quadratmeile zwischen zwei Streifen 
von 6 — 18 gelegt ist, sehen wir in größerem Maße den- 
selben Gegensatz vor uns. Es scheint nur die im Ge- 



214 Einfluß der Bodenformen. 

birgsbau liegende Schroffheit des Ansteigens und Enge der 
Thäler zu sein, welche im Fogarascher Gebirge wohl kein 
Ackerfeld höher als 700 Meter und keine der den Fuß des 
Gebirges umsäumenden Ortschaften höher als 6 — 700 Meter 
liegen läßt, während nach Osten Sinaia und Bustini in 800 
bis 850 liegen und westlich vom Alt die Haferfelder zu 
800 Meter ansteigen. 

Ein Blick auf eine Dichtigkeitskarte der Bevöl- 
kerung der Vereinigten Staaten läßt die großen orogra- 
phischen Ursachen ungleicher Verteilung in diesem so 
einfach gebauten Lande deutlich erkennen. Die An- 
häufung findet man an den Küsten, in den Flußthälern, in 
der fruchtbaren Zone des lohnendsten Ackerbaus zwischen 
43 und 37° n. Br., an den Gebirgsrändern , die geringe 
Dichtigkeit in den Gebirgen — der Zug der Alleghanies 
vom Alabama bis zum St. Croix tritt so klar wie auf 
einer Höhenschichtenkarte hervor — in den nordischen 
Urwaldgebieten von Maine, Michigan und Minnesota, die 
teilweis noch leer sind, in den Sümpfen des Südens und 
den Steppen und Wüsten des fernen Westens. Und schon 
glaubt man vorauszusehen, wie dereinst ein Gürtel dich- 
tester Bevölkerung von Boston und New York durch die 
Mohawk-Senke über Chicago zum Mississippithal und in 
diesem abwärts bis zum Golf von Mexiko ziehen wird, 
wobei die Höhe von 200 Meter fast an keiner Stelle über- 
schritten würde. Faßt man aber die Bevölkerungszahlen 
der einzelnen Höhenstufen über das ganze Land hin ins 
Auge, so ergibt sich nach der Zählung von 1880 fol- 
gende Verteilung 



Höhenstufe. 


Bevölkerungszahl. 

°/o 


100 e. F. 


9152 296 = 18 


100—500 , 


10 776284 — 21 


500-1000 , 


19024310 — 38 


1000-1500 „ 


7904780 = 16 


1500—2000 „ 


1878 715= 3,7 


2000—3000 , 


664923— 1,3 


3000-4000 „ 


128544— 0,23 


4000—5000 . 


167236= 0.33 



Einfluß der Höhe in Nordamerika. 215 

Höhenstufe. Bevölkerungszahl. 

o/o 
5000-6000 e. F. 271317 = 0,54 

6000-7000 „ 94443 = 0,19 

7000—8000 „ 15054 = 0,03 

8000—9000 . 24 947 = 0,05 

9000—10 000 „ 26 846 = 0,05 

Ueber 10000 „ 26078 = 0,05 

Die begünstigtste Höhenstufe liegt zwischen 500 und 
1000 Fuß, sie verbindet weite Ausdehnung mit dem Besitz 
Ton mehr als V 3 der Gesamtbevölkerung. Die dichteste 
Bevölkerung aber findet sich in der untersten Stufe, wo 
schätzungsweise 1100 auf die deutsche Quadratmeile an- 
genommen werden können, in der Region der Großstädte 
und Großindustrie des atlantischen Randes. Zusammen 
mit der nächsthöheren Stufe bis 500 Fuß umschließt diese 
<len weitaus größten Teil der in der Großindustrie, im 
Außenhandel und im Anbau der Baumwolle, des Reises 
und des Zuckers beschäftigten Bevölkerung. Zwischen 
500 und 1500 Fuß liegt die Masse der ackerbauenden und 
viehzüchtenden Prärie- und Nordweststaaten. Der rasche 
Abfall der Bevölkerung jenseits der Höhe von 3000 be- 
deutet den Uebergang auf der schiefen Ebene der Schwelle 
des Felsengebirges von der Prärie in die Steppe. Die 
Steigerung auf der Stufe über 5000 deutet die rasch 
wachsenden Siedelungen an den östlichen Abhängen des 
Felsengebirges und am Großen Salzsee an. Und die ver- 
hältnismäßig beträchtlichen Zahlen in Hochgebirgshöhe, 
welche von 1870 — 80 sich jenseits 6000 mehr als ver- 
doppelt haben, sind den Bergwerksansiedelungen besonders 
in Colorado zu danken. Die bekannten Kulturzonen mittel- 
europäischer Gebirge, charakterisiert durch die Höhen- 
verbreitung des Weinbaues, des Getreides, der Alpen wiesen, 
sind gleichzeitig Zonen verschiedener Bevölkerungsdichtig- 
keit, ähnlich den viel breiteren und inhaltreicheren der 
Tierra caliente, templada und fria, die man mit Unrecht 
als vorwiegend klimatisch begründet ansehen wollte, wäh- 
rend sie Kulturzonen und dadurch Zonen der Bevölkerungs- 
dichtigkeit sind. Auf engerem Räume läßt auch die Ver- 



216 Kulturzonen, Bodengestalt u. Volksdichte in Deutschi. 

teilung der Bevölkerung unseres Landes den Zusammenhang- 
zwischen Bodengestalt und Volksdichte erkennen. Die in der 
Bodengestalt Deutschlands sich ausprägende gürtelförmige 
Anordnung tritt auch hier hervor. Das Flachland im 
Norden mit durchschnittlich 3000 Einw. auf 1 Quadrat- 
meile läßt den Höhenzug der Seenplatte bis nach Hol- 
stein hinein als dünner bevölkerten Streifen erkennen, dem 
die Moor- und Haidelandschaften von Lüneburg, Olden- 
burg und Friesland sich anschließen. Die Flußniederun- 
gen und Marschen legen kleinere Gebiete dichter Bevöl- 
kerungen zwischen hinein. Am Nordrand der deutschen 
Mittelgebirge zieht sich dann ein Streifen dichtester Be- 
völkerungen von Oberschlesien bis nach Westfalen. Frucht- 
barkeit des Bodens, Kohle und Eisen schaffen Bevölkerungen 
von mehr als 10000 auf 1 Quadratmeile. Ein dritter Strich 
dünner Bevölkerung zieht sich vom Nordfuß der Alpen 
durch Bayern, Franken, Hessen bis ins Sauerland. Das 
Rheinthal bezeichnet endlich ein viertes Land ununterbrochen 
dichter Bevölkerung von der Nordschweiz bis Holland, 

Zunahme der Bevölkerung mit der Höhe. Es liegt 
in der Abnahme der Bevölkerung mit der Höhe eine Regel, 
die nirgends versagt, wo wir sie in den großen Zügen 
der Boden gestaltung suchen. Höhen- und Bevölkerungs- 
karten verhalten sich in der Regel umgekehrt: die Höhen - 
maxima sind die Bevölkerungsminima. Im einzelnen 
durchbrechen sie aber die kleineren Züge ebenderselben 
Bodengestaltung an unzähligen Stellen. Die echten Hoch- 
gebirgsthäler sind an ihrer Sohle, wo der brausende Berg- 
fluß seine Steine wälzt, gewöhnlich nicht bewohnt. Die 
sonnigen Thalhäuge, die n Sonnenleiten u unserer deutschen 
Alpen, bieten wärmere, angenehmere, gesundere, frucht- 
barere Wohnplätze als die schattenreichen, kühlen und 
nicht selten versumpften Thalgründe. Im Oetzthal woh- 
nen von den Gehängsiedlern 8<> °/o auf der mittagwärts 
schauenden Thalseite (Löwl). Auch im Himalaya sind 
keineswegs die tiefsten Teile die bewohntesten. Die tief 
eingerissenen Thalrinnen, Erzeugnisse einer mächtigen 
Erosion, welche für den Himalaya so charakteristisch sind. 



Zunahme der Bevölkerung mit der Höhe. 217 

bieten häufig dem Menschen keinen Raum für Ackerfeld 
oder Wiese und der tiefstgelegene südliche Saum des 
Gebirges, die „Tarai", schließt durch Sumpf und Dickicht 
den Menschen aus. Der Gegensatz der Besiedelung der 
breiten Thäler, der Mulden, zu derjenigen der engen Thäler, 
der Schluchten, zeigt, wie wirksam gerade die Thalformen 
sind. A. und H. von Schlagintweit haben wohl diesen 
Unterschied im Sinne, wenn sie sagen, daß vereinzelte 
Gruppen von Bauernhöfen und kleinen Dörfern in den 
Alpen höher hinaufgehen, „besonders in regelmäßig gebil- 
deten Thälern ttS(i ). Das breite Innthal ist an der Stelle, 
wo das malerische, enge Vomperthal einmündet, am Grunde 
und in geringer Höhe reich besiedelt, während dieses 
letztere keine einzige Ansiedelung in seinem Grunde be- 
sitzt. Aehnlich steht der unbewohnte Stillup-Grund dem 
volkreichen Zillerthal, in das seine Schlucht mündet, gegen- 
über. Dasselbe Verhältnis herrscht im Mittelgebirg. 
Das Isergebirge ist weniger hoch als das Riesenge- 
birge, aber es ist weniger bewohnt. Sümpfe, Hochmoore 
und dichte Bewaldung machen es unwirtlich und die 
geringe Entwickelung der Thäler schafft in ihm weniger 
Möglichkeiten der Besiedelung und des Verkehres. Ter- 
rassenthäler bieten, auch wo sie schmal und steilwandig 
sind, noch Raum für Siedelungen, wo terrassenlose Thäler 
leer bleiben; die Bevölkerung erscheint dann dichter in 
der Höhe als in der Tiefe. Beispiele bilden zahlreiche 
Alpenthäler, auch die Ennsthäler hinter St. Polten im 
Wiener Wald. 

Eine Eigentümlichkeit der Volksverbreitung Deutsch- 
lands, welche in diesem Klimagürtel nicht wiederkehrt, ist 
die dichte Bevölkerung der süd- und mitteldeut- 
schen Gebirge, ausschließlich der Alpen und des rheini- 
schen Schiefergebirges, des Harzes, der Rhön und einiger 
kleinerer Gruppen. Schwarzwald, Fichtelgebirge, Thüringer- 
wald, Erzgebirge und Riesengebirge sind zu einem großen 
Teile dichter bevölkert als der Durchschnitt Deutschlands 
oder selbst als ihre Umgebungen. Das Erzgebirge mit 
11 160 auf der Quadratmeile, der Thüringerwald mit 5610 
gehören zu den dichtest und dichter bevölkerten Land- 



218 Dichte Bevölkerung deutscher Gebirge. 

Schäften Mitteleuropas. Im Königreich Sachsen zählt die 
Kreishauptmannschaft Bautzen nur 7920, in Thüringen 
sind das Großherzogtum Weimar-Eisenach, die Herzog- 
tümer Gotha und Meiningen dünner bevölkert als der 
Thüringerwald. Das Herzogtum Gotha zeigte (1871) in 
dem flachen Landdistrikt 4400, in dem gebirgigen Wald- 
distrikt 4583 Einwohner auf der Quadratmeile. Ur- 
sprünglich ist diese Bevölkerung teilweise durch die 
Bergschätze angezogen worden, die auch in heute mi- 
neralarmen Gebirgen wie dem Schwarzwald einst be- 
deutender waren, mehr noch dankt sie aber die Möglich- 
keit, in so unwirtlichen Höhen sich weit auszubreiten, dem 
Waldreichtum, der alle diese Gebirge auszeichnet. Erz- 
und Holzreichtum führten beide zur Industrie, welche der 
Bevölkerung gestattete, über das Maß der Fruchtbarkeit 
des Bodens hinauszuwachsen. Wo der Bergbau auf- 
hörte, sind wie im Annaberger Bezirk die fernstliegenden 
Industrien ergriffen worden, um auf dem Boden ausharren 
zu können. Aus der alten, schon zu Rudolf von Habs- 
burgs Zeiten bekannten Holzfällerei und -flösserei des 
Schwarzwaldes ist die schwarzwälder Uhrenindustrie her- 
vorgegangen und auf dem Holzreichtum ruht die Spiel- 
und Klein warenindustrie des Thüringerwaldes. Köhlerei, 
Glasbläserei, Teer- und Pottaschebereitung halfen den 
Waldreichtum ausnützen. Aber ein ungewöhnliches Maß 
von Genügsamkeit mußte dazu kommen, um auf dem 
rauhen Erzgebirge gegen 20000 Menschen noch über 
800 Meter Höhe überhaupt die Bedingungen der Existenz zu 
gewähren, die allerdings zuerst nur im Erzreichtum und 
erst mit dessen Versiegen im Hausgewerbe gesucht wurde. 
Es entsteht eine viel größere Abhängigkeit von der 
Hände Arbeit als von des Bodens Art und Güte. Die 
Dichtigkeit der Bevölkerung steigert sich bedenklich über 
die Kulturfähigkeit des Bodens hinaus. 

In den Gebirgskreisen Schlesiens leben bis zu 26,6 V 
der Bevölkerung (Kreis Landeshut) von der Weberei, die 
hier großenteils noch als Hausindustrie betrieben wird. In 
den Flachlandkreisen erreicht Sagan mit 10 °/o den höch- 
sten Stand, aber hier handelt es sich nur noch um Fabrik- 



Uebervölkerung von Gebirgen. 219 

arbeit. Wenn wir im oberen Schwarzwald bei Bonndorf 
zwischen 800 und 900 Meter auf einer nahezu 1 Quadratmeile 
großen Fläche eine Volksdichte von über 8000 finden, dar- 
unter aber bis 400 Meereshöhe die Dichte nur zwischen 
1600 und 2700 schwanken sehen, so denken wir an die eben 
berührte Gewerbthätigkeit. Das erstaunlichste Beispiel wird 
immer die Dichtigkeit der Amtshauptmannschaft Anna- 
berg im Erzgebirge bieten. Die Stadt gleichen Namens 
mit ihren 14 000 Einwohnern steht einzig da in so hoher 
nördlicher Breite und so bedeutender Meereshöhe, sie 
bietet mit ihren Umgebungen eine ebenso abnorme Volks - 
Verdichtung im kleinen wie das Erzgebirge im großen; 
denn die nächsttiefere Höhenzone von 5 — 600 Meter 
enthält über 4000 Menschen weniger; gegen 4000 Men- 
schen wohnen in diesem Bezirke oberhalb 900 Meter. Der 
Ackerbau ist in dieser Höhe auf ein Minimum beschränkt, 
— bei Gottesgab reift ein schöner Sommer nur noch 
Hafer, andere Getreidearten werden nicht mehr gebaut — 
die Forstwirtschaft ist gering 37 ), der Bergbau ist fast 
verschwunden. Die Haupterwerbszweige sind Spitzen - 
klöppelei, Anfertigung von Posamenten, Gorlnäherei, Steck- 
nadel- und Zündhölzerfabrikation. 

Die unfruchtbarsten Teile der Erde sind innerhalb 
der Oekumene auf den Hochebenen zu suchen, in denen 
sehr häufig zur Rauheit des Höhenklimas noch die Trocken- 
heit der Steppe und selbst der Wüste tritt. Die größten 
unbewohnten Räume innerhalb der Oekumene gehören 
den Wüsten und Steppen der Hochebenen an; Sahara 
und Kalahari, Gobi, Tibet und Salzseewüste Nordameri- 
kas sind Hochebenen. Selten sind hier die Oasen der 
Fruchtbarkeit, welche in viel größerer Zahl in die Gebirge 
hinein durch die anschwemmungsreichen Thäler gelegt 
wurden. Selbst kleine Hochebenen, wie die Eifel, der 
Hundsrück, die Rhön, der Spessart, das Eichsfeld sind 
dünnbevölkerte Landschaften. In den einzelnen Gebirgen 
sind es häufig wieder die hochebenenhaften Glieder, welche 
am dünnsten bevölkert sind; so die Baar im Schwarz- 
wald, die Zone der mittleren Kammhöhe mit ihren 
rauhen Abflachungen im Erzgebirge. Deutschland hat 



220 Dünne Bevölkerung der Hochebenen. 

es zum Theil der starken Vertretung der Hochebenen 
in seinen Gebieten zuzuschreiben, wenn es soviel ärmeren 
Boden als Frankreich hat, das jedoch in der Champagne 
pouilleuse, im Plateau von Langres und in den Plateau- 
gebirgen Zentralfrankreichs, ebenso wie Spanien in der 
Mancha die Bevölkerung zurückdrängende Wirkungen der 
Hochebenen ebenfalls deutlich erkennen läßt. Die That- 
sache ist bezeichnend, daß wo in Deutschland starke Gegen- 
sätze der Volksdichte unmittelbar nebeneinanderliegen, 
es in und an den von tiefen Thälern durchschnittenen 
Hochebenen ist. Moselthal und Eifel, Mainthal und Spes- 
sart bieten Beispiele. Noch viel schroffer ist der Ueber- 
gang von dem dünn bevölkerten Rothaargebirge und dem 
Plateau von Winterberg in die dicht bewohnten, von 
mannigfaltiger Gewerbthätigkeit in großem Stile wieder- 
hallenden Randgebiete, die den nördlichen und westlichen 
Fuß jenes Hügellandes und dieses Plateaus umlagern. 
Dort liegen die höchst ansteigenden, unfruchtbarsten und 
spärlichst bevölkerten Gegenden von Westfalen, die weder 
waldreich sind, noch beträchtlichen Bergbau treiben, 
noch je wichtige Verkehrswege ihre Gefilde durchschneiden 
sahen. Die Städte sind klein, die Kreise Meschede und 
Olpe zeigen eine Volksdichte von weniger als 3000, 
Arnsberg übertrifft nur wenig diese Zahl, aber Altena 
zeigt schon mehr als 4500 (4552). Wo aber nach West 
und Nordwest der Boden sich senkt, das rascher fließende 
Wasser seine Kraft darbietet, Kohle in Fülle über der 
devonischen Formation sich einstellt, entfaltet sich rasch 
jenes gewerbliche Treiben, das im Lenne- und Ruhrthal 
bereits einen großartigen Zug annimmt und im Mittel- 
punkte dieses ganzen Gebietes, Elberfeld -Barmen, eines der 
bedeutendsten Industriezentren des Kontinentes mit Dich- 
tigkeiten von 15 000 geschaffen hat. 

In den Tropen heben die Hochebenen weite Striche 
in gemäßigtes Klima hinauf und hier kehren sich dann 
die Verhältnisse der Bevölkerungsdichtigkeit um. Wo in 
den Tropen beträchtliche Theile des Landes in kühlere 
Höhen gehoben sind, wohnen häufig dichte, städte- 
reiche Bevölkerungen im gemäßigten Klima einer Hoch- 



Dichte Bevölkerung tropischer Hochebenen. 221 

ebene von 1500 — 3000 Meter, während in der üppigen Vege- 
tatipn der Tropennatur an den Flanken dieser Höhen 
die Bevölkerung zum Uebersehen dünn gesäet ist. Es 
liegt ein Widerspruch in dieser Vernachlässigung der 
fruchtbarsten Regionen, die oft von viel größerer Aus- 
dehnung sind als die dicht bewohnten Hochebenengebiete. 
Und letztere zeigen nicht selten eine bedenkliche Neigung 
zu Dürre, bedürfen künstlicher Bewässerung und sind 
weder klimatisch (meist gegensatzreiches Klima!) noch 
landschaftlich anziehend. A. v. Humboldt sagt in seinem 
politisch-geographischen Versuch über Neuspanien: Li 
Mexiko hat die Natur wie auch sonst ihre Schätze un- 
gleich verteilt. In Verkennung der Weisheit dieser Ver- 
teilung haben die Menschen wenig von dem genützt, was 
ihnen dargeboten wird. Auf einen engen Raum im Mittel- 
punkt des Vizekönigreiches auf der Kordillerenhochebene 
zusammengedrängt, haben sie die fruchtbarsten und am 
nächsten bei der Küste gelegenen Landschaften unbe- 
wohnt gelassen' 8 ). Allerdings waren zu Humboldts Zeit 
die Gegensätze viel schroffer als heute. Echt tro- 
pische Provinzen wie Tabasco, Tlascala, Veracruz, Ta- 
maulipas waren teilweise zehnmal weniger bevölkert als die 
echten Hochebenengebiete von Puebla, Mexiko, Guanajato, 
San Luis. Das Gleiche in Peru und Ecuador. Entgegen- 
gesetzt war damals der Küstenstrich von Caracas sehr 
dicht und das Innere sehr dünn bevölkert. Das Ver- 
hältnis gewinnt auf den ersten Blick noch an Rätsel- 
haftem dadurch , dato es nicht ein Erzeugnis der euro- 
päischen Kolonisation, sondern eine Erbschaft der 
altamerikanischen Kulturvölker ist, welche vor der Con- 
quista hier ihre Sitze hatten. Ihre Mauern, Tempel, 
Paläste und Straßen gehören alle der Hochebene. 
Nur die Maya Yucatans machen darin eine Ausnahme. 
Ihr ganzer Kulturzustand hing aufs engste mit dichter 
Besiedelung in künstlich zu bewässernden Ackerbauländern 
gemäßigten Höhenklimas zusammen. Von Norden her- 
kommend haben sie diese Länder besiedelt, die ihrer 
Heimat am ähnlichsten waren. Die Spanier aber folgten 
ihnen hierin, denn auch sie fanden, wie der freudig er- 



222 Ungleiche Bevölkerung in Tropenländern. 

teilte Name Nueva Espana zeigt, auf der mexikanischen 
Hochebene ein Land castilischer Natur zum erstenmal 
im tropischen Amerika 39 ). Auch sie scheuten die heißen 
ungesunden Küstenstriche von Acapulco und Tampico. 
Erstaunlich ist nicht dieses; wohl aber ist die Frage be- 
rechtigt, warum sie nicht von den Hochebenen in jene 
noch nicht ungesunden und doch tropisch üppigen und 
schönen Zwischenregionen Orizabas, Tacamparos, Igualas 
früher und in größerer Zahl herabstiegen? Wohl haben 
durch den Anbau von Zuckerrohr, das gerade hier in 
800 — 1200 Meter am besten gedeiht, und Kaffee diese Ge- 
biete gewonnen, aber noch immer stehen sie an Bevölke- 
rung zurück. Es scheint immer bequemer, eine vor- 
handene Kultur erbweise anzutreten und mit ihr ihre 
Träger als Arbeiter in Besitz zu nehmen, als auf neuem 
Boden Neues zu schaffen. 

Einfluss der Bodengestalt auf die Gleichmässigkeit 
der Verbreitung. Ueber gleichen Bodenverhältnissen 
bauen im gleichen Lande sich auch gleiche Dichtigkeits- 
stufen auf. In Deutschland ist das größte Gebiet gleicher 
Bevölkerungsdichtigkeit im flachen Norden zu suchen. 
Die Monotonie der wesentlich dünnen Besiedelung wird 
hier in erheblichem Maße nur in den Thälern durch dich- 
tere Bevölkerung gestört, aber auch diese stimmen dann 
unter sich wieder in ähnlicher Weise überein. Die Stufe 
3800 — 4400 kehrt in den unteren Thalabschnitten der Weser. 
Elbe, Trave, Oder, Weichsel, Memel wieder. Die Stufe 
1300 — 2590 gehört dem Apennin von Arezzo bis Cosenza; 
nur die Senke von Benevent macht einen Einschnitt 
dichterer Bevölkerung. Der größte Teil des Potieflandes 
gehört der höchsten Stufe an. die einen nur bei Mantua 
unterbrochenen Streifen vom Ligurischen Busen bis zur 
Adria bildet. Auf den Karten der Bevölkerungsdichtig- 
keit erscheinen die Westseiten sowohl von England, näm- 
lich Wales, als auch von Schottland und Irland nicht nur 
am dünnsten bevölkert; sondern hier drängen sich auch 
die zahlreichsten Unterschiede, die kleinsten Gebiete gleicher 
Dichte zusammen. Die atlantische Abdachung der AI- 



Einfluß der Bodenformen. 228 

leghanies, vor allem aber die großen Prärieländer im 
Herzen Nordamerikas zeigen gleichmäßige Ausbreitung 
mittlerer Dichtigkeitsstufen, in dem letzteren Gebiet vom 
Wabasch bis zum Missouri 18 — 45 auf der englischen 
Quadratmeile. Besonders der Nordosten des Landes tritt 
im Gegensatz dazu mit sehr verschiedenen Dichtigkeiten 
auf. In Indien sind die Tiefländer zwischen Himalaya 
und Vindya, die Flächen der Radschputana, das eigent- 
liche Dekanplateau zwischen. 20 und 16 n. Br. Stätten 
einförmiger Verbreitung dort dichter, hier dünner Be- 
völkerung. Sobald wir aber in die vielgegliederte Re- 
gion der Nilgheries und Maisurs eintreten, oder sobald 
wir von den Tiefländern des Nordens uns nach dem Hi- 
malaya wenden, folgen rasch aufeinander die verschiedenen 
Abstufungen, nicht ohne durch zahlreiche Zentren dichter 
Bevölkerung an die große Zahl kleiner Kulturzentren zu 
erinnern, die, ebenfalls nicht ohne Hilfe der Bodengestal- 
tung, sich hier im Gegensatz zu den großen Reichen der 
Mitte und des Nordens von Indien herausgebildet haben. 
Das Gleiche beobachten wir im Himalaya. 

Je schärfer der Gegensatz von Höhen und Tiefen, 
desto verschiedener sind die Bevölkerungsdichtigkeiten auf 
engem Raum. In der Tiefe südlicher Alpenthäler wohnen 
noch 5000 im Höhengürtel von 5—600 Meter während 1200 
Meter weiter oben alle Wohnstätten aufhören und zwischen 
1100 und 1700 Meter nur noch 700 auf der Quadratmeile 
auch in jenen begünstigten Strichen der Südabhänge 
wohnen, wo in dieser Höhe noch einige Gersten- und 
Haferfelder grünen. Im Var wohnen gegen 12000 im 
hügeligen Land, 3700 in den Monts des Maures, 600 im 
Hochgebirge. Wo die Alpen sich rasch aus unwirtlichen 
Höhen in das fruchtbare Tiefland zu ihren Füßen herab- 
senken, wie im Friaul, da mag in Vorzeiten ein Gegen- 
satz der Bevölkerungsverteilung gewaltet haben, wie Dutreil 
ihn am Küstenstrich von Truongtien fand, wo 4 Meilen 
von der Mündung dieses Flusses in bewaldeter Gebirgs- 
gegend jede Spur einer Ansiedelung fehlte. Jetzt strebt 
die Kultur, die ihre Aecker in die tiefsten Dolinen legt, 
ihn abzugleichen. 



224 Topographische und statistische Gegensätze. 

Jedes Gebirge vergrößert und vermannigfacht nach 
dem Mali seiner Gliederung den Kaum und die Be- 
dingungen menschlichen Lebens und Schaffens. Aus dem 
Nebeneinander des Flachlandes, welches fast immer die 
Neigung hat, einförmig zu sein, entfaltet sich ein viel 
bunteres Ueberein ander. Wir tiberschreiten in Deutsch- 
land bei ca. 300 Meter die Höhe, bis zu welcher im Mark- 
gräflerland am Westabhang des Schwarzwaldes der große 
Weinbau ansteigt. Dann folgt ein Gürtel mit Getreide- 
feldern. Dann höher hinauf walten die Wiesen und die 
Wälder vor, wo im Sommer die Viehzucht, im Winter 
der Holzschlag die Hauptarbeiten sind. Da aber zur Er- 
nährung größerer Mengen diese nicht genügen, ist hier 
die Heimat der Hausindustrie, der Uhrmacherei, des Stroh- 
flechtens. So wiederholt es sich in jedem einzelnen Ge- 
birge. Je höher das Gebirge, je milder das Klima am 
Fuß der Gebirge, desto größer die Reihe dieser Stufen, 
die am Südabhang der Alpen um 600 Meter tiefer be- 
ginnen und ungefähr ebensoviel höher sich heben als am 
Nordabhang. 

Die Dichtigkeit am Wasserrande und in Stromge- 
bieten. Bei den vielfältigen Beziehungen, welche zwischen 
dem Wasser in allen Formen und dem Gedeihen des 
Menschen obwalten, ist eine besonders häufige Erschei- 
nung die Zusammendrängung dichter Bevölkerungen nicht 
nur an Küsten, sondern auch an Flüssen, Seen und Quel- 
len. Schutz, Befriedigung des Durstes, Nahrung, Ver- 
kehr werden hier geboten, daher die frühesten Ansiede- 
lungen und in sonst dünnbevölkerten Gegenden die 
menschenreichsten hier zu finden, wie denn dementsprechend 
die Wasserränder dann auch die Stellen größter Bevöl- 
kerungsüberschätzungen sind. Auf Tröltschs prähistori- 
scher Karte von Deutschland erkennt man schon an der 
Zusammendrängung der Fundstätten an Seen und Flüssen 
den Einfluß dieser Faktoren auf Besiedelung und Verkehr. 
Im südwestlichen Blatt treten die Züge Genfer, Neuen- 
burger, Bieler See, Aar, Bodensee, Donau, ferner Rhein- 
u nd Neckarthal besonders deutlich hervor. Auch auf 



Die Dichtigkeit am Waeserrande. 225 

höheren Stufen der Kultur begünstigt das Wasser die Be- 
völkerung. Wo ein höhergelegenes Gebiet dünner Bevölke- 
rung von Bächen oder Flüssen mit breiten Thälern durch- 
strömt wird, ist die Bevölkerung längs dieser Wasserlinien 
die dichteste in dem Gebiete. Und wenn wir ganze Länder 
vergleichen, sind es immer die Flufiläufe, denen die dichten 
Bevölkerungen sich anlagern. Die Karten der Bevölke- 
rungsdichtigkeit lassen keine andere der geographischen 
Grundlagen deutlicher hervortreten als die hydrographische. 
Das ist besonders auffallend in einem weniger dicht be- 
völkerten Lande wie Frankreich, wo an Loire, Rhone, Ga- 
ronne und Mosel die dunkeln Bänder der dichten Bevölke- 
rung tief ins Land hineinziehen, mehr noch in Norwegen, 
dessen Siedelungskarte ein Abbild der hydrographischen 
genannt werden kann. Po und Ebro sind ähnlich wirk- 
sam und im großen sind es Nil und Mississippi. Nichts 
gibt daher eine stärkere Vorstellung von der Zurückge- 
bliebenheit eines Landes, als die Oede der Flußufer. 
Wenn Giraud die Ostküste des Tanganika, ausgenommen 
Fipa, dünn, Marungu unbewohnt nennt 40 ), so ist damit 
ein abnormer Zustand gekennzeichnet. 

In den Küsten verbindet sich die Fruchtbarkeit des 
Meeres mit der des Landes. Jene bleibt sich über die 
ganze Erde wesentlich gleich, kann daher diese, wo sie 
fehlt, wie in den polaren Regionen, ersetzen. Die Hyper- 
boreer können nicht im vereisten Innern ihrer Länder, 
wohl aber an deren Küsten wohnen. Der Fischfang ist 
vielfach bequemer als der Ackerbau, deswegen lieben die 
Naturvölker besonders die Küsten. Selbst die Indianer 
des Nordwestens haben stets nur die Küsten bewohnt, 
da die dichten Nadelholzwälder, welche das Innere bedecken, 
jedes Vordringen ohne Feuer und Axt unendlich er- 
schweren. Viel mehr noch sind Polynesier und Mikro- 
nesier Küstenbewohner. Ein Teil des großen Ueberge- 
wichtes des Seehandels über den Landhandel liegt darin, 
daß an das Meer die wohlbefeuchteten, fruchtbaren Länder 
grenzen, während im Innern der Kontinente die großen 
unfruchtbaren Strecken der Steppen und Wüsten auftreten. 
Die Küste ist der begünstigte Wohn platz, ihm drängen die 

Ratzel, Anthropogeographie II. 15 



Dichte Bevölkerung an Küsten. 




Starken, Ueberlegenen zu und 
treiben die vordem dort Ge- 
sessenen ins Innere. Kommen 
jene von außen, dann kann 
Bich der Prozeß in einer 
Schichtung abspiegeln , wie 
auf den Philippinen, wo wir 
im 16. Jahrhundert sehen: 
Malayen : Küste , Tagalen : 
Inneres, Negritos: Gebirge. 

Auch auf der Bevölke- 
rungskarte von Deutschland 
tritt die Anziehung, welche 
überall diu Welt des Wassers 
auf die Menschen übt, sehr 
deutlich hervor Die Bevöl 
k erung t onze n tri ert ai ch m e r k - 
lieh an der unteren Weser, 
Elbe und Trave, und die 
friesische Küste , sowie die 
holsteinische Ostseeküste sind 
dichter bevölkert als die nord- 
deutsche Ebene im Durch- 
schnitt. Das Rheinthal ist 
von den Alpen bis ans Meer 
ein Gebiet dichter Bevölke- 
rung , welches das mittel- 
deutsche Maxim li] gebiet stel- 
lenweise an Intensität über- 
trifft. Klima, Kohlen- nnd 
>-jsenla^er, Fluß- und Bahu- 
verkehr vereinigen sich hier 
zur Schaffung einer außer- 
ordentlich zahlreichen Bevöl- 
kerung. Der mannigfaltige 
Ackerbau in den ^Niederungen, 
der Weinbau in den Höhen, 
sind am Ober- und Mittel- 
rhein, Handel und Großindu- 



Die Anziehung des Wassers. 227 

strie, durch die Nähe des Meeres gefördert, am Unterrhein 
Ursachen dichter Bewohnung. Die Thäler- der Nebenflüsse 
nehmen an diesen Vorzügen teil, so der Neckar, der untere 
Main, Lahn, Mosel, Sieg und nicht zuletzt die Ruhr. Sie 
umschließen dicht bevölkerte, fruchtbare Landschaften. 
Von 17 deutschen Städten, welche mehr als 100000 Ein- 
wohner zählen, liegen am Rhein Straßburg und Köln, an 
der Weser Bremen, an der Elbe Dresden, Magdeburg, 
Hamburg, an der Oder Breslau, Stettin, an der Weichsel 
Danzig, am Pregel Königsberg, an der Spree Berlin, am 
Main Prankfurt. München, Leipzig, Elberfeld, Nürnberg, 
Hannover, Stuttgart sind die deutschen Großstädte, welche 
nicht an schiffbaren Flüssen gelegen sind, deren Lage 
aber zum Teil auf Anlehnung an Flüsse zu Schutz oder 
Verkehr zurückführt. 

Der Anschluß großer Menschenzahlen an das Wasser in 
allen Formen und an die vom Wasser ausgehöhlten Thäler muß 
bei der Zuweisung der Teile einer Bevölkerung an natürliche Land- 
schaften entscheidend auf die Umgrenzung der letzteren wirken. 
Die Abnahme der Bevölkerung nach oben bis zur völligen Menschen- 
leere höherer Gebirge erleichtert die Aufgabe, die Bevölkerungen 
nach den Stromsystemen zu teilen. In den Zahlen, die man dabei 
erhält, ist allerdings zunächst nur ein schärferer Ausdruck für eine 
Verbreitungs weise zu erkennen, welche ohnehin schon durch einen 
Blick auf die Bevölkerungskarte einleuchtend gemacht wird. Der 
Vorteil liegt im Ausdruck, nicht in der Annäherung an die 
Ursache; er ist, mit anderen Worten, mehr ein formaler als wesent- 
licher. Doch ist ein Fortschritt von der allgemeinen Vorstellung, 
daß die atlantische Seite Nordamerikas viel dichter bevölkert sei 
als die pazifische, bis zu der Zusammenfassung dieser Vorstellung 
in den zahlenmäßigen Ausdruck: 97,14% der Bevölkerung der 
Vereinigten Staaten leben auf dem atlantischen, 2,41 °/° au ^ dem 
pazifischen Abhang. Für wirtschafts- und politisch-geographische 
Anwendung bedeuten diese Zahlen die Möglichkeit von Folgerungen, 
deren Schärfe derjenigen der Voraussetzungen einigermaßen ent- 
spricht. Ebenso deutet zwar die Lage der großen Städte der Union 
ziemlich deutlich die Lage der dichtesten Bevölkerungen an, aber 
es ist doch von Wert, folgende bestimmtere Zuteilungen machen zu 
können. Daß die Wasserscheiden schon früher durch Kanäle von 
größter Wichtigkeit, wir erinnern an den Eriekanal, und seither 
noch viel mehr durch Eisenbahnen durchbrochen oder überschrit- 
ten wurden, das ändert nichts an der Bedeutung, welche 54,8 °/° 
der Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten, die im mittleren 
Streifen des Landes vom Golf von Mexiko bis zur Nordgrenze 
wohnen, zuerkannt werden muß. Fügt man die Golfküste hinzu, 



228 Die Sonderungen d. Bevölkerungen n. Wasserscheiden. 

so sieht man nahezu zwei Dritteile dieser Bevölkerung in diesen 
mittleren, breiten Streifen versetzt und erkennt sogleich, wie sehr 
die Vereinigten Staaten aufgehört haben, eine vorwiegend nordwest- 
atlantische Macht zu sein. Diese Masse hat den Schwerpunkt des 
Landes über die Alleghanies hinausrücken machen; sie ist bei 
ihrer natürlichen Hingewiesenheit auf den Golf von Mexiko der 
stärkste Grund einer steigenden Anteilnahme des Landes an mittel- 
amerikanischen und westindischen Entwickelungen. Der Schatten 
dieser 63 °/o fällt noch bis nach Panama und Nicaragua. 

Prozent 4 er 
Geographischer Abschnitt. Bevölkerung. 

Atlantische Küste von Maine bis zum Hudson . 7,5 
Atlantische Küste zwischen Hudson und Potomac 18,5 

Südatlantische Küste 8,2—84,2 

Golf küste (außer dem Becken des Mississippi) . 8,2 

Becken des Mississippi 43,5 

Gebiet der Großen Seen 11,3 

Gebiet des Großen Salzsees 0,45 

Pazifische Küste 2,41 

Ungleiche Verteilung der Menschen über die Erde. 
Die Menschen sind sehr ungleichmäßig über die Erde 
verteilt; dies ist der erste Schluß, den wir aus der Be- 
trachtung jeder Bevölkerungskarte eines kleinen oder 
großen Gebietes ziehen. Die Alte Welt umschließt mehr 
als 90°/o aller Menschen, während auf den 800000 Quadrat- 
meilen Amerikas, Australiens, Polynesiens kaum 7 °/o woh- 
nen. Fast drei Vierteile der heutigen Menschheit wohnen 
in Europa, Indien und China. Die übrigen 6 /7 der Erde 
nehmen nur etwa 400 Millionen Menschen in sich auf. Sie um- 
schließen aber mindestens 1 Million Quadratmeilen Land 
von solcher Güte, daß es einige Milliarden Menschen zu 
ernähren im stände wäre. Es ist im kleinen nicht anders. 
Auch hier sehr dichte Anhäufungen neben leeren Stellen 
und im ganzen mehr Extreme als Uebergänge. Selbst in 
einem der gleichmäßigst bevölkerten Länder Europas, 
Preußen, kamen nach der Zählung von 1875 auf 1 Be- 
wohner 1,35 Hektare, in Berlin aber nur 0,0061, in 
Köln 0,0057. Im Regierungsbezirk Cöslin kamen auf 
1 Bewohner 2,5 Hektare, im Regierungsbezirk Düssel- 
dorf, der schon damals dichter als Belgien bevölkert war, 
0,37. In London wohnen auf 5 — 6 Quadratmeilen über 
4 Millionen Menschen, in den dichtbevölkerten kontinen- 



Ungleiche Verteilung der Menschen. 229 

talen Städten noch mehr, in Wien über das Doppelte 
mehr. Ebenso ist Nürnberg doppelt so dicht bewohnt als 
München. In Prankreich wohnt ein Drittel der Bevölke- 
rung in den Stadtgebieten, welche nur ein Siebzehntel 
des Areales einnehmen. Die Arktis zählt andererseits noch 
nicht 1 Menschen auf der Quadratmeile und wir haben 
gesehen, wie weite Gebiete dort ganz unbewohnt sind. 

Nur etwa l°/o der Landflächen der Erde erfreut 
sich einer Bevölkerung von 8000 oder mehr auf der 
Quadratmeile, 6°/o einer mittleren Volksdichtigkeit von 
2 bis 8000. Die dichten Bevölkerungen leben also weit 
zerstreut und ein großer Teil von ihnen besteht aus den 
75 Millionen, welche zusammengedrängt in großen Städten 
von mehr als 50000 Einwohnern wohnen. Selbst in Eu- 
ropa stufen sich die Volksdichtigkeiten von nahezu 10000 
auf der Quadratmeile in Sachsen und Belgien, auf 270 
in Finnland, 303 in Norwegen, 526 in Schweden, 766 
in Rußland ab, während Island bei einem großenteils 
unbewohnten Innern nur 37 aufweist. Und so wieder in 
den einzelnen Ländern. 

Frankreich hat bei einer mittleren Bevölkerungsdichte 
von nahezu 4000 Bevölkerungen von mehr als 6000 (ab- 
gesehen von Paris, wo 340000 auf der Quadratmeile 
wohnen, und dem Rhonedepartement mit Lyon), im Nord- 
westwinke], an der untern Rhone und Seine, am Kanal, 
im Loire-Kohlenbecken, wogegen Bevölkerungen von 
weniger als 2000 im Südosten (Alpen), Südwesten (Sand- 
gegenden der unteren Garonne und des Adour), und in 
der Mitte (Auvergne, Burgund, Plateau von Langres) ge- 
funden werden. Im allgemeinen nimmt die Gleichmäßig- 
keit der Verbreitung nach der gemäßigten Zone zu, ist 
größer in alten als in jungen Ländern, größer in engen 
als in weiten Gebieten. Ausdehnung und Lage der un- 
gleich bevölkerten Gebiete gehören zu den hervorragen- 
den Merkmalen der Länder, in denen die wichtigsten 
natürlichen und geschichtlichen Thatsachen eines Bodens 
und eines Volkes sich spiegeln; es ist also besonders im 
politisch-geographischen Sinne ihre Beachtung zu hei- 
schen. Mit seiner mittleren Dichtigkeit von 4818 (1885) 



230 Ungleiche Verteilung in Frankreich und Deutschland. 

steht Deutschland unter den größeren Staaten Europas 
in 3. Linie. Es umschließt am Rhein und in Mittel- 
deutschland zwei ausgedehnte Gebiete dichter Bevölkerung, 
daneben größere Inseln dichter Bevölkerung an der Saar, 
der mittleren Weser und in den Niederungen an Elbe-, 
Weser- und Travemündung. Diese Areale dichter Be- 
völkerung übertreffen an Ausdehnung diejenigen, welche 
Frankreich oder Oesterreich oder die südeuropäischen 
Länder aufzuweisen haben. Gleichzeitig sind aber in 
Deutschland auch die dünnbevölkerten Gebiete in großer 
Ausdehnung vertreten. Zu ihnen gehört alles, was von 
Alpen und Alpenvorland auf deutschem Boden gelegen 
ist, dann weite Gebiete der Seenplatte in Mecklenburg, 
Pommern und Preußen und deren Fortsetzung in der 
Lüneburger Haide und dem Weser-Ems-Moor. Auch 
hinsichtlich der Ausdehnung dieser Gebiete übertrifft 
Deutschland die vorhin genannten Länder. Mit Frank- 
reich teilt es die dünnbevölkerten Striche im Alpen- und 
im Küstenland, doch sind seine Mittelgebirge bevölkerter, 
während Frankreich nichts dem Streifen dünnbevölkerter 
wasserreicher Niederungen, der von der Weichsel bis zur 
Ems zieht, Vergleichbares besitzt. 

Solche Vergleichungen zeigen auf den Karten der 
Bevölkerungsdichtigkeit Gebiete der Extreme und der 
Ausgleichung. Leicht sieht man, wie sie klimatisch und 
orographisch bedingt sind. Ein großes Land, das von 
der arktischen Grenze der Oekumene tief bis in die 
gemäßigte Zone reicht wie Schweden, mag 1540 auf 
der Quadratmeile in Gothland und 110 in Norrland, 4180 
in Malmöhus (Schonen) und 54 in Norrbotten aufweisen. 
Ein Land von kontinentaler Größe, wie die Vereinig- 
ten Staaten, mag am verkehrsreichsten atlantischen Ge- 
stade Staaten von 4800 (Rhode-Island) und im dürren 
fernen Westen andere von 11 (Nevada) aufweisen. 
Deutschlands Unterschiede sind vergleichsweise ge- 
ringer, ihr verhältnismäßig kleiner Betrag zeigt das alt- 
besiedelte, ganz in gemäßigter Zone gelegene Land und 
noch mehr treten die Unterschiede im größten Teil der 
Apenninenhalbinsel zurück, wo kleinere Räume sogar zu 



Gebiete der Gegensätze und der Abgleichung. 



231 



den gleichmäßigst bevölkerten Gebieten Europas gehören, 
wie z. B. Sicilien, das, Palermo ausgenommen, 5330 im 
Bezirke von Catania, 3360 in dem von Caltanisetta auf- 
weist. Im dünnbevölkerten Sardinien schwankt die Dichte 
von 1600 im Bezirk Cagliri, zu 1200 in Sassari, und 
entfernen sich also die Extreme wenig von dem auf 1430 
anzunehmenden Durchschnitt. 

Hart nebeneinander liegende größere Gebiete dichter 




Fig. 9. Gegend von Freising mit Isar, Mosach und Amper und 
Teilen des Erdinger und Dachauer Mooses. 

und dünner Bevölkerung setzen die Unterschiede, viel- 
leicht sogar Gegensätze, ihrer Naturbegabung durch das 
Mittel der darauf sich gründenden Unterschiede der Be- 
völkerungsdichtigkeit in geschichtliche Spannungen 
von oft beträchtlicher Wirksamkeit um. Dem armen dünn- 
bevölkerten Zentralasien liegen die reichen dichtbevölker- 
ten Randländer in Ost- und Südasien und an den Gestaden 



232 Geschichtliche Spannungen. 

Kleinasiens verlockend zu Füßen. Die Beherrschung aller 
dieser Länder durch Nomaden, welche aus jenen dünn- 
bevölkerten Steppen zu ihnen herabstiegen, zeigt den Weg 
der Ausgleichung jener Gegensätze. So liegt Aegypten 
zu Arabien und so lag einst Italien zu Gallien und Ger- 
manien. Wie scharf die Kontraste sich einst abhoben, 
zeigen die heutigen Karten nicht; man muß die dicht 
gewordene chinesische Kolonistenbevölkerung der Mon- 
golei auf den Stand vor 300 Jahren zurückführen, dann 
sieht man die größten Gegensätze hart nebeneinander 
liegen, 7000 in Petschili gegen 1 in Ordos. Ist in der 
Bevölkerung, die dicht wohnt, mehr Nerv als in den ver- 
weichlichten Rand-Asiaten, so sucht sich der Gegensatz 
durch Ausschwärmen aus dem überfüllten Mutterlande aus- 
zugleichen und es entstehen die Völkerzüge, welche erobern 
und kolonisieren. Oder er nimmt die Gestalt wirtschaft- 
licher Gegensätze an, wie sie im großen und zu einem welt- 
geschichtlichen Gewitter sich spannend im Norden der 
Vereinigten Staaten dichte Bevölkerung, Gewerbthätig- 
keit, freie Arbeit und Schutzzoll der dünnen Bevölkerung 
des Südens mit Ackerbau, Sklavenarbeit und Freihandel 
entgegenwirken ließen. Das ackerbauende Irland und das 
gewerbthätige England und in denselben Kategorien 
Ungarn und Oesterreich, Norddeutschland und Mittel- 
deutschland, Ost- und Mittelengland, Castilien und Cata- 
lonien, Calabrien und das Poland setzen auseinander- 
strebende Wünsche oder Bedürfnisse dünn und dicht 
wohnender Völker einander entgegen. Zuletzt und überall 
ist es auch die gleiche Linie, welche Land und Stadt 
auseinanderhält. 

Die Verteilung einer dünnen Bevölkerung. Wir haben 
Gebiete kennen gelernt, welche voraussichtlich immer nur 
dünn bewohnt sein werden, und früher verweilten wir 
länger bei der Betrachtung der Lage und Beschaffenheit 
solcher Länder (s. oben S. 60 f.). Wir wollen nun andere 
ins Auge fassen, deren dünne Bevölkerung uns in der 
Entwicklung oder im Wachstum zu größerer Dichtig- 
keit zu stehen scheint und welche mitten unter dicht- 



Die Verteilung einer dünnen Bevölkerung. 233 

bevölkerten vorkommen. Wo wir einen Ueberschuß un- 
verwerteter Naturkräfte finden, setzen wir voraus, daß 
die Menschen so lange zunehmen werden, bis ihre Zahl 
in ein gewisses Verhältnis zu diesen auf Hebung harren- 
den Schätzen gekommen sein wird. Wenn wir eine dünne 
Bevölkerung inmitten eines auf rasches Wachstum hin- 
strebenden Zustandes, z. B. in der Landrostei Lüneburg' 
ungefähr die Dichtigkeit Rumäniens finden, dann sagen 
wir, daß in Deutschland eine so dünne Bevölkerung nicht 
dem allgemeinen Kulturzustand entspreche und sich ver- 
mehren werde. Wir werden leicht schematisch in dieser 
Auffassung, die wir nicht bis zu der Behauptung steigern 
dürfen, daß die größte Bevölkerungszahl die höchste 
Kultur trage. Ist die Bevölkerungsziffer klein, so erzeugt 
jede Familie ihren Bedarf fast allein und auf gleiche 
Weise wie die benachbarte; mit ihrem Steigen stuft sich 
die Thätigkeit der einzelnen immer mannigfacher ab; 
eine sehr hohe Ziffer deutet die nahe bis zur mechani- 
schen Vollendung vorgeschrittene Teilung der Arbeit an 41 ). 
Allerdings sind es der Beziehungen zwischen Dichtigkeit 
und Kulturhöhe viele und enge, aber gerade in der Tei- 
lung der Arbeit, welche auch die Naturkräfte für sich 
wirken läßt, liegt die Tendenz auf Ersparung von Men- 
schenkräften, und die höchste Kultur vollbringt mit weniger 
Menschen höhere Leistungen als eine niedrigere mit vielen. 
Eine dünne Bevölkerung nimmt in einem 
Lande, welches die Ausbreitung zuläßt, immer die 
günstigsten Stellen ein. Das Jugendalter ist auch bei 
Völkern am anspruchsvollsten. Daher die Zusammendrän- 
gung an Küsten, Flüssen, Quellen, die Vernachlässigung 
fernerliegender, nicht so mühelose Ernten bietender Ge- 
biete. Später kommen die Erzlagerstätten dazu. Im nord- 
amerikanischen Westen hat die ackerbauende Bevölkerung* 
die Ansiedelungen an den Flüssen, die bergbauende in 
den Gebirgen vorgeschoben. Sehr lehrreich ist in dieser 
Beziehung Dakota mit seinen zwei Besiedelungsgebieten. 
die durch die große Sioux-Reservation getrennt sind. 
Die Gebiete, welche in einem altbesiedelten Lande am 
dichtesten besetzt sind, waren daher häufig auch der 



234 Dünne Bevölkerung besetzt die günstigsten Stellen« 

Zeit nach die ersten, welche zusammenhängend besiedelt 
wurden. Der erste Census der Vereinigten Staaten von 
1790 zeigt bereits die Seeküste bis zur Flutgrenze zu- 
sammenhängend besiedelt von St. Croix bis zum Cumber- 
landsund, wobei die dichtesten Bevölkerungen im süd- 
lichen Neuengland, in New York, im Hudsonthal und im 
nordöstlichen Pennsylvanien sitzen; und am Albemarle 
Sund liegt die Grenze zwischen dem dichter bevölkerten 
Norden und dem locker besiedelten Süden jetzt wie 
damals. Das räumliche Wachstum der Bevölkerung der 
Vereinigten Staaten, seit mehr als 100 Jahren wesentlich 
nach Westen gerichtet, ging auf vier Wegen meist an 
Flüssen entlang, die zuerst sich bevölkerten und seitdem 
immer dicht besiedelt blieben: Thal des Mohawk, Thal des 
oberen Potomac, durch die appalachische Senke aus Vir- 
ginien nach Kentucky, endlich um die Alleghanies herum 
nach Alabama. In Kansas und Nebraska wuchs ebenso 
die Bevölkerung in bandförmigen Streifen am Missouri, 
am Nord- und Südplatte, am Arkansasfluss westwärts, und 
von Colorado und Wyoming aus am Oberlauf derselben 
Flüsse abwärts. Dazwischen liegen noch heute längs des 
103. ° w. L. unbesetzte Stellen, die wohl immer nur dünn 
bevölkert sein werden. 

Dünne Bevölkerung wohnt immer ungleich- 
mäßig. In Grönland wohnen die 10000 Eskimo an 200 
Stellen der Küste, die kaum halb so viele Quadratmeilen 
ausmachen und der Rest des Landes ist menschenleer. 
An der ganzen über 100 Meilen langen Ostküste von 
Labrador wohnen kaum 1500 Eskimo, .davon fast 4 /5 auf 
den 4 Missionsstationen, der Rest fast ganz in 6 anderen 
Siedelungen mit 9 Häusern. Im Inneren kennt man 
4 Siedelungen, welche je circa 3 Tagreisen entfernt 
sind. Und ferner wohnt dort ein Indianerstamm von 
300 Köpfen, die Weniska Sepi 42 ). Wenn von der 
Million, die Prschewalsky Tibet zuweist, 20 000 und dar- 
über allein Lhassa bewohnen, so sind von den 30000 
Quadratmeilen dieses Landes mehrere Tausend überhaupt 
menschenleer. Aehnlich in der Sahara, wo zwischen 
Tripolis und Mursuk 35 leere Tagereisen liegen. Es ist 



Dünne Bevölkerung wohnt ungleichmäßig. 235 

daher gerade bei derartigen Gebieten nicht gestattet in 
die Durchschnittsrechnungen ohne weiteres Dicht- und 
Dünnbewohntes hineinzuziehen und etwa zu sagen: In 
Grönland kommen auf 3 Quadratmeilen 1, in Tibet auf 
1 Quadratmeile 33 Seelen. Sondern man muß in solchen 
Fällen die geographische Verbreitung im Auge behalten, 
ohne deren Beachtung man es ja nicht verstehen könnte, 
daß in so dünn bevölkerten Ländern Uebervölkerung 
nicht bloß möglich, sondern häufig wiederkehrend ist, 
und daß die an einzelnen Stellen zusammengedrängte 
Bevölkerung das Land verläßt, auswandert, statt in dem- 
selben dichter zu wohnen. 

Wie in den Wüsten, so im Meer. Wohl gibt es in 
allen größeren Inselgruppen eine Anzahl von unbewohnten 
Eilanden, Riffen und Klippen, welche für Jagd, Fisch- 
fang, Kokospflanzungen und andere Bewirtschaftung 
günstig geartet, weniger aber zur Besiedelung geeignet 
sind. Sie vergrößern aber das Wirtschaftsgebiet der Be- 
wohner des übrigen Archipels, die dadurch um so dichter 
zu wohnen imstande sind. Von den 48 Inseln des Riffes 
von Nukudr ist nur eine bewohnt, alle anderen, die 
großenteils gut mit Kokospalmen bewachsen sind, gelten 
als Nutzland. Auf Nukudr aber lebt die ganze Bevölke- 
rung zusammengedrängt auf dem Südende in einer Nieder- 
lassung, die als eine primitive Stadtanlage bezeichnet 
werden kann 43 ). In den einzelnen Gruppen sind stets 
die Atolle weniger und seltener bewohnt. Weitere Fälle 
s. o. im 4. Abschnitt, S. 69 u. f. 

Natürliche Zusammendrängungen. Ueberall wo Schran- 
ken den Abfluß einer sich mehrenden Bevölkerung hem- 
men, wird natürlich eine Zusammendrängung statthaben 
und es werden örtliche Verdichtungen bis zur Ueber- 
völkerung das Ergebnis sein. Es findet eine raschere 
Entwicklung zur Volksdichte, als in Gebieten großer 
Expansionsmöglichkeiten statt; man möchte sagen, eine 
statistische Frühreife trete ein. Wenn sich die Insulaner 
gerne für alt halten, so hat dieses seinen Grund nicht 
bloß in ihren altertümlich erhaltenen Sitten und Ge- 



236 Natürliche Zusammendrängungen. 

brauchen, sondern sie sind früher reif geworden in 
ihrer Abschließung als die offen liegenden und beweg- 
lichen Bewohner des festen Landes. Wir beobachten 
diese folgenreiche Erscheinung ebensowohl auf den Inseln 
des Meeres als in den Oasenarchipelen der Wüste, an 
fruchtbaren Küstensäumen und in tief eingeschnitte- 
nen Thälern der Gebirge. Mikronesien, das Reich der 
kleinen Inseln, ist neben Melanesien und Polynesien 
auch das Reich der dichtbevölkerten Inseln. Dort 1300, 
hier 700, in Melanesien 250 auf der Quadratmeile (schät- 
zungsweise). Das einzige europäische Land, welches noch 
in diesem Jahrhundert die Uebervölkerung bis zum Hunger- 
tode von Tausenden sich steigern sah, ist Irland, welches 
nach dem Census von 1881 auf 1530 Quadratmeilen 
5174836 Einwohner, d. i. 3350 auf die Quadratmeile 
zählt, also so dicht bevölkert ist, wie ziemlich gut be- 
völkerte französische Departements, etwa Eure, Charente, 
Tarn. Und die große Quelle einer bei kleinem Boden 
und starker Bevölkerung weltgeschichtlich großartigen 
Auswanderung sind die britischen Inseln. 

Dauernde Auswanderung setzt kleine Gebiete voraus, 
welche immer bald wieder an Bevölkerungsüberfluß leiden. 
Nur in solchen Gebieten wird die Auswanderung eine 
feste Institution. Sie ist es in Großbritannien und Irland, 
wie in Malta, auf den Kanalinseln, in Island, und wie 
sie es im Altertume auf den Inseln des Aegäischen Meeres, 
dort wie hier als Grundlage einer großen Kolonisation 
war. Daß die Kingsmilleinseln auf 12 Quadratmeilen 
37 000 Einwohner besitzen, wo die Marshallinseln auf 
nahezu dreifacher Fläche nur 10000 zählen, hat jene 
zu einem sehr ergiebigen Auswanderungsgebiete gemacht. 
Die flachen Tabelloinseln bergen hinter ihrem Rhizo- 
phorenkranze eine der dichtesten, thätigsten, durch Aus- 
wanderung und Niederlassung im ganzen Molukkengebiet 
einflußreichen Bevölkerungen. Eine temporäre Auswan- 
derung bedeutet die Absuchung der nicht dauernd be- 
wohnten, aber von den Sammlern der Kokosnüsse und 
den Fischern besuchten polynesischen Inseln. Im ma- 
layischen Archipel entsendet das südöstliche Halmahera, 



Frühe Verdichtung der Bevölkerung auf Inseln. 237 

welches Mangel an Sagopalmen hat, alljährlich einen Teil 
seiner Bevölkerung nach Nachbarinseln zur Sagoberei- 
tung. In allen diesen Fällen entscheidet nicht die Größe, 
sondern die Lage über die Bedeutung einzelner Inseln. 
Man merke sich das für die Besiedelungsgeschichte des 
Stillen Ozeans. Rarotonga ist so klein und doch tritt es 
in den Ueberlieferungen von den Wanderungen der Poly- 
nesier in den Vordergrund. 

Insulare Räume, welche wegen natürlicher Beschrän- 
kung leichter sich erfüllen als ausgedehnte Länder, ge- 
winnen eben deshalb eine gesteigerte Kulturbedeutung. 
Wir erinnern nur an eine kleine Thatsache: Die Insel 
Dahalak mit circa 1500 Bewohnern (Perlfischern) liegt 
so nahe bei der abessinischen Küste und doch sind ihre 
den Abessiniern ähnlichen Bewohner nicht nur wohlhaben- 
der, sondern auch fleißiger und besser erzogen, als ihre 
Verwandten in Massaua u. s. f. Rüppell findet wohl mit 
Recht im Mangel von Krieg und Plünderung die Ursache 
dieses erfreulichen Verhältnisses. Nicht zufällig ist im 
Norden des Roten Meeres die Insel Hasanieh ebenso 
durch ihre Betriebsamkeit ausgezeichnet 44 ). Also ein 
Experiment im kleinen, welches den Vorteil geschützter 
Lage zeigt. Cuba und Java lassen dasselbe in größerem 
Maßstabe erkennen. Sie stehen unter allen Tropenländern 
gleichen Flächenraumes an Masse und Wert der Erzeugnisse 
und Verkehrsent wickelung voran. Die Geschichte lehrt, 
daß wir dem kleinen Bündel hochkultivierter, dichtbe- 
völkerten Eilande der Molukken, oder vielmehr den 
Schätzen, welche sie erzeugen, die Entdeckung Amerikas 
und des Stillen Ozeans verdanken. In diese Reihe ge- 
hören außer dem europäischen Großbritannien, Irland, 
Seeland, noch Japan, Ceylon (Jafiha, das Centrum der 
ceylonischen Tamüenbevölkerung, ist als kleinere Insel 
wieder dichter bevölkert als das größere Ceylon, dem es 
vorgelagert ist), die Philippinen, Formosa, Mauritius und 
Reunion, Jamaika und zahlreiche kleinere Inseln. Einige 
Zahlen mögen beweisen: Großbritannien ist mit 112 (1881) 
auf 1 Quadratkilometer die bevölkertste der europäischen 
Großmächte, aber die Kanalinseln sind mit 447 viermal so 



238 Anthropogeographische Frühreife. 

volkreich und die kleine Insel Man ist mit 92 fast doppelt 
so bevölkert wie Schottland. Sicilien steht mit 109 über 
dem Durchschnitt der 102 betragenden (1887) Bevölkerung 
Italiens. Die durchschnittliche Dichtigkeit Griechenlands 
beträgt 30 (1879), diejenige der Cykladen 49, Korfus 95, Ke- 
phalenias 95, Zakynthos 102. Die durchschnittliche Dich- 
tigkeit der Bevölkerung des britischen Kolonialreiches ist 
12; die dichtesten Bevölkerungen sind aber folgende: 
Gibraltar 3676, Hongkong 2421, Barbadoes 418, Ber- 
mudas 307, Mauritius 145; alles Inseln bis auf Gibraltar, 
das einem Felseneiland näher steht als einer Halbinsel. 

Die Besiedelung der Inseln zeigt eine entsprechend 
rasche Zunahme und daher ein frühes Hervortreten der- 
selben, gestützt auf ihre dichte Bevölkerung, auf dem 
politischen und dem wirtschaftlichen Felde, besonders auf 
letzterem nicht ohne Einseitigkeit, die zu den Folgen 
beschränkten Raumes und den Ursachen anthropogeo- 
graphischer Frühreife gehört. Man denke an die 
wirtschaftliche Abhängigkeit einzelner Inseln wie Cubas 
und Mauritius' von dem Zuckerrohr, Madeiras vom Wein, 
der Canarien (früher) von der Cochenille. Neuseeland 
hat trotz seiner Entlegenheit und ungeachtet seiner 
soviel später begonnenen Kolonisation die Kolonien Au- 
straliens bald eingeholt, und ist, ebenso wie Tasma- 
nien, dichter bevölkert als alle anderen, mit Ausnahme 
des goldreichen Victoria. Neusüd wales, das ältestbe- 
kannte und -besiedelte hat nur 66, Südaustralien 16, 
Queensland 11, Tasmanien 110, Neuseeland 115, Victoria 
242 auf der Quadratmeile, ganz Australien im Durch- 
schnitt nur 27. Wenn in den letzten Jahren Neuseelands 
Zuwachs nur 2,4 °/o, gegen 3,6 Australiens betrug, so ist 
seine Entlegenheit die einzige Ursache. Aehnlich früh 
entwickelt hat man sich Cypern, Kreta, Sicilien, diese so 
früh hervortretenden Inseln des Mittelmeeres zu denken. 

Dicht bevölkert im Verhältnis zu anderen Strecken 
sind fischreiche Flachstrände, durch Inseln und Buchten 
verkehrsreiche Küsten schon auf niederer Stufe der Ent- 
wicklung. In den pazifischen Regionen Nordamerikas 
findet man die dichteste Indianerbevölkerung an der Küste 



Dichte Bevölkerung der Kästen. 



239 



im Norden und auf dem Tafelland im Süden: jene bietet 
günstige Gelegenheit für Verkehr und Ernährung wan- 
dernder Stämme, diese ist sedentären Stämmen von Nutzen. 
Jene ist an das Meer ebenso fest wie diese an Quelloasen 
gebunden. Nahrungsreiche Küsten sind häufig sehr dicht 
bevölkert. Die Bevölkerungsdichte der Inseln hängt damit 
zusammen, wenn es auch zu viel ist, was Lunier sagt, 
um eine Erklärung der dichten Bevölkerung Javas zu 
geben, daß „unter sonst gleichen Umständen die Küsten 




Fig. 10. Mündnng der Kamerunflüsse mit Faktoreien und Dörfern. 

bevölkerter sind als das Innere der Länder" 46 ); denn 
Java ist in sich selbst fast überall fruchtbar. Wohl ist 
aber Ceylon von einem Küstenringe dichter Bevölkerung 
gleichsam umschlossen. Das Meer setzt ja die nahrung- 
gebende Fläche weit hinaus fort und die Gezeiten 
pflügen gleichsam dies große Feld und säen es zugleich 
an. So sind es die starken Gezeiten, welche im nörd- 
lichen Teil des Stillen Ozeans (z. B. bei Sitka) große 
Ebbenflächen schaffen, die für die Ernährung in sonst 



240 Verteilung einer dichten Bevölkerung. 

wenig ergiebigem Lande so wichtig sind. Und die Bre- 
tagne ist unter allen Gebieten ähnlicher Bodenart und 
-gestalt in Frankreich durch ihre dichte Bevölkerung an 
der Küste ausgezeichnet. Die Küstenprovinzen Vizcaya 
und Valencia sind samt den Inselgruppen der Balearen 
und Canarien die dichtestbevölkerten Teile von Spanien. 
Außer dem breiten Strich dichtester Bevölkerung in Ben- 
galen und den Zentralprovinzen kommen in Indien die 
Stufen von 8000 aufwärts nur an der Küste, am eigen- 
tümlichsten in Gestalt des schmalen Streifens dichter Be- 
völkerung von der Ganges bis zur Krischnamündung vor. 
Zusammendrängung und günstiger Boden schaffen 
überhaupt die dichtesten Bevölkerungen, welche außer- 
halb der Bezirke des modernen Großgewerbes zu finden 
sind: Fruchtbare Küsten und Deltaländer, ertrags- und 
verkehrsreiche Oasen größeren Umfanges wie Aegypten, 
wasserreiche, dem Anbau günstige Randgebiete zwischen 
Steppen und Gebirgen sind dafür die gewiesenen Ge- 
biete. Daß diese dichtbevölkerten Gebiete so hart an die 
unbewohnten oder dünnbevölkerten Regionen grenzen, 
zeigt ihrem Ueberfluß um so leichter die Wege zur Be- 
siedelung der letzteren. Von den Küsten fließt er auf 
die Inseln, von dichtbevölkerten Inseln setzt er auf un- 
bewohnte über und von den Gebirgsrändern dringt er in 
die Gebirge vor. 

Verteilung einer dichten Bevölkerung. So wie die 
dünne Bevölkerung an und für sich ungleich wohnt, liegt 
in der Verdichtung die Tendenz zu gleichmäßigerer Aus- 
breitung in allen jenen Gebieten, welche Ausbreitung zu- 
lassen. Man kann dies so ausdrücken: Die Verbreitung 
der Menschen nähert sich in den fortgeschritteneren, be- 
völkerteren Ländern- immer mehr, indem sie dichter wird, 
einem statistischen Zustand und verliert zugleich 
immer mehr das geographisch Charakteristische. Sie 
gibt die Beschränkung auf enge Räume auf, die vorher 
bevorzugt waren, und in der Regel hängt dies mit der 
Zuwendung an eine größere Zahl von mannigfaltigen 
Erwerbsarten zusammen. In den Vereinigten Staaten 



Die Wolinplätsie in dichtbevölkerten Gebieten. 



241 



zeigt in allen Staaten oder Territorien, wo der natürliche 
Ueb ergang von der bergbaulichen zur ackerbaulichen 
Ausnutzung sich vollzog — derselbe ist eigentlich nur 
in Nevada sehr wenig ausgesprochen — die Bevölkerungs- 
verteilung eine Tendenz zu gleichmäßiger Ausbreitung; 
sie zerstreut sich von den weit auseinanderliegenden Zentren 
des Bergbaues über zahlreiche kleinere Punkte, beson- 
ders in Flußthälern und an Quellenzügen. Dann aber 
nimmt sie die Verdichtung um die begünstigten Punkte 
wieder auf und beutet dieselben kräftiger aus. Es ver- 
größert sich damit die Skala der Dichtigkeiten und 
zugleich auch der Anlässe zu dichterem Wohnen. 

Ist einmal die Bevölkerung ziemlich gleichmäßig 
verbreitet, dann vergrößert in erster Linie dichtere Be- 





völkerung die Wohnplätze und vervielfältigt dieselben, 
wobei aber im ganzen und großen dieselben geographi- 
schen Bedingungen herrschend bleiben, welche bei der 
Verteilung der geringeren Zahlen in dünn bevölkerten 
Gebieten sich wirksam zeigen. Die Vergleichung dünner 
und dichter Bevölkerung fuhrt mehr auf Größen- als 
Zahlen unterschiede der Siedelungen und mehr auf Zahlen- 
unterschiede innerhalb einzelner Gruppen von Siedelungen 
als auf der ganzen verglichenen Fläche zurück. In den 
nebenstehenden Quadratausschnitten aus dem linkselbischen 
Anhalt (5500 bis 6900 auf der Quadratmeile) und dem 
rechtselbi sehen (bis 1700 auf der Quadratmeile) verhält sich 
die Dichtigkeit wie 4:1, die Zahl der Wohnplätze wie 3:1. 
Ritzel, AnilivopoeeogTaphie II. \Q 



242 Dichtigkeit der Bevölkerung und Städtebildung. 

In den bevorzugten Lagen: an Flüssen, in Thalgründen,, 
an sonnigen Halden drängen sie sich dichter zusammen. 
Dichte Reihen von Wohnstätten sind für dichtbewohnte 
Gebiete bezeichnend. Es ist sehr bezeichnend, daß die 
Doppelorte in dünn bevölkerten Gebieten ebenso selten 
wie in dichtbevölkerten häufig sind. Die mit Unter, 
Nieder, Ober, Alt, Neu u. s. w. gebildeten, nah beisammen- 
liegenden Wiederholungen sind ebendeswegen in dicht 
bevölkerten Landschaften besonders häufig. Gleichzeitig 
dringen sie aber immer noch weiter in Gebiete ein, die 
in dünn bewohnten Landschaften unbesiedelt bleiben. 
Ebendadurch suchen sie sich gleichmäßiger über eine 
gegebene Fläche auszubreiten. Von Siedelungen undurch- 
brochene Moore, Forste und Flußauen, wie in weiter Aus- 
dehnung sie in Oberbayern (s. Fig. 9) oder in Ostpreußen 
vorkommen, fehlen in Sachsen oder der ßheinprovinz. 

Mit fortschreitender Verdichtung wird ein Zustand 
erreicht, in welchem der Boden zur Ernährung nicht mehr 
genügt, weshalb ein zunehmender Bruchteil der Bevölke- 
rung sich der Industrie und dem Handel zuwendet und 
an Punkten sich dichter zusammenfindet, welche dafür 
günstig gelegen sind. Der Grad von Dichtigkeit, bei 
welchem dieses beginnt, ist je nach Boden, Klima und 
Lebensansprüchen verschieden. Im nördlichen und mitt- 
leren Europa ist eine Bevölkerung von 4000 auf der Qua- 
dratmeile nicht denkbar ohne Industrie und Handel. Die 
vorwiegend ackerbauenden Länder oder Bezirke zeigen 
selten viel über 2000. In Indien dagegen leben bis zu 
14 000 auf und von der Quadratmeile ohne wesentliche 
Hilfe der Industrie und des Handels. Es ist bezeichnend 
für dieses einzig dastehende, so dicht bevölkerte Acker- 
bauland, daß nur 4 1 /» °/o der Bevölkerung Indiens in 
Städten leben. Sehr starke Verdichtung führt also nicht 
notwendig zur Städtebildung, welche eine Kulturerscheinung 
für sich ist, aber naturgemäß begünstigt sie dieselbe. 

Am Alima ist die Bevölkerung sehr zahlreich und 
im Oberlauf hat sie sich dem Maniokhandel gewidmet, 
welcher zur Ernährung der Bewohner des Congobeckens 
dient. Die Dörfer sind ärmlich, bestehen aus Hütten. 



Die Uebervölkerung. 243 

die zu klein, um die zahlreichen Bewohner beherbergen 
zu können, welche in jeder einzelnen zusammengedrängt 
sind. Jedes dieser Dörfer ist der Mittelpunkt eines stän- 
digen Marktes, auf welchem die Bateke Maniok gegen 
geräucherte Fische, Töpfereien und einige Waren euro- 
päischen Ursprungs austauschen 46 ). Also dichte Bevölke- 
rung unter Üebergang zum Handel ohne Städtebildung. 
Die Abschnitte über die Städte werden Gelegenheit bieten, 
hierauf zurückzukommen. 

Die Uebervölkerung. Die Frage, wo und wann eine 
Bevölkerung an der Grenze ihres Anwachsens angelangt 
sei, kann nicht geographisch-statistisch beantwortet werden, 
wiewohl jede Begriffsbestimmung der Uebervölkerung sich 
auf ein bestimmtes Areal bezieht und also für die Geo- 
graphie einen besonderen Fall des Verhältnisses der 
Menschenzahl zum Boden darstellt, welches wir als Be- 
völkerungsdichtigkeit bezeichnen. Solange die Möglichkeit 
besteht, daß auf überfülltem Boden Arbeiten verrichtet 
werden, für deren Ertrag des Lebens Nahrung und Not- 
durft erworben werden kann, oder solange ein Abfluß 
nach ergiebigen und minder bevölkerten Gegenden leicht 
bewerkstelligt werden kann, spricht man nicht von Ueber- 
völkerung. Dieselbe ist ein volkswirtschaftliches und Ver- 
kehrsproblem. Den 17 000 Menschen, welche auf einer 
Quadratmeile des gewerbreichen und fruchtbaren Ost- 
flandern leben, den 14 000 auf gleicher Fläche in der 
Kreishauptmannschaft Zwickau, stand bisher Steigerung 
ihrer Arbeit und im letzten Fall Auswanderung offen, 
und man spricht hier von starker Bevölkerung, aber noch 
nicht von Uebervölkerung. Wo aber auf dem besten 
Boden Indiens die Bevölkerung dichter wird als 13 000 
per Quadratmeile, und doch fortfährt, dörflich vom Acker- 
bau zu leben, da gestaltet sich der Kampf ums Leben 
zu einem sehr harten; eine gute Ernte genügt eben zur 
Ernährung, ein paar Zoll weniger Regen bringen Hungers- 
not. In bewässerten Distrikten oder in der Nähe der 
Städte finden noch mehr Leute auf gleicher Fläche Platz. 
Hier spricht man von Uebervölkerung. Diese Menschen- 



244 Indische Hungersnöte. 

mengen befinden sich in der beklagenswertesten Abhängig- 
keit von Wind und Wolken. Nun ist in Indien Dürre die 
Hauptursache der Hungersnöte, vor allem in Nordwesten 
und im Dekan. Selbst ein durchschnittlicher Regenfall kann 
in irgend einem Jahr durch ungleichmäßige Verteilung über 
die Monate oder durch Eintritt zur unrechten Jahreszeit die 
Ernte empfindlich schädigen. 1876 und 1877 blieb der Nord- 
ostmonsun aus, 1878 hatte schwachen Regen, die Furcht 
vor Dürre war erst 1879 gehoben. In diesen drei Un- 
glücksjahren sind 6 Millionen an Hunger und an den 
Krankheiten gestorben, welche die Folge ungenügender 
Ernährung sind. Was helfen die Ausweise der Handels- 
statistik, welche 1884/5 und 1885/6 Getreide und Reis 
mit 270 bis 345 Millionen Mark die zweite Stelle unter 
den Ausfuhren Indiens vor dem Opium und hinter der 
Baumwolle anwiesen, wenn bei mangelnder Bewässerung 
die Ernte nicht zur Hungerstillung hinreicht? Man be- 
rechnet, daß von den 75°/o des indischen Bodens, welche 
der Besiedelung zugänglich sind, erst zwei Dritteile in 
Nutzung stehen, wird aber iius dieser Thatsache nicht 
eher ein Gegengewicht der Uebervölkerung machen, als 
bis man die Massen dort, wo sie zu dicht sitzen, beweg- 
licher gemacht, sie in die noch dünnbevölkerten Gegenden 
abgeführt und den Rest zum Teil auf andere Quellen des 
Erwerbes hingewiesen hat. In den Nordwestprovinzen 
und Audh soll bei einer Durchschnitts bevölkerung von 
mehr als 8000 die Grenze der Ernährungsfähigkeit er- 
reicht sein; solange die Bevölkerung auf den Ackerbau 
angewiesen ist, dem übrigens nach dem Census 47 ) noch 
17°/o bebaubaren Bodens übrig bleiben, während in ein- 
zelnen Teilen Bengalens nur noch 10°/o unangebaut sind, 
mag dies für zutreffend gelten. Aber so wie diese 
hohe Bevölkerungsziffer großenteils auf die Verbesserung 
der Verwaltung und des Ackerbaues durch die Engländer 
zurückführt, so kann sie auch durch weitere Malregeln 
wieder auf eine breitere Basis gestellt, und sogar weiterem 
Wachstum zugeführt werden. Zunächst ist an die ge- 
regelte Auswanderung zu denken, welche das Sicherheits- 
ventil bei allzu großem Drucke der Bevölkerung bildet. 



Träge Stauung dichter Bevölkerungen. 245 

Eine Anzahl von Fällen übergroßer Verdichtung 
erklärt sich nur daraus, daß Zwang oder Trägheit die 
Menschen abhalten, sich über gewisse Grenzen hinauszu- 
bewegen, die nur von der Geschichte ihnen gezogen sind. 
Gerade die zwei bevölkertsten und übervölkertsten Länder 
der Erde, Indien und China, sind beide durch große Un- 
gleichmäßigkeit in der Verteilung ihrer Bevölkerung aus- 
gezeichnet. Bei starker Vennehrung finden wir die be- 
günstigten Striche im höchsten Grade übervölkert, wäh- 
rend nicht viel weniger gut geartete Provinzen weit 
unter dem Maße ihrer Hilfsquellen besetzt sind 48 ). So 
sind aber viele Wüstenoasen und Inseln übervölkert. Das 
anbaufähige Areal der Oasen der Libyschen Wüste be- 
rechnet Jordan auf nicht ganz 2 Quadratmeilen (103 Qua- 
dratkilometer), die Bevölkerung, die auf 34000 geschätzt 
wird, sitzt also zu 18 000 auf der Quadratmeile; das ist 
dichter als im Nilthale. Ihr Stillstand zeigt die Unmög- 
lichkeit weiteren Wachstums. Die Verschüttung einer 
Quelle würde Rückgang verursachen. Wer bei Nachtigal 
von der Armut der 12 000 Bewohner Tibestis liest, die 
um wenige Quellenoasen ihres Wüstengebirges sich zu- 
sammendrängen, gewinnt den Eindruck einer beständig 
dem Hungern ausgesetzten Bevölkerung. Und doch ist 
Tibesti mehr als halb so groß als Deutschland und be- 
sitzt eine 2000mal dünnere Bevölkerung* Auch Inseln 
werden als enge Räume leicht dicht und allzu dicht bevöl- 
kert sein, wie denn allgemein ausgesprochen werden kann, 
daß Länder, deren Natur nur die Aufnahme einer geringen 
Volkszahl gestattet, am frühesten am Maß ihrer Aufnahme- 
fähigkeit angekommen sein werden, ob sie nun groß und 
arm oder eng und reich seien. Es liegt darin in den armen 
Ländern der großen Kontinente ein Grund des Nomadis- 
mus, während auf den Inseln die Auswanderung bestimmt 
ist, die Ueberfüllung abzuleiten. Die polynesischen Wan- 
derungen hängen damit zusammen, vielleicht aber auch 
der Rückgang der polynesischen Volkszahlen. 

Malthus machte auf eine merkwürdige Folge insularer Ueber- 
völkerung aufmerksam, indem er von Abbe* Raynal eine Bemerkung 
citiert, die dieser mit besonderem Bezug auf die britischen Inseln 



246 Die Uebervölkerung und der Kulturzustand. 

gemacht: „Die Inselbewohner sind es, bei denen wir den Ursprung 
der mancherlei sonderbaren Gewohnheiten finden, welche die Fort- 
schritte der Volksvermehrung zu hemmen bezwecken. Anthropo- 
phagie, Kastration und Infibulation, späte Heiraten, Gelübde der 
Keuschheit, Strafen gegen Mädchen, die zu früh Mütter wurden, 
gingen von hier aus 49 ). u Zu vielerlei ist hier zusammengebracht, 
doch ist sicher, daß die Gefahr der Uebervölkerung auf einer Insel, 
in einer Oase leichter erkannt ward als in einem großen Lande 
mit Möglichkeiten der Ausdehnung, die praktisch eine Zeitlang 
unbeschränkt sind. Auch Malthus meint, daß Inseln besonders 
geeignet seien, Beiträge zum Studium der Hemmnisse der Volksver- 
mehrung zu liefern. Die Entsittlichung, welche auf polynesischen 
Inseln vor der Ankunft der Europäer herrschte, hängt mit dem 
Bestreben, solche Hemmnisse zu schaffen, im tiefsten Grunde zusammen. 

Suchen wir den geographischen Kern ans diesem 
verwickelten politisch -sozial -wirtschaftlichen und dabei 
doch auch geographischen Problem der Uebervölkerung 
herauszuschälen, so finden wir uns immer auf eine Grund- 
thatsache der Kultur hingewiesen, welche eine Vorfrage 
darstellt, ohne deren Beantwortung jene Aufgabe nicht 
zu lösen. Einerlei, wie Boden und Klima beschaffen sein 
mögen, die Zahl der auf bestimmter Fläche lebenden Men- 
schen wird stets abhängig sein von dem Zustande ihrer 
Kultur. Mit den Werkzeugen einer höheren Kultur ausge- 
rüstet, vermögen lOOOmal mehr Menschen auf einem Boden 
zu wohnen, der in einem früheren Jahrhundert nur einige 
Familien von Jägern oder Fischern ernährte. Es muß 
also bei jener Betrachtung ein bestimmter Kulturzustand 
vorausgesetzt werden. Wir können z. B. fragen: Wie- 
viel mehr oder wieviel weniger Menschen wohnen in 
Deutschland, als der Boden Deutschlands in seinen ver- 
schiedenen Abschnitten durch Ackerbau ernähren kann? 
Wir machen dabei die Voraussetzung, daß die Meile 
dieses Bodens einfach durch Getreidebau durchschnittlich 
2000 Menschen ernähren könne. In tropischen Ländern 
möchte diese Zahl auf das 4 — 5 fache dort gesteigert 
werden können, wo die Niederschläge in hinreichender 
Menge fallen (s. o. S. 210). Unter diesen Voraussetzungen 
würde fast ganz Deutschland übervölkert erscheinen, ebeno 
Bengalen und die Nordwestprovinzen Indiens, sowie die 
mittleren Provinzen Chinas.' Als untervölkert würden in 



Ueber völber 



Deutschland beschränkte Gebiete auf der baltischen Seen- 
platte, in den Haideländern (die ganze Landrostei Lüne- 
burg) und den Gebirgen erscheinen, in Indien aber alle 
Vorlande des Himalaja. Britisch-Birma und die meisten 
Eingeborenenstaaten. 

In Gebieten unzulänglicher oder unregelmäßiger Nie- 
derschläge, wo das Wasser die Zahl bestimmt, bis zu 
welcher die Bevölkerung anwachsen kann, wird die Ueber- 
völkerung der Wirklichkeit näher geführt. Die Ueber- 
völkerung tritt ein, wo die Wassermenge nicht hinreicht, 
alle Felder zu tränken, so daß Mißernte unvermeidlich 
wird. Künstliche Bewässerung kann aber niemals die 
Sicherheit des Erfolges dem Ackerbau verleihen, welche 
die im Ueberflusse zu Boden kommenden Niederschläge 
in unserer Zone gewähren. Denn die Wassermenge, auf 
welche sie zurückgreift, ist von diesen Niederschlägen 
wiederum abhängig. Daher die Gefahr der Hungersnot 
in den weit ausgedehnten Gebieten beschränkter Regen- 
zeiten. Hier kommen wir auf ein geographisches Mo- 
ment der Uebervölkerimgsfrage. Denn in der ganzen 
breiten Zone der Passat- und Monsunregen, die auf eine 
kurze Zeit beschränkt und ihrer Menge nach veränderlich 
sind, kehrt alle paar Jahre das Bild der Uebervölkerung 
mit Not und Hunger wieder. Die Verbindung der Frucht- 
barkeit des Bodens mit der Unzuverlässigkeit der zur 
Weckung dieser Fruchtbarkeit nötigen Niederschlags- 
menge erzeugt das gefährliche Zusammentreffen wachsen- 
der Menschenmengen mit rückschwankenden Nahrungs- 
mengen. Von Indien ist bereits gesprochen. Aber auch 
in Nubien, Kordofan, Sennar, Dar For, im ganzen Zentral- 
*udan dasselbe Bild: Dürre, Heuschrecken, Hungersnot. In 
Kordofan hat oft schon wenige Wochen nach Verfluti der 
Regenzeit die nur an den wasserreichen Orten gesicherter 
lebende Bevölkerung nichts anderes als Grassamen, Säm- 
chen von Kurreb (1 bictvioenemium) u. dgl. zu essen ""}. Bis 
an die Seenregion reicht diese Gefahr, welche erst an der 
Grenze des Parkiandes von Unyoro Halt macht. Wo wir die 
Grenze der Regenmenge von 2ü(hi Millimeter erreichen, lassen 
wir mit der Savanne Wasserarmut, Uebervölkerung und 






248 Der Spielraum zwischen Bevölkerung und Hilfsquellen. 

Hungersnot zurück. Nur die Erfahrung der aufeinander 
folgenden Jahre lehrt die Gefahr kennen, welche in dem 
Heranwachsen einer Bevölkerung liegt, die im ersten t 
unvermeidlich wiederkehrenden Mißjahre dezimiert wer- 
den muß. Die Natur selbst täuscht den Menschen über 
die Regelmäßigkeit ihrer Gaben und er zahlt sein Ver- 
trauen mit Elend und Tod. Aehnliche Gebiete sind es, 
die in Amerika schon jetzt als übervölkert bezeichnet 
werden können. In Colorado gibt es bereits Striche, die 
nicht weiter den Ackerbau hinausschieben können, weil 
die Wasserzufuhr nicht vermehrt werden kann. Aehnlich 
in den Passatgebieten Südamerikas 5 *). 

Ein Spielraum soll bleiben zwischen dem Menschen 
und seinen Hilfsquellen, so daß nicht deren Schwanken 
seine ganze Lebensgrundlage ins Gleiten bringt. Er sollte 
am wenigsten beitragen, diesen Spielraum gewaltsam zu 
verkleinern, wie es z. B. durch die Brunnenverschüttung 
in den Steppen, die Zerstörung der Wasserleitungen, die 
Waldverwüstung in den Gebirgen geschieht. Dabei wird 
immer ein wichtiges Mittelglied zwischen ihm und 
verderblichen Naturmächten entfernt. Die Beseiti- 
gung dieser Schranke läßt die Gebirgsbäche unmittelbar 
ins Thal hereinbrechen, wie der niedergeschlagene Bann- 
wald dem Schnee des Hochgebirges die Lawinenbahn bis 
an die Hütten ebnet. Die Thäler verlieren an Frucht- 
barkeit und Bewohnbarkeit, die Bevölkerung wird zu 
dicht, ohne zu wachsen, und Notzeiten treten ein, durch 
welche sie an Zahl vermindert und räumlich zurückge- 
drängt wird. Die Fälle sind nicht selten, in denen Ge- 
birgsthäler einen Teil ihrer Bevölkerung verloren, weil 
sie durch Verschlechterung des Bodens diese Bevölkerung 
in die Lage der Uebervölkerung brachten. Stoliczka führt 
den Rückgang der Bevölkerung des unteren Satledsch- 
thales auf die Vernichtung der Wälder von Cedrus deodara 
und Pinus longifolia zurück. Die Regengüsse haben den 
Humusboden von den Felsen weggewaschen, die Tem- 
peraturen sind extremer und die des Sommers vor allem 
so hoch geworden, daß nicht bloß die kalte, sondern 
auch die warme Jahreszeit die Vegetation unterbricht 



Uebervölkerung an den Rändern der leeren Stellen. 249 

und den Ackerbau immer schwieriger und unsicherer ge- 
staltet 52 ). Ganz ähnlich sind in Ursprung und Verlauf die 
Fälle, wo Uebervölkerung und Rückgang infolge des 
Verfalles der Bewässerungseinrichtungen eintritt. Wo 
die Bewässerung einen Fluß zerfasert, wie den Atrek, 
den Serafschan, und dadurch den Boden versumpft 
und versalzt, hat sich dieser Prozeß besonders häufig 
abgespielt. 

Dieser Spielraum ist selbstverständlich am klein- 
sten, wo der Mensch an die äußersten Grenzen seiner 
Verbreitung rührt. Daher Uebervölkerung bei geringer 
Gesamtzahl der Bewohner an den Grenzen der Oekumene, 
in den Höhen der Gebirge, in den Oasen, auf den Inseln. 
Setzen wir Uebervölkerung dort voraus, wo die Menschen 
bei äußerster Anspannung ihrer Kräfte der Natur nichts 
weiter abgewinnen können, wo die Hilfsquellen keine 
weitere Entwickelung zulassen, so sind in Deutschland 
die höchsten bewohnten Gebirgsgegenden am meisten 
übervölkert. Der Anbau geht in den deutschen Mittel- 
gebirgen überall bis in Höhen hinauf, wo er nicht mehr 
lohnend genannt werden kann, an den Südseiten durch- 
schnittlich 100 bis 150 Meter höher als an den Nordseiten. 
Von der Eifel bis zum Altvater prägen von 700 Meter die 
spätreifen Roggenfelder wie ihre Bewohner den Hunger 
und die Not aus, etwa wie wenn sie in den Alpen zu 
2000 Meter z. B. über Zermatt ansteigen. 

Es liegt auf der Hand, daß die Frage nach den noch 
nicht in Nutzung gezogenen ungenutzten Flächen, welche 
in jeder Diskussion der Uebervölkerung sich erhebt, eng 
zusammenhängt mit dem Problem der leeren Stellen 
in der Oekumene, welches wir im 5. Kapitel zu stellen ver- 
sucht haben. Wenn absolute Uebervölkerung sich nur auf 
ganz engen, von der Natur selbst beschränkten Räumen, 
wie Inseln und Oasen, entwickeln kann, während sie in 
einigermaßen ausgedehnteren Ländern eine un verwirk- 
lichte Abstraktion bleibt, so ist dies Folge des Vorhanden- 
seins dieser leeren Stellen, in denen die Möglichkeit 
der Ausbreitung einer dichten Bevölkerung in ihrem 
eigenen Lande liegt. In ihnen liegt die letzte Rettung 



250 Eine Uebervölkerungskaxte. 

vor Uebervölkerung, ehe zum Verlassen des heimischen 
Bodens geschritten wird. Malthus hat natürlich die ab- 
solute Uebervölkerung nicht in Europa gefunden; sogar 
in England fand er trotz der Blüte des Ackerbaues noch 
unbebaute Strecken. Hier durfte die Uebervölkerung 
nicht gesucht werden, denn gerade hier herrschte der 
lebhafteste Fortschritt in der Entwickelung der Hilfs- 
quellen. Wenn von Deutschlands Boden 90 °/o als pro- 
duktiv angesehen werden können, von diesen aber nur 
etwas über die Hälfte in Aeckern ausgelegt ist, so bleibt 
in den Wäldern, Wiesen und Weiden ein Schatz erhalten, 
den die Arbeit künftiger Geschlechter, wenn's not thut, 
heben mag. Anders in Hindostan, wo in den dichtbe- 
völkerten Strichen bis zu 90 °/o des nutzbaren Bodens 
benutzt sind, also die äußerste Grenze fast erreicht ist. 

Es ist nicht denkbar, die Uebervölkerung kartographisch 
darzustellen, weil eben ihre Faktoren sich der scharfen Fassung 
entziehen, welche die Voraussetzung einer solchen Darstellung ist. 
Man kann sich dieser Aufgabe jedoch in interessanter Weise an- 
nähern, indem man nach dem Grundsatz der Isanomalen für be- 
stimmte Erdräume und Kulturstufen die Abweichungen von einer 
mittleren Bevölkerungszahl zeichnet, welche unter den dort ob- 
waltenden Verhältnissen als die normale angesehen werden kann. 
Dabei gewinnt man aber nur den Ueberblick über die geographische 
Ueber- und Untervölkerung, welche, wie wir sahen, sich durchaus 
nicht mit jener politischen und wirtschaftlichen Erscheinung deckt, 
welche man gewöhnlich als Uebervölkerung bezeichnet. Zeichnen 
wir z. B. in Deutschland die Gebiete, welche bevölkerter sind, als 
der Ackerbau allein zulassen würde, so sind das nicht die über- 
völkerten, sondern die über ihre ackerbaulichen Fähigkeiten hinaus 
bevölkerten Räume. Von einer solchen Karte könnte man sagen, 
sie ruhe auf einem idealen Niveau, denn die Voraussetzung einer 
auf unserem Boden und in unserem Klima nur vom Ackerbau 
lebenden Bevölkerung ist längst keine wirkliche mehr. 



*) Der Ausdruck „ relative Bevölkerung" ist nur eine unklare, 
scheinbar gelehrte Umschreibung des ganz unmißverständlichen 
Wortes Bevölkerungsdichtigkeit; in Wirklichkeit ist er unvoll- 
ständig, da er eine Beziehung ausspricht, ohne den Gegenstand 
dieser Beziehung zu bezeichnen. 

2 ) Mayr, Die Gesetzmäßigkeit im Gesellschaftsleben. 1877. 
S. 119. 

8 ) 8 me Session du Congres international de Statistique. St. 
P&ersbourg. Rapports. S. 28 f. 



Anmerkungen. 251 

4 ) Geographische Mitteilungen. Ergänzungsband VIII. S. 91 
bis 102. 

5 ) So hatte Behm in seiner ersten Zusammenstellung über die 
Bevölkerung der Erde (1866) von den zahlreichen Inseln zwischen 
den Liukiu, Hawaii und Marianen nur zu sagen: Sie sind wahr- 
scheinlich alle unbewohnt, von vielen wird es geradezu angegeben, 
bei anderen ist wenigstens nicht von Bewohnern die Rede. 

6 ) Jordan, Physische Geographie und Meteorologie der Liby- 
schen Wüste. 1876. S. 203 (Rohlfssche Expedition. Bd. II). 

7 ) Vgl. die eingehenden Erörterungen über statistische Dia- 
gramme und Kartogramme in „Gutachten über die Anwendung 
der graphischen und geographischen Methode in der Statistik * er- 
stattet von Georg Mayr. München 1874. bes. S. 15 f. Hierzu 
Gabaglios Proben von Dia- und Kartogrammen in der Teoria di 
Statistica. Gabaglio teilt zwar die Darstellungsweise der statisti- 
schen Thatsachen auf Kartogrammen in solche mit Punkten, mit 
Linien und mit Oberflächen, er kennt aber nicht die Darstel- 
lung der Dichtigkeit durch Punkte, sein Beispiel einer Dichtig- 
keitskarte kann durchaus nicht als Muster bezeichnet werden (vgl. 
a. Tafel XXXIV). 

8 ) Ein Beitrag # zur Methodik der Dichtigkeitskarte und zur 
Anthropogeographie des südwestlichen und westlichen Deutschland. 
Mit Karte im Maßstab 1:1000000. Göttingen 1887. 

e ) „Die amtliche Statistik des preußischen Staates grenzt die 
Wohngemeinschaften nach den Bestimmungen der Gemeindever- 
fassung räumlich voneinander ab. Dazu ist sie verpflichtet durch 
die Dienste, welche sie der praktischen Verwaltung schuldet, und 
berechtigt durch die Verhältnisse, welche in den meisten Landes- 
teilen obwalten." Zeitschrift d.K. preußischen statistischen Bureaus. 
1877. S. XLVIII. 

10 ) Anton Steinhauser, Die Verteilung der Bevölkerungsdichtig- 
keit Niederösterreichs nach der Höhe der Wohnorte. Blätter des 
Vereins für Landeskunde in Niederösterreich. 1885. Heft I. — Dr. 
Johannes Burckhardt, Das Erzgebirge. Eine orometrisch-anthropo- 
geographische Studie. Mit Karte. Forschungen zur deutschen 
Landes- und Volkskunde. 1888. Bd. III. H. 3. 

n ) Zeitschrift f. wissenschaftliche Geographie. Bd. VI. Zuerst 
scheint Kettler diesen Weg in einer Vorarbeit zu seiner Bevölke- 
rungskarte von Deutschland in Andree-Peschels Physikalisch-sta- 
tistischem Atlas d. Deutschen Reiches (1878) beschritten zu haben. 
Vgl. dort S. 38. 

12 ) Halle 1887 (Dissertation). 

18 ) Bericht über das XV. Vereinsjahr vom Vereine der 
Geographen a. d. Universität Wien. 1889. S. 40 — 47. 

14 ) Die Methode ist für größere Gebiete aus naheliegenden 
Gründen bisher nicht durchgeführt; ein gutes Beispiel gibt Weyhes 
Bevölkerungskarte der anhaltischen Lande in den Mitteilungen 
d. V. f. Erdkunde zu Halle. 1889. Vgl. auch Fig. 11. 

15 ) In der Einleitung zu Statistics of the Population of the 



252 • Anmerkungen. 

United States of the 10. Census (1883) heißt es S. XI, es seien 
nur 5 Dichtigkeitsstufen unterschieden ; offenbar sind dieselben hier 
mit den 5 Farbentönen verwechselt. 

16 ) Bd. XXX. 1. S. 37. 

1 7 ) Der beschränkte geographische Wert ihrer Karte ist übrigens 
den Zeichnern derselben, bezw. dem Verfasser der Abhandlung „Die 
Bevölkerungsdichtigkeit des Deutschen Reiches nach dem Ergebnis 
der Volkszählung vom 1. Dezember 1875" (Monatshefte z. Statistik 
d. Deutschen Reiches. 1876. 1. S. 37—50) ganz klar gewesen. Wir 
lesen : „ Freilich sind die politischen Bezirke noch viel zu groß, um 
sich zu einem genauen geographischen Bilde zusammensetzen zu 
lassen, und dieselben sind auch unter sich zu ungleich, um ein 
ganz gleichmäßig ausgeführtes Bild zu bieten. . . Dennoch bietet 
die Karte vor der tabellarischen Uebersicht den bedeutenden Vor- 
teil: Die große Mannigfaltigkeit der Abstufungen der Volks- 
dichtigkeit der 834 Bezirke in übersichtliche Kategorien und die 
geographische Lagerung der Bezirke zugleich mit ihrer Volks- 
dichtigkeitsstufe zur Anschauung zu bringen." 

") Eine hübsche Anwendung der Behmschen Methode auf 
ein schwieriges Gelände zeigt Fritzsches Saggio di rappresentazione 
della popolazione mediante curve di livello per le provincie di 
Genova e Torino im Bull, de l'Institut International de Statistique 
T. III. H. 2. Schade, daß der Text so gar nichts Bemerkenswertes 
zu sagen hat. 

10 ) Bulletin de l'Institut International de Statistique I. 3. 4 
(1886). 

20 ) Ebend. I. 3. 4 und II. 2. 

21 ) Ich finde den Ausdruck in Rawsons Vortrag über Inter- 
national Statistics. Bull, de l'Institut International de Statistique. 
1886. I. S. 156. 

22 ) Census of Great Britain. 1851. London 1852. Vol. I 
(Population Tables). 

23 ) La demographie francaise comparee. Bull, de l'Institut 
International de Statistique III (1888). S. 98 u. 99. 

24 ) Beachtenswerte, leider etwas zu kurz gehaltene Ratschläge 
gibt die einzige mir bekannte selbständige Arbeit über diesen 
Gegenstand: A. Steinhausers „Ueber relative Bevölkerung und ihre 
Darstellung auf Karten" . D. Rundschau für Geographie und Stati- 
stik. IX. S. 97—108. 

25 ) Ergänzungsband VIII der Geographischen Mitteilungen 1874. 

26 ) Physikalisch-statistischer Atlas von Oesterreich-Ungarn. 
Bl. 19. 

27 ) S. 1. „ Skizze zur uebersicht der Bevölkerung in den ver- 
schiedenen Teilen der Erde". Der im Titel sich aussprechende 
Zweck ist auf diesem Bilde in vortrefflicher Weise erreicht und 
die Anmerkung S. 1 — 2 zeigt bei aller Gedrängtheit einen genialen 
Blick in die Tiefe des Problemes der Dichtigkeitskarte. 

28 ) Censuswerk von 1880. Bd. I. [Population (Washington 
1883). 



Anmerkungen. 253 

* 9 ) Bulletin de lTnstitut International de Statistique. T. III. 
gme Livraison. 

80 ) Ebend. T. I. 3 u. 4. S. 17. 

81 ) Geographische Mitteilungen. 1868. S. 275. 

82 ) Blätter des Vereins für Landeskunde von NiederÖster- 
reioh. 1885. H. 1. 

88 ) Johannes Burgkhardt, Das Erzgebirge. Eine orometrisch- 
anthropogeographische Studie. Forschungen zur deutschen Landes- 
und Volkskunde. 1888. III. H. 3. 

84 ) Ferdinand Löwl, Siedlungsarten in den Hochalpen. For- 
schungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. 1888. ü. H. 6. 

85 ) Gelbke, Die Volksdichte des Mansfelder See- und des 
Saalkreises. Halle 1887. S. 15. 

86 ) Untersuchungen. 1850. S. 513. 

87 ) Anfangs günstige Erfolge (des Bergbaues) steigerten die 
Bevölkerung immer mehr und so ist sie leider eine für die natür- 
liche Bodenproduktion viel zu große geworden. Die Wälder sind 
immer mehr aus ihrem naturgemäßen Bereiche verdrängt worden, 
es ist endlich zuviel Industrie und zu wenig Wald übrig geblieben. 
Cotta, Deutschlands Boden. 1854. S. 35. 

88 ) Essai politique sur le Royaume de la Nouvelle-Espagne. I 
(1828). S. 295. 

39 ) Die Thatsache erschien so anziehend, daß sie rasch sich 
verbreitete. Cluverius' Bemerkung zu Nova Hispania: „Coelum 
habet, quamvis sub torrida zona, clemens ac temperatum" (Intro- 
ductio in Universam Geographiam. 1627. S. 368) kehrt, zum Teil 
in wörtlicher Uebersetzung, in allen späteren Beschreibungen dieses 
damals über fast ganz Mittelamerika ausgedehnten Landes wieder. 

40 ) Im Bulletin d. 1. Societe de Geographie. Paris 1888. S. 234. 

41 ) Vgl. Die Dichtigkeit der Bevölkerung in Preußen. Z. d. 
K. preuß. statist. Bureaus. 1877. S. 195. 

42 ) Reichel, Labrador. G. M. 1863. S. 12fr 

43 ) Schmeltz, Die ethnographisch-anthropologische Abteilung 
des Museum Godeffroy. Hamburg 1881. S. 332. 

44 ) Munzinger, Die Betriebsamkeit auf d. Dahalak-Insel. G. M. 
1864. S. 352. 

45 ) Bulletin de la Societe d'Anthropologie. Paris 1879. S. 58. 

46 ) Dr. Ballay in Bulletin de la Societe de Geographie. Paris 
1885. S. 284. 

47 ) Hunter, The Indian Empire. 1886. S. 690. 

48 ) Vgl. den eingehenden Vergleich beider Länder in Sir R. 
Temples Aufsatz: On Population Statistics of China. Journal of 
the Statistical Society. London 1885. S. 1 —9 und die Bemerkung; 
„Wenn die Völker Indiens einmal gelernt haben werden, Land- 
striche aufzusuchen, wo leeres Land in Menge vorhanden, so werden 
sie mehr gethan haben, um Notstände zu verhindern, als die 
äußersten Anstrengungen der Regierung zu thun vermöchten", bei 
Hunter, The Indian Empire. 1886. S. 47. 

49 ) D. A. I. S. 60. 



254 Anmerkungen. 

50 ) Dr. Pfand in Mitt. Geogr. Ges. Hamburg 1876/77. S. 271. 

51 ) Von dem argentinischen Gebiete Mendoza, das an Dich- 
tigkeit der Bevölkerung nur über Catamarca steht, schrieb Gharnay 
1877, daß in ihm bei einem Areal von 155745 Quadratkilometern 
und einer Seelenzahl von 65413 der Bevölkerung fast unüberschreit- 
bare Grenzen gezogen seien. Nur Elimaänderung oder Grabung 
neuer Brunnen könne dieselbe vermehren. Heute aber sei die 
Wasserarmut so groß, daß das Wasser der drei Flüßchen Mendoza, 
Punuyan und Diamante für den Ackerbau nicht hinreiche. Das 
war zu rasch geurteilt, denn die Bevölkerung dieses Staates wurde 
1889 auf 160000 geschätzt. Aber thatsächlich ist manches Fluß- 
thal der westlichen Pampas bereits als übervölkert zu betrachten. 

52 ) Das Satledschthal im Hiraalaya. Geogr. Mitt. 1870. S. 12. 



8. Beziehungen zwischen Bevölkernngsdichtig- 

keit und Kultnrhöhe. 

Bevölkerungsstufen und Kulturstufen. Fruchtbarer Boden und 
dünne Bevölkerung. Armer Boden und dichte Bevölkerung. Un- 
gleiche Verteilung der Bevölkerung. Volkszahlen und Geschichte. 
Die Beziehungen zwischen dichter Bevölkerung und hoher Kultur. 
Die Beziehungen zwischen Kulturalter und Volksdichte. 



Bevölkerungsstufen und Kulturstufen. Die Bevölke- 
rungsstufen stehen in einer bestimmten Beziehung zur 
Kulturstufe. Die Volkszahl auf bestimmtem Raum ent- 
scheidet wesentlich über den Entwickelungsgang der Kultur; 
je näher sich die Menschen berühren, desto mehr sind 
sie aufgefordert, ihre humanen Eigenschaften zu entfalten. 
Der niedersten Stufe der Kultur entspricht dünne Be- 
völkerung. Menschen, die von Jagd und Fischfang leben 
sollen, wohnen viel zu dicht, wenn 1 Person auf 1 Quadrat- 
kilometer sitzt, häufig wird 1 Quadratmeile kein zu großer 
Raum bei dieser Art der Ernährung sein. Auch Hirtenvölker 
brauchen größeren Raum als Ackerbauer, bei denen indessen 
der Raumanspruch je nach der Intensität der Bewirtschaftung 
verschieden ist. Der flüchtige Ackerbau der Indianer 
und Neger ohne Pflug und Düngung beansprucht mehr 
Raum als der jedes Mittel ausnützende gartenartige An- 
bau der Chinesen, der übrigens auf der ganzen Erde 
wenig seinesgleichen hat. Der Ausdruck gartenartig ange- 
baut kann überhaupt nur auf wenige Landstriche An- 
wendung finden, wiewohl primitive Stufen des Acker- 
baues, da sie kleine Flächen nur mit der Hand und 



256 Bevölkerungsstufen und Kulturstufen. 

schwachen Werkzeugen, besonders ohne Pflug und Egge, 
bearbeiten, mehr an Gartenbau als an den Ackerbau 
der Europäer erinnern. Die dichteste Bevölkerung findet 
sich aber dort, wo durch den Verkehr der Mensch sich 
unabhängig von den Erzeugnissen des Bodens gemacht 
hat, auf dem er lebt, indem er die Nahrungsmittel von 
außen her bezieht, also in den großen Städten und den 
Industriebezirken, unter denen es einzelne , nicht wenig 
ausgedehnte gibt, die, wie die bis 4000 Meter ansteigenden 
Bergwerksdistrikte in Colorado und in Peru und Bolivien, 
geradezu unfähig sind, auch nur für den zehnten Teil 
ihrer Bewohner Nahrungsstoffe in genügender Menge zu 
liefern. Es gibt keinen stärkeren Beleg für den hohen 
Grad von Freiheit, zu dem der Mensch gegenüber den 
Naturverhältnissen vermöge seiner Kultur befähigt ist, 
als diese Zusammendrängungen auf unfruchtbare Stätten. 
Doch ist selbst in dieser anscheinend rein historisch und 
kulturlich begründeten Erscheinung ein starkes natür- 
liches Moment mitwirksam, welches hauptsächlich dem 
Klima angehört: das zur Arbeit zwingende und durch 
Arbeit stählende Klima, welches durch Entfaltung der 
inneren Kräfte der Menschen die Minderbegabung jener 
Natur mehr als genügend aufwiegt und die reicher be- 
gabten Erdstrecken längst diesen ärmeren tributär ge- 
macht hat. 

In einer vergleichenden Uebersicht der Bevölke- 
rungsdichtigkeiten, welche den verschiedenen Kulturstufen 
entsprechen, nehmen natürlich die Jägervölker die un- 
terste Stufe ein. Man hat für sie manche Schätzung ver- 
sucht. Bei den Patagoniern würden auf den Kopf der 
Bevölkerung, unter Zugrundelegung der Mustersschen 
Schätzung, über 10 Quadratmeilen kommen und für die 
Australier hat*A. Oldfield eine Fläche von etwas über 
2 Quadratmeilen auf den Kopf der Bevölkerung nach ein- 
gehenden Beobachtungen am Watschandiestamme in West- 
australien angenommen 1 ). Die Berechnung von V 10 Qua- 
dratmeile auf den Kopf, welche man aus der Kopfzahl und 
dem Flächenraum der Indianer der Vereinigten Staaten 
im Jahre 1825 zog, ist nicht zutreffend, weil die meisten 



Küstenvölker. 257 

der nordamerikanischen Indianer südlich von 50° n. Br. 
in irgend einem Grade Ackerbauer sind. Diejenigen, 
welche dies in sehr geringem Grade sind, wie z. B. 
die westlichen Odschibwäh, wohnen heute so dünn, daß 
V* Quadratmeile auf den Eopf gerechnet werden kann 2 ). 
Den Batua, von deren Zerstreuung durch die Ur- 
wälder des südlichen Congogebietes Wißmann, Wolf, 
Fran$ois u. a. uns Kunde gegeben haben, dürfte hier 
stellenweise eine Dichtigkeit von 20 — 40 auf die Quadrat- 
meile zugemessen werden; dabei ist zu erwägen, daß sie 
zwar Jägervölker sind, aber in engem, sogar abhängigem 
Verkehr mit den Ackerbauern stehen, von welchen sie 
tauschweise Früchte beziehen. Ueber die heutige Bevöl- 
kerung der engeren Kalahari, begrenzt im Norden durch 
Ngamise, im Süden durch den 27.°, im Osten durch 
die Sitze der Betschuanen und im Westen durch diejenigen 
der Herero und Naman, war Dr. Hans Schinz so gütig, 
mir folgende Angaben zur Verfügung zu stellen: Er 
schätzt die Zahl der als Jäger nomadisierenden Busch- 
männer auf 5000, dazu rechnet er etwa 300 versprengte 
Hottentotten und Naman und eine unbestimmte Zahl von 
Bakalahari, nach seiner Vermutung um 500. Es würde 
1 Kopf dieser Bevölkerung auf die Quadratmeile kommen. 
Küstenvölker, welche ein fischreiches Meer vor 
sich und im Rücken ein Land haben, aus dessen Wäl- 
dern und Feldern sie Nahrung ziehen, während die Schiff- 
fahrt ihnen durch den Besuch anderer Küsten und Inseln 
ihre Hilfsquellen zu vervielfältigen gestattet, können ohne 
viel Ackerbau dichter wohnen als Jagd Völker. Von der 
Dichtigkeit der arktischen Bandvölker h#ben wir S. 72 u. f. 
gesprochen und tragen nur noch nach, daß in dem ark- 
tischen Abschnitt von Alaska, der bis zum Prinz Wales- 
vorgebirge in der Behringsstraße reicht, ein Einwohner 
auf nahezu 2, im Yukongebiet auf 1,2, auf den ale- 
utischen Inseln und Halbinseln auf 0,3 Quadratmeilen 
kommt. Das ganze Volk der Thlinkit umfaßt gegen- 
wärtig eine Bevölkerung von 8 — 10000 Seelen, welche 
über einen Küstenstrich von 4 Breitegraden verteilt sind 3 ). 
Gibt man den Wohngebieten durchschnittlich auch nur 

K a t z e 1 , Anthropogeographie II. \ 7 



258 Fiather und Ackerbauer. 

l 1 /* geographische Meilen Tiefe, so kommen 80 — 1 < n 
Menschen auf die Quadratmeile. 

Dichter wohnen die mit dem Fischfang den Anbau 
ertragreicher Wurzel fruchte verbindenden Insulaner des 
tropischen Stillen Ozeans, wo Dichtigkeiten von 3—500 
in den größeren Gruppen Melanesiens wie den Neuen He- 
briden, Fidschi. LoviilitiUsinseh]. Maiquesas, G e Seilschaft s- 
inseln, und darüber hinausgehende von 6—700 in 
den dem europäischen Einfluß länger geötl'ueten Grup- 
pen, Samoa, Tahiti, eine viel beträchtlichere von 
mehr als 1300 endlich in dem friedlichen, geordneten 
Tonga sich finden. Dünner wohnen die auf ihren vul- 
kanischen Inseln auf enge Küsten- und Thalstrecken ein- 
geschränkten und dazu noch stark zurückgehenden Be- 
wohner von Hawaii, welche auch in voreuropäischen 
Zeiten kaum ihre heutige Dichtigkeit von 200 überstiegen 
haben dürften'); an derselben nehmen allerdings die Ein- 
geborenen undMischUnge nur noch mit 55 °/o teil. Ebenso 
wohnen viel dünner die über die zahlreichen kleinen und 
niedrigen Korallenriffe der Paumotu, Uniongruppe und 
ähnliche zerstreuten Pulynesier mit 50 — 120 auf der 
Quadratmeile, welche Zahl also wieder an die Küsten- 
bewohner Nordwestamerikus sich anschließt. Den Ein- 
fluß der Küstennahe auf die Bevölkerungszahl lassen viel- 
leicht auch die geschätzten Dichtigkeiten der Salomons- 
inseln und des Sismarckar chipeis von 200 im Vergleich 
mit derjenigen der ethnographisch nahestehenden Be- 
wohner von Deutsch-Neuguinea, welche auf 90 geschätzt 
wird, ermessen. Für ganz Neuguinea ist kaum diese 
Zahl anzunehmen*). 

Auf einigen der polynesi sehen Inseln tritt uns aber 
eine Bevölkerung entgegen, welche nach Lage der Dinge 
an Uebervolkerung grenzt. Das merkwürdigste Beispiel 
bietet die Kingsmillgruppe, welche auf 12 Quadrat- 
meilen nach früheren Angaben 40000 zählt, und die 
nördlich davon gelegene Gruppe der Marshallinseln mit 
gegen 10000 Einwohnern auf 2 Quadratmeilen. Es han- 
delt sich dabei immer um die Bewohner einiger kleinen 
Inseln, welche die Cocoshaine und Fischgründe eines 



Ackerbauer in tropischen Gebieten. 259. 

ganzen Archipels ausbeuten. Die Kingsmill oder Gilbert- 
inseln sind zugleich eine Quelle starker Auswanderung. 

Im Indischen Archipel treten uns neben den sehr 
dicht bevölkerten Gebieten des unter europäischer Ver- 
waltung intensiven Ackerbau treibenden Java, Madura, 
Celebes und kleinerer Inseln die Gebiete einheimischer 
Bewirtschaftung entgegen, welche derjenigen des vor- 
britischen Indien ähnlich ist. An einzelnen Stellen hoch- 
gesteigerter Reis- und Sagobau mit dichter. Bevölkerung, 
daneben wandernder Ackerbau der Waldstämme, die zum 
Teil auf der niedrigen Stufe von Waldnomaden stehen. 
Daraus ergeben sich Dichtigkeiten, welche zwischen wenig 
über 100 (Mindanao), Borneo (130) bis 250 und 300 
(Sumatra) schwanken. Der Gegensatz zu den Dichtig- 
keiten von 7000 in Java und Madura, 4 — 5000 auf kleineren 
Inseln der Philippinen, 2300 auf Luzon zeigt die Un- 
ergiebigkeit der von Europäern unbeeinflußten tropischen 
Wirtschaft trotz der stellenweise so intensiven Reis- und 
Sagogewinnung. Die Niederländer hatten jene ursprüng- 
lichen Dichtigkeitsverhältnisse im Auge, als sie, der Wahr- 
heit nahe kommend, z. B. ihrem Gebiet in Neuguinea 
eine Dichtigkeit von 60 zusprachen. 

Das äquatoriale Afrika teilt mit Südasien die 
wichtigsten Kulturpflanzen und Haustiere, sowie das Eisen. 
Es ist in weiten Strecken dichter als Neuguinea und 
selbst als Borneo bevölkert, wie wir im 6. Abschnitt ge- 
sehen haben. Afrika stand in seiner Gesamtheit, auch 
ohne Aegypten und die übrigen zivilisierteren Länder 
der Nordküste den anderen kulturarmen Erdteilen voran. 
Als Land des Ackerbaues und der Viehzucht hat Afrika 
einen Vorsprung in der Volkszahl und Bevölkerungs- 
dichtigkeit, der dem voreuropäischen Amerika oder Au- 
stralien niemals zufallen konnte. Gebiete gleichen Natur- 
charakters sind in Altamerika dünner bewohnt gewesen 
als im heutigen Afrika. Dazu gehören in erster Linie 
die Prärien und Savannen. Wir glauben nicht an die 
einstige Unbewohntheit der Prärien Nordamerikas (vgl. 
o. S. 108), aber so dicht bewohnt wie das Grasland 
hinter Kamerun sind sie nie gewesen. Ohne Viehzucht 



260 Ackerbauer Nordamerikas. 

und Eisen wird eine Bevölkerung ihren Boden, auch wenn 
er fruchtbar ist, immer nur oberflächlich und einseitig 
ausnutzen. 

Die Dichtigkeit ackerbauender Indianer dürfte in 
den südöstlichen Teilen von Nordamerika nicht viel 
geringer gewesen sein als die der Dajaken oder Papua. 
Ihr ausgedehnter Ackerbau, ihre großen Dörfer und die 
zahlreiche Kräfte voraussetzenden Werke, wie die Erd- 
hügel, machen eine Dichtigkeit von nicht unter 50 wahr- 
scheinlich. Für die mittleren Gebiete fehlt es an Zeug- 
nissen. 1857 gab man, als die europäischen Einflüsse 
noch gering waren, der Indianerbevölkerung von Van- 
couver 17 000 6 ), was etwa 25 auf die Quadratmeile er- 
geben würde. Diese Zahl ist bei der Unbewohntheit eines 
großen Teiles des Inneren der Insel und der Thatsache, 
daß diese Indianer sich im Rückgang befinden, nur als 
Minimum anzusehen. Californiens Bevölkerung wurde 
an Missionsindianern und Weißen 1802 auf 16 300 ange- 
geben. Diese Zahl würde etwas über 2 auf der Quadrat- 
meile bedeuten, wo heute über 120 wohnen. Nach der 
Annahme Im Thurns würden die 20 000 Indianer Britisch- 
Guianas zu 6 auf der Quadratmeile wohnen. Ganz ähnlich 
schätzt Dr. Peter Vogel, nach freundlicher Mitteilung, 
die Dichtigkeit im oberen Schingugebiet (zwischen den 
Quellen und 11° 55') auf 5 auf der Quadratmeile. Et- 
was geringer schätzte Robert Schomburgk die Bevölke- 
rung eines Gebietes von ca. 800 Quadratmeilen an den 
Flüssen Barima, Waini und Cujuni auf 2500 Seelen. 7 ) 
Man sieht, wie alle diese voneinander unabhängigen Schät- 
zungen auf nicht sehr weit verschiedene Zahlen hinaus- 
laufen. In der Dominion von Kanada lebt heute nicht 
1 Indianer auf der Quadratmeile, während in Britisch- 
Golumbia die indianische Bevölkerung sich zu 2,3 zusammen- 
drängt. Die Lebensweise der Aino in dichtbewaldetem 
Lande von lohnender Jagd und an fischreichen Küsten 
mit möglichst wenig Ackerbau erinnert an diejenige der 
Indianer des pazifischen Nordamerika. Ihre Dichtig- 
keit mochte wohl vor dem starken Vordrängen der Ja- 
paner mehr als 12 betragen, auf welche Zahl wir sie 



Die voreuropäische Bevölkerung Nordamerikas. 261 

unter Annahme der Minimalsumme von 16000 veran- 
schlagen. 

Die Frage der voreuropäischen Bevölkerung Nordamerikas 
hat in den Diskussionen über die Gründe und Ausdehnung des 
Aussterbens der Indianer eine große Rolle gespielt. Wir werden 
in diesem Zusammenhange im 10. Abschnitt darauf zurückzukommen 
haben. Hier nur so viel, daß diese alten Bevölkerungszahlen 
Nordamerikas früher viel zu hoch angenommen worden und 
daß sie dann von solchen, die das Aussterben der Indianer als 
eine unbedeutende Thatsache hinzustellen suchten, ebenso wieder 
unterschätzt worden sind. Für den fruchtbaren Süden und Osten 
Nordamerikas, etwa ein Zehntel des Landes umfassend, dürfen wir 
nach den eben dargelegten Grundsätzen die Bevölkerung der Jagd 
mit Ackerbau verbindenden Stufe, etwa nach dem Satze 25 auf 
eine Quadratmeile, voraussetzen, was in Verbindung mit einer 
dünnen Bevölkerung wandernder Jäger für den Rest immerhin 
eine Summe von V/a bis IV2 Millionen, d. h. eine mindestens um 
das Vierfache den heutigen heruntergekommenen Rest übertreffende 
Zahl ergeben würde. Herr W. H. Dali, der die Freundlichkeit hatte, 
mir seine der breiteren Begründung und der Veröffentlichung in 
hohem Grade würdigen Ansichten über diese Frage brieflich darzu- 
legen, wendet sich hauptsächlich gegen die schematische Anschau- 
ung, die ganz Nordamerika als Gebiet einer einzigen Kultur auffaßt, 
während mehrere, mindestens drei verschiedene Abstufungen in dem 
einheitlichen Grundtypus altindianischen Lebens unterschieden werden 
müssen, welchen auch verschiedene Dichtigkeitsgrade der Bevölke- 
rung entsprechen. Als aligemeine Gründe der verhältnismäßig 
dünnen Bevölkerung sind besonders zu beachten die bei der Un- 
vollkommenheit der Ackerbauwerkzeuge unvermeidliche Beschrän- 
kung des Ackerbaues und damit aller daran sich knüpfenden 
höheren Entwickelung auf die natürlichen Lichtungen an den Fluß- 
ufern und auf gelegentliche kahle Höhenrücken; die Einschrän- 
kung der Wohnsitze durch wirkliche oder mögliche Feindselig- 
keiten der Nachbarn ; die Beschränkung des Verkehrs, der außer- 
halb der subarktischen Regionen großenteils zu Boot auf Flüssen 
und Seen sich bewegte, da alle Lasttiere fehlten. Was die wandern- 
den Jägerstämme anbelangt, so folgten diese den jahreszeitlichen 
Zügen des Wildes und der Fische und beuteten einen guten Teil 
derselben, besonders Büffel und Elkhirsch, aus. Sie konnten die 
trockenen Prärien und wüsten Ebenen des Westens nur an den 
Rändern betreten, hatten auch, solange der Büffel die Waldregion 
bewohnte, keinen Anlaß dazu. Erst die Einführung des Pferdes 
hat sie in diese Gebiete vordringen lassen. 

Für die Bevölkerungen wüsten- und steppe n- 
hafter Gebiete, die großenteils aus Nomaden, welche mit 
Herden von einem Weideplatz zum anderen ziehen, und in 
die Oasen gedrängten Ackerbauern bestehen, ist bereits eine 



2(32 Bevölkerung der Stupfien und Wüsten. 

erheblich größere Zahl anzunehmen als für die Wald- 
nomaden. Aber die Maximalzahl scheint 100 auf die 
Quadratmeile nicht zu übersteigen und bleibt also weit 
hinter derjenigen zurück, welche der Ackerbau möglich 
macht. Auf dem jetzt russisch*. 1 « Turkmenengebiet .schützte 
man vor der Eroberung die Bevölkerungsdiehtigkeit zu 
40 per Quadratmeile, wenn alle unbewohnbaren Wüsten 
mit herangezogen wurden, und zu 80, wenn die Hälfte 
dea Landes als eigentliches Weide- und Wandergebiet 
angesehen ward. Auch die neuesten Zahlen, welche Le- 
vaseeur nach Troinitsky gibt "). schwanken für die steppen- 
und wüstenhaften Bezirke Semipalatinsk, Semiretschensk. 
Ural, Amu Darja, Transkaspisches Gebiet alle zwischen 
40 und 115. Die Sinaihalbinsel würde nach Rüppells 
Schätzung nur 7 Bewohner auf der Quadratmeile zählen. 
Die älteren Schätzungen Nubiens und Kordofans ergaben 
vor dem Mahdiaufstand 90 für Nubien, ö.'i für Kordofan. 
Für Tripoli lassen die türkischen Angaben 45 annehmen. 
In der Uebergaugszone vom Atlasland in die Wüste, 
jenen Steppen, „welche unbebaut, aber noch nicht Wüste 
sind, wiewohl sie das Bild der Wüste gewähren" !l ), und 
einen Strich vou 15000 Quadratmeilen in der Nordhälfte 
dessen bilden, was mau marokkanische, algerische und tu- 
nesische Sahara nennt, wohnen durchschnittlich ToMenschen. 

Fassen wir Uebergangsgebiete ins Auge, welche 
den Ackerbau oasen- und strichweise in wachsendem 
Malie neben der wandernden Viehzucht aufkommen lassen, 
so erkennen wir, wie schon im letzten Beispiele, den die 
dichtere Bewohmmg begünstigenden KinflulA des sedentäreu 
Lebens, welches Arbeitsteilung, die der Nomadismus nicht 
kennt, und damit Volk sverme Irrung voraussetzt. Die 
l'ebergangsgebiete von Steppe zu Bauland in Kordofan 
und Takna Kahlen 2 — 300 auf der Quadratmeüe, diese 
Bevölkerung wird dünner nach Westen und Norden (80 
auf der Quadratmeüe, entsprechend den Saharasteppen) 
und dichter nach dem vom abessinischen Hochlande her 
befeuchteten Sennaar zu. 

Dieser Gegensatz der Ausbreitung und Zusammen- 
dräugung macht sich selbst in den armen Gebieten an 



Wratasuttis'ihi' um) jüngere Kulturländer. 263 

der Grenze der Oekumene geltend. Nach der Schätzung 
von Aurel Krause betragt die Zahl der Rentiertschuk- 
tschen 2000, das macht über eine Fläche von 5000 Quadrat- 
meilen verteilt 2'/* Q-u ad ratm eilen auf den Kopf. Auf 
viel engerem Raum sitzen an den Küsten die Fischer- 
völker der ansässigen Tschuktschen und Eskimo mit zu- 
sammen gegen 4000. 

Der unvollkommene Ackerbau und die weniger ent- 
wickelte Industrie der westasiatischen Länder haben 
trotz einzelner Anhäufungen niemals eine so hohe Dichtig- 
keit sich verwirklichen lassen, wie das moderne Europa 
sie kennt. Wir glauben, daß Vambery recht hat, wenn er 
sagt: „Die Bevölkerung des muslimischen Ostens konnte 
selbst unter den günstigsten politischen und sozialen 
Verhältnissen, wenngleich zahlreicher als jetzt, nie so 
zahlreich gewesen sein, als wir gewöhnlich laut Angabe 
orientalischer Geschieh tschrtiber und Heisenden anzuneh- 
men pflegen. Von einem Population* Verhältnis, wie wir 
es heute in Europa und Amerika vor uns sehen, hat im 
mohammedanischen Osten nie und nimmer die Rede sein 
können L0 ). 4; Die Volksdichte Persiens kann auf 200 bis 
250, diejenige der asiatischen Besitzungen der Türkei auf 
400—500 veranschlagt, werden. Das sind ungefähr die 
Dichtigkeiten, wie sie in Russisch-Asien nach etwas ge- 
naueren Feststellungen für die vergleichbaren Gebiete 
von Samarkand und Ferghana angegeben werden. 

An diese Dichtigkeiten schließen sich nun in den 
jüngeren Kulturländern diejenigen an, welche in noch 
nicht voll entwickelten Ackerbaugebieten gefunden werden. 
Es ist die Dichtigkeit der sog. BanniwoÜerisUufcen Nord- 
amerikas und der blühendsten Plantagen gebiete von 
Brasilien. Aber auch in älteren Ländern findet in weniger 
begünstigten (iebieten, im nördlichen Rußland und Schwe- 
den, sich eine um 500 schwankende Dichtigkeit. Dieselbe 
erhebt sich in reinen Ackerbaugebieten der gemäßigten 
Zone rasch auf 2000 — 2500 (Mecklenburg, Pommern, 
zentralfranzösische Departements), dazwischen Hegen in 
alten wirtsdiiil'llicli wenig entwickelten Ländern wie Spanten. 
Sardinien und in den fruchtbarsten jungen Ackerbau- 



264 Stufenleiter der Dichtigkeiten. 

Staaten des nordamerikanischen Westens (Illinois, Ohio, 
Indiana) Dichtigkeiten von 1000 — 1500. Aber in allen 
diesen Zahlen sind Städte und einzelne gewerbliche 
Mittelpunkte mit inbegriffen und sie sind es, die in 
unserer Zone die über 2000 hinausgehenden Dichtig- 
keiten, wie z. B. die südbayerischen Kreise sie von 2500 
bis 3000 aufweisen, wesentlich bestimmen. Je mehr die 
große Gewerbthätigkeit Raum gewinnt, desto mehr ver- 
dichtet sich nun die Bevölkerung. Die über die besten 
Mittel und Werkzeuge für Gewerbe und Verkehr ver- 
fügende höchste Kultur, welche sich in Europa und bei 
den europäischen Tochtervölkern entwickelt hat, weist 
die dichtesten Bevölkerungen unabänderlich in den Mittel- 
punkten der Gewerbs- und Handelsthätigkeit auf. Die 
Dichtigkeiten über 15 000 kommen bei uns in den Stein- 
kohlen- und eisenreichen Bezirken der Ruhr, der Sambre, 
Sachsens und Englands vor, wo Quadratmeilen aufhören 
Land zu sein, um in große Werkstätten sich zu ver- 
wandeln. — 

Man würde also folgende Reihe wachsender Zahlen, 
deren Zunahme mit derjenigen der Kultur fortschreitet, 
entwerfen können: 

Bewohner auf der Quadratmeile. 

Jäger- und Fischervölker in den vorgeschobensten 
Gebieten der Oekumene (Eskimo). 0,1 — 0,3. 

Jägervölker der Steppengebiete (Buschmänner, Pata- 
gonier, Australier). 0,1 — 0,5. 

Jägervölker mit etwas Ackerbau oder an Ackerbauer 
sich anlehnend (Indianer, Dajak, Papua, ärmere Neger- 
stämme, Batua). 10 — 40. 

Fischervölker an Küsten und Flüssen (Nordwest- 
amerikaner, Bewohner der kleinen polynesischen Inseln). 
Bis 100. 

Hirtennomaden. 40 — 100. 

Ackerbauer mit Anfängen von Gewerbe und Verkehr 
(Innerafrika, Malayischer Archipel). 1 — 300. 

Nomadismus mit Ackerbau (Kordofan, Sennaar). 
2—300. 

Länder des Islam in Westasien und im Sudan. 2 — 500. 



Verschiedene Größe der Abstufungen. 265 

Fischervölker, die Ackerbau treiben (Inseln des Stillen 
Ozeans). Bis 500. 

Junge Länder mit europäischem Ackerbau oder klima- 
tisch unbegünstigte Länder Europas. 500. 

Reine Ackerbaugebiete Mitteleuropas. 2000. 

Reine Ackerbaugebiete Südeuropas. 4000. 

Gemischte Ackerbau- und Industriegebiete. 5 — 6000. 

Reine Ackerbaugebiete Indiens. Ueber 10,000. 

Gebiete europäischer Großindustrie. Ueber 15000 n ). 

Aus dieser Aufzählung erhellt, daß, wenn auch die 
ungleichmäßige Verteilung ein Merkmal der Völker auf 
tieferer Stufe ist, doch die Skala ihrer Dichtigkeiten 
eine viel geringere bleibt, weil die Ursachen der wechseln- 
den Grade derselben viel einförmigere sind. Es fehlen 
die großen und kleinen Städte mit ihrer Massenanziehung, 
die Verdichtungen über den Lagern wertvoller Mineralien 
und in den Gebieten großer Gewerbthätigkeit; selbst die 
Landwirtschaft wird über ganz Innerafrika hin gleich- 
mäßig schwach und schwankend nach Ertrag und Art 
betrieben. Es gibt nicht die Unterschiede der weiten 
Getreidefelder mit dünner Bevölkerung und der garten- 
artig angebauten, dichtbevölkerten Regionen der Kultur- 
gewächse. Der Ackerbau ernährt in Monbuttu nicht viel 
mehr Menschen als in Lubuku, höchst selten sind die 
Beispiele, daß er in größerem Maßstabe für den Absatz 
bei Nachbarvölkern arbeitet. Die Batua und die Akka, 
beides abhängige Jägervölkchen, sind am Lubi ebenso 
dünn im Wald verteilt wie am Uelle. Der Wald ist 
überall im Negerland dünner bevölkert als die Savanne 
und die Zusammendrängung der Wohnstätten kann am 
unteren Kassai nicht viel geringer sein als am unteren 
Weißen Nil. Es ist eine Aufgabe der Wissenschaft, diese 
typischen Zustände der Bevölkerung auszusondern, zu 
charakterisieren und nach ihrer Verteilung zu forschen, 
dieselbe vielleicht sogar kartographisch darzustellen. Ihre 
Wichtigkeit für die geographische Bevölkerungsschätzung 
ist früher (s. o. S. 156 u. 170 f.) betont worden. 

Fruchtbarer Boden und dünne Bevölkerung. Es ist 



266 Dünne Bevölkerung in Tropenländem. 

eine alte Beobachtung, daß wo die Natur am freigebigsten 
ist, der Mensch am schwersten sich zu höherer Kultur empor- 
arbeitet. Fruchtbarkeit des Bodens vermag nicht für sich 
allein die höchsten Dichtegrade der Bevölkerung hervor- 
zurufen, sie kann ohne zahlreiche Arbeitskräfte ausgenutzt 
werden und vermag nur eine beschränkte Zahl von Men- 
schen direkt zu ernähren. In den Tropen ist das Graben 
im fruchtbaren, feuchten Boden als fiel) ererzeugend ge- 
fürchtet, die üppige Vegetation erschwert die Freihaltung 
des Ackerlandes von wucherndem Unkraut und die Fülle 
besonders des kleineren und niederen Tierlebens wirkt 
zerstörend auf Pflanzungen und Ernte. Leichte Arbeit 
wird begünstigt, schwere zurückgedrängt. Folgender- 
maßen schildert Ed. Andre - den Zustand an einer präde- 
stinierten großen Verkehrsstraße. dem unteren Magdalena: 
Einige Fruclitbäume (Kokospalmen, Brotfrucht-, Brei- 
apfel- und Meloue-nbäumel nähren die Anwohner. Die 
Ueppigkeit der Vegetation überhebt sie jeder Arbeit. 
Ueberatl wächst die Kaffeestaude; der Orangenbaum 
trägt ohne Unterlaß seine Gokliipfel; ohne Zuthun des 
Menschen ranken sich Kürbispflanzen um die Bäume, 
welche Krüge und Schalen liefern, und das Zuckerrohr 
dauert ein Vierteljahrhundert aus, ohne erneuert werden 
zu müssen. Aber der Keichtu.ni wird kaum benutzt, 
die Entvölkerung nimmt zu; während das Thal des Mag- 
dale nenstromes allein vielleicht ">0 Millionen Menschen 
nähren könnte, zahlt ganz Columbia heute noch nicht 
4 Millionen 1B ). Die Erwachsenen arbeiten fast nichts, sie 
sammeln ein wenig Holz, das sie an die Dampfschiffe 
für Branntwein verkaufen oder einige Sacke voll Fruchte 
der Taquapalme. Das sind die Zustände, welche Georg 
Forster in seinem berühmten Aufsatze über den Brot- 
fruchtbaum 1;l ) so verlockend geschildert, wo er die Be- 
rechnung anstellt, daß eine Person vom Ertrag dreier 
Bäume acht Monate lang reichlich leben könne und 
daß 27 solche Bäume einen Flächenraum einnehmen, 
der in den fruchtbarsten Gegenden Europas zur Not 
einen Menschen ernährt. Es sind die Zustände, von 
denen Cook sagte: Hat jemand in seinem Leben nur 



Dichte Bevölkerung in gemäßigten Gebieten. 267 

zehn Brotfruchtbäume gepflanzt, so hat er seine Pflicht 
gegen sein eigenes und gegen sein nachfolgendes Ge- 
schlecht ebenso vollständig und reichlich erfüllt, wie ein 
Einwohner unseres rauhen Himmelsstriches, der sein Leben 
hindurch während der Kälte des Winters gepflügt, in der 
Sommerzeit geerntet und nicht nur seine jetzige Haus- 
haltung mit Brot versorgt, sondern auch seinen Kindern 
noch etwas Geld kümmerlich erspart hat. Auch auf 
diesen angeblich so glücklichen Inseln hat die Leichtig- 
keit des Erwerbes der Lebensnotwendigkeiten nicht eine 
entsprechend dichte, durch ihre Menge und innigere Be- 
rührung sich bereichernde und fortbildende Bevölkerung 
gezeugt. Wenn dort in Columbien die Bevölkerung in 
den üppigsten Tropengegenden' fast stabil ist, so erscheint 
sie hier in einem traurigen Verfall und Rückgang. Man 
erkennt keine direkte Beziehung zwischen dem Reichtum 
der Naturgaben und dem Gedeihen der Bevölkerung. 

Es kann als eine allgemeine Regel ausgesprochen 
werden, daß in allen Ländern, welche in den Tropen und 
im gemäßigten Klima liegen, die tropischen Provinzen 
viel dünner besiedelt sind als die subtropischen und in 
der Regel diese dünner als diejenigen des gemäßigten Kli- 
mas. Selbst im dichtbevölkerten Indien und China liegen 
die größten dichtbevölkerten Gebiete dort diesseits des 
Wendekreises , hier nördlich von 30 9 n. Br. Lehrreich 
ist Brasilien, dessen dünnstbevölkerte Provinz Amazonas, 
während die dichtestbevölkerte Rio de Janeiro ist. Sao 
Paulo ist 13mal bevölkerter als Parä. In welch folgen- 
reicher Weise in jenen Teilen Südamerikas, welchen in 
ausgedehnten Hochflächen kühleres Klima gewährt ist, 
mit der dichteren Bevölkerung auch die höhere Kultur 
auf den gemäßigten Höhen sich ausgebreitet hat, während 
dünne Bevölkerung die tropischen Regionen besitzt, ist 
oben bereits dargelegt worden. In Columbia, wo die 
Sonderung zwischen Hoch- und Tiefland besonders scharf 
zieht, kann die Hochebene als das Gebiet der spanisch- 
indianischen Kultur, das tropische Waldland der Isthmus- 
region, des Abhanges der Cord illere und des Magdalena- 
thales wesentlich als Indianerterritorium aufgefaßt werden. 



2158 Armer Hoden uml dichte Bevölkerung. 

In den Tropen läßt man die natürlichen Hilfsquellen 
versiegen, die man in den gemäßigten Erdgürteln künstlich 
bis zum Bedenklichen zu vermehren sucht. Der Verfall 
des Ackerbaues in den sich selbst, tili erlassenen Tropen- 
ländern ist sehr lehrreich. Wie bezeichnend die einzige 
Thatsache, daß auf Pitcairn die Brotfrucht durch Vernach- 
lässigung selten geworden war, als John Barrow 1830 
die Insel besuchte. In Barbadoes haben die Engländer 
die Kultur in energischer Hand behalten und die Bevölke- 
rung wohnt zu 418 auf dem Quadratkilometer, während 
sie in dem einst blühenden Jamaika auf 5fi, in Haiti 
auf 33. in San Domingo auf 1 1 herabgesunken ist. Wo 
wirtschaftliche Ausbeutung der Naturschätze des Tropen- 
waldes versucht wird, wie in den Cinchonawäldern Perus 
und Columbiens, dem Kaiitschiikgehic-U' Nordostbrasiliens, 
den Mahagoni wäldern Mittelamerikas, hat zerstörende Baub- 
wirtschaft deu niederen Grad dieser Arbeitsweise bezeugt, 
die das Gegenteil von Kulturarbeit ist, da sie der Be- 
völkerung keine neuen Hilfsquellen eröffnet, sondern alte 
zerstört. 

Armer Boden und dichte Bevölkerung. In Gegenden, 
die von Natur ärmer sind, mag eher die tiefe Kultur- 
stufe, in deren Wesen Anspruchslosigkeit liegt, die An- 
häufung einer Bevölkerung befördern, welche zahlreicher 
ist, als die ihr gebotenen Hilfsmittel erwarten lassen. 
Gebiete, die dem Ackerbau und der Viehzucht unzugäng- 
lich sind, können unter Umständen eine reichere Anzahl 
von Jägern oder Fischern ernähren. Ob Grönland, wenn 
ea keine Eskimo hätte, ebensoviel Europäer, besonders 
im Norden, ernähren würde, ist zweifelhaft. Von Cali- 
fornien glaubt. Powers, daß selbst zur Zeit der ergiebig- 
sten Goldwäseherei z. B. das Thal des Trinity nicht 
so viel Weiße ernährt habe, wie Indianer hier von den 
zahllosen Manzanita- und Hucklebeeren lebten, von 
welchen er behauptet, daß es Felder gebe, die mehr 
Nahrung dem Menschen zu bieten im stände seien, als 
die gleiche Fläche besten Weizenfeldes. Der Ackerbau 
werde hier nicht den vierten Teil der VolkszaM ernähren. 






Oertliche Verdichtungen. 269 

die in der Epoche der „savagery" hier gelebt habe 14 ). 
Der ausgreifende, unruhige Charakter, das Leben der 
Völker auf niederer Stufe der Kultur, erweitert unter 
Umständen den Bereich der Hilfsquellen, wie das z. B. 
der Nomadismus thut, der ja nur unter der Voraussetzung 
eines Wanderns möglich ist, welches die Hilfsquellen 
eines guten Landes verderben läßt, dafür aber auch wieder 
diejenigen eines schlechten Bodens von weitem Umkreise 
her zusammenfaßt. Eine Wirtschaft, welcher Zeit noch 
nicht Geld geworden ist. gedeiht auf räumlich breiter 
Basis, wo die fleißigere, aber beschränktere Arbeit kaum 
genügende Früchte trägt. Es ist von Kennern der nord- 
amerikanischen Indianer darauf aufmerksam gemacht 
worden, daß wenn in einzelnen Thälern 5 oder 6000 Men- 
schen eines Stammes in der Dichtigkeit von über 3000 
auf der Quadratmeile lebten, sie den unbeschränkten 
Nutzen von Wald, Weide, Fischwasser hatten, deren 
Fläche die ihrer Wohnsitze weit übertraf. Damit kom- 
men wir aber doch wieder auf die eingangs erwähnte 
Notwendigkeit weiten Areales zurück. Und eng hängt 
mit ihr die Thatsache zusammen, daß alle die Verdich- 
tungen der Bevölkerung, von welchen hier gesprochen 
wird, nur ganz örtliche sind, so daß wir doch nur den 
Eindruck einer im ganzen dünnen Bevölkerung gewinnen, 
sobald wir über die Anhäufungen in beschränkten Ge- 
bieten hinausgehen. 

Die kulturfördernde Wirkung einer dichten Bevölke- 
rung kann aber nicht von diesen einzelnen und sich ver- 
einzelnden Zusammendrängungen ausgehen, die an weite, 
öde Hinterländer sich anlehnen oder durch weite leere 
Strecken voneinander getrennt sind. Sie hat vielmehr 
ihren Sitz in zusammenhängend über weite Gebiete hin 
dicht wohnenden Bevölkerungen, welche über 10000 
Quadratmeilen wesentlich gleich dicht verbreitet sind und 
dauernd sich so erhalten. Wir erinnern an den Satz von 
Oscar Peschel, daß jede Vermehrung der Bevölkerung 
auf einer gegebenen Fläche dem Menschen den Zwang 
auflege, seine gesellschaftlichen Instinkte weiter auszu- 
bilden, daß daher in den großen Bevölkerungsziifern an 



270 Ungleiche Verteilung 

sich schon die Gewähr gesellschaftlicher Verfeinerungen 
liege 15 ). Die Kultur gedeiht nicht in Oasen, man müßte 
denn Aegypten oder Mesopotamien mit Bevölkerungen, 
die einst 10 Millionen zählen mochten, noch als Oasen 
gelten lassen wollen, wobei allerdings von der Oasenlage 
nur der Schutz als Kulturelement zu betrachten wäre. 

Ungleiche Verteilung der Bevölkerung. Zu den Merk- 
malen niedrigeren Kulturstandes gehört die sehr ungleiche 
Verteilung der Bevölkerung. Sie entspricht der Vertei- 
lung kleiner aber zahlreicher Gegensätze über enge Ge- 
biete, welche Merkmal der Kulturarmut ist. Je höher die 
Kultur steigt, desto ebenmäßiger verteilt sich die Be- 
völkerung über ein Land. Durch fast ganz Afrika geht 
der Gegensatz bewohnter und unbewohnter Gebiete. Jedes 
Land verlangt einen unbevölkerten Saum. Dieses bedingt 
nicht bloß eine ungleichmäßige, sondern auch eine un- 
vernünftige Verteilung. Altamerika überließ die frucht- 
barsten tiefgründigen Schwarzerdeprärien am Illinois und 
Kansas einigen Horden von Büffeljägern, während in 
dürren Thälern Neumexikos sich Hunderte in den Höhlen 
der Thalhänge zusammendrängten. Mag die Küstenregion 
Westafrikas verhältnismäßig dicht bevölkert sein, wie 
in Togo, so hemmt doch abseits der altausgetretenen 
Pfade, sowie man ins Innere dringt, das Dickicht, Schilf- 
rohr u. dergl. alle größeren Märsche 16 ). Die beengende 
Stille, welche Stanley auf der Ebene am Südfuß des 
Ruwenzori schildert, wo das ganze Volk ausgewandert 
ist, gehört zu den Merkmalen der „historischen Landschaft" 
des Afrikas der Neger. Aber dieselbe Stille umfing Schom- 
burgk im oberen Corentyne-Gebiet , wo er 15 Meilen 
breite Striche durchzog, die „seit Geschlechtern keinen 
Menschen mehr gesehen hatten". In Polynesien finden 
wir landeinwärts von dichtbevölkerten Küsten dünne, 
flüchtige Bewohnung oder Menschenleere. In Ländern, 
wo ein gewisser Grad von Friede und Ordnung wenig- 
stens für eine Reihe von Jahren herrscht: in den Fulbe- 
staaten,, Uganda, früher auch im Dinka- und Schilluk- 
gebiete des oberen Nil begegnet man einer für diese Stufe 



der Bevölkerung. 271 

erstaunlichen Dichtigkeit der Bevölkerung, während nahe- 
bei weite Strecken öd liegen, welche oft noch die frischen 
Spuren früherer Bewohnung tragen. Es liegt das Un- 
organische eines willkürlichen Hingeworfenseins, eines 
Haufwerks in dieser Verteilung. David Livingstone schil- 
dert in folgenden Worten einen Strich östlich vom Nyassa, 
den er ganz menschenleer fand: Ein Land so schön, 
wie man es nur irgendwo finden kann, das überall die 
Spuren seiner einst fruchtbauenden und eisenschmelzenden 
Bevölkerung trägt. Den Thonpfeifen, womit sie die 
Röhren ihrer Blasebälge in die Oefen einsetzten, begegnet 
man allenthalben. Die Furchen der Felder, auf denen 
sie Mais, Bohnen, Hirsen und Kassawa pflanzten, sind 
noch nicht geebnet, sie bleiben noch als Zeugen des 
Fleißes der früheren Bewohner 17 ). In Stanleys Schil- 
derungen aus Manjema und vom mittleren Congo, in 
Schweinfurths Beschreibungen der Länder der Djur und 
der Bongo findet man ähnliche Scenen. Wer empfindet 
nicht tief das Ergriffensein mit, von welchem Wißmann 
uns angesichts der Trümmer der großen Dörfer der 
Baqua-Peschi Kunde gibt, eines Stammes der Beneki am 
oberen Lubilasch im Jahre 1882, welche er 1886 nur in 
Trümmern wiederfand: „Jetzt ein kleines Paradies, waren 
4 Jahre später dieselben Palmenhaine verödet. Welche Ver- 
änderung war vorgegangen ! Rechts und links vom Wege 
überwucherte das Gras die Stellen, wo früher glückliche 
Menschen lebten. Nur ein halb verkohlter Pfahl oder ein 
in der Sonne bleichender Schädel zeigte, was hier ge- 
schehen war. Grauenhaft war die Totenstille, als ich im 
Jahre 1886 unter dem Schatten derselben Palmen wan- 
delte, unter denen nur so wenig früher lautes Jubeln und 
freundliches Grüßen von Tausenden mir entgegenschallte, 
und heiß überlief mich das Gefühl des Zornes über die, 
welche hier solch entsetzliche Aenderung hervorgerufen 
hatten, die Araber 18 ) tt . Und hart daneben treibt das 
Leben dieser Völker seine üppigsten Schosse und läßt Dorf 
an Dorf sich reihen. Die Striche wechseln wie grüne 
und hagelgetroffene Felder. So ist ein Feld heute ver- 
wüstet, das gestern noch grünte. 



I 

272 Volkszahl und Geschichte. 

Volkszahl und Geschichte, Für die Beurteilung der 
Geschichte eines Volkes ist die Zahl desselben von großer 
Bedeutung. Die Geschichte der kulturarmen Völker wird 
mit kleinen Zahlen gemacht. Wenn ein Indianerstamm, 
der so viel genannt wird, wie die Mandanen, endlich mit 
900 — 1000 Seelen auftritt 19 ), erscheint uns sein Gewicht 
geringer als sein häufiges Hervortreten in den Reise- 
berichten und Geschichtserzählungen vermuten ließ. Hat 
er durch die Beherrschung eines weiten Raumes ohne 
Zweifel dazu beigetragen, der Meinung von seiner Größe, 
sogar der Furcht vor seinem Namen entsprechende Ver- 
breitung zu geben, so ist dieses doch nur ein sehr 
schwankender Boden. Nationen im europäischen Sinne 
sind natürlich solche Völkerschaften nicht, denn jene 
setzen schon vermöge ihrer Zahl eine ganz andere Dauer 
und Kulturkraft voraus. Wie Mentzel von den Hotten- 
totten sagt: Man muß sich von ihren Völkerschaften nicht 
vorstellen, daß es ausgebildete Nationen wären, die ganze 
Provinzen mit Menschen erfüllten. Hier ein Kraal, 2 oder 
3 Tagreisen davon wieder ein Kraal von 100, 150, höch- 
stens 200 Köpfen können zwar bald einen großen Distrikt 
Landes inne haben, aber wenn hier ein Baum und eine 
Viertelmeile davon wieder ein Baum stehet, so kann man 
keinen Wald daraus machen 20 ). 

In einem Gebiete, wie es das nördlichste Asien ist, 
wo notdürftig und den größten Wechselfällen ausgesetzt 
ein paar Tausend Menschen leben, konnten geschichtlich 
bedeutende Völker nicht entstehen. Die Leistung jedes 
einzelnen bleibt unfruchtbar, wenn sie nicht von folgen- 
den Geschlechtern aufgenommen und von Nachbarn 
weitergegeben wird. Solche Länder konnten in Einem 
Siegeslauf von ein paar Tausend Europäern gewonnen 
werden, die trotz ihrer geringen Zahl fast überall in der 
Ueberzahl auftraten, weil sie nur zerstreute Völklein vor 
sich hatten. Aehnliches zeigt die Besiedelungsgeschichte 
der nur am Rande bewohnten polynesischen Inseln, welche 
niemals eine beträchtliche Volkszahl den sich festsetzen- 
den Weißen entgegenzustellen hatten. Selbst auf Neu- 
seelands Südinsel sitzen heute nach einer Kolonisations- 



Politische Kraft dichter Bevölkerung. 273 

arbeit von zwei Generationen wohl doppelt soviel Weiße, 
als je Maori im ganzen Archipel gewohnt haben. In der 
Zahl liegt nicht alles, was Geschichte bedeutend macht, 
wohl aber ist die Grundbedingung des Geschichtsverlaufes 
-ein Zusammenhang, den nur die Zahl gewährleistet. In 
keinem Lande hat die Natur so wenig gethan, um die 
Menschen einander zu nähern, wie in Australien. Die 
wasserlosen Striche, der undurchdringliche Scrub, der 
Mangel der Wasseradern, an welchen der Verkehr sich 
hinziehen konnte, alles wirkt auf Trennung. Daher die 
Kleinheit der Stämme, daher ihre armselige Geschichte. 

In der menschenleeren Steppe bringt die Ueberzahl 
den Sieg selbst denen, die mit Schwäche beginnen. End- 
lich gewinnen sie es mit ihrer Masse. Dies erklärt das 
trotz aller Rückschläge seit Jahrhunderten andauernd 
siegreiche Vorrücken der Chinesen in der ganzen öst- 
lichen Mongolei und quer durch dieselbe hindurch bis in 
die Hochsteppen am Pamir. Sie waren nach den här- 
testen Schlägen bereit und im stände Nachschub zu leisten 
und zogen sich nie zurück, ohne wieder vorzurücken. Als 
sie 1861 Ostturkestan hatten verlassen müssen, kamen 
sie 1876 zurück und Kuldscha, aus dem sie in den blu- 
tigen Tagen des Jahres 1865 gewichen waren, besetzten 
sie 1881 wieder. An ihrer überlegenen Kultur behalten 
sie stets einen Halt. Diese alte Kultur des immer noch 
mächtigen Reiches blieb auf Grund einer gewaltigen 
Volksmenge, die gezwungen ist zu arbeiten, lebenskräf- 
tiger, als viele wähnen; und die Erfahrung hat die Schilde- 
rung nicht bestätigt, welche nach dem Bilde, welches sie 
1871 gewährte, Prschewalsky von der verfallenden chi- 
nesischen Kolonisation in Ostturkestan entwarf. 

In dichterer Bevölkerung entwickelt sich leichter 
^ine Sicherheit der politischen Verhältnisse, welche das 
ruhige Weiterwachsen gestattet. Dünn wohnend, in 
kleine Familienstämme zersplittert, die durch weite leere 
Räume voneinander getrennt sind, laden die meisten Völker 
tieferer Stufe schon durch diese Verbreitungs weise ihre 
Feinde zum Angriff ein. Die E ins chiebung ganzer Massen 
fremder Völker in einen politischen Körper, wie das 

Ratze 1, Anthropogeographie II. 18 



274 Politische Stärke dichter Bevölkerung. 

Lundareich, in das die Kioko in zwei Linien von Westen 
her vordringen, ist nur in einer Bevölkerung mög- 
lich, welche sehr große Lücken zwischen sich läßt. Die 
Fan haben nicht bloß wegen ihrer größeren kriegerischen 
und wirtschaftlichen Energie, sondern auch durch ihre 
raschere Vermehrung an Macht und Raum zusehends 
unter ihren Nachbarn gewonnen. Dichtere Bevölkerung r 
wenn nicht von sklavenhafter Schwäche, setzt einen 
Wall. Wie Giraud von Kond£ sagt: Hier ist kein Einfall 
seitens der Nachbarn zu fürchten, denn die Bevölkerung 
ist dicht und verteidigt sich daher leicht. „Sie braucht 
sich bloß leben zu lassen" 21 ). Und ganz so Burton von den 
Wagogo: Die Stärke der Wagogo liegt in ihrer ver- 
hältnismäßig großen Zahl, denn da sie nie (gleich ihren 
Nachbarn) zur Küste hinabwandern, sind ihre Dörfer voll 
waffenfähiger Männer 22 ). Oft sind europäische Kolonien 
im bevölkerungsschwachen Jugendalter durch starke 
Menschenverluste an den Rand des Verderbens ge- 
kommen. Der Verfall Paraguays nach dem Kriege von 
1864, der Rückgang von Matto Grosso, als es 1867 durch 
Krieg und Blattern 12—15 000 von 65 000, also Vs bis 
J /4 verloren hatte, das jahrelange Leiden der östlichen 
Kapkolonie nach den Kaffemkriegen von 1811 und 181fr 
sind Beispiele von Rückschlägen, wie sie dort heute nicht 
mehr denkbar sind. 

In einem großen oder wenigstens in einer oder der 
anderen Richtung weit ausgedehnten Lande wird die 
dichtere Ansammlung der Bevölkerung an einer bestimmten 
Seite immer auch den Erfolg haben, dieser Seite ein ge- 
schichtliches, besonders ein kulturgeschichtliches Lieber- 
gewicht zu erteilen: Ostchina, Gangesland, Unterägypten^ 
Dichte Bevölkerung an und für sich ist kein Ele- 
ment von politischer Stärke in einer Nation , aber sie 
macht nachhaltig. Die Leichtigkeit, mit der Aegypten. 
Indien, China, diese wimmelnden Menschenknäuel, oft von 
Eroberern unterworfen wurden, die an Zahl soviel ge- 
ringer waren, ist seit Alexanders Zug nach Aegypten 
und Babylonien der Welt wohl bekannt. Reagierten aber 
diese Massen nicht auf den ersten Anstoß, so wider- 



Die kleinen Zahlen der Urgeschichte. 275 

standen sie den Angriffen auf ihr Volkstum, gestützt auf 
die Ueberzahl, die sie besitzen, um so nachhaltiger und 
zäher und in der Regel büßten die Eroberer ihren Triumph 
damit, daß in den weiten Wogen des unterworfenen Volkes 
ihr eigenes Volkstum ertrank. Was würde das Schicksal 
der europäischen Kultur in Indien sein, wenn heute die 
Verbindung mit England und überhaupt mit Europa auf- 
hörte ? Kein Zweifel, die trägen, ungebildeten, dem Fort- 
schritt abgewandten Hunderte von Millionen errängen 
den Sieg der erdrückenden Massen über die kleine Minder- 
heit zurückgebliebener Europäer und Eurasier. Sie ver- 
schlängen deren Besonderheiten, wie sie einst diejenigen 
der Träger griechisch-baktrischer Macht verschlungen 
haben. Da die höchsten und wichtigsten Kulturleistungen 
immer auf der Arbeit der an Zahl geringen höheren 
Schichten eines Volkes beruhen, liegt in diesem Massen- 
druck eine kulturfeindliche Tendenz. 

Es liegt im Wesen mancher Völker, besonders auf 
Küsten und Inseln, in geringer Zahl aufzutreten und 
dennoch große geschichtliche Aufgaben zu lösen. Daß 
gerade diese energisch und weit ausgreifenden Völker dann 
ebenso rasch vergehen, ist die Ursache einer großen 
Schwierigkeit ethnographischer und prähistorischer For- 
schung; wir finden die Steine noch an alten Stätten, 
kennen aber die Hände nicht, die sie gewälzt. Niemand 
beantwortet die Frage, welches Volk vor den Phöniziern 
die Rolle des Säemanns übernommen hatte, der über weite 
Gebiete die Keime einer eigenartigen Kultur ausstreute. 
Es ist die Frage, welche uns am Beginne der ägyptischen 
Kultur um Antwort angeht. Die Thatsache, daß, je enger 
der Raum, auf welchem die Geschichte der Menschheit 
sich abspielt, desto gründlicher die Vernichtung der frühe- 
ren Geschlechter, desto rascher der Niedergang alter, der 
Aufgang neuer Rassen und Völker, rückt die Möglichkeit 
einer bestimmten Antwort noch weiter hinaus. 

Die Geschichte, welche für uns Urgeschichte, ist 
immer mit viel kleineren Menschenzahlen gemacht 
worden, als man glaubt. Die heutigen Naturvölker können 
uns lehren, wie klein die Faktoren sind, mit welchen in 



27(3 Die kleinen Völker. 

frühereu Jahrtausenden die Geschicke der Menschheit ent- 
schieden wurden. Sie können uns auch lehren, auf der 
Hut zu sein gegenüber den Verwechselungen kleiner und 
großer Völker, welche leicht stattfinden, wenn man ge- 
wohnt ist, sie immer in einer Linie zu nennen und nicht 
daran zu denken, welche Zahlengrößen sich unter der 
Hülle gleich großtönender Worte bergen. Wenn Rink 
die Eskimo in sechs Familien teilt, von denen die Mehr- 
zahl nur aus ein paar tausend Köpfen besteht, so ist 
die Frage berechtigt: Welche Bedeutung hat die Kopfzahl 
in der Aufstellung ethnographischer Begriffe? Ein Stamm 
von ein paar tausend Köpfen ist vor allem in anthropo- 
logischer Beziehung etwas ganz anderes als einer von 
ebenso Millionen, denn er wird viel eher zurückgedrängt, 
selbst vernichtet, er wird viel weniger nachhaltige Wir- 
kungen auf seine Nachbarn üben. 

Auch eine ethnographische Bedeutung der Völker 
ist also nicht mit einer so geringen Zahl zu vereinigen, 
daß eine Dauer nicht abzusehen, zugleich aber aucji nicht 
anzunehmen ist, daß bei 2 — 3000 Köpfen in früheren 
Jahrhunderten eine hervorragende , selbständige ethno- 
graphische Ent wickelung stattgefunden habe. Wenn wir 
die Zahl der Veddah zu 1500 — 2000 annehmen 23 ), so 
ist der Völkerschaft, auch wenn sie seit Jahren rück- 
gängig sein sollte, der Stempel der historischen Inaktivität 
damit aufgedrückt. Das große ethnographische Interesse, 
welches man ihnen und ähnlichen Stämmen, z. B. den Tas- 
manien^ Mikronesiern, Andamanen, Nikobaren entgegen- 
bringt, würde nur unter der Voraussetzung begründet sein, 
daß sie Reste einer einst sehr viel größeren Bevölkerung 
seien. Daß sie das mindestens nicht ungemischt sein 
können, dafür bürgt eben ihre geringe Zahl, welche die 
tiefstgehenden Veränderungen in Sitte und Rasse raschest 
sich vollziehen läßt. Von der ethnographischen Verarmung 
der kleinen Völker am Südrande der Oekumene ist früher 
die Rede gewesen. Die Ausartung von Völkern, die, wie die 
Indianer der Vereinigten Staaten, im Rückgange sich befin- 
den, hängt mit dieser Abnahme an Zahl mehr in der gemein- 
samen Ursache der Zurückdrängung als direkt zusammen 24 ). 



Das Altern dichtwohnender Völker. 277 

Dichtes Wohnen befördert die Vereinheitlichung der 
körperlichen und geistigen Merkmale eines Volkes, läßt 
es, mit anderen Worten, älter werden. Zerstreut woh- 
nende, kleinere Bevölkerungsteile sind gemischter als ge- 
schlossen wohnende größere Teile derselben Rasse, wie 
Polynesier und Malayen zeigen. Auf einem Eiland der 
Neuhebriden oder der Fidschiin sein mag man mehr Ver- 
schiedenheiten der Rasse unter ein paar Tausenden 
finden als Java in seinen 20 Millionen zeigt. Wenn über- 
haupt von den beiden Zweigen des malayo-polynesischen 
Stammes der westliche die Rassenmerkmale deutlicher 
besitzt als der östliche, so ist an seine größere Volks- 
zahl und sein kompakteres Wohnen auf größeren zu- 
sammenhängenden Gebieten zu denken. Diese Gebiete 
sind wie Kessel, in denen die Bevölkerungselemente immer 
dichter zusammengebracht und durch eine beständige innere 
Bewegung aneinander und ineinander verschoben werden, 
bis mehr als ein Volk, bis eine „politische Rasse" entstanden 
ist 25 ). Die zunehmende Volksdichtigkeit bewirkt ohne Zwei- 
fel eine innigere Berührung des betreffenden Volkes mit 
seiner Unterlage, dem Lande, das es bewohnt. Je dichter 
die Bewohnung, um so größer die Zahl der Füße, die 
diesen Boden betreten, der Arme, die ihn bearbeiten, der 
Leiber, die sich von ihm nähren. Ist die Bevölkerung- 
einmal sehr dicht geworden, so verliert sie an Beweglichkeit 
und der einzelne, welcher in immer dichter, stärker wer- 
dende, gleichsam verknöchernde soziale Gliederungen ein- 
gekeilt wird, ist den Einflüssen eines eng umgrenzten 
Bezirkes mehr ausgesetzt als seine freier beweglichen 
Vorfahren. Er verwächst immer enger mit seinem Lande. 

Diese Thatsachen sind sowohl für die anthropologische 
als die ethnographische Betrachtung der Menschheit sehr 
wichtig. Der an Zahl überwiegende Bestandteil nimmt 
die anderen in sich auf, der Strom ertränkt den Bach. 
Topinard wünscht als allgemeines anthropologisches Ge- 
setz die Erfahrung zu formulieren: In den Mischungen 
und Kreuzungen der Rasse ist die Zahl der große Faktor. 
Dies ist sehr richtig. Wenn er aber hinzufügt: Die 
Eroberer verschwinden als die minderzähligen, die Autoch- 



278 Dichte Bevölkerung und Kulturhöhe. 

thonen, als die Majorität, erhalten sich, so gilt dies nur 
in jenen Fällen, wo ein rasch sich vermehrendes Volk 
wie die Chinesen von einer verhältnismäßig kleinen Zahl 
eines erobernden Volkes unterjocht wird, wie 1233 es 
die Mongolen und 1(544 die Mandschuren thaten, deren 
wilde geringzählige Horden in Chinas Völkermeer er- 
tranken und deren Heimat, nachdem die Eroberer aus- 
gezogen waren, dem unterjochten Volke angegliedert und 
von ihm dauernd gewonnen wurde durch planvolle Ko- 
lonisation. Die Frage liegt nahe: Wie verhalten sich 
die Zulu in bevölkerungsstatistischer Beziehung, also Er- 
oberer und Staatengründer, welche dauernd von einem 
politischen Mittelpunkte, dessen Ausdehnung beschränkt 
ist, um sich greifen und durch Menschenraub sich ver- 
größern? In den Wahumastaaten hat entschieden das 
unterworfene dunkle Volk die hellen Sieger zu absorbieren 
begonnen, aber die Zulu, Maviti und Genossen haben so 
große menschenleere Oeden um sich geschaffen, daß sie 
von solchen Einflüssen freier geblieben sind. 

Die Beziehungen zwischen dichter Bevölkerung und 
hoher Kultur. Kultur setzt höhere Schätzung der Men- 
schenleben voraus und lehrt diese Schätzung. Dobriz- 
hoffer hebt hervor , wie erst nachdem durch die christ- 
lichen Gesetze das Verstoßen der säugenden Weiber un- 
möglich geworden, die Monogamie in Wirklichkeit ein- 
geführt und dem Kindsmord eine Schranke gezogen war, 
die Bevölkerungszahl der Abiponer sich vermehrte. Die 
Missionen haben, wo sie in Polynesien am tiefsten Wurzel 
geschlagen, die Bevölkerung am meisten zunehmen lassen. 
Auf das glänzende Beispiel Tongas wurde schon hinge- 
wiesen. Gebiete kulturarmer Völker sind immer durch 
Einwanderung d. h. durch Zufuhr von Menschenkräften 
zu höheren Leistungen aufgestiegen. Die Sklaverei, das 
Kuliwesen, die Arbeiterverträge sind Aeußerungen des 
Triebes nach Gewinnung der Kräfte, durch welche zu- 
nächst nur die materielle Kultur gefördert werden soll. 
Aber auf diesem Boden verfehlen dann nicht die höheren 
Blüten der Kultur sich einzustellen. In den jüngeren 



Sinken der Bevölkerung und Rückgang der Kultur. 279 

Ländern der Vereinigten Staaten weiß jeder, daß lang- 
same Besiedelung langsamen Fortschritt bedeutet. Daher 
der lächerliche Wetteifer in Volkszählungen oder Volks- 
schätzungen. Vor allem die Kolonisation braucht Mengen, 
denn sie verbraucht. Die von Grönland nach Markland 
und Vinland gekommenen Normänner verließen diese Kü- 
sten hauptsächlich, weil sie einsahen, daß in den Zu- 
sammenstößen mit den Eingeborenen, die sich immer 
wiederholten, ihre Zahl zu gering sei. Ihre Pflanzung 
würde vielleicht gediehen sein, wenn ihr Rückhalt näher 
gewesen wäre oder sie erst eine Insel sich hätten ganz 
gewinnen können, um hier sich zu vermehren und auszu- 
breiten. Die Ansiedler im norwegischen Lappmarken klagen 
über langsamen Fortgang der Besiedelung wegen unzu- 
länglicher Bevölkerungszahl, die die Lohnarbeit fast un- 
erschwinglich macht. Die Ausdehnung der Urbarmachung, 
die Steigerung der Produktion, damit Bereicherung und 
Kulturfortschritt finden an dem Menschenmangel ihre 
Grenzen. 

Rückgang der Bevölkerung und Sinken der Kultur 
arbeiten einander in die Hände. Die Kulturwerke ver- 
fallen, weil die Arbeitshände abnehmen, und die Bevöl- 
kerung, welche von ihnen lebte, muß zurückgehen ; indem 
sie weiter abnimmt, muß von neuem das Kulturniveau 
sinken und so immer weiter und tiefer. Beim Rückgang 
der Kultur treten Erscheinungen auf, wie sie in den 
letzten Jahren im Fayum zu bemerken waren, als die Kul- 
tur des Zuckerrohres dort nachließ. Die Wassermenge 
des Sees Birket el Qerun wuchs wegen zu geringem 
Wasserverbrauch und die Kanäle wühlten sich zu tief ein, 
um noch bewässern zu können. Die Bevölkerung hängt 
unmittelbar von dem Maße der Bewässerung ab und sank 
so wie dieses abnahm. Aehnliches berichtet man aus 
den Gebieten künstlicher Bewässerung im Atrek- und 
Amugebiet. Der Atrek wurde, als er den Kaspisee nicht 
mehr erreichte, sogar salzig im Unterlaufe und sein Wasser 
ungenießbar. Die Bevölkerung sank mit seinem Niveau. 
Die Casas grandes und die Pueblos viejos im Gilathale sind 
vielleicht nicht zuerst wegen Wasserabnahme, sondern wegen 



280 Kulturrückgang in kleinen Völkern. 

der Apachen einfalle verlassen worden. Aber heute würden 
die Oasen mit ihren vernachlässigten Quellen ihre frühere 
Bevölkerung nicht mehr zu tränken im stände sein. So führt 
Stoliczka die Abnahme der Bevölkerung im unteren 
Satledschthale hauptsächlich auf die Vernichtung der 
Wälder von Cedrus deodara und Pinus longifolia zurück. 
Die Regengüsse haben den Humus von den Felsen ge- 
waschen, die Temperaturen sind extremer, die des Som- 
mers vor allem so hoch geworden, daß der Ackerbau 
immer schwieriger und unsicherer sich gestaltete 26 ). Von 
den geistigen Mächten noch ein Wort. Mit dem Sinken der 
Kultur sinkt auch die Macht geistiger Faktoren, die der 
Bevölkerungszunahme günstig waren und wiederum findet 
jenes Sinken am raschesten bei Völkern geringer Zahl statt. 
Daher die Armut und Brüchigkeit des Fundamentes, auf 
welchem die Gesellschaft dort sich aufbaut, daher die Schwäche 
des Haltes, den sie an den tieferen Schichten hat, die Un- 
sicherheit des Nachwuchses, die Notwendigkeit der zwangs- 
weisen Einverleibung fremder Völker. Eine größere Entsitt- 
lichung, als wir sie bei den kleinen unsteten, politisch bedeu- 
tungslosen und sozial fast fessellosen Stämmen der Busch- 
männer oder Australier finden, ist kaum denkbar. Um 
eines zu nennen, hat schon Marthas beobachtet, daß die 
Regel, daß es verboten sei, in nächsten Verwandtschafts- 
graden zu heiraten, bei Südamerikanern am meisten miß- 
achtet wird bei kleinen isolierten Horden. Die zu seiner 
Zeit dem Erlöschen nahen Coeruna und Uainama schienen 
darin am weitesten zu gehen 27 ). 

Die Entwicklung der Volkszahl des heute dichtest bevölkerte» 
und auf dem Gipfel der Kultur stehenden Erdteiles zeigt das lang- 
same Heranreifen einer nie dagewesenen Dichtigkeit in enger Ver- 
bindung mit der allgemeinen Geschichte Europas. Es wiederholen 
sich Zeitalter rascherer Bevölkerungszunahme, und ihr Erscheinen 
stellt sich in einem tieferen Zusammenhange mit der allgemeinen 
Kulturentwickelung dar. Die Kolonisation der Römer in West- 
und Osteuropa hat in der Kaiserzeit einem großen Teil Europas 
zum erstenmal jene dichte Bevölkerung verliehen . welche die un- 
entbehrliche Grundlage aller höheren Kultur ist. Auf dieser Basis 
sind Gallien, Britannien, Rätien, Westdeutschland, Pannonien, 
lUyrien zum erstenmal in Verbindung mit dem vorher auf die 
MittelmeerlSnder beschränkten Kreise der höchsten Kultur jener 



Das Heranreifen der Bevölkerung Europas. 281 

Zeit getreten. Die friedlichen Wanderungen aus West- und Mittel- 
europa nach Osten und Norden bedingen seit dem 9. Jahrhundert 
die Gewinnung neuen Bodens für dichte Bevölkerung; mit dem 
14. Jahrhundert war eine neue größere Blüte der abendländischen 
Kultur aufgegangen, die auf einer so dichten Bevölkerung ruhte, 
daß die Opfer der Kreuzzüge die innere Kolonisation und den 
Aufschwung des Städtewesens nicht mehr hemmen konnten. Seit 
dem Erscheinen der Pest im 14. Jahrhundert gingen im ganzen 
die Bevölkerungszahlen zurück. Kriege, bürgerliche Unruhen, Aus- 
wanderungen nach den neuentdeckten Westländern mußten die 
Reihen lichten. Erst mit dem Ende des 17. Jahrhunderts beginnt 
jene von Kriegen doch nur länderweise unterbrochene Zunahme, 
in welcher wir uns noch heute befinden. Wahrscheinlich ist eine 
Vermehrung, wie sie rings um uns her sich vollzieht, nie dage- 
wesen. Die Verdoppelung der Bevölkerung Europas von 1800 bis 
1887 (aus 175 wurden 350 Millionen), die Beschleunigung des An- 
wachsens z. B. in England, welches im vorigen Jahrhundert mehr 
als 100 Jahre für die Verdoppelung brauchte, welche es jetzt in 
55 Jahren vollzieht, sind unerhört. Längst ist überall die Bevölke- 
rung in ein Verhältnis zum Boden eingetreten, welches die Staaten 
die noch vor einigen Jahrzehnten üblichen Heirats- und Geburts- 
prämien hat vergessen lassen. Die wirtschaftliche Entwickelung, 
besonders auch der Verkehr, die Lösung sozialer Bande , die ge- 
sundheitspfleglichen Vorkehrungen lassen das Wachstum nicht auf- 
hören. Sollten die Geburtsziffern geringer werden, so sorgt die 
Verlängerung und Erhaltung des Lebens dafür, daß die Volks- 
zahlen nicht wie in den großen Pest- und Kriegszeiten plötzlich 
wieder sinken. In Europa und allen europäischen Ländern ist 
noch immer eine starke Verdichtung der Bevölkerung zu erwarten. 

Die Kultur steigert die Zahl derjenigen, welche ihre 
Träger sind, vermehrt dadurch deren Leistungs- und 
Verbreitungsfähigkeit und sichert ihnen die Oberhand in 
den unvermeidlich daraus sich ergebenden Verdrängungs- 
prozessen, besonders aber auch in den Mischungen, welche 
die letzteren begleiten. Zeitweilig können die veredelten 
Elemente in den niedrigeren aufzugehen scheinen, wie die 
Araber in Afrika. Auf die Dauer kommen sie doch immer 
an die Oberfläche. Und so liegt in dem Zusammenhang 
zwischen Kultur und Volkszahl die materielle Garantie 
für das Aufwärtsschreiten der Menschheit, welche sich 
immer mehr verstärken mußte, je steiler der Winkel jener 
Bewegung. Die Erscheinung kehrt mehrfach wieder, daß 
Gebiete, welche längere Zeit unter europäischer Verwaltung 
stehen, dichter bevölkert sind als andere. Dabei machen 



282 Bevölkerungswachstum bei steigender Kultur. 

sich immer zweierlei Gründe geltend: Zuwanderung und 
stärkere natürliche Zunahme. Der Unterschied von Natal 
und ZululanA, von der Goldküste 28 ) und Liberia zeigt die 
gleichen Volksstämme unter günstigeren und minder gün- 
stigen Einflüssen. Anerkannt ist es wesentlich die bessere 
Regierung, das größere Vertrauen auf den Bestand der 
Verhältnisse, welche die Bevölkerung in den britischen 
Provinzen Indiens nahezu dreimal so dicht sein lassen als 
in den Eingeborenenstaaten. In Indien, Algier, Mexiko 
wiederholt sich die Erfahrung, daß europäische Verwal- 
tung den Eingeborenen gestattet, sich freier zu entfalten 
als vorher, sie wachsen an Zahl und Reichtum, und un- 
merklich drängen sie den europäischen Einfluß zurück. 
Auch wo die höhere Kultur nur den Zwang zu seden- 
tärem Leben in Anwendung gebracht hat, sehen wir die 
gleiche Erscheinung. Trotz der verlustreichen Uebersie- 
delung ist eine ganze Reihe von Indianerstämmen in der 
Ruhe des Indianerterritoriums volksreicher geworden. In 
Indien zeigen die zur Ruhe gebrachten Wanderer dieselbe 
Erscheinung. Die Zahl der mit dem Pfluge arbeitenden, 
friedlichen, fast als gesittet zu bezeichnenden Santa] im 
Hügelland Unterbengalens — dieselbe wird auf 1 Million 
angegeben 29 ) — verhält sich zu den paar hundert Puliars 
von Süd-Madras oder den 10000 Juangs von Orissa ähn- 
lich wie ihre Kultur. 

Bei der Schätzung des Kulturwertes, der irgend einem Teile 
der Erde zugesprochen werden kann, soll nie die Zahl der Men- 
schen übersehen werden, welche auf diesem Boden leben. Allzu 
sehr ist man geneigt, in der Zahl eines Volkes eine rein accidentelle 
Thatsache zu sehen, mit welcher ein zu Besserem sich berufen 
glaubender Geist nicht gern sein Gedächtnis belastet. Doch be- 
darf es nicht des Nachweises, daß in der Zahl der Ausdruck 
einer Kraft liegt. Solange an Afrikas Küste der Sklavenhandel 
blühte, stellte jeder Kopf der Bevölkerung einen bestimmten 
Marktwert dar, der durch Menschenjagd und Sklaverei realisiert 
werden konnte. In den 70000 Sklaven, die früher jährlich, d. h. 
bis zu dem Vertrage, welchen Bartle Frere mit Sansibar ab- 
schloß, herabgeführt wurden, spricht sich die einfachste wirt- 
schaftliche Verwertung der Vermehrungskraft einer Bevölkerung 
von bestimmter Größe auf einem Lande von bestimmtem Flächen- 
inhalte aus. Deutlicher tritt dieselbe in die Erscheinung, wo sie 
den Boden ihres Landes bearbeitet und für ihre Erzeugnisse Waren 



Kulturalter und Volksdichte. 283 

anderer Länder eintauscht. Uganda ist deshalb immer besonders 
wertvoll, Lunda dagegen kaum wünschenswert erschienen. Das 
Anwachsen der Bevölkerungszahl eines siegreichen Zulustaates, 
hervorgerufen durch Eingliederung der Kriegsgefangenen in die 
eigenen Reihen, zeigt aber auch die Vermehrung politischer Kraft 
durch Zufügung fremder Menschen. 

Die Beziehungen zwischen Kulturalter und Volksdichte. 
Daß eine enge Beziehung zwischen Bevölkerungsdichtig- 
keit und Kulturalter besteht, folgt aus den Beziehungen 
zwischen jener und den Kulturstufen. Die alte Welt ist 
dichter bevölkert als die neue, Europa dichter als Asien, 
Westeuropa dichter als Osteuropa, das östliche Nord- 
amerika dichter als das westliche. Am weitesten stand 
und steht noch heute die wirkliche Zahl der Bevölkerung 
von der möglichen im pazifischen Becken entfernt, wo 
nur die Länder Ostasiens eine dichte Bevölkerung besitzen, 
während Californien, Chile und Australien (mit Neusee- 
land) erst seit kurzen Jahrzehnten sich „auffüllen", weil 
sie, als die entferntesten, die letzten in den großen Ver- 
kehr mit den älteren Kulturländern getretenen Gebiete sind. 
Italien hat 5600, China 5500—5200, Deutschland 4600, 
das europäische Rußland gegen 1000, die Vereinigten 
Staaten von Amerika gegen 400, Brasilien 80, Argen- 
tinien 60 Bewohner auf der Quadratmeile. Die älteren 
Völker eines und desselben Kulturkreises wohnen dichter 
als die jüngeren. Dem alten dichtbevölkerten Lande im 
Norden und in der Mitte Chinas mit 8 — 10000 auf der 
Quadratmeile stehen die dünn bevölkerten Provinzen des 
Südens und Westens, besonders Yünnan, Kansu, Kwangsi, 
Kweitschau und Schensi mit 2000 und weniger als die 
jungen Gebiete, als ferner West und Süd gegenüber. 
Ein Volk verdichtet sich, indem es älter wird. Mit diesem 
Wachstum, welches seine Stillstände und Unterbrechungen 
hat, schreitet die Kultur bis zu einer gewissen Grenze vor- 
wärts. In einem Lande, wo arbeitende Menschen die Be- 
völkerung ausmachen, bedeutet die Volkszunahme Zunahme 
des Wohlstandes, Aufblühen. Antwerpen blühte wieder 
auf, nachdem es von 125 000 im 16. Jahrhundert auf 40000 
am Ende des 18. gesunken war, als es 1830 75 000 Ein- 



284 Die Völkerjugend. 

wohner und 175 000 im Jahre 1880 erreichte. Solche 
Vermehrungen muten wie Wachstumsknoten an, welche 
die Ansammlung der Kräfte zu neuer Ausbreitung des 
Ast- und Zweigwerkes bezeichnen. 

Daß die Prähistorie und ebenso die Geschichte der 
Menschheit, soweit sie von sog. Naturvölkern getragen 
wird, immer nur mit den geringen Zahlen der Völker- 
jugend rechnen darf, ist eine Thatsache, die man sich 
klar halten sollte. Die Massen, welche bei geschichtlichen 
Prozessen ins Spiel kommen, sind offenbar in beständigem 
Wachstum begriffen. Diese Progression zu untersuchen 
würde eine der anziehendsten anthropogeographischen 
Aufgaben sein. Eine Bevölkerungszahl, wie sie heute für 
die Erde angenommen werden kann, ist nicht bloß ge- 
schichtlich für keine der vorhergehenden Perioden der 
Geschichte nachgewiesen, sondern es scheint auch geradezu 
unmöglich, daß sie jemals so vorhanden gewesen ist. Dies 
schließt die stärkere Bevölkerung einzelner Teile der Erde 
in früheren Epochen nicht aus und schließt auch nicht 
aus , daß Verfall der Kultur stellenweise mit Zunahme 
der Bevölkerung zusammenging. Der Fortschritt des 
Prozesses ist jedenfalls kein geradliniger und Bevölkerungs- 
zunahme allein bedingt noch keine Kulturzunahme; sie 
schafft aber die wichtigste Bedingung. Die Kultur der 
Mexikaner und Peruaner erscheint uns heute nicht mehr 
als eine einfache Wirkung des Ueberganges vom Jäger- 
und Fischerleben zu dem des Ackerbaues und dadurch 
bewirkter Bevölkerungsvermehrung, wie Malthus sie auf- 
faßt 30 ), der mit Robertson und den meisten anderen Ethno- 
graphen des vorigen Jahrhunderts in den Fehler verfiel, 
die Einwohuer der Neuen Welt als Jäger und Fischer zu 
betrachten. Dichte Bevölkerung gehört ebenso zur Physio- 
gnomie der großen Kulturvölker, wie gewisse körperliche 
oder geistige Eigentümlichkeiten. Von Arizona und Sonora 
bis zur Wüste Atacama ist Zusammendrängung auf kühlen 
Hochebenen, Bewässerung, Steinbau gemeinsamer Besitz 
und Neigung einer großen Reihe von Völkern, die auf 
beiden Seiten, an beiden Meeren von dünnwohnenden 
Völkern tropisch und subtropisch heißer Niederungen 



Die Wirtschaft und Politik der weiten Räume. 285 

begrenzt werden. Diese dicht wohnenden Völker sind die 
einzigen Altamerikas, denen etwas wie Geschichte zuge- 
sprochen werden kann. Je weiter aber die Erinnerung 
in die Vergangenheit zurückreicht, desto älter fühlt sich 
das Volk. Die zerstreuten Stämme im Norden, Süden 
und in den Tiefländern des Ostens zählen für uns nur 
nach Jahrzehnten, während dort auf den Hochebenen die 
Tradition Reihen von Jahrhunderten zurückreicht, durch 
Denkmäler und teilweise selbst Inschriften gestützt wird. 
Nur dort gab es eine Vorzeit und gibt es eine „historische 
Landschaft". Die Charakterzüge dieser Landschaft sind 
aber immer die Kennzeichen und Folgen dichterer Be- 
völkerung. 

Die Zunahme der Bevölkerung bedeutet nicht bloß 
Verdichtung, sondern auch Befestigung. Und was fest- 
hält, das ist immer kulturfördernd. Der Kreis, der dem 
einzelnen zu freier Bewegung gezogen ist, verengt sich 
mit jedem Neuankommenden, die Zahl der Hektaren wird 
mit immer größeren Bewohnerzahlen dividiert. In der 
Entwickelung der Bevölkerung von Nordamerika und 
Australien sind die Eigentümlichkeiten deutlich hervor- 
getreten, welche sich sogar in den Sitten und Gewohn- 
heiten einer zivilisierten Gemeinschaft infolge der Ge- 
räumigkeit ihrer Umgebungen herausbilden. Die Wirt- 
schaft der weiten Räume — 1883 nahm eine Gesellschaft 
von drei Squattern in Südaustralien 940 d. Quadratmeilen 
Land zwischen dem 21. und 23.° s. Br. für 21 Jahre in 
Miete — ist immer verschwenderisch 3 1 ). Je dichter die 
Menschen zusammenrücken, desto mehr ersparen sie Zeit 
und Mühe, welche von den weit auseinander Wohnenden 
auf den Verkehr verwendet werden muß. Der wan- 
dernde Ackerbau, getragen von nur vorübergehend sich 
in landreichen Strichen niederlassenden Familien, macht 
der regelmäßigen, dauernden Bodenbestellung Platz, so- 
bald die Bevölkerung zunimmt. Als die Engländer Ben- 
galen besetzten, gab es beide Arten von Ackerbau und 
Siedelung nebeneinander; jetzt ist jede Bauernfamilie fest 
an den Boden durch Notwendigkeit gebunden, denn in 
der geordneteren Verwaltung der neuen Herren hat die 



286 Das Völkeralter. 

Bevölkerung sich in unerwartetem Maße verdichtet. So 
sind die Kelten und Germanen aus halbnomadischen Zu- 
ständen unter Verdichtung ihrer Bevölkerung zur An- 
sässigkeit übergegangen. Schon Gibbon hat hervorge- 
hoben, daß Cäsar den Helvetern jeden Alters und Ge- 
schlechts 368000 Seelen zuweist. Heute nährt die Schweiz 
fast 3 Millionen. Wenn schon Gibbon sagen konnte: 
„Dieselbe Bodenfläche, welche heute leicht und reichlich 
eine Million von Ackerbauern und Handwerkern ernährt, 
war nicht im stände, hunderttausend träge Krieger mit 
den einfachsten Lebensbedürfnissen zu versehen/ wie 32 ) 
groß muß erst uns die Differenz erscheinen, in deren Zeit 
das helvetische Land dreimal bevölkerter ist als zu Gibbons! 
Wir brauchen aber gar nicht so weit um uns oder zurück- 
zuschauen. „Die Bukowina gleicht einer großen Hutweide. 
Die Gebirgsgegenden sind großenteils unbewohnt," heißt 
es in den handschriftlichen Berichten des ersten österreichi- 
schen Militärgouverneurs General Enzenberg, die V. Goeh- 
lert für sein anziehendes Kulturbild „die Bukowina" 33 ), 
benutzte. Aber als 1875 die Hundertjahrfeier der Ein- 
verleibung der Bukowina begangen wurde, war eine Zu- 
nahme der Bevölkerung von 75 000 auf 550000, der 
Städte und Marktflecken von 3 auf 23, der Dörfer von 
23^ auf 456 zu verzeichnen. Aus Wald und Weideland 
ist im Zeitraum eines Jahrhunderts ein Gebiet des Acker- 
baues mit Anfängen von Handel und Gewerbe geworden. 
Das Ländchen ist um soviel reifer und älter geworden. 
So jugendlicher Entwicklung, die vielleicht noch ein- 
mal ein Jahrhundert braucht, um die Dichtigkeit von Böh- 
men oder Schlesien zu erreichen, steht das Alter des Be- 
völkerungswachstums in Ländern gegenüber, die eine Ver- 
dichtung kaum noch möglich erscheinen lassen. Es sind 
die alten Länder, die mehr Jahrtausende zählen, als jene 
Jahrhunderte, Gebiete, die bis zum Rande mit Menschen 
gefüllt sind, so daß jegliches Schwanken der Lebensgrund- 
lage einen Teil der Vernichtung anheimgibt, und die ihre 
Hilfsquellen und -mittel nicht in dem Maße entwickelt 
haben, wie ihre Bevölkerung zunahm. Kein deutlicherer 
Beweis für Völkergreisenalter als eine Dichtigkeit, wie 



Ueberalterte Völker. 287 

Ferdinand von Richthofen sie in der abgeschlossenen Thal- 
ebene von Tsching-tu-fu im westlichen Teile der Provinz 
Sz-tschwan fand, welche auf einem Areal von 133 Quadrat- 
meilen 19 Städte, darunter eine von 800000 Einwohner, 
enthält. Eine unter den Grenzen des Wahrscheinlichen 
gehaltene Schätzung ergab 1 920 000 für die ländliche 
und 3600000 für die gesamte Bevölkerung einschließlich 
der Städte, welche sich jedoch als zu niedrig taxiert heraus- 
stellte. Der geringste wahrscheinliche Betrag für die 
Dichtigkeit ist daher 31 860 für die Quadratmeile. 

Ueber die Folgen solcher Volksdichtigkeit einiger 
Teile von China liegen Schilderungen, besonders auch aus 
dem alten Nordchina vor, welche nicht daran zweifeln 
lassen, daß die Uebervölkerung dort längst in der Form 
eines von Zeit zu Zeit immer wieder hervortretenden Miß- 
verhältnisses zwischen Nahrungsmitteln und Menschen- 
mengen zur gewohnten Erscheinung, fast möchte man 
sagen zu einer Einrichtung des Reiches geworden ist. 
Dieses Mißverhältnis führt alle paar Jahre zu einer Hungers- 
not in größeren Teilen des Reiches, während örtliche Not- 
stände jährlich wiederkehren. Die Physiognomie des Lan- 
des und des Volkes trägt in vielen Gegenden dauernd den 
Stempel der chronischen Verhungerung 34 ). Das alte zu- 
sammengedrängte Volk hat auf der einen Seite Geduld, 
Genügsamkeit und Emsigkeit lernen müssen, um sich zu er- 
halten, auf der anderen hat es im Kampf um die Nahrung 
Rücksichtslosigkeit, Skrupellosigkeit, Grausamkeit erwor- 
ben. Schreckliche Verwüstungen der Menschenleben sind 
ein Merkmal des Volkslebens geworden. Neben den ge- 
waltig sich summierenden Opfern des Kindsmordes, der 
örtlichen Notstände, der Epidemien, der allgemeinen Ge- 
ringschätzung der Menschenleben stehen die Millionen, 
welche ein Aufstand in wenigen Jahren hinrafft oder 
die eine ausgedehnte Hungersnot vernichtet, die Hundert- 
tausende, welche eine Sturmflut, ein Dammbruch ver- 
schlingt. Wenn man sieht, wie China trotz der 30 Mil- 
lionen, die der Taipingaufstand, trotz der 8 Millionen, die 
die letzte große Hungersnot forderte, kaum einen Nachlaß 
seiner gewaltigen Bevölkerungsmenge verrät, so möchte man 



288 Alte Völker in Europa und Asien. 

diese Verwüstungen in diesem Maße als eine notwendige 
Folge der hochgesteigerten Uebervölkerung ansehen, deren 
Last der Volksseele bewußt wird. Die Kultur verliert in 
diesem Zustande der Ueberalterung die Neigung zur 
Schätzung des Menschenlebens, welche sie sonst von der 
Barbarei unterscheidet. Sie ist in Stagnation geraten und 
hat es so wenig vermocht der anschwellenden Fluten der 
Bevölkerung, wie der Ueberschwemmungen des Hoangho 
Meister zu werden. In dieser Beziehung ist die regsam 
fortschreitende Kultur Alteuropas die weitaus jugend- 
lichere. In geringerem Maße als die Kulturländer Ost- 
asiens besitzt sie das geographisch interessanteste der 
Merkmale der Völkerjugend , die weiten Räume — der 
europäische Landbau nützt den Boden nach Tiefe und 
Breite viel mehr aus als der gartenmäßig kleinliche 
Chinas und Japans, — aber sie hat sich die größere ver- 
jüngende Ausbreitung über die Erde und einen Fortschritt 
der Kultur ebenmäßig mit dem Wachstum der Bevölke- 
rung gesichert. 



1 ) Die auch hinsichtlich der Methode interessante Arbeit steht 
in den „Transactions of the Ethnological Society". N. S. (1865) III. 

2 ) Die westlichen Odschibwäh wohnen auf kanadischem 
Boden in folgenden Grenzen: Vom Oberen See bis zum Nord Red- 
River, Grenze der V. St. bis zur Mündung des Assiniboin, dann 
vom Manitobasee westlich zum Saskatschewan , an diesem hinauf 
bis zur Vereinigung seiner beiden Arme und dann ostwärts l li° 
nördlich vom Fluf3 bis zum Winnipeg. Auf dem Areal wohnen 
16000 Odschibwäh und Swampie. 

3 ) A. Krause, Verhandlungen d. Ges. f. Erdkunde. IX. S. 190. 

4 ) Ueber das Uebertriebene früherer Schätzungen, besonders 
derjenigen von Cook, s. u. im 10. Kapitel. 

a ) Finsch hat für diese Inseln 40—50000 E. angenommen. 
Anthropologische Ergebnisse 1884. S. 4. 

6 ) Grant in Description of Vancouver Island, Journal R. Geo- 
grapbical Society. 1857. S. 293. 

7 ) Vgl. den Bericht über seine Reise von 1844 im Journal 
R. Geographical Society, XII. S. 196. 

8 ) Bulletin de l'Institut International de Statistique. II 2 (1887). 
S. 190. 

9 ) Duveyrier, Les Touareg du Nord. 1864. XVII. 
10 ) Der Islam im XIX. Jahrh. S. 49. 

n ) In einer allgemeineren Form gibt Levasseur diese Ver- 
hältnisse, wenn er unterscheidet: Periode der Jagd und des Fisch- 



Anmerkungen. 289 

längs, die nicht 1 Einwohner auf den Quadratkilonieter ernähren; 
Periode des Hirtenlebens, welches kaum für 4 Einwohner auf den 
Quadratkilometer die Nahrung gewinnt; Periode des Ackerbaues, 
die in Europa mit wenig Kapital 25—50 Einwohner ernährt; und 
Periode des Handels und Gewerbes, die mit großen Kapitalien 
vielen Hunderten auf 1 Quadratkilometer das Leben ermöglichen. 
Journal de Statistique. Paris. 1883. S. 362. 

,2 ) Die letzte offizielle Angabe von 1870 zählt 3403532, wo- 
von nur ein Drittel in den im tropischen Tiefland gelegenen De- 
partimientos von Panama, Magdalena, Bolivar und Cauca, welche 
fast drei Vierteile der Bodenfläche einnehmen. Nach Hettner 
{Reise in den columbianischen Anden. 1888. S. 367) wohnten von 
.3 050000 der 1870er Zählung 2650000 im Andenlande. 

13 ) Georg Forsters sämtliche Schriften. 4. Bd. S. 328-60. 

14 ) Tribes of California. 1877. S. 90. 
,5 ) Völkerkunde. 1876. S. 398. 

16 ) Zöller, Togoland. 1885. S. 115. 

17 ) Last Journals. I. S. 79. 

18 ) Unter deutscher Flagge quer durch Afrika. 1889. S. 145. 
Vergl. auch seinen Vortrag: On the Influence of Arab Traders in 
W. Central Africa in den Proceedings der Londoner Geographischen 
•Gesellschaft. 1888. S. 525. 

19 ) Prinz v. Wied, Reise in das innere Nordamerika. II. S. 105. 

20 ) Beschreibung des afrikanischen Vorgebirges der Guten 
Hoffnung. 1787. S. 521. 

21 ) Bulletin d. 1. Societe de Geographie, Paris. 1885. S. 219. 

22 ) R. F. ßurton, Lake Regions. I. 307. 

23 ) S. den Bericht Worthingtons in Verhandlungen d. Anthropol. 
Oes. Berlin. 1882. S. 298. 

24 ) Als Heckewelder 1818 seine Nachrichten über die Geschichte, 
Sitten etc. der Indianer Penns} 7 lvaniens schrieb, fand er es für 
nötig, um seine Schilderung gegen den Vorwurf der Uebertreibung 
zu verwahren, hervorzuheben, daß die Indianer seit den letzten 
40 Jahren so ausgeartet seien, daß eine Zeichnung ihres jetzigen 
■Charakters mit dem ehemaligen gar keine Aehnlichkeit haben 
würde. Gleichzeitig war ihre Zahl um vielleicht zwei Drittel zurück- 
gegangen. 

2> ) In seiner Studie über die Bevölkerung Frankreichs scheint 
Levasseur das wichtigste und unanfechtbarste Ergebnis der inneren 
Wanderungen in der Befestigung des Gefühles der nationalen Ein- 
heit zu suchen: La inoralite n'y gagne pas toujours et Tartiste 
regrette le charme de diversit6s provinciales , qui disparatt peu- 
A-peu; mais le sentiment de Turnte nationale se fortifie. 

2ß ) Das Satledschthal im Himalaya. Geographische Mittei- 
lungen. 1870. S. 12. 

27 ) Martius, Ueber den Rechtszustand. S. 63. 

28 ) Eine der dichtesten Bevölkerungen ist diejenige der seit 
längerer Zeit unter englischer Verwaltung stehenden Teile der Gold- 
Rat zel, Anthropogeographie II. 19 



290 Anmerkungen. 

küste, wo auf den 282 deutschen Quadratmeilen 400000 Neger an- 
gegeben werden, was 1430 Seelen auf die Quadratmeile macht. Die 
mohammedanischen Reiche des mittleren Sudan bleiben mit (an- 
geblich) 1220 Seelen hinter dieser Zahl zurück. 

29 ) Hunter, Indian Gazetteer IV (1881). S. 177. 

80 ) D. A. I. S. 51. 

81 ) Ein großartiges Beispiel extensiver Kultur auf jungem 
Land lieferten auch die Chilenen, welche vor der Nationalisierung 
des argentinischen Landes südlich vom Rio Negro im Thal des 
Atreuco 1000 Köpfe stark auf 480 Quadratleguas saßen, auf denen 
sie Ackerbau trieben, während sie zugleich ihre Herden oben im 
Gebirg weiden ließen. Horst, Die Militärgrenze am Rio Neuquen, 
Zeitschr. d. G. f. Erdkunde. Berlin. XVTI. S. 156. 

82 ) Gibbon, Decline and Fall. London. 1821. I. S. 359. 

33 ) Mitteilungen der k. k. geographischen Gesellschaft zu Wien, 
1875. S. 113—9. Die Menge von Bettlern jeden Alters, Krankheit 
und öffentliche Unsicherheit in einem nur 20 Kilometer breiten „ 
unfruchtbaren Striche des Gebirges zwischen Sintaihsien und It- 
schaufu, welche Oberst Unterberger beschreibt, macht den Ein- 
druck, daß die Ueberfüllung die Menschen auf eine tiefe Stufe 
herabgedrückt habe. 

34 ) Globus. XXXIX. S. 58. 



9. Die Bewegung der Bevölkerung. 

Wachstum und Rückgang. Die Größe der Bevölkerungsbewegung. 
Die Europäisier ung der Erde. Rückgang in wachsenden Gebieten. 
Die Typen der Bevölkerungsbewegung. Geographische Verbrei- 
tung derselben. Zusammenhang dieser Typen mit der Entwicke- 
lung der Kultur. Das Zahlenverhältnis der beiden Geschlechter. 
Ueber einige geographische Merkmale der äußeren Bewegung 

der Völker. 



Wachstum und Rückgang. Jede Bevölkerung ist be- 
ständig in einer inneren Bewegung, welche die Statistiker, 
jede äußere Bewegung ausschließend, im Gegensatz zum 
„Stand der Bevölkerung", als „Bewegung der Bevölke- 
rung" schlechtweg bezeichnen. Sie verstehen hierunter 
Geburten, Eheschließungen und Todesfälle. Geburten und 
Todesfälle nehmen in dieser Zusammenfassung eine be- 
sondere Stellung ein, da durch sie jene Veränderung 
der Zahl der Menschen bewirkt wird, welche den Aus- 
druck „Bewegung der Bevölkerung" rechtfertigt. Die 
Eheschließungen werden nur mit angezogen, weil sie die 
erste Bedingung der Bevölkerungsvermehrung darstellen. 
Für die Verbreitung der Menschen sind aber bloß jene 
zwei großen Erscheinungen von Bedeutung, da sie allein 
zu einer unmittelbaren Ausprägung im Räume gelangen, 
d. h. die räumliche Verbreitung der Menschen bestimmen 
können. Entweder übertreffen die Geburten die Todes-' 
fälle und das Volk wächst, oder das Umgekehrte findet 
statt und das Volk geht zurück. Wachstum und Rück- 
gang kommen dann entweder in der Dichtigkeit oder in 
der Ausdehnung des Volkes zum Ausdruck. 



292 Bevölkerungsstand und Bevölkerungsbewegung. 

Die Geographie übernimmt diesen statistischen Be- 
griff wegen seiner unmittelbaren Beziehung zur Ausdeh- 
nung und Dichtigkeit der Bevölkerung, denn das Wachstum 
bewirkt Verdichtung, die Abnahme Auflockerung. Der 
Bevölkerungsstand ist Ergebnis der Bevölkerungs- 
bewegung. Man liebt die beiden einander entgegenzu- 
setzen wie Ruhe und Unruhe, in Wirklichkeit liegt in 
der beständigen Bewegung das Maß der Veränderungen 
des immer wechselnden Standes. Bewegung ist Wirk- 
lichkeit, Stand ist Abstraktion. Die Bewegung ist eine 
Eigenschaft, welche für die geographische Verbreitung 
eines Volkes in hohem Maße mit entscheidend ist, indem 
sie seine Zahl in jedem gegebenen Augenblicke bestimmt. 
Die ethnographischen und politischen Anwendungen der 
Geographie verzeichnen Aenderungen dieses Standes, 
welche bis zum Verschwinden ganzer Völker, zum räum- 
lichen Rückgang anderer, zur ungeheueren Ausbreitung 
dritter geführt haben. Wieviel daraus für die Stellung 
eines Volkes zu den Nachbarvölkern, für die Lage und 
Ausdehnung seines Gebietes, für die Gestalt und Dauer- 
haftigkeit seiner Grenzen, für seine Kulturkraft und poli- 
tische Macht folgt, haben die Anthropogeographie und 
die politische Geographie zu untersuchen. 

Fassen wir die Bewegung der Bevölkerungen als 
einen allgemein menschheitlichen Vorgang, so erscheint 
uns vor allem die Erde im ganzen bei weitem noch nicht 
so bevölkert, wie sie nach ihrer bewohnbaren Oberfläche 
sein könnte. In jedem Teil der Erde gibt es noch 
große Unterschiede auszugleichen; ja, in jedem einzelnen 
Lande und sogar in den kleineren politischen Bezirken 
sehen wir die ungleich verteilte Bevölkerung in äußerer 
Bewegung. Bei den civilisierten Völkern der Erde kann 
man, ohne einen Fehler zu begehen, die Bewegung 
als eine im ganzen fortschreitende oder aufwärtsgehende 
betrachten. Jedes größere europäische Volk nimmt an 
Zahl zu und die Unterschiede liegen nur im Grad der 
Zunahme, welche aus verschiedenen Gründen eine wech- 
selnde ist. Außerhalb Europas sind große Gebiete, wie 
Nordamerika, der größte Teil von Südamerika, China. 



Gebiete der Zunahme und Abnahme. 293 

Japan, Indien, Sibirien, Aegypten im ganzen als an 
Volkszahl wachsend anzusehen. Und so steht uns die 
Menschheit als ein noch im Wachsen begriffener, sich 
ausdehnender, seine Lücken ausfüllender Körper gegen- 
über, der den Eindruck des Jugendlichen nicht bloß durch 
dieses Wachstum an sich, sondern auch dadurch macht, 
daß das Wachstum noch so wenig den geographischen 
Verhältnissen sich angepaßt hat. Noch immer sind frucht- 
bare Länder dünn bevölkert, während minder ergiebige 
mehr Bewohner besitzen als sie zu ernähren im stände 
sind. Die Zukunft wird noch viele Verdichtungen und 
an einigen Stellen Auflockerungen sich vollziehen sehen , 
bis das Ziel einer Verbreitung erreicht ist, welche an 
jeder Erdstelle eine ihrer Lage und ihrem Boden ange- 
paßte Zahl von Menschen sich befinden läßt. Einige 
Völker werden hierzu durch starkes Wachstum viel, an- 
dere wenig beitragen und leider gibt es nicht wenige 
Völker, welche zurückgehen und deren Gebiete rasch 
von jenen anderen, wachsenden und daher auch räumlich 
sich ausbreitenden, 'eingenommen werden. Nicht nur das 
statistische Bild der Menschheit wird dadurch verändert, 
sondern auch das ethnographische und mit der Zeit das 
politische und kulturliche. Die Erfüllung der Erde mit 
Bevölkerungen europäischer Herkunft, wie sie seit 
300 Jahren sich vollzogen hat, ist das merkwürdigste 
Beispiel eines höchst folgenreichen Wachstums, dessen 
letzter Grund die starke innere Zunahme der europäischen 
Völker auf beschränktem Räume ist. 



Die Europäisierung der Erde. So wie Europa in seiner 
heutigen Bevölkerungszahl von circa 350 Millionen der im Ver- 
gleiche zum Flächenraum weitaus bevölkertste Erdteil ist, so steht 
es auch an Wachstum dieser Bevölkerung allen anderen Teilen 
der Erde voran. Die Summe der heutigen europäischen Bevölke- 
rung, ein Viertel der Bevölkerung der Erde betragend, ist nichts 
anderwärts Unerreichtes hinsichtlich ihrer Höhe. Das Erstaunliche ist 
ihr stetiges Wachstum bis heute, ihre räumliche Ausbreitung und 
damit zusammenhängend die Entferntheit der Möglichkeit einer 
starken Unterbrechung dieser Zunahme. J ). Es gibt kein annähernd 
gleich großes Gebiet, auf welchem wie in Europa die wachsenden 
Bevölkerungen so sehr im Uebergewicht sind. In dieser Völker- 



294 Die Europäisierung der Erde. 

zeugenden Kraft Europas liegt der wichtigste Grund seiner hervor- 
ragenden Stellung in der Geschichte der Menschheit seit 2000 Jahren. 
Europa nimmt gegenüber einem großen Teile der Erde die Stel- 
lung eines durch Bevölkerungskraft überlegenen kulturkräftigen 
Stammlandes ein. Es ist im großen, was Rom im engeren Rahmen 
der Mittel meerl ander war, als es sein Weltreich gründete. Wenn 
man aber von der siegreichen Verbreitung der weißen Rasse über 
die Erde spricht, sollte man vollständiger sagen: des europäischen 
Zweiges der weißen Rasse, denn Perser und Inder haben an diesem 
Wachstum, dieser Ausbreitung nicht teilgenommen, welche recht 
eigentlich ein Symptom und eine Folge des Hochstandes der euro- 
päischen Kultur ist. 

Die notwendige Folge der dichten Bevölkerung Europas ist 
der Erguß des damit sich ergebenden Bevölkerungsüberschusses 
nach den außereuropäischen Ländern, welche dadurch kolonisiert, 
kultiviert, hauptsächlich aber auch europäisiert werden. Die Aus- 
wanderung, eine dringende Notwendigkeit für Europa, ist gleich- 
zeitig die hervortreten dste und folgenreichste Eigenschaft unseres 
Erdteiles in seinen Beziehungen zu den anderen Erdteilen. Eu- 
ropa ist 2-, 3-, 6mal so dicht bevölkert als die Nachbarerdteile. 
Viele Teile Europas sind dichter bevölkert als nach Maßgabe ihrer 
Fruchtbarkeit zu erwarten ist. Europas Boden würde unfähig sein. 
300 Millionen zu ernähren, man muß Getreide und Fleisch aus 
Amerika, Indien, Aegypten, Australien herbeibringen und dafür 
zahlt Europa hauptsächlich mit den Erzeugnissen seiner Industrie 
und im allgemeinen mit dem Ertrage seiner überlegenen Kultur. 
Dieselben Schiffe, welche diese Waren zuführen, tragen den Be- 
völkerungsüberfluß nach Westen und Osten über das Meer fort. 

So tief ist die Wirkung dieses Erdteiles gedrungen, daß die 
Staaten der Erde je nach dem Maße der von Europa empfangenen 
Einflüsse und Anregungen in eine Reihe geordnet werden können, 
in welcher man sofort als die kulturkräftigsten diejenigen erkennt, 
welche den europäischen Einwirkungen am meisten ausgesetzt ge- 
wesen sind. An der Spitze stehen die Vereinigten Staaten, deren 
Bevölkerung in der nördlichen Hälfte eine fast rein europäische 
und zwar westeuropäische, deren Boden und Klima dem euro- 
päischen am nächsten kommen, die endlich durch die verhältnis- 
mäßig kleine Meeresschranke des Atlantischen Ozeans, die jetzt 
häufig in 8 Tagen durch Dampfschiffe überwunden wird, Europa 
am nächsten gebracht sind. Am europaähnlichsten sind dann die 
Kolonien in Kanada, im südlichen Australien und Afrika, im süd- 
lichen Amerika, die alle dem gemäßigten Himmelsstrich angehören, 
über guten Boden verfügen und in denen die ursprünglich schon 
dünne Bevölkerung der Eingeborenen vor den einwandernden 
Europäern fast verschwunden ist. Nordasien und die Kaukasus- 
ränder, Algerien, einige Inseln Westindiens und des Stillen Ozeans, 
vorzüglich Cuba und Neuseeland sind wenigstens zu großen Teilen 
von Kolonisten europäischer Abstammung besetzt. Ohne eine große 
Menge europäischer Bewohner aufzuweisen, sind Indien, die Sunda- 



Chinas Wachstum. 295 

inseln, die Philippinen, große Teile Afrikas dem europäischen Einflüsse 
unterworfen, der dort seine Herrschaft auf wirtschaftliche, politische 
und militärische Ueberlegenheit begründet hat. Japan und Aegypten 
sind dem europäischen Kultureinflusse ganz hingegeben, ohne politisch 
abhängig geworden zu sein. Nur wenige Staaten endlich haben sich 
sowohl der europäischen Einwanderung als der Besitzergreifung 
durch europäische Mächte, und Beeinflussung gegenüber ziemlich 
selbständig erhalten. Marocco, Abessinien, China, Korea mögen 
hier genannt sein. Derartige Länder gibt es überhaupt nur in 
Asien und Afrika. Politisch und kulturlich am selbständigsten 
steht jedenfalls China da, gegen dessen fleißige und fruchtbare 
Bevölkerung von circa 400 Millionen die europäische Auswanderung 
nichts bedeutet. 

In außereuropäischen Gebieten finden wir überhaupt 
nur am pazifischen Rande der Alten Welt Länder, die 
auch in der Volksvermehrung gleichsam im Spiegel 
die Verhältnisse des atlantischen Randes zeigen. Nach 
vielen Schwankungen, welche bei der Unzuverlässigkeit 
der Censusangaben nicht zu kontrollieren sind, beginnt 
in China von der Mitte des 17. Jahrhunderts an ein Auf- 
schwung in der Zahl der chinesischen Bevölkerung, welche 
bei 59 (von Richthofen nach Martini) oder 62 Millionen 
{Mayet) beginnt, und 1736 mit 125 Millionen bereits eine 
Verdoppelung erfahren hatte. Die segensreiche Regierung 
Kanghis, die Besiedelung der West- und Südprovinzen 
■erklären dieses Wachstum nicht ganz, es muß mit einer 
unerhörten Entwickelung der inneren Hilfsmittel, besonders 
des Ackerbaues, der Gewerbe und des Verkehrs Hand in 
Hand gegangen sein. Bedeutet es zum Teil Rückkehr 
tax einem früheren Hochstand, den die Mandschuren- 
einfälle gebrochen hatten, so bezeugt doch die erst seit 
jener Zeit stark hervortretende chinesiche Auswande- 
rung eine Zunahme bis zu früher nicht erreichter Höhe. 
Es ist bezeichnend, daß diese Auswanderung die einzige, 
von der noch neben der europäischen als einer Erschei- 
nung des Völkerlebens von weltgeschichtlicher Größe und 
— Gefahr gesprochen wird. 

Die Grösse der Bevölkerungsbewegung. Das Maß 
der Bevölkerungsbewegung ist von Land zu Land ver- 
schieden und die Gründe dafür sind teils im Boden, be- 
sonders im Raum und in den Hilfsquellen desselben, 



296 Di e Größe der Bevölkerungsbewegung. 

teils in der Natur der Völker und in ihrem Kulturzustande 
zu suchen. Die Unterschiede sind so groß, daß es noch 
gar nicht möglich ist, sie zu einer reinen Summe zusammen- 
zufassen. Wenn die Statistiker glauben „nach vorgenom- 
menen Berechnungen* die jährliche Zahl der Todesfälle auf 
41 000 000, die der Geburten auf 51 000 000 veranschlagen 
zu können, so vergessen sie, daß die Anlegung des euro- 
päischen Maßstabes nicht gestattet ist. Mag die Summe 
passieren, gegen die Methode muß man sich entschieden 
aussprechen, solange noch nicht von der Hälfte der 
Menschheit die wirkliche Bewegung nach Sinn und Größe 
bekannt ist und solange die statistisch genauer erforsch- 
ten Völker immer nur diejenigen sind, die in beiden Be- 
ziehungen den europäischen Typus am nächsten .stehen. 
Nicht minder schwankt bei einem und demselben Volke 
die Bewegung im Laufe der Zeit und es ist ein müßiges 
Beginnen, auf Grund der in einigen Jahren beobachteten 
Zunahme die Zahlen vorausberechnen zu wollen, welche 
am Ende des 20. Jahrhunderts oder auch nur binnen 
einigen Jahrzehnten Länder wie Rußland, Deutschland, 
Frankreich oder die Vereinigten Staaten aufweisen 
werden. Die Geburtsziffern sind im größten Teile 
dieser Länder im Rückgang. Sicher ist allein, daß 
diese Bevölkerungen noch eine Zeitlang fortwachsen wer- 
den, wahrscheinlich indessen mit stets abnehmender Ge- 
schwindigkeit. Jene Zunahme ebenso wie diese Ab- 
schwächung werden durch viele Ursachen bedingt er- 
scheinen, den größten Einfluß werden aber die Ausdeh- 
nung und Fruchtbarkeit des Bodens und die klimatische 
Lage ausüben. 

Wenn wir die Summen des Zuwachses in Europa 
ins Auge fassen, wie die Beobachtungen der letzten Jahr- 
zehnte sie kennen lehren 2 ), nehmen mit mehr als 1 °/o 
durchschnittlichen Jahreszuwachses die Länder des Nordens T 
Dänemark, Norwegen, Rußland, Niederlande, Schweden 
die höchste Stelle ein; von 0,7 — 1 °/o weisen hauptsäch- 
lich die mitteleuropäischen Länder auf: Großbritannien 
und Irland, Deutsches Reich, Belgien, Portugal, Oester- 
reich-Ungarn ; weniger als 0,7 bis herab zu 0,16 zeigen 



Ursachen verschiedenen Wachstums. 2517 

Schweiz, Italien, Luxemburg, Spanien. Frankreich, also 
hauptsächlich südeuropäische Länder. Im allgemeinen 
läßt sich also eine Ahnahme des Zuwachses von Norden 
nach Süden konstatieren. Doch sind die Ursachen ver- 
schieden. Im Norden und Nordosten Europas schreitet 
auf weitem menschenleerem Felde die Kolonisation noch 
fort, d. h. die Bevölkerung hat Raum sich auszubreiten. 
Die Niederlande scharten sich Kaum durch Eindeichungen 
und Austrocknungen. Großbritannien, Deutschland und 
Belgien haben große gewerbliche Hilfsquellen zu ent- 
wickeln. Oest erreich bat besonders im Osten noch Land* 
überfluli: Geburten, Todesfälle wie Trauungen steigern 
ihre Frequenz in Oesterreich von Westen nach Osten, in 
geringerem Maße von Süden nach Norden. In Siideuropa 
erkennt man eine andere Beziehung zwischen der Zu- 
nahme und Dichtigkeit. Es gibt in Europa Länder mit 
alter Zunahme. Italien, dessen Bevölkerung sich im 
heutigen Umfange des Landes seit 300 Jahren nur ver- 
dreifacht hat, ist hinsichtlich der Dichtigkeit ein älteres 
Land als die genannten Länder Nord- und Osteuropas. 
die die gleiche Zunahme teilweise in den letzten 100 Jah- 
ren bewirkten. In Spanien und der Schweiz treten Gründe 
der Höhenlage und Bodengestalt in Wirkung. Ungarn 
und Frankreich aber zeigen den Emtiuii von gesellschaft- 
lichen Zuständen und Sitten, die noch zu berühren sein 
werden . 

Man wird geneigt sein, für die Bevölkerungsbewegung in den 
höheren Lagen einen anderen Gang vorauszusehen , als in den 
tieferen and einige rmersuchungen. besonders Zai"u|>as IWiografia 
Italiana (1881 ) schienen s.u bestätigen, dalli in den Gebirgen weniger 
Gehurten, weniger Sterbefalle, eine längere Lebensdauer, ab er eine 
geringere physische Entwirliclnng sich ^cigo. für Hallen sowohl, als 
auch später für Tirol. Vorarlberg und Nie de rösterreich 5 ) haben 
die seitherigen Krhehungeri keineswegs einen .so klaren Zusammen- 
hang ergeben, der übrigens bei den zahlreichen und mannigfaltigen 
Hi-i-ipiHiissiaigeii. dir zunächst das wirtschaftliche und soziale Leben 
der Völker durch Höhe und Bodenge.stalt er fahrt, nicht erwartet 
werden darf. Vorzüglich bildet der Mangel der Städte und da* 
gründlich anders geartete Erwerbsleben eine breite Zone, durch 
welche hindurch Hohen- und Gestilltverhällnisse des Bodens sich 
erst, auf die Bevölkerungsbewegung wirksam zu zeigen vermögen. 

Die gewaltigsten Zun ahmen zeigen natürlich die dünn 



298 Di e Veränderungen der Bevölkerungszahlen. 

bevölkerten, noch in den Anfängen der Auffüllung sich 
befindenden Kolonialländer. Die Zunahmen bewegten 
sich 1870 — 1880 in Dakota, Colorado, Arizona, Nebraska, 
Washington zwischen 853 und 213 °/ ; selbst im ent- 
fernten Amurgebiet hat sich von 1857 — 1879 die Be- 
völkerung vervierzehnfacht. Szetschuen soll von 1842 
bis 1885 seine Bevölkerung von 22 auf 71 Millionen ge- 
steigert haben. Der Grund dieser gewaltigen Zunahme 
würde hauptsächlich in der Jugend dieser Provinz zu suchen 
sein, und dann in der Ruhe, deren dieselbe sich während 
der verheerenden Kriegs- und Hungerzeiten seit Anfang 
der 50er Jahre erfreute. 

Schon in Jahrzehnten werden beträchtliche Ver- 
schiebungen der Machtverhältnisse und Kultureinflüsse aus 
dem so ungleichen Wachsen der Bevölkerungszahl hervor- 
gehen. Es genügt die Zusammenstellung der Bevölkerungs- 
zahlen wichtigerer Länder aus wenig weit entlegenen Zeit- 
räumen, um die Größe dieser Verschiebungen zu ermessen. 
Deutschland zählte 1864 im heutigen Umfange (aber 
ohne Elsaß-Lothringen) 38101751, 1885 45 311349. 
Frankreich 1866 38067 094 (und mit Abzug der 1871 
verlorenen Gebiete gegen 37 000000), 1886 37 930 759, 
Großbritannien und Irland 1861 29 070 723 und 1881 
35 241 482, die Vereinigten Staaten von Nordamerika 1860 
31926694 und 1890 über 60000000, Oesterreich-Ungam 
1864 (ohne die 1866 abgetretenen Gebiete) 35292547, 
1880 (ohne Bosnien und Herzegowina) 37 882 712. Die 
Bevölkerung des europäischen Rußland samt Polen und 
Finnland wurde 1866 zu 68141233 angegeben, während 
seit 1887 91956401 erscheinen, die mit der Bevölkerung 
Kaukasiens auf über 99 000000 anwachsen. Frankreich 
wird im Verhältnis zu den übrigen Großmächten Europas 
von Jahrzehnt zu Jahrzehnt kleiner erscheinen, weil seine 
Volkszahl langsamer wächst, und die Vereinigten Staaten 
werden alle europäischen Staaten überragen, weil ihre Be- 
völkerung so viel schneller wächst. Man hat oft daran er- 
innert, daß in einem Zeitraum von 60 Jahren Preußen seine 
Bevölkerung verdoppelte, während diejenige Frankreichs nur 
um 1 /r> zunahm. Nur zum Teil allerdings werden sich die 



Rückgang in wachsenden Gebieten. 299 

Prophezeiungen weitsichtiger aber zu weitsichtiger Sta- 
tistiker bewähren, welche voraussehen, daß im Jahre 2000 
Deutschland viermal so volkreich als Frankreich sein, Rußland 
aber nahezu eine halbe Milliarde Menschen zählen werde. 
Die Völker können nicht immer so fortwachsen wie heute. 
Schon gehören einzelne deutsche Landschaften zu denjenigen 
Ländern der Erde, wo die Menschen am dichtesten beisam- 
menwohnen und im Inneren jedes wachsenden Volkes zeigen 
sich die Ansätze zu einer Aenderung im Tempo der fort- 
schreitenden Bewegung. Auch hier die Mahnung an den 
Geographen, sich nicht bei Summen und Durchschnitten zu 
beruhigen, sondern mit seiner Frage Wo? an die Einzel- 
zahlen heranzutreten, welche die Summen erst aufbauen. 

Rückgang in wachsenden Gebieten. Wenn die Zu- 
nahme, wie wir sehen, in civilisierten Staaten eine zwar 
in ungleichem Maße sich verwirklichende, aber im all- 
gemeinen nicht fehlende Erscheinung ist, so gilt nicht 
das Gleiche von den einzelnen nationalen oder wirtschaft- 
lichen Gruppen dieser Staaten und die Abweichungen von 
jener Regel werden um so größer, je enger der Lebens- 
kreis, den wir ins Auge fassen. Manches von unseren 
Alpendörfern würde schwer die Hilfsquellen vermehren 
können, von welchen es abhängt; es kann bloß seine 
Bevölkerungszahl erhalten, nicht dieselbe vergrößern, und 
die notwendige Folge ist dann das Herauf- und Hinab- 
schwanken seiner Bevölkerungszahl, die in günstigen 
Jahren durch Zuzug von Arbeitern sich vermehrt, in 
ungünstigen sich vermindert. Außerdem ist aber auch 
die Vermehrung durch Geburten ungemein schwankend. 
Ich habe erst jüngst einen Auszug aus dem bis zum Jahr 
1624 zurückreichenden Tauf buche des malerischen Dörf- 
chens Bayerisch Zell am Fuße des Wendelstein gegeben 4 ), 
aus welchem ich hier wiederholen will, daß die durch- 
schnittliche Geburtszahl für ein Jahrzehnt in diesen 262 
Jahren zwischen den Extremen 146 und 38 schwankt, 
und daß die 5 amtlichen Zählungen unseres Jahrhunderts 
diesem Gebirgsdörfchen 377, 460, 449, 385, 406 Seelen zu- 
weisen. An den Grenzen der Bewohnbarkeit — Bayerisch 



300 Rückgang und Fortschritt 

Zell ist dag höchste Dorf im Thal — sind Stillstande 
oder rückgängige Bewegungen am ehesten zu erwarten. 
In allen deutschen Gebirgslandschaften kommen sie vor. 
Der Bezirk Rothenbuch im inneren Spessart zählte 1827 
11036, 1837 12059, 1846 12402, 1861 10 707,. 1867 
10 700, 1876 10 694 Einwohner. Aehnlich an der po- 
laren Grenze. Die Bevölkerung Islands zeigte in den 
Jahren 1881—84 folgende Schwankungen: 72453, 71775, 
69 772, 70513. Bezeichnend für die Ursachen dieser 
Schwankungen ist, daß das Südamt eine leichte Steigerung, 
das Nord- und Ostamt, sowie das Westamt eine Ver- 
minderung zeigt. 

An dem allgemeinen Charakter der Volksbewegung, 
in erster Linie am positiven oder negativen Zug des- 
selben, beteiligen sich in einer größeren Gemeinschaft in 
der Regel nur die größeren Glieder alle, während um so 
mehr Abweichungen uns entgegentreten, zu je kleineren 
Teilen der Gemeinschaft wir herabsteigen. Und die Be- 
wegung erscheint uns eben nur darum als eine so gleich- 
artige, weil uns auf höherer Kulturstufe meist nur größere 
Bevölkerungsmassen in Völkern und Staaten entgegen- 
treten. Aus demselben Grunde erstaunen wir nicht, bei 
tieferstehenden Völkern ganz andere Verhältnisse zu fin- 
den, denn sie treten uns in der Regel nur in Bruchteilen 
entgegen, deren Bewegung leicht in ganz entgegengesetzten 
Richtungen geht. Außer den beiden Mecklenburg gibt es 
z. B. in Deutschland keinen selbständigen Staat, dessen Be- 
völkerung in den letzten Jahrzehnten entschieden zurückge- 
gangen wäre, wohl aber gibt es genug kleinere Bezirke größe- 
rer Gebiete, wo dies zu beobachten ist. Die großen Städte 
Europas gehen alle fast ohne Ausnahme vorwärts, aber 
wenn man sie aus der Verbindung mit ihren ländlichen 
Bezirken herauslöst, zeigen letztere oft wenig von dem 
Fortschritt, der das Ganze zu charakterisieren schien. Die 
französischen Departements Sarthe und Manche gehen 
zurück, wenn man sie ohne ihre fortschreitenden Städte 
Le Mans und Cherbourg betrachtet; Seine inferieure ist 
im Rückgang, Rouen und Havre nehmen zu. Der Dörfer, 
welche bei einer oder mehreren aufeinanderfolgenden Zäh- 



in engen Gebieten. 301 

lungen Verluste zeigen, sind es Tausende. Vollzieht sich 
doch das große Wachstum der Städte wesentlich mit 
durch Zuzug aus den Dörfern. Die Zählungen von 1864, 
1867, 1871, 1875 ergaben für folgende Dörfer des Delitz- 
scher und Bitterfelder Kreises die beigesetzten Zahlen: 
Battaune 376 358 321 291 
Schköna 713 655 609 614 

Zschörnewitz 292 284 270 243. 
Das sind vereinzelt liegende Dörfer mit weiten Feld- 
fluren auf unfruchtbarem Boden. Was an arbeitsfähigen 
Menschen entbehrt werden kann, verläßt dieselben, um an 
anderen Orten lohnenderen Erwerb zu suchen. Eine mitt- 
lere Bevölkerungszunahme von 1 °/o ist in deutschen Dörfern, 
die auf den Geburtenüberschuß angewiesen sind, die Regel; 
aber in Industriegebieten erhöht sich die Zahl um die 
Hälfte, teils durch Geburtenüberschuß (Kreishauptmann- 
schaft Zwickau über 1,6 °/o wesentlich durch Geburtsüber- 
schuß), mehr durch Zuwanderung. Für die Städtchen 
Wettin und Brehna zeigten dieselben Zählungen: 
Wettin 3899 3686 3523 3446 

Brehna 2159 2168 2166 2056 

Das sind Städte, deren Erwerb, in Wettin der Kohlen- 
bergbau, in rückgängiger Bewegung, sich befindet. 

In diesen kleineren Verhältnissen könnten ebensogut 
größere Sprünge der Bevölkerungszahlen eintreten. Der 
. Bau einer Fabrik zieht Arbeiter herbei, die Parcellierung 
eines Gutes schafft neue Aecker oder Wohnstätten. Der 
Straßen- und Eisenbahnbau läßt einen neuen Knoten- 
punkt entstehen. 

So zeigt Borsdorf bei Leipzig: 

129 118 126 348. 
Einen anderen Fall erkennen wir bei Gaschwitz: 

183 144 144 174. 
Hier waren nach 1864 einige Häuser vom Rittergut 
angekauft und abgetragen worden, aber 1874 wurde die 
Eisenbahnlinie Gaschwitz-Meuselwitz eröffnet und so folgte 
der Verminderung der Anwachs. 

Einzig dürfte aus neuerer Zeit das Beispiel eines 
Dörfchens Mellin in der Uckermark dastehen, welches 



302 Verkehr und Rückgang. 

durch Auswanderung sich vollkommen entvölkerte, dessen 
Hütten auf Abbruch verkauft worden, und über dessen 
Stelle heute der Pflug geht 5 ). Wohl aber sind Höfe und 
Häuser verödet und zwar nicht allein durch überseeische 
Auswanderung, sondern auch schon durch leichtere Ver- 
schiebungen, welche z. B. bei Verlegung von Verkehrs- 
wegen das Aufblühen einiger begünstigter Orte zu Un- 
gunsten anderer bewirkt hat. Jedermann weiß, von welcher 
großen Wirksamkeit in dieser Beziehung die Eisenbahnen 
gewesen sind. Frankreich zeigt in der beschleunigten 
Abnahme der Bevölkerung in fast der Hälfte seiner De- 
partements (41) seit 1846 den Einfluß der Eisenbahnen, 
die die Beweglichkeit der Einzelnen steigerten und die 
Gewerbe und den Handel stärker konzentrierten. Um so 
deutlicher zeigt es denselben, als der Abfluß vorher schon 
bedeutend war. In Italien sahen 2144 Gemeinden ihre Be- 
völkerung zwischen den Zählungen von 1871 und 1881, 
die eine Zunahme um 0,6 °/o zeigten, sich vermindern, von 
diesen hatten 1946 weniger als 5000 Einwohner. Die 
Verminderung war am stärksten im Norden und Süden 
und im Anziehungskreis von Rom und Neapel. 

Es gibt in Deutschland überhaupt keine Fläche von 
100 Quadratmeilen, auf welcher nicht an mehreren Stellen 
Rückgang zu verzeichnen wäre. Die Thatsache ist nicht 
mehr erstaunlich, wenn uns die Statistik lehrt, daß in 
den einzelnen Gebieten die Zunahme weit über das Maß 
der natürlichen Vermehrung hinausgeht und daß in den 
Jahren 1880/85 der Ueberschuß der Geburten 2 601858, 
die Bevölkerungszunahme aber nur 1621643 betrug, so 
daß ein Verlust (mit Einrechnung von nicht ausgeglichenen 
Zählungsfehlern) von 980 215 sich ergibt, welcher durch 
Auswanderung entstanden sein muß, wenn auch die Sta- 
tistik der überseeischen Auswanderung nur 817 763 an- 
zeigt. Dieser Verlust trifft fast alle größeren Gebiete 
Deutschlands mit Ausnahme Berlins und der Rheinprovinz, 
besonders die Ostseeprovinzen, Posen und den Südwesten. 
Dr. Hardegg hat jüngst die auffallend geringe Be- 
völkerungszunahme in Baden hervorgehoben, wo 1881 
bis 1885 die Bevölkerung nur um 28000 gewachsen ist, 



Rückgang in deutschen Gebieten. 303 

trotzdem der Ueberschuß der Geburten über die Todes- 
fälle 84 000 betrug. Im größten Teil des badischen Ober- 
landes nimmt die Bevölkerung ab, ebenso im Odenwald 
und Bauland. Die Zählung von 1885 hat als Bezirke 
oder Länder abnehmender Bevölkerung Cöslin mit 6,51, 
Stralsund 5,62, Strelitz 3,82, Sigmaringen 2,69, Stettin 
2,67, Fth. Lübeck 2,43, Unterfranken 2,19, Marienwerder 
1,83, Jagstkreis 1,24, Lothringen 1,21, Oberhessen 1,19, 
Konstanz 0,92, Schwerin 0,68 °/o nachgewiesen. Keines 
von diesen Gebieten ist übervölkert, die meisten gehören 
zu den dünnbevölkerten. Aber in allen Ländern mit 
dünner Bevölkerung ist die Zunahme in der Regel lang- 
samer als in solchen mit dichter Bevölkerung. Lösen wir 
Schottland und Irland aus ihrer Verbindung mit England, 
dann sehen wir, daß von 1865—1883 England um 5269000 
und Schottland um 146 000 zu-, Irland um 580000 ab- 
genommen hat. Und England zählt 10290, Wales 3900, 
Irland 3360, Schottland 2590 Bewohner auf der Quadrat- 
meile. Sehr bezeichnend ist, daß Bevölkerungsabnahme 
gerade in den schwächstbevölkerten Teilen Deutschlands 
vorkommt. In Mecklenburg-Strelitz, wo 1870 Menschen 
auf der Quadratmeile wohnen, ist die Bevölkerung von 
100 269 auf 98 400 gesunken, auch in Mecklenburg- 
Schwerin ist in dem gleichen Zeitraum die Bevölkerung 
um nahezu 2000 zurückgegangen. Aehnlich sind die an 
Bevölkerung abnehmenden Landschaften Ungarns gleich- 
zeitig die dünnstbevölkerten. 3 /4 der unter der mittleren 
Dichtigkeit stehenden Komitate zeigen Abnahme. 

Stellen wir die größeren Gebiete Deutschlands nach 
ihrer Zunahme ein und fügen die Dichtigkeit hinzu, so 

erhalten wir folgende Reihe: ~ , , ^. ... 

7 h Geburten- Dichtig- 

iwca qk Ueber- keit in 
löbU— 85. gchuß lg85 

Stadt Berlin 31,64 10,01 6 ) 

Rheinprovinz, Rgbz. Arnsberg, 

Fürstentum Birkenfeld . . 14,62 14,55 158,4. 

Kgr. Sachsen u. Thür. Staaten 11,82 12,57 161,1. 
Prov. Sachsen, Braunschweig, 

Anhalt, Rgbz. Hildesheim 10,06 12,13 95.8. 



304 Zunahme und Dichtigkeit in Deutschland. 



n «u « Geburten- Dichtig' 
Zunahme Ueber . keit ^ 

schufi. 1885 



1880—85. 



Rgbz. Oppeln 



7,67 12,34 113,3. 
6,55 11,01 91,7. 



5,49 11,01 57,4. 

4,98 8,27 67,5. 

4,88 10,46 105,0. 

3,70 7,51 96,5. 



Brandenburg ohne Berlin ö ) 

Hannover (ohne Hildesheim), 
Oldenburg, Bremen, Rgbz 
Münster 

Bayern, r. d. Rh 

Hessen-Nassau, Hessen, Lippe 
Waldeck, Rgbz. Minden 

Rgbz. Breslau und Liegnitz 

Württemberg, Baden u. Hohen- 

zollern 2,98 10,33 102,5. 

Hamburg, Lübeck, Schleswig- 
Holstein, Mecklenburg, Pom- 
mern 2,72 11,83 59,5. 

Ost- u. Westpreußen ... 1,66 12,28 53,9. 

Elsaß-Lothringen u. Rheinpfalz 1,49 9,00 110,6. 

Prov. Posen • . 1,43 14,74 59,2. 

Die sechs ersten Gruppen haben alle das Gemein- 
same, stärkste Zunahme mit dichter Bevölkerung und 
hohem Geburtenüberschuß zu verbinden, in den übrigen 
neun Gruppen sind vier, welche mit geringer Dichtigkeit 
geringe Zunahme und beträchtlichen Geburtenüberschuß 
und drei, welche mit großer Dichtigkeit geringe Zunahme 
und mäßigen Geburtenüberschuß vereinigen. Geographisch 
ordnet sich eine Anzahl dieser Gruppen ganz natürlich 
zusammen. Den Charakter der dichten, noch wachsenden 
Zusammendrängung unter großem Geburtenüberschuß 
tragen die städte- und gewerbreichen Gebiete Mittel- 
deutschlands von der Rheinprovinz bis Oberschlesien; mit 
dünner Bevölkerung verbinden großen Geburtenüberschuß 
und schwache Zunahme die Küstengebiete und der Nord- 
osten ; mit dichter Bevölkerung endlich und kleinerem 
Geburtenüberschuß zeigt mäßige oder geringe Zunahme 
der Südwesten des Reiches. Das rechtsrheinische Bayern 
und die Regierungsbezirke Breslau und Liegnitz schließen 



Rückgang in Frankreich und Irland. 30 5 

sich südwestdeutschen Gruppen mit abgeschwächten Merk- 
malen an. 

Diese Ungleichheiten sind häufig vorübergehend, und 
das besonders, wo sie in ganz engen Kreisen erscheinen. 
Dagegen erlangen sie einen dauerhafteren Charakter, so- 
bald sie über größere Gebiete verbreitet sind. In der 
Normandie sind nicht nur gewisse Departements, sondern 
sogar einzelne Arondissements (Alen^on, laFlöche, Lisieüi) 
seit 1801, d.h. seit der ersten genaueren Aufnahme, ari- 
dere seit 1826 im Rückgang. Ein großes Gebiet be- 
stehend aus den Departements Basses- Alpes, Cantal, Gers 
Lot-et-Garonne , Tarn-et-Garonne, Eure, Manche, Oriie, 
Sarthe ist seit 1846 im Rückgang. 1886 hatten 7 De- 
partements weniger Einwohner als 1801. Außer diesen 
7 hatten noch weitere 34 Departements 1886 weniger 
Einwohner als 1846 und zwar hatten sie insgesamt 
910000 eingebüßt. Das großartigste Beispiel dieser Art 
bietet aber in Europa Irland, welches seit mehr als einen 
halben Jahrhundert sich im Rückgange befindet. Irland 
ist das einzige europäische Land, welches seit Jahrzehnten 
eine starke Bevölkerungsabnahme, 1865 — 1883 um 
10,37 °/o, zeigt. Es wies in diesen 19 Jahren eine durch- 
schnittliche Auswanderung ins Ausland von 14 pro Mül6, 
außerdem in einer Reihe von Jahren auffallende Sterb- 
lichkeit auf. ' 

Aehnliches finden wir in anderen im ganzen zu- 
nehmenden Ländern Europas. Oesterreich ohne Gali- 
zien und Bukowina hat 1870—1880 um 0,70 °/o jährlich 
seine Bevölkerung wachsen sehen. Aber auf einer 
Karte der Bevölkerungszunahme in Oesterreich-Ungarh 
würden Dalmatien, Krain, Tirol, daneben aber ein aus- 
gedehntes Gebiet im nördlichen und östlichen Ungarn und 
Siebenbürgen als von der Abnahme betroffen hervor- 
treten. Ungarn zeigt nur 0,08 °/o jährliche Zunahme in 
jenem Zeitraum, was für den größten Teil des Landes 
Rückgang bedeutet, den besonders in Siebenbürgen die 
Cholera 1872/73 beschleunigt hat. Die großen Gebiete 
der Bevölkerungsabnahme in Ungarn: Siebenbürgen, die 
Landschaft am rechten und linken Theißufer, und zwischen 

Ratzel. Anthropogeographie n. 20 



306 Bewegung und Verlagerung. 

Maros und Theiß (Temeser Banat) haben 1869—1880 
nahezu 3°/o, nämlich von 7 285485 217 729 verloren. 
Die allgemeine Erfahrung zeigt, daß der geringe Ge- 
burtsüberschuß in Ungarn so gut bei Magyaren wie 
Deutschen vorkommt, während einzelne Nationalitäten 
rascher zunehmen. Dazu gehört die romanische und die 
meisten Zweige des slavischen Stammes, wie denn Ga- 
lizien und Bukowina 1870—1880 um 0,78 jährlich ge- 
wachsen sind. Für einen großen Teil der österreichischen 
und deutschen Länder ist die Wachstumsquote der Juden 
0,3 bis 0,5 größer als diejenige der unter gleichen Ver- 
hältnissen lebenden benachbarten christlichen Bevölkerung, 
Die inneren Veränderungen, welche in einem national 
gemischten Staate derartige Unterschiede hervorbringen 
müssen, seien nur angedeutet. 

Diese Bewegungen von so verschiedener Stärke 
machen den Eindruck einer langsamen Verlagerung 
durch Hin- und Rückströmung in engen Grenzen, wobei 
bestimmte Punkte anziehend wirken, um welche die Massen 
sich immer dichter sammeln, während an anderen Stellen 
Verdünnung, Lockerung eintritt. Seit Jahrzehnten sind 
-diese Anziehungspunkte die großen Städte und Industrie- 
gebiete. Frankreich zeigt stärkere Zunahme als Verdop- 
pelung in den Städten und Stadtgebieten Paris, Lyon T 
Marseille, Bordeaux und in den industriellen Departements 
Nord und Loire. Von den 19 Arrondissements Frank- 
reichs, deren Bevölkerung sich mehr als verdoppelt hat, 
danken 7 ihr Wachstum den Gewerben , (3 den Kohlen- 
becken, 5 dem Seehandel. Das Gebiet der Zunahme um 
50 °/o und mehr bildet eine zusammenhängende strahlige 
Fläche, deren Kern die gewerbreichen Departements Loire 
und Rhone sind, und die eine nördliche Verlängerung in 
das Seinebecken, eine südwestliche bis Perpignan, eine 
westliche an der Loire abwärts in die Bretagne sendet. 
Abgesonderte Gebiete stärkerer Zunahme liegen an der 
Ostgrenze, im Nordwesten, im Pyrenäenvorland und an der 
östlichen Mittelmeerküste. Der Ackerbau läßt nur ein lang- 
sames Wachstum der Bevölkerung zu. Die Erträge sind nur 
bis zu einem gewissen Grade zu steigern, der Boden kann 



Bewegung ackerbauender Bevölkerungen. 307 

über ein bestimmtes Maß hinaus nicht geteilt werden. 
In der Abneigung gegen Bodenteilung liegt der Rück- 
gang deutscher Bauernschaften wesentlich begründet. Die 
reinsten Ackerbaugebiete sind in Deutschland diejenigen, 
wo die Bevölkerung, wiewohl dünn gesäet, am langsam- 
sten zunimmt. In dieser ohnehin trägen Bewegung lassen 
vorübergehende Störungen des Betriebes tiefe Spuren. 
Fast alle die 53 Arrondissements Prankreichs, welche 
Rückgang der Bevölkerung seit 1801 zeigen, liegen in 
den Ackerbaugebieten. Die Normandie, wo die Wiese 
immer mehr Ackerland sich unterwirft, ist das größte 
Gebiet der Abnahme. Die Phylloxera hat in der ünter- 
Charente, die Seidenwurmseuche in der Isere, die Auf- 
gebung des Krappbaues und die Phylloxera in der Vau- 
cluse die ländliche Bevölkerung in Rückgang gebracht 7 ). 
So herrschen in jedem Lande verschiedene Typen 
der Bevölkerungsbewegung, welche die allgemeine 
Bewegung in dem Gesamtgebiete aufbauen. Die Zu- 
nahme der deutschen Bevölkerung von 1880 — 1885 um 
1 621 643 ist nicht genügend charakterisiert als das einfache 
Ergebnis der Geburten und Zuwanderung minus Todes- 
fälle und Auswanderung. Wir sehen sogar durch ört- 
lichen Rückgang an vielen Stellen Ziffern mit negativem 
Vorzeichen in die Rechnung eintreten. Das Endergebnis 
könnte in der Summe gleich sein, wenn die Zunahme 
allgemein und wenn sie durch Fälle von Abnahme ver- 
ringert, dafür aber durch stärkere Zunahme in anderen 
Gebieten vergrößert würde. Neun und eins sind zehn, 
und elf weniger eins sind ebenfalls zehn. Es ist wichtig, 
zu wissen, auf welche Art die Summe zu stände kommt. 
Die Wichtigkeit dieser Analyse wird noch mehr einleuchten, 
wenn sich die geographische Verbreitung der Gebiete 
verschiedenen Wachstums von bestimmten Regeln be- 
herrscht zeigt. 

Bei Vergleichungen dieser Art darf das eigentlich geo- 
graphische Element des Raumes durchaus nicht vernachlässigt 
werden. Wir haben die Verschiedenartigkeit der Zahlen kennen 
gelernt, aus welchen sich die Summen der durchschnittlichen Be- 
völkerungsbewegung zusammensetzen. Je kleiner die Räume, auf 
welche die Zahlen sich beziehen, desto größer der innere Unter- 



;J08 Typen der Bevölkerungsbewegung. 

schied der letzteren; je größer die Räume, desto gleichartiger die 
Durchschnitte. So verschwinden z. B. in einer Aufzählung der 
europäischen Staaten, der Länder Nordamerikas, Australiens alle 
Fälle von Rückgang, welche doch so stark ausgeprägt in Irland, 
in mehr als einem Drittel der französischen Departements, in 
Mecklenburg, in den Indianergebieten, in den Gebieten der austra- 
lischen Eingeborenen vorkommen. 

Typen der Bevölkerungsbewegung. Die Vergleichung 
des Zuwachses in verschiedenen Teilen des Deutschen 
Reiches hat uns Gruppen kennen lehren, welche Gebiete 
von übereinstimmenden Dichtigkeits-, Geburtenüberschuß- 
und Zuwachsverhältnissen in sich vereinigten. Jede dieser 
Gruppen hat etwas Typisches, wie schon die Uebereinstini- 
müng der geographischen Lage ihrer einzelnen Glieder 
erkennen läßt. Die gleichen Kombinationen kehren in 
anderen Teilen der Erde wieder. 

Dichte Bevölkerung, großer Geburtenüber- 
schuß, starker Zuwachs teilen mit den mitteldeutschen 
Ländern alle großen Industriegebiete Europas. Wir nennen 
England und Wales, Belgien, in Frankreich die Departe- 
ments Nord und Pas de Calais, in der Schweiz die gewerb - 
reichen Nordostkantone. 

Dichte Bevölkerung, mäßiger Geburtenüber- 
schuß, starker Zuwachs ist dagegen der Typus groß- 
städtischer Bezirke, denen als sehr bezeichnendes Merk- 
mal noch die höhere Sterblichkeit gehört. Paris hat 
1 Sterbefall auf 33,5, die französischen Städte auf 35,1, 
ganz Frankreich auf 44,3 Bewohner. Diese Thatsache 
beeinträchtigt sehr die optimistischen Schlüsse auf ihre 
Kulturhöhe. Im Gegenteil nähert sich diese Eigenschaft 
und besonders die große Kindersterblichkeit niederen Ver- 
hältnissen, wie denn das enge, ungesunde Wohnen nie- 
driger Völker in den Großstädten wiederkehrt. In größerer 
räumlicher Ausbreitung kann dieser Typus ohne dieses 
Merkmal nur in den älteren Kolonialgebieten vorkommen, 
in denen die ansässige Bevölkerung nur eine kleine eigene 
Vermehrung besitzt, während die Zuwanderung noch fort- 
fährt, erheblich zu sein. Die Neuenglandstaaten, ganz 
besonders Rhode Island und Massachusetts, die beiden 
bevölkertsten Staaten der Union, gehören hierher. 



Bewegung in übervölkerten und alten Ländern. 30& 

Dichte Bevölkerung bei geringer Zunahme 
ist der Typus der Uebervölkerung, wobei eine Variation 
hervorgebracht werden kann durch starken Geburten- 
überschuß, welcher in der Auswanderung aufgeht, wie in 
Irland, oder geringen Geburtenüberschuß, welcher den 
verschärften Eindruck der Uebervölkerung, sogar de* 
Notstandes hervorbringt. Auf niederen Kulturstufen: 
treten besonders in den dichtbevölkerten Ländern des 
fernen Orients und auf zahlreichen Inseln gewaltsame 
Mittel zur Verminderung des Zuwachses, soweit Krieg 
und Notstände ihn nicht zurückdrängen, in Wirksamkeit, 
In den so häufig von Not bedrohten oder heimgesuchte» 
bevölkerten Gebirgsgegenden, in Island und Grönland 
kehrt dieser Typus in ganz gleicher Weise wieder wie 
in Allahabad. 
Bezirk Rotenbuch (Spessart) 1807 1870— 5 auf 10 000. 

Island 18811884 — 268 „ 10000. 

Grönland 8 ) 1880 1885— 86 „ 10000, 

Allahabad 1872 1881+ 80 „ 10000. 

Eine Variante desselben wird durch die Verbindung 
von dichter Bevölkerung mit geringer Kinderzahl 
und geringer Sterblichkeitsziffer — der Zusammen- 
hang der beiden letzten Thatsachen ist klar — gebildet; 
dieselben verbinden sich zu dem Ergebnis eines Volkes von 
hohem Durchschnittsalter. Das ist der Typus der alten 
Kulturvölker, in denen die Hochschätzung des Menschen- 
lebens alle Mittel zu dessen Verlängerung findet, während 
zugleich die mehr oder weniger dichte Bevölkerung die 
natürliche Vermehrung in präventiver Weise statt durch 
Kindsmord einschränkt. Die Statistik, welche nichts als 
eine Rechnungsführung der Menschheit sein will, sieht 
in der kleinen Kinderzahl bei großer Zahl der Erwachse- 
nen nur den Vorteil, daß die Nation weniger Pflegebe- 
dürftige und mehr Leistungsfähige umschließt. Betrachtet 
sie aber das Volk als einen lebendigen Körper, so liegt 
in der Abnahme der Geburtsziffer die Ursache immer 
weiterer Abnahme für eine längere Reihe künftiger Jahre, 
da die Zahl der Heranwachsenden, zur Eheschließung 
Reifwerdenden damit ebenso zurückgeht. Und wenn sie 



310 Typus der Ueberkultur. 

mit geographischem Blicke das Auftreten gleicher und 
ähnlicher Erscheinungen auf der Erde mißt, so sieht sie 
in ihnen tiberall das allgemeine Gesetz wirksam, daß die 
Bewegung der Bevölkerung, die auf niedrigerer Kultur- 
stufe einen kräftigeren lebendigeren Charakter gewinnt, 
indem die Zahlenbewegung intensiver, die Raumbewegung 
ausgreifender wird, sich verlangsamt mit steigender Kul- 
tur, welche raschen Umsatz der Menschenleben mehr als 
alles scheut und vermeidet. 

Hohe Kultur ist bezeichnet durch Höchstschätzung 
des Wertes der Menschenleben, die so wenig wie mög- 
lich zerstört, so viel wie möglich erhalten werden. Es 
wird also die Lebensdauer vermehrt, und gleichzeitig 
nimmt die natürliche Vermehrung ab. Das Ergebnis ist 
ein im Durchschnitt älteres Volk, dessen Aufbau durch 
das Zurücktreten der jüngeren und besonders der jüngsten 
Glieder gegenüber den sich zähe iorterhaltenden älteren 
charakterisiert wird. Kein europäisches Volk entspricht 
diesen Anforderungen so sehr wie das französische, dessen 
mittleres Alter ebenso groß wie seine Vermehrung gering 
ist 9 ). Aber eine ganze Reihe von Kulturvölkern, so- 
wohl in Europa als in Nordamerika, schwankt ganz lang- 
sam in einer Richtung, an deren äußerstem Ende wir 
Frankreich erblicken, Frankreich, dessen Typus man in 
dieser Beziehung als den der Ueberkultur bezeichnen 
könnte. Die Sterblichkeit wird geringer, die Geburten 
nehmen ab, trotzdem die Eheschließungen zunehmen, mit 
anderen Worten: Es erreichen mehr Individuen ein höheres 
Alter, aber es werden auch weniger Individuen geboren, 
das Ergebnis ist ein in der Summe älteres Volk. Die 
Bevölkerung des Deutschen Reiches konnte Ende 1887 
auf 47 540 000 geschätzt werden. Während nun im 
Dezennium 1878—87 38,9 Geburten auf 1000 gekommen 
waren, entfielen 1887 auf dieselbe Zahl 38,4. Die Sterb- 
lichkeit aber, welche 1878 — 87 27,19 betragen hatte, 
belief sich 1887 nur auf 25,57. Aehnlich ist in der 
Schweiz .von 1871 — 85 die Zahl der Geburten von 31,1» 
zu 28,6 auf 1000 Einwohner zurückgegangen 10 ). 

Man erkennt leicht, daß dieser Typus auch eine Aehn- 



Typus junger Völker. 31 1 

licbkeit mit demjenigen besitzt, den wir als großstäd ti- 
schen bezeichnet haben; er unterscheidet sich von diesem 
hauptsächlich durch den starken äußeren Zuwachs der 
großen Städte. Aber in allen anderen Beziehungen 
nehmen gegenüber dem Typus der alten Kulturvölker 
die großen Städte eine ähnliche Stellung ein, wie bezüg- 
lich der Bevölkern ugsdiclitigkeit die Inseln (s. o. S. 238), 
die wir statistisch frühreif genannt haben. Die Merk- 
male, welche die Bevölkerungsbewegung bei alten Kultur- 
völkern aufweist, treten ebenso in den großen Städten 
früher auf und in dem Maße als die alten Länder sich 
immer städtischer gestalten, wandern sie über das Land. 
Geringe Geburts- und Sterbeziffern, Abnahme der Ehe- 
schließungen und Zunahme der Ehescheidungen sowie 
der außerehelichen Geburten sind Merkmale der französi- 
schen Bevölkerungsbewegung im ganzen, erreichten aber 
stets ihren Hochstand in Paris. 

Dünne Bevölkerung und rasche Zunahme 
durch eigene Vermehrung und Zuwanderung 
kann als kolonialer Typus bezeichnet werden oder auch 
als Typus der jungen Völker. Völker, die jung auf ihrem 
Boden sind, sind auch insofern jugendlicher als sie eine 
größere Zahl von jugendlichen Elementen umschließen. 
In einer Zeit, die mit Bezug auf die Entwickelung des 
Landes als eine jugendliche bezeichnet werden kann, 
Anfang der 40er Jahre, verhielt sich die Zahl der Per- 
sonen unter 15 Jahren in den Vereinigten Staaten zu der 
in England mit Wales wie 5:4 11 ). Wo die Vermehrung 
geringer geworden, wie in den verhältnismäßig alten 
Neuenglandstaaten, prägt die Völkerjugend sich in anderen 
Zeichen aus. So zeigt Rußland in Europa die größte 
Zahl von Heiraten, Nordwest-Europa die kleinste, die 
kinderarmen Neuciiglandstanten stehen aber Kußland nahe. 
Es sind die Sitten junger weiter Länder, die sich hier berühren. 

Grohe Kinderzahl und große Sterblichkeit 
und als Ergebnis beider ein geringes Durch- 
schnittsalter der Bevölkerung ist der Typus armer 
Völker und armer Klassen, der Typus der Sklaven und 
Proletarier und jenes Teiles kiilturarnier Völker, welcher 



3J& Arme und rückgehende Völker. 

noch nicht durch geringe Kinderzahl auf die schiefe 
Ebene des Rückganges gelangt ist. Die Censusberichte 
aus der Sklavenzeit der Vereinigten Staaten zeigen eine 
große Kinderzahl und einen Ueberschuß bis zum Alter 
von 40 Jahren, dann einen raschen Abfall, so daß die 
Zahl der Personen über 36 Jahren bei den Sklaven zu 
ä^n bei den Weißen sich wie 76: 100 verhält. Die Kultur 
erhöht die mittlere Lebensdauer, welche in Europa durch- 
schnittlich bei den wirtschaftlich fortgeschrittensten Völ- 
kern am größten ist. Selbst in den einzelnen Provinzen 
wuchst und sinkt sie mit der allgemeinen Kultur. Die 
erste Zählung Bosniens ergab nur 6,59 °/o über 60 Jahren 
gegen 7,52 in Oeäterreich. Fast jede in Oesterreich er- 
scheinende Seuche tritt in Galizien am heftigsten auf. 
einige haben sich dort geradezu eingenistet und 1881 
starben dort 22,8 aller Gestorbenen an endemischen 
Krankheiten. 

Geringe Geburtenziffer bei großer Sterblich- 
keit und häufig in Verbindung mit großer 
äußerer Bewegung ist der Typus der meist im Rück- 
gang befindlichen niedrigstehenden Völker, wie Australier, 
Pölynesier, die meisten Stämme der Indianer. Diese Art 
von Bewegung ist heute auf die niedrigsten Schichten 
der Menschheit beschränkt. Aber die Frage ist erlaubt: 
Welches war der Zustand der Menschheit bei erheblich 
geringerer Lebensdauer, größerer Sterblichkeit, geringerer 
Aussicht der Erhaltung von Geschlecht zu Geschlecht? 
Eö war der Zustand beständigen Ankämpfens gegen das 
Aussterben, gegen das Abreißen jenes Zusammenhanges 
der Generationen, auf dem die Kultur beruht. 

Die Zahl der Kinder ist auf niederer Stufe in der Regel 
gering. In monogamischen Ehen wird dies schon dadurch bedingt, 
daß die Zeit des Säugens leicht 3—4 Jahre währt. Auch bleibt 
oft in dieser ganzen Zeit der geschlechtliche Umgang verboten. 
Auf niedrigeren Stufen der Kultur ist allgemein üblich eine Säuge- 
zeit, welche über zwei und mehr Jahre sich ausdehnt. Die geringe» 
Kinderzahlen sind häufig darauf zurückgeführt und die Thatsache 
ist sogar mit dem „Aussterben der Naturvölker* 4 in Verbindung 
gebracht worden, zweifellos wird dadurch auch unter sonst günstigen 
Külturverhältnissen jener besondere Typus von Bevölkernngsbewe- 



Die Kinderzahl. 313 

gung erzeugt, welcher durch geringe Geburtszahlen, kleine Familien, 
Langsamkeit der natürlichen Zunahme der Bevölkerung charakte- 
risiert ist. Der japanische Prozentsatz der Geburten von 2,48 12 ), 
welcher trotz des dort häufig ztf hörenden Sprichwortes: Gute Leute 
haben viele Kinder, noch unter dem Minimum der europäischen, 
nämlich der französischen (2,5) bleibt, wird hauptsächlich mit dem 
langen Säugen erklärt. Aber auch in polygamischen Verbindungen 
scheuen die Weiber die Entfremdung des Mannes durch ihre 
Schwangerschaft und Entbindung und daher die so oft wieder- 
kehrende Angabe über auffallend geringe Zahl der Kinder, so wie 
z. ß. P. Baur die geringe Zahl der Kinder in Usegua betont, die 
er abergläubischen Gebräuchen zuschreibt 13 ). Im Distrikt Kailau 
auf Hawaii waren Ende der 30er Jahre unter 96 Verheirateten 
23 kinderlos. Die übrigen 73 hatten 299 Kinder, von denen 152 
unter 2 Jahren starben. Die Kinderzahlen der Arktiker sind durchaus 
gering: Man findet durchschnittlich 1 Kind bei den Kumberland- 
sund-Eskimo, 2 bei den Itahnern, 1 — 3 bei den zentralen und 
westlichen Eskimo, 3 — 4 bei den christlichen Grönländern, 4 bei 
nordkanadischen Indianerstämmen. Von den Steinen zieht aus 
den Beobachtungen auf seiner ersten Schingureise den Schluß, 
daß von 408 Indianern 147 Männer, 145 Frauen und 116 Kinder 
(bis etwa 15 Jahren) waren 14 ), also 28%- Eine Spezialkommission 
zur Untersuchung der Lage der Indianer in Utah, Nevada, Idaho 
und Arizona gab in ihrem Berichte 15 ) in einer Statistik der Pai- 
Utes, die sie selbst für genau erklärt, 843 Männer, 718 Weiber, 
466 Kinder unter 10 Jahren, also 23°/o Kinder an. 

Die Frage nach der mittleren Lebensdauer der 
Kulturarmen kann in vielen Fällen dahin beantwortet 
werden, daß dieselbe weit geringer als bei den Kultur- 
völkern. Auf Zählungen kann man sich hier natürlich 
nicht stützen, wohl aber auf häufige Wiederholung ; der 
Angaben, wie schon 1788 Fontana sie von den Nikobaren- 
Insulanern machte, indem er sagte, er habe keinen Mann 
von mehr als 48 Jahren gesehen, während unter den 
Weibern ältere sich befänden, oder Portman von den Anda- 
manen: In diesem Volk wird selten das Alter von 50 Jah- 
ren erreicht und die Brust ist ein besonders schwacher 
Teil 16 ). Vor 120 Jahren schrieb Cranz ganz ähnlich vom 
Eskimo, er werde selten über 50 und nur ausnahmsweise 
über «30 Jahre alt. Auch bei den Camerun fand ich be- 
stätigt, sagt Reichenow, daß die Neger infolge der schlech- 
ten Lebensweise sehr früh altern und daß die Zahl ihrer 
Lebensjahre gering ist. Ich glaube, daß 60 Jahre im 
allgemeinen das höchste Alter ist, welches ein Neger er- 



314 Mittleres Lebensalter. 

reicht: ein Zeichen, daß die Kultur nicht das menschliche 
Leben verkürzt, sondern es verlängert 17 ). Während es 
an ähnlichen Beobachtungen in der ethnographischen 
Litteratur nicht mangelt 18 ) — auffallend selten sieht man 
Greise auf den photographischen Aufnahmen von Gruppen 
Eingeborener — werden genaue Zählungen auf Grund zu- 
verlässiger Altersangaben erst möglich, wo „die Wilden" 
in den Kreis der Kultur eintreten. Doch kann man schon 
jetzt sagen, daß die absteigende Bewegung der Lebens- 
dauer, welche wir bei den Kulturvölkern dort beobachten, 
wo wir uns von höheren zu niederen Stufen begeben, 
auch bei den Naturvölkern sich noch weiter fortsetzt. 
Die Dauer einer Generation ist in außereuropäi- 
schen Ländern in der Regel kleiner, weil der Zeitraum 
von der Geburt bis zur Erzeugung von Kindern bei uns 
länger zu sein pflegt als bei Völkern heißer Länder und 
vielleicht überhaupt bei Völkern auf einer tieferen Ge- 
sittungsstufe, deren frühzeitige Eheschließungen selten 
durch die Sitte und noch seltener, wie bei den Zulu, 
aus politischen Gründen verzögert werden 19 ). 

Rasche Schwankungen. In den Kulturländern finden 
wir rasche Schwankungen der Bevölkerungszahlen fast 
nur in den kleinsten geographischen Einheiten, den 
Dörfern, welche man sogar verschwinden und an anderen 
Stellen neu erstehen sah. Aber diese Schwankungen, 
an sich selten, gehen in den großen Zahlen unter, welche 
uns einen ruhigen nur gegendweise in früheren Jahr- 
hunderten durch große Kriege — der Dreißigjährige Krieg 
brachte die Bevölkerung Alt- Württembergs auf */4, die- 
jenige von 19 hennebergischen Dörfern auf */ü herab — 
unterbrochenen Fortgang in fast allen diesen Ländern 
zeigen. Wenden wir uns anderen Gebieten zu, dann 
ändert sich das Bild sehr bald und zwar um so rascher, 
je kleiner dieselben sind. Je kleiner und selbständiger 
ein geographisches Gebiet, desto schwankender das Schick- 
sal eines Volkes auch nach der Zahl, wie Insel Völker 
bezeugen, deren paar hundert Seelen in kurzer Frist aus- 
sterben, und die sich aber ebenso rasch wieder bevölkern 



Rasche Schwankungen. 315 

und sogar Übervölkern können. Der kleine Wasservorrafr 
ließ schon 1831 die mehrfach genannte Pitcairninsel 
als zu klein für die noch nicht 100 Köpfe zählende Be- 
völkerung erscheinen, und es fanden Auswanderungen 
statt, die zwar in unserer Zeit nicht mehr, wie es früher 
geschehen war, diese Insel menschenleer machen, aber 
sie doch in der Kultur zurückgehen lassen konnten. 
Aehnliche Fälle hatten wir schon früher zu berichten (s. 
o. S. 66). Die Aufgebung von Inseln durch ihre ganze 
Bevölkerung ist als Folge der Strafexpeditionen deutscher 
und englischer Schiffe in den letzten Jahren mehrfach 
z. B. im Falle von Joannet eingetreten. Wie ozeanische 
Inseln, so konnten Thäler im Hochgebirge ihre Bevölke- 
rungen verlieren, besonders durch Seuchen, um dann 
durch Zuzug von außen sich wieder zu bevölkern. Das 
Martellthal soll im 15. Jahrhundert durch die Pest ver- 
ödet und durch Zuzug aus Ulten, Schnals und Passeyer 
regeneriert worden sein. 

Bei Völkern auf niederer Kulturstufe breiten sich 
diese raschen Bewegungen über weite Gebiete aus, sie 
werden unabhängig von der Oertlichkeit, wurzeln aber 
um so tiefer in dem Volke selbst. Die Geschichte dieser 
Völker ist daher eine Geschichte der Abnützung. Der 
rasche Wechsel in den Umgebungen und Aeufierlichkeiten 
läßt Neues nicht aufkommen, nützt aber alten Besitz ab, 
und verbraucht fruchtlos eine Masse Arbeit. In den 
europäischen Gebieten haben wir zum letztenmal im 
Dreißigjährigen Krieg Aehnliches sich vollziehen sehen. 
Später traten große Verschiebungen dieser Art nur noch 
an den Grenzen der Barbarei ein. Die Verödung Ungarns 
infolge der Türkeneinfälle und die großartige Ansiedelung 
von 40000 Serbenfamilien im Süden des Landes, liegen 
an der Grenze der Civilisation. 

Der schwächere Halt am Boden gestattet hier Schwan- 
kungen von einem Betrage, der selbst in den Kolonialge- 
bieten der Europäer unerhört ist. Es wandern thatsäch- 
lich ganze Völker, die vor- und nachher ansässig sind, bloß 
um einer politischen Beschwerdung oder Gefahr zu ent- 
gehen. Der erste Census der Kapkolonie von 1865 er- 



310 Rasche Schwankungen. 

gab eine auffallende Zunahme der farbigen Bevölkerung, 
in einigen Bezirken, z. B. in dem von Queens Town von 
6880 auf 31875 seit 1856, welche fast ausschließlich 
auf Zuwanderung aus den unabhängigen Gebieten zurück- 
zuführen war. 1852 folgten dem englischen Heere 
7000 Fingu mit 30000 Rindern, als dasselbe von Kreli 
zurückkehrte, und wurden am Bichafluß angesiedelt 20 ). 
Als Mehemed Ali Sennaar erorberte, verließ die ganze Be- 
völkerung die Stadt und siedelte nach Aleisch, einem Be- 
zirk an der abessinischen Grenze, über. Umgekehrt zogen 
sich in den 20er Jahren die Kordofaner nach Dar For 
und 50 Jahre später verschob die ägyptische Eroberung 
von Dar For die Bevölkerungsverhältnisse derart, daß zahl- 
reiche Niederlassungen in der Ebene verödeten, deren 
Bewohner in das Gebirge sich zurückzogen. Diese Nieder- 
lassungen, deren Spuren Dr. Pfund 1876 in großer Zahl 
auf seiner Reise nach El Fascher begegnete, waren aber 
selbst erst einige Jahre oder Jahrzehnte vorher von 
Kordofanern begründet, die eingewandert waren um der 
ägyptischen Willkür zu entgehen 21 ). Wenjukow berech- 
net, daß von 1841—63 die unabhängigen Völker des 
Nordwestkaukasus durch Auswanderung und Tod in Ge- 
fechten 135000 Seelen verloren hätten, d. i. 44°/o"). 
Vgl. auch den 10. Abschnitt am Schluß. 

Werden Völker von so rasch wechselndem Wohnplatz ge- 
schichtlich, so ist in ihrer Beurteilung dieser Eigenschaft wohl 
Rechnung zu tragen, die dann als ein Ausdruck der allgemeinen 
Regel erscheint, daß die Politik auf dieser Stufe weniger mit Ländern 
als mit Völkern rechnet. Wir wissen, daß in Nordamerika eben- 
falls die Sitte herrschte, bei Angriffen mächtiger Feinde zu weiter 
entfernten befreundeten Stämmen zu fliehen und das Land offen 
liegen zu lassen. Daher die Schwierigkeit die Gebiete der einzelnen 
Stämme festzuhalten. Die zwangsweisen Versetzungen sind dabei 
nicht zu übersehen, denn ihr Betrag kann ein sehr hoher werden. 
König Ali führte aus seinem Bagirmikriege nach einheimischen 
Angaben 80 000 Freie und Sklaven in sein Land. Nachtigal hält 
zwar die Zahl für übertrieben, meint aber, 12—15 000 erreichten 
vielleicht die Wahrheit nicht ganz 23 ). Diese Versetzungen können 
Verlegungen des politischen Gewichtes von großem Belang zur 
Folge haben. Die Geschichte europäisch- indianischer Beziehungen 
in Nordamerika nimmt von dem Augenblicke der räumlichen 
Trennung der fünf Nationen einen schwachen, zersplitterten Cha- 



Ihre politische Bedeutung. 317 

rakter auf der indianischen Seite an. Der stärkste Stoß, den der 
Bund der fünf Nationen erfuhr, war die Lostrennung eines Teiles 
desselben nach dem Unabhängigkeitskriege and dessen Auswande- 
rung nach Kanada. Die in wenigen Jahren geschehene Vermeh- 
rung eines Kaffernstammes, wie der Xosa, die zwischen 1834, dem 
letzten Krieg der Engländer mit Hintsa, und 1847, dem Beginn 
der Wirren mit Sandile, des fünften Kaffernkrieges, über alles Er- 
warten stark geworden, hat die Berechnungen europäischer Poli- 
tiker durchkreuzt. Auch in der Geschichte der innerasiatischen 
Völker und ihrer Nachbarn ist der rasche Wechsel der Be- 
völkerungszahlen ein mächtiger Faktor. Noch aus der j üngsten 
Zeit haben wir darüber bestbezeugte Nachrichten. Die Tekinzen 
von Merw hatten sich vor der Unterwerfung durch Rußland stark 
vermehrt. Sie zählten damals 50000 Kibitken, d. i. nach der ge- 
wöhnlichen Schätzung 250000 Seelen. In den 30er Jahren hatte 
man immer nur von 10000 Kibitken gesprochen. Seijbdem hatten 
sie die Salyri mit 2000 Familien zum Anschluß gezwungen und 
den Zuzug zahlreicher Turkmenen aus Achal erhalten. Trotz so 
mancher Erfahrungen hatten die Russen nicht die Stärke voraus- 
gesehen, in welcher die Tekinzen in Merw ihnen entgegentraten. 
Ein Beispiel plötzlicher Verminderung liefert ein anderes Kapitel 
russisch-asi atischer Geschichte, diejenige des Ililandes, welches die 
Chinesen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in angeblich ent- 
völkertem Zustande angetreten. Vergleicht man die Angaben über 
die Bevölkerung, welche die Russen 1871 in diesem Gebiete träfe», 
mit der Zahl einer Schätzung, welche 1862 Radloff angestellt, so 
ergibt sich ein Rückgang in diesen kampfreichen Jahren auf ein 
Zehntel! Nach dem Mohammedaner- Aufstand im westlichen China 
verödeten unter anderen auch die Ostufer des Kukunor trotz ihres 
Grasreichtums. Die Mongolen waren geflohen und die Tanguten 
mieden die Nähe der Chinesen. So fand Kreitner die Verhältnisse 
noch nach Jahren 24 ). 

Die Auswanderung in friedlichen Zeiten, die aller- 
dings auch öfters ihre politischen Ursachen haben mag, 
erreicht ebenfalls gewaltige Beträge. Die Bevölkerungs- 
zahl von Pegu hat in einzelnen Jahren um 10°/o (von 
1859 bis 1861 von 948000 auf 1150000) sich vermehrt, 
was großenteils der Einwanderung aus dem mißverwal- 
teten Birma zuzuschreiben war 25 ). Die Bevölkerung 
Kauars ist alljährlich am größten zur Zeit 'der Dattelernte, 
die mit dem reichsten Salzertrage zusammenfällt, sie mag 
dann 6000 erreichen, um in der Zwischenzeit auf 2300 
herabzusinken. Die Oase entvölkert sich aber fast ganz 
nach einem der wiederkehrenden räuberischen Ueberfälle 
der Tuareg, worauf langsam die frühere Bevölkerung samt 



O C %J dl. 



4/ V 



318 D as Zahlenverhältnis der Geschlechter. 

Fremden die verödeten Hütten wieder aufsuchen. Hier- 
her gehört endlich die Verschmelzung ganzer Völker 
und die Anschwellung ihrer Zahlen durch die systemati- 
sche Einverleibung von Kriegsgefangenen. Die Verwen- 
dung der Kriegsgefangenen zur Ausfüllung der Lücken, 
welche Krieg oder Krankheiten in den heimischen Hütten 
gerissen, gehörte zum öffentlichen Rechte der Indianer- 
stämme, aber auch zu den Notwendigkeiten ihres Da- 
seins und ihrer Forterhaltung. Das erste und wichtigste 
nach der Rückkehr von einem glücklichen Kriegszug 
war für die Sieger die Verteilung der Kriegsgefangenen. 
Zuerst wurden die Weiber bedacht, welche Männer oder 
Söhne verloren hatten, dann erfüllten die Krieger die 
Verpflichtungen, welche sie gegen solche übernommen, 
die ihnen Wampumgürtel gegeben hatten. Blieb ein 
Rest, so wurde er den Alliierten überwiesen. Da die 
Matronen an der Spitze der Sippen oder Clans standen 
und an deren Erhaltung ein Interesse hatten, so begreift 
man, daß oft von ihnen die Anregung zu Kriegszügen 
ausging. War Not an Männern, so traten Kriegsgefangene 
ohne weiteres gleichberechtigt in die Sippe ein. 

Das Zahlenverhältnis der beiden Geschlechter. Die 
Natur sorgt für annähernd gleiche Zahlen von Männern 
und Weibern und bestimmt also ungefähr jedem Mann 
ein Weib. Bei den kultivierten Völkern ist zwar ein 
üeberschuß männlicher Geburten nachgewiesen und die 
kürzere Lebensdauer der Männer ist eine weitverbreitete 
Erscheinung von zum Teil sehr einfacher Begründung. 
In dem Zahlenverhältnis der Weiber zu den Männern 
liegt auch ein Rassenelement, denn im ganzen überwiegen 
in Europa bei den romanischen und südslawischen Völkern 
die Männer, bei den germanischen und nordslawischen 
die Weiber. Aber viel mehr streben die Sitten und Ge- 
bräuche der Menschen, sowie Einflüsse, deren Natur wir 
noch nicht genau kennen, dieses Verhältnis zu ändern. 
Wirtschaftliche und politische Verhältnisse häufen an 
einer Stelle das eine Geschlecht stärker an. Wirkt die 
monogamische Ehe immer einigermaßen ausgleichend 



Uebensithl von Milnuem. 319 

und stellt in verhältnismäljig kurzer Zeit das Gleich- 
gewicht her, wo es z. B. in jungen Ländern durch vor- 
wiegende Einwanderung der Männer gestört wurde, so 
wirkt entgegengesetzt die Polygamie, die wesentlich dazu 
beiträgt, auf niederen Kulturstufen das Gleichgewicht 
in der Zahl der beiden Geschlechter zu stören und da- 
durch die Bewegung der Bevölkerung gefährlichen Schwan- 
kungen auszusetzen. Die Tendenz auf diese- (.11 eiehge wicht 
ist ebenso hezeichnend für die höheren, wie die beständig!' 
Erschütterung desselben für die niederen Kulturstufen. 
Bei sehr tiefsteh enden Völkern, die mit dein Elend 
ringen, scheint durchaus die Zahl der Weiber hinter einer 
Ueberzahl von Männern zurückzubleiben. Nach dem 
Census von 1881 zählten die Eingeborenen der Kolonie Süd- 
australien im engeren Sinn (Meeresküste bis ~2Ü " s. B.| 5628, 
wovon -4MO dem weiblichen Geschlecht angehörten; von den 
in dieser Zahl enthaltenen 8*;i Kindern waren auch nur 405 
weibliche. Zunächst trifft der hier all verbreitete Kinds- 
mord das schwächere Geschlecht am schärfsten und auf 
seine überlebenden Glieder legt sich am bärtesten die Last 
des Lebens, die vor allem bei wandernden Völkern unge- 
recht verteilt ist. Wenn eine Bevölkerung zurückgeht, so 
scheint, zuerst der weibliche Teil rascher sich zu vermin- 
dern als der männliche. Derartige Völker pflegen kriege- 
risch gesinnt zu sein. Der Verlust eines Weibes ist kein 
Verlust für einen kriegerischen Stamm, er wird wenigstens 
nicht als solcher betrachtet, da er nur das Individuum 
betrifft. Einzelstehende Weiber läiät mau unbarmherzig 
untergehen. Je härter der Kampf ums Leben, desto 
stärker das Bedürfnis des Anschlusses des schwächeren 
Teiles an den stärkeren, daher in einem Lande wie Grön- 
land einzellebende Weiher ohne männliche Kinder auf 
die Dauer nicht zu existieren vermögen. Von einem 
Ueberschufj an Weibern kann also hier keine Rede sein, 
oder höchstens nur in ganz vorübergehender Weise. Und 
so ist denn sehr glaublich, was Beveridge in seinen Ab- 
handlungen über die Eingeborenen der Lakustrin-De- 
pression Südaustraliens ausspricht, datä in allen Stämmen 
die Männer beträchtlich überwiegen. Die Ursache davon 



320 Ueberzahl von Männern. 

sucht er in großer Sterblichkeit der erwachsenen Wei- 
ber durch frühes Mutterwerden, Ueberarbeitung, Entbeh- 
rung, Zügellosigkeit und Gewalttätigkeit der Männer. 
Schon Forster hat in Polynesien auf diese Ungleichheit 
aufmerksam gemacht und sie ist später bestätigt worden. 
Das Verhältnis war vielfach ein ganz abnormes, bis zu 
1 Weib auf 4 — 5 Männer steigendes, wie es bei den Ein- 
geborenen Hawaiis noch später gefunden ward. Und 
Kapitän Geisler fand 1883 auf der Osterinsel unter den 
150, welche den ärmlichen Rest der einst viel größeren 
Bevölkerung darstellten, 07 Männer, 39 Frauen und 
44 Kinder. Die erste Zählung in Fidschi wies 57493 
männliche und 51431 weibliche Individuen nach. Das 
genaue Verzeichnis der Bevölkerung des Kupferflußge- 
bietes von Henry T. Allen gibt 128 Männer, 98 Frauen, 
140 Kinder. In Afrika fand Franfois Ursache bei seiner 
Reise zum Mona Tenda über die überwiegende Zahl der 
männlichen über die weiblichen Personen bei diesem 
Zweige der Baluba erstaunt zu sein. Und der fast ganz 
nomadische Stamm der Aulad Ali, der hervorragendste 
der ägyptischen Beduinenstämme — 1882 wohnten 81 °/o 
in Zelten, 19°/o in Hütten — hat auf 100 männliche 
71,5 weibliche Individuen aufzuweisen 26 ). 

Die geringere Zahl der Frauen wirft als Merkmal 
der Koloniall ander, weil überall weniger Frauen als 
Männer wandern, ein weiteres Licht auf dieses Mißverhält- 
nis. Der unruhige Zustand vieler Völker auf barbarischer 
Stufe, ist dem Anwachsen des weiblichen Elementes nicht 
günstig. Es gibt große Auswanderungen, wie die der Chi- 
nesen nach den Uferländern des Stillen Ozeans und West- 
indien, in welchen die Frau noch nicht zu 1 °/o vertreten 
ist. In Britisch -Guyana kommen trotz der geregelteren Aus- 
wanderung der Indier im ganzen etwa 10000 Kulifrauen 
auf 30000 Männer. Der Census vom 30. September 1880 
gab in Pietermaritzburg an Kaffern 2488 Männer. 
307 Weiber, 405 Knaben, 189 Mädchen. Ein solches 
Mißverhältnis zeigten dort selbst nicht die indischen Kuli 
mit 408 Männern, 155 Weibern, 93 Knaben und 98 Mäd- 
chen 27 ). Der erste Census in der Kapkolonie (von 1805) 



Ungleiche geographische Verbreitung der Geschlechter. 32 1 

ergab einen Ueberschufi des männlichen über das weib- 
liche Element von 6 °/o. Nach statistischen Notizen Krapot- 
kins aus 1868 28 ) betrug der Ueberschuß der Männer über 
die Frauen im Gouv. Irkutsk 11 °/o, im Gouv. Jakusk 5°/o, 
Von 1859 bis 1873 hat sich die Zahl der Frauen im 
Verhältnis zu der der Männer im Amurgebiet von 100 : 74 
auf 100:81 gesteigert; zieht man die Kosakenbevölkerung 
ab, so betrug das Verhältnis 100:95. Bei den Einge- 
borenen ist das Verhältnis nur 100:63 29 ). 

Zu den bezeichnenden Erscheinungen des jungen 
Volkskörpers gehört also die ungleiche geographische 
Verteilung der Geschlechter auf die verschiedenen 
Gebiete. In den Vereinigten Staaten wies der Census von 
1880 im Distrikt von Columbia 112524, in den Staaten 
Rhode Island und Massachusetts 107 870 und 107 712 Frauen 
auf 100 000 Männer, und in den Staaten, bezw. Terri- 
torien Idaho, Nevada, Wyoming, Arizona, Montana von 
49463 Frauen im ersteren bis 38975 im letzteren auf 
100000 Männer nach. Der Mississippi teilt annähernd 
das ganze Land in einen östlichen Teil, in dessen Bevölke- 
rung man ein leichtes Ueberwiegen der Frauen wahrnimmt, 
und einen westlichen mit sehr ausgesprochenem Männer- 
übergewicht in der Bevölkerung. Dort die stark bevölker- 
ten Industriegebiete, hier die Territorien, in denen die rauhe 
Kulturarbeit erst anhebt; dort die Gebiete der Auswande- 
rung, hier der Einwanderung. Wanderungen stören 'den 
Aufbau der Bevölkerung. Je weiter sie gehen, desto stärker 
wird das Uebergewicht der Männer. Im Laufe unseres 
Jahrhunderts ist immer die weibliche Bevölkerung stärker 
nach Westen vorgedrungen. Dem Gleichgewicht der 
Geschlechter kommen die älteren Ackerbauregionen nicht 
nur des Südens, sondern auch des Westens (Neu-Mexiko) 
am nächsten. In Canada zeigt die Provinz Quebec 100,4 
Weiber auf 100 Männer, Manitoba 77,2, Britisch-Columbia 
67,2. Das ist die Abnahme von den alten zu den jungen 
Gebieten der Dominion. Das Verhältnis von 100,7 in den 
Nordwestterritorien ist den dort eingewohnten und die 
Hehrheit bildenden Indianern zuzuschreiben. 

Auch die Mittelpunkte großen Handelsverkehres 

Ratzel, Aiithropogeographie II. 21 



322 Geschlechterverhältnis bei den Kolonialvölkern. 

lassen sich hier anreihen als Plätze, die, wenn auch nur 
vorübergehend, durch starkes Uebergewicht der Zahl der 
Männer charakterisiert werden. Alle Wallfahrtsorte in 
mohammedanischen und buddhistischen Ländern zählen 
hierher. Montgomeries Pundit, der die Reise nach Lhassa 
machte, gab die Bevölkerung Lhassas zu 9000 weiblichen 
und 6000 männlichen Einwohnern an, aber in der Zeit 
der Ankunft der Wallfahrer füllt sich die Stadt mit 3- 
bis 4mal soviel Männern 30 ). 

Ueberschufi der Weiber über die Männer 
waltet bei Völkern aller Kulturstufen ob, deren männ- 
liche Hälfte durch Krieg oder Auswanderung sich ver- 
mindert. Nach dem in unglaublichem Maße männer- 
mordenden Kriege von 1863 ergab die letzte Volkszäh- 
lung in Paraguay 346048 Seelen, wovon ca. 2 /3 Weiber. 
Ausgeschlossen sind die nomadisierenden Indianerstämme 
des Ostens und Nordens. Es ist sehr interessant zu sehen, 
daß schon vor Jahren Dobrizhoffer in der Bevölkerungs- 
tafel der „Guaranischen Flecken" unter Jesuiten Verwal- 
tung 30362 Familien, 356 Witwer, 7542 Witwen, 
72768 Kinder bei 141182 Seelen angibt. Er sucht die 
Zahl der Witwen durch längere Lebensdauer der Weiber 
und häufigeres umkommen der Männer zu erklären. In 
der Gesamtseelenzahl befindet sich der erhebliche Ueber- 
schuß von 6372 Weibern. Auf den Südseeinseln, welche 
Plantagenarbeiter liefern, läßt diese Auswanderung, welche 
öfter gezwungen als freiwillig stattfindet, das weibliche 
Geschlecht überwiegen und so übertraf auf Rotumah, als 
1879 die Briten es annektierten, die Zahl der Frauen ganz 
erheblich diejenige der Männer, weshalb die Regierung 
von Hawaii, wo das Verhältnis ein umgekehrtes ist, große 
Anstrengungen machte, die ersteren zur Auswanderung 
nach ihrem Reiche zu bewegen. Ungemein scharf sprechen 
sich diese Mißverhältnisse in den kriegerischen Ländern 
Afrikas aus, wo nach Felkins Schätzung, z. B. bei den 
Waganda, auf 2 Männer 7 Weiber kommen. Felkin gibt 
folgende Gründe dafür an: Ueberzahl weiblicher Geburten, 
Männerverlust im Kriege und Weiberraub. Weiter östlich 
findet Emin Pascha bei den Liria auffallend wenig Männer 



Weiberüberechuß. 323 

bei vielen Frauen und Mädchen. Es wird interessant sein, 
die geographische Verbreitung dieses Mißverhältnisses zu 
verfolgen. Catlin hat die das Verhältnis in 2 oder 3 zu 
1 verschiebende Ueberzahl der Weiber bei Indianerstäm- 
men Nordamerikas einfach als eine Folge der Kriege 
bezeichnet al ). Wenn eine Aufnahme von 1880 für Trans- 
vaal 62826 Männer, 78394 Weiber und 158528 Kinder 
nachweist, so liegt eine weitere Ursache in den friedlichen 
Wanderungen nach den Goldfeldern vor. 

Sind nun diese Mißverhältnisse auch nicht so allge- 
mein, so daß es nicht Ausnahmen gäbe, deren eine („das 
Zahlenverhältnis der Geschlechter ist gleich") WiÜ. J. 
Turner von dem neuguinesischen Stamme der Motu 
bestimmt hervorhebt : '-j, so geht doch ein stärkeres 
Schwanken der Zaiil der Geschlechter, als man bei Kul- 
turvölkern findet, durch alle Natur- und Halbkulturvölker. 
Es ist dabei sehr bezeichnend, dalii der ebengenannte 
Berichterstatter, ein Missionar, von den Motu sagt: „Die 
sittlichen Verhältnisse sind im allgemeinen zufrieden- 
stellende und der Mann begnügt sich mit einer Frau, 
selten machen hiervon Häuptlinge eine Ausnahme, indem 
sie zwei bis drei Weiber haben. Die Kinder werden gut 
behandelt und Kindermord ist unbekannt." Ohne es zu 
wissen, hat er hier einen Komplex zusammengehöriger 
Erscheinungen berührt, deren Wirkungen auf ein und 
dasselbe Ziel hin gerichtet sind, ähnlich wie Robert Fel- 
kin, indem er von den For rühmt, daß sie fruchtbar und 
nicht von lockeren sittlichen Grundsätzen sind, nicht den 
Kindsmord üben, das Alter in beiden Geschlechtern ehren, 
die wichtigsten der Eigenschaften zusammenfaßt, welche 
günstig auf die Vermehrung wirken. 

Die Polygamie vermehrt bei einzelnen die Zahl 
der Weiber und vermindert sie bei anderen. Eine ge- 
rechtere Verteilung der Güter, wie sie für anderen Besitz 
angestrebt wird, ist jedenfalls bezüglich der Weiber ein- 
getreten mit dem System der Monogamie, das die An- 
häufung der Weiber in den Händen der Reichen und be- 
sonders des Staats hau fites aufhebt. Soweit die Kultur auf 
dem ruhigen, regelmäßigen Wachstum der Völker beruht, 



324 Wirkungen der Polygamie. 

verdankt sie diesen Segen wesentlich dem Rückgang dieser 
Sitte. Wo Vielweiberei herrscht, und alle Völker auf 
niederen Kulturstufen sind formal oder praktisch Polyga- 
misten, sind im Staate, im Stamme, in der Familie die 
Weiber ungleich verteilt und sinkt die Zahl der Ge- 
burten. Viele Männer erhalten keine Weiber, selbst, wo 
der Ueberfluß so groß wie in Uganda, wenige wissen 
sich deren viele zu verschaffen. Diese letzteren sind aber 
nicht im stände für das Minus der Geburten aufzukommen, 
welche durch die gezwungene Ehelosigkeit so vieler er- 
zeugt wird. Schon Malthus wußte, daß in der Türkei 
die monogamischen Ehen der Christen mehr Kinder er- 
zielten, als die polygamischen der Türken. Die Behaup- 
tung ist durch neuere Beobachter ausgiebig bestätigt 
worden. Sie kann auch Belege bei anderen polygamischen 
Völkern finden Die heidnischen Namaqua waren ent- 
schiedene Polygamisten und Chapman erzählt sogar, daß 
einer ihrer Stämme in der Absicht, seine Zahl rasch zu 
vermehren, für jeden Mann so viel Weiber nahm, als er 
ernähren konnte. Aber in wenigen Jahren sei das Er- 
gebnis des Experimentes der entschiedene Rückgang seiner 
Volkszahl gewesen, während die, welche auf Missions- 
stationen lebten und sich auf ein Weib beschränkten, 
immer eine bedeutende Zunahme erkennen ließen. Man 
muß die soziale und sogar politische Bedeutung der 
Vielweiberei erwägen: der Besitz zahlreicher Weiber 
schafft Verwundtschaften, gibt Einfluß und repräsentiert 
einen Schatz wertvollster Schenk- und Tauschwaren. 
Welche Massen von Weibern durch die Polygamie 
lahmgelegt w»r«len. vermögen einige besser beglaubigte 
Zahlen nur anzudeuten. Speke wies dem Mtesa 3 bis 
40'» Weiher zu, Felkin gab ihm ebensoviel Tausend. 
In so ungemein fruchtbaren Ländern, wie sie um die 
großen Seen Innerafrikas liegen, können solche Exzesse 
sich herausbilden, die Müßiggang voraussetzen und her- 
vorbringen, weshalb sie auch am besten in den höchsten 
Schichten gedeihen. Daß dagegen die allgemeinen Be- 
völkerungszahlen un<l die Lebensumstände die Vielweiberei 
bei armen und elenden Völkern, wie den Feuerländern 



Zu rück drängung der Polygamie. 325 

und Patagoniem, verbieten, ist ein wahrer Segen. Sie 
würden sonst noch rascher zurückgehen üa ). 

Naehtigal hat in seiner Schilderung der Teda von Tibesti* 1 ) 
die Einwirkung des kärglichen Lehens in einer Gebirgsoase der 
Wüste auf i-lii.' H'.'v.i]k,iii(ii;slii.'\vi^in]^ an ein im sein- interessanten 
Beispiel aufgewiesen. Die Teda machen von der Erlaubnis der 
Polygamie, die ihnen der Islam gibt, sehr müßigen Gebrauch. 
Sie haben wohl nie zwei Frauen an einem Ort, selten höch- 
stens eine zweite Frau an einem Orte, den sie auf ihrrn Mandels- 
/.iigen (jficrs besuchen, wie Kauar. und lassen sieh auch nellerier 
als viele von ihren Glaubensgenossen dazu hinreißen, eine Frau 
SD verstoßen. „Die kleine Anzahl von Fernen im Lande, ihr hartes 
Leben der Anstrengung und Entsagung, das der Entwickelung der 
Sinnlichkeit nicht eben günstig ist. der entschiedene Charakter 
der Frau: alles begünstigt in Tibecti i|j,- .Monogamie. Durch sie 
nimmt die Frau eine maßgebende Stellung in Haus und Familie 
ein, aber sie gilt auch weithin als vorzügliche Hausfrau und er- 
freut sich sogtir des Hufes einer gewissen GesrhäJiMüchtigkrit.* 
Daß die Ehen nicht kinderreich sind, führt Nachtigal auf die 
klimatischen und alk'c meinen Lelit-iisvevliiillnifsp, I eil »eise aber 
auch auf die wandernde Lehensweise zurück, welche die Teda- 
münner oft lange Zeit vom Hause fernhält. 

Der Zwang zur Arbeit wirkt regelnd auch auf diese 
Verhältnisse. In derselben Zeit, in welcher bei den Be- 
wohnern von Kauai die Geburten zu den Ster befallen 
sich wie 1 : 3 verhielten, zeigte sich auf Nihau das Ver- 
hältnis von 4:3. Nihau ist einer der ärmsten Teile des 
hawaiischen Archipels, aber seine Bewohner sind eben 
deshalb fleißig und sind besonders geschickt in der Be- 
reitung des Salzes und im Mattenflechten. "Wo sich die 
Kin geborenen regelmäßiger Arbeit widmeten, zeigte sich 
überall ein günstiger Einfluß auf ihre körperlichen Zu- 
stände und ihre sozialen Verhältnisse. Baelz erklärt die 
Kindersterblichkeit beim Volke Japans für gering, bei 
den „dekrepiden höheren Ständen" dagegen für groß" 5 ). 
Wenn sowohl in China als in Japan zum Heil des Volkes 
die gesetzlich gestattete Vielweiberei niemals die große 
Ausdehnung erreichte, wie in anderen Ländern des Orients, 
so mag in milderer Form jenes selbe Motiv der im ge- 
rn Uli igten Klima schwierigeren Nabrungsbesehaflüng sich 
wirksam gezeigt haben. Die Einfuhr von Sklavinnen war 
verschwindend gering und der Kindsmord ließ im eigenen 
Lande keinen Ueberfluß an Weibern sich erzeugen. Den 



326 Gentilsystem und Adoption. 

chinesischen Geschichtschreibern folgend, können wir für 
frühere Perioden der chinesischen Geschichte andere 
Grundlagen annehmen, so soll in der Tscheu-Dynastie 
das Verhältnis der Frauen zu den Männern 5:2 erreicht 
haben, aber seit lange scheint ähnlich wie in Japan das 
Zahlen Verhältnis der beiden Geschlechter die Vielweiberei 
praktisch eingeengt zu haben, so daß in Japan lange vor 
der europäischen Zeit die Samurai von ihrem Rechte auf 
2 Nebenfrauen selten Gebrauch machten. 

Zwei Einrichtungen, die auf diesen Stufen das Leben 
und Fortleben der Völker entscheidend bestimmen, sollten 
bezüglich ihres Einflusses auf die Bewegung der Bevölke- 
rung und das Zahlenverhältnis der Geschlechter genauer 
untersucht werden. Wir meinen das Gentilsystem und 
die Adoption. Wo das erstere als ein System des Zu- 
sammenhaltens aller Blutsverwandten unter einem Totem, 
Kobong oder Atua so ausgesprochen waltet, wie im öst- 
lichen Nordamerika oder in Australien, würde ein starkes 
Wachstum dasselbe gesprengt haben. Wir hören auch 
hier viel von Kindsmord, wobei die männlichen Kinder 
bevorzugt wurden, weil diese die Möglichkeit boten, durch 
Hineinheiraten in eine fremde Sippe, diese in den Einfluß- 
kreis der Muttersippe zu ziehen a6 ). Die Adoption kann 
in anderer Weise der gesunden Entwickelung der Familien 
gefährlich werden. Kotzebue glaubte beim ersten Besuch 
der Radakinseln aus der geringen, in keinem Verhältnis zur 
großen Kinderzahl stehenden Gesamtbevölkerung, und aus 
der geringen Größe der Kokospflanzungen auf eine erst 
kurze Bewohnung dieser Inseln schließen zu können. 
War wirklich der Wachstumstypus junger Völker ihm ent- 
gegengetreten? Große Kinderzahlen sind bezeichnend 
für die Völker, welche auf neuem Boden siedeln. Wo 
es sich indessen um pazifische Völker handelt, wie hier 
oder in der Angabe Chesters über den Kinderreichtum 
der Tudinsulaner 37 ), wird man auch immer an die dort 
weit, ja bis zur Zersetzung der Familie verbreitete 
Adoption denken dürfen. Zwar führte zunächst die Hoch- 
haltung des Familienzusammenhanges zur weiten Verbrei- 
tung der Adoption, die wir deshalb in Ostasien so allge- 



Darstellung der Bevölkerungsbewegung. 327 

mein finden. Aber gerade in Japan wirkte diese mit der 
Zeit außerordentlich gewachsene Sitte auch wieder zer- 
setzend auf die Familie ein, die bei gewohnheitsmäßiger 
Adoption ihren natürlichen Zweck vergaß, zur Korpo- 
ration herabsank und in welcher in demselben Maße wie 
die Neuaufnahme Fremder erleichtert ward, auch die 
Ausstoßung der natürlich Zugehörigen, die dem Pater 
familias zustand, zu mißbräuchlicher Häufigkeit führte. 
Am Rückgang der Palauinsulaner trägt nach Kubarys 
Schilderungen die Adoption einen wesentlichen Teil der 
Schuld. 

Die Darstellung der Bevölkerungsbewegung. Die Sta- 
tistik strebt die Bewegung der Bevölkerung festzuhalten, indem 
sie dieselbe auf einen bestimmten Zeitpunkt gleichsam projiziert 
und das so gewonnene Bild unter der Voraussetzung zeichnet, das- 
selbe werde sich längere Zeit hindurch wiederholen. Gelingt es 
ihr, dies zu thun, so hat es doch nur für die beschränkte Zeit 
Geltung, in welcher es die Bewegung als ins Stehen gekommen 
vorstellt. Rasche und ungleichmäßige Bewegungen können über- 
haupt nicht in dieser Weise fixiert werden und die Statistik der 
Bevölkerungsbewegung ist nicht bloß bezüglich ihrer Methoden 
ein Kind höherer Kultur, sondern sie kann auch nur auf Kultur- 
völker angewendet werden. So stehen wir hier ähnlich wie in der 
Frage der Bevölkerungsschätzungen der Aufgabe gegenüber, auf 
geographischem Boden einem Problem gerecht zu werden, welches 
für die Statistik außerhalb der Grenze liegt. Der Weg ist durch 
jenen Vorgang gewiesen. Die Geographie fragt nach den räum- 
lichen Merkmalen der Erscheinung und sucht diese zu umgrenzen. 
Auch für sie ist zuerst der rasche Wechsel der Bevölkerungen in 
Innerafrika eine Zeiterscheinung, aber sie kann dieselbe räumlich 
darstellen, indem sie das Gebiet umgrenzt, auf welchem jener 
Kulturstand vorherrscht, für welchen sie charakteristisch ist. Da- 
rüber hinaus führt dann nur noch der Weg, welcher die Wirkungen 
der Bevölkerungsbewegung in der verschiedenen Dichtigkeit der 
Bevölkerung räumlich zum Ausdruck kommen sieht. Wir befinden 
uns hier aber auf der Grenze zwischen wissenschaftlicher und 
Tages-Kartographie; denn da die raschen Schwankungen für diese 
Gebiete bezeichnend sind, kann diese Darstellungsweise nicht für 
lange Zeiträume gelten. Es muß der Fehler vermieden werden, 
in welchen Behm verfiel, als er die von Livingstone so drastisch 
geschilderte Verwüstung des Kone - Plateaus im westlichen 
Nyassalande zum Anlasse nahm, einen leeren Fleck auf seine 
Karte der Bevölkerung der Erde (1874) zu zeichnen, der sich 
sicherlich lange vor dem Erscheinen dieser Karte wieder zu be- 
völkern begonnen hatte. Es sind dieselben Schwierigkeiten, vor 



328 Anmerkungen. 

die sich der Geograph bei der Schilderung rasch sich verändernder 
Völker gestellt sieht, denen er fast nur noch, den Tagesschriftsteller 
gewachsen weiß 88 ). 



9 

*) Vergl. H. de Beaumont, De TAvenir des Etats- Unis im 
Journal d'Economie politique. 1888. III. S. 76 — 83. 

2 ) Vergl. die Tabellen von A. Oppel in den Geographischen 
Mitteilungen 1886. S. 134 — 42 und eine Tafel der Geburten und 
Sterbefälle p. 1000 im Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik 
N. F. XVI. S. 186—87. 

8 ) Schimmers sorgfältige Arbeit: Die Ergebnisse der Bevölke- 
rungsbewegung in Niederösterreich, Tirol und Vorarlberg nach der 
Höhenlage der Wohnorte im Jahre 1885. Statist. Monatsschrift. Wien 
1887. S. 321-67. 

4 ) Zeitschrift des deutschen und österreichischen Alpenvereins. 
1886. S. 426. 

5 ) Globus. XLVI. S. 255. 

6 ) In der 3. Reihe ist Berlin mit Brandenburg vereinigt. 

7 ) Bulletin de l'Institut International de Statistique. 1886. 
I. S. 162. 

8 ) In Grönland Übertrifft die Geburtsziffer nur wenig die 
Sterbezahl, die Sterblichkeit nimmt vom 10. Jahre an stetig zu, 
regelmäßiger und stärker bei Männern als bei Weibern, so daß 
die Sterblichkeit beider Geschlechter sich wie 100 zu 87 verhält. 
Ganz ähnlich sind sie in der Bevölkerung (100:88) vertreten. Vergl. 
Westergaard, Mortality in remote corners of the World. Journal 
of the Statistical Society. 1880. S. 509. 

9 ) Diese rückläufige Bewegung der Bevölkerungsvermehrung 
hat in den letzten Jahren noch beträchtliche Steigerung erfahren. 
Das Journal officiel veröffentlichte am 28. August 1889 einen Be- 
richt an den Präsidenten, der angibt, daß die Geburtsziffer 1888 
um 55 000 geringer als 1884 und die niedrigste seit 1871 war, 
dabei ist der geringe Geburtenüberschuß zu 74 den Fremden zu- 
zuschreiben und wäre ohne die wachsende Zahl der außerehelichen 
Geburten überhaupt nicht vorhanden. Abnahme der Todesfälle 
und der Eheschließungen, Zunahme der Ehescheidungen und der 
außerehelichen Geburten sind Erscheinungen, welche nicht ohne 
tieferen Zusammenhang mit jener Hauptthatsache gleichzeitig 
hervorgetreten sind. 

10 ) Die schweizerische Statistik, welche diesen Rückgang ver- 
zeichnet, stellt die zunehmende Jugend der Eheschließenden der 
Zahl der Heiraten und des Heranwachsens einer stärkeren Gene- 
ration im Heiratsalter gegenüber. Um so schwerer fällt die Zahl 
ins Gewicht. 

n ) Eine interessante Besprechung dieser Thatsachen ent- 
hält G. R. Porters Aufsatz An Examination of some facts obtained 
at the recent Enumeration of the Inhabitants of Great Britain. 
Journal of the Statistical Society, London. VI. (1842) S. 3 f. 



Anmerkungen. 329 

12 ) Mayet in den Mitteilungen d. deutschen Gesellschaft für 
Natur- und Völkerkunde Ostasiens. Heft 36. 

18 ) Les Missions Catholiques. 1882. S. 425. 

14 ) Durch Zentralbrasilien. 1886. S. 364. 

15 ) Report of Special Commissi oners J. W. Powell and G. 
W. Ingalls on the condition of the Ute Indians etc. Washington 
1874. S. 10. 

lh ) Journal R. Asiatic Society of Great Britain. 1881. S. 474. 

17 ) Verhandlungen der Ges. f. Anthropologie. 1873. S. 177. 

18 ) Schon bei Robertson sind (IV. S. 86) die Gründe zu- 
sammengestellt, welche von Verschiedenen für „die geringe mittlere 
Lebensdauer bei Wilden 14 aufgeführt worden sind. 

19 j Bulletin de la Socie^ted 1 Anthropologie. Paris. 2me S. XII. 320. 

20 ) Missionsblätter a. d. Brüdergemeinde. 1852. S. 112. 

21 ) Mitteilungen d. Geographischen Gesellschaft Hamburg. 
1876-77. S. 272. 

22 ) Die Besiedelung des nw. Kaukasus d. d. Russen. Geo- 
graphische Mitteilungen. 1865. S. 419. 

2S ) Sahara und Sudan. III. S. 84. 

24 ) Der Kuku-Nor u. seine Umgebung. Deutsche Geographi- 
sche Blätter. IV. S. 205. 

28 ) Geographische Mitteilungen. 1864. S. 192. 

2 ) Bulletin de la Socie'te Khediviale. 1885. Juniheft. 

27 ) Peace, Our Colony of Natal. 1883. S. 148. 

28 ) Statistisches aus Sibirien. Geogr. Mitt. 1868. S. 95. 

29 ) Sperk, Rußland im fernsten Osten. Bd. XIV. (1885) derSapiski. 

30 ) Geographische Mitteilungen. 1868. S. 241. 

31 ) Letters. I. 119. 

32 ) Journal Anthropological Institute. VII. 470. 

33 j Von der legalen Polygamie als einer kostspieligen Sitte, 
die nurAelteren und Reicheren zugänglich, auch von diesen meist 
nur aus Gründen des politischen oder sozialen Einflusses geübt 
wird, hat Kubary in den Ethnographischen Beiträgen eine Schilde- 
rung entworfen, I. S. 61, welche nicht bloß für Palau Geltung hat. 

34 ) Sahara und Sudan. I. S. 420 f. 

35 ) Mitteilungen der deutschen Ges. etc. Ostasien. H. 32. S. 69. 
8f ) Vergl. Lucien Carrs Ausführungen über die Stellung der 

Frau bei den Huron-Irokesenstämmen. 16. and 17. Report of the 
Peabody Institute. 1884. S. 224. 

87 ) Geographische Mitteilungen. 1872. S. 254. 

38 ) Wie es Pöppig aussprach, als er die im raschesten Fort- 
schreiten befindlichen Zustände der Chilenen von 1827/8 sechs 
Jahre später zu schildern unternahm. Er hat in seiner sinnigen 
Weise am Schluß des 2. Kapitels seiner Reisebeschreibung (I. S. 81/2) 
dieses Problem geschildert. 



10. Der Rückgang kulturarmer Völker in Be- 
rührung mit der Kultur. 

Die Thatsache. Angeblicher Stillstand der Bevölkerung Nord- 
amerikas seit 300 Jahren. Der Rückgang in Südamerika, Austra- 
lien, Nordasien. Ungunst der Inseln. Rückgang in Polynesien. 
Trägt die Kultur die Schuld dieses Rückganges? Folgen der Be- 
rührung kulturarmer Völker mit der Kultur. Lockerung der sozialen 
und Störung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Mischung. Entziehung 

des Mutterboden9. Völkerzerstörung. 



Geographische und statistische Ansicht des Bevölkerungs- 
rückganges. Der Rückgang der kulturarmen Völker stellt 
sich uns in seinen Ergebnissen zunächst geographisch 
als eine Verdrängung aus weiten zusammenhängenden Ge- 
bieten in enge, zersplitterte, weit von einander entlegene 
Wohnsitze dar; und diese Wohnsitze sind in der Regel 
nach Boden und Klima ungünstiger geartet als die frü- 
heren. Es ist ein geographisches Zurück- und Herunter- 
kommen. Ferner erscheint er statistisch betrachtet 
als eine Verminderung der Volkszahlen, welche im un- 
gestörten Zustande vorhanden waren. Die beiden Er- 
scheinungen werden gerne als eine einzige aufgefaßt und 
selbst die Geographen, welche denselben näher getreten 
sind, haben das Statistische mehr betont als das Geo- 
graphische. Wenn es auch sehr wahrscheinlich ist, daß 
die Verdrängung Folge und Ursache der Schwächung 
durch Rückgang der Volkszahl in vielen Fällen ist, so 
braucht man doch die Verbindung nicht als notwendig 
anzunehmen. Und da die Statistik dieser Völker lücken- 
haft sein muß, bietet die geographische Aenderung 



Geographische und statistische Behandlung. 



331 



dem Studium die günstigste Seite dar. Die vielfach so 
fruchtlose Behandlung dieses Problemes führt zusammen- 
hängend mit dieser Verwechselung auf Auffassungen zu- 
rück, deren Seichtigkeit in einem beklagenswerten Miß- 
verhältnis zum tiefen Ernste dieser Frage steht. Es 
gefällt weder unserem Geist, noch unserem Gemüt, es 
ist zu schematisch gedacht und gefühlt, wenn man die 
Frage mit dem Nachweis, daß so und soviel leben oder 
nicht leben, beantwortet zu haben glaubt. Wie leben 
sie? Man denkt an Jadrinzeffs Wort von verelendeten 
Völkchen Sibiriens: Sie mochten nicht auf einer hohen 
Stufe der Kultur stehen, sie waren aber doch wenigstens 
satt! Es ist aussichtslos und zugleich unlogisch, das 
Hauptgewicht auf bestimmte Zahlen zu legen. Die Zu- 
stünde sind wesentlicher als die unbestimmbaren Zahlen. 
Und die Zustände, wie oft deuten sie auf Rückgang, wo 
die Zahlen noch von einem befriedigenden Stillstand 
sprechen! Ganz besonders gilt dies von den Zuständen, 
welche geographisch zu bemessen sind, in erster Reihe 
vom Landbesitz und vom Halt am Lande. 

Auf der Erde hat es seit lange neben den Gebieten 
wachsender Bevölkerung Gebiete abnehmender Bevöl- 
kerung gegeben. Auch hat es immer in jedem Lande, 
dessen Volk in Zunahme begriffen war, einzelne Land- 
schaften gegeben, in welchen die Bevölkerung zurück- 
ging. In diesen erreichten aber nur die Abstufungen, 
welche man in jedem größer en Volke zwischen Gebieten 
stärkere!- und schwächerer Vermehrung beobachtet, ein 
durch Verlust gekennzeichnetes örtliches Minimum. So 
schroffe Gegensätze, wie die Jetztzeit sie auf weiten Ge- 
bieten sich einander entgegenstellen sieht, gehören zu den 
Merkmalen eines im Zeugen wie Vernichten beschleunigten 
Ganges des Völkerlebens. Wir haben in 100 Jahren Völ- 
ker, welche Gebiete von gro Li staatlichem Umfange ihr eigen 
nannten, in Wüsten und Wäldern verschwinden, und 
haben au ihre Stelle neue Völker treten sehen, welche, von 
zehnmal kleineren Gebieten ausgehend, den Boden jener 
bereits mit hundertfach größeren Zahlen besetzt haben. 

Indem die Bevölkerungsstatistik diesen Verschiebun- 



332 Gebiete abnehmender Bevölkerung. 

gen nachging, sind von ihr keine so mächtigen natür- 
lichen Unterschiede der Volksvermehrung gefunden worden, , 
wie man sie vor der Zeit exakter Feststellungen voraus- 
setzte. Man hat keine Gebiete gefunden, wo bedeutend 
mehr Zwillinge geboren werden, wie Columella von 
Aegypten und Afrika annahm. Aegypten ist zwar be- 
sonders im unteren Teil ein dichtbevölkertes Land, ver- 
mehrt aber seine Bevölkerung keineswegs auffallend rasch. 
Weder Boden, noch Klima, noch Nahrung stehen in 
einem nachweislichen unmittelbaren Verhältnis zur Be- 
völkerungszunahme, wo nicht die Leiden der Akklimati- 
sation in Frage kommen. De Paws und Buffons Theorie 
von einer allgemeinen Schwächung und Wachstums- 
hemmung, welche Amerikas Boden und Klima auf Pflanzen, 
Tiere und Menschen üben sollte, ist trotz Martius* Phrase 
von dem „menschenarmen Amerika, dessen ursprüngliche 
Menschheit vom Fluche der Unfruchtbarkeit getroffen" 
worden sei *), längst aufgegeben. Und nicht weil wir 
neben den Angloamerikanern der älteren Staaten, die 
ohne die Einwanderung zurückgehen würden, ausserordent- 
lich fruchtbare Völker, z. B. in Columbia finden. — Antio- 
quia, welches eine starke Auswanderung nach den übrigen 
Provinzen hat, zeigt in seiner mit Neger- und Indianer- 
blut gemischten Bevölkerung in der Regel Ehen von 10 
bis 15 Kindern 2 ) — sondern weil wir den Unterschieden 
des Bevölkerungszuwachses Kulturunterschiede zu Grunde 
liegen sehen, welche in deutlicher Beziehung zu jenen 
stehen. Das „phlegmatische Temperament* 4 , welches den 
schon im vorigen Jahrhundert beobachteten Rückgang 
der Hottentotten erklären sollte, z. B. bei Vaillant, hat 
ganz anderen Faktoren Platz gemacht. Die neueren Be- 
obachter, wenn sie stillstehende und wachsende Völker 
neben einander wohnen sehen, suchen nach Gründen in 
der Familie, im Staat, im Erwerbsleben; und nicht ver- 
gebens. Emin Pascha stellt die Produktivität der Wa- 
ganda, Lango (Wakidi) u. a. der Unfruchtbarkeit der 
Wanyoro gegenüber: dort 10 bis 12, hier 2 bis 3 Kinder 
als Regel in einer Ehe, und hebt hervor, wie hier die 
schrankenlose Polygamie zahlreiche Weiber zur Unfrucht- 



Gründe des „Aussterbens der Naturvölker"! 333 

barkeit verurteile 3 ). Verfolgt man die geographische 
Verbreitung derartiger Unterschiede, so erkennt man immer 
zuerst einen Zusammenhang mit der Verbreitung der 
Kultur, nicht aber mit Boden und Klima. Ist dieser vor- 
handen, so liegt er in jenem verdeckt. 

Hauptsächlich sieht man, daß zwar das innere Wachs- 
tum der Völker durch Vermehrung, d. h. durch Geburts- 
überschuß auf allen Stufen der Kultur vorkommt, daß 
aber bei sehr tief stehenden Völkern und ganz besonders 
bei jenen, welche mit höchstkultivierten unvermittelt 
und unvorbereitet zusammentreffen, die eigentümliche Er- 
scheinung des Aussterbens durch Ueberschuß der Todes- 
fälle über die Geburten fast zu einer traurigen Regel 
geworden ist. Zwar ist sie selbst in den Fällen, wo sie 
bereits zur Geltung gelangt war, durch Aenderung der 
Lebensbedingungen wieder aufgehoben worden, aber doch 
besteht sie fort für fast alle Australier, Polynesier, Nord- 
asiaten, Nordamerikaner, für viele Völker Südafrikas und 
Südamerikas. Dieses „Aussterben der Naturvölker" ist 
nicht bloß eine Störung des natürlichen Ablaufes der 
Lebenserscheinungen, wie sie zeitweilig auch im Leben 
höchstkultivierter Völker vorkommt, sondern sie hängt 
tiefer zusammen mit den Einrichtungen und den Ge- 
schicken tiefstehenden Völkerlebens, dessen Wohlfahrts- 
bedingungen so begrenzte sind, daß wenig dazu gehört, 
sie zu stören. Die mit einer ebenso schlechten wie fal- 
schen Heuchelphrase als „blight and withering theory" 
bezeichnete Lehre, daß einzelne Rassen allein durch die 
Schwäche ihrer Organisation zum Untergange verurteilt 
seien, ist zu verwerfen 4 ). Wir kennen alternde Tier- und 
Pflanzenarten, aber keine gleichsam von innen heraus ab- 
welkende Rasse der Menschheit. Wohl aber enthüllt jeder 
Blick in das Leben dieser Völker Vorgänge und Zustände, 
welche nicht anders als schädlich auf ihren Lebensgang 
wirken können, und zwar eine ganze Reihe. Ganz be- 
sonders sind viele von ihren Gewohnheiten so, daß sie 
beim Zusammentreffen mit Völkern höherer Kultur sofort 
zum Unheil ausschlagen mußten. In Gerlands „Ueber 
das Aussterben der Naturvölker 1868 u sind die Ursachen 



334 "Gründe des „Aussterbens der Naturvölker •*. 

des Rückganges in folgende Gruppen geteilt: Natur und 
Leben der Naturvölker selbst: Einflüsse der sie umgebenden 
Welt; Anforderungen, welche die Kultur heute an sie stellt; 
Behandlung seitens der Weißen. Schon Malthus hatte nicht 
gezweifelt, daß eine ganze Anzahl von Ursachen schwacher 
Volksvermehrung im eigensten Leben der kulturarmen 
Völker zu suchen sei und nannte für die nordamerikanischen 
Indianer: Ungenügendheit und Unsicherheit der Ernäh- 
rung, wiederkehrende Hungersnöte, beständiger Kriegs- 
zustand, niedrige Stellung des Weibes, Kindsmord, schlechte 
Wohnungen, unvollkommene Sorge für das leibliche Wohl. 
Auch eine südaustralische Kommission nannte als Ur- 
sachen des Aussterbens der Südaustralier. Kindsmord, 
Ceremonien und Operationen, denen sich die jungen Leute 
zu gewissen Lebensperioden zu unterziehen haben, Syphilis, 
Branntwein , unbeschränkter geschlechtlicher Verkehr 
unter den Eingeborenen selbst und mit den Europäern, 
Verschiedenheit in der Zahl der Geschlechter. Diese in- 
digenen Ursachen werden nur in ihrer Wirksamkeit ver- 
stärkt durch das Hinzukommen von äußeren. Zahllose 
Einzelbeobachtungen könnten zum Beweise dafür ange- 
führt werden, daß Mißstände und Mißbräuche existieren, 
deren Folgen Verlangsamung des Wachstums und Be- 
schleunigung des Absterbens mit dem Endergebnis des 
Rückganges einer Bevölkerung sein müssen. Wir glauben, 
daß sie alle in zwei Gruppen gebracht werden können: 
Allgemeine Unsicherheit der Lebensgrundlagen bei allen 
Völkern tiefer Kulturstufe ; und Eintritt eines störenden, 
verdrängenden Elementes in Gestalt einer zuwandernden, 
überlegenen Rasse, welche den eingeborenen Völkern 
Land, politische und kulturliche Selbständigkeit, end- 
lich Wohlstand und Gesundheit nimmt. 

Beispiele des Verfalles und Rückganges in Amerika. 
Wenn über die Wirkungen jener nicht zu leugnenden 
Thatsachen Zweifel obwalten, führen sie nur auf die 
Schwierigkeit der zahlenmäßigen Feststellungen, und in 
Nordamerika, wo begreiflicherweise die Zweifel am lau- 
testen geworden sind, auf den Versuch zurück, die Be- 



Beispiele des Verfalles. 335 

weise in einer Zeit finden zu wollen, welche weit hinter 
den entscheidenden Ereignissen liegt. Selbst die Zahl 
der heute noch vorhandenen Reste der ursprünglichen 
Bevölkerung ist nirgends ganz genau anzugeben. Ihre 
schweifende Lebensweise, ihr Zurückweichen in die äußer- 
sten Winkel, ihre Vermischung mit Europäern und Negern, 
ihre große Sterblichkeit erschweren die Feststellung. Un- 
möglich aber ist es, die Zahl festzustellen, mit welcher sie 
den Europäern- entgegentraten. Es ist ein Rückschlag gegen 
die übertreibenden Schätzungen, wenn in Nordamerika 
die Ansicht Boden gewonnen hat, es besitze Nordamerika 
mit Mexiko heute eine nicht viel kleinere indianische Be- 
völkerung als vor 400 Jahren. Man mag die Opfer des 
Kulturkampfes, der seither geführt wird, oft überschätzt 
haben. Es ist ja vorgekommen, daß man Stämme für 
ausgestorben hielt, welche ihre alten Namen verloren, 
neue angenommen hatten. Da die indianische Bevölke- 
rung niemals außerhalb der Kulturländer sehr dicht ge- 
wesen ist, so war die Zahl der Opfer nie so groß, wie 
jene annahmen, welche an die ursprünglichen indianischen 
Volkszahlen den europäischen Maßstab anlegten. In alle 
jene Irrtümer, welche wir oben in flüchtigen Schätzungen 
ursprünglicher Bevölkerungen zu erkennen glaubten T 
müssen die früheren Berichterstatter verfallen sein. 

Man kann indessen nicht behaupten, daß jener Nachweis 
für Nordamerika gelungen sei, und es ist von vornherein 
verfehlt, eine derartige Frage der tiefsten Wurzeln des 
Völkerlebens in einem andern als dem denkbar weitesten 
Rahmen entscheiden zu wollen. Das ist kein Problem des 
40. Breite- und 100. Längegrades. Südamerika, Australien, 
Polynesien, Nordasien, Afrika bieten zweifellose Beispiele 
des stärksten Rückganges bis zur Vernichtung, und überall 
auf Grund des gleichen Vorganges: Die überlegene Rasse 
erscheint in der Minderzahl, sie muß die Eingeborenen 
schwächen, um Herr zu werden und sie erreicht überall 
ihr Ziel, indem sie direkt tötet und austreibt, neue Krank- 
heiten und Genüsse bringt, die Bedürfnisse erhöht und 
die einheimischen Werte vermindert; die Völker ver- 
armen, büßen Gut und Land ein, verlieren ihren politi- 



336 Rückgang in Nordamerika.^ 

sehen und sozialen Zusammenhalt und sinken auf die 
Stufe der Proletarier. Dieser traurige Prozess ist so 
allgemein 5 ), ihn treibt eine dämonische Notwendigkeit so 
rücksichtslos voran, daß man den Nordamerikanern einen 
langsameren Rückgang oder sogar ein Stehenbleiben der 
Volkszahl wahrlich nur auf Grund der allertriftigsten 
Beweise zuschreiben könnte. Diese bringt indessen Mal- 
lery, dem die Neuanregung der Frage zu verdanken ist, 
nicht herbei 6 ). Er operiert mit denselben unsicheren Zahlen- 
angaben älterer Beobachter, welche unter den Händen 
früherer zu Millionen angeschwollen waren; nur thut er 
es vorsichtiger. Er hält sogar die Bancroftsche Zahl 
von 180000 Indianern östlich des Mississippi um das 
Jahr 1600 für zu hoch, während umgekehrt Gerland sie 
auf 220 000 erhöhen möchte 7 ). Letzterer kommt zur 
Annahme von 730000 Indianern Nordamerikas um 1600, 
während die heutige Zahl kaum 400 000 erreichen dürfte, 
so daß ein Verlust um 45°/o, fast ein Zusammenschmelzen 
auf die Hälfte, zu konstatieren bliebe. Kann man andres 
erwarten, wenn man sieht, daß thatsächlich eine ganze 
Anzahl von Stämmen verschwunden oder auf ein paar 
Familien zusammengeschmolzen ist? Warum stellt man 
sich blind gegenüber dem augenfälligen unter unseren Augen 
geschehenden Rückgang, der die südamerikanischen Indianer 
nach den unverfänglichen Zeugnissen wissenschaftlicher 
Beobachter deeimiert? Zeigt doch auch Canada denselben 
Prozeß in einem jüngeren, durchsichtigeren Stadium. Pe- 
titots sorgfältige Zählungen und Schätzungen der Indianer- 
bevölkerung des ganzen Athapascagebietes erreichen 5975, 
d. i. 1600 weniger als Lefroy 1844, auf Grund der Handels- 
bücher der Hudsonsbai und der Aussage ihrer Beamten 
gefunden hatte 8 ). Und die Zahlen der Indianer in den 
drei neuen canadischen Nordwestterritorien verhielten sich 
nach den Zählungen von 1881 und 1885 folgendermaßen: 

1881 1885 

Assiniboina .... 8736 4492 

Saskatchewan . . . 6 678 6 260 

Alberta .... . 6201 9418 

21615 20170 



338 Rückgang in Canada. 

Der Gesamtrückgang besteht, die Veränderungen in 
den drei Gebieten aber gehören größtenteils nicht der 
inneren Bewegung an, sondern zeigen den charakteristi- 
schen Rückzug nach Norden und Westen, dessen Ur- 
sache klar hervortritt, wenn man an die im Süden und 
Osten vorwiegende weiße Bevölkerung erinnert, die 1881 
zur indianischen wie 0,38 : 1 und 1885 wie 1,4 : 1 sich 
verhielt. Der geographische Aspekt zeigt in beiden Ge- 
bieten, wie die besten Länder in Nordamerika den In- 
dianern entzogen sind und daß sie insgesamt jetzt in 
den Vereinigten Staaten auf ^so des Landes eingeschränkt 
sind, welches sie früher innehatten. Da wo sie zu größe- 
ren Zahlen anwachsen konnten, sind sie vertrieben, in 
ungastliche Winkel zurückgedrängt, ihre größte Menge 
aber befindet sich dort, wo die Hilfsquellen am ärmlich- 
sten, unregelmäßigsten fließen. Der rote Mann Nord- 
amerikas ist an Boden und Nahrung verarmt. Der 98, 
bis 102. Meridian teilt die Vereinigten Staaten in eine 
fruchtbare Ost- und eine vorwiegend steppenhafte West- 
hälfte, dort waren bei der ersten Zählung die Indianer 
ungefähr lOmal weniger zahlreich, während die Weißen 
umgekehrt hier V 2 Million, dort 23 Millionen zählten. 
Aehnlich in Canada, wo der Census von 1881 die Zahl 
der Indianer der Dominion zu 108 547 angibt, von denen 
56239 in Manitoba und den Nordwestterritorien, 25 661 in 
Britisch Columbia, d. h. es befanden sich 76°/o der in- 
dianischen Bevölkerung in denjenigen Gebieten, welche 
gleichzeitig nur erst 12°/o der ganzen weißen Bevölkerung 
besaßen. Blicken wir nach Südamerika. Das gleiche 
Bild! Vom guten Boden verdrängt, auf schlechteres, 
entlegenes Land so zusammengeschoben, daß man an 
den Wegen des Verkehrs nirgends mehr Indianer auf 
ursprünglichem Wohnplatz begegnet. Pickering fand es 
nicht leicht, in den dreißiger Jahren in Valparaiso und 
San Jago Indianer zu sehen, die er vergebens schon in 
Rio de Janeiro gesucht hatte. In Minas Geraes, dem alten 
Tummelplatz der Tupi und Tapuya nur noch kleine Stämme, 
teils auf ein paar Familien reduziert. Auf einer Fläche 
wie Deutschland höchstens 8000 freie Indianer. Crevaux 



Rückgang in Südamerika. 339 

bezeichnet in Guyana die Acoqua als ausgestorben, die 
Emerillons auf 50, die Aramischo auf 1 Individuum redu- 
ziert. Der Stamm der Bonari, bereits im Rückgang, als 
er in das Aldeamento von Sa. Anna de Atoman gebracht 
worden war, war im Jahr 1875, wie fast gleichzeitig die 
Tasmanier, auf ein einziges Weib zusammengeschmolzen, 
das in dem Dorfe Silva lebte. Weite Gebiete in den 
Amazonastiefländern und dem venezolanischen Gujana haben 
ihre Indianerbevölkerung rasch sich vermindern sehen, so- 
bald mit den Unabhängigkeitskriegen die Missionen, in 
denen jene Schutz und Pflege gefunden hatten, eingingen. 
Es bedurfte keiner Kriege, keines Menschenraubs. Die 
einfache Berührung mit der Kultur hat Krankheiten ent- 
wickelt, welche in dem neuen Boden viel gefährlicher auf- 
traten. Die Ansicht, daß der Weiße Träger gefährlicher 
Epidemien sei, ist zwar auch in Polynesien und sogar Hinter- 
indien 9 ) verbreitet, besonders hat sie sich aber in Amerika 
ausgebreitet, wo die Piojes am Napo und Putumayo den 
Schnupfen der Weißen wie eine tödliche Krankheit fürch- 
ten l °). Es fehlt nicht an Fällen, in denen der traurige Prozeß 
in seinem ganzen Ablauf beobachtet werden konnte. Das 
Erlöschen der letzten Familie eines Guaranistammes, wie 
es Dobrizhoffer (s. u. S. 348) beschrieben, ist eine That- 
sache von allgemeinem Werte. Auch Robert Schomburgk, 
der in den Quellgebieten des Essequibo, Corentyne u. a. 
Flüsse Gujanas in den Jahren wanderte, wo Masern und 
Blattern zuerst dorthin gebracht wurden, hat zwischen 
seiner ersten und letzten Reise (1837 und 1843) eine 
ganze Anzahl der ohnehin so dünn gesäeten Indianer- 
stämme von Britisch- Gujana fast bis zur Vernichtung sich 
vermindern sehen. Er hatte die Atorai und Taurai 1837 
200 stark gefunden und traf 1843 nur noch 60, Misch- 
linge eingeschlossen, von den echten Atorai nur noch 7, 
das Wapisianadorf Eischalli Tuna bestand nur noch aus 
1 Frau und 3 Kindern; vom Stamm der Amarapi sah 
er den letzten Rest in einem 60jährigen Weib, vom 
Stamm der Daurai in zwei einäugigen Männern und die 
letzten Maopitya oder Frosch-Indianer bestanden aus 14 
Männern, 11 Weibern, 8 Knaben und 6 Mädchen 11 ). 



340 Rückgang im hohen Norden. 

Die Jivaro.s liefern das seltene Beispiel einer kräfti- 
gen Erhaltung durch Fernhaltung des europäischen Ein- 
flusses in Südamerika. Aber wie? Im 16. Jahrhundert 
war es den Spaniern, indem sie innere Zwiste benutzten, 
gelungen, unter diesen Stämmen Fuß zu fassen, und 
sie gründeten hier einige Städte, deren Namen Lo- 
grofio, Sevilla, Mendoza Geschichtschreiber uns über- 
liefert haben. Aber 1599 erhoben sie sich unter der 
Führung eines Kriegers Quirraba und zerstörten in kurzer 
Zeit alles, was die Spanier angepflanzt hatten. Durch 
weiße Weiber, die sie raubten, sollen sie — die Tra- 
dition ist, wenn nicht wahr, so doch bezeichnend, vgl. 
u. S. 353 — damals ihrem Volke einige jener hervor- 
ragenden Eigenschaften zugeführt haben, welche sie aus- 
zeichnen. Im 18. Jahrhundert begannen die Jesuiten sie 
zu missionieren, aber mit geringem Erfolg. Noch heute 
gehören sie zu den unbekanntesten Stämmen Südamerikas, 
erst vor kurzem ist es den Missionaren gelungen, dauernde 
Ansiedelungen bei ihnen zu gründen und ihre politische 
Abhängigkeit vom Gobernador von Cuenca und dem Cor- 
regidor von Chachapoya ist fast null. 

Rückgang im Norden. Nicht anders im hohen 
Norden. Auch hier hat der Besuch der einzigen regel- 
mäßig hier erscheinenden Europäer, der Walfischfänger, 
bei den Eskimo eine Beschränkung der Gebiete bewirkt, 
über die sie sich ausdehnten, er hat die einheimische In- 
dustrie gelähmt und den einst vielseitigen inneren Handel 
einseitig nach den Stellen hingelenkt, wo Munition, Brannt- 
wein u. a. Kulturerzeugnisse zu kaufen sind. Besonders 
hat er aber ihre Lebensgrundlage, die Jagd auf die großen 
Seesäugetiere, empfindlich gestört. Es gibt viele Beispiele 
starken Rückganges, der natürlich in dem weiten, dünn- 
besetzten Lande einen sehr starken geographischen Aus- 
druck gewinnt. Es gibt Angaben, die an einen Rück- 
gang um fast 60 °/o in den letzten 30 Jahren glauben 
lassen, z. B. bei den Point Barrow-Eskimo. Von den 
Okomiut des Baffinslandes glaubt F. Boas, daß sie „ohne 
Zweifel" noch vor 50 Jahren 2500 Seelen gezählt hätten 12 ) ; 



Rückgang in Sibirien. 341 

jetzt sind sie auf 300 zurückgegangen. Die durch Ver- 
waltung und Mission geschützte Eskimobevölkerung Grön- 
lands scheint bis 1850 erheblich zugenommen zu haben. 
(1834 7356, 1845 8501), aber seit 1855 steht sie bei 
ca. 9600 und scheint sogar ein wenig im Rückgang. 

In weiter Ausdehnung sind die nordasiatischen Hirten- 
und Jägervölker im Absterben begriffen. Alle haben an 
Raum verloren und bei vielen kann der Nachweis des 
Verlustes an Volkszahl erbracht werden. Am Olenek 
geht die Sage von einem Gespenst, welches das Aus- 
sterben der dortigen Eingeborenen verursacht habe; 
dieselben hätten in ihrem Uebermut ein Rentier ge- 
schunden , das dann in seiner Jammergestalt sie ver- 
folgt habe, worauf sie ausgestorben seien. Wahrschein- 
lich sind die Pocken dieses Gespenst gewesen, welche am 
meisten zur Verringerung der Bevölkerung beigetragen 
haben 13 ). Die Tungusen sind, seitdem Strahlheim ihre Zahl 
zu 70—80000 angab, auf 60 — 70000 zusammengeschmolzen- 
Nicht bloß Europäer, sondern im Nordosten auch Tschuk- 
tschen nahmen den Raum ein, den sie aufgeben mußten- 
Auf den aleutischen Inseln soll bis 1792 die Bevölkerung 
auf ein Zehntel der Größe gesunken sein, die sie vor 
der Ankunft der Russen behauptet hatte. Als ganz ver- 
nichtet werden die Omoken und Arinzen bezeichnet. Die 
Zahl der Kamtschadalen wurde 1749 auf 20000 geschätzt; 
1823 zählte man 2760, 1850 1951. Man wird mit Recht 
der Vergleichung von Schätzungen und Zählungen den 
Vorwurf machen, daß sie ungleichwertige Größen zu- 
sammenbringe; aber neuere Zählungen ergeben keine 
anderen Resultate. 

Eingeborene im Bezirke Beresow 

1816 21000 
1828 19652 

— 1349 

Eingeborene im Bezirke Donesk und im Gebiete 

Narym 1816 10135 

1832 9724 

— 411 



342 Rückgang in Australien. 

Eingeborene Westsibiriens 

1851 40470 
1868 37153 
1878 37880 



seit 1851 — 2590 

Eingeborene in 22 Wolosti des Bezirks Kusneszk 

1827 5160 
1832 4399 



— 761 

Eingeborene im Bezirk Jenisseisk und dem Gebiete 
Turuchansk 

1838 7740 
1864 7483 

— 257 

Angesichts dieser Uebereinstimmung der Abnahme 
in den verschiedensten Teilen Sibiriens wird man nicht 
glauben, daß es sich bloß um äußere Bewegungen von 
einem Gebiet in ein anderes handle. Um so weniger, 
als auch die Zunahme der Weißen und der Gemischten 
in vielen Teilen Sibiriens ohne Zuzug verschwindend sein 
würde (siehe unten S. 366). Auch für den Rückgang 
der Mongolen ist neben dem Cölibat der zahlreichen 
Lamas, der Verwüstung vieler Weide- und Waldstriche 
(siehe oben S. 134) die Einschränkung ihrer Wanderge- 
biete durch China und Rußland, besonders die Ver- 
schließung Sibiriens durch die Ausbreitung der russi- 
schen Macht geltend gemacht worden. Aehnliches kann 
auch für die gleichfalls zurückgehenden Turkmenen an- 
genommen werden. 

Rückgang in Australien. Die Zahl der Australier 
ist immer eine geringe gewesen, größer dem Anschein 
und der Wahrscheinlichkeit nach im Norden und Nord- 
osten als im Süden und Westen; aber sie ist heute 
noch viel geringer, als sie einst war. Seit dem Ein- 
greifen der Europäer haben die Eingeborenen weite 
Gebiete ganz verlassen müssen; so sind die 1500 Ein- 
geborenen, welche zu Governor Philipps Zeit um Port 



Rückgang in Australien. 343 

Jackson lebten , längst spurlos verschwunden , und ganz 
Neusüd wales zählt vielleicht noch 1000 Eingeborene in 
den entlegensten Teilen. Jung sah in Sydney nur zwei 
Australier: einen armen Greis im Irrenhaus und ein be- 
trunkenes Weib in der Straße 14 ). Wo sie sich noch 
halten, sind sie im Rückgang begriffen. Die Schnellig- 
keit des Verlaufs dieses Prozesses, das Elend der in die 
x*egenarmen unfruchtbaren Gebiete Zurückgedrängten, die 
kulturfeindliche Beschaffenheit eines großen Teiles des 
australischen Landes, alles vereinigt sich zu einem der 
traurigsten, ergreifendsten Bilder der Menschheitsge- 
schichte. Die Annahme, daß Australien ursprünglich 
nicht über 150000 Einwohner besessen habe, eine An- 
nahme, welche überzeugend A. Oldfield vertreten hat 15 ), 
erscheint im Hinblick auf die Hilfsquellen dieses Erdteiles 
schon als eine Maximalschätzung. Meinicke glaubte schon 
1854 nicht mehr als 50000 annehmen zu dürfen. 1851 
hat man in Australien selbst eine Schätzung von 55000 
versucht. Nicht überall ist der Rückgang so stark ge- 
wesen wie in Victoria, wo von 1836 — 81 die Zahl der 
Eingeborenen von 5000 auf 770 sank; aber jene 55000 
leben heute sicherlich nicht mehr 10 ). Die Verteilung 
der Eingeborenen über Australien gestaltet sich nach dem 
Auftreten und Vordringen der Weißen ganz ähnlich wie 
in Nordamerika. Sie werden in die minder fruchtbaren, 
klimatisch weniger gut ausgestatteten Gebiete zurückge- 
drängt und hier wie dort scheint die Bewegung erst an 
der Grenze der Wüste Halt zu machen. Das Korn- und 
Grasland den Weißen, die Wüste den Schwarzen, das ist 
der geographische Ausdruck der Geschichte der Koloni- 
sation des fünften Erdteiles. Kein Wunder, daß gerade 
hier das Schlagwort „Feejee to the Feejeeans" aufge- 
kommen und in den jüngsten Kolonien Fidschi und Bri- 
tisch-Neu-Guinea sogar bis zu Versuchen praktischer 
Durchführung gelangt ist. 

Rückgang auf den Inseln des Stillen Ozeans. Schei- 
tert der statistische Nachweis des Rückganges der Be- 
völkerung in einem ausgedehnten kontinentalen Gebiete, 



344 Rückgang auf den Inseln 

wo räumliche Verschiebungen, welche erfahrungsgemäß 
in großem Maßstabe stattfinden, Zahlen kleiner und größer 
erscheinen lassen, ohne daß die innere Bewegung der 
Bevölkerung damit zu thun hat, so zeigt auch hier der 
engere Rahmen der Inseln das wahre Wesen und Ziel der 
Bewegung viel klarer. Es sind die Inseln, welche Ent- 
völkerungen der radikalsten Art vor sich gehen sahen. 
Die früheren Bewohner der Canarien, der Großen Antillen, 
Neufundlands, Tasmaniens und zahlreicher kleinen Inseln 
des Stillen Ozeans sind ganz verschwunden. Die Zweifel, 
welche an der Thatsache des Rückganges in Nordamerika 
erhoben werden konnten, müssen hier verstummen. Die 
Inseln mit ihren leichter zu übersehenden und zu schätzen- 
den Bevölkerungen umschließen die bündigste Wider- 
legung der Versuche einer Beweisführung im Sinne Mal- 
lerys und seiner Nachahmer. Und darum sind z. B. auch 
Meinickes kurze thatsächliche Darlegungen über den Rück- 
gang der Völker des Stillen Ozeans treffender als die 
Aeußerungen Neuerer. 

Allgemein bekannt ist das Schicksal der Tasmanier. 
Die ursprüngliche Bevölkerung war im Verhältnis zur 
Oberfläche ihrer Insel gewiß nicht viel größer als diejenige 
eines gleichen Teiles vom südlichen Australien. Sie wurde 
1815 auf 5000 geschätzt. 1803 begann die Kolonisation 
der Insel seitens Großbritanniens und 1876 starb als letzte 
des ganzen Volkes das Weib Truganini, von den Kolonisten 
frivol und geschmacklos Lalla Rook getauft. Der Todes- 
kampf des Volkes hatte nur so lange gewährt wie ein 
reifes Menschenleben. Lesen wir die Berichte älterer 
Reisenden, so glauben wir mit A. R. Wallace hier ein 
Volk mit Anlage zum Fortschritt vor uns zu haben. 
Leider ließ ihm die Kultur keine Zeit, seine Anlagen zur 
Entfaltung zu bringen. Im Raum dieser 73 Jahre liegen 
empörende Schandthaten gegen die Eingeborenen, welche 
wie Wild gehetzt und ohne Recht und Billigkeit landlos 
gemacht wurden. Welch beklagenswertes Schicksal das 
der letzten 210, welche nach Port Flinders versetzt wur- 
den, um 1847, auf 45 zusammengeschmolzen, zurückzu- 
kehren! 1861 zählte das ganze Volk nur noch 5 Männer 



i.l e* Stillen Ozeans. 



345 



und 9 Frauen. Zwei charakteristische Züge bezeichneten 
den Todeskampf: die verderbliche Ungleichheit in der 
Zahl der Geschlechter (s. o. S. 318) und das zähe Ueber- 
leben des weiblichen Elementes, das im individuellen wie 
ethnischen Absterben begünstigt ist. Tasmanien zeigt, 
wie viel weniger Zweifel über das Schicksal einer Inau- 
lanerbe völkerung erhoben werden können. Sind aber die 
Indianer Nordamerikas zarter angefaßt worden als die 
Tasmanier ? 

Für die Untersuchungen über Bevölkerungs Wechsel 
eignet sich eben darum vor allem Polynesien, weil 
bei einzelnen Inseln die Geschichte ihrer Bevölkerung 
durch Besiedelung, ITebervölkerung und Entvölkerung 
hindurch leichter zu verfolgen ist und beträchtliche 
Unterschiede wahrnehmen läßt, die ihr den Charakter 
einer jungen, aber sehr gestörten, manch interessantes 
ethnographisches Profil bietenden Ablagerung verleihen. 
Zunächst haben wir hier in Neuseeland ein Gebiet, das, 
ähnlich wie Nordamerika und Australien, von euro- 
päischen Auswanderern aufgesucht wird, welche den 
Eingeborenen den Boden nehmen, zugleich aber über 
ihre zurückweichenden Zahlen Buch führen. Cooks 
Schätzung der Bevölkerung Neuseelands (400000) wird 
wohl übertrieben gewesen sein. Aber sie wurde auf 
besseren Grundlagen für 1835 — 40 zu 100000 angegeben. 
1856 schätzte man sie auf 50000, 1801 auf 55336 
(Nordinsel 53056, Südinsel 2280), 1867 auf3854Ü (Nord- 
insel 37107, Südinsel 1433), während die europäische 
in diesem siebenjährigen Zeitraum jährlich um durch- 
schnittlich 30 B /o zugenommen hatte, nahm die der 
Maori jährlich um 5 °/n ab 17 ). Es liegen weitere Zäh- 
lungen hezw. Schätzungen von 1878, 1881 und 1886 vor, 
welche folgende Beweise für den Rückgang der Maori 
liefern : 

Nordinsel Sudinsel Chathaminsel Summa 

1878 — — — 43595 

1881 41601 2061 125 44097 

1886 39076 2045 — 41432 

So wenig verbürgt im einzelnen die Genauigkeit 



340 Rückgang auf den Inseln des Stillen Ozeans. 

dieser Zahlen sein mag, von denen der Minister der Ein- 
geborenen-Angelegenheiten 1885, als die Ergebnisse des 
1881er Census diskutiert wurden, meinte, es möchten wohl 
auch nur 30000 Maori statt 40000 in Neuseeland leben, so 
klar ist der geographische Aspekt: Die Südinsel und Chatham 
haben nur noch eine verschwindend kleine Eingeborenen- 
Bevölkerung, die in die letzten Winkel zurückgedrängt ist, 
während alle natürlichen Vorteile in die Hände der an 
Zahl und Thätigkeit überwältigenden weißen Bevölkerung 
übergegangen sind, die bereits 14mal so zahlreich als die- 
jenige der Maori. Nur auf der Nordinsel lebt ein Kern 
dieser Bevölkerung noch in ursprünglichem Zusammen- 
hange, auf der Südinsel sind die Stammesbande zerrissen, 
die alten Sitten sind aufgegeben, die Mischlinge (2264) 
werden bald der Rest der Maori auf dieser von der Natur 
so reich ausgestatteten Insel sein 18 ). 

Von den kleineren Inseln wollen wir nur einige 
herausheben. Cooks Schätzung der Bevölkerung der Ha- 
waiischen Inseln auf 400000 im Jahre 1778 ist ganz 
übertrieben, um so mehr als seine eigene Schilderung 
des entsittlichten, mit Menschenleben spielenden Völkchens 
bereits die abnehmende Vitalität erkennen läßt. Dagegen 
verdient der erste, von Missionaren geleitete Census von 
1832, der 130313 Einwohner in einer Zeit angab, in 
welcher die fremden Einflüsse noch nicht den Höhepunkt 
ihrer Einwirkung erreicht hatten, zum Ausgangspunkt 
gewählt zu werden. Eine Schätzung, welche die Mis- 
sionare bereits 1823 anstellten, hatte die wahrscheinliche 
Zahl von 142000 ergeben. Wir finden dann 

1836 — 108579 

1850 — 82203 (nur Eingeb.) 

1853 — 71019 „ 

1860 — 67084 „ 

1866 — 58765 „ 

1872 — 49044 „ 

1878 — 44088 „ 

1884 — 40014 „ „ 19 ). 

Stellen wir neben diesen größeren Archipel eine 
kleine, gut bekannte Insel Oparo (Rapa) in der Tubuai- 



Die Berührung mit der Kultur. 347 

Gruppe, der 1826 die Missionare 2000 zugesprochen hat- 
ten. Als Pritchard sie 1829 besuchte, waren nach einer 
Epidemie nur 500 Einwohner übrig, 1862 zählte man 
360, 1864 240, 1876 100. Aehnlich soll die sehr dünne 
Bevölkerung von Ponape (nach Finschs Schätzung 2000, 
also 270 auf der Quadratmeile) erst seit einer Blattern- 
epidemie, welche 1854 eingeschleppt wurde und drei 
Viertel der Bevölkerung hinraffte, von angeblich 15000 
herabgesunken sein 20 ). 

Die Berührung mit der Kultur. Die Berührung mit 
der europäischen Kultur zieht die Naturvölker in den 
Bereich der Geschichte. Nun werden zum erstenmal 
ihre Namen aufgezeichnet, ihre Wohnplätze auf den 
Karten niedergelegt, endlich sogar ihre Zahlen bestimmt. 
Bald nehmen die Beamten, die Kriegsmänner, die Mis- 
sionare, welche diese Berührung vermitteln, wahr, daß 
auffallend viele von diesen farbigen Leuten sterben, daß 
ihre Kinder, mit wenigen Ausnahmen, nicht zahlreich 
sind, daß wenige ein sehr hohes Alter erreichen. Da die 
ersten weißen Ansiedler sehr oft nicht die besten Ele- 
mente ihrer Völker waren, besonders in der Südsee, wo 
viele Ansiedelungen aus Schifferstationen hervorgegangen 
sind, da in dem Gange der Besiedelung neuer Länder, die 
eine enge Berührung fremder Völker ist, überhaupt etwas 
der Brandung ähnliches liegt, die an die Küsten schlägt, 
wenn auch die hohe See in Ruhe liegt, so wird leicht 
der Schluß gezogen, diese unerfreulichen Zeichen einer 
rückläufigen Bevölkerungsbewegung seien durch die Neu- 
kommer bewirkt und es würden jene harmlosen Kinder 
der Natur so ruhig gesund wie ihre Pflanzen fort vegetiert 
haben, wenn nicht störend die Weißen eingegriffen haben 
würden. Auf dem Boden dieser Anschauung wuchs 
Quatrefages' Ansicht von einer verderblichen Kulturatmo- 
sphäre und Charles Dilkes vieldeutiger und gefährlicher 
Ausdruck „a killing race", den er in „Greater Britain", 
seinen Angelsachsen beilegt. Es liegt eine sehr einfache, 
gerade darum sich empfehlende Logik in solcher Auf- 
fassung. So wie der Kapitän Wilkes. wenn er in La- 



348 Prozeß des Abwelkens. 

haina auf Maui mehr Ordnung findet als in anderen 

polynesischen Plätzen, sogleich an die Abwesenheit der 

Weißen und ihrer Grogsshops erinnert wird, so soll 

trüberen Verhältnissen immer nur die Anwesenheit der 

Weißen und ihrer Verführungen zu Grunde liegen. Wer 

aber tiefer in die Beziehungen zwischen Europäern und 

farbigen Leuten seinen Blick versenkt, dem kann es nicht 

verborgen bleiben, daß die letzteren so schweren Schaden 

nur leiden, weil sie ohnehin auf schwankem Boden stehen. 

Die An- und Eingriffe der Europäer haben nur die Uebel 

verschärft, an denen jene vorher und immer krankten. 

Es gibt eingehende, und ungefärbte Berichte über den 

Prozeß des Rückganges, welche den europäischen Einfluß 

nur nebenbei, wenn überhaupt, in Rechnung stellen. 

P. Dobrizhoffer hat an einem Beispiel, das er in seiner ein- 
fachen, verständigen Weise vorbringt, den Vorgang trefflich ge- 
schildert. Er traf einmal am Nordufer des Empaladoflusses eine 
Guaranifamilie, Rest einer einst weiter verbreiteten, an den Pocken 
gestorbenen Gruppe, im tiefen Wald, bekehrte sie zum Christen- 
tum und zur Kultur und bewog sie, ihn nach seiner Mission zu 
begleiten. Wenige Wochen nach ihrer Ankunft wurden die Leute 
von dem Schnupfen und einem Flußfieber befallen, das durch den 
ganzen Körper zog. Hiernach folgten Augen- und Kopfschmerzen 
und hierauf die Taubheit. „Die Schwermut und der Ekel vor allen 
Speisen erschöpften dermaßen ihre Kräfte, daß sie am Ende eine 
völlige Schwindsucht und Auszehrung ergriff, wogegen alle Mittel 
vergeblich waren." Die ganze Familie starb in Kürze dahin, trotz- 
dem Dobrizhoffer sie öfters in die Wälder geschickt hatte, damit 
sie des Schattens und Grüns sich erfreuen möchten, an die sie 
gewohnt waren. „Denn," fügt er hinzu, „wir wußten aus Erfahrung, 
daß wie die Fische außer dem Wasser sich nicht lange erhalten 
lassen, also auch die Wilden, sobald man sie aus den Wäldern 
in die Flecken bringt, sehr oft auszehren, weil die jähe Verände- 
rung der Nahrung und Luft ihren Körperbau zu gewaltsam er- 
schüttern, nachdem sie von Jugend auf an die feuchten, kühlen 
und schattigen Wälder gewöhnt sind 1 * 21 ). Wenden wir uns zu 
einem Gebiete, das als klassische Region des Rückganges bezeich- 
net werden kann : Kubarys Untersuchung über das Aussterben der 
Palauinsulaner, die vollständigste, unbefangenste, welche für irgend 
einen Teil Oceaniens vorliegt 22 ), führt ebenfalls auf eine Reihe 
von inneren Ursachen und sieht in dem Rückgange demgemäß nichts 
Neues, sondern vor Wilsons Zeiten schon Begonnenes. Wichtige 
Erscheinungen im sozialen Leben der Insulaner, wie die Adoption 
in den verschiedenen Formen, das Erben der Titel auf Söhne, das 
Eingehen großer Häuser deuten auf ein höheres Alter des be- 



Erscheinung, b. Zusammentr. e. höher, u. nied. Kultur. 349 

kl agenswerten Rückganges, den die Eingeborenen fälschlich der 
klimatischen Krankheit der Influenza zuschreiben, während die 
Hauptursache in der Verwüstung der Menschenleben, vor allem 
der weiblichen gesucht werden muß. In einer Liste von geradezu 
erschreckendem Charakter verzeichnet Kubary für 13 Gemeinden 
im Jahre (November) 1882 — 83 43 Todesfälle von Erwachsenen, 
15 von Kindern und 7 Geburten. Die Unterbilanz der Geburten 
ist so groß, daß man das Aussterben nahe vor sich zu sehen 
meint. Frühe Ausschweifungen in beiden Geschlechtern, Eigen- 
artigkeit der Ehe, welche die jungen Frauen soviel wie möglich 
festen Verbindungen entzieht, die übrigen mit der schweren Arbeit 
des Tarobaues belastet, die Gatten voneinander trennt, Nützlich- 
keitsrücksichten in den Vordergrund rückt, endlich das immer 
noch nicht ganz beseitigte Kopfstehlen (Kubary sagte 1883: in 
den letzten 10 Jahren wurden im ganzen nur 34 Köpfe abge- 
schlagen !) geben die Erklärung. Daß die Influenza so verwüstend 
wirkt, ist Kubary geneigt, weniger der Krankheit selbst als der 
Lebensweise der Insulaner zuzuschreiben. Die ganze Bewohner- 
schaft erhält im Licht der Schilderung Kubarys einen pathologi- 
schen Charakter: allgemeine Neigung zu Dysenterie infolge der 
beständigen und ausschließlichen Taronahrung, allgemeines Vor- 
kommen von Oxyurus vermicularis, Befallensein aller älteren Per- 
sonen vom chronischen Gelenkrheumatismus, verursacht durch das 
Klima und die Aussetzung des nackten Körpers, geringe Ausdauer 
der Männer im Ertragen körperlicher Anstrengungen. 

Erscheinungen beim Zusammentreffen einer höheren 
und einer niederen Kultur. Auf diesen Boden denke 
man sich nun die europäischen Neuerungen ausgesäet. 
Ihre Berührung, ihre Einwurzelung bleiben kein äußer- 
licher Vorgang. Menschliches kommt an Menschen nicht 
heran, ohne weckend, reizend, Wünsche wachrufend, Ge- 
danken zeugend auf dieselben zu wirken. Es folgt am 
häufigsten Verwerfung des Altgewohnten, begierige An- 
nahme des Neuen; alte Werte sinken, neue werden erst 
allmählich geschaffen. Man kann diesen Zustand der 
Unruhe als Gärung bezeichnen; es ist ein innerer Vor- 
gang der Zersetzung, hervorgerufen durch äußeren Ein- 
griff, in welchem Zerstörung und Erneuerung sich ver- 
binden, aber in der Weise, daß zuerst die erstere wirk- 
sam wird, auf deren ruinenbesäetem Boden dann erst die 
andere ihr Feld bestellt. Es dürfte nicht möglich sein, 
eine Ausnahme von der allgemeinen Regel zu finden, 
daß die Naturvölker in Berührung mit einer höheren 



350 Erscheinungen beim Zusammentreffen einer höheren 

Kultur rasch herabsteigen, um spät und langsam sich 
wieder zu erheben, wenn sie das Neue zu nutzen wissen. 
Die Frage ist dann nur, ob ihnen die Zeit bleibt, diese 
Bewegung zu Ende zu führen. Das vielberufene Aus- 
sterben der Naturvölker ist eben dadurch so traurig, daß 
es im kulturlichen Herabsteigen stattfindet; und wo die 
bessernde aufsteigende Bewegung eingesetzt hat, wird sie oft 
noch durch diesen Rückgang der Zahlen gehemmt und ver- 
eitelt. Ueble Einflüsse beschleunigen diesen Gang, aber der 
beste Wille hat ihn oft nicht aufhalten können. In Nord- 
amerika und Australien sind die Beispiele zahlreich, daß 
seit dem Beginne der regelmäßigen Unterstützungen sei- 
tens der Regierung mit größerer Unselbständigkeit auch 
größere Armut um sich griff. In Sibirien hat die Auf- 
gabe des nomadischen Umherwanderns zu Gunsten der 
Ansässigkeit den Rückgang nur beschleunigt. Die Mis- 
sionen haben häufig dem Rückgang wenig Hemmung 
bereiten können, schon weil sie die ursprüngliche Gliede- 
rung der Gesellschaft nivellierten, demokratisierten, ehe 
sie ihre Saat ausstreuten. Vor diesen Thatsachen kann 
die von Gerland adoptierte Phrase Mallerys: „wo die Be- 
völkerung vor der Civilisation geschwunden ist, da schwand 
sie nicht vor der Kultur, sondern vor der Barbarei der 
Weißen", nicht bestehen. 

Die höhere Kultur wirkt allerdings an sich schäd- 
lich, ohne zu wollen, wo sie die eigene Schaffenslust, den 
eigenen Arbeitstrieb eines tieferstehenden und vor allem 
auf anderer wirtschaftlichen Basis stehenden Volkes lähmt. 
Was Kultur und Christentum gut machen wollten, zerstörte 
der Wechsel der wirtschaftlichen Grundlage. Angebliche 
Fortschritte, wie der Bau hölzerner Häuser, die Einfüh- 
rung der Metalle, der europäischen Kleidungsstoffe und 
ähnliche sind nicht immer Fortschritte in der Oekonomie 
der Eingeborenen. Der Handel will das Tempo des Um- 
satzes beschleunigen und reißt die Armen willenlos mit 
sich fort. Mit gesundem Sinne beklagten sich die Tun- 
gusen bei Middendorf darüber, daß die Händler sie in 
ihren Standquartieren aufsuchten, statt sich auf die Märkte 
zu beschränken. Fast in der Regel sind dort die besseren 



und niederen Kultur. Soziale Lockerung. 351 

Jäger und auch viele Besitzer von Rentierherden ver- 
schuldet. Die Verminderung des einst blühenden Vieh- 
standes der Kirgisen, ihre Verarmung durch Getreide- 
ankäufe, die häufigeren Hungersnöte werden ebenfalls auf 
den Handel zurückgeführt. Doch haben sie auch an 
Land verloren. Der Handel bringt nicht nur Nützliches, 
er überschwemmt die einfachen Völker mit Genußmitteln, 
nach welchen sie greifen wie die Kinder nach Süßig- 
keiten: Branntwein, Opium, Tabak, Betel, und mit ver- 
besserten Waffen, die ihre Kriege blutiger und in mehr- 
fachem Sinne kostspieliger machen. Dinge, die Wert 
hatten, verlieren an Wert, scheinbar wertlose Dinge ge- 
winnen, werden raubweise abgebaut und vernichtet. Die 
Australier klagten die Europäer an, daß sie ihr Wild 
vernichtet, ihr Schilf, mit dem sie Hütten bauten, ver- 
brannt, das Gras, auf dem sie schliefen, gemähet hätten. 
Sehr zu beachten ist sicherlich die Lockerung im 
ganzen sozialen Aufbau eines Volkes, die durch die so 
fremden, neuen Einflüsse hervorgerufen wird. In Poly- 
nesien, wo die Bevölkerung einer Insel, einer Gemeinde, 
eines Stammes eng zusammenhing, hat der rasche Wechsel 
von Religion, Sitten, Gebräuchen, einen zerstörenden Ein- 
fluß auszuüben vermocht, den wir uns selbstverständlich 
schwer vorstellen können. Aber es ist schon in den 
ersten Jahrzehnten nach der Missionierung erkannt wor- 
den, daß eine der übelsten Folgen der Civiiisation auf 
Hawaii die Loslösung der ärmeren Bevölkerung aus ihrem 
Hörigkeitsverhältnis zu den Häuptlingen war, die sie 
zwangen zu arbeiten und ihr dafür Nahrung gaben. 

Einen interessanten Beleg für die tiefgehenden Veränderungen, 
welche im Leben und Wohlstand der Eingeborenen der Einfluß 
der Kultur erzeugt, liefert die Schilderung, welche Kapt. Wilkes 
von seinem Besuche bei dem Häuptling von Lahaina auf Maui 
entworfen hat. Er fand ihn, der ein natürlicher Sohn Kameha- 
mea I. war, mit seiner Gattin in einer kleinen Grashütte, seinem 
ständigen Wohnort. Der Häuptling sprach von Verbesserungen, 
die er gern an seiner Wohnung anbringen würde, aber es fehle 
ihm an Mitteln hierzu. Zwar war sein Einkommen in Tapa und 
anderen einheimischen Erzeugnissen beträchtlich, aber der Wert 
dieser Waren war seit dem Dazwischentreten des europäischen 
Handels derart gesunken, daß der Häuptling, der auch zu reprä- 



352 Die Kassenmischung. 

sentieren, d. h. eine Klientel von Bettlern zu ernähren hatte, fast 
so arm wie irgend einer seiner Unterthanen war. Infolge des Rück- 
ganges oder Stillstandes der Bevölkerung hat ebenso in Mikro- 
nesien der Bau großer Gesellschaftshäuser aufgehört und damit ist 
eine Quelle von Anregungen zu Arbeit der Phantasie und der Hände 
versiegt, die Völker leisten weniger als früher, ihre Originalität 
ist abgestorben, sie sind im Begriff ethnographisch zu verarmen. 

Insofern gerade diese Lockerung des inneren Zu- 
sammenhanges es einem Volke dieser Stufe schwer 
macht, den Vorsprung der höheren Kultur einzuholen, 
halten wir die Frage Quatrefages* für berechtigt, ob 
nicht eine hohe Kultur etwas mit der Existenz unter- 
geordneter Rassen Unvereinbares in sich trage?* Haupt- 
sächlich wohl deshalb, weil sie nicht in ihrem Zusammen- 
hang und ihrer Ganzheit aufgenommen werden kann. 
Der Unsegen der Kultur liegt in der Halbheit. Sie wird 
auf diesem Boden nicht reif. Auf allen Missionen ist 
die Bemerkung gemacht worden, daß diejenigen, welche 
ganz europäische Sitte annehmen, ebenso wie die, welche 
in ursprünglicher ungebundener Wildheit leben, weniger 
leiden als die zwischen den Ansiedelungen der Weißen und 
ihren eigenen Jagdgrtinden hin und her Schweifenden 
und Schwankenden. Der letzte Besucher des freien 
Maorilandes auf der Nordinsel Neuseelands, Kerry Ni- 
cholls, fand auch unter den freien Maori die jüngere 
Generation physisch heruntergekommen im Vergleich mit 
den kräftigen Gestalten der Aelteren. Er fand einen 
unmäßigen Tabaksgenuß und schreibt den Rückgang von 
56000 in 1859 auf 44099 wesentlich dem halb wilden, 
halb civilisierten Leben zu 23 ). 

Die Rassenmi8chung. Die Rassenmischung bedeutet 
nicht bloß Lockerung, sondern Zersprengung des ur- 
sprünglichen Zusammenhaltes. Sie ist eine Macht in der 
Geschichte der Berührung ursprünglicher Völker mit 
der Kultur. Alles drängt darauf hin, sie zu begünstigen, 
vorzüglich der Verlust des Gefühles für die Geschlossen- 
heit und Würde des Stammes, die Schwächung des 
inneren Zusammenhanges, endlich auch die Verringe- 
rung der Volkszahl. Die Bevölkerung des Indianergebietes 



Rassenmischung. 353 

wurde 1877 zu 50000 angegeben, worunter 5000 Weiße 
und 10000 Neger, welche durch Heirat in die Indianer- 
stämme aufgenommen waren 24 ). Daß die übrigen 35 000 
keine reinen Indianer sind, geht aus ihrer Geschichte zur 
Genüge hervor. Der Erfinder des oft genannten Tsche- 
rokialphabetes war ein Mischling. Trotzdem wiederholt 
Gerland, dem die Thatsache bekannt, daß Sequojas Groß- 
vater ein Weißer gewesen war, die ganz irreleitende Behaup- 
tung, er habe mit dieser Erfindung einen Beweis für die 
angeborene Intelligenz seiner Rasse abgelegt. Besonders bei 
den Indianern der östlichen Südstaaten schwangen sich 
solche Mischlinge, oft ausgezeichnet durch Talent, zu hohem 
Ansehen bei ihren Volksgenossen empor, das sie aber 
nicht selten auf eine für diese verderbliche Weise be- 
nutzten. 1877 waren 53,5 °/o der Tscherokies Mischlinge, 
wobei die Frage offen bleibt, ob alle Mischlinge als solche 
gezählt wurden; und außerdem lebten 2000 Weiße unter 
den 18 672 Tscherokies, also 10,7 °/o der letzteren. In 
Alaska wies der Census 1880 5 °/o Europäermischlinge 
nach. In Victoria zählte der Census vom 15. März 1877 
nur 774 Eingeborene reines Blutes (636 Erwachsene und 
138 Kinder) und 293 Mischlinge (134 Erwachsene und 
159 Kinder). Betrachtungen über die Beziehungen zwi- 
schen Natur- und Kulturvölkern sind wertlos, wenn sie 
die Einflößung des Blutes der letzteren in die Adern 
der ersteren unterschätzen. Wenn an die Zunahme der 
Kopfzahl der mitten in der Kultur teilweise seit Gene- 
rationen lebenden Irokesen Canadas und der nordöstlichen 
Vereinigten Staaten der weittragende Schluß geknüpft 
wird: „Die Irokesen sind der Civilisation nicht erlegen, 
sie sind nicht vor ihrem Hauche ausgestorben und werden 
nicht aussterben, sondern in Zukunft sich immer mehr 
und mehr entwickeln und vermehren; durch ihre Ge- 
schichte ist die Theorie des Aussterbens der Naturvölker 
auf das Schlagendste widerlegt" 25 ), so muß darauf 
hingewiesen werden, daß gerade diese Stämme die stärkste 
Vermischung mit weißem Blute erfahren haben und 
daß keine Sophisterei den Thatsachen eine andere Aus- 
legung zu geben vermag, als daß die Indianer, wo sie 

Ratzel, Anthropogeographie TL. 23 



354 Weiberraub und Polygamie. 

nicht aussterben, durch Mischung absorbiert, d. h. ihrer 
Vernichtung als Rasse langsam näher geführt werden. 
Wir begnügen uns noch den Ausspruch eines unbefan- 
genen Beobachters anzuführen, Ten Kates, der in den 
Indianergebieten der Vereinigten Staaten die Mengung 
der Reste der reinen Indianer mit Weißen, Mestizen, 
Zambos und Negern eine solche nennt, daß man von 
einer eigentlichen Indianerstatistik gar nicht mehr sprechen 
könne. „Diese Statistik beweist eben deswegen wenig 
für Aussterben oder Zunahme der Indianer" 2e ). 

Der Weiberraub schwächt die Stammte, die unter 
ihm leiden, ohne daß darum die anderen, die des ge- 
walttätigen Erwerbes sich erfreuen, in ihrer Volks- 
vermehrung wesentlich gefördert werden. Die üblen 
Folgen, welche so oft für die Volksvermehrung auf 
tieferen Stufen, die Berührung mit Europäern nach 
sich zog, führt in manchen Fällen darauf zurück, daß 
den Eingeborenen Weiber und Töchter seitens der Zu- 
wandernden genommen wurden. Man hat z. B. bei den 
Tungusen die Thatsache, daß die Zahl der Männer fast 
durchgehends überwiegt, darauf zurückgeführt, daß viele 
ihrer Frauen von Russen geheiratet werden und damit aus 
ihrem Stamm es verbände scheiden. In den Ehen, aus denen 
Mischlinge hervorgehen, ist in Amerika oft ein unnatür- 
liches Verhältnis im Alter der Eltern bemerkt worden, 
das nicht ohne Einfluß auf die Nachkommenschaft bleiben 
konnte. Weiße, die an der Schwelle des Greisenalters 
standen, hatten Indianerinnen von 12 Jahren bei sich 
und das Ergebnis war eine doppelt schwächliche Nach- 
kommenschaft 27 ). Neben der Thatsache, daß diese Misch- 
ehen häufig keine guten, dauerhaften Verbindungen 
schaffen, meinen wir nicht viel Gewicht auf die angeb- 
lich der Fortpflanzung ungünstige Wirkung der gedrück- 
ten Stimmung des seiner Freiheit beraubten Sohnes des 
Waldes oder der Steppe legen zu sollen. Ganz anders 
doch wirkt die in den Ländern der Polygamisten allver- 
breitete Neigung, die Weiberhütten mit Sklavinnen zu 
füllen. Vgl. o. S. 322. 



Aufsaugung durch Mischung. 355 

Wo Blutmischuug stattfindet, welche langsam Neues 
schafft, indem sie Altes zerstören hilft, sind natürlich 
alle Spekulationen müßig, welche aus dem Tempo des 
Rückganges, wie es in einigen Jahren beobachtet wurde, 
einen Schluß auf Erlöschen in einer bestimmten Reihe 
von Jahren ziehen wollen. Diese Abnahme wird einmal 
ein Maximum erreichen, worauf in der zusammenge- 
schmolzenen Bevölkerungszahl alle jene Schädlichkeiten, 
welche mit einer gewissen Dichtigkeit der Bevölkerung 
verbunden sind, sich in geringerem Maße geltend machen 
werden. Die Kreuzung mit Weißen wird gleichzeitig mit 
der Gewöhnung an die Kultur verhältnismäßig stärker 
sich geltend machen als vorher und es kann dann ein 
Steigen der Bevölkerungszahl eintreten. Zieht man diese 
Thatsachen in Betracht, dann kann überhaupt nicht vom 
vollständigen Sterben eines Volkes gesprochen werden, 
denn ein Teil seines Blutes wird in der Mischung fort- 
leben und -wirken. Wir halten die Bemerkungen für 
sehr triftig, welche Pennefather über die Maori in einem 
Vortrage gelegentlich der Londoner Kolonialausstellung 
gemacht hat, indem er für die Maorimischlinge den ab- 
gedroschenen Satz zurückweist, daß in den Mischlingen 
die Laster beider Eltern zu Tage treten; unter ihnen 
gebe es tüchtige Menschen genug und vielleicht werde 
bald der Einfluß dieses Volkes sich mehr durch die mit 
Weißen gemischte als durch die reinblütigen Maori gel- 
tend machen 28 ). Selbst die Tasmanier sind in fU eseül 
Sinne nicht völlig verschwunden, ihr Blut lebt in der 
Mischrasse der „ Sealers a fort, die die Inseln der Baß- 
straße bewohnen. Wie lange wird man von den süd- 
afrikanischen Buschmännern noch als einer reinen Rasse 
sprechen können, wenn fast die Hälfte schon als ge- 
mischt angesehen werden muß? Nach einer freundlichen 
Mitteilung von Dr. Schinz sind von den 5000 Busch- 
männern der Kalahari nur 3000 bis 3500 als ungemischt 
zu betrachten. 

Entziehung des Bodens. Die gewaltsame Entziehung 
des Mutterbodens schwacher Völker stellt die geographisch 



350 Entziehung des Bodens. 

schlagendste Form der Verdrängung dar. Sie ist ein 
Hauptgrund des Rückganges der Naturvölker. Gibt man 
ihnen anderwärts ebensovielen und ebensoguten Boden, 
so bedingt schon die Ortsveränderung Verlust, wie jedes 
Kapitel europäischer Kolonisation ausweist. Auf dem 
Wege nach dem heutigen Indianerterritorium und in den 
ersten Jahren ihrer Ansiedelung sind die Modoc von 153 
auf 95 herabgegangen. Von einem Recht der Indianer 
an ihren Boden ist früher überhaupt nicht die Rede 
gewesen. Bis 1789 wurde in Nordamerika seitens Eng- 
lands und der Vereinigten Staaten der Boden als Eigentum 
des kolonisierenden Staates angesehen, ebenso wie England 
in Australien nie jenes Recht anerkannt hat. Nicht die 
indianischen Bewohner, nur andere Kolonialmächte konnteu 
dieses Besitzrecht streitig machen. Erst 1789 sprach 
der Kriegssekretär den Grundsatz aus: die Indianer be- 
sitzen das Recht auf den Boden, weil sie früher auf dem- 
selben saßen. Ihr freier Wille oder das Recht der Er- 
oberung kann allein ihnen dasselbe nehmen. Daß dieses 
Recht einen etwas lockeren Charakter hatte, ergibt sich 
aus den Wanderungen und Veränderungen, von denen 
die Indianergeschichte so viel zu sagen weiß. Aber später 
sind geschriebene Rechte geschaffen worden und gerade 
das Indianerterritorium halten die Indianer nicht als Re- 
servation, sondern im Tausch gegen früher ihnen über- 
wiesenes Land, das sie zum Teil schon lange bebaut hatten, 
und das unter ihrer Hand, z. B. auf der Osage-Reser- 
vation in Kansas, einen hohen Wert erworben hatte 29 ). 
„Wenn irgend eine Verpflichtung der Regierung heiliger 
ist als andere, so ist es die, daß diesen Völkern dort 
eine ständige Heimat erhalten werden muß." (Hazen.) 
1870 ging aus der Beratung der Vertreter der fünf 
Hauptstämme des Territoriums in Gemeinschaft mit den- 
jenigen der Vereinigten Staaten die neue Verfassung des 
Indianer- Territoriums hervor, welche im 1 . Abschnitt über 
das Land bestimmt, daß der ganze Landesteil, welcher 
begrenzt ist im Osten von den Staaten Arkansas und Mis- 
souri, im Westen und Süden vom Territorium Neu- 
mexiko und dem Staate Texas, und welcher durch Ver- 



Grundzug der Indianerpolitik. 357 

träge und Gesetze der Vereinigten Staaten abgesondert 
und gewährleistet wurde als ein beständiger Wohnsitz 
(home) der Indianer, welche gesetzlich berechtigt sind 
darin zu wohnen, oder derjenigen, welche in gleicher 
Weise später darin angesiedelt werden sollten, als „The 
Indian Territory" bezeichnet werden soll. Von der Natur 
dieses Gebietes hat man in Washington nie eine klare 
Vorstellung gehabt. Es wird unangenehm empfunden, 
wenn in einem und demselben offiziellen Berichte eine 
Aussage steht, derzufolge 2 /3 des Indianer-Territoriums 
unbesiedelbar sei, und eine andere, welche behauptet, daß 
kaum eine Quarter Section gefunden werden könne, die 
unfruchtbar sei. 

Der Grundzug der Politik der "Weißen gegenüber 
den Farbigen ist im Grund und am letzten Ende die Ver- 
gewaltigung des Schwachen durch den Starken. In her- 
vorragendem Maße war sie das in Nordamerika, wo das 
Problem sich in der großartigsten Gestalt darbot. Selbst 
die Begründung des Indianer- Territoriums ist keine un- 
gemischte Wohlthat gewesen. Zu groß angelegt, un- 
sicher in der Begrenzung, hielt es die Indianer nicht zu- 
sammen. Der Bericht von 1876 — 77 sagte: „Es ist kein 
Zweifel, daß der Teil des Territoriums, welcher zwischen 
dem 98. Meridian und der Ostgrenze gelegen ist, genügend 
groß ist für die Arbeit aller Indianer, die hierher über- 
siedelt werden könnten. Würde es möglich sein, sie alle 
hierherzubringen, so würden durchschnittlich 75 Acres 
auf jeden Kopf der 275000 Indianer unseres Landes, 
Männer, Weiber und Kinder, kommen." Derselbe Bericht 
betrachtet die dichtere Bevölkerung des Territoriums mit 
Indianern als das beste Mittel, um Weiße fernzuhalten. 
Auf die Dauer hat es dafür kein Mittel geben können. 
In die Lücken zwischen den schwachen, teilweise ver- 
fallenden Indianersiedelungen sind die Landsucher einge- 
drungen. Die Vertragsbrüchige Einwanderung, welche 
1889 größere Dimensionen , annahm, läßt sich nicht da- 
durch beschönigen, wie General Sherman es that, daß 
man sie als eine Einwanderung armer Leute hinstellt, 
die bescheidene Heimstätten zu erwerben suchen. Nord- 



358 Gewaltsame Zerstörung 

amerika hatte Raum genug, um ohne Opfer das Recht 
der Indianer auf ihre Gebiete achten zu können. 

Gewaltsame Zerstörung der Völker. Von den un- 
merklichen Schadenwirkungen der friedlich, selbst wohl- 
wollend, hilfsbereit auftretenden Kultur sind wir durch 
wirtschaftliche Störung, soziale Lockerung, Auflösung der 
Familienbande, zu immer gewaltsameren Eingriffen fort- 
geschritten. Im Bodenraub, der den Schein des Vertrages 
für sich in Anspruch nimmt, ist noch nicht das Aeußerste 
erreicht, wiewohl Heimatlosigkeit mit einem grausamen 
Gefolge von Uebeln seine Wirkung ist. Es gibt noch die 
gewaltsame, plötzliche Vertreibung unter Zerstörung aller 
Habe, die mit Totschlag und Menschenraub sich verbindet. 
Das ist die gründlichste Art der Zerstörung eines Volkes, 
welche am raschesten zum Ziele führt. Es ist diejenige, 
welche innerhalb eines Jahrhunderts Cuba und Hayti 
ihre indianische Bevölkerung genommen hat, dieselbe 
welche Tasmanien und einen großen Teil von Nordamerika 
entvölkert hat. Wir haben sie bis vor wenigen Jahren 
im Sudan in Ausübung gesehen, selbst unter Gordons 
Verwaltung, in deren Blütezeit, 1879, Richard Buchta, 
von Ladd schrieb: „Der Eindruck, der sich dem hier 
Lebenden unwillkürlich aufdrängt, wenn er die Ver- 
hältnisse der von den Aegyptern beherrschten Neger 
ins Auge faßt, ist ein trauriger. Ich glaube nicht zu 
übertreiben, wenn ich sage, daß diese Territorien ein 
weites Totenfeld seien, auf dem die eingeborenen Stämme 
ihrer gänzlichen Vernichtung entgegenvegetieren. Trotz 
aller gegenteiligen Versicherungen besteht zwischen den 
Regierenden und den Regierten eine durch nichts zu 
tiberbrückende Kluft. Rücksichtslose, für die Zukunft 
blinde Verwaltungs weise, richtiger gesagt, Ausbeutung 
der erst seit 9 Jahren dem Scepter des Khedive unter- 
worfenen Völkerschaften hat dieses Land in einen Zustand 
der permanenten Hungersnot gebracht 30 )". Wir müssen 
uns die Lage der Indianer beim Vordringen der Spanier 
in Amerika ähnlich vorstellen. Die Behandlung muß, nach 
der raschen Entvölkerung der westindischen Inseln zu 



der Völker. 359 

urteilen, noch viel rücksichtsloser gewesen sein. Wir 
wissen, daß Barbadoes, als es im April 1605 von einem 
Schiff mit englischen Kolonisten angelaufen wurde, 
menschenleer war, und diese Insel wird im 16. Jahr- 
hundert häufig als eine von jenen genannt, die indianische 
Sklaven lieferten. Ihre früheren Bewohner haben zahl- 
reiche Waffen und Geräte hinterlassen. 3 *) In derselben 
Zeit lebten Reste der indianischen Bevölkerungen von 
Hispaniola und Cuba nur in den Mischlingen fort. Kein 
Zweifel, daß Columbus, der verhältnismäßig mild gegen 
die Eingeborenen verfuhr, und seine Nachfolger Menschen- 
raub und Fortführung in die Sklaverei empfahlen und 
übten, daß sie diese Insulaner für ganz rechtlos hielten, 
und daß die Kirche — Ankunft der Dominikaner in 
Hispaniola 1510 — nur langsam mit ihren Schutz- 
maßregeln durchdrang. Wie die Geistlichkeit selbst 
noch im 17. Jahrhundert an der Ausrottung der In- 
dianer mitwirkte, zeigt das Schicksal des Stammes 
der Quepos in Costarica, wie es Frantzius 32 ) geschildert 
hat. Menschenjagden im großen und kleinen, und darauf 
begründet der Sklavenhandel, sind Erscheinungen, welche 
stets mit dem Aufeinandertreffen ungleichmächtiger Rassen 
eng verknüpft waren. Durch sie sind ganze Länder ent- 
völkert, ganze Völker zerstört worden. Konnten sie im 
menschenreichen Afrika und Altamerika so verderblich 
wirken, welches mußten ihre Folgen in schwächer be- 
völkerten Gebieten sein! Selbst in Alaska haben sie 
nicht gefehlt. Dort sind durch Wegführung der kräftigen 
Männer und Weiber unter Zurücklassung der Kinder und 
Hilflosen ganze Inseln verödet und Unimak soll von 2000 
auf 130 zurückgegangen sein 33 ). Wieviele von den 
kleineren polynesischen Inseln durch die Arbeiterschiffe 
nahezu entvölkert worden sind, entzieht sich der Schätzung. 
An das Schicksal der Osterinsel, die noch um 1868 durch 
peruanische Menschenfänger Hunderte ihrer Bewohner 
wegführen sah, so daß Kapitän Geisler 1883 nur noch 
150 auf der Insel vorfand, mag beispielsweise erinnert sein. 



l ) lieber den Rechtszustand. 1832. S. 27. 



360 Anmerkungen. 

2 ) Vergl. Dr. P. Avanjo in Revue d'Anthropologie. VIII. S. 176. 

8 ) Briefe und Berichte. 1888. S. 82. 

4 ) Diese Auffassung ist weit entfernt, eine theoretische zu 
sein, dazu ist sie zu wenig begründet. Sie stellt vielmehr einen 
Wunsch oder eine Hoffnung für die Zukunft dar und sucht nach 
einer Beschönigung dessen, was der Vergangenheit angehört. Und 
beides sind sehr praktische Dinge. Klingt es nicht wie Aufforde- 
rung, sich gegen die Ausbreitung des farbigen Elementes zu 
wehren, wenn von offizieller Stelle gesagt wird: Die weiße Rasse 
ist dem Fortschritte der afrikanischen in ihrer Mitte nicht günstiger 
als sie der Dauer der Indianer an ihren Grenzen gewesen ist . . . 
in Zahl und Stellung der weißen Rasse weit untergeordnet, ist 
die farbige, ob frei oder Sklavin, zu vergleichsweise rascher Auf- 
saugung oder Vernichtung bestimmt. (8 th Census of the United 
States 1860. [1864.] Introd. S. 11, 12.) Dabei zeigt die Statistik, 
wie vollkommen unbegründet diese Meinung war. 

5 ) Gatschet sucht allerdings die Befürchtung zurückzuweisen, 
daß die Yumavölker Arizonas, auch wenn die Eisenbahn ihr Ge- 
biet erreichte, einem baldigen Untergange geweiht sein würden, 
aber nur weil die Kolonisation besonders im westlichen Arizona 
wegen Dürre und Metallarmut langsam vorschreitet. Der Yuma- 
Sprachstamm. Z. f. Ethnologie 1887. S. 368. 

c ) Proceedings American Society for the Advancement of 
Science V. XXVI. 

7 ) Die Zukunft der Indianer. Globus. XXXV. S. 234. 

H ) Die genaue Aufzählung in Proceedings R. Geographical 
Society. London 1883. S. 653. 

9 ) Vergl. Hannands Erfahrungen bei den Sues. Globus. 
XXXVIII Nr. 15. 

10 ) Das ist offenbar dieselbe grippenartige Krankheit, von 
welcher Reck in der Geographie und Statistik von Bolivien (Geogr. 
Mitt. 1866. S. 304) in dem Sinne spricht, daß sie die Ursache 
größerer Sterblichkeit der Indianer der Puna, verglichen mit Weißen 
und Kreolen, sei. Auch Ehrenreich spricht in den Verhandl. d. 
Gesellschaft für Erdkunde in diesem Sinne. 

n ) Die Beschreibung der Reise von Pirara an den oberen 
Corentyne. Journal R. Geographical Society. XV. S. 27, 34 u. a. 

12 ) Die Wohnsitze und Wanderungen der Baffinlandeskimo. 
Deutsche Geographische Blätter. VIII. S. 32. 

13 ) Müller, Unter Tungusen und Jakuten. 1882. S. 114. 

14 ) Die Zukunft der australischen Eingeborenen. Die Natur 
1881. S. 141. 

15 ) Transactions of the Ethnological Society. N. F. 111. 1865. 

16 ) Der Report of the Legislative Conncil of Victoria für 1860 
nimmt 6000 als Zahl der ursprünglichen Einwohner Viktorias an. 
Diese Angabe scheint die best begründete zu sein. Viktoria ist 
ungefähr ^sr, Australiens und einer der fruchtbarsten Teile. Das 
würde also im Maximum wieder auf die obigen 200 000 zurück- 
führen. 



Anmerkungen. 361 

17 ) Abstract etc. Census of New Zealand. Dez. 1867. 

18 ) F. W. Pennefather erklärte beim Londoner Kolonialkongreß 
die heutigen Maori für eine ausgesprochene Mischrasse. Ihren 
Rückgang von 56 000 in 1858 auf 35 000 in 1886 erklärt er aus 
folgenden Gründen: Trunksucht, Krankheiten, Bekleidung mit 
schlechten europäischen Stoffen anstatt ihrer dichten Matten, fried- 
liche Zustände, welche sie in Trägheit versinken und die gesunden 
Wohnstätten auf befestigten Hügeln gegen feuchte Plätze in der 
Nähe ihrer Kartoffelländer vertauschen ließen; Wohlstand, der 
ihnen Müßiggang und schädliche Genüsse brachte. Dem Fort- 
schritt der Maori in Bahnen europäischer Gesittung stehen ihre 
angeerbten Gebräuche, vor allem die politische Zersplitterung und 
der Mangel des Einzeleigentumes an Land gegenüber. Die Be- 
seitigung des kommunistischen Grundzuges des Lebens der Maori 
ist die erste Bedingung ihres Gedeihens unter europäischer Regie- 
rung. (Conference on the Native Races of New Zealand. Journal 
of the Anthropological Institute. XVI. S. 211.) 

19 ) Die Gesamtbevölkerung zählte 1872 56897, 1878 57895, 
1884 80 578. Darunter befanden sich 4218 Mischlinge, 17 939 Chi- 
nesen und 17 335 Weiße, welche jetzt die entschiedene Mehrheit 
der Bevölkerung bilden. 

20 ) Vergl. Finsch, Ueber die Bewohner von Ponape. Zeitschrift 
f. Ethnologie. XII. S. 334. 

21 ) Geschichte d. Abiponer D. A. 1783. I. S. 120. 

22 ) Alle, die über die Palau I. geschrieben, haben die That- 
sache des Bevölkerungsrückganges erwähnt. Hier sei nur an die 
weniger bekannte Angabe der Schiffbrüchigen erinnert, welche 
1832 — 34 auf der Lord North I. weilten und während sie bei der 
Ankunft 3 — 400 Menschen in 3 Dörfern fanden, bei ihrem Weg- 
gang durch Hunger und Krankheit die Volkszahl bereite auf- 
fällig vermindert sahen. Bull. d. 1. Societe d'Ethnographie. Paris 
1846. S. 62. ' 

23 ) Proceedings R. Geographical Society. London 1885. 
S. 205 f. 

24 ) Boudinot, Chef der Tscherokies im Journal American Geo- 
graphical Society. 1874. 

25 ) Globus. XXXV. S. 10 f. und S. 380. 

26 ) Vergl. Ten Kates Reisen en Onderzoekingen in Nord- 
amerika. 1885. S. 437. 

27 ) Diese ungleichen Ehen sind übrigens nicht erst von den 
Europäern eingeführt, sondern waren bei den Indianern selbst 
heimisch. Statt vieler Beispiele sei an eine sehr hübsche Schilde- 
rung von Robert Schomburgk in seiner Reise von Pirara nach 
den Corentyne im Journal R. Geographical Society, London, XV, 
erinnert. Auch Pöppig sagt von den Cholonen des Huallaga: 
Obwohl Ehen sehr frühzeitig geschlossen werden und Unver- 
heiratete sehr häutig sind, so mehrt sich die Zahl des Volkes 
doch nur sehr wenig, indem sehr viele Ehen kinderlos bleiben 
und im besten Falle selten mehr als 2 Kinder in einer Ehe vor- 



362 Anmerkungen. 

kommen (Reisen in Chile, Peru und auf dem Amazonenstrom. 
II. S. 322). 

98 ) Conference on the Native Races of New Zealand. Journal 
of tbe Anthropological Institute. XVI. S. 211. Vergl. o. Anm. 18. 

29 ) S. die Angaben im Rep. Indian Commissioner. 1870. S. 19. 
und Executive Documents. 2 d Session. 44th Congress. Vol. IV. 

80 ) Verhandlungen der Berliner Gesellsch. f. Anthropologie. 
1880. S. 29. 

81 ) Vergl. Sir Robert Schomburgks genauere Angaben in 
History of Barbadoes. London 1847. S. 255 f. 

82 ) Der südöstliche Teil d. Republik Costarica. Geographische 
Mitteilungen. 1869. S. 325. 

88 ) Blliot, The Seal Islands. S. 147. 



11. Die Selbstzerstörung kulturarmer Völker. 

Die Pathologie der Weltgeschichte. Die Krankheiten der Unstätig« 
keit. Die Uebel kulturarmer Völker. Geringschätzung des Lebens. 
Der Hunger. Primitiver Kommunismus. Verwüstung der Menschen- 
leben. Kindsmord und Aehnliches. Der Krieg. Mord. Sklaverei. 
Unsittlichkeit. Menschenfresserei und Menschenopfer. Rückblick. 



Die Pathologie der Weltgeschichte. So wie die Ge- 
schichte gewöhnlich erzählt wird, zeigt sie uns die Völker 
fast immer nur in Thätigkeit, und was sie leiden, ist fast 
immer nur Aeufierliches : sie unterliegen in Kämpfen, wer- 
den ihres Landes, ihres Reichtums, ihres Besitzes beraubt. 
Es gibt aber ein tieferes inneres Leben und so auch ein 
inneres Leiden der Völker. Einige sind ganz still vom 
Kerne heraus erstarkt, andere siechen hin und stürzen 
unerwartet zusammen. Dem Ursprung geschichtlicher 
Bewegungen bleibt Gesundsein und Kranksein nicht fremd. 
Es gibt eine Pathologie der Weltgeschichte, so wie es ro- 
bustere und schwächere Volksnaturen gibt. Das Volk, 
dessen Individuen länger ieben, lebt als individuelles Volk 
länger. Die hippokratischen Züge trägt aber manches 
Volk Jahrhunderte an sich. Dieselben künden den Rück- 
gang der Bevölkerung an, die endlich sogar verschwinden 
kann. Zu den traurig-anziehendsten Gegenständen an- 
thropogeographischer Forschungen gehört die Untersuchung 
der Gründe des Ab- und Aussterbens ganzer Völker, das 
in der Geschichte ihrer Raumerfüllung sich ausspricht, 
und das durchaus nicht erschöpft ist mit der Geschichte 
der schädlichen Berührungen kulturarmer Völker mit 



;ttl4 Dio Pathologie der Weltgeschichte. 

Kulturvölkern. In dem Zustande dieser Völker liegen 
ZerstörungHk räfte, von denen eine oder die andere leicht 
frei gemacht werden kann und im stände ist, für sich 
allein Völker zu Falle zu bringen. 

Die Völker niederer Kulturstufe kämpfen einen um 
so schwereren Kampf mit der Natur, von der sie um- 
geben, bedrängt, angegriffen werden, je schwächer ihre 
Mittel der Verteidigung in diesem Kampfe sind. Ihre 
Waffen für den Krieg mit Menschen sind Wunderwerke 
von Scharfsinn, verglichen mit dem Wenigen und Schwa- 
chen, was sie gegen die Einflüsse des Bodens und des 
Klimas vermögen. Es würde gefehlt sein, ihr Unter- 
liegen, welches nur zu oft ein Hinschwinden in nichts 
ist, nur als eine Folge der feindlichen Angriffe und Ein- 
flüsse ihrer fortgeschritteneren Brüder aufzufassen. Diese 
finden aber ihre Aufgabe erleichtert durch die Schwäche 
der Grundlage, auf welcher jene stehen. Die Geschichte 
kulturarraer Völker trägt trotz beständiger Bewegungen, 
von denen sie erzählt, im Grunde einen passiven Zug. 
Eh ist viel mehr Dulden als Triumph in dieser Geschichte. 
Die größten Züge derselben sind doch immer die Hunger- 
jahre und Seuchen, die die Bewegung der Bevölkerung 
zu einer rasch, man möchte sagen fieberhaft pulsierenden 
machen. Die Kultur verlangsamt die Bewegung der Be- 
völkerung, indem sie Lebenszeit und Generationsdauer ver- 
längert.. Malthus nennt das Wechselspiel von Eintritt des 
Monds infolge im verhältnismäßigen Wachstums und un- 
verhältnismäßigen Wachstums infolge Aufhörens des 
Monds Kbbe und Flut. Man kann das Bild vervollstän- 
digen, indem man den Wechsel der Bevölkerungszahlen 
hei Naturvölkern mit dem Wellenschlag vergleicht. So- 
viel rascher vollzieht er sich, soviel häufiger wiederholt 
er sich und soviel kleiner, zerstückter ist in Entstehen 
und Vorgehen seine Erscheinung. 

Die Krankheiten der Unstätigkeit. Es liegt im Wesen 
der Kultur, welche die natürlichen Hilfsmittel des Lebens 
Schert und vermehrt, daß sie das innere Wachstum der 
Völker begünstigt. Kulturarme Völker dagegen müssen 



Die Krankheiten der Unstätigkeit. 365 

über ihre Grenzen hinausgehen, sobald sie wachsen; ja, 
sie erschöpfen ihre Hilfsquellen oft schon so frühe, daß 
sie auch ohne Vermehrung ihrer Zahl dieselben nicht 
mehr genügend finden. Die Notwendigkeit sich auszu- 
breiten, bedingt für sie eine ganze Reihe von Verlusten, 
die mit Einleben und Einwohnen verbunden sind. Je 
ärmer und einfacher die Basis des Lebens, desto rascher 
und leichter findet die Verschiebung der Menschen auf 
derselben statt. Daher die vielfachen Uebergänge von 
Rentierzucht zu Jagd oder Viehzucht und gelegentlich 
wohl auch umgekehrt bei den Nordasiaten und die Un- 
möglichkeit, scharf die Grenze zwischen Nomaden und 
Ansässigen zu ziehen, die Mischung von Jägern und Acker- 
bauern in einem und demselben Indianerstamme, beson- 
ders aber die Veränderung der Wohnsitze, welche dem 
krankmachenden Einflüsse des ungewohnten Klimas und 
des jungfräulichen Bodens, der neu gelockert werden 
muß, den Zugang öffnet. Jede Kolonisation fordert Opfer, 
die kulturarmen Völker sind von denselben nicht befreit. 
Fortdauernde Wanderung bedingt auch Fortdauer eines 
Prozesses der Akklimatisation, aus welchem ortswechselnde 
Menschen nicht herauskommen. Immer wiederholte Ur- 
barmachung an Wanderung sich anschließend, läßt die 
Krankheiten nicht aussterben, deren Keime im Neuland 
sich ausbrüten. In den Anfängen der Kolonisation ist 
jederzeit und allerorts die Sterblichkeit eine ungemein 
große. Die Anstrengungen sind jetzt am belastendsten, 
die Unbekanntschaft mit den neuen Lebensbedingungen 
am verderblichsten. Das Heimweh kommt hinzu. Selbst 
in den kulturlich so weit dem Europäer entgegenkommen- 
den Vereinigten Staaten von Amerika hat der deutschen 
Einwanderer erste Generation mehr Last und Verlust als 
Freude; erst auf ihren Gräbern und auf den Gräbern ihrer 
Hoffnungen baut sich das Gedeihen ihrer Nachkommen 
auf. Die Sterblichkeit unter den erst Eingewanderten 
in den Vereinigten Staaten wird doppelt so hoch ange- 
nommen als die der Landesgeborenen *). Die Sterb- 
lichkeit der Franzosen in Algerien betrug 1853 — 56 
46,5 pro 1000, Ende der 70er Jahre 28, die der Deut- 



3()(> Akklimatisation. 

sehen damals 55, später >\9 *). Von der habituellen Kränk- 
lichkeit, besonders der Allgemeinheit gastrischer Beschwer- 
den bei den sonst kräftigen Argentiniern, die an Aehn- 
liches bei Australiern und Nordamerikanern erinnert, und 
der vorausgehenden Gedrücktheit der Stimmung hat Mante- 
gazza eine geistreiche Schilderung entworfen a ). Erschre- 
ckend ist die Sterblichkeit in den an allen Uebeln der 
Koloniestädte leidenden Städten Sibiriens, wo nach älteren 
Nachrichten 4 ) Jenisseisk 375 Geburts- und 509 Todes- 
fälle, Kansk 112 und 16(5, Atschinsk 127 und 151 zeigte. 
Uebrigen8 können bis heute die in der Heimat so frucht- 
baren Kelto-Sachsen Neuenglands nicht als in Nord- 
amerika akklimatisiert angesehen werden, da ihre natür- 
liche Vermehrung nicht groß genug ist, um die Bevölke- 
rung ruhig aus sich heraus fortwachsen zu lassen. 

Die kulturarmen Völker sind viel weniger boden- 
ständig als die Kulturvölker 5 ). Verlegungen von Dörfern 
sind häufig, wobei es vorkommen mag, wie Guppy von 
den Salomonsinseln berichtet, daß aus gesunden Lagen 
nach ungesunden gezogen wird. Müssen nicht die häufigen 
Ortsveränderungen denen sie ausgesetzt sind, seien sie 
freiwillig oder gezwungen, den Boden erschüttern, in wel- 
chem ihr Gedeihen wurzelt? Powers hat in seinem Werke 
über die californischen Indianer auf die Verluste an 
Menschenleben hingewiesen, welche allein das Wandern 
mit Alten und Kranken der Volkszahl bereitet. Dies 
gilt für viele, besonders auch Australier. In den austra- 
lischen Wanderhorden findet man ausgemergelte, halb- 
verhungerte Alte, die sich kaum mitschleppen können. 
Gosse erzählt, wie er ein solches armes, liegen gebliebenes 
Menschenkind vom Verhungern rettete. 

Es sterben Völker aus, weil sie sich nicht akklimati- 
sieren können. Wie oft mag in zentralafrikanischen Völker- 
bewegungen sich der Fall der Makololo wiederholt haben, die 
mehr am Boden und Klima als durch die Feinde starben, als 
sie, aus gemäßigtem Klima kommend, den Zambesi über- 
schritten ! Vergeblich verlegte 18(50 Sekeletu, um nicht 
alle seine Leute durch den Tod zu verlieren, sein Königs- 
dorf aus dem Tieflande nach einem höheren Punkt am 



Die Krankheiten kulturarmer Völker. 367 

Fuß des Berges Tabatscheu. Es blieben nur ärmliche 
Reste von Sebituanes Kriegerscharen übrig. Also Schwierig- 
keit der Akklimatisation von Afrikanern in Afrika. Der 
Zonenunterschied braucht nicht so groß zu sein, um sie 
hervorzurufen. Von den Balubasklaven, die nach Angola 
gebracht werden, sterben fast alle Männer in kurzer Zeit. 
Die zweite Wißmannexpedition berichtet, daß ein Plan- 
tagenbesitzer in Malange in Jahresfrist seine 84 männ- 
lichen Sklaven bis auf einen durch den Tod verlor. Frauen 
und kräftige Kinder sollen den Uebergang zum Küsten - 
klima leichter ertragen, auch die Kalunda rascher dem- 
selben sich anpassen 6 ). Ueberall, wo Polynesier als Ar- 
beiter hingeführt werden, scheint ihre Sterblichkeit auf- 
fallend groß zu sein. Finsch nennt mit Bezug hierauf 
den Tropenbewohner viel empfindlicher gegen Klima- 
wechsel als den Weißen. Von den polynesischen Ar- 
beitern in den Zuckerpflanzungen Queenslands heißt 
es, daß sie eine Todesrate von 85 pro 1000 haben 7 ). 
Braucht es weiterer Beispiele, so haben wir es erlebt, 
wie die Indianer, die aus Nord und Süd nach Europa 
zur Schau gebracht wurden, rasch hinstarben. Jene Od- 
schibwäh, deren Proportionen Quetelet so genau unter- 
sucht hat, verloren binnen wenigen Monaten 4 Erwachsene. 
Kann man endlich sagen, daß die Indianer in ihrem eigen- 
sten Wohngebiete Amerika voll beheimatet seien, wenn 
sie in den subtropischen und tropischen Tiefländern vom 
Potomak bis zum Paranä durch Neger und Zambos er- 
setzt sind? In diesen heißen Strichen sind Neger und 
Negermischlinge auch dann häufig, wenn sie in den be- 
treffenden Hinterländern nur spärlich vertreten sind. 

Die Krankheiten kulturarmer Völker. Sir J. Lub- 
bock hatte die „ geistreiche" Behauptung aus der Luft 
gegriffen, daß Wilde selten krank seien 8 ), was sogleich 
Rev. Codrington in seiner Arbeit über die Bankinsulaner 
sehr gut widerlegte. Er weist dort nach, daß die Wilden 
sehr oft krank sind und daß sie in ihren Sprachen an 
Ausdrücken für alle Arten von Krankheiten keinen Mangel 
haben. Später hat Fison in einem Vortrage vor der British 



3t>8 Gesundheitsschädliche Lebensweise. 

Association diese Einwürfe wiederholt und auch auf die 
Menge der Heil- und Zaubermittel und auf die hervor- 
ragende Stellung der Medizinmänner hingewiesen. Lub- 
bocks Behauptung ist eine vollkommen schiefgehende, 
denn gerade die Lebensweise der sogen. Naturvölker ist 
entschieden gesundheitsschädlich und die Kultur bedeutet 
vor allem auch einen Portschritt in hygienischer Be- 
ziehung. Alle ungefärbte Schilderungen, alle gründliche 
Beobachtungen widersprechen dem Lubbockschen Satze. 
Auch die Kulturvölker haben ihre Krankheiten, sie be- 
sitzen aber zugleich die Heilmittel. Anders die Natur- 
völker, deren gesundheitliche Fürsorge gering und oft 
genug ganz verkehrt ist. Ihre Kleidung ist in der Regel 
unzulänglich. Ihre Häuser bieten in der Regenzeit vor 
den Unbilden der Witterung nur ungenügend Schutz, wäh- 
rend in der warmen Jahreszeit der Aufenthalt in ihnen sehr 
heiß ist. „Furchtbar dumpf, von mephitischen Dünsten 
erfüllt* 4 nennt Ferd. Müller die Luft der Jakutischen 
Jurten, in der natürlich alle Bedingungen zu rascher Ver- 
breitung der Epidemien gegeben sind, besonders wenn 
die Tiere den Raum mit den Menschen teilen 9 ). Ihre 
Nahrung ist ungleich, bald zu viel, bald zu wenig, und 
im Ueberfluß neigen sie sehr dazu, sich zu überessen. 
In Südaustralien bekommen die Eingeborenen, die sich 
um Hermannsburg u. a. Missionen niedergelassen haben, 
am Geburtstag der Königin Viktoria wollene Decken, die 
sie so wenig zu nützen wissen, daß. man gerade in diesen 
den Grund zu den unter ihnen herrschenden phthysischen 
Krankheiten sehen will; man begründet dies damit, daß 
die Eingeborenen die Decken, wenn auch vom Regen 
durchnäßt, ständig tragen und darin schlafen, ohne sie 
vorher zu trocknen. Ohne Aerzte, ohne Pflege schleppen 
sie sich mit einer Masse von Krankheiten und sind außer- 
dem Epidemien in noch höherem Maße ausgesetzt als 
die Kulturmenschen. Das physische Bild der Naturvölker 
ist sehr oft nicht dasjenige überquellender Gesundheit, 
sondern mühseliger Beladenheit mit Leiden aller Art 10 ). 
Die Kultur macht viele Krankheiten zu schleichen- 
den, zurückgedrängten Uebel und darüber hinaus hat sie 



Seuchen. 



3Ü9 



Leiden vernichtet oder gemindert, welche im Elend und 
Schmutz der NaturviilkiT furchtbar fort wuchern. Der Zahl 
der Aussätzigen des hawaisohen Archipels, deren schwere 
Fälle gegen 700, also 2°/<i der Eingeborenen! ifvtilkerung, 
auf Kalawao abgesondert sind, steht die Thatsache gegen- 
über, daü dieses Uebel in Europa, das einst seine Le- 
prosenhäuser in jeder Stadt besaß, fast unbekannt geworden 
ist. Epidemien verbreiten sich bei tieferstehenden Völ- 
kern sehr rasch und werden oft viel verderblicher als 
bei den Völkern, welche sich besser zu schützen im 
stände sind. Influenza und Mumps gehören auf den In- 
seln des Stillen Ozeans zu den tödlichen Krankheiten. 
Die schrecklichsten Verwüstungen scheinen die Blattern 
anzurichten, die wahrscheinlich nicht erst durch die Euro- 
päer bei den Naturvölkern eingeführt worden sind. Wiß- 
mann nennt sie „in Ostafrika fast endemisch" "). 1524, 
noch ehe die Spanier ins Innere vorgedrungen waren, 
raffte eine Blatternepidemie in Peru angeblich 200 000 
Menschen hin. Pest und Auswanderung entvölkern in 
den Berichten der Chronisten des Inkareiches wiederholt 
das Land, und das ausgestorbene Cuzco hört zeitweilig 
auf, Hauptstadt zu sein, um unter guten Herrschern wie 
Yupanki rasch wieder anzuwachsen. Casamarca war 
vollständig verlassen, als die Spanier 1532 dasselbe er- 
reichten. Wenn man diese Zahlen zusammenhält mit 
der Lebens- und Wohnweise eines sich selbst über- 
lassenen Stammes von Indianern oder Polynesiens ohne 
ärztliche Hilfe, durch Aberglauben sich selbst bedrohend, 
dann mag man es nicht für unglaublich halten, daß 
diese Krankheit ganze Stämme wegraffe, wie jüngst 
wieder Orevaux von den Trio am oberen Paru und Ta- 
panahoni berichtete und Ehren reich von den Anambes 
am unteren Tocantins l3 ). Fügt man hinzu, daß Seuchen 
durch Lockerung aller Bande Verbrechen hervorrufen und 
den Aberglauben aufs höchste steigern — bei der Cho- 
leraepidemie, die 1878 Patagonion heimsuchte, wurde ein 
ganzer Stamm von 25 Menschen, um Ansteckung zu ver- 
meiden, hingemetzelt 13 ) — so sieht man eine Belastung 

Ritgel, Aathropogeographie II. 24 



370 Geringschätzung des Lebens. 

dieses Lebens vor sich, die keine ruhige Entfaltung zu- 
lassen kann. 

Viel ist über die Frage gestritten worden, ob eine Geißel 
der Naturvölker, die Lustseucbe, ihnen eigen gewesen oder durch 
die Europäer ihnen gebracht worden sei. Wie einst Förster, so 
glaubt heute Guppy an die voreuropäische Existenz dieser Krank- 
heit im Stillen Ozean, die 1773 von Cook und Furneaux auf Neu- 
seeland gefunden wurde, wo sie freilich, trotz der Ableugnung 
Cooks, 1769 durch ihn oder Surville eingeschleppt worden sein 
könnte. Die Frage ist selbst auf den entlegensten Inseln der Süd- 
see nicht zu lösen, da selbst diese vor den „ Entdeckern w z. B. von 
spanischen Fahrzeugen besucht wurden. Sie hat auch längst auf- 
gehört, praktisch zu sein. Die Seuche ist jetzt in außereuropäischen 
Ländern weiter verbreitet als in Europa selbst. Der ferne Orient 
mit seinen abgeschlossenen Weibergelassen ist ihr ebenso verfallen 
wie die ungebundenen Völker Afrikas oder Polynesiens. 

Die innere Unvermitteltheit und Unberechenbarkeit 
dieses Lebens, das gleichsam in einem Meer von Aber- 
glauben schwimmt, ohne Ufer und Anker, spricht sich 
nirgends mit erschreckenderer Deutlichkeit aus, als in den 
Berichten der Missionare über den selbstvernichtenden 
Wahnsinn, der ganze Indianerdörfer in einer raschver- 
laufenden Epidemie wegraffte. 1639 erlebte P. Le Jeune 
in einem Huronendorf einen epidemischen Veitstanz, der 
nach dreitägigen, mit den größten Aufregungen und Aus- 
schweifungen verbundenen religiösen Fest ausbrach. Die 
Teilnehmer der Orgien rannten wie besessen durch das 
Dorf, dessen Hütten und Eigentum sie zertrümmerten, in 
Brand steckten, einige blieben dauernd irrsinnig, andere 
starben, und Le Jeune berichtet, wie in solchen anstecken- 
den Wahnsinnsausbrüchen ganze Familien zu Grunde 
gingen. Brinton spricht von der Häufigkeit der Wahnsinns- 
ialle bei Indianern 14 ), Speke nennt geistige Störungen 
beim Neger häufig wiederkehrend. Daß der Selbst- 
mord bei kulturarmen Völkern nicht vorkomme, ist eine 
willkürliche Annahme, der zahllose traurige Fälle ent- 
gegenstehen. 

Geringschätzung des Lebens. Der Hinfälligkeit vor 
Krankheitseinflüssen verschiedenster Art steht die see- 
lische Derbheit gegenüber, welche von allen Aerzten 
betont wird, die in der Lage waren, operative Eingriffe 



Der Hunger. 371 

bei farbigen Menschen zu unternehmen. Sie scheint frei- 
lich keinen Schutz gegen jene Einflüsse zu bieten, ver- 
mehrt vielmehr, und aus diesem Grunde ziehen wir sie 
hier an, die Verluste an Menschenleben. Auf ihrem Boden* 
wächst die Härte dieser Menschen gegen sich selbst und 
andere. Das Leben der Kulturvölker ist trotz Eisenbahn- r 
Schiffs- und Bergwerksunglücken weniger gefährdet als das 
der Kulturarmen, die das ihre aus Leichtsinn jeden Tag 
preisgeben. Die Gleichgültigkeit der Indier gegen die keines- 
wegs geträumten Gefahren ihrer Wälder und Ströme ist 
kaum glaublich und wird alljährlich zur Veranlassung- 
von schauderhaften Unglücksfällen, sagt Pöppig. Man lese 
die Schilderung, welche Bandelier von dem Aufgang zu den 
Felsenwohnungen Neu-Mexikos entwirft: Entsetzlich steil r 
oft an senkrechten Staffeln empor, vermittelst ausge- 
schränkter Stufen windet sich der Pfad an der glatten? 
Felswand hinauf. Kaum eine Fussbreite trennt den« 
schmalen Steg von dem stets wachsenden Abgrunde. 
Jährlich fordert diese Vereda ihre Opfer, allein täglich 
betreten sie sorglos Leute jeden Alters und Geschlechts. 
Bei den Eskimo bedeutet häufig das Wegtreiben der Jäger r 
welche sich zu weit auf die Eisfelder hinausbegeben 
haben, trotz der Geschicklichkeit, mit der jene sich oft 
noch aus solchen Lagen herauszuarbeiten wissen, den 
Tod 15 ). Von der großen Zahl von Unglücksfällen, di& 
in den arktischen und subarktischen Gebieten durch Fisch- 
fang und Jagd entstehen, haben wir oben gesprochen. 
Sehr verbreitet ist der Brauch, Kranken, die man für 
unheilbar hält, den Lebensfaden abzuschneiden. Mitleid 
an Schmerzen, die man nicht hindern kann, hat ebenso* 
seinen Teil daran, wie Ueberdruß an der Last der Pflege. 
Als ein weiteres Motiv wird Furcht vor Ausbreitung der 
Krankheit angegeben. 

Der Hunger 16 ). In der Geschichte der Völker auf nie- 
derer Stufe der Kultur spielt Hungersnot mit darauf- 
folgenden Seuchen und großem Sterben eine verhängnis- 
volle Rolle. Wie oft kehrt der Ausdruck wieder: Der 
X-Stamm lebt von Jagd, Fischfang und Ackerbau, „oft 



372 Schlechte Ernährung. Wassermangel. 

tritt aber Hungersnot ein. u Braucht auch das Unzu- 
reichende der Masse der Lebensmittel sich nicht gerade 
in einer Hungersnot zu äußern, kann es vielmehr andere 
Formen annehmen, z. B. die Erzeugungskraft schwächen, 
die präventiven Hindernisse vermehren u. s. w. , so ist 
doch eine unmittelbare Beziehung zwischen Art und Menge 
der Nahrungsmittel und der Volkszahl vorhanden. Ich 
betone hier die Art der Nahrungsmittel und schließe 
dabei den Nahrungswert ein. Viele von den primitiven 
Nahrungsmitteln sind fast wertlos, oft schädlich; so das 
Papyrusmark, der Eukalyptusgummi, die Birkenrinde und 
andere, der Thonerden nicht zu gedenken, die in beiden 
Amerikas wie in Afrika und Asien gegessen werden. 
Australische Kinder sind, ehe sie den größeren Teil 
ihrer Zähne haben, außer stände, die harte und zähe 
Wurzel- und Beerennahrung zu kauen, von der ihre Er- 
zeuger hauptsächlich zu leben haben. Ackerbau und 
Viehzucht schaffen hierin ganz andere Möglichkeiten. Aber 
auch der Ackerbau der Naturvölker ist vielfach einseitig 
und Raubbau, und weiß den Ertrag eines reichen Jahres 
nicht für ein armes, welches folgt; aufzubewahren. Auch 
Wasser ist eine der Notwendigkeiten des Lebens, welche 
die Völker auf dieser Stufe nicht mit genügender Sorge 
behandeln. Die Sage der ' Moqui-Indianer, daß sie „vor 
fünf alten Männern", das Rio-Verdethal bewohnten und 
es nur verließen, als Dürren in Verbindung mit einer 
verheerenden Krankheit sie dazu zwangen 17 ), wäre in 
die Geschichte so manchen Indianer- oder Negerstammes 
nicht als einmaliges, sondern als öfters sich wiederholen- 
des Ereignis einzusetzen. In Gebieten, die mit der rätsel- 
haften Erscheinung des Trockenerwerdens des Klimas 
geschlagen sind, machen sich diese Einflüsse fast regel- 
mäßig geltend. In den Wanderungen der südafrikani- 
schen Stämme, besonders des Inneren und des Westens 
und in der häufigen Verlegung ihrer Hauptorte (Setscheli, 
Häuptling der Bakuena, verlegte innerhalb zehn Jahren 
seine Hauptstadt zweimal: einmal von der Gipfelfläche 
eines Berges nach dem Fuße wegen der Schwierigkeit, 
Wasser zu erlangen, dann von letzterem Orte nach 






373 



einem mehrere Stunden entfernten, der wieder wasserarm 
ist, wegen Ungesundbeit) ist nicht selten Wassermangel 
die treibende Ursache 1S ). Aehnlich hat das Klein erw er- 
den des Atrek gewirkt, dessen Wasser zugleich teilweise 
salziger wurden. Die turkmenische Bevölkerung an seinen 
Ufern ist jetzt sehr gering. 

Nicht nur der Mangel, der immer örtlich und zeit- 
lich zu beschränken sein würde, sondern auch die Sorg- 
losigkeit wirkt verwüstend auf diese Völker. Auch die ■ 
in günstigen äußeren Verhältnissen Lebenden, wie die 
Thlinkit, welche von guten Jagd- und Fischer eigründen 
und an elJbaren Früchten reichen Wi'ddern umgeben sind, 
haben ihre Notjahre. Es würde nicht an den Mitteln 
zur Aufspeicherung von Vorräten fehlen, doch geschieht 
dies nicht in genügendem Maße. In den Tropen ist die 
Schwierigkeit der Aufbewahrung in feuchter Wärme und 
inmitten einer sprühenden Lebensfülle nicht zu verkennen. 
Aber es liegt etwas Tieferes vor. Wir haben die Gebiete 
kennen gelernt, wo dauernd ein Mißverhältnis zwischen der 
Gröl.k' der Bevölkerung und der Geringfügigkeit der Hilfs- 
quellen bestellt, Gebiete, die man als Masini algebiete der 
Hungersnöte bezeichnen könnte (s. das 7. Kapitel am 
Schluß!. Wir sahen den stahlblauen Himmel der Passat- 
und Monsungebiete auf Hunderttausende von <>nadratmeilen 
ungenügend und unregelmäßig befeuchteten Landes herab 
drohen. Und weiter sahen wir überall, wo die einzig 
zuverlässige Quelle der Ernährung, der Ackerbau, unmög- 
lich wird, verheerende Hungersnöte häutig eintreten, so im 
hohen Norden, wo selbst die herdenreichen Lappen mit 
Erde und Rinde ihre Nahrung ausgiebiger zu machen 
suchen. Allein schon die Vernichtung des einzigen Haus- 
tieres, des Hundes, durch Seuchen oder Not, führt hier 
zu langdauernder Schwächung der Erwerbafähigkeit der 
Völker. Es gibt Völker, welche wir hauptsächlich unter 
dein Bilde von Hungernden uns vorzustellen gewohnt sind, 
und die Vorstellung trifft bei einem großen Teile der 
Australier, Feuerläuder und Buschmänner zu 19 ). 



374 Notzeiten. 

lebte und folgendermaßen die Lebensgrundlage der 3 — 400 Insulaner 
beschreibt: Ihre Hauptnahrung waren Kokosnüsse. Der Ackerbau 
lieferte eine Art Igname, die indessen schlecht gedieh. In diesen 
2 Jahren fingen sie nur 5 Schildkröten. Ihr Fischfang war wegen 
der Mangelhaftigkeit der aus Schildpatt gefertigten Angeln wenig 
ergiebig. So lebten sie immer am Rand des Hungers hin und 
kamen in noch größere Bedrängnis, als ein Sturm die Kokösernte 
zerstörte und zugleich die jungen Pflanzungen mit Sand bedeckte. 
Am Ende der beiden Jahre fanden die Schiffbrüchigen die Zahl 
der Insulaner durch Krankheiten und Hunger geringer geworden 
als im Beginne ihrer Gefangenschaft. Der Missionar Franz Morlang 
erlebte 1859 eine schwere Hungersnot im Barilande, deren menschen - 
mörderische und an allgemein erschütternder Wirkung einem so- 
zialen Erdbeben zu vergleichende Folgen er mit diesen Worten 
schildert: Wie in früheren Jahren begann auch heuer die Hungerzeit 
in den Monaten April, Mai und Juni. Wegen Mangels an Regen be- 
kamen die Neger nicht einmal mehr Laub und Gras, das sie sonst 
sammeln, abkochen und essen. Das Vieh, dem man das Blut ab- 
zapfte, mußte vor Schwache krepieren. Mädchen und Frauen gaben 
sich den Handelsleuten um ein Stückchen Kisra (Brot) hin, wurden 
syphilitisch und starben eines elenden Todes. Knaben, Burschen 
und Männer legten sich auf Diebstahl und Raub. Die Wächter in 
den Seriben mußten verdoppelt werden. Alle Nächte hörte man die 
Allarmtrommel, Diebsbanden und Räuber zogen umher und raubten 
Vieh. Täglich schwammen im Flusse die Leichen Ermordeter oder 
Teile derselben, auch hineingeworfene Säuglinge vorbei. Die Leute, 
die noch lebten, hatten nur noch Knochen und Haut und fielen 
vor Schwäche um. Viele, viele, die ich persönlich kannte, sind 
jetzt unter der Erde 21 ). Damals ging das Dorf Gondokoro von 
21 auf 3 Tokuls zurück und die Einwohner starben bis auf 1 Mann 
und einige Weiber. Damals war es auch, daß Nigila, der große 
Regenmacher der Belenyan, vom enttäuschten Volk gesteinigt wurde. 

So ungleich und sorglos wie ihr Kleiden und Woh- 
nen ist überhaupt die Ernährung dieser Völker. Auf 
die Hungerzeit der Tschuktschen sah Nordenskiöld, sobald 
das Eis aufgegangen war und Fischfang gestattete, das 
sorgloseste Schwelgen im Ueberfluß folgen. Rink teilt 
eine Liste der Verteilung der Sterbefälle in Grönland 
auf die Monate mit, welche die höchsten Todeszahlen mit 
der Zeit der ergiebigsten Seehundsjagd zusammenfallen 
läßt. Die häufigen Jagdunfälle sind dabei zu berück- 
sichtigen. Die Schilderungen der Fleisch Völlerei der 
Neger an Elefanten und Nilpferden wirken geradezu ekel- 
erregend. Mit dem rohen Fleisch, das dabei verschlun- 
gen wird, gelangen Binnenparasiten in den Leib, daher 



Primitiver Kommunismus. 375 

die große Verbreitung derselben in Ländern, wo das 
Rohfleischessen — Nachtigal hat mit Humor die Reize der 
rohen Kamelleber beschrieben — so verbreitet ist wie in 
Abessinien und im Sudan. Endlich der Mißbrauch der 
narkotischen Genußmittel. Aus den Verwüstungen, welche 
dieselben bei den Kulturvölkern anrichten — Christlieb 
rechnet, daß die Opfer des Opiumrauchens in China auf 
100000 zu beziffern seien — kann ein Schluß auf den 
Einfluß des Tabaks, den Eskimo, wie Bongo bis zur 
Betäubung rauchen, Haschischs, Branntweins u. a. ge- 
zogen werden. 

Primitiver Kommunismus. In den meisten Fällen ist 
die Erwerbung eines dauernden sicheren Besitzes so 
schwer, daß auch ohne Mangel an Voraussicht dieselbe 
nicht realisiert werden kann. Es geht ein kommunisti- 
scher Zug durch das Leben der Naturvölker, dessen sicht- 
barste Ursache der Druck der Lebensverhältnisse, welcher 
gleich stark auf allen lastet. In dem mühsamen Leben 
der Eskimo erscheint die Erhaltung von mehreren Zelten 
und Booten, d. h. die Anhäufung von Besitz so unmög- 
lich, daß, wenn ein Sohn bereits Boot und Zelt sich 
«rworben, er beim Absterben des Vaters dessen Besitz 
nicht erben kann, „denn niemand kann zwei Zelte und 
Boote zugleich im Stand erhalten* 22 ). Aber auch bei 
den Negern sucht die hinabsteigende Generation der auf- 
steigenden das Leben zu erschweren, indem sie ins Grab 
mitnimmt, was wertvoll ist. Spring bringt diese Ver- 
armung der Hinterlassenen bei den Pirna mit dem gras- 
sierenden Kinds mord in Zusammenhang. In den Monaten 
oder Jahren der legalen Anarchie werden neben zahl- 
reichen Menschenleben kostbare Besitztümer vernichtet. 
Das Leben fängt immer wieder von vorne an, es behält 
kaum eine Stütze für freie Erinnerungen übrig; deswegen 
bleibt es immer so tief am Boden. 

Verwüstung der Menschenleben. Die Geringschätzung 
des Wertes des menschlichen Lebens verleiht allen Be- 
ziehungen der Menschen niederer Kulturstufen einen rück- 



376 Verwüstung der Menschenleben. 

sichtslosen, zur Opferung des Nächsten oder des Frem- 
den leicht bereiten, blutigen Charakter. Der Egoismus 
des Herrschenden und Besitzenden wirft sich auf den 
Schwachen, sei es Kind oder Weib, Sklave oder Kriegs- 
gefangener, beutet ihn aus, bedrückt ihn oder tötet ihn. 
je nachdem es in seinem Interesse liegt. Der Feig- 
heit, mit welcher Grausamkeit stets eng verbunden ist, 
sind diese Opfer willkommen. Sie beginnt mit der Tö- 
tung des Kindes im Mutterleib und endet mit der Opfe- 
rung von Sklavenhekatomben beim Tode irgend eines 
Häuptlings über 2 oder 3 Dörfer. Man durchblättere 
einen einfachen, wahrheitstreuen Bericht aus Zentralafrika, 
wie z. B. Fran<jois ihn in „Die Erforschung des Tschuapa 
und Lulongo* gegeben hat, es wimmelt von Ermordung 
nachgelassener Frauen , Menschenfresserei , Kindersterb- 
lichkeit. Alle diese Angriffe auf das Leben der Völker 
entspringen jener Einen Wurzel, die mit dem Fortschritt 
des Menschengeschlechtes stirbt. Livingstone sagt einmal, 
man könne den Kannibalismus der Steinzeit, die Sklaverei 
der Bronze- oder Eisenzeit der Menschheit vergleichen. 
Hinsichtlich der Erhaltung der Menschenleben sind offen- 
bar wir im goldenen Zeitalter angelangt. 

Kindsmord und Abtreibung der Leibesfrucht sind 
bei Völkern niederer Kulturstufe in erschreckender Aus- 
dehnung üblich. Schon in China und Indien ist Kinds- 
mord weit verbreitet, er war es in Arabien vor Moham- 
med 23 ), bei vielen vorchristlichen Völkern des Orients 
und Occidents. Man begeht keinen großen Fehler, wenn 
man sagt, daß erst die monotheistischen Religionen diesen 
Unsitten den Stempel schwerer Verbrechen aufgedrückt 
haben. Die in China so sehr auf Bevölkerungs Vermeh- 
rung bedachten Regierungen haben dies nie ganz fertig 
gebracht. Für eine von dem Glauben an Seelenwande- 
rung getragene Auffassung ist es leicht, eine eben an- 
gekommene junge Seele, die noch nicht Wurzel gefaßt 
hat, zum Aufsuchen einer neuen Hülle zu veranlassen. 

Aus den Kulturarmen heben wir nur eine Gruppe heraus, 
welche zeigen kann, zu welcher völkerverderbenden Macht die 
Gewohnheit der Beseitigung Neugeborener führen konnte. Der 



Kindsmord. 377 

Kindsmord bildete einen wesentlichen Bestandteil in den Sitten 
und Satzungen der höchststehenden, einflußreichsten Körperschaften 
eines in anderen Beziehungen fortgeschrittenen Teiles von Poly- 
* nesien, nämlich der Eni oder Erroi der Gesellschaftsinseln. So 
öffentlich wie hier wurde dies Verbrechen nur in wenigen Teilen 
der barbarischen Welt geübt. W. Ellis hebt hervor, daß bis 
zur Einführung des Christentums Kindsmord in Polynesien wahr- 
scheinlich in größerem Maße und mit herzloserer Grausamkeit 
geübt worden sei als bei irgend einem anderen Volke. Man darf 
annehmen, daß gelegentlicher Kindsmord wie bei allen roheren 
Völkern so auch bei den Polynesiern von jeher vorgekommen sei. 
aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß derselbe in einzelnen 
Teilen ihres Gebietes gerade zu der Zeit einen Höhepunkt erreicht 
habe, von der die Europäer ihre genauere Bekanntschaft mit den 
Polynesiern datieren. Es ist mit Recht darauf hingewiesen worden, 
daß wenn diese grausame Sitte in derselben Ausdehnung, oder 
selbst auch in geringerer^ schon früher geübt worden wäre, über- 
haupt eine so dichte Bevölkerung nicht möglich gewesen wäre, 
wie man sie am Ende des vorigen Jahrhunderts gefunden hat. 
Damals aber war besonders in Tahiti und auf den Gesellschafts- 
inseln der Kindsmord eine anerkannte Institution geworden. So 
häufig die gesetzlosen Morde, die Zahl der im Kriege gefallenen, 
die Menschenopfer, sie verschwanden alle gegen die Zahlen, zu 
denen die Kindsmorde angeschwollen waren. Die Unsitte hatte 
so tiefe Wurzeln geschlagen, daß die Missionare es nicht leicht 
fanden, auch nur die Ueberzeugung zu verbreiten, daß ein Un- 
recht in ihr liege. Man bezeichnete sie als Sitte des Landes, die 
fest bestehen bleiben müsse. König Pomare hatte zwar Cook ver- 
sprochen, dagegen zu wirken, ließ aber dann seine eigenen Kinder 
morden. Damals sind nach den Schätzungen der Missionare gegen 
2 ,'3 aller Kinder getötet worden. Von Zwillingskindern blieb in 
der Regel nur eines übrig. Alle Stände beteiligten sich an diesem 
verbrecherischen Thun, am meisten die Erri, denen gar kein Kind 
leben durfte, am wenigsten vielleicht die Landbauer oder Raatira. 
So glaubwürdige und in anderen Dingen mild urteilende Beob- 
achter wie Nott und Ellis behaupten, überhaupt kein polynesisches 
Weib gekannt zu haben, das nicht in der vorchristlichen Zeit seine 
Hände mit dem Blut seiner Kinder befleckt hätte. 

Künstliche Beschränkung der Bevölkerungszunahme. 
Angesichts des systematischen Kindsmords Hegt es nahe, 
auch in anderen Gebräuchen «eine verborgene Absicht auf 
Zurückhaltung der Bevölkerungszunahme zu 
suchen. Die Australier bieten offenbar wegen ihres be- 
sonders schwierigen Ernährungsstandes eine ganze Reihe 
von Beispielen dar. Zunächst die Speiseverbote, die wohl 
nirgends so ausgebildet sind! Den Weibern und Kindern 



378 Präventive Hemmnisse. 

ist der Genuß von einer Menge von Speisen untersagt. 
Wenn den im Naiumbezustand, d. h. im Uebergang vom 
Jüngling zum Mann befindlichen, 20 verschiedene Speisen 
untersagt sind, oder wenn den Männern 13 Arten Wild- 
bret vorbehalten sind, so bedeutet dies für die von den 
Privilegien Ausgeschlossenen bei der Armut des Tisches 
der Eingeborenen Australiens strenges Fasten. Es ist 
nicht alles in diesem Leben so reine Raubwirtschaft, wie 
-das voraussichtslose Leben depra vierter Stämme es glauben 
lassen könnte. Es gibt Gesetze, welche das Pflücken 
von Nährpflanzen in der Blütezeit, das Zerstören der 
Vogelnester in der Brütezeit verbieten. Man bedeckt 
-die Quelle mit Zweigen, um ihre Verdunstung zu ver- 
hindern, schließt mit Thon die Baumeinschnitte zur Saft- 
gewinnung, bezeichnet Wege durch Baumeinschnitte u. a., 
legt Vorräte von gewissen Nahrungsmitteln an, verbietet 
bestimmte Tiere zu bestimmten Zeiten des Jahres zu 
töten u. s. f. Natürlich wird man dadurch auch zu Er- 
wägungen über das günstigste Verhältnis zwischen Be- 
völkerungszahl und Hilfsquellen hingeführt, Erwägungen, 
•die um so näher liegen, je geringer in der Regel die 
Zahl solcher Völker, je einfacher ihre Beziehungen zum 
Boden, den sie bewohnen. Möglicherweise zählen hierher 
dann jene zahlreichen Gebräuche, die die männlichen 
und weiblichen Fortpflanzungsorgane aus ihrem natürlichen 
Zustande herausheben. In Australien, Polynesien und 
Mikronesien ist die Exstirpation eines Hodens vielfach 
üblich, sie ist weiter verbreitet, als man glaubt 24 ); in 
Australien finden wir die Aufschlitzung der Harnröhre 
4er Männer, vollkommene Entmannung kam bei ameri- 
kanischen und hyperboräischen Völkern vor und stand 
im Zusammenhange mit der Existenz von verweibten 
Männern, die in vielen Stämmen gewissermaßen zum not- 
wendigen Bestände gehörten. Zurückhaltung in den ehe- 
lichen Genüssen gehört zu den Opfern, welche den bei 
Jagd oder Fischfang mächtigen Göttern gebracht werden. 
Daß ungewöhnlich späte Heiratsalter, z. B. bei den Zulu, 
vorgeschrieben waren, gehört auch hierher. Daß gerade 
vum die Geburt sich eine Menge von Gebräuchen drängt, 



Der Krieg. 379 

die das Leben des Neugeborenen bedrohen (Untertauchen, 
Beschneidung, Mißformung des Schädels .u. dgl.) darf an 
dieser Stelle mit erwähnt werden. Künstliche Beschrän- 
kungen der Bevölkerungszahl bilden eines der Elemente 
einer primitiven Staatsraison bei allen Völkern, die klein 
genug sind, um sich zu kontrollieren. Nicht immer treten 
dieselben so deutlich hervor, wie in der libyschen Oase 
Parafrah, wo nach Rohlfs Erkundigung die männlichen 
Bewohner nie über 80 sich vermehren, weil von ihrem 
Schech Mursuk, der für den ersten Ansiedler in Farafrah 
von den Eingeborenen gehalten wird, bei seinem Tode 
diese Bestimmung ergangen ist. Unter männlichen Be- 
wohnern sind hier Männer verstanden, deren Caillaud 
1820 75 annahm, während Rohlfs 80 zählte und dem- 
gemäß, auf 1 Mann 1 Greis, 1 Weib und 1 Kind rech- 
nend, eine Gesanitbevölkerung von 320 erhielt, was für 
3 Quadratkilometer kulturfähiges Land eine cirka 3mal 
so dünne Bevölkerung ausmacht, als in den übrigen 
Oasen der libyschen Wüste. Es ist begreiflich, daß in 
engen Bezirken der Blick für das Verhältnis oder Miß- 
verhältnis zwischen Boden und Volkszahl geschärft ward. 
Bei den in weiten Grenzen Wandernden wird aber die 
Aermlichkeit der Hilfsmittel zur Schranke, deren Er- 
kenntnis uns die geringen Kinderzahlen bei Turkstämmen 
und der reißende Niedergang der Mongolen auch an Zahl 
anzudeuten scheinen. Die Leichtigkeit, mit welcher bei 
den buddhistischen Nomaden sich das Cölibat eingebürgert 
hat, dürfte in gleiche Richtung weisen. Die Zahl der 
unbeweibten Lamas in Tibet und der Mongolei muß 
groß sein. Es soll Klöster mit Tausenden von Mönchen 
geben. Sicherlich unterstützt China dieses volksmörderische 
System, das ihm die dauernde Schwächung der einst so 
gefährlichen Steppenvölker gewährleistet. 

Der Krieg. Die Verwüstung erwachsener 
Menschenleben nimmt bei barbarischen Völkern so 
zahlreiche Formen an, daß keine Schätzung der Zahl ihrer 
Opfer sich zu nähern vermag. Es mögen Beispiele ge- 
nügen, welche die Hauptrichtungen dieser Zerstörung: 



380 Dauernder Kriegszustand. 

Krieg, Sklaverei, Menschenfresserei und Menschenopfer 
charakterisieren. 

Auf niederen Stufen der Kultur sind die Staaten 
klein, oft leben sogar die Dörfer souverän nebeneinander. 
Daher ist der Kriegszustand häufiger als der Friede. 
Das Faustrecht entspricht einer auch im räumlichen 
Sinne niedrigen Entwicklungsstufe der politischen Organi- 
sation. Wenn der Mann jenseits der Grenze der ge- 
borene Feind des Mannes von diesseits ist, dann verviel- 
fältigen sich die Kriege in geometrischer Progression 
mit fortschreitender Verkleinerung der Staaten. Je kleiner 
die Insel, desto größer der Strand, an dessen Linie jeder 
landende Fremde ermordet wird. Indem Martius von den 
brasilianischen Indianern sagt: „Eine gleichsam fort- 
erbende Feindschaft gewisser Stämme gegeneinander ist 
innig mit ihrer Volkseigentümlichkeit verwachsen tf 25 ), 
spricht er eine große ethnographische Wahrheit aus, die 
für diese Stufe allgemein gültig ist. Die Völkerfeind- 
schaft ist hier keine vorübergehende Erscheinung, die 
zeitweilig sich in einem Kriegs- und Schlachtengewitter 
entladet, sondern ein bleibender Zustand. Wenn der liebe- 
voll gerechteste aller Beurteiler des Naturmenschen, David 
Livingstone, in sein letztes Reisetagebuch die Worte schreiben 
konnte: Der Grundsatz des unbedingten Friedens führt zu 
Unwürdigkeit und Unrecht . . . Der Kampfgeist ist eine 
der Notwendigkeiten des Lebens. Wenn Menschen wenig 
oder nichts davon haben, so sind sie unwürdiger Be- 
handlung und Schädigungen ausgesetzt 26 ) — so muß die 
Unvermeidlichkeit des Kampfes zwischen Menschen eine 
große, sich aufdrängende Thatsache sein. Auf den 
kleinsten Inseln, in den engsten Oasen gibt es feindliche 
Stämme und Parteien. Normanby ist eine der kleinen 
D'Entrecasteaux-Inseln ; von ihr sagt Turner: „ Krieg und 
Dialektverschiedenheiten haben die Stämme der Insel so 
isoliert, daß sie in allem, außer dem Körperlichen, ver- 
schiedene Völker zu sein scheinen" 27 ). 

Es ist öfters auf die bei den kleinen Bevölkerungszahlen 
der kulturarmen Völker und ihrer Absonderung von den Nachbar- 
stämmen zur Notwendigkeit werdende Inzucht als eine der 
Ursache der geringen Vermehrung dieser Völker hingewiesen 



Menschen Verluste im Krieg. 381 

worden. Robert Schomburgk hat bei den Tarutna des oberen 
Gorentyne auf die schädlichen Folgen ihrer Abschlieliung hinge- 
wiesen und schreibt der Beschränkung der Heiraten auf den nur 
noch 1-50 Ki"]if(.< ziihli-iidi'ii Stumm, in dessen illiedi-Tii ihm eine 
gr&fie Familienähnlichkeit auffiel, den Rückgang zu. Oskar Lena 
hat sogar den kleinen Wuchs der sogenannten Zwerge des 
Ogowegcbietcs mit derselben Thatsache in Verbindung gebracht. 
Hingehenden' rntei-suchuugen liegen leider nicht vor. 

Wird ein Stamm so stark, dass er eine stehende 
Drohung für seine Nachbarn ist, so vereinigen sich die 
letzteren und vernichten ihn; auch die Weiber werden 
dann nicht verschont, damit sie nicht in Zukunft Racher 
gebären. Häufig sind die Kriege dieser Klein- oder Dorf- 
staaten nicht sehr blutig, sie verlaufen sogar ohne allen 
Menschen Verlust. Im Verhältnis zu den in Betracht 
kommenden Volkszahlen laufen ihre Verlustkonti aber 
doch mit der Zeit hoch genug auf. Wo aber die Volks- 
zahl größer und die politische Organisation fester wird, 
da nimmt sogleich der Krieg einen blutigen Charakter 
an. Wilson spricht von Gefechten der Uganda, in denen 
die Hälfte der Kämpfenden auf dem Platze blieb. Die 
Zulu verwandelten ganze Länder in Oeden. Der Missionar 
Cronenbergh berichtet, daß die Matabele in einem nor- 
malen halben Jahre etwa 1000 Männer durch Krieg. 
Hinrichtung und Krankheit verloren. Und dies bei einer 
Seelenzahl von 30000. „Die Geburten," fügt er hinzu, 
„sind nicht sehr zahlreich und die Kriegszuge werden 
nicht immer (durch Menschenraub) Ersatz bieten. Wenn 
das so fortgeht, kann man den unfehlbaren Untergang 
der Matabele voraussehen und zugleich begreifen, wie 
schon so manche afrikanische Stämme verschwanden"* 8 ). 
Von der Kriegführung der nordamerikanischen Indianer 
wissen wir genug, um schließen zu können, daß wegen 
des Krieges allein ihr Wachstum immer nur ein sehr 
geringes sein konnte. Daß ganze Stämme, wie z. B. 
die Vorgänger der aus Neuschottland eingewanderten 
heutigen Bewohner Neufundlands, der Mikmak. vernichtet 
wurden, ist bekannt. Auf Madagaskar waren nach den 
langen Kriegen Ranavalos die Grenzländer zwischen Hova 
und Safealaven auf Tagmärsche menschenleer. Selbst 



;382 Zerstörende Kriege. 

bei den Kriegen der ost- und südasiatischen Völker 
kommt es wesentlich auf Vernichtung vieler Menschen- 
leben und auf Menschenraub an. 

Fast gleich heftig wütet der Krieg gegen die Weiber. 
Weiber und Kinder werden nicht verschont; wenn sie 
nicht niedergeschlagen werden, so werden sie geraubt. 
Häufig ließen die Kaffern bei den Auswanderungen 
aus ihren Dörfern, die dem Krieg vorhergingen, ihre 
Familien zurück, die der größten Not anheimfielen. Bei 
dem Aufstande Langalibaleles in Natal (1873) starben 
ihrer 400. Kinder, die man bei der Flucht nicht mitneh- 
men konnte, wurden wohl auch getötet. Die allgemeine 
Störung des Aufbaues und der Bewegung der Bevölke- 
rung, welche der Krieg hervorbringt, sind längst durch die 
Statistik für die Kulturvölker nachgewiesen. Die merk- 
würdige Ansicht, welche Thuliä in seinen „Instructions sur 
les Bochinians 29 ) tt ausgesprochen hat: Man möchte glauben, 
daß die Kriege den Vermehrungstrieb erregen und daß so 
die Krieger die Lücken auszufüllen suchen, welche sie reißen T 
erscheint im Lichte aller dieser Thatsachen als eine wissen- 
schaftliche Verkehrtheit. Die Kriege wirken nicht bloß 
durch die Tötung der Feinde verderblich auf die Volks- 
zahlen, sondern noch mehr durch die Krankheiten und das 
Elend, die in ihrem Gefolge einherziehen. Wenn von 
dem Zuluherrscher Tschaka gesagt wird, er habe 1 Million 
Feinde und 50000 Stammesgenossen getötet, 60 Nach- 
barstämme vernichtet 30 ), so mögen diese Zahlen zwar nur 
symbolisch zu nehmen sein, allein sie verdeutlichen die 
menschenverwüstende Macht kriegerischer Despoten. Feind- 
seligkeit der Nachbarstämme engt die Stämme auf ein 
so beschränktes Gebiet ein, daß sie bei eintretendem 
Mangel um so leichter der Hungersnot verfallen, wie 
Chalmers von den Bewohnern Animarupus im s. ö. Neu- 
Guinea erzählt, die sich wegen der kriegerischen Aroma 
fürchteten, in die Ebene herabzusteigen :n ). Die Frage, 
ob nicht das abhängige gedrückte Leben jener zahlreichen 
Stämme, die zu anderen im Verhältnis des Dieners zum 
Herren standen, der Sklavenstämme Afrikas, der sog. 
Weiberstämme Nordamerikas und ähnlicher einen hem- 



Mord. 383- 

menden Einfluß auf ihr Wachstum geübt haben, kann zwar 
nicht bejaht, muß aber in diesem Zusammenhang sicher- 
lich aufgeworfen werden. 

Der Mord. Neben dem Kriege steht als menschen- 
vertilgendes Mittel groß der organisierte, gleichsam völker- 
rechtlich begründete Meuchelmord zum Zweck der 
Erlangung der Köpfe, welche als Trophäen hochgehalten 
werden. Zäher als viele andere Sitten hat sich bis heute 
diese Hochschätzung feindlicher Schädel bei allen Dajak- 
stämmen Borneos und vielen Tagalenstämmen der Philip- 
pinen erhalten, obgleich diese dadurch in einen bestän- 
digen Zustand von Bedrohung und Abwehr versetzt 
werden und ungeachtet des eifrigen Entgegenwirkens 
der Beamten und Missionare. Auch Mikronesien kennt 
diesen Gebrauch, und die Skalpjagden der Amerikaner 
sind demselben ganz nahe verwandt. In Südamerika kehrt 
die Schädeljagd in einer Gestalt wieder, welche stark an 
die malayische erinnert. Diese Schädeljagd macht den 
Eindruck, ein Rest weiter gehender kannibalischer Ge- 
bräuche zu sein. In der Minahassa aßen noch im 17. Jahr- 
hundert die Männer von den Wangen und Augen der 
erbeuteten Opfer. Indem die einzelnen Ermordungen von 
Angehörigen der Familie oder des Stammes des Gefallenen 
gerächt werden, muß immer wieder jemand für den Ge- 
töteten fallen, und so besteht fortwährend ein kleiner 
Krieg zwischen den Stämmen, die ihre ohnehin schon 
schwache Zahl noch mehr lichten muß. Ja man gibt 
von Seiten der Eingeborenen an, daß auf diese Weise das 
Gleichgewicht unter den Stämmen aufrecht erhalten werden 
müsse, indem so die Zahl des einen Stammes die des 
andern nicht beträchtlich übersteigen könne. Auch Europa 
hat noch in entlegenen Winkeln die Blutrache erhalten, 
und die Wirkung ist hier keine andere als am Orinoko oder 
im Stillen Ozean. Sie wütet in allen Mirditendörfern 
nördlich vom Drin und kostet, wie man sagt, jährlich 
3000 Leben. Die Stämme der Hoti, Klementi und Gruda 
und vielleicht noch andere desselben Gebietes scheinen seit 
den Zählungen von Hahn und Hecquard zurückgegangen zu 



384 Der politische Mord. 

sein. Was das endliche Ergebnis dieser unaufhörlichen 
Kämpfe anbetrifft, so kann ein Wort über Neu -Guinea 
auf alle Völker von gleich niedriger Kulturstufe ange- 
wendet werden: „Diese unaufhörliche und überall auf 
Neu-Guinea gäng und gäbe Menschenschlächterei, sei sie 
nun geübt, um den Hunger zu stillen, oder um als Held 
gepriesen zu werden, oder zu welchem Zwecke immer, 
sie trägt gewiß Mitschuld daran, daß das große Land so 
sehr schwach bevölkert ist, und daß sich die Einwohner- 
zahl auch nicht vermehrt, sondern weiter vermindert" 82 ). 
Eine gewaltige Ausdehnung erfährt der politische Mord. 
Verschwendung von Menschenleben soll den Glanz des 
schrankenlosen Herrschers erhöhen. Als dem Mtesa die 
Feuerwaffen der Europäer noch neu waren, ließ er durch 
seine Pagen probeweise irgend einen Vorübergehenden 
totschießen, Speke war nicht wenig erstaunt, daß um 
diese Unthaten niemand sich zu kümmern schien 33 ). 
Die Thronbesteigung führt über Leichen. Allein die 
mit dem Tode eines Herrschers ausbrechende „legale 
Anarchie**, welche nicht ohne Verlust an Menschen- 
leben zur Ordnung zurückkehrt, gehört zu den Quellen 
der Verluste an Menschenleben; in Unyoro und Uganda 
z. B. bedingt jeder Thronwechsel die Tötung der Brüder 
und näheren Verwandten des neuen Herrschers, bis auf 
einen oder zwei 34 ). Scharfrichter und offiziöse Meuchel- 
mörder gehören zu den wichtigsten Werkzeugen der Re- 
gierung. Sie arbeiten unter Umständen sehr wirksam. 
Als 1655 in Dahome ein Aufstand der Mohammedaner los- 
zubrechen drohte, verschwanden 3000 Menschen in aller 
Kürze. Nachtigal hat in Wadai keinen Krieg erlebt, er 
besuchte das Land in ruhiger, verhältnismäßig blühen- 
der Zeit. Und doch sieht er so viel grausame Vernich- 
tung, daß er ausruft : Wenn ein Menschenleben in jenen 
Ländern überhaupt nicht sehr hohen Wert hat, so gilt 
es in Wadai noch viel weniger 35 ). Er sah die geblen- 
deten Verwandten des Königs, die dieser nach alter Sitte 
vom Thron ausschloß, indem er ihnen das Augenlicht 
raubte. Und König Ali war kein Mohammed Buzäta, 
der, als er Wadai im Anfang unseres Jahrhunderts be- 



herrschte, dergestalt an seinem Hofe aufräumte, daß zu- 
letzt die Rats vera ammlung nur noch aus Sklaven bestand. 

Sklaverei, Eine grot.ie Ursache von Menschenverlusten 
und eine starke Hemmung des natürlichen Wachstums 
ist die Sklaverei, deren reichlichste Quelle die unauf- 
hörlichen kleinen Kriege sind. Menschenraub ist in sehr 
vielen Fällen der einzige Zweck derselben. Wo der 
europäische Handel in fernen Ländern ohne große 
eigene Warenerzeugung Anknüpfung suchte, geschah es 
regelmäßig durch Eintausch von Sklaven. Diese waren 
überall zu finden, denn in den Sitten der Eingeborenen 
war für die Bereithaltung großer Mengen von Sklaven 
gesorgt. Kriegsgefangene vor allen, dann aber Schuldner, 
Verbrecher, Sprößlinge unerlaubter Verbindungen, Land- 
fremde füllten in Afrika, wie im rualayischen Archipel, 
in Polynesien wie in Amerika die Sklavendepots. Wo 
Sklaverei im strengsten Sinne nicht besteht, wird man 
doch nie vergeblich nach einer Form der Leibeigenschaft 
suchen, die ihr sehr nahe kommt. Hunzingers Schilde- 
rung der Kaufleibeigenschaft bei Habab und Bogos ist 
in dieser Hinsicht sehr lehrreich. Mit Unrecht wird stets 
Afrika in den Vordergrund gestellt, wenn von Sklaven- 
handel die Rede ist. Es war nur menschenr eicher als 
die pazifischen Länder und daher pruktisch wichtiger. Die 
Modok raubten gerade so ihre Sklaven in Nordeali formen 
und setzten sie am Columbia ab, von wo sie angeblich 
für Sklaven ihre ersten Pferde bezogen 3S ), wie Dahomeh 
bei den Eweern raubte, um an der Sklavenküste abzu- 
setzen, oder wie die Usbeken gefangene Russen und Perser 
in Chiwa oder Buchara zu Markte brachten. Die Schil- 
derungen des Raubes der russischen und persischen Skla- 
ven, des Sklaven trän sports nach Chiwa, besonders des- 
jenigen vom Atrek, und der Mißhandlungen der Sklaven 
nach dem Einmarsch der Russen, ehe die denkwürdige 
Proklamation der Sklaven befreiung vom 24. Juni 1873 
erlassen war, lassen den Schluß auf große Menschenver- 
luste zu. Der Menschenverlust, welchen Polynesien durch 
die Arbeite ran Werbung nach den Plantagen von Queens- 
Ratiel, Anthropogeographie II. 25 



386 Der Menschenhandel. 

land, Nordaustralien, Samoa u. s. w. erlitten hat, bleibt 
verhältnismäßig nicht weit von demjenigen durch Sklaven- 
handel, denn er betrifft ein Gebiet von viel geringerer 
Menschenzahl und schwächerem Nachwuchs. Zwar gehen 
diese Arbeiter nur auf Zeit, aber so wie ihre Anwerbung 
oft nichts anderes als ein schlecht verhüllter Sklavenhandel 
war, so wird auch ihre Stellung auf den Plantagen der- 
jenigen von Sklaven oft nur zu ähnlich durch willkürliche 
Verlängerung der Arbeitskontrakte. Man muß den Ar- 
beiterhandel in einem Buche beschrieben sehen, wie Litton 
Forbes* Two Years in Fidji, welches im 12. Kapitel eine 
Verteidigung bezweckt, um sein wahres Wesen, wie es vor 
der Zeit der neuerdings eifriger gewordenen Ueberwachung 
sich entfaltet hatte, kennen zu lernen. 

Afrika, menschenreich, günstig für die einst oder 
jetzt am meisten Sklaven konsumierenden Länder des 
Orients und Amerikas gelegen, durchsetzt mit kriegeri- 
schen Räubervölkern, blieb allerdings am längsten das 
vom Fluche des Sklavenhandels am härtesten betroffene 
Land. Man hat David Livingstone den Vorwurf gemacht, 
er habe, bewegt von der heißen Liebe für seine schwar- 
zen Mitmenschen, deren Leiden zu dunkel und deren 
Thaten und Tugenden zu hell gesehen. So mag es nicht 
überflüssig sein, auf die weiten Oeden hinzuweisen, die 
die Sklavenjagd hier geschaffen hat. Wie Dr. Fischer 
in seiner Monographie über die Wapokomo sagt: „Der 
Bezirk Ndura besitzt keine Ortschaften mehr; die Ein- 
wohner sind vor den Somalen geflohen/ so sprechen 
viele 37 ). Bilden doch Reisen durch entvölkerte Gebiete 
eine der großen Schwierigkeiten der Afrikaforschung. 
Giraud sah sich gezwungen, bei Kasembe auszuharren, 
weil sechs Tagemärsche durch nicht oder kaum bewohn- 
tes Land vor ihm lagen. Der britische Konsul Holm- 
wood in Zanzibar bezeichnete in einem Bericht über den 
Handel Ostafrikas das Inland der zanzibarischen Küste als 
nahezu entvölkert durch Sklavenhandel 38 ). Woher auch 
sollten die 65000 Sklaven kommen, die vor der Zeit des 
Bartle Frereschen Vertrages jährlich in Zanzibar eingeführt 
wurden ? Trotz der dichten Bevölkerung im Kuangogebiet 



Sklavenhandel in Afrika. 387 

bezeichnet die WilAmannexpedition dach die Bevölkerung 
der Länder, die sie zwischen Mulmige und dem Eassai 
durchzog, als gering und führt dies auf die seif. 200 Jahren 
im Gang befindliche Sklaven ausfuhr zurück. Eine der 
am furchtbarsten unter dem Sklavenhandel leidenden Re- 
gionen Afrikas sind die Länder südlich von den Galla- 
gebieten und östlich von den Somali. Hier enden die 
Kämpfe nicht, deren Preis Sklaven sind. Die Einfälle der 
Galla in Schoa und Abessmien, 1542 beginnend, waren 
gleichbedeutend mit Zerstörung oder Wegfühning der 
Einwohner. In den Gallaländem südlich von Schoa gibt 
es Dörfer, welche nur von Sklavenhändlern bewohnt 
werden. Gerade die Grenzgebiete der islamitischen 
Reiche in Afrika sind die Schauplätze des rücksichts- 
losesten Menschenraubs und -Handels. Jeder Fürst 
im Sudan ist. Sklavenhändler. In Bornu, Baghirmi, 
Wadai sind die Sklavenjagden eine organisierte, dauernde 
Staatseinrichtung. Die Völker an diesen Grenzen sind 
wie vom Sturm und der Brandung benagte Klippen: alle 
ihre Züge zeugen von Zerstörung. Selbst Tibesti wurde 
von der Raubschar des Sultans von Fessan heimgesucht. 
Lucas, Hornemann, Lyon geben Mitteilungen darüber. 
Der letztere traf 1820 mit der Beute eines solchen Zugs, 
800 mageren Krüppeln, in Fellen und Lumpen, 200 bis 
300 Kamelen und 500 Eseln, in Mursuk zusammen: 
viele Gefangene und 1000 Kamele waren bereits unter- 
wegs gestorben. AehnÜclie Züge unternahmen früher 
Bornu, später die Tuareg in derselben Richtung, und 1859 
soll selbst von Tripolis oder Benghasi aus ein Raubzug 
bis Air, Kauar und Karte m gesandt worden sein 3ii ). 

Aus dem Wesen der willkürlichen Menschenanhäufung 
durch Sklaverei folgt Störung der natürlichen Vermeh- 
rung. Die familiäre Behandlung der Haussklaven in mo- 
hammedanischen und heidnischen Ländern beseitigt nicht 
alle Ursachen einer geringen Vermehrung. Gehören doch 
die weiblichen Individuen zunächst dem Herrn, bleiben 
unmenschliche Strafen und Weiterverkauf immer in drohen- 
der Nähe und hängt der Mißbrauch der Gewalt ganz vom 
Charakter des Herrn ab. Auch in den Ländern, wo die 



388 Unsitilichkeit. 

Sklaverei eine Grundsäule der wirtschaftlichen Organi- 
sation bildete, genügte oft die natürliche Vermehrung der 
Sklaven nicht zur Erhaltung ihrer Zahl. Die unnatür- 
liche Sklavenzüchterei der Virginier und Nordkaroliner 
gehörte zu den Hauptanklagen der älteren Abolitionisten 
aus Oarrisons Zeit. 

• 

Unsittliclikeit. Neben der Polygamie (s. o. S. 324) 
spielt die geschlechtliche Unsittlichkeit ihre Bolle. 
Es liegt in der Natur der Sache, daß es dem fremden 
Beobachter nicht leicht ist, in diese Verhältnisse einen 
tiefen Blick zu thun. Nicht immer liegen die Laster 
dieser Art so offen, wie in Polynesien, wo jeder, der die 
Berichte über die Lebensweise der Frauen auf den Sand- 
wichinseln in den goldenen Tagen Forsters zu Rate zieht, 
sich vielmehr darüber verwundern muß, daß die ein- 
heimische Rasse sich überhaupt noch bis in die zweite 
oder dritte Generation fortgepflanzt hat. Bekanntlich hat 
Tahiti seinen Namen La Nouvelle Cythfcre von Bougain- 
ville nicht wegen der Venusexpedition von 1768 erhalten. 
Die tahitanische Gesellschaft , wie Cook, Forster u. Gen., 
sie fanden, war so gut eine angefaulte, in Zersetzung be- 
griffene, wie die römische des Heliogabal, oder die fran- 
zösische vor der Revolution. Wer Kubarys Bericht über 
die gesellschaftlichen Verhältnisse der Palauinsulaner liest, 
sieht ein Völkchen vor sich, das fast jedes Gefühl für 
Scham und Sittlichkeit abgelegt hat. Als auf Kauai 
Ende der dreißiger Jahre das Verhältnis der Todesfälle 
zu den Geburten 3 : 1 erreichte, schrieb Whitney damals 
den ungemein verbreiteten Geschlechtskrankheiten haupt- 
sächlich die Schuld zu. 

Menschenfresserei. Die Menschenfresserei ist auf 
niederen Stufen der Kultur eine häufige und eingreifende 
Form der Verwüstung der Menschenleben. Noch heute 
finden wir sie in allen Teilen der Erde außer in Europa, 
und zwar in einer Weise verbreitet, welche keinen Zweifel 
darüber läßt, daß sie einst viel weitere Gebiete ein- 
genommen hat. An manchem Punkt können wir nach- 



Menschenfresserei. 389 

sie in den letzten Jahrzehnten noch zurück- 
Dllrfen wir auch nicht glauben, daß sie 
überall da wirklich geübt worden sei, wo die Leicht- 
gliiuhigkeit der Völker und der Völkerscbilderer sie hin- 
versetzt hat, so wissen wir doch, daß sie ein Sproß der 
beiden mächtigen Wurzeln war, welche den ganzen Mutter- 
boden der Naturvölker durchziehen, der Religion und des 
Krieges, und außerdem erzeugt Not sie heute wie vordem 
immer wieder. Rascher Wechsel der Lebensbedingungen 
ist eines der hervorragendsten Merkmale tiefer stehender 
Völker, deren Nahrungsnuelleii in doppeltem Sinne Hunger- 
quellen genannt werden können. Wenn schon unter Euro- 
päern in schweren Kriegszeiten Tötung und Verspeisung 
der Nebenmenschen vorkam, wenn balbwahnsumige Schiff- 
brüchige noch heute damit ein elendes Leben retten, se- 
ist unter den Verhältnissen, die auf tieferer Stufe ob- 
walten, die Menschenfresserei eine Ueberschreitung natür- 
licher Gesetze, die um so häufiger begangen wird, je 
öfter durch Not die Scheu vor dem unnatürlichen Be- 
ginnen zurückgedrängt wird. Anthropophagie aus Not 
kann bei allen Raudvölkern vorausgesetzt werden. Mangel 
an anderem Fleisch wird von mehreren Beobachtern in 
Queensland und Zentralaustralien, Neukaledonien, Neusee- 
land angeführt. Die Häuptlinge von Bau und Taviuni 
(Fidschi) siedelten ihre Kriegsgefangenen auf Inseln an. 
um für beständige Zufuhr von Menschenfleisch zu sorgen. 
Graeffc, der dieses mitteilt '"), glaubt, es habe hauptsächlich 
der Mangel an großen Säugetieren den Kannibalismus groß- 
gezogen. Tn Zentralafrika kann man nun diesen Grund 
nicht gelten lassen. Und doch ist bei Monbuttu, Sandeh 
und vielen Stämmen des oberen Kongo Menschenfleisch 
so hochgeschätzt, daß bei den Kalebue und in Manjema 
sogar Erkrankte aufgegessen werden (Wißmann). Im 
Krieg verbündet sich Rachsucht mit Genußsucht, und er 
liefert den Ueberfluß, in welchem man zu schwelgen liebt. 
Herz und Nierenfett wird gegessen, um den Mut des 
Feindes zu gewinnen. In so weit entlegenen Gebieten 
Polynesiens, wie Neuseeland und den Markesas, ist das 
festliche Aufessen der Feinde über nllen Zweifel fest- 



390 Die Gründe der Menschenfresserei. 

gestellt. Da die grause Sitte auf einzelnen Inseln fehlt, 
wollen wir nicht gerade (mit Horatio Haie) die Polynesier 
eine Rasse von Kannibalen nennen; aber wir werden 
ihre Spuren und vielleicht Reste weit verbreitet finden. 
In Melanesien fehlt die Sitte kaum einem der zahlreichen 
Inselstämme und scheint zeitweilig in einer Ausdehnung 
geübt worden zu sein, welche unmittelbar und stark ver- 
mindernd auf die ohnehin nicht großen Bevölkerungs- 
zahlen wirken mußte 41 ). Sie reicht westwärts mindestens 
bis Timorlaut (Riedel). Schweinfurths und Junkers Nach- 
richten lassen endlich keinen Zweifel, daß im Land des 
oberen Uölle selbst der Handel sich der Leichname be- 
mächtigt und einen blühenden Menschenfleischvertrieb 
erzeugt hat. Bei den Mambangä und ihren Verwandten 
kommt keine Leiche zur Bestattung, jedes Stück Menschen- 
fleisch wird in Kurs gesetzt; indem aber die am Tode 
eines natürlich Verstorbenen vom Orakel als schuldig 
Erklärten hingemordet werden, ist, vom Kriege abge- 
sehen, für die wegen des Leichenschachers doppelt not- 
wendige Ergänzung des Menschenfleisch Vorrates, jederzeit 
gesorgt 42 ). ■ 

Man sieht, jene nächsten Ursachen der Anthropo- 
phagie hängen eng miteinander zusammen. Ist es selten, 
daß rein nur Hunger zur Anthropophagie treibt, so ver- 
bindet sich dagegen offenbar sehr häufig die Genußsucht 
mit dem aus religiösen oder politischen Gründen hervor- 
gegangenen verschwenderischen Spiele mit Menschen- 
leben, das in den Menschenopfern, im Hinschlachten der 
Kriegsgefangenen, ja in der Tötung jedes Feindes, dessen 
man habhaft werden kann, sich ausspricht. So führen 
sie eigentlich alle auf das große Grundmerkmal barba- 
rischen Daseins, die Geringschätzung des Menschenlebens, 
zurück. 

Versuchen wir es nun, die Gebiete ausgesprochener 
und in großem Maße geübter Anthropophagie aneinander 
zu reihen, so finden wir zunächst eine Anzahl derselben 
im westlichen Zentralafrika von der Sierra Leone bis in 
das Gebiet der Fan, welche wahrscheinlich in Verbin- 
dung stehen mit den Ländern intensivster Menschen- 



Menschenopfer. JjJJl 

fresserei im oberen Westnil- und Uellegebiet. Maujema 
und der nördliche Kongobogen fallen noch in diese Region 
hinein. Spuren gelegentlicher Anthropophagie reichen 
dagegen von Dar For bis zu den nördlichen Betscbuanen. 
In Asien tritt die Sitte kräftig entwickelt nur in Sumatra 
auf, um dafür in Australien und auf den Inseln des Stillen 
Ozeans in verschiedenen Abstufungen fast allgegenwärtig 
sich zu zeigen. Sie war bei der Entdeckung der Neuen 
Welt in Westindien, im äquatorialen Südamerika und im 
Hochlande von Mexiko bis Peru verbreitet, und kam 
stellenweise auch im gemüßigten Nord- und Südamerika vor. 
Es fällt also ohne Zweifel das Hauptgewicht in der Ver- 
breitung der Anthropophagie in die heißen Erdstriche, 
wenn auch Neuseeland den Beweis liefert, daß eine gräß- 
lich ausgedehnte Hebung der Anthropophagie in gemäßig- 
tem Klima möglich ist. Südamerika und die Länder des 
Stillen Ozeans sind bis in die jüngste Zeit die Gebiete 
der weitesten räumlichen Ausbreitung der Anthropophagie 
gewesen. Die verschiedensten Grade der Ausbildung dieses 
Gebrauches liegen geographisch hart nebeneinander und 
mau erkennt, daß die Extreme des Fortschritts und Rück- 
ganges in Bezug auf die Möglichkeit und Ursachen ihrer 
Entstehung räumlich nicht weit auseinander gehen. 

Wenn nun die heutige geographische Verbreitung 
der Anthropophagie zeigt, daß in den Kulturgebieten der 
Alten Welt, einschließlich der Gebiete der Hirtennomaden, 
dieselbe fehlt, so scheint die Art und Weise des Ruck- 
ganges darauf hinzudeuten, daß die Kultur ohne Zwang, 
gleichsam durch den Einfluß ihrer Atmosphäre, eine 
zurückdrängende Wirkung übt. Hören wir, daß auf den 
Neuhebriden die Anthropophagie an den Küsten jener 
Inseln zurückgehe, an welchen häufig Europäer verkehreu, 
daß sie auf Neuseeland selten geworden, daß sie auf 
Tonga zu Mariners Zeit verschwunden war und nur 
stellenweise von Fidschi her wieder eingeführt ward, 
vernehmen wir, wie fast überall eine Scheu sich kund- 
gibt, sie vor den Weißen sehen zu lassen, so gewinnt 
man den Eindruck, daß ein zeitweilig unterdrücktes Ge- 
fühl von Menschlichkeit sich gegen sie in dem Augen- 



392 Verbreitung der 

blick erklärt, wo äußere Umstände dessen Hervortreten 

begünstigen. 

Im ganzen beschränkt sich die Menschenfresserei auf Völker 
tieferer Stufen. Daß sie früher auch in Europa geübt ward, kann 
keinem Zweifel unterliegen. Daß sie aber aus den Gebieten höherer 
Kultur nicht ganz ausgeschlossen ist, lehren folgende Angaben 
Nachtigals: Mitten in einer mohammedanischen Bevölkerung woh- 
nen die kannibalischen Massälit, die zwischen Dar For und WadaT 
sich teilen. Die Massälit Ambus sollen dieser Sitte, trotzdem sie 
selbst den Islam angenommen, huldigen und Wasserschläuche aus 
Menschenhaut sollen von ihnen nach Dar For gebracht werden 43 ). 
Vielleicht ist dies nur ein Gerücht. Will man aber auch nur Ge- 
dankenblasen in den so häufig wiederkehrenden Angaben sehen, die 
den Vorwurf der Menschenfresserei erheben, so bezeichnen dieselben 
doch die häufige Beschäftigung mit dem Gedanken. Es ist verdächtig, 
wenn die Narrinyeri am unteren Murray ihren Haß gegen ihre Nach- 
barn, die Merkani, darauf zurückführten, daß diese die Leute stehlen, 
um sie zu essen, denn weiter nördlich am Albertsee waren einst die 
Menschenschädel als Trinkgefäße weit verbreitet und Eyre, der 
zu diesen Vorwürfen sich sehr kritisch verhält, bezeugt doch, daß 
die Zauberer vorgeben, Menschenfleisch essen zu müssen, um ihre 
Übernatürlichen Kräfte zu bewahren. Auch die ganz Zentralafrika 
erfüllenden Gerüchte von Menschenfressern, die immer jenseits der 
Grenzen wohnen sollen, sind angesichts der zahlreichen Völker 
die thatsächlich anthropophag sind, nicht für aus der Luft gegriffen 
zu halten. Besonders aber lassen die zahlreichen Menschenopfer 
voraussehen, daß dem Verdacht und den Gerüchten manches Wahre 
zu Grund liege. 

Menschenopfer. Es gibt eine Reihe kannibalischer 
Gewohnheiten, an deren tiefstem Punkte die Menschen- 
fresserei liegt; sie hängen aber unmerklich zusammen und 
wo man die eine findet, hat man das Recht, nach den 
anderen zu suchen. Soweit bei den Malayen die menschen- 
mörderische Kopfjagd üblich, finden sich auch Menschen- 
opfer und Spuren der Menschenfresserei. Wird auch nur 
das zuckende Herz gefressen oder das frische Hirn aus 
der Schale geschlürft, die bestimmt ist, die wertvollste 
Trophäe zu werden, so liegt doch der Faden offen zwischen 
dem Begehren nach Schädeln und dem Essen ihrer Be- 
sitzer. Bei Völkern, die nicht beständig von Not ge- 
drückt sind und deren Lebensformen an manchen Stellen 
die Neigung zum Emporstreben in eine Höhe reinerer, 
lichterer Vorstellungen zeigen, tritt die Menschenfresserei 



Menschenopfer. 393 

hinter diese Gewohnheiten zurück , welche vorzüglich in 
religiöse Gewänder sich hüllen. Es fallen Opfer wie dort, 
aber nur edle Teile von ihnen werden verzehrt. In 
Polynesien forderten bei heiligen Handlungen die Priester 
Menschenopfer. War doch der Gedanke des Seelenesaens 
tief in ihrer Mythologie gewurzelt, welche menschen- 
fressende Götter kannte, und andere, welche mit Netzen 
Seelen fingen, um sie zu essen. Tn die Fundamente von 
Tempeln wurden Menschen oder Teile von Menschen, 
besonders das gottgefällige Auge, begraben. Mit Menschen- 
opfern bekräftigte und verstärkte man die Gebete. Durch 
ganz Polynesien webte ein Geist des grausamen Spielens 
mit Menschenleben und eine so ausgedehnte Verwendung 
von Teilen menschlicher Körper zu abergläubischen 
Zwecken, daß man von einem allgemeinen kannibalischen 
Charakter auch dort sprechen möchte, wo, wie in Tonga, 
Hawaii, Samoa, Tahiti und den Geseilsc-lififtsinseln Men- 
schenfresserei zur Zeit der häufigeren Besuche europäi- 
scher Schiffe nicht mehr geübt wurde. Wenn die Hervey- 
insulaner die Menschenfresserei entrüstet von sich wiesen, 
so fand man doch menschliche Hirnschalen als Trink- 
gefäße bei ihnen und in Tonga hat zu Mariners Zeit die 
Menschenfresserei von Fidschi her wieder Boden zu fassen 
gesucht. Auch in Fidschi hat sie für die meisten Beob- 
achter religiöse Beziehungen gezeigt. Unter den Batta 
Sumatras, welche allein schon der Besitz von Pflug und 
Schrift über ihre Umgebung hinaushebt, hat man nur 
durch eine tiefere seelische Verbindung die Menschen- 
fresserei erklären zu können geglaubt, der sie entschieden 
hingegeben sind; man wies auf den Gegensatz hin, wel- 
cher zwischen der sorgsamen Verwahrung der Asche der 
Freunde und der Vernichtung der Feinde im anthropo- 
phagischen Mahle hegt., wobei das gleiche seelische Motiv 
in umgekehrter Richtung zur Geltung komme. So läßt 
Martius bei den raenschenfressenden Brasilianern Neigung 
und Aberglaube in gleichem Maße zu. Die Verbindung 
der Anthropophagie mit Krieg und Religion, den Angel- 
punkten im Leben der Altmexikaner, erwähnen viele Be- 
obachter, aber B. l'iaz liebt auch hervor, wie der Genuß 



394 Verbreitung der 

von Menschenfleisch bei ihnen eine Leckerei geworden sei. 
Daß die Menschenopfer hier gewaltige Mengen von Men- 
schen wegrafften, ist zweifellos. Nun mag freilich von 
den Mexikanern dasselbe gegolten haben, wie von anderen 
Kannibalen, daß sie mit den Menschenopfern nur ver- 
nichteten, was anders keinen großen Wert hatte. In 
einem geschlossenen Clansystem war für Fremde oft kein 
Raum und auf einer Wirtschaftsstufe wie die, auf welcher 
Mexiko stand, keine Verwendung. 

Tiefgehende kulturliche oder ethnographische Unter- 
schiede kommen nicht in Betracht, wenn wir ähnliche 
Sitten über Amerika hin verfolgen. Selbst in Peru riefen 
die Bestattungen Menschenopfer hervor, deren Zahl so 
sehr wuchs, daß dem Zudrange der Tausende von Freun- 
den und Dienern eines gestorbenen Inca, die sich zum 
Opfertode drängten, Einhalt gethan werden mußte. Als 
1524, schon an der Schwelle der spanischen Okkupation, 
Huayna Kapak erkrankte, brachte man zu seiner Rettung 
Menschenopfer und bei festlichen Gelegenkeiten trank der 
Inca aus einer vergoldeten Schädelschale. Soweit in 
Mittelamerika mexikanischer Einfluß reichte, finden wir 
auch Menschenopfer; wir finden sie aber auch bei den 
Chibcha. Ja, selbst den Maya, deren Freiheit von dem 
Kannibalismus als einer ihrer großen Vorzüge gerühmt 
wird, kann diese Sitte nicht ganz abgesprochen werden, 
wenn sie auch in milderen Formen auftrat. Wie die Ge- 
bräuche im einzelnen schwanken mochten, durch die 
altamerikanischen Kulturländer ging die schwächende 
Auffassung, daß das fremde menschliche Leben wertlos, 
daß seine Vernichtung erlaubt sei. 

Nicht überall mochten diese Sitten die Volkszahl so 
empfindlich schwächen wie bei den menschenarmen Völ- 
kern Alaskas und anderer Länder am Behringsmeer. Aber 
sicherlich trugen sie auch in volkreicheren Gegenden zur 
Verminderung der Bevölkerungszahl bei, die auf tieferer 
Stufe so oft wie eine Last empfunden zu werden scheint. 
Man darf aber voraussetzen, daß diese Opfer einst überall 
fielen. Die Ueberlieferung gibt in Japan den Zeitpunkt 
an, in dem sie abgeschafft wurden, wir haben denselben 



Menschenfresserei. 395 

.ndien erlebt. In vielen Teilen Afrikas und Melane- 
siens reitet noch immer der Tod eines Vornehmen eine 
ganze Anzahl von Familienangehörigen und Leuten des 
Gefolges mit. Selbst Leichengefechte der Leidtragenden 
nehmen oft einen blutigen Ausgang, als ob der Tote nicht 
allein zum Hades gehen sollte. 

Rückblick. Das Ergebnis dieser Betrachtungen fasse 
ich in dein Schlüsse zusammen, daß die Menschheit 
auf niederen Stufen der Kultur nicht bloß nicht so rasch 
anwuchst, wie auf höheren, sondern in vielen ihrer Glieder 
zurückgeht. Wir haben kein Beispiel, daß ein Kulturvolk 
von innen heraus, ohne äußere Angriffe gestorben wäre, 
wohl aber hat man zahlreiche Völker dahingehen sehen, 
die auf niederer ßtufe der Kultur standen. Die Be- 
rührung mit den Europäern hat dieses Sterben beschleunigt, 
aber es liegen Anzeichen vor, daß dasselbe auch früher 
vorkam. Fragt man nach den Ursachen dieses tief in 
die Geschichte der Menschheit einschneidenden Verhält- 
nisses, so muß gesagt werden, daß Volker niederer Kultur- 
stufe auf einer durchaus ungesunden Basis stehen. Sie 
stehen körperlich und moralisch hinter den Kulturvölkern 
zurück. Sie gehen sorglos und grausam mit Menschen- 
leben um, deren Zunahme ihnen oft gefährlich, bedrückend 
zu sein scheint. Sie teilen daher nicht unsere Begriffe 
vom Wert des Lebens. Krankheit, ungesundes Leben 
in Kleidung, Hütte und Nahrung, Kindsmord, Ertötung 
des Werdenden im Keime, unnatürliche Laster, Poly- 
gamie, Hungersnot und Wassermangel, Krieg, Men- 
schenraub und endlich Kannibalismus bilden einen Kom- 
plex von Thatsachen, die alle der Vermehrung der Bevöl- 
kerung entgegenwirken. Was aber nicht sich vermehrt, 
wird zurückgedrängt, da andere Völker, welche wachsen, 
den Platz einzunehmen streben, welchen jene schwächeren 
nicht auszufüllen im stände sind. So wie die Geschichte 
der letzten Jahrhunderte nicht zu verstehen ist ohne die 
eingehendste Beachtung der großen und regelmäßigen 
Zunahme der Bevölkerung in den alten Kulturländern, 
so darf bei der Erwägung der geschichtlichen Prozesse 



890 Rückblick. 

früherer Jahrtausende und der Geschicke tieferstehender 
Völker die Geringfügigkeit und Unsicherheit ihrer Zahlen 
nicht außer Auge gelassen werden. Ohne jene Zunahme 
würde vor allem die für lange Zeit bedeutendste Folge 
und Wirkung dieser Geschichte, die Ausbreitung der 
europäischen Kultur über den größten Teil der Erde nicht 
möglich gewesen sein. Diese Kultur baut sich im Gegen- 
satz zu den barbarischen Lebensformen auf große Be- 
völkerungszahlen auf, durch deren Wachstum sie selbst 
dich gefördert sieht. Darin liegt ein großer Grund ihrer 
Sieghaftigkeit. Sie würde aber ihre Siege nicht so bald 
ohne diese tief im Innersten wurzelnde Schwäche ihres 
Gegners erfochten haben. 



*) Immigration into the United States. Boston 1872. 
2 ) Gaffarel, L'Algene. 1883. S. 578. 

8 ) Ueber Volksmedizin in der argentinischen Republik. Glo- 
bus. XXXVII. S. 314. 

4 ) Geographische Mitteilungen. 1864. S. 330. 

5 ) „Es ist bekannt, daß unter den NegerRtämmen des Inneren 
Afrikas ein ewiger Kampf und Streit, ein ewiges Völkergedränge, 
man möchte sagen, eine ewige Völkerwanderung, stattfindet, wobei 
die einzelnen Nationen oft ihre nationale Existenz verlieren und 
gänzlich von der Erde verschwinden, oft aber auch unaufhörlich 
ihre Wohnsitze ändern, bis sie endlich, wohl Hunderte von Meilen 
von ihren ursprünglichen Wohnsitzen, wie vom Sturme verschlagen, 
aus den Wogen des großen Völkermeeres auftauchen und auf eine 
Zeitlang wieder festen Fuß fassen. Wie rätselhafte Erscheinungen 
stehen solche Völker ihren Nachbarn zur Seite; keiner weiß, wo- 
her sie kommen, sie selbst wohl ebensowenig." Mit diesen Worten 
beginnt Josaphat Hahn den 2. Teil seine Betrachtungen der Ge- 
schichte und Gegenwart der Ovaherero oder Damara in der Zeit- 
schrift d. Ges. f. Erdkunde IV. S. 226. 

6 ) Wißmann-Wolf, Im Inneren Afrikas. 1888. S. 160. Einen 
in den klimatischen Grundzügen ähnlichen, sonst freilich weit 
verschiedenen Fall von Einwanderung eines Negervolkes aus ge- 
mäßigtem Klima in das tropische Afrika bietet die Rückwande- 
rung befreiter Sklaven aus Nordamerika an die Pfefferküste. Nach 
Liberia hat die American Colonisation Society in 176 Fahrten 
15602 Neger aus Amerika und 5722 anderwärts befreite Sklaven 
geführt, von denen vor einigen Jahren nur noch 12 — 15000 übrig 
waren. Die Liberianer sagen selbst, daß sie hier nicht alt werden. 
Sehr bezeichnend ist auch, daß Dr. Ludwig Wolf nicht wegen 
eigener, sondern wegen seiner Baluba-Erkrankung vom Kongo 
rascher zurückreisen mußte. 



Anmerkungen. 397 

') Ausland. 1883. S. 875. Guppy glaubt sin eine „nostalgic 
mclancholy". ein tödliches Heimweh, welches so manchen Südaee- 
Insuluner befüllt, wenn ihn das Arbeite rschiff seiner Heimat ent- 
führt. Es ist dieselbe „seltsame Krankheit", von der Livingstone 
in seinen „Last Journals" als von einer Krankheit der in die 
Sklaverei Fortgeführten spricht. 

s ) Origin of Civilisation. 1870. S. 45. 

*) Ferd. Müller, Unter Tnngnsdli und Jakuten. 1882. S. 241. 
Auch bei uns weist die Shitistik einen verde rlj liehen Einfluß des 
engen Wohnens auf die Verbreitung der Krankheiten nach. 

") S. Dr. Hans Meyers Schilderung der Bewohner der hoch- 
gelegenen Benget-Land schatten in Die Igorrotes von Luzon. Verh. 
d. Anthrop. lies. Berlin. 1883. 8. 387. 

'■) Unter deutscher Flagge quer d. Afrika. 1889. S. 282. 

'*) Kaue führt in den Arctic Researches II. S. 121 die große 
Lücke in den Iv-kimtaiisieUehm^eii ^wi.-elien Itiviliarsuk und Itah 
auf Pockensterblichkeit zurück. 

") Revue d'Anthropologie. III. S. 7-51. Die Folge der Heim- 
suchung der I-'klsehiiiiseln durch die Masernepidemie so bald nach 
der Annexion war 1876 ein Bürgerkrieg der erschreckten Berg- 
stämme, die zum alten Zustund zuvürkkeliren wollten. Cumminga 
At Home in Fiji (1881) II. S. 86. 

") Brinton, Mvths of the New World. 1868. S. 277. 

v, j Ergreifend ist, die einfache Schilderung des Wettlaufes mit 
dem Tod über das in Bewegung geraten':- Eis eines Sundes bei Rei- 
chel, Labrador. Geographische Milli-ihingeii isi.;:j. S. 127. Man lese 
auch die Sehihlmmg bei Kam', An-lie Kesearclies. 1850. II. S. 212. 

,d ) Die eingehendste Darstellung der Hungersnöte und ihres 
Einflösse« auf die Bewegung der Bevölkerung bieten C. Walfords 
Abhandlungen The Faminea of the World, Journal of the Stati- 
stical Society. London. 1878 u. 1879 mit reicher Litteraturaufzäh- 
lung am Schlüsse. 

") Gatechet in Zeitschrift f. Ethnologie. 1883. S. 124. 

IS ) Vgl. die anziehenden Mittel lungi-n G. Fritsehs über Wa- 
terboers Schilderung der Wasserabnahrue im Griqualande und die 
Aufzählung der wegen Wassenihmthine verlassenen Orte in Reiaen 
in Südafrika. 1872. S. 255. 

") Sie hat aber auch zu falschen Vorstellungen Anlaß ge- 
geben; so muß es eine Hungerzeit gewesen sein, in welcher Svmea 
jenen Eindruck von den Andamaneaeu gewann, der für lange maß- 
gebend wurde, daß ihr Antlitz ein Bild des iiu lichten Januners, ein 
furchtbares Gemisch von Hunger und Elend sei. Im allgemeinen 
gehören diese Mincopiea nicht zu den Hungerrassen, wiewohl ihr 
kleiner Wuchs den Eindruck der Verkümmerung macht. Aber die 
Enge ihres Wohnraumes schränkt die Nahrungsmittel in gefähr- 
licher Weise ein. 

"•) Bulletin de la Soc. d' Ethnographie. Paris. 1846. S. 61 f. 

2I ) Franz Morlanga Reisen östlich und westlich von (londo- 
koro. Geographische Mitteilungen, Ergänzungsband II. S. 116. 



398 Anmerkungen. 

M ) D. Cranz, Historie von Grönland. 1765. S. 247. 

~' 8 ) Mohammedanische Erklärer des Koran lassen die Poly- 
gamie zum Schutze der überzähligen weiblichen Kinder eingeführt 
worden sein. Vgl. Palätre, L'Enfanticide en Chine. Bulletin de la 
Soc. de Geographie, Lyon. 1885. S. 381. 

24 ) Die Motivierung s. bei Kropf, Die Xosa 1889. S. 141. 

25 ) Ueber den Rechtszustand. 1832. S. 12. 

26 ) Last Journals. IL 256. Den Mitteilungen Martius' ent- 
sprechend zeichnet Pöppig mit diesen Worten das Wesentliche 
der älteren Nachrichten über die Indianer am Huallaga: Ebenso 
wie in anderen Gegenden des tropischen Amerika hat man viele 
verschiedene Namen tragende Stämme gefunden, die sich gegen- 
seitig anfeindeten, ohne zahlreich gewesen zu sein. II. S. 320. 

27 ) Proceedings R. Geographical Society, London. 1889. S. 536. 

28 ) Bericht aus Gubuluwäyo in Spillmann, Vom Kap zum 
Zambesi. 1882. S. 228. 

29 ) Bulletin d. 1. Societe" d' Anthropologie. Paris. 1881. S. 361. 

30 ) Tromp, De Stam der Amazoeloe. 1879. S. 11. 

81 ) Proceedings R. Geographical Society, London. 1887. S. 73. 

32 ) Ausland 1873. S. 989. 

38 ) Speke, Journal 1863. S. 298. 

34 ) Emin Pascha, Briefe und Berichte. 1888. S. 89. 

35 ) Nachtigal, Sahara und Sudan. III. S. 62. 

36 ) Vgl. Z. f. Ethnologie. IL S. 103. Zahlreiche Formen von 
Unterthänigkeit ganzer Stämme, von Sklavenbezirken und -Dörfern 
gehören dem ungeschriebenen Staatsrecht dieser Völker an. 

37 ) Mitteilungen d. Geogr. Gesellschaft Hamburg. 1880. S. 15. 

38 ) P. Baur in Les Missions catholiques. 1882. S. 463. 

39 ) Britischer Konsulatsbericht aus Tripolis cit. bei Behm, 
Land und Volk der Tebu. Geographische Mitteilungen. Ergän- 
zungsband IL S. 40. 

40 ) Neu jahrsblatt der naturforschenden Gesellschaft in Zürich. 
70. Stück. 1868. 

41 ) Eckardt, Die Salomoinseln. Globus. XXXIX. Nr. 20 f., 
wo eine ganze Anzahl von Zeugnissen beigebracht wird. Guppy 
gibt in seinem 3. Kapitel über die Salomonsinsulaner (The Solomon 
Islands and their Inhabitants. 1887. S. 37 f.) eine in ihrer glaub- 
würdigen Einfachheit doppelt erschütternde Erzählung der Ver- 
kettung der Menschenopfer verschiedenster Art und der Schwierig- 
keit, ihr zu entgehen. 

42 ) Junker in den Geographischen Mitteilungen. 1881. S. 256. 
4S ) Nachtigal, a. a. O. III. S. 349, 460. 



DRITTER ABSCHNITT. 



DIE WERKE UND SPUREN DER MENSCHEN 
AN DER ERDOBERFLAECHE. 



12. Die Wohnplätze der Menschen. 

Das Anhäufungsverhältnis. Höhlen-, Baum- und Wasserwohner. 
Klassifikation der Wohnplätze. Die Wohnplätze auf der Karte. 
Einzelwohner. Der Hof. Das Dorf. Verbreitung der Wohnplätze. 
Die Form der Siedelungen. Die Bauweise. Die Physiognomie der 
Wohnplätze. Stadt und Land. Das Wachstum der Städte. Be- 
ziehungen zwischen Städten und Bevölkerungsdicktigkeit. Einige 

Merkmale städtischer Bevölkerungen. 



Das AnMufungsverMltnis. Wenn die menschliche 
Bevölkerung nicht bloß der Masse nach, sondern auch in 
jeder kleinen Gruppe und auf jedem engen Gebiete un- 
gleichmäßig über die Erde verteilt ist, so liegt die stärkste 
Veranlassung zu dieser Ungleichheit nicht in den Grün- 
den, welche die Bevölkerung von Land zu Land an Dich- 
tigkeit verschieden sein lassen, sondern in der Anhäufung 
an beschränkten ertlichkeiten. Diese Ungleichheit ist 
allgemein, jene tritt gegenden weise auf. Wir haben ge- 
sehen, daß für die großen Gebiete der Kulturvölker eine 
viel gleichmäßigere Verteilung der Bevölkerung über die 
Bodenfläche hin die Regel ist; nun finden wir, daß auf 
den 80 Quadratkilometern von Paris 2 2 / 3 , auf den 300 
Quadratkilometern von London gegen 4 Millionen Men- 
schen wohnen — fast soviel wie in Sibirien auf 42 OOOmal 
größerem Raum — , also dort 40 000 , hier immer noch 
13 600 auf den Quadratkilometer, während für die be- 
treffenden Länder der Durchschnitt der Dichtigkeit 72 
und 112 beträgt. Auf ebensoviel Quadratmeilen, als Nieder- 
österreich Hunderte zählt, vereinigt Wien die Hälfte der 

Ratz